Kapitel 06
Die Zeit verging wie im Fluge während
ihres Spazierganges. Alison erzählte Mallory von ihrem Leben in Frankreich, und
von ihrer Cousine erfuhr sie alles über deren Pläne, Schauspielerin zu werden.
Als sie das Haus betraten fiel Alison's Blick auf die Wanduhr. "Wir müssen uns
jetzt aber wirklich beeilen," sagte sie. "In zwei Stunden beginnt schon
die Trauerfeier." Schnell rannten beide nach oben in Mallory's Zimmer und zogen
sich um. Mallory hatte eine weiße Bluse und einen knielangen, schwarzen Rock
ausgewählt, der ihre schlanke Figur vorteilhaft betonte. Obwohl sich Alison in
dem rabenschwarzen Samtkleid nach wie vor nicht wohl fühlte, versuchte sie das
beste aus der Situation zu machen, indem sie ihrem blassen Teint durch einen
Tupfer Schminke etwas Farbe verlieh. Mallory half ihr beim Frisieren, und
nachdem Alison fertig angezogen, geschminkt und frisiert war, betrachtete sie
sich wohlwollend im Spiegel. Ihre rotblonden Haare, die in ihrer vollen Länge
bis über die Schulterblätter reichten, hatte sie kunstvoll hochgesteckt, und nur
an den Seiten fielen einige Strähnchen locker herab. Das Make Up hatte auf ihre
Wangen einen Hauch von rose gezaubert, und die kräftig getuschten Wimpern
brachten ihre grün-braunen Augen noch besser zur Geltung. Mallory schnalzte
anerkennend mit der Zunge. "Alison, Du siehst einfach anbetungswürdig
aus!" entfuhr es ihr. Alison lächelte. "Du aber auch," sagte sie, während sie
Mallory musterte. Mallory zupfte an ihrem Rock herum. "Danke, aber Dir kann ich
doch niemals das Wasser reichen," sagte sie verlegen. Alison sah sie entrüstet
an. "Ich gehe jetzt nicht auf den Laufsteg, sondern auf die Totenfeier meiner
Eltern!" sagte sie leicht pikiert. Mallory schaute beschämt zu Boden. "Ja,
natürlich ... tut mir leid, so hatte ich es auch nicht gemeint," sagte sie zu
ihrer Entschuldigung. Alison zwang sich zu einem Lächeln. "Können wir gehen?"
fragte sie und sah Mallory erwartungsvoll an. Diese nickte, und gemeinsam
machten sie sich auf zum "Deep".
Je weiter sie sich dem Ort der
Trauerfeier dann näherten, desto nervöser wurde Alison. Mallory spürte Alison's
Anspannung und nahm ihre Hand und drückte sie. "Es wird schon alles gut werden,"
sagte sie tröstend, obwohl sie wusste, daß es nur eine Floskel war. Zögernd
betraten die beiden Frauen dann das "Deep" und gingen die Treppe hinunter.
Alison hatte das Gefühl, als ob plötzlich alle Augen auf sie gerichtet wären,
und sie verspürte eine seltsame Befangenheit. Als sie unten angekommen waren sah
Alison sich um. Inmitten der ehemaligen Tanzfläche waren einige Tische und
Stühle aufgebaut worden, und auf jedem einzelnen Tisch stand ein Blumengesteck.
"Rote Rosen," ging es Alison durch den Kopf. "Die Lieblingsblumen von Mom ..."
