Wiedersehen in Sunset Beach
(Die nächste Generation)
Kapitel 01
In einem kleinen Ort an der
südkalifornischen Küste konnte man täglich, immer kurz vor dem Sonnenuntergang,
ein wahres Naturschauspiel beobachten. Viele Touristen und auch Einheimische
waren immer wieder aufs neue fasziniert von der Farbenpracht, die sich ihnen
durch die untergehende Sonne, sowohl im Wasser als auch an Land bot. Die letzten
Sonnenstrahlen hinterließen goldene Reflexe in den Wellen, und es gab wohl
keinen Menschen in Sunset Beach, der dieses einzigartige Naturschauspiel noch
nicht fotografiert hatte. Die Welt schien völlig im Einklang mit sich selber zu
sein, und jeder, der einmal einen Sonnenuntergang in dem kleinen Ort miterlebt
hatte, konnte diesen niemals vergessen. Es gab jedoch einen Menschen an diesem
Abend, der keinen Blick für die Schönheit der Natur hatte. Alison stand auf der
Seebrücke und schaute gedankenverloren in die Wellen unter sich. In ihren Händen
hielt sie zwei rote Rosen. Sie senkte den Kopf und küsste vorsichtig die zarten
Blütenblätter, während ihr die Tränen hinunterrannen. Ein letzter Blick, und
Alison warf die beiden Rosen so weit sie konnte ins Meer hinein. "Lebt wohl,"
flüsterte sie leise, während sie den davonschwimmenden Rosen hinterher sah. Als
auch die letzte Rose aus ihrer Sichtweite verschwunden war, stieß sie sich
seufzend vom Geländer ab und ging zur Treppe, die zurück zum Strand führte.
Alison schaute an sich herunter. Sie war für einen Strandspaziergang völlig
unpassend angezogen in ihrem Kostüm mit dem enganliegenden Rock und
ihren hochhackigen Pumps. Alison bückte sich und zog sich die Schuhe von den
Füssen. Während sie dann barfuß durch den weichen Sand lief, erinnerte sie sich
an die glückliche Zeit, die sie die Jahre zuvor in Sunset Beach erlebt hatte.
Nachdem sie vor sieben Jahren den kleinen Ort verlassen hatte, um eine Karriere
als Model zu beginnen, war der Kontakt zu ihren Eltern und Freunden sehr rar
geworden. Sie erinnerte sich an den Streit, den sie mit ihren Eltern gehabt
hatte, bevor sie Sunset Beach verlassen und nach Frankreich gegangen war. Ihre
Eltern hatten sie zwar noch ein paar Mal in Paris besucht, doch der Bruch
zwischen ihnen war nicht mehr aufzuhalten gewesen. Alison hatte immer gehofft,
dass ihre Eltern vielleicht eines Tages verstehen würden, warum sie ihren
eigenen Weg gehen musste, aber das Schicksal hatte es anders geplant. Bei einem
gemeinsamen Segeltörn, den ihre Eltern anlässlich ihrer silbernen Hochzeit
unternommen hatten, waren beide ums Leben gekommen. Alison zog die Schultern
hoch, weil ihr plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken lief. Die näheren
Umstände dieser Tragödie würden wohl ewig im Dunkeln bleiben, denn außer der
Tatsache, dass ein Sturm wohl dazu geführt hatte, dass das Boot sank, wusste
niemand, was wirklich auf der "Destiny" geschehen war. Alison seufzte tief und
strich sich ihre langen, rot-blonden Haare nach hinten zurück. Sie erinnerte
sich daran, wie oft sie mit ihrem Vater auf diesem Boot gesegelt war, und nun
lag es auf dem Grunde des Meeres und mit ihm die sterblichen Überreste ihrer
Eltern. Die Gedenkfeier war für morgen angesetzt, und nachdem Alison vor zwei
Stunden auf dem Sunset Beach Airport gelandet war, hatte sie ihr erster Weg zum
Meer geführt, dem Ort, an dem ihre Eltern die letzte Ruhe gefunden hatten.
Alison wischte sich die Tränen aus den Augen und atmete tief durch. Obwohl seit
ihrem letzten Besuch über sieben Jahre vergangen waren, schien in dem kleinen
Ort die Welt still gestanden zu haben. Es war noch alles so, wie sie es in
Erinnerung behalten hatte, als sie als 18-Jährige Sunset Beach verlassen hatte.
