Auf der Flucht

 

Kapitel 01

 

Ein blick auf ihre Uhr zeigte Meg Cummings, dass sie bald Feierabend hatte. Nur noch eine halbe Stunde und dann war Wochenende. Sie sah aus dem Fenster hinaus und seufzte. Es hatte angefangen zu schneien und bald würde es dunkel werden. Dabei wollte sie heute noch, wie so oft am Wochenende, von Kansas City aus nach Ludlow fahren, wo ihre Eltern eine kleine Farm hatten und wo sie aufgewachsen war. Nun aber waren die Strassen glatt und sie überlegte, ob sie nicht doch lieber das Wochenende in ihrem kleinen Apartment hier in der Stadt verbringen sollte. Sie seufzte auf und versuchte sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Seit fast drei Jahren arbeitete sie nun schon als Sekretärin in der Anwaltskanzlei von Raimund Mac Allister. Das Büro befand sich in der obersten Etage eines zehnstöckigen Gebäudes im Zentrum von Kansas City.

„Meg, ich habe hier noch wichtige Post, die heute noch raus muss.“

Die junge Frau drehte sich um und sah ihren Boss an „Gut Mr. Mac Allister.“

„Machen Sie einfach jetzt schon Feierabend und bringen Sie die Briefe bitte auf dem Heimweg bei der Post vorbei.“

„Ich bin gleich fertig hier.“ Antwortete Meg und wollte weiterschreiben, doch die eindringliche Stimme ihres Chefs hielt sie ab „Nein Meg, bitte gehen Sie jetzt gleich. Ich erwarte noch einen Klienten, der gerne ungesehen bleiben möchte.“

Meg sicherte die Datei, an der sie gerade arbeitete, auf ihren Computer und schaltete diesen ab. Es war nicht das erste mal, dass Raimund Mac Allister einen Klienten erwartete, der nicht gesehen werden wollte. Diskretion war wichtig in einer Anwaltskanzlei. Meg stand auf und nahm ihrem Chef die Briefe ab, die er in der Hand hielt „Okay, ich bin schon weg, ein schönes Wochenende.“

„Danke, das wünsche ich Ihnen auch Meg. Bis Montag.“

„Bis Montag.“ Meg nahm ihre Handtasche aus der obersten Schublade ihres Schreibtisches und verließ das Büro. Auf dem Weg zum Fahrstuhl überlegte sie erneut, ob sie es wagen sollte noch nach Ludlow raus zu fahren oder ob sie doch lieber in der Stadt bleiben sollte. Ein ruhiges Wochenende mit ein paar guten Videos, Pizza und einer guten Flasche Wein wäre ja auch mal wieder ganz schön. Sie wollte gerade den Rufknopf für den Aufzug drücken, als sich dessen Türen mit einem leisen *pling* öffneten. Meg trat einen Schritt zur Seite und ließ zwei Männer aus dem Fahrstuhl aussteigen. Sie wunderte sich kurz über deren Aufmachung, denn sie hatten die Kragen ihrer Mäntel hochgeschlagen und trugen trotz des trüben Wetters dunkle Sonnenbrillen. Weiter schenkte sie den beiden Männern aber keine Beachtung, sondern betrat den Lift und drückte den Knopf für die Tiefgarage, wo sie ihr Auto geparkt hatte. Nachdem sich die Fahrstuhltüren wieder geschlossen hatten, griff Meg zu dem Haarband, dass ihre langen, dunkelbraunen Haare zusammen hielt und zog es heraus. Sie schüttelte ihren Kopf und die dunklen Locken flossen über ihre Schultern. Sie liebte dieses Gefühl, doch im Büro band sie stets die Haare zusammen, damit diese sie bei der Arbeit nicht störten. Der Fahrstuhl stoppte und die Türen glitten auf. Meg stieg aus und während sie zu ihrem alten Ford hinüberging, suchte sie in ihrer Handtasche nach den Wagenschlüsseln, konnte sie aber nicht finden.

„Mist, die müssen mir mal wieder aus der Tasche gerutscht sein.“ Fluchte sie leise vor sich her und machte sich auf den Rückweg ins Büro.

 

Wenige Minuten später war Meg wieder in ihrem Büro. Sie öffnete ihre Schreibtischschublade und tatsächlich – dort lag ihr Schlüsselbund. Sie griff danach und schob die Schublade wieder zu. Gerade als sie wieder gehen wollte, hörte sie die laute, ängstlich klingende Stimme ihres Chefs aus seinem Büro. Sie trat näher an die nur angelehnte Tür heran und schob sie ein wenig weiter auf, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Aber dann blieb sie vor Schreck wie angewurzelt stehen. Raimund Mac Allister kniete vor einem der beiden Männer, die sie zuvor am Fahrstuhl gesehen hatte und der zweite hielt eine Pistole mit Schalldämpfer an die Schläfe ihres Bosses.

„Nun erledige ihn schon Patrick, der Boss hat es so angeordnet.“ Ordnete der Mann, der vor Raimund stand, seinen Partner an.

„Nein, nicht!“ rief Raimund aus, doch im gleichen Augenblick hörte Meg ein dumpfes *plop* und ihr Boss kippte langsam zur Seite. Aus einer kreisrunden Wunde an der Schläfe sickerte langsam Blut heraus.

 

Einen Augenblick lang stand Meg wie erstarrt da, dann wurde ihr schlagartig klar, dass sie eben einen kaltblütigen Mord beobachtet hatte und nun selber in Lebensgefahr war. Sie drehte sich um und rannte davon. Allerdings konnte sie hinter sich noch einen der Männer fluchen hören.