Sie schluckte und wandte ihren Blick zur anderen Seite. Dort, wo ursprünglich
einmal die Bar gewesen war, hatte man eine Art Podest aufgebaut, welches
ebenfalls mit Blumen verziert war. "Wie in einer Kirche," dachte Alison. "Jetzt
fehlen nur noch die Särge ..." Sie fröstelte. Es hätte vieles einfacher gemacht,
wenn sie ihre Eltern noch einmal hätte sehen können, doch ihre kalten, leblosen
Körper lagen für immer auf dem Meeresgrund. "Alison?" Mallory riß sie aus ihren
Gedanken. "Dort drüben sind Mom und Dad. Komm', laß uns rübergehen." Widerwillig
folgte Alison ihr. Wie gebannt starrte sie dann auf Alison's Vater, der gerade
dabei war, das Mikrophon auszurichten. Als er sah, wie die beiden näher kamen,
unterbrach er seine Arbeit und lächelte Alison an. "Hallo, Alison," begrüßte er
sie freundlich. "Ich freue mich, daß ich Dich nun auch einmal persönlich zu
Gesicht bekomme, wo Meg," er wies zu seiner Frau hinüber," schon so viel von
Eurem Wiedersehen erzählt hat." "Onkel ... Ben," stammelte Alison, den Blick
nicht von ihm nehmend. Irritiert sah er sie an. "Alison, ist alles in Ordnung
mit Dir?" fragte er besorgt. Sie wischte sich mit der Hand über die Augen und
seufzte. "Entschuldige, es ist weil ..." sie suchte nach Worten," ... weil Du
..." Ben unterbrach sie. "Weil ich wie Dein Dad aussehe?" fragte er und sah sie
dabei verlegen an. Alison schluckte. "Ja, ... es ist ... es war ein ... Schock
..." Die Stimme versagte ihr, und eine Träne rollte die Wange hinunter. "Es tut
mir leid," sagte Ben leise. "Ich habe nicht daran gedacht, wie mein Erscheinen
auf Dich wirken muß." Alison rieb sich vorsichtig die Nase. "Es ist in Ordnung,"
sagte sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte," es war nur der erste Moment
..." Ben sah sie mitfühlend an. Mallory, die die ganze Szene beobachtet hatte,
mischte sich ein. "Jetzt sollten wir aber vielleicht erst einmal die anderen
begrüssen," sagte sie und zog Alison am Arm zu einer kleinen Gruppe von Leuten
hinüber, die sich gerade alle untereinander angeregt unterhielten.
Alison konnte sich nach einer Stunde
Händeschütteln kaum noch an alle Leute erinnern, die ihr ihr tiefstes Beileid
ausgedrückt und sie tröstend in den Arm genommen hatten. In ihrem Kopf schwirrte
es, und sie verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz in ihren Schläfen. "Ich
wußte gar nicht, daß Mom und Dad so beliebt waren," sagte sie zu Mallory, die
ständig an ihrer Seite geblieben war. "Oh ja," sagte diese und fuhr sich durch
ihre Locken," Tante Sara und Onkel Derek waren in vielen verschiedenen Vereinen,
und außerdem war er langezeit der Besitzer des "Deep" und des "Java Web". Sie
kratzte sich am Kopf. "Ich denke, daß sie sich über mangelnde Freundschaften
nicht beschweren konnten," fügte sie hinzu. Alison sah sich in dem stetig voller
werdenden "Deep" um. "Nein," sagte sie nachdenklich," daran mangelte es ihnen
sicher nicht." Sie reckte den Hals und schaute über die Menschenmenge zur Treppe
hinüber. "Suchst Du was?" fragte Mallory neugierig, der Alison's suchender Blick
nicht entgangen war. Alison seufzte. "Ich dachte, daß Mr. Torres auch kommen
wollte," sagte sie etwas enttäuscht. Mallory zuckte mit den Schultern. "Er wird
schon noch kommen," sagte sie, und genau in diesem Augenblick kam die
Torres-Familie die Treppe herunter.
