Kapitel 11
Alison hatte nicht lange Gelegenheit, sich über Mallory's Äußerung Gedanken zu machen, denn Meg unterbrach die beiden. "Wollt Ihr nicht mitkommen?" fragte sie und sah neugierig von einem zum anderen. Alison nickte nur mechanisch. Sie war immer noch verwirrt von Mallory's geheimen Botschaften, und sie konnte auch noch nicht so recht einordnen, weshalb Mallory ihr das alles erzählt hatte. Während die drei Frauen sich dann auf den Weg nach Hause machten, dachte Alison die ganze Zeit über Mallory's letzten Satz nach. Sie war erstaunt, daß Luisa in ihren Briefen nie etwas davon erwähnt hatte, daß sie in Jason verliebt war. "Warum wohl nicht?" fragte sich Alison. Sie konnte es sich zwar nicht erklären, aber der Gedanke, daß Luisa und Jason ein Paar waren, beunruhigte sie. "Das wurde jetzt aber auch langsam Zeit, daß wir gehen," unterbrach Mallory ihre Gedanken. "Wir sind mal wieder die letzten!" Alison nickte. "Es tut mir leid, daß ich nun gar keine richtige Gelegenheit hatte, mit meinen und den Freunden meiner Eltern zu reden," sagte sie bedauernd. Mallory machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, dafür hast Du noch genügend Zeit," sagte sie. Sie stutzte einen Moment. "Wie lange bleibst Du denn eigentlich?" fragte sie neugierig. Alison sah sie nachdenklich an. Eigentlich hatte sie geplant gehabt, nur wenige Tage in Sunset Beach zu bleiben, doch nachdem sie das Meer und den Strand wiedergesehen hatte, war ihr erst bewußt geworden, wie sehr sie diesen kleinen Ort und seine Menschen vermißt hatte. "Ob ich wohl mal von Euch aus telefonieren darf?" fragte Alison, Mallory's Frage ignorierend. Diese nickte. "Aber klar doch!" Sie wandte sich an ihre Mutter. "Nicht wahr, Mom, Du hast doch nichts dagegen, wenn Alison mal telefoniert, oder?" Meg lächelte. "Nein, selbstverständlich nicht," entgegnete sie. "Wen willst Du denn anrufen?" fragte sie neugierig. Alison fuhr sich mit den Fingern durch's Haar. "Ich würde gerne noch etwas länger in Sunset Beach bleiben," begann sie zögernd und sah Meg erwartungsvoll an," natürlich nur, wenn Ihr mich noch länger ertragen könnt!" fügte sie schnell hinzu. Meg sah sie vorwurfsvoll an. "Aber, Alison, wie kannst Du so etwas nur sagen? Du bist uns jederzeit willkommen und kannst solange bleiben, wie Du möchtest!" Alison atmete erleichtert auf. "Gut, dann werde ich gleich Olivier anrufen und ihm von meinem Entschluß erzählen," sagte sie bestimmt. Mallory runzelte die Stirn. "Hast Du nicht erzählt, daß ihr beiden eine lockere Beziehung habt?" fragte sie. "Wieso mußt Du ihm dann Rechenschaft darüber ablegen, was Du tust?" bohrte sie weiter. Alison seufzte. "Ganz einfach, er und ich sind nicht nur ein ..." sie zögerte einen Moment, bevor sie das Wort aussprach," ... Liebespaar, wir arbeiten auch zusammen, und bisher haben wir unsere Termine immer aufeinander abgestimmt." Mallory nickte verständnisvoll. "Ja, das verstehe ich," sagte sie, während sie die Stufen zur Haustür hinaufging. Meg schloß auf, und sie betraten das Wohnzimmer. Alison sah sich um. "Es ist ja so ruhig hier," stellte sie fest. "Wo sind denn nur alle?" fragte sie neugierig. Meg sah sie an. "Dein Onkel bringt Großmutter und Großvater ins Hotel, und Jason ..." sie kratzte sich nachdenklich am Kopf," ... er wollte Luisa nach Hause begleiten, soweit ich weiß." Mallory warf einen wissenden Blick zu Alison hinüber. Meg holte das Telefon und reichte es an Alison weiter. "Geh' nach oben," sagte sie und lächelte," dort bist Du ungestört." Alison bedankte sich und ging dann die Treppe hinauf