„Verdammt, die Kleine muss alles mit angesehen haben. Los hinterher, sie darf uns nicht entkommen.“

Panik kam in Meg auf. Sie rannte den Gang hinunter „Ich muss mich irgendwo verstecken!“ dachte sie. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Fahrstuhl, doch genau in diesem Moment, schlossen sich dessen Türen. Schnell sah Meg sich um und ihr Blick fiel auf die Tür zum Treppenhaus. Sie stieß die Tür auf und rannte nach oben, um auf das Dach zu gelangen. Sie hatte die Hoffnung, dass ihre Verfolger den Weg nach unten wählen würden. So schnell sie konnte, rannte sie die Stufen nach oben und erreichte die Tür zum Dach. Meg öffnete die Tür und rannte hinaus auf das Dach. Sie sah sich kurz um und entdeckte eine kleine Nische zwischen den zwei Schornsteinen und versteckte sich dort. Mit zittrigen Händen holte sie ihr Handy aus ihrer Handtasche und wählte den Notruf,

„Hallo ich brauche Hilfe. Ich habe eben einen Mord beobachtet und werde nun verflogt.“ Sagte sie atemlos, als sich am anderen Ende jemand meldete.

„Wo genau sind Sie?“

„1423 Christoper Road. Ich bin auf dem Dach des Gebäudes. Mein Chef, Raimund Mac Allister ist gerade vor meinen Augen erschossen worden und nun sind seine Mörder auch hinter mir her.“

„Bleiben Sie ruhig, ich schicke sofort jemanden los. Die Hilfe müsste in circa drei Minuten bei ihnen sein.“

„Danke“ sagte Meg und legte wieder auf. Angstvoll beobachtete sie die Tür zum Treppenhaus und die Sekunden zogen sich in die Länge. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und die beiden Männer standen auf dem Dach. Meg hielt die Luft an und ihr Herz klopfte so laut, dass sich befürchtete, die beiden Männer müssten sie hören. Beide Männer hielten eine Pistole in der Hand uns sahen sich um.

„Sie muss hier oben sein.“ Sagte der eine, der ihren Chef erschossen hatte.

„Dann werden wir sie auch finden. Sie darf uns auf keinen Fall entkommen.“

„Du suchst die linke Seite ab, ich die rechte.“

„Okay“

In diesem Augenblick konnte Meg die Sirenen der sich nähernden Polizeifahrzeuge hören und auch die beiden Männer nahmen sie war.

„Verdammt, wir müssen weg, los komm!“ ordnete der eine an „Hast Du Dir ihren Namen und Adresse notiert?“

„Ja“ nickte der andere „war ja nicht weiter schwierig zu finden, da es ja Mac Allisters Sekretärin ist.“

„Gut, los dann komm, nichts wie weg.“

Die Männer sahen sich noch einmal kurz um und verließen dann das Dach. Meg saß zitternd in der Nische und ließ ihren Tränen freien Lauf.

 

 

 

Kapitel 02

 

 

Meg schreckte auf, als mit einem lauten Knall die Tür zum Treppenhaus aufgestoßen wurde und ein paar bewaffnete Polizisten auf das Dach stürmten. Mit weichen Knien stand Meg langsam auf und trat aus dem Schatten.

„Nicht schießen bitte.“ Megs Stimme zitterte so sehr, dass sie diese fast selber nicht erkannte.

Einer der Polizisten gab den anderen ein Zeichen und alle senkten die Waffen.

„Keine Angst, Ma’am.“ Sagte er mit ruhiger Stimme und ging langsam auf Meg zu „Haben Sie den Notruf gewählt?“

Meg konnte nur nicken.

Der Polizist gab ein weiteres Zeichen und die Männer verteilten sich auf dem Dach, um es abzusuchen. Er selber blieb neben Meg stehen.

„Ich bin Detektiv Jake Quinn. Sie sind jetzt in Sicherheit, Ma’am.“ Stellte der Polizist sich vor.

„Ich....ich bin....“ Meg schloss einen Augenblick die Augen, um sich zu fangen „Mein Name ist Meg Cummings. Ich bin...war die Sekretärin von Mr. Mac Allister.“

Jake Quinn fasste Meg an den Arm „Lassen Sie uns nach unten gehen. Es ist kalt hier oben und Sie zittern sehr.“

Meg nickte und ließ sich von dem Detektiv nach unten führen. In der kleinen Anwaltskanzlei wimmelte es nur so von Polizeibeamten, die dabei waren die Spuren aufzunehmen. Jake führte Meg zu dem kleinen Sofa hinüber, auf dem für gewöhnlich die Klienten Platz nahmen, während sie darauf warteten, mit dem Anwalt zu sprechen.

„Warten Sie hier, ich bin sofort wieder da.“ Sagte er und verschwand. Wenige Augenblicke später kehrte er mit einer Decke zurück „Hier hängen Sie sich die um, damit Sie wieder warm werden.“

„Danke“ Meg ließ sich von Quinn helfen, die Decke um die Schultern zu hängen.

„Ich muss Ihnen dann ein paar Fragen stellen, Miss Cummings.“ Sagte er mit einer sanften Stimme.

Meg nickte „Ja, das müssen Sie wohl.“

Der Polizeibeamte zog sich einen freien Stuhl heran und holte dann einen Notizblock und einen Stift aus seiner Jackentasche.

„Fangen wir einfach mal mit Ihren Personalien an. Sie heißen Meg Cummings?“

Wieder nickte Meg „Ja“

Jake notierte sich den Namen „Dann bräuchte ich noch Ihr Geburtsdatum.“

„15. April 1976“ antwortete Meg.

„Und Sie sind hier in Kansas City wohnhaft?“ fragte Jake.

„Ja, Hamilton Road 156.“

„Und wie lange waren Sie für Raimund Mac Allister tätig?“ wollte der Polizist nun wissen.

„Nächsten Monat, am 15. Februar, wären es drei Jahre geworden.“ Antwortete Meg.

„Ich weiß, es ist nicht einfach für Sie, aber können Sie mir erzählen, was hier heute passiert ist?“ fragte Jake Quinn sanft.