Langsam ging Alison weiter die Ocean Avenue entlang und stand dann vor einem
prächtigen, zweistöckigen Haus. Vorsichtig ging sie die Stufen nach oben und
betätigte dann den Türklopfer. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und sie
zupfte nervös an ihrem Kostüm herum, als sich die Tür öffnete. Ihr gegenüber
stand eine Frau, Mitte 40, deren dunkelbraunes Haar schon von vielen feinen
Silbersträhnen durchzogen war. Einen Moment sahen sich die beiden Frauen nur
schweigend an, dann breitete die ältere die Arme aus. "Alison, mein Schatz,"
rief sie erfreut und drückte die junge Frau an sich. Leicht verlegen trat Alison
einen Schritt zurück. "Hallo, Tante Meg ... ich freue mich auch, Dich
wiederzusehen."
"Komm' doch rein," forderte ihre Tante sie freundlich auf. "Und nenn' mich bitte nicht "Tante", ich komme mir dann so schrecklich alt vor." Sie zwang sich zu einem Lächeln. "Sag einfach "Meg" zu mir, in Ordnung?" Alison nickte und betrat zögernd das Haus. Nach einem ersten Blick in die Runde erkannte sie schnell, daß sich auch hier in den sieben Jahren nichts verändert hatte. "Lass' Dich anschauen," sagte Meg und unterzog Alison einer genauen Prüfung. "Du bist erwachsen geworden," stellte sie fest, nachdem sie Alison angeschaut hatte," und Du siehst Deiner Mutter sehr ähnlich," fügte sie leise hinzu. "Ja, das sagen mir alle, wenn sie Bilder von Mom und mir sehen ..." Alison unterbrach sich, weil sie schon wieder spürte, dass ihr die Tränen hochstiegen. Meg nahm sie liebevoll in den Arm. "Ich bin so froh, dass Du wieder da bist," sagte sie heiser. Alison schluckte tapfer ihren Tränen hinunter. "Ich auch," schniefte sie. "Ich hätte mir nur gewünscht, dass es angenehmere Umstände gewesen wären." Meg nickte. Auch sie kämpfte mit den aufsteigenden Tränen. "Es ist einfach noch so unbegreiflich für mich, daß Sara und Derek wirklich tot sein sollen ..." Sie unterbrach sich mitten im Satz. "Möchtest Du etwas essen?" fragte sie, um das Thema zu wechseln. Alison schüttelte den Kopf. "Nein, danke, ich habe bereits eine Kleinigkeit am Flughafen gegessen," sagte sie. Meg schüttelte den Kopf. "Ein wenig mehr Fleisch auf den Rippen würde Dir guttun," sagte sie, nach einem Blick auf Alison's überschlanke Figur. Diese verzog das Gesicht. "Mein Boss würde mich danach zwei Wochen auf Diät setzen - nein danke!" Sie machte eine abweisende Handbewegung. Meg seufzte. "Na schön, dann werde ich Dir jetzt Dein Zimmer zeigen." Sie ergriff Alison's Hand und ging mit ihr die breite Marmortreppe nach oben. Am Ende des langen Flures blieb sie stehen und öffnete die Tür zu einem kleinen Raum. "Du kannst in Jason's Zimmer übernachten," sagte sie und wies auf ein schmales Bett in der Ecke des Raumes. Alison ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Sie war überrascht, wie karg die Einrichtung war. Der Bewohner legte offenbar wenig Wert auf stilvolle Gemütlichkeit. Wohin man auch schaute sah man nur Regale, die bis unter die Decke reichten und mit Büchern und Aktenordnern vollgepackt waren. Vor dem Fenster stand ein großer Schreibtisch mit einem PC in der Mitte, um den herum verstreut verschiedene Papiere und Bücher lagen. Meg war dem Blick ihrer Nichte gefolgt und lächelte verlegen. "Ich hatte ihn extra gebeten noch vorher aufzuräumen, bevor Du kommst, aber anscheinend gab es mal wieder wichtigere Dinge in Los Angeles zu erledigen." Sie verdrehte die Augen. Alison sah sie fragend an. "Hat meine Schwester Dir nicht geschrieben, dass Jason in Los Angeles lebt?" fragte Meg überrascht. Alison schüttelte den Kopf. "Ach, ich dachte, Du wüsstest es ..." sagte sie. Sie seufzte