und den Flur entlang in Jason's Zimmer, während Mallory ihr nachdenklich hinterhersah. Alison setzte sich auf's Bett und tippte eine Nummer ein. Dann wartete sie gespannt darauf, was passierte. Als am anderen Ende der Leitung der Hörer abgenommen wurde, atmete sie tief durch. "Olivier? Ich bin's, Alison ..." Nach einer kurzen Begrüssung kam sie gleich zum Grund ihres Anrufes, und wie erwartet, war Olivier wenig begeistert von der Idee, daß sie noch länger in Sunset Beach bleiben wollte. "Was denkst Du Dir eigentlich?" schrie er unbeherrscht in den Hörer. "Es reicht wohl nicht, daß uns ein wichtiger Fototermin durch die Lappen gegangen ist, weil Du unbedingt auf diese Totenfeier von Deinen Eltern mußtest!" sagte er sarkastisch. Alison umklammerte den Hörer. "Meine Eltern sind mir wichtiger, als irgendein Fotoshooting!" stieß sie hervor. Sie hörte, wie Olivier lachte. "Seit wann das denn?" fragte er erstaunt. "So weit ich mich erinnern kann, hast Du Dich nicht den Dreck um sie geschert, als sie noch lebten, und nun spielst Du allen die liebende Tochter vor!" Seine Stimme troff vor Hohn. Alison zuckte zusammen. "Ich - ich ..." stammelte sie. "Mach' meinetwegen was Du willst," sagte er aufgebracht. "Dein Herumgezicke geht mir schon lange auf den Geist, und wenn Du denkst, daß ich Dich brauche, um die Karriereleiter hochzusteigen, dann hast Du Dich gewaltig geschnitten!" Alison schluckte. Schon seit einiger Zeit stand es zwischen ihrer Beziehung nicht zum besten, aber sie hätte niemals gedacht, daß er einfach am Telefon mit ihr Schluß machen würde. Anscheinend hatte sie sich geirrt. "Du hast mir die Entscheidung sehr leicht gemacht," sagte sie leise mit zitternder Stimme. Als Antwort hörte sie nur ein Knacken in der Leitung. Olivier hatte einfach aufgelegt. Alison ließ den Hörer sinken. Sie war überrascht, daß sie so überhaupt kein Bedauern fühlte, eher ein Gefühl der Erleichterung. Verwirrt von diesen eigenartigen Gefühlen stand Alison auf und verließ das Zimmer. Mallory kam ihr auf halbem Wege entgegen. "Und," fragte sie neugierig," was hat er gesagt?" Alison schüttelte den Kopf, als könnte sie immer noch nicht begreifen, was gerade geschehen war. "Nicht viel," sagte sie kurz. Sie sah Mallory an. "Er hat gerade unsere Beziehung am Telefon beendet," sagte sie emotionslos. Ein Lächeln huschte über Mallory's Gesicht. "Weißt Du noch, was ihr Dir vorhin gesagt habe?" fragte sie und sah Alison neugierig an. Diese schüttelte den Kopf. "Du hast soviel gesagt ..." entgegnete sie ratlos. Mallory ging einen Schritt auf sie zu. "Ein Teil fügt sich ins andere," sagte sie leise," und es wird nicht mehr lange dauern, bis das Puzzle vollständig ist!"
"Schluß damit, Mallory, jetzt reicht es!" stieß Alison ungehalten hervor. "Der Tag war lang, und ich bin müde und habe keine Lust mehr, mir Deine Phantasien über 'Legenden' oder sonstigen mystischen Quatsch anzuhören!" Mallory zuckte zusammen, als sie Alison's harte Worte hörte. "Es tut mir leid!" sagte sie zerknirscht," ich wollte Dich damit nicht ärgern, aber ..." Alison schnitt ihr das Wort ab. "Kein Wort mehr, bitte!" flehte sie. Mallory nickte. "In Ordnung," sagte sie," wechseln wir das Thema." Sie musterte Alison prüfend. "Hat Dir eigentlich schon mal jemand gesagt, daß Du in diesem Kleid wunderschön aussiehst?" Alison sah sie mißtrauisch an. "Danke ..." Mallory berührte fast ehrfürchtig den Stoff des Kleides. "Ich möchte es Dir schenken," sagte sie plötzlich. Alison sah sie überrascht an. "Du willst es mir schenken?" fragte sie erstaunt. Mallory nickte. Alison