Megs Augen füllten sich mit Tränen. Jake reichte ihr ein Taschentuch „Lassen Sie sich ruhig Zeit.“

Meg tupfte sich die Tränen ab und begann dann leise zu erzählen „Da Mr. Mac Allister noch einen Klienten erwartet hatte, der ungesehen sein wollte, hat er mich schon etwas früher nach Hause geschickt. Ich...ich hatte meine Autoschlüssel aber in meinem Schreibtisch liegen gelassen, also kam ich noch einmal zurück. Dann hörte ich aus Mr. Mac Allisters Büro laute Stimmen und da die Tür nur angelehnt war, wollte ich nachsehen, was los war. Dann....“ Meg musste sich wieder die Tränen abwischen „Dann habe ich gesehen, wie die beiden Männer ihn erschossen haben.“

„Können Sie mir die Männer ein wenig näher beschreiben?“ wollte Jake wissen.

Meg nickte „Ja, ich denke schon, sie sind mir ja schon am Fahrstuhl begegnet, als ich in die Tiefgarage gefahren bin. Ich habe mich sogar noch gewundert, warum sie bei diesem Wetter dunkle Sonnenbrillen getragen haben.“

Jake machte sich fleißig Notizen „Wissen Sie was, Miss Cummings? Ich denke, es ist besser, wenn wir aufs Revier fahren. Dort können Sie unserem Polizeizeichner gleich eine detaillierte Beschreibung geben, nach der er dann eine Phantomzeichnung anfertigen lassen kann.“

Meg nickte. Sie wollte so schnell wie möglich weg von diesem Ort.

„Joe“ rief Jake einem der anderen Polizisten zu „Ich bringe Miss Cummings aufs Revier. Sie kann uns eine Personenbeschreibung der Täter geben.“

„In Ordnung Jake.“ Nickte der andere Polizist „Wir sind hier auch bald fertig.“

„Kommen Sie, Miss Cummings.“ Jake half Meg auf und führte sie aus dem Büro.

 

Wenige Minuten später saß Meg auf dem Rücksitz eines Polizeiautos, das Jake geschickt durch den Feierabendverkehr lenkte. Meg nahm von der kurzen Fahrt zum Polizeirevier kaum etwas wahr. Immer wieder sah sie, wie ihr Boss da kniete und um sein Leben flehte, bevor er erschossen wurde. Jake öffnete die Autotür für Meg und half ihr beim Aussteigen. Dann führte er Meg in das Gebäude.

„Stacy schick mir bitte unseren Zeichner in mein Büro.“ Wies er eine junge Polizistin an und ging dann mit Meg einen schmalen Gang hinunter und öffnete schließlich die Tür zu einem kleinen Büro.

„Setzen Sie sich.“ Forderte er Meg auf.

Meg nickte und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch. Während sie auf den Zeichner warteten, sah Meg sich um. Es war ein kleiner Raum, mit einem schmalen Fenster, dessen Jalousien runter gezogen waren, so dass Meg nicht nach draußen schauen konnte. Die Farbe an den Wänden muss früher mal ein sanfter Grünton gewesen sein, jetzt wirkte die Farbe nur noch schmutzig. Möbliert war das kleine Büro mit einem Schreibtisch, der schon mal bessere Tage gesehen hatte, drei Stühlen, einem Aktenschrank und einem alten Sofa.

„Möchten Sie etwas trinken?“ unterbrach Jake die Stille.

„Eine Tasse Tee, wenn es keine Umstände macht.“ Antwortete Meg.

„Kein Problem.“ Lächelte Jake und verließ das Büro. Wenige Augenblicke später kehrte er mit einer dampfenden Tasse zurück.

„Vorsichtig heiß.“

„Danke“ Meg nahm die Tasse und wärmte sich ihre kalten Hände daran.

Die Tür öffnete sich erneut und ein Mann Anfang fünfzig betrat den Raum „Du brauchst mich Jake?“

„Ja Kevin. Das ist Miss Cummings. Sie ist Zeuge in einem Mordfall und kann uns eine Täterbeschreibung geben.“

Der Polizeizeichner setzte sich hinter den Schreibtisch und schlug seinen Zeichenblock auf „Dann fangen wir mal an.

„Der eine war so um die vierzig. Er hatte eine eher dicke Nase und schmale Lippen. Die Augen standen dicht zusammen.“

„Sagten Sie nicht, dass sie Sonnenbrillen trugen?“ fragte Jake.

„Als sie aus dem Fahrstuhl stiegen ja, aber später nicht mehr.“

Kevin war schon dabei, eine Zeichnung anzufertigen „Wie war die Kopfform? Eher rund, oval, eckig?“

„Rund“ sagte Meg „Er war im ganzen etwas untersetzt und etwas kleiner als ich. So 1,65 m schätze ich und er hatte eine Halbglatze.“

Kevin zeigte Meg die Zeichnung „So etwa?“

Meg nickte „Ja, das kommt hin.“

Jake nahm die Zeichnung an sich „Und der andere?“

„Der war etwa im gleichen Alter. Allerdings einen Kopf größer als sein Partner und er hatte dichtes, dunkles Haar. Die Kopfform war länglich, mit einer langen, schmalen Nase. Er hatte einen kleinen verkniffenen Mund und stechende Augen. Ach ja und er hatte eine lange, dünne Narbe, hier etwa.“ Meg zeigte mit ihrer Hand auf ihre Wange „Und er hat den anderen Mann Patrick genannt.“

„Na das ist doch schon ein guter Anhaltspunkt.“ Meinte Jake „Kannst Du die Zeichnungen schon mal durch den Computer jagen, Kevin?“

„Klar, ich mache mich sofort an die Arbeit.“ Kevin stand auf und verließ mit den Zeichnungen das Büro.

„Kann...kann ich jetzt nach Hause?“ fragte Meg zaghaft.