tief. "Unser Sohn beschloss vor zwei Jahren spontan, nicht in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und bei der Liberty Corporation anzufangen, sondern lieber Medizin zu studieren." sagte sie, und Alison hörte eine Spur Ironie aus ihrer Stimme heraus. "Jason studiert in Los Angeles Medizin?" fragte sie überrascht. Meg nickte. "Ja, er hat dort ein kleines Appartement und ist unter der Woche dort. Nur am Wochenende kommt er nach Hause und beehrt uns mit seiner Anwesenheit." Sie verzog das Gesicht. "Aber selbst wenn er hier ist, ist er mit den Gedanken meist woanders. Er sitzt oft nächtelang hier oben und vergräbt sich in seinen Büchern." Meg schüttelte den Kopf, als sie über ihren Sohn nachdachte. "Er lebt in seiner eigenen Welt, und ich würde alles dafür geben, wenn ich ihn ein bisschen mehr verstehen könnte." Alison nickte. Wenn sie an Jason dachte, erinnerte sie sich an einen jungen Mann, der schon damals für seine 17 Jahre viel zu ernst und nüchtern gewesen war, doch sie hatte auch eine ganz andere Seite an ihm kennen gelernt ... "Kommt Jason auch zu der Gedenkfeier?" fragte sie aus ihren Gedanken heraus. Meg schüttelte bedauernd den Kopf. "Er hat gerade einen Praktikum-Platz am Los Angeles General Hospital angenommen und konnte so schnell keinen Urlaub bekommen." "Schade ..." Alison versuchte sich ihre Enttäuschung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Sie hätte ihren Spielkameraden und Freund aus Kinder- und Jugendtagen gerne einmal wiedergesehen. "Aber Mallory wird da sein," unterbrach Meg ihre Gedanken. "Das ist schön," sagte Alison geistesabwesend und versuchte sich krampfhaft an Jason's jüngere Schwester zu erinnern. Mallory war damals erst 13 Jahre alt gewesen, als Alison Sunset Beach verlassen hatte, und sie beide hatten damals nur wenig Gemeinsamkeiten gehabt. Im Gegensatz zu Alison, die damals schon sehr genau wusste, was sie wollte, war Mallory noch ein richtiges Kind gewesen. "Sie übernachtet heute bei einer Freundin. Du wirst sie dann morgen bei der Trauerfeier sehen," sagte Meg. "Was macht Mallory jetzt?" fragte Alison, obwohl es sie eigentlich nicht wirklich interessierte. Meg seufzte. "Sie hat einen Job als Aushilfe im "Java Web" angenommen," sagte sie. Alison sah sie überrascht an. "Das existiert noch nach sovielen Jahren?" fragte sie verwundert. Meg nickte. "Ja, anscheinend gibt es noch viele Leute, die keinen eigenen PC zuhause haben." Meg atmete tief durch. "Sie will das nur vorübergehend machen," sagte sie zur Erklärung. "Mallory's eigentliches Berufsziel ist ein anderes ..." Sie schaute Alison an und schmunzelte. "Was denn?" fragte Alison, nun doch neugierig geworden. "Sie will nach Hollywood gehen und Schauspielerin werden," entgegnete Meg. Alison hielt überrascht die Luft an. Sie konnte sich das pummelige, hässliche Entlein nun wirklich nicht als Schauspielerin vorstellen. Meg lächelte, als sie Alison's skeptischen Blick bemerkte. "Ich hole Dir jetzt frisches Bettzeug, und dann kannst Du Dich gleich hinlegen," wechselte sie abrupt das Thema. "Du bist sicher müde, und morgen können wir ja auch noch reden," fügte sie hinzu. Alison sah sie dankbar an. "Ja, morgen können wir auch noch reden," sagte sie nachdenklich. Nachdem Meg das Bett bezogen und sich verabschiedet hatte, zog Alison das Nachthemd über, dass ihre Tante ihr geliehen hatte. Sie hatte ihre Koffer in einem der Schließfächer im Flughafengebäude deponiert und wollte sie erst am nächsten Tag dort abholen. Alison zog die Bettdecke über sich, knuffte ihr Kissen zurecht und kaum das sie die Augen geschlossen hatte, war sie schon eingeschlafen.