Alison's Herz machte einen
freudigen Sprung, als sie ihre Freundin Luisa sah. Die Blicke der beiden trafen
sich, und Luisa ging auf Alison zu und umarmte sie. "Willkommen in Sunset
Beach," sagte sie leise. Alison schluckte und drückte ihre Freundin fest an
sich. Während die beiden Freundinnen sich immer noch im Arm hielten, hörten sie
plötzlich ein Räuspern hinter sich. "Luisa, nun laß' Alison doch erst einmal zu
Atem kommen!" sagte Ricardo tadelnd zu seiner Tochter. Luisa rückte etwas von
Alison weg und schaute verlegen auf den Boden. "Entschuldige," sagte
sie," die Wiedersehensfreude hat mich einfach übermannt." Alison sah Luisa
genauer an. Sie hatte sich kaum verändert, seitdem sie sich das letzte Mal
gesehen hatten. Luisa hatte ihr schulterlanges, schwarzes Haar zu einem
Pferdeschwanz hochgebunden, und sie trug zu ihrer dunkelblauen Bluse eine weisse
Hose. Luisa war, was Mode anging, immer schon sehr zurückhaltend gewesen, und
Alison konnte sich auch nicht erinnern, daß jemals ein Hauch von Make Up auf
ihrem Gesicht gewesen wäre. Aber es gab etwas an Luisa, was Alison immer schon
sehr gefallen hatte: Ihre entwaffnende Ehrlichkeit. Anscheinend hatte auch Luisa
ihre Freundin genauer betrachtet, denn Alison spürte Luisa's bewundernden Blick.
"Wow, Alison, Du bist ja wirklich eine Schönheit geworden," sagte sie und
lächelte. Alison seufzte. "Wenn mir heute noch einer sagt, wie toll ich
aussehe, werde ich noch ganz eingebildet." Sie lächelte. Alison drehte sich um,
weil sie Mallory's bohrenden Blick in ihrem Rücken spürte. "Mallory, Du kennst
Luisa doch sicher, oder?" Mallory warf nur einen kurzen Blick zu Luisa hinüber
und wandte sich dann wieder ab. "Ja, sicher ... Hi, Luisa," grüsste sie knapp.
Alison schaute irritiert zwischen den beiden jungen Frauen hin und her. Ihr war
Mallory's abweisender Blick nicht entgangen, und sie fragte sich, was zwischen
den beiden vorgefallen war. "Entschuldige mich, Alison," sagte Mallory spitz,"
aber ich muß mich jetzt wieder um unsere Gäste kümmern." Kaum gesagt rauschte
sie auch schon davon. Verwirrt sah Alison Luisa an. "Was ist denn los?" fragte
sie. Luisa seufzte. "Eine lange Geschichte, die ich Dir vielleicht irgendwann
mal erzähle," sagte sie und wandte sich ihrer Mutter zu. "Mama, Du kannst
Dich doch sicher noch an Alison erinnern?" fragte sie. Gabi Torres schaute
Alison verwirrt an. "Nein, ich denke ... ich weiß nicht ..." stammelte diese und
runzelte die Stirn. Alison sah sie mitleidig an. Seitdem sie Luisa's Mutter das
letzte Mal gesehen hatte, schien sich nicht viel an ihrem Zustand verändert zu
haben. Sie litt anscheinend immer noch unter Gedächtnisausfällen, wohl bedingt
durch den jahrelangen Alkoholkonsum. "Mrs. Torres," sagte Alison und ergriff
ihre knöcherne Hand," ich bin Derek und Sara Evans' Tochter, Alison." Für einen
Moment erschien in ihrem faltigen Gesicht ein Lächeln. "Ach ja ..." sagte sie
und verschränkte ihre Arme vor ihrem ausgemergelten Körper. Luisa seufzte. "Du
mußt sie entschuldigen," sagte sie. "Meine Mama hat heute wieder einen ihrer
schlechten Tage." Alison nickte. "Den haben wir heute wohl alle ," sagte sie
leise. Luisa nahm Alison's Hand und drückte sie fest. "Mein Onkel Antonio wird
nachher noch ein Gebet für Deine Eltern sprechen," sagte sie und wischte Alison
vorsichtig eine Träne von der Wange. Alison seufzte. Nervös schaute sie auf die
Uhr. Wenn es doch nur endlich losgehen würde! Die Hitze und die schlechte Luft
machten ihr zu schaffen, und sie verspürte plötzlich wieder diese rasenden
Kopfschmerzen. Ein Gefühl von Panik stieg in ihr hoch. "Bitte, entschuldige mich
einen Moment," sagte sie zu Luisa, die sich daraufhin wieder ihrer Mutter
zuwandte. Alison bahnte sich hektisch einen Weg durch die Menschenmenge. Auf der
Treppe zog sie ihre Pumps aus, stieß dann die Tür auf und rannte, so schnell es
ihr Kleid zuließ, los. Sie hatte kein bestimmtes Ziel vor Augen, sie wollte dem
ganzen Trubel einfach nur entfliehen. Als sie den Strand erreicht hatte, blieb
sie schweratmend stehen. Sie spürte, wie eine leichte Brise vom Meer her zum
Festland hinüber wehte und wurde unweigerlich an die Legende von Sunset Beach
erinnert.