Jake schüttelte seinen Kopf „Das halte ich für keine gute Idee. Wir wissen es ja noch nicht genau, mit wem wir es zu tun haben, aber eins weiß ich, es waren bestimmt Profis. Meg, Sie befinden sich immer noch in Lebensgefahr, wenn ich Sie jetzt gehen lasse.“

„Ich bin so müde und möchte doch einfach nur in mein Bett, um zu schlafen.“ Sagte Meg leise.

„Ich kann Sie verstehen, aber Zuhause sind Sie nicht sicher. Warum legen Sie sich nicht ein wenig auf das Sofa hier und versuchen zu schlafen? Ich versuche inzwischen mehr über die beiden Männer heraus zu finden.“

Meg überlegte einen Moment und nickte dann „Vielleicht ist es so am besten.“

„Ja, ich hole Ihnen eine Decke.“ Er verließ das Büro und kehrte wenige Minuten später mit einer Wolldecke zurück.

„Ich habe Ihnen auch eine Schlaftablette mitgebracht. Die sollten Sie ruhig nehmen, damit Sie besser einschlafen können.“

Meg nickte und spülte die Tablette mit dem restlichen Tee hinunter „Danke“

„Kein Problem“ lächelte Jake „und nun legen Sie sich hin und schlafen ein paar Stunden.“

Meg stand auf und ging zu dem Sofa hinüber. Sie zog ihre Schuhe aus, bevor sie sich auf der Couch ausstreckte und mit der Decke zu deckte.

„Ich bin gleich neben an, wenn Sie etwas brauchen.“ Sagte Jake, während er zur Tür ging.

„Danke“ sagte Meg noch einmal.

Nachdem Jake die Tür hinter sich zugezogen hatte, ließ Meg ihren Tränen freien Lauf und weinte sich in den Schlaf.     

 

 

Kapitel 03

 

 

 

Meg wurde durch ein Klopfen an der Tür geweckt und setzte sich auf.

„Ja?“ rief sie ein wenig unsicher, dann sie war noch nicht richtig wach und wusste nicht gleich wo sie war. Die Tür öffnete sich und Jake Quinn trat ein. Er trug ein Tablett, auf dem eine dampfende Tasse und ein Teller mit einem belegtem Brötchen standen.

„Guten Morgen, ich dachte, Sie könnten vielleicht ein kleines Frühstück gebrauchen.“ Sagte er und stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab.

Meg setzte sich auf „Frühstück? Wie spät haben wir es denn?“

„Es ist gleich neun. Sie haben fast 12 Stunden geschlafen.“ Lächelte Jake.

„Das muss die Schlaftablette gewesen sein. Ich nehme so etwas sonst nie.“ Sie sah Jake an. Er hatte tiefe Ringe um die Augen „Sie dagegen sehen müde aus.“

Jake nickte „Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet.“

Meg stand auf und ging zum Schreibtisch hinüber und nahm die heiße Tasse Kaffee in die Hand „Konnten Sie denn schon etwas herausfinden?“

Jake nickte und setzte sich „Allerdings. Wir konnten die beiden Männer identifizieren. Es handelt sich um zwei Iren. Kiaran O’Hara und Patrick Tamory. Die beiden gehören einer irischen Untergrundorganisation an.“

„Einer irischen Untergrundorganisation? Aber was haben die dann hier in Kansas City zu suchen?“ fragte Meg erschrocken.

„Ich will Ihnen nicht zu viel sagen, damit Sie nicht noch mehr in Gefahr geraten, aber das ganze hat wohl mit illegalen Waffengeschäften zu tun.“

„Oh mein Gott!“ Entsetzt schlug sich Meg die Hand vor dem Mund „Sie denken doch wohl etwa nicht, dass mein Boss in so etwas verwickelt war?“

„Die Ermittlungen laufen noch. Im Moment kann ich nichts weiter dazu sagen.“ Antwortete Jake.

„Kann ich denn jetzt nach Hause?“ fragte Meg zaghaft.

Jake schüttelte seinen Kopf „Nein, denn Sie sind immer noch in Gefahr. Das FBI wurde eingeschaltet und ein Special Agent ist auf den Weg zu uns. Soweit ich informiert bin, hatte dieser Agent in der Vergangenheit schon mit O’Hara und Tamory zu tun. Er wird auch entscheiden, was wir als nächstes tun werden.“

Tränen stiegen in Megs Augen auf „Warum? Warum musste das ausgerechnet mir passieren? Ich will doch einfach nur ein ganz normales Leben, wie jeder andere auch, führen.“

„Manchmal geschehen eben Dinge im Leben, auf die wir keinen Einfluss haben.“ Sagte Jake leise.

Meg schnaubte sich die Nase „Gibt es hier einen Waschraum oder so etwas?“

Jake nickte „Natürlich. Kommen Sie, ich bringe Sie hin.“

Beide standen auf und verließen den Raum. Jake führte Meg den schmalen Gang hinunter und blieb am Ende vor einer Tür stehen „Hier ist der Waschraum. Kommen Sie zurecht?“

„Ich denke schon.“ Antwortete Meg leise und betrat den Waschraum.

Zunächst ging Meg auf die Toilette. Danach trat sie an das Waschbecken heran, drehte das kalte Wasser auf und ließ sich den Strahl über ihre Handgelenke laufen. Als sie aufschaute und in dem Spiegel sich selber entdeckte, erschrak sie. Um ihre blauen Augen, die sie stumpf ansahen, lagen dunkle Ringe. Sie wirkte sehr bleich und ihre vollen Lippen waren fast farblos. Ihre langen, dunklen Haare lagen wirr um ihren Kopf herum. Sie beugte sich vor und wusch sich das Gesicht ebenfalls mit kaltem Wasser. Dann holte sie ihre Haarbürste aus ihrer Handtasche und begann ihr Haar damit zu brüsten. Plötzlich erschien ihr das sinnlos. Sie ließ die Bürste fallen, sank auf den Boden und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ob sie jemals wieder ein normales Leben führen könnte?