Als Alison am nächsten Morgen erwachte, wusste sie anfangs gar nicht, wo sie sich befand. Sie schaute sich im Raum um, und mit einem Mal kam die schmerzvolle Erinnerung zurück, weshalb sie hier war. Sie sprang aus dem Bett und zog sich schnell ihr Kostüm vom Vortag wieder an. Als sie die breite Treppe nach unten ins Wohnzimmer hinunterging, stieg ihr schon ein köstlicher Duft von Kaffee und frischen Brötchen in die Nase. Sie ging dem Geruch nach und stand schließlich auf der Veranda, von der aus man einen traumhaft schönen Blick auf das Meer hatte. "Alison, Du bist ja schon fertig angezogen," begrüßte sie ihre Tante und sah sie überrascht an. "Dann setz' Dich doch gleich hin und bediene Dich." Sie wies auf den üppig gedeckten Tisch. "Danke, aber ich nehme nur ein Croissant," sagte Alison und nahm platz. Während Meg ihr Kaffee einschenkte, setzte sie sich ebenfalls. "Erzähl' mir doch ein bisschen von Paris," forderte sie ihre Nichte auf. "Nun da gibt es nicht viel zu erzählen," begann Alison und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. "Ich lebe seit sieben Jahren dort, arbeite bei einer bekannten französischen Agentur als Model und verdiene mir nebenher noch etwas Geld mit meiner Malerei." Meg sah sie überrascht an. "Du malst?" fragte sie erstaunt. Alison nickte. "Ja, und einige meinen sogar, nicht mal schlecht." Sie bekam einen sehnsüchtigen Ausdruck. "Paris ist eine der schönsten Städte die ich kenne und sicher auch eine der romantischsten. Viele Künstler ließen sich schon dadurch inspirieren." "Hast Du einen Freund?" fragte Meg neugierig. Alison lächelte. "Ja, er heißt Olivier und ist von Beruf Fotograf. Wir lernten uns vor zwei Jahren bei einem Fotoshooting kennen, und seitdem sind wir ein Paar." "Das hört sich nach der berühmten 'Liebe auf den ersten Blick' an," sagte Meg sehnsüchtig. Alison runzelte die Stirn. "Wie bei Onkel Ben und Dir?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich denke was Olivier und mich verbindet ist nicht die grosse Liebe ..." Sie räusperte sich. "Eher eine gute, zweckmäßige Verbindung. Wir ergänzen uns geradezu perfekt ..." Meg sah sie skeptisch an. "Ich glaube nicht mehr an die große Liebe," sagte Alison nüchtern," nachdem ich nur schlechte Erfahrungen gemacht habe." Meg sah sie vorwurfsvoll an. "Kind, Du bist doch erst 25 Jahre alt ... Dein Leben fängt doch gerade erst an." Sie schaute nachdenklich zum Strand hinunter. "Wahrscheinlich bist Du dem Richtigen nur noch nicht begegnet," sagte sie geheimnisvoll und lächelte. Alison verzog das Gesicht. "Ja, vielleicht ... aber wechseln wir lieber das Thema. ... Was macht Onkel Ben?" Meg seufzte. "Er ist gerade dabei, alles für die Gedenkfeier Deiner Eltern vorzubereiten. Der Tod seines Bruders hat ihn schwer getroffen, und der Tod Deiner Mutter natürlich auch," fügte sie schnell hinzu. Alison sah Meg nachdenklich an. "Wissen Grandma und Grandpa schon bescheid?" fragte sie. Meg nickte. "Sie kommen extra aus Kansas, um an der Trauerfeier teil zu nehmen," sagte sie leise. Alison sah Meg fragend an. "Wo soll denn die Trauerfeier überhaupt stattfinden?" fragte sie interessiert. Meg stand auf und schaute über das Geländer zum Meer hinüber. "Im "Deep"," sagte sie dann leise. Alison riss überrascht die Augen auf. "Du meinst, die Trauerfeier findet in Dad's ehemaligen Nachtclub statt?" Sie runzelte die Stirn. "Aber ich dachte, daß das Gebäude schon seit Ewigkeiten leer stehen würde." Meg nickte. "Ja, aber wir alle fanden, dass kein Ort besser dafür geeignet wäre, um sich von Deinen Eltern zu verabschieden, als das "Deep"." Alison sah ihre Tante liebevoll an. "Mom und Dad hätten sich auch keinen schöneren Ort dafür wünschen können, um sich von ihren Freunden und der Familie zu verabschieden." Alison fühlte plötzlich eine tiefe Traurigkeit. Meg sah sie mitfühlend an. "Alison, ich weiß, daß wir Dir niemals die Familie ersetzen können, aber Du kannst mit Deinen Sorgen und Problemen jederzeit zu uns kommen." sagte sie leise. Alison zwang sich zu einem Lächeln. "Danke, Meg." Die beiden Frauen umarmten sich. Alison's Blick fiel auf ihre Armbanduhr. Erschrocken sprang sie auf. "Wenn ich mich jetzt nicht beeile, zum Flughafen zu kommen, werde ich noch nackt an der Gedenkfeier teilnehmen müssen." Alison stand auf und gab ihrer Tante einen Abschiedskuss. "Ich werde pünktlich wieder hier sein," versprach sie und verließ das Haus.