sah an sich herunter. "So ein kostbares Geschenk kann ich nicht annehmen," sagte sie. "Es ist, wie für Dich gemacht ..." wagte Mallory einen Einspruch. - "Meine Schwester hat recht," hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. "Du siehst einfach atemberaubend in diesem Kleid aus!" Langsam drehte Alison sich um. "Jason, mußt Du Dich immer so anschleichen?" fragte sie vorwurfsvoll. Er lächelte spitzbübisch. "Das bin ich meinem Spitznamen schuldig," sagte er. Alison sah ihn fragend an. "Du hast einen Spitznamen?" Jason grinste. "In Studienkreisen nennt man mich auch "The Shadow"." Alison nickte. "Ja, das scheint mir sehr passend," sagte sie schmunzelnd. Plötzlich fiel ihr etwas ein. "Ist es Dir überhaupt recht, daß ich in Deinem Zimmer übernachte, so lange ich hier in Sunset Beach bin?" fragte sie. Er sah sie mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte. "Ich kann genauso gut im Gästezimmer übernachten," gab er ihr zur Antwort. Alison runzelte die Stirn. "Aber nicht Du bist der Gast hier, sondern ich," widersprach sie ihm. Jason hob die Arme. "Das Gästezimmer heißt nur dem Namen nach so, in Wirklichkeit ist es Mom's Bügel- und Gerümpelzimmer." Er grinste. "Sie wollte es immer mal aufräumen, aber bisher ist sie wohl nicht dazu gekommen." Mallory nickte. "Ja, man kann es wirklich keinem Gast anbieten!" Sie schaute auf die Uhr. "Entschuldigt, aber ich bin hundemüde," sagte sie und unterdrückte ein Gähnen. "Wir sehen uns dann morgen. Gute Nacht, ihr beiden!" sagte sie und grinste verschmitzt. Alison sah ihr nachdenklich hinterher, als sie in ihrem Zimmer verschwand. "Alison?" Jason sah sie fragend an. "An was denkst Du?" fragte er neugierig. Alison schüttelte den Kopf. "Schon gut ..." wich sie aus. "Der Tag war wirklich sehr lang, und ich bin auch müde," sagte sie stattdessen. Jason räusperte sich. "Meine Mom hat mir erzählt, daß Du Deine Koffer noch am Flughafen hast," begann er. Alison nickte. "Was würdest Du davon halten, wenn ich Dich morgen früh hinfahre, damit Du Deine Koffer holen kannst?" fragte er vorsichtig. Alison nickte erfreut. "Ja, das wäre sehr nett von Dir ... natürlich nur, wenn es Dir keine Umstände macht," fügte sie hinzu. Er lächelte. "Nein, überhaupt nicht," beeilte er sich zu sagen," es gibt nichts, was ich lieber tun würde." Ihre Blicke trafen sich und wieder verspürte Alison ein merkwürdiges Kribbeln, daß sie auch schon gefühlt hatte, als sie sich am Strand begegnet waren. Schnell senkte sie den Kopf. "Wie lange wirst Du in Sunset Beach bleiben?" fragte Jason. Alison dachte einen Moment nach. "Vielleicht ein paar Wochen," antwortete sie," ich weiß noch nicht ..." Für einen Augenblick schien es ihr, als ob Jason's Augen leuchteten, doch der Eindruck war schnell verflogen. "Das freut mich," sagte er nur knapp. Alison's Gesicht nahm einen melancholischen Ausdruck an. "Erst nachdem ich den Strand und das Meer wiedergesehen habe, wurde mir bewußt, wie sehr ich das alles vermißt habe," sagte sie sehnsüchtig. Jason sah sie nachdenklich an. "Nur das Meer und den Strand, sonst hast Du nichts vermißt?" fragte er leise. Verwirrt sah Alison ihn an. "Was meinst Du?" Sein Gesicht wirkte plötzlich verschlossen. "Ach nichts, ich habe nur laut gedacht," sagte er. Er holte tief Luft. "Mallory hat recht. Es ist wirklich schon spät," sagte er. "Gute Nacht, Alison!" Abrupt drehte er sich um und ging in Richtung Gästezimmer davon. Irritiert sah sie ihm hinterher. "Gute Nacht ..." flüsterte sie, bevor sie den Gang zurück und die Treppe ins Wohnzimmer hinunter ging.