 

Als Ben Evans aus dem Flughafengebäude trat, zog er fröstelnd die Schultern zusammen. Das lag nicht alleine an der klirrenden Kälte, die ihn an diesem sonnigen Januar Morgen hier in Kansas City empfing, sondern viel mehr an dem, was ihn hier erwartete. Eine Vergangenheit – seine Vergangenheit – schien ihn nach all den Jahren wieder eingeholt zu haben. Er setzte seine Sonnenbrille auf, um seine übermüdeten Augen vor dem grellen Sonnenlicht zu schützen und strich sich mit der rechten Hand eine störrische Haarsträhne seines dunklen, fast schwarzen Haars, aus der Stirn.  Dann winkte er sich ein Taxi heran und stieg ein.

„Zum 12. Polizeirevier.“ Sagte er zu dem Fahrer und lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss die Augen. Bis gestern schien seine Welt, die er sich in den letzten fünf Jahren in Kalifornien aufgebaut hatte, in Ordnung. Bis der Anruf kam und die Namen Kiaran O’Hara und Patrick Tamory gefallen waren. Namen, die er gehofft hatte, nicht mehr zu hören. Wegen diesen Männern hatte er vor fünf Jahren seine Heimat England verlassen müssen und ein neues Leben hier in den Staaten begonnen und nun holte ihn diese Vergangenheit wieder ein. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das Taxi abrupt stoppte. Der Fahrer drehte sich zu Ben um.

„So, da sind wir. Ich bekomme 12,50.“

Ben reichte ihm 15 Dollar „Stimmt so.“ sagte er und stieg aus. Er holte tief Luft und betrat das Gebäude.

 

Nachdem Meg sich wieder beruhigt hatte, wusch sie sich noch einmal das Gesicht mit kaltem Wasser, bevor sie den Waschraum wieder verließ. Jake wartete in dem kleinen Büro auf sie. Als sie sich wieder gesetzt hatte, schob er ihr das Tablett zu.

„Sie sollten versuchen, etwas zu Essen. Es wird ein langer Tag für Sie werden.“

Lustlos nahm Meg das Brötchen in die Hand „Sie haben wohl recht.“

Gerade als sie abbeißen wollte, klopfte es an der Tür.

„Herein!“ rief Jake.

Die Tür öffnete sich und ein Mann trat ein. Er war mit einer schwarzen Hose, einem dunkelblauen Hemd und einer schwarzen Lederjacke bekleidet. Ein großer Teil seines Gesichts wurde von einer Sonnenbrille verdeckt.

Als Meg den Mann sah, ließ sie erschrocken das Brötchen fallen und sprang auf.

„Nein.....nein bitte nicht.“ Stammelte sie zitternd.

„Meg ist alles in Ordnung?“ fragte Jake besorgt.

Meg stand zitternd da und konnte nicht antworten.

Der fremde Mann nahm seine Sonnenbrille ab und zwei unglaublich blaue Augen sahen Meg an.

„Miss Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Sagte der Mann mit einem britischen Akzent in der Stimme „Ich bin Special Agent Ben Evans.“

„Sie.....Sie sind vom FBI?“ stammelte Meg.

Ben sah Jake fragend an, doch dieser zuckte ratlos mit den Schultern.

Langsam setzte sich Meg wieder auf den Stuhl „Entschuldigen Sie bitte, aber.......aber die Männer gestern trugen auch Sonnenbrillen und.....und ich dachte......Sie wären einer von denen.“

„Ich verstehe.“ Sagte Ben mit sanfter Stimme „Sie haben schlimmes durchgemacht, da musste Sie mein Anblick ja erschrecken.“

Meg stützte ihren Kopf zwischen ihren Händen ab „Ich möchte nur noch nach Hause....Ich möchte einfach nur, dass dieser Albtraum zu Ende ist.“

„Das kann ich zwar verstehen, aber ich fürchte, so schnell ist das nicht möglich.“ Antwortete Ben. Dann sah er Jake an „Kann ich mal sehen, was Sie bisher herausgefunden haben?“

Jake reichte Ben einen dünnen Pappschnellhefter „Aber selbstverständlich.“

Ben setzte sich und fing an zu lesen. Nach kurzer Zeit blickte er auf „Kann ich hier mal irgendwo ungestört telefonieren? Ich muss das hiesige Bureau anrufen.“

Jake nickte und stand auf „Klar, am besten benutzen Sie das Telefon in meinem Büro dafür.“

Ben stand auf und legte kurz Meg seine Hand auf die Schulter „Wenn ich zurück bin, besprechen wir, wie es erst mal weiter geht.“

Meg nickte „Gut“

„Ich bin gleich zurück.“ Sagte Jake, bevor er zusammen mit Ben den Raum verließ. Nur wenige Augenblicke kehrte Jake zurück.

„Detektiv Quinn, besteht vielleicht die Möglichkeit, dass ich meine Eltern in Ludlow anrufe? Sie werden sich sonst Sorgen machen, wenn ich so plötzlich verschwinde.“

„Ich kann Sie zwar verstehen, aber dennoch sollten wir auf Agent Evans warten und ihn fragen. Die Verantwortung für Sie liegt nun nicht mehr in meinen Händen.“

„Verstehe“ antwortete Meg leise.

Dann herrschte Schweigen im Raum, bis Ben zurückkehrte.