Alison drückte dem Taxi-Fahrer einen 20 Dollar-Schein in die Hand und stieg aus. Während sie auf den Eingang zur Flughafenhalle zusteuerte, wunderte sie sich über die vielen Polizei-Fahrzeuge, die vor dem Gebäude standen. Vor der Tür stand ein Polizist, der den Schirm seiner Mütze tief ins Gesicht geschoben hatte, so daß man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Als Alison den Eingang passieren wollte, hielt er sie auf. "Entschuldigen Sie, Miss, aber Sie dürfen hier nicht durch," sagte er knapp. Alison sah ihn irritiert an. "Aber ich muss dort hinein," sagte sie eindringlich und mit einem flehenden Blick. "Meine ganzen Sachen sind in einem der Schließfächer. Ich bin erst gestern hier angekommen und habe meine Koffer dort deponiert." Sie verlegte sich auf's Betteln. "Bitte, machen Sie doch eine Ausnahme! Ich werde mich auch wirklich beeilen." Unnachgiebig schüttelte er den Kopf. "Es tut mir sehr leid, aber ich habe meine Anweisungen ..." Er sah sie genauer an und runzelte plötzlich die Stirn. "Alison Evans?" fragte er überrascht. Alison nickte langsam. "Ja, Sir ... und mit wem habe ich das Vergnügen?" fragte sie irritiert. Der Polizist lüftete seine Mütze, und Alison schaute in ein ihr bekanntes Gesicht. "Mr. Torres ... Ricardo Torres?" fragte sie erstaunt, als sie ihn erkannte. "Das ist eine Überraschung!" Er lächelte. "Ja, die Welt ist wirklich klein ..." Er unterbrach den Satz und schaute sie nachdenklich an. "Du bist bestimmt wegen der Trauerfeier hier, nicht wahr?" Alison senkte den Kopf und nickte. Er sah sie mitfühlend an. "Meine Familie und ich sind bestürzt über das, was geschehen ist," sagte er traurig. "Wir fühlen mit Dir!" Seine Anteilnahme rührte sie. "Vielen Dank," sagte Alison leise. "Werden Sie auch an der Trauerfeier teilnehmen?" fragte sie, um die beklemmende Stille, die plötzlich entstand, zu unterbrechen. Er nickte. "Ja, Gabi, Luisa und ich werden auf jeden Fall dort sein." antwortete er. Luisa! Für einen Moment vergaß Alison, warum sie nach Sunset Beach zurückgekehrt war. Sie freute sich schon auf ein Wiedersehen mit ihrer einst besten Freundin aus Jugendtagen. Luisa und Alison waren als Kinder unzertrennlich gewesen, doch ein schwerer Schicksalsschlag in der Familie hatte ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Luisa's jüngerer Bruder, Roberto, war vor 9 Jahren bei einem Badeunglück tödlich verunglückt und ihre Mama Gabi, hatte daraufhin zur Flasche gegriffen. Es war damals Luisa zu verdanken gewesen, dass ihre Mutter nicht in ein Sanatorium gekommen war. Luisa war damals zwar erst 15 Jahre alt gewesen, aber sie hatte ihrer Mutter in dieser schweren Zeit immer zur Seite gestanden. Alison riss sich von ihren Erinnerungen los. "Warum darf denn niemand das Flughafengebäude betreten?" fragte sie, das Thema wechselnd. Ricardo sah sie nachdenklich an. "Wir haben eine Bombendrohung erhalten," gab er ihr zur Antwort. Alison sah ihn entsetzt an. "Das ist ja schrecklich!" sagte sie fassunglos. "Wer tut denn so was?" Er schüttelte den Kopf. "Wir wissen leider gar nichts über die Drahtzieher," sagte er bedauernd," der Anruf ging anonym ein." "Ach so ..." Alison sah ihn an. "Und was mache ich jetzt?" fragte sie verzweifelt. "Ich habe nichts zum Anziehen," fügte sie erklärend hinzu, "wenn ich nicht an meine Koffer komme." Ricardo sah sie nachdenklich an. "Vielleicht kann Dir Mallory ja etwas für die Trauerfeier leihen," schlug er vor. Alison sah ihn entgeistert an. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass Mallory etwas in ihrem Kleiderschrank hatte, was ihr erstens gefallen und zweitens auch noch passen würde. "Ja, danke für den Tipp," sagte Alison müde und seufzte. Anscheinend war hier wirklich nichts zu machen. Sie musste wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und sich irgendwo ein Kleid für den Nachmittag leihen. "Wir sehen uns dann später," sagte sie und hob die Hand zum Abschied. Alison winkte sich ein Taxi heran und stieg ein. "Bringen Sie mich bitte zur Ocean Avenue 1303," sagte sie zu dem Fahrer, der dann auch sogleich Gas gab und das Flughafengelände verließ.