"Alison?" Meg sah ihre Nichte überrascht an, als diese die Treppe herunter kam. "Bist Du denn gar nicht müde?" Alison nahm auf dem breiten Sofa platz und schlug die Beine übereinander. "Nein," sagte sie und seufzte. "Ich denke nicht, daß ich heute nacht überhaupt schlafen kann. Der Tag war einfach zu aufregend," fügte sie erklärend hinzu. Meg nickte mitfühlend. "Der Tag war für uns alle sehr aufreibend." Sie setzte sich neben Alison und lächelte. "Mir geht es wie Dir," gab sie zu. "Ich kann auch noch nicht schlafen." Sie wies auf ein Buch, daß vor ihr auf dem Tisch lag. "Ich wollte noch ein wenig lesen, bis Ben zurückkommt, aber ich fände es genauso schön, wenn wir zwei noch ein wenig plaudern könnten." Alison nickte. "Ja, das wäre wirklich schön," sagte sie. Meg sah Alison fragend an. "Hast Du Deinen Freund erreicht?" fragte sie. Alison presste die Lippen aufeinander. "Ja ..." sagte sie dann gedehnt. Meg erkannte an Alison's Gesichtsausdruck, daß etwas nicht stimmte. "Hattet Ihr etwa Streit?" fragte sie neugierig. Alison holte tief Luft. "So kann man das nicht nennen," sagte sie leise. "Er hat Schluß gemacht," fügte sie hinzu . Meg sah sie entsetzt an. "Das gibt es doch nicht," entfuhr es ihr. "Etwa deshalb, weil Du hier noch länger bleiben möchtest?" Alison nickte langsam mit dem Kopf. Meg schüttelte verständnislos den Kopf. "Das war nur das Zünglein an der Waage," erklärte Alison ihr. "Es kriselte schon länger zwischen uns." Meg sah sie erstaunt an. "Davon hattest Du gar nichts erzählt," sagte sie. Alison seufzte. "Ich wollte Euch nicht mit meinen privaten Problemen belasten." Sie strich energisch ihr Haar zurück. "Es ist besser so," sagte sie mit fester Stimme. "Olivier und ich hätten niemals glücklich werden können. Wir waren viel zu verschieden und außerdem ..." Alison stockte und senkte den Blick. " ... außerdem fehlte die Liebe in unserer Beziehung," vervollständigte sie den Satz. Meg sah sie mit einem eigenartigen Blick an. "Du hast es also noch nicht aufgegeben, die wahre Liebe zu finden?" fragte sie nachdenklich. Alison sah sie verlegen an. "Nein ..." gab sie zu. "Können wir nicht das Thema wechseln?" fragte sie und sah Meg bittend an. "Aber natürlich. Worüber möchtest Du reden?" fragte Meg. Doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen. "Entschuldige mich einen Moment, Alison. Ich bin gleich zurück." Rasch ging sie die Treppe hinauf, während Alison ihr irritiert hinterher sah. Kurze Zeit später kam Meg zurück. In ihrer Hand hielt sie ein kleines, schwarzes Kästchen. Schweigend überreichte sie es Alison. Diese sah ihre Tante einen Moment fragend an, bevor sie das Kästchen öffnete. "Ich wollte sie Dir schon vor der Trauerfeier geben," sagte Meg leise. Alison hatte den Kopf gesenkt und starrte wie gebannt auf den Inhalt des Kästchen. Als sie den Kopf wieder hob, hatte sie Tränen in den Augen. "Mom's Ohrringe ..." stieß sie hervor. Meg nickte. "Ich denke, es wäre Sara's Wunsch gewesen, daß Du sie bekommst." Alison nahm vorsichtig einen der Kristallopal-Ohrringe in die Hand und hielt ihn ins Licht. "Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Mom sie trug," sagte sie leise. Sie schloß ihre schlanken Finger um den Ohrring, als könnte sie damit die Erinnerung an ihre Mutter zurückholen. "Deine Mom bekam sie von Deinem Dad zu Deiner Geburt geschenkt," sagte Meg in Alison's Gedanken hinein. "Vielleicht kannst Du sie ja irgendwann mal Deiner Tochter schenken. "Ja, vielleicht ..." Alison's Stimme brach, und Meg nahm sie beschützend in den Arm. "Weine Dich nur aus," sagte sie und strich sanft über Alison's Haar. Die Tränen, die Alison lange zurückgehalten hatte, rannen ihr nun unhaltbar über die Wangen. Meg hielt sie einfach nur fest und wartete, bis Alison sich etwas beruhigt hatte. Danach reichte sie ihr ein Taschentuch. "Geht es Dir jetzt besser?" fragte sie und sah ihre Nichte besorgt an. Alison nickte. "Danke, ja," schniefte