„So, nun ist alles geregelt. Jake, könnten Sie bitte veranlassen, das ein Wagen Miss Cummings und mich zum Bureau bringt?“

Jake nickte „Ich werde Sie selber bringen. Es liegt eh auf meinem Weg nach Hause.“

Dann sah Ben Meg an und zeigte dann auf ihre Handtasche und ihren Mantel, der über einen freien Stuhl hing „Sind das Ihre Sachen?“

Meg nickte „Ja. Agent Evans, könnte ich vielleicht vorher noch meine Eltern anrufen und Ihnen erklären, was passiert ist?“

Ben schüttelte seinen Kopf „Das Bureau wird sich darum kümmern. Es wäre jetzt zu gefährlich selber dort anzurufen. In ein paar Tagen vielleicht.“

Meg seufzte „Gut, da kann ich wohl nichts ändern.“

Ben sah sie an „Es geht um Ihre Sicherheit genauso, wie um die Sicherheit Ihrer Eltern. Vertrauen Sie mir einfach.“

Meg sah den FBI Agenten an. Seine blauen Augen waren fest auf sie gerichtet und Meg hatte das Gefühl, dass sie bei ihm in guten Händen war „Also gut.“ Sie stand auf und zog ihren Mantel an „Gehen wir.“

 

 

Kapitel 04

 

 

„Ich soll was?“ Ben sah den Leiter des Bureau, Thomas Lindsey entsetzt an.

„Wir haben bereits alles für Sie vorbereitet.“ Sagte der endfünfziger in einem ruhigen Ton.

Ben fuhr sich mit der Hand durch sein Haar „Gibt es denn keine bessere Möglichkeit?“

„Agent Evans, warum vertrauen Sie uns nicht einfach so, wie wir in dieser Sache Ihnen vertauen?“ fragte Lindsey.

Ben begann in dem Raum auf und ab zuwandern und blieb dann vor der Scheibe stehen, durch die er Meg auf der anderen Seite beobachten konnte. Die junge Frau ahnte nichts davon, denn auf ihrer Seite war es ein Spiegel.

„Ich finde es einfach nicht richtig, sie damit noch weiter hineinzuziehen. Es wäre besser, sie ins Zeugenschutzprogramm aufzunehmen.“

Lindsey schüttelte seinen Kopf „Sie wissen ganz genau, dass dieses mindestens eine Woche Vorbereitung bedarf und Miss Cummings weder zu Ihrer Familie zurückkehren, noch mit ihnen Kontakt aufnehmen könnte.“ Der erfahrene FBI Agent stand auf und stellte sich neben Ben „Sehen Sie sich doch mal die junge Frau genau an. Sie sieht nicht so aus, als ob sie vor einer Herausforderung davon laufen würde.“

Ben konnte beobachten, wie Meg im anderen Raum vom Tisch aufstand und sich interessiert in dem Zimmer umsah. Er zuckte leicht zusammen, als Meg genau ihm gegenüber auf der anderen Seite des Spiegels stehen blieb und ihm, ohne es zu wissen, direkt in die Augen schaute. Thomas Lindsey legte Ben beruhigend seine Hand auf die Schulter.

„Agent Evans, wir waren noch nie so dicht daran, den Ring der Waffenschieber zu sprengen. Sie kennen O’Hara und Tamory wie kein anderer von uns.“

Ben seufzte auf „Okay, aber ich habe zwei Bedingungen.“

„Ich höre.“

„Erstens möchte ich, dass Miss Cummings eingeweiht wird und Ihre Zustimmung gibt. Ich will, dass sie genau weiß, worauf sie sich da einlässt.“

„Klingt fair und das zweite?“

„Wenn der Fall abgeschlossen ist, verlasse ich das FBI. Ich will endlich mein eigenes Leben führen.“

„Okay, ich denke, das lässt sich arrangieren.“ Nickte Lindsey „Dann lassen Sie uns jetzt zu Miss Cummings gehen und mit ihr reden.“

 

Meg hatte jegliches Gefühl für die Zeit vergessen, seit sie hier war. Gleich nach ihrer Ankunft hier, hatte sie der Leiter des hiesigen Bureau, Thomas Lindsey, noch einmal verhört. Danach hatte er sich zusammen mit Agent Evans zurückgezogen und Meg alleine hier zurück gelassen worden. Eine Weile war sie auf ihren Platz am Tisch sitzen geblieben, dann war sie aber doch aufgestanden und hat sich in dem Raum ein wenig umgesehen. Vor dem Spiegel an der einen Wand blieb sie dann stehen und überlegte, ob dies wohl so ein Spiegel war, durch dem sie beobachtet werden konnte. So ein Spiegel, wie man ihn in Filmen oft sah. Meg seufzte auf, drehte sich langsam um und ging wieder zu dem Tisch zurück. Sie setzte sich und nippte an dem Kaffee, den ihr eine freundliche Mitarbeiterin des Bureau vor einer Weile gebracht hatte. Die Flüssigkeit war nur noch lauwarm und schmeckte bitter, so dass Meg das Gesicht beim trinken verzog. Sie wünschte sich, dass nun bald etwas passieren würde, denn sie war nicht der Typ, der wartend herum saß, sondern nahm die Dinge lieber immer selber in die Hand. Als die Tür sich öffnete und Thomas Lindsey und Ben Evans den Raum wieder betraten, sah Meg die beiden Männer erwartungsvoll an. Thomas setzte sich Meg gegenüber auf einen freien Stuhl. Agent Evans hingegen blieb stehen und lehnte sich an die Wand hinter Lindsey. Dabei verschränkte er die Arme vor seiner Brust und seine klaren, blauen Augen ruhten auf Meg.

„Miss Cummings,“ begann Thomas Lindsey „Agent Evans und ich haben durchgesprochen, wie es nun weiter gehen wird. Es gibt zwei Möglichkeiten und die Entscheidung liegt bei Ihnen.“

Meg richtete sich auf „Und welche Möglichkeiten wären das?“

Thomas räusperte sich kurz, bevor er fortfuhr „Die erste Möglichkeit ist, wir nehmen Sie ins volle Zeugenschutzprogramm auf. Das hieße für Sie, wir geben Ihnen eine vollkommen neue Identität und bringen Sie an einen anderen Ort, von dem niemand etwas wissen darf, nicht einmal Ihre Familie. Und Sie dürfen auch nicht mit Ihrer Familie in Kontakt treten.“

Meg schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter „Und die zweite Möglichkeit?“

„Die zweite Möglichkeit ist, Sie helfen uns dabei, O’Hara und Tamory zu schnappen und den Waffenschmugglerring auffliegen zu lassen.“

Aufmerksam sah Meg den FBI Beamten an „Und wie soll das gehen? Ich bin keine ausgebildete Agentin oder so etwas.“

„Keine Angst Miss Cummings, wir verlangen nicht von Ihnen, dass Sie auf eigene Faust nach den beiden suchen. Unser Plan sieht so aus, dass Sie zusammen mit Agent Evans die Stadt verlassen und sich zu einem Versteck von uns in den Rocky Mountains begeben. Wir wollen den Eindruck erwecken, als seien Sie auf der Flucht. Agent Evans wird die ganze Zeit an Ihrer Seite sein. Er hatte schon früher mit O’Hara und Tamory zu tun und kennt deren Vorgehensweise genau.“

Meg sah Agent Evans an „Und was halten Sie davon?“

Ben sah Meg einen Augenblick an, bevor er antwortete „Der Plan den Lindsey mit seinen Leuten ausgearbeitet hat, ist gut. Allerdings müssen Sie sich mir ganz anvertrauen und stets das tun, was ich Ihnen sage, damit Sie weder sich noch mich in Gefahr bringen.“

Meg schloss die Augen, um einen Moment nachzudenken. Als sie diese wieder öffnete, sah sie Thomas Lindsey an „Ich denke, ich wähle die zweite Möglichkeit. Wie geht es nun weiter?“

Thomas lächelte kurz und nickte dann „Danke Miss Cummings, wir wissen Ihre Mitarbeit zu schätzen. Meine Mitarbeiter sind in diesem Moment schon dabei, alles für Sie vorzubereiten. Sie werden zusammen mit Agent Evans die Stadt so schnell wie möglich verlassen. Wir rüsten gerade einen Geländewagen mit einem Sender aus, so dass wir jederzeit wissen, wo sie beide sich gerade aufhalten. Gleichzeitig bereiten einige Agenten eine Hütte in den Bergen für sie vor, die Ihr Ziel sein wird und wo uns hoffentlich O’Hara und Tamory in die Falle gehen werden.“

„Und Sie glauben wirklich, die beiden werden uns folgen?“

Thomas nickte „Ja, Agent Evans wird genug Spuren zurück lassen, dass die beiden Ihnen folgen werden.“

Meg sah an sich hinunter „Ich kann aber unmöglich in diesem zerknitterten Kostüm in die Berge fahren.“

Thomas nickte „Auch daran haben wir gedacht. Eine Agentin ist in diesem Augenblick dabei, alles was Sie brauchen werden für Sie zusammen zu stellen. Auch Kleidung.“

Meg sah den Leiter des Bureau an „Sie waren sich wohl sicher, dass ich zusage?“

Ihr gegenüber nickte „Ja, ich habe eine ganz gute Menschenkenntnis.“

„Gut“ Meg schaute wieder Agent Evans an „Wann soll es losgehen?“

„Sobald alles fertig ist.“ Antwortete Ben „Aber da ist noch etwas, was Sie wissen sollten, bevor Sie zustimmen.“

Meg war überrascht „Und das wäre?“

„Wir werden als Ehepaar reisen, das vereinfacht die Sache für uns und ich kann Sie besser beschützen.“ Gespannt beobachtete Ben, wie Meg auf diese Worte reagierte.

Meg strich sich eine dunkle Locke aus ihrem Gesicht, bevor sie antwortete „Sie meinen, Sie und ich....wir sollen heiraten?“

Ben schüttelte seinen Kopf „Nicht wirklich. Wir bekommen Papiere ausgestellt, die uns als Ehepaar ausweisen.“

„Okay“ nickte Meg „von mir aus kann es losgehen. Alles ist besser, als hier noch länger herum zu sitzen.“

„Dann folgen Sie mir bitte, Miss Cummings.“ Thomas Lindsey stand auf. Er ging zur Tür hinüber und öffnete diese für Meg. Gefolgt von Ben und Thomas verließ sie den Raum.

 

 

Kapitel 05

 

 

Gut drei Stunden später, saßen Ben und Meg in einem Landrover und hatten Kansas City bereits hinter sich gelassen. Sie fuhren in westlicher Richtung über eine Landstrasse. Die letzten Stunden hatte Meg wie in einem Traum erlebt. Sie war mit neuer Bekleidung, die aus einigen Jeans, Pullover, Nachthemden, Wäsche und einer dicken Daunenjacke bestand, versorgt worden. Ein Paar robuste Lederstiefel hatte sie auch noch bekommen. Sie hatte noch die Gelegenheit bekommen zu duschen, was sie auch dankend angenommen hatte. Danach war sie in eine der Jeans und einen warmen Rollkragenpullover geschlüpft. Die Beamtin, die die Bekleidung für Meg besorgt hatte, hatte einen guten Geschmack und ein gutes Auge bewiesen, denn die Sachen passten wie angegossen. Nun saß Meg, ganz in Gedanken versunken, neben einen Mann, den sie eigentlich gar nicht kannte und der sich für die nächste Zeit als ihr Ehemann ausgeben würde. Gedankenverloren spielte sie mit dem schmalen Goldring an ihrer Hand, die Thomas Lindsey den beiden noch beim Abschied überreicht hatte, damit die Tarnung perfekt war.

 

Ben beobachtete die junge Frau neben sich aus den Augenwinkeln. Sie wirkte nervös, wie sie so da saß und mit dem ungewohnten Ring an ihrem Finger spielte.

„Noch ist es nicht zu spät und wir kennen umkehren.“ Durchbrach er die Stille „Niemand würde Ihnen einen Vorwurf daraus machen.“

Meg sah Ben kurz an und schüttelte dann seinen Kopf „Nein Agent Evans, ich habe mich dafür entschieden und stehe auch dazu.“

Bens Gesichtszüge entspannten sich und Meg registrierte das erste Mal so etwas wie ein Lächeln bei ihm. Er ließ das Auto am Straßenrand ausrollen und zog dann die Handbremse an, bevor er sich zu Meg umdrehte.

„Also gut, wenn das so ist, dann sollten wir jetzt erst mal einiges klären.“ Er sah Meg an, die seinem Blick nicht auswich „Als erstes sollten wir mit dem Sie aufhören. Niemand nimmt uns sonst das Ehepaar ab. Ich bin Ben.“ Er streckte ihr die Hand hin.

Meg nahm seine Hand und erwiderte seinen festen Händedruck.

„Ich bin Meg.“

Ben hielt Megs Hand einen Augenblick fest „Dann wäre das ja geklärt. Ich möchte Dich aber auch noch bitten, nichts unüberlegtes zu tun. Vor allem muss ich immer wissen, wo Du bist, denn sonst kann ich Dich nicht beschützen.“

„Keine Angst, ich habe keine Alleingänge geplant.“ Meg entzog ihm ihre Hand.

„Gut“ Ben lächelte „Was hältst Du davon, wenn wir uns jetzt für die Nacht ein Motel suchen und was ordentliches zum Abend essen?“

Meg nickte und erwiderte „Eine gute Idee.“

Ben löste die Handbremse und fuhr wieder an „Na dann wollen wir mal sehen, was wir schönes finden.“

 

Eine halbe Stunde später stoppte Ben den Landrover vor einem kleinen Motel.

„Na das sieht doch ganz einladend aus oder was denkst Du.“

Meg nickte „Ja, aber ich glaube heute Abend würde ich zu allen Unterkünften ja sagen, solange nur ein Bett dort drin steht.“

Ben zog den Zündschlüssel ab „Kein Wunder, Du hast zwei schlimme Tage hinter Dir. Komm, lass uns mal sehen, ob noch etwas frei ist.“

Sie stiegen beide aus und Ben nahm die Reisetasche, die auf dem Rücksitz lag. Gemeinsam betraten sie das Motel. Hinter der Rezeption saß eine etwa fünfzigjährige Frau, die von ihrem Romanheftchen aufsah, als die beiden das Gebäude betraten. Ben trat einen Schritt näher.

„Guten Abend, haben Sie noch ein Doppelzimmer für meine Frau und mich frei?“

„Aber selbstverständlich. Für wie lange brauchen Sie denn das Zimmer, Mr.?“ Die Frau schob Ben einen Fragebogen zu.

„Nur für eine Nacht.“ Schnell füllte Ben den Fragebogen aus „Haben Sie auch Zimmerservice?“

„Ja, bis 22 Uhr.“ Die Frau nahm den Fragebogen wieder an sich und sah kurz drauf „Ich gebe Ihnen Zimmer 5, das ist nach hinten raus und ist etwas ruhiger. Ihre Frau sieht müde aus.“

„Danke“ lächelte Ben „wir hatten einen langen Tag.

Die Frau nahm einen Schlüssel vom Harken und kam um den Tresen herum „Kommen Sie Mrs. Evans, ich zeige ihnen Ihr Zimmer.“

Meg stand etwas abseits und war in einen Prospekt der Gegend vertieft.

„Meg kommst Du?“ sprach Ben sie noch einmal an.

„Ja ich komme.“ Meg legte das Prospekt zurück.

„Sie müssen meine Frau entschuldigen, sie hat sich wohl noch nicht an den neuen Namen gewöhnt.“ Versuchte Ben die Situation zu überspielen, da die Frau Meg ein wenig misstrauisch ansah.

„Oh, dann sind Sie wohl frisch verheiratet?“ nun strahlte die Frau Meg an.

„Ja, wir sind sozusagen auf Hochzeitsreise.“ Erklärte Ben.

 „Meinen herzlichen Glückwunsch. Kommen Sie meine Liebe, gleich sind Sie in Ihrem Zimmer.“

Sie ging voran und Ben und Meg folgten ihr. Wenige Augenblicke blieb sie vor einer Tür stehen und schloss diese auf.

„Geben Sie mir Ihre Tasche.“ Forderte sie Ben auf.

„Meine Tasche?“ Ben sah die Frau verwirrt an.

„Na Sie wollen Ihre Braut doch bestimmt über die Schwelle tragen oder?“

Ben sah Meg kurz an und stellte fest, dass diese sich zu amüsieren schien.

„Natürlich“ er reichte der Frau die Reisetasche, dann drehte er sich zu Meg um.

„Fertig Liebling?“ fragte er, bevor er Meg mit einem Schwung in seine Arme hob.

Meg legte ihre Arme um seinen Hals und lächelte Ben an, als dieser mit ihr über die Türschwelle schritt und sie vorsichtig wieder auf die Füße stellte.

„Danke Sweetie.“

„Ach ist das herrlich, wenn man so frisch verliebt ist.“ Freute sich die Frau von der Rezeption. Sie stellte die Tasche ab und wies auf eine Tür.

„Dort ist das Badezimmer. Frische Handtücher liegen bereit.“

„Danke“ nickte Meg ihr zu.

„Wenn Sie Hunger haben, heben Sie einfach das Telefon ab und wählen die 0. Sie sind dann mit mir verbunden und ich nehme Ihre Bestellung auf.“

„Gut, wir werden später bestimmt noch etwas bestellen.“ Antwortete Ben.

„Ganz bestimmt.“ Zwinkerte die Frau ihm zu und verließ das Zimmer „Einen schönen Aufenthalt wünsche ich Ihnen.“ Sagte sie noch, bevor sie die Tür zu zog.

Meg konnte ein Lachen kaum noch unterdrücken. Ben drehte sich zu ihr um und hob eine Augenbraue an.

„Sweetie?“

„Entschuldige“ nun konnte Meg das Lachen nicht mehr zurückhalten „aber etwas anderes ist mir so schnell nicht eingefallen.“

Ben fiel in ihr Lachen ein.

„Wenigstens fehlt es Dir nicht an Spontaneität.“