Meg war erstaunt, als Alison mit leeren Händen wiederkam. Diese erzählte ihr in allen Einzelheiten, was sich am Flughafen zugetragen hatte und ließ auch nicht aus, ihr von ihrem Wiedersehen mit Ricardo Torres zu erzählen. "Ricardo und seine Frau werden auch heute nachmittag im "Deep" sein," sagte Meg und schaute Alison an. "Ja, ich weiß, und Luisa kommt auch," sagte Alison erfreut. Meg lächelte. "Sie engagiert sich hier sehr für die Obdachlosen, neben ihrer Haupttätigkeit als Kinderkrankenschwester," sagte Meg, und Alison hörte Bewunderung aus ihrer Stimme. Alison nickte. "Luisa und ich haben uns zwar schon ewig nicht mehr gesehen, aber wir haben über die ganzen Jahre Briefkontakt gehalten." Meg sah sie nachdenklich an. "Dann wollen wir doch mal schauen, ob wir etwas passendes zum Anziehen für Dich finden," wechselte sie das Thema. Sie ging zur Treppe und rief den Namen ihrer Tochter in die oberste Etage hinauf. "Mallory!" Alison sah neugierig die Treppe hinauf. Es dauerte einen Moment bevor sich eine Gestalt auf der obersten Treppenstufe zeigte. "Komm' Schatz, begrüsse unseren Gast," forderte Meg ihre Tochter auf. Als Mallory dann die Treppe herunterkam, musste Alison zweimal hinschauen, um ihre Cousine zu erkennen. Mallory hatte sich in den sieben Jahren von einem hässlichen Entlein in einen schönen Schwan verwandelt. Für einen Moment war Alison sprachlos. "Mallory ...?" stieß sie dann fassungslos hervor, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. Mallory lächelte. "Hi Alison! Mom hat mir schon erzählt, daß Du bei uns wohnen wirst," sagte sie, weil ihr einfach nichts besseres einfiel. Alison schüttelte den Kopf. "Ich hätte Dich ja beinahe nicht wiedererkannt," gestand sie. Mallory warf ihren Kopf zurück, und ihre dunkelbraunen Locken fielen ihr dabei wie ein Schleier über die Schultern. "Ja," sagte sie grinsend," die Zahnspange ist weg, und hier ..." sie griff sich an die Hüften," sind wohl auch gut 20 Pfund weniger." Meg unterbrach die Wiedersehensfreude der beiden. "Kinder, entschuldigt mich bitte, ich muß noch ein paar Erledigungen machen," sagte sie. "Wir sehen uns dann im "Deep" um 16 Uhr." Mallory und Alison nickten. Alison konnte es nicht lassen, Mallory immer wieder bewundernd anzuschauen. "Du hast Dich sehr zu Deinem Vorteil verändert," sagte sie. "Danke," erwiederte Mallory verlegen. "Es freut mich, daß so ein Kompliment ausgerechnet von Dir kommt," fügte sie leise hinzu. Alison sah sie überrascht an. "Wieso das?" fragte sie neugierig. Mallory senkte den Kopf. "Das ist mir jetzt irgendwie peinlich," sagte sie," aber Du warst schon immer mein grosses Vorbild." Alison riß erstaunt die Augen auf. "Ich?!" fragte sie überrascht. Mallory schaute hoch und nickte. Alison sah sie verwirrt an. "Ich beneide Dich darum, daß Du es geschafft hast, Deinen eigenen Weg zu gehen," fügte Mallory erklärend hinzu. Alison verzog das Gesicht. "Ja, aber sehr viele Dinge sind dabei auf der Strecke geblieben," stieß sie bitter hervor. Mallory sah sie mitfühlend an. "Es tut mir leid," sagte sie leise. "Ich wollte keine alten Wunden aufreissen." Alison lächelte gezwungen. "Ist schon in Ordnung," sagte sie. "Man sollte nicht so viel über vergangenes nachdenken." Sie wechselte schnell das Thema. "Könntest Du mir für heute nachmittag ein Kleid von Dir borgen?" fragte Alison. "Meine Koffer sind leider immer noch am Flughafen, und der ist geschlossen wegen einer Bombendrohung." fügte sie resigniert hinzu. Mallory schlug die Hände vor den Mund. "Ach herrje," stieß sie hervor, "Sachen gibt's." Sie nahm Alison an die Hand. "Laß' uns nach oben gehen und mal in meinem Kleiderschrank nachsehen, ob ich was passendes für Dich habe. Wäre doch gelacht," fügte sie grinsend hinzu," wenn wir nichts finden würden, oder?"
Eine Stunde später hatte Mallory endlich ein passendes Kleid für Alison gefunden, welches auch dem Anlaß entsprechend war, und nun stand diese ihr gegenüber und wartete gespannt auf eine Reaktion. "Und," fragte Alison und sah an sich herunter," wie sehe ich aus?" Mallory ging ein paar mal um Alison herum und betrachtete sie kritisch. "Warte mal, hier muß irgendwo ein Spiegel sein," sagte sie und zerrte aus einer Ecke einen grossen Wandspiegel. "Ich habe ihn erst kürzlich auf dem Trödelmarkt günstig erstanden und noch keine Zeit gehabt, ihn anzubringen," sagte sie entschuldigend. Alison lächelte, doch ihr Lächeln erstarrte, als sie ihr Spiegelbild sah. "Mein Gott ..." entfuhr es ihr. Das bodenlange, schwarze Samtkleid ließ ihre ohnehin helle Haut noch blasser erscheinen und die winzigen Sommersprossen auf ihrer Nase noch besser zur Geltung kommen. Mallory kratzte sich am Kopf. "Du siehst aus, wie ..." begann sie und suchte nach einer passenden Formulierung. " ... wie die Braut von Graf Dracula!" beendete Alison den Satz und verzog das Gesicht. "Nein," stieß sie dann hervor," so kann ich unmöglich auf die Trauerfeier meiner Eltern gehen!" Mallory schmunzelte. "Es tut mir leid, aber ich habe leider nichts anderes." Alison stöhnte. "Bei welchem Anlass hast Du denn dieses Gruftie-Outfit getragen?" fragte sie und runzelte die Stirn. Mallory fuhr sich mit der Hand durch ihre braunen Locken. "Gute Frage ... Ich kann mich nicht mehr erinnern." sagte sie und zuckte mit den Schultern. "Kein Wunder!" sagte Alison sarkastisch. Mallory grinste. "Du könntest auch einfach nackt gehen," schlug sie vor und rollte theatralisch mit den Augen. Alison verkniff sich ein Lachen. "Ein tolle Idee, wirklich," sagte sie und grinste. Sie straffte die Schultern und drehte sich noch einmal vor dem Spiegel hin- und her. "Es wird schon gehen für diesen einen Nachmittag," sagte sie dann und seufzte. Auf Mallory's Gesicht zeigte sich ein zufriedenes Lächeln. "Prima," sagte sie und rieb sich die Hände," das hätten wir also." Sie sah Alison nachdenklich an. "Und was machen wir jetzt bis 16 Uhr?" fragte sie. Alison erwiderte ihren Blick. "Was hältst Du von einem Strandspaziergang?" fragte sie und sah Mallory erwartungsvoll an. Mallory lächelte. "Eine super Idee," sagte sie zustimmend," dann kann ich Dir unterwegs auch gleich ein bisschen etwas von meinen Zukunftsplänen erzählen," fügte sie grinsend hinzu. Alison sah an sich herunter. "Kannst Du mir vielleicht noch eine Bluse und kurz Hose leihen?" fragte sie hoffnungsvoll. Mallory nickte, und nachdem Alison sich umgezogen hatte, verließen die beiden Frauen das Haus zu einem kurzen Strandspaziergang.