sie. Sie versuchte zu lächeln. "Du redest schon davon, daß ich die Ohrringe mal meiner Tochter schenken soll, obwohl ich noch nicht mal einen passenden Mann gefunden habe," sagte sie vorwurfsvoll. Meg sah sie verlegen an. "Nun ja, ich meinte natürlich nicht sofort ... irgendwann, wenn Dir der richtige Mann begegnet ist." Alison legte den Ohrring zurück ins Schmuckkästchen und schloß den Deckel. Nachdenklich sah sie ihre Tante an. "Wo wir gerade beim Thema sind ... "begann sie zögernd" ... hatte Mallory eigentlich schon einen festen Freund?" Meg lachte. "Nicht das ich wüsste," sagte sie. "Mallory möchte doch in Hollywood Karriere machen." Sie grinste. "Männer stören da nach ihrer Ansicht nur." Alison schmunzelte. "Und Jason?" fragte sie neugierig. Sie sah, wie es um Meg's Lippen herum zuckte. "Warum fragst Du ihn nicht selber?" wich sie der Frage aus. Alison registrierte erstaunt, wie nervös ihre Tante plötzlich wurde. "Ja, werde ich machen," murmelte sie. Meg sah sie mißtrauisch an. "Hat Mallory irgendetwas gesagt?" fragte sie. Alison dachte daran, was Mallory ihr über Luisa erzählt hatte, aber das war nicht ihre Angelegenheit. Energisch schüttelte sie den Kopf. "Weißt Du," sagte Meg," Jason redet nicht viel über sein Privatleben. Er ist die ganze Woche über in L.A., und wir wissen nur wenig darüber, was er dort macht - außer, daß er studiert," fügte sie erklärend hinzu. Alison nickte. "Ich kann mir vorstellen, daß so ein Medizinstudium ziemlich anstrengend ist," sagte sie. "Da bleibt sicher nicht viel Zeit für eine Freundin," fügte sie lächelnd hinzu. Meg sah Alison nachdenklich an. "Nein, wohl nicht ..." Sie konnte den Satz nicht zuende bringen, weil sich plötzlich die Tür öffnete und Ben hereintrat. "Ben ..." Sie sprang auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. "Hallo, Liebling!" Er küsste sie zärtlich auf die Stirn. Spielerisch zupfte er an ihrem Haar herum. "Ich glaube, ich habe gerade wieder ein graues Haar mehr entdeckt," neckte er sie. Er breitete seine Arme aus, und Meg kuschelte sich hinein. Etwas neidisch beobachtete Alison die Szene. Wie verliebt und vertraut die beiden doch nach so vielen Jahren Ehe noch waren, dachte sie. Alison schlang die Arme um ihren Körper. Ob sie wohl auch einmal die grosse Liebe finden würde, so wie ihre Eltern oder ihre Tante und Onkel? Alison stand auf und strich sich das Kleid glatt. Sie wurde unwillkürlich wieder an Mallory's Worte erinnert:
"Vor genau 100 Jahren, auf den Tag genau, trafen sich der Aristokrat Armando Deschanel und die "Lady in Black" während eines Sonnenuntergangs am Strand von Sunset Beach ."
Alison zuckte leicht zusammen, als die Standuhr in der Ecke plötzlich schlug. Ihr Blick fiel auf das Zifferblatt, und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. "Geisterstunde!" schoß ihr plötzlich durch den Kopf. Alison warf einen Blick zu Meg und Ben hinüber, die immer noch engumschlungen an derselben Stelle standen und nichts mehr um sich herum wahrzunehmen schienen. Leise verließ Alison das Wohnzimmer und ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Ein neuer Tag war angebrochen, und Alison fragte sich, was er wohl bringen würde. Gedankenverloren knipste sie die Nachttischlampe an und tastete an ihrem Rücken entlang nach dem Reißverschluß. Während sie versuchte, den Reißverschluß ihres Kleides zu öffnen, gingen ihr immer wieder Mallory's Worte durch den Kopf.
"Es ist kein Zufall, daß Du heute dieses Kleid getragen hast ..."
"Und jetzt kann ich es nicht mal ausziehen, weil dieser verflixte Reißverschluß klemmt," dachte sie genervt. Wütend und entschlossen zerrte sie weiter am Verschluß. Dabei bemerkte sie nicht, daß sie der Lampe sehr nah gekommen war. Erst als ihr Arm dagegen stieß, drehte sie sich um. Doch es war schon zu spät. Alison's Schrei ging in dem Geräusch von splitterndem Glas unter, dann war plötzlich Dunkelheit um sie herum ...