>>Wenn die Sonne untergeht und die
Santa Anna Winde aufkommen wird die erste Person, die du am Ende des Piers sehen
wirst, diejenige sein, die das Schicksal für deine Zukunft bestimmt hat.<<
Alison schaute zum Himmel hinauf, der sich
schon leicht golden verfärbt hatte und seufzte. Geistesabwesend fuhr sie sich
mit einer Hand durch's Haar. Die Nadeln, mit denen sie ihr Haar hochgesteckt
hatte lösten sich und fielen in den weichen Sand. Während ihr die Tränen über's
Gesicht strömten, schaute sie gedankenverloren in die schäumenden Wellen.
"Genauso muß es damals gewesen sein,
als Armando Deschanel der Lady in Black begegnete ..." hörte Alison plötzlich
eine Stimme hinter sich.
Erschrocken fuhr Alison herum und starrte in das Gesicht einen jungen Mannes. Er war hochgewachsen, von schlanker Gestalt und trug sein volles, dunkelbraunes Haar zum Seitenscheitel gekämmt. Einige widerspenstige Strähnen fielen ihm in die Stirn und verliehen seinem markanten Gesicht einen jungenhaften Ausdruck. Er erwiderte ihren Blick, und seine blauen Augen schienen bis tief in ihre Seele hineinschauen zu können. "Hallo Alison!" begrüßte er sie. Alison stand wie angewurzelt, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen und starrte ihn die ganze Zeit nur an. Der junge Mann runzelte die Stirn. "Erkennst Du mich denn nicht?" fragte er verwundert. Alison hob ihre Hand und strich sich durch ihr zerzaustes Haar. "Jason?!" stieß sie dann mit ungläubigem Erstaunen hervor. Er lächelte. "Das hat aber lange gedauert," sagte er und sah sie vorwurfsvoll an. Er schaute an sich herunter. "Habe ich mich denn in den sieben Jahren so verändert?" fragte er erstaunt. Alison kniff die Augen zusammen, weil sie immer noch nicht glauben konnte, dass er wirklich vor ihr stand. "Was - was machst Du hier?" stotterte sie. Jason runzelte die Stirn. "Das wollte ich Dich gerade fragen," entgegnete er. "Als ich vorhin mein Auto parkte, sah ich, wie eine Frau in einem schwarzen Kleid aus dem "Deep" stürzte und zum Strand hinüber lief." Er sah sie nachdenklich an. "Ich war neugierig und bin Dir gefolgt," versuchte er sein plötzliches Auftauchen zu rechtfertigen. "Als ich Dich dann hier stehen sah, mit wehendem Haar und diesem sehnsüchtigen Blick zum Meer hinüber, dachte ich wirklich einen Moment, dass die "Lady in Black" wieder auferstanden wäre." Er schmunzelte. "Als ich dann näher kam, erkannte ich jedoch, dass Du aus Fleisch und Blut bist," sagte er grinsend. Alison sah ihn überrascht an. "Woran hast Du mich erkannt?" fragte sie unsicher. Jason schob seine Hände in die Taschen seines dunkelblauen Jackets. "Deine Eltern hatten auf ihrem Kaminsims ein Foto von Dir stehen," sagte er leise. "Außerdem hat Deine Mutter alles aus Zeitschriften über Dich gesammelt." Er sah Alison an. "Sie hat Deinen ganzen Lebensweg als Model verfolgt und jeden Schnipsel aufgehoben." Alison sah ihn fassungslos an. "Mom hat Zeitungsausschnitte über mich gesammelt?" fragte sie ungläubig. Jason nickte. "Ja," sagte er knapp. Er schaute auf's Meer hinaus. "Tante Sara hat es nie wirklich verwunden, dass Du aus Sunset Beach fortgegangen bist," sagte er und sah ihr dabei tief in die Augen. "Wir waren damals alle sehr traurig ..." fügte er nachdenklich hinzu. Alison kämpfte mit den Tränen. Aus einem Impuls heraus streckte Jason seine Hand aus und berührte leicht Alison's Wange. Ihre Blicke trafen sich, und sie spürte eine merkwürdige Spannung. Schnell senkte sie den Blick. "Deine Mom hat erzählt, daß Du jetzt in Los Angeles Medizin studierst," sagte sie schnell, um das Thema zu wechseln. Jason nickte. "Ja, und eigentlich wäre ich auch heute nicht hier, wenn nicht ein Kommilitone von mir den Krankenhausdienst mit mir getauscht hätte." Er zog aus seiner Jacket-Tasche ein Taschentuch und reichte es Alison. "Danke!" Sie tupfte sich vorsichtig die Augen damit und gab es ihm dann wieder zurück. "Wie bist Du überhaupt zur Medizin gekommen?" fragte sie neugierig. Jason sah sie lange und nachdenklich an. "Das war schon immer mein heimlicher Wunsch," gestand er ihr. "Deine Mom hat mir bei der Entscheidung sehr geholfen," fügte er hinzu. Alison sah ihn fragend an. "Wie denn das?" fragte sie überrascht. Jason räusperte sich. "Nun ja, mein Dad wollte natürlich, dass ich bei ihm, in der Liberty Corporation, einsteige, aber ..." Er strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. " ... aber ich bin einfach kein knallharter Geschäftsmann, so wie er," beendete er den Satz. Er schüttelte den Kopf. "Mein Dad ist wirklich aus allen Wolken gefallen, als ich ihm dann erzählte, dass ich Medizin studieren würde." Jason schüttelte traurig den Kopf. "Es gab damals einen ziemlich heftigen Streit zwischen uns," erzählte er weiter," und Mom hielt sich natürlich mal wieder aus allem heraus," fügte er ironisch hinzu. Sein Blick wanderte zum Meer hinüber. "Die einzige, die mich damals wirklich verstanden und mich vor meinen Eltern verteidigt hat, war Tante Sara," sagte er leise. Alison hatte ihm die ganze Zeit interessiert zugehört und sah ihn nun mit großen Augen an. "Ich bin wirklich überrascht," sagte sie. "Ich entdecke immer neue Seiten an meinen Eltern, von denen ich bisher keine Ahnung hatte," gab sie zu. Plötzlich erinnerte sie sich wieder, weshalb sie überhaupt hergekommen war. "Die Trauerfeier!" schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. "Mein Gott ..." stöhnte sie und griff sich an die Stirn. "Ich habe doch jetzt tatsächlich die Trauerfeier verpasst!" Jason sah sie mit einer Unschuldsmiene an. "Etwa wegen mir?" Alison schüttelte den Kopf. "Nein, es ist nicht Deine Schuld," sagte sie. "Ich hätte einfach nicht so klammheimlich die Veranstaltung verlassen dürfen." Jason nickte. "Es tut mir leid, wenn ich Dich jetzt in eine peinliche Lage gebracht habe," sagte er zerknirscht. Alison sah an sich herunter. "So," sagte sie verzweifelt, während sie auf ihre nackten Füße schaute," kann ich doch unmöglich im "Deep" erscheinen!" Jason sah sie einen Moment nachdenklich an und zog dann sein Taschentuch wieder hervor. "Ich glaube ich habe eine Idee," sagte er und tauchte das Tuch ins Wasser. Irritiert sah Alison ihm dabei zu. "Was hast Du vor?" fragte sie, doch kaum hatte sie die Frage gestellt, fing er auch schon an, mit dem Tuch an ihren Wangen herumzureiben. Alison zuckte leicht zurück, als sie seine Hände auf ihrer Wange spürte, gestattete ihm aber dann doch, dass er ihr das von Wimperntusche verschmierte Gesicht reinigte. Zufrieden betrachtete Jason danach sein Werk. "Sieht auf jeden Fall besser aus als vorher," sagte er. "Danke," flüsterte Alison leise und versuchte ihre zerzausten Haare mit den Fingern glatt zu kämmen. Sie seufzte. "Wenn ich jetzt noch meine Schuhe wiederfinden würde," sagte sie und verzog das Gesicht," wäre ich fast wieder gesellschaftsfähig." Jason sah sie lächelnd an. "Du würdest auch noch in einem Kartoffelsack gut aussehen," sagte er und sah sie bewundernd an. Alison lachte. "Das wäre jetzt das letzte, was ich anhaben wollte." Jason grinste und hielt ihr dann galant den Arm hin. "Darf ich bitten?" fragte er und sah ihr dabei tief in die Augen. "Gerne," Alison hakte sich bei ihm ein, und während die Sonne langsam unterging, verließen sie beide den Strand.
Ein Raunen ging durch die Menge, als die beiden die Treppe zum "Deep" hinuntergingen. Pater Antonio, der gerade dabei war, seinen Segen über die Toten zu sprechen, unterbrach seine Ausführungen für einen Moment. Alle Augen waren auf Jason und Alison gerichtet, die sich schnell einen freien Tisch suchten und hinsetzten. Alison war die ganze Sache schrecklich peinlich, und sie konnte förmlich den Zorn ihrer Tante und ihres Onkels spüren. Verschämt schaute sie in die Runde, doch die Anwesenden hatten ihren Blick wieder nach vorne gerichtet und lauschten Pater Antonio's Worten. " ... und mit dem Segen, den Gott über uns alle sendet werden auch diese beiden ihren ewigen Frieden finden ... Amen." Er räusperte sich. "Jetzt möchte ich das Wort an jemanden übergeben, der die Tote, Sara Evans, ein ganzes Leben lang begleitet hat - ihre Schwester, Meg. Während Meg dann von ihrem Leben mit Sara berichtete, wanderten Alison's Gedanken in die Vergangenheit. Sie sah ihre Mutter plötzlich wieder vor sich und erinnerte sich an ihre Kindheit zurück. Die Erinnerungen schienen so real, daß Alison plötzlich zu zittern begann. Jason hatte sie die ganze Zeit beobachtet und griff tröstend nach ihrer Hand. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke, und Alison fühlte eine tiefe Geborgenheit. Nachdem auch noch Ben ein paar Worte gesprochen hatte kam die Verabschiedung, und die Gäste verließen das "Deep". Nur die Familie und die engsten Freunde blieben noch. Alison war erleichtert, als die Feier endlich zuende war, und sie sah sich im Raum um. An einem der hinteren Tische sah sie ihre Großeltern sitzen und ging freudig auf sie zu. "Grandma ... Grandpa ... Es ist schön, Euch beide wiederzusehen," sagte Alison und lächelte. "Hattet Ihr einen guten Flug hierher?" fragte sie. Ihre Großmutter starrte sie nur an, während ihr Großvater sich räusperte. "Alison, ... Kind, Du hast Dich sehr verändert," stieß er hervor. Alison war irritiert von der zurückhaltenden Art ihrer Großeltern, hatte sie sie doch immer als offenherzige Menschen in Erinnerung gehabt. Ihr Großvater atmete schwer. "Du siehst wie Deine Mutter aus ..." brachte er schließlich hervor. Alison begriff, warum ihre Großmutter sich so abweisend verhielt. Wahrscheinlich dachte sie, daß sie gerade einem Geist begegnet wäre. Spontan ging sie auf ihre Großmutter zu und nahm sie in den Arm. "Es tut mir so leid," sagte sie und spürte, daß ihr die Tränen in die Augen stiegen. "Alison?" hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Sie drehte sich um und stand Meg gegenüber. "Kann ich Dich einen Moment sprechen?" fragte sie, während sie ihren Eltern einen entschuldigenden Blick zuwarf. Widerwillig folgte Alison ihrer Tante, wissend, daß sie sich nun Vorwürfe anhören durfte, doch nichts dergleichen geschah. Meg sah sie prüfend an. "Ist alles in Ordnung mit Dir?" fragte sie besorgt. "Wir haben uns alle schreckliche Sorgen um Dich gemacht, als Du so plötzlich verschwunden warst," fügte sie hinzu. "Wo bist Du gewesen?" Alison erzählte ihrer Tante von ihren Kopfschmerzen, und das sie nur noch ein wenig Luft schnappen wollte, bevor die Feier begann. Meg hob den Kopf und schaute sich im Raum um. "Ich habe gesehen, daß Ihr Euch getroffen habt ... Du und Jason," sagte sie und lächelte. "Dieser Schlingel hat mir gar nicht erzählt, daß er doch an der Trauerfeier teilnehmen würde," sagte sie vorwurfsvoll. Sie seufzte. "Das ist mal wieder typisch Jason," sagte sie. "Er taucht plötzlich auf und stellt alles auf den Kopf." Alison lächelte, doch ihr Blick nahm einen besorgten Ausdruck an, als sie zu ihren Großeltern hinübersah. "Geht es Grandma und Grandpa auch wirklich gut?" fragte sie. Meg schüttelte langsam den Kopf. "Mom erlitt erst kürzlich einen leichten Schlaganfall," sagte sie," aber es geht ihr schon wieder ganz gut," fügte sie beruhigend hinzu, als sie Alison's entsetztes Gesicht sah, "... und Dad ..." sie räusperte sich," Du weißt ja sicher, daß er schon einen Herzinfarkt hatte, ... und Sara's Tod ..." Sie unterbrach den Satz und sah besorgt zu ihren Eltern hinüber. "Es hat sie beide schwer getroffen." Alison nickte. Ihr suchender Blick ging durch den Raum. "Wo ist Jason?" fragte sie. Meg lächelte. "Er sitzt dort hinten," sie wies auf einen kleinen Tisch am Rande der ehemaligen Tanzfläche. Alison folgte ihrem Blick und stellte erstaunt fest, daß Jason nicht alleine war. "Es wurde höchste Zeit für Dich, nach Sunset Beach zurückzukehren," hörte sie plötzlich Mallory's Stimme hinter sich. Langsam drehte Alison sich um. "Wie bitte?" fragte sie irritiert. Mallory lächelte. "Weißt Du, was heute für ein Tag ist?" fragte sie geheimnisvoll. Alison schüttelte den Kopf. Mallory beugte sich zu ihr hinüber. "Vor genau 100 Jahren," flüsterte sie ihr ins Ohr," auf den Tag genau, trafen sich der Aristokrat Armando Deschanel und die "Lady in Black" während eines Sonnenuntergangs am Strand von Sunset Beach ..."
Alison sah Mallory mit weit aufgerissenen Augen an. Für einen Moment war sie sprachlos. "Was willst Du damit sagen?" fragte sie irritiert, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. Mallory sah sie mit einem wissenden Blick an. "Ich glaube, dass es kein Zufall war, dass Du heute dieses schwarze Kleid getragen hast," sagte sie und sah Alison tief in die Augen. Alison runzelte die Stirn. "Nein, Du hattest es mir geliehen," sagte sie kurz, als wenn das alles erklären würde. Mallory nickte. "Ja, aber siehst Du nicht, wie sich ein Teil ins andere fügt ..." sagte sie geheimnisvoll. Alison schüttelte den Kopf. "Ich verstehe gar nicht, worauf Du hinaus willst," sagte sie verwirrt. Mallory holte tief Luft. "Ich darf Dir leider nicht mehr sagen, aber ich ..." Sie unterbrach den Satz, weil sie sah, dass Luisa in diesem Moment auf sie zusteuerte. "Wir reden ein anderes Mal darüber," flüsterte Mallory Alison zu. Dann drehte sie sich abrupt um und verschwand in der Menge. Verwirrt sah Alison ihr hinterher. Luisa sah Alison prüfend an. "Alles in Ordnung mit Dir?" fragte sie. "Du siehst aus, als ob Du gerade einem Geist begegnet wärst." Alison fuhr sich nachdenklich durch ihre langen Haare. "So etwas ähnliches," murmelte sie. Sie sah Luisa an. "Sag' mal, seit wann ist Mallory denn abergläubisch?" fragte sie neugierig. Luisa schloss für einen Moment die Augen. "Das ist der Einfluss meiner Großmutter," sagte sie und seufzte. Alison sah sie überrascht an. "Madame Carmen?" fragte sie verwundert. Luisa lächelte. "Ja, sie ist zwar schon über 70, aber sie praktiziert immer noch ihren magischen Kult." Luisa verdrehte die Augen. "Sie hat noch viele Stammkunden, die sich regelmäßig von ihr die Zukunft vorhersagen lassen," sagte sie," als eine Art Lebenshilfe," fügte sie hinzu. "Besucht Mallory sie denn oft?" fragte Alison. Luisa nickte. "Ja, mindestens einmal die Woche." Sie schüttelte den Kopf. "Ich würde ja gerne mal Mäuschen spielen, wenn die beiden sich treffen," sagte sie. Alison sah sie nachdenklich an. "Was sagen denn meine Tante und mein Onkel dazu?" fragte sie neugierig. Luisa zuckte mit den Schultern. "Ich glaube nicht mal, daß sie etwas davon wissen," sagte sie. Alison hatte Luisa die ganze Zeit interessiert zugehört und machte sich ihre eigenen Gedanken über die Sache. Sie verstand nun besser, warum Mallory von der Geschichte der Legende so fasziniert war. Sicher hatte Madame Carmen ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt. "Was hat sie denn zu Dir gesagt?" unterbrach Luisa Alison's Gedankengang. Alison seufzte und sah an sich herunter. "Sie faselte irgendwas davon, dass es kein Zufall gewesen wäre, dass ich heute dieses Kleid trug." Luisa sah sie erstaunt an. "Ach wirklich? Wie kommt sie denn darauf?" Alison zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung," gab Alison zu. Luisa sah sie nachdenklich an. "Du solltest nicht so viel auf ihr Geschwätz geben," sagte sie etwas heftiger als beabsichtigt. Alison runzelte die Stirn. Da war es wieder, dieses Gefühl, dass es zwischen den beiden Frauen ein Geheimnis gab. Alison schüttelte den Kopf. "Nein, keine Sorge, ich bin nicht abergläubisch," sagte sie und lächelte. Alison sah plötzlich, wie sich Luisa's Gesicht ebenfalls erhellte. Sie folgte ihrem Blick und sah, wie Jason auf sie beide zukam. "Ich hoffe, ich unterbreche kein wichtiges Gespräch," sagte er verlegen," aber mein Dad meint, dass wir jetzt langsam mal gehen könnten." Luisa lächelte. "Nein, Du unterbrichst uns nicht," sagte sie und wies zu Alison hinüber," wir hatten unser Gespräch auch gerade beendet. "Na, fein," entgegnete Jason und rieb sich die Hände. Noch bevor Alison ein Wort zu ihm sagen konnte, hatte Luisa sich schon bei ihm eingehakt. "Dann wollen wir mal gehen," sagte sie und zog Jason am Arm mit sich fort. Jason warf Alison über seine Schulter hinweg einen entschuldigenden Blick zu. "Sie kann ihre Pfoten einfach nicht von ihm lassen!" hörte Alison plötzlich wieder Mallory's Stimme hinter sich. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht und schaute nun dem Pärchen naserümpfend hinterher. Alison runzelte die Stirn. "Redest Du von Luisa?" fragte sie überrascht. Mallory nickte. Sie sah Alison stirnrunzelnd an. "Sag' mir bloß nicht, dass Du nicht weißt, was los ist?" fragte sie erstaunt. Alison zuckte mit den Schultern und sah Mallory fragend an. Diese verdrehte theatralisch die Augen. "Na gut, dann will ich Dich mal einweihen," sagte sie und holte tief Luft. "Luisa ist heimlich in Jason verliebt ..."