Alison stand wie angewurzelt. Für einen Moment überkam sie Panik, und sie überlegte fieberhaft, wie sie jetzt zum Hauptlichtschalter an der Wand kommen sollte. Vorsichtig versuchte sie, sich mit einem Fuß vorzutasten, doch sofort zuckte sie schmerzerfüllt zurück, als sie spürte, wie sich ein Glassplitter in ihre Fußsohle bohrte. Wieso musste sie auch immer nur barfuß laufen? dachte sie vorwurfsvoll. Jetzt würde sie mit ihrem Blut auch noch den teuren Teppich versauen! Während Alison immer noch über ihre ausweglose und peinliche Situation nachdachte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und jemand betätigte den Schalter für die Deckenleuchte. Grelles Licht schien auf sie herab und ließ das Ausmaß der Tragödie erkennen. Der ganze Fußboden war übersät mit kleinen Glassplittern, und als Alison zu ihrem Fuß hinunterschaute, sah sie, wie Blut hervorquoll. Jason und Mallory standen im Türrahmen und starrten entsetzt auf das Chaos vor sich. "Beweg' Dich nicht!" befahl Jason, der als erster die Fassung wiederfand. Vorsichtig bahnte er sich durch die Glasscherben hindurch einen Weg zu ihr. Hilflos sah Alison ihn an und ließ sich dann wiederstandslos von ihm hochheben. "Komm'," hörte sie Mallory sagen," wir bringen sie ins Gästezimmer." Jason trug Alison auf seinen Armen ins Gästezimmer und setzte sie auf dem Bett ab. "Paß' auf sie auf," sagte er zu seiner Schwester, während er zu Alison's blutender Wunde hinabschaute. "Ich werde Verbandzeug holen." Während er davoneilte, setzte sich Mallory zu Alison auf den Bettenrand. "Was ist denn passiert?" fragte sie neugierig. Alison erzählte Mallory von dem hakenden Reißverschluß und wie sie dann die Lampe hinuntergestossen hatte. Während Alison von ihrem Malheur berichtete, bekamen Mallory's Augen einen seltsamen Glanz. Sie stand auf, als ihr Bruder mit dem Verbandzeug zurückkam. "Ich denke, ich lasse Euch jetzt alleine und gehe wieder ins Bett," erklärte sie. "Ich sehe schon, daß Du bei Jason in den besten Händen bist," fügte sie grinsend hinzu. Dieser warf seiner Schwester einen vernichtenden Blick zu, und Mallory verließ lachend das Zimmer. Alison sah Jason verlegen an. "Es tut mir leid ..." sagte sie. "Ich mache Euch nur Ärger." Jason schüttelte entschieden den Kopf. "Nein," sagte er schnell. "Es war ein Unfall ..." Er sah zu Alison's Fuß herab. "Du kannst von Glück reden, daß nichts schlimmeres passiert ist." Er kniete vor ihr nieder und nahm ihren Fuß vorsichtig in die Hand. "Ich werde mir die Wunde jetzt mal genauer ansehen, sie desinfizieren und verbinden," erklärte er ihr. Alison sah ihm fasziniert zu, wie er routiniert ihren Fuß verband. Nachdem Jason fertig war betrachtete er zufrieden sein Werk. "Versuch' mal, ob Du auftreten kannst," bat er sie. Alison stand auf und versuchte vorsichtig ihren Fuß zu belasten, doch stöhnend sank sie wieder zurück auf's Bett. "Ich bin bestimmt nicht zimperlich," sagte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht," aber das ist wirklich ein Gefühl, als ob man auf einem Reißbrett geht." Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin doch kein Fakir!" Jason schmunzelte, doch sofort wurde sein Gesicht wieder ernst. "In Deinem Zimmer kannst Du nicht übernachten," sagte er. "Dort müssen wir morgen erst einmal aufräumen." Alison nickte und sah beschämt zu Boden. "Du glaubst gar nicht, wie peinlich mir das ganze ist," sagte sie verlegen. Jason sah sie nachdenklich an. "Du übernachtest hier, und ich werde unten im Wohnzimmer schlafen," fügte er bestimmt hinzu, ihre Zwischenäußerung ignorierend. Alison schüttelte den Kopf. "Das kann ich wirklich nicht annehmen," sagte sie. Ihr Blick fiel auf die Liege, die neben dem Bett stand. Jason war ihrem Blick gefolgt, und sein Gesicht wirkte mit einem Mal wieder verschlossen. Abrupt stand er auf. "Ich werde dann mal nach unten gehen und mir ein Lager für die Nacht richten," sagte er. Er war schon an der Tür, als Alison ihn zurückhielt. "Warte!" Langsam drehte er sich um. "Würdest Du mir aus dem Kleid helfen?" fragte sie und sah ihn bittend an. Zögernd ging Jason zurück zum Bett, während Alison aufstand und versuchte, die Ballance auf einem Bein zu halten. Als er hinter ihr stand, hörte sie seinen Atem ganz nah an ihrem Ohr und fühlte seine warmen Hände in ihrem Nacken, die langsam immer tiefer nach unten glitten, während er den Reißverschluß öffnete. Sie schloß die Augen, und ein Gefühl der Sehnsucht überkam sie. Wie gerne würde sie sich jetzt fallen und von diesen warmen, sanften Händen streicheln lassen ... "So, fertig," hörte sie Jason's Stimme. "Ich denke, den Rest erledigst Du selber." Alison öffnete verwirrt die Augen und war schlagartig wieder zurück in der Realität. "Danke ..." flüsterte sie. Sie versuchte zu lächeln. "Ich denke, daß ich jetzt alleine klarkommen werde," sagte sie. Jason nickte. "Fein ... gute Nacht, Alison," sagte er leise, und nach einem letzten Blick verließ er das Zimmer. Alison schob die Träger des Kleides über ihre Schulter und ließ es achtlos auf den Boden fallen. Müde und erschöpft kroch sie ins Bett, und während sie noch darüber nachgrübelte, wieso Jason den verhakten Reißverschluß so mühelos öffnen konnte, während sie dies vergeblich versucht hatte, schlief sie ein.
Alison wurde durch ein Klopfen an der Tür geweckt. "Ja, bitte," sagte sie noch schlaftrunken und setzte sich auf. Mallory betrat das Zimmer und sah Alison überrascht an. "Was für ein Glück, daß ich es bin und nicht mein Bruder," sagte sie, während sie Alison amüsiert musterte. Alison sah an sich herunter, und erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie gar kein Nachthemd anhatte. Sie war praktisch nackt unter ihrer Bettdecke. Alison lächelte gequält. "Ja, was für ein Glück," murmelte sie. Sie zog die Bettdecke enger um ihren Körper. "Mallory, würdest Du so lieb sein, mir etwas von Dir zu borgen, bis ich meine Sachen heute abgeholt habe?" Mallory lächelte. "Aber natürlich," sagte sie und wandte sich um, um in ihr Zimmer zu gehen. "Ach Mallory ..." rief Alison ihr hinterher. "Bitte nur etwas, dem nichts magisch-mystisches anhaftet, ja?" bat sie. Mallory grinste, während sie einen Blick auf Alison's Kleid warf, das noch immer auf dem Boden lag. Als Mallory das Zimmer verlassen hatte, schwang Alison die Beine über die Bettkante und stand auf. Sie war überrascht, wie gut sie den Fuß schon wieder belasten konnte und machte mutig einige Schritte durch den Raum. Sie bückte sich gerade nach dem Kleid und hob es auf, als Mallory, ohne anzuklopfen, wieder das Zimmer betrat. Mallory lächelte und legte einige Kleidungsstücke auf's Bett. "Ich lasse Dich jetzt alleine, damit Du Dich anziehen kannst," sagte sie. "Wir sehen uns dann unten am Frühstückstisch." Mallory drehte sich um und verließ den Raum, während Alison sich schnell den geliehenen Rock mit der dazu passenden Bluse anzog. Auf ihrem Weg zum Badezimmer sah sie dann, wie sich die Tür zu Jason's Zimmer öffnete und ihre Tante heraustrat. Sie hielt einen Handbesen und ein Kehrblech in der Hand, was Alison gleich wieder an ihr Mißgeschick vom Vorabend erinnerte. Meg lächelte, als sie Alison sah. "Jason hat uns erzählt, daß Du gestern einen kleinen Unfall hattest," sagte sie. Alison nickte verschämt. "Ja, und es tut mir wirklich leid, daß ich so ungeschickt war," sagte sie zerknirscht. Meg winkte ab. "Hauptsache ist doch, daß Du nicht ernsthaft verletzt wurdest." Sie sah hinunter zu Alison's Fuß. "Was macht die Verletzung?" Alison hob den Fuß hoch und bewegte ihn. "Ich spüre kaum noch etwas," sagte sie. "Jason wird mal ein guter Arzt werden," fügte sie lächelnd hinzu. Meg grinste. "Das mußt Du mal Deinem Onkel sagen," sagte sie. "Er ist immer noch davon überzeugt, daß Jason den falschen Weg eingeschlagen hat und besser Geschäftsmann geworden wäre." Alison sah sie nachdenklich an. "Mein Dad hat auch nie wirklich verstanden, weshalb ich Model geworden bin," sagte sie. "Manchmal muß man eben Dinge tun, die andere nicht verstehen ..." Alison's Gesicht bekam einen traurigen Ausdruck. "Und jetzt bin ich 25 Jahre alt und habe das Gefühl, vieles in meinem Leben verpasst zu haben," fügte sie abschließend hinzu . Meg runzelte die Stirn. "Was meinst Du damit?" fragte sie. Alison sah sie nachdenklich an. "Als ich Dich und Onkel Ben gestern abend engumschlungen im Wohnzimmer sah, wurde ich richtiggehend neidisch," erklärte Alison verlegen. Meg lächelte. "Als ich Deinen Onkel vor über 25 Jahren kennenlernte wußte ich sofort, daß wir beide füreinander bestimmt waren. Er war meine große Liebe und ist es auch heute noch," fügte sie hinzu. Alison nickte. "Meine Mom hat mir damals ähnliches über ihr erstes Zusammentreffen mit Dad erzählt," sagte sie nachdenklich. Meg seufzte. "Ja, nur war er anfangs gar nicht so sehr an ihr interessiert," erklärte sie. Sie mußte plötzlich schmunzeln, als sie sich daran erinnerte, wie hartnäckig ihre Schwester um Derek's Gunst gebuhlt hatte. Alison sah ihre Tante überrascht an. "Ach, das wußte ich gar nicht," sagte sie. "Wie hat sie es denn dann geschafft, daß er sich auch in sie verliebte?" fragte sie neugierig. Meg sah sie nachdenklich an. "Das Schicksal wollte es so," sagte sie geheimnisvoll. Alison schluckte. "Das Schicksal ..." wiederholte sie, und ihre Stimme klang plötzlich traurig. " ... Warum mußte es mir meine Eltern wegnehmen?" Meg sah Alison mitfühlend an. "Ich weiß es auch nicht," sagte sie, während sie sich verstohlen eine Träne aus dem Auge wischte. "Manchmal verstehen wir Dinge nicht, die mit uns geschehen ..." Die beiden Frauen sah sich schweigend an. "Es hat Dich zu uns zurückgebracht," sagte Meg plötzlich in die Stille hinein. Während Alison noch über Meg's Worte nachdachte, drehte diese sich um und ging die Treppe ins Wohnzimmer hinunter. Alison ging ins Badezimmer und betrachtete sich nachdenklich im Spiegel. Warum waren eigentlich alle der Meinung, daß das Schicksal sie wieder nach Sunset Beach zurückgebracht hatte? fragte sich Alison irritiert. Mallory hatte schon solche Andeutungen gemacht und nun auch ihre Tante. Sie schüttelte den Kopf und drehte den Wasserhahn auf. Während sie ihren Kopf unter das fliessende Wasser hielt, versuchte sie den Gedanken an Mystik, Legenden und Aberglauben abzuschütteln. So ganz wollte ihr das aber nicht gelingen. Nachdem sie ihre Haare fertig gewaschen hatte, hob Alison den Kopf und wickelte sich ein Handtuch um ihre nassen Haare. Sie war ein praktisch denkender Mensch und glaubte nicht an Aberglauben und Schicksal. Schließlich war sie nur aus einem Grund nach Sunset Beach gekommen - wegen ihrer Eltern und nicht, weil irgendeine höhere Macht es befohlen hatte! - "Alison? Ist alles in Ordnung?" hörte sie plötzlich Jason's Stimme von draußen. Erschrocken fuhr sie zusammen und begann hastig, ihre Haare trockenzurubbeln. "Ja," rief sie und entriegelte die Tür. Verlegen sah sie ihn an. "Ich war gerade dabei, meine Haare zu trocknen," sagte sie zu ihrer Entschuldigung. Jason nickte. "Ja, das sehe ich." Er räusperte sich. "Wir warten schon alle auf Dich, weil wir mit dem Frühstück beginnen wollen," sagte er. Alison zog das Handtuch von ihrem Kopf, und ihre noch leicht feuchten Haare fielen über ihre Schultern. "Ich denke, so geht's," sagte sie, nachdem sie noch einen kurzen Blick in den Spiegel geworfen hatte. Gemeinsam verließ sie mit Jason das Badezimmer und ging dann den Gang entlang zur Treppe. Auf dem ersten Treppenabsatz blieb sie stehen, weil ihr Fuß plötzlich wieder zu schmerzen begann. Jason sah sie besorgt an. "Soll ich Dir die Treppe hinunter helfen?" fragte er, und Alison nickte dankbar. Als er seinen Arm um ihre Taille legte, verspürte sie plötzlich wieder dieses Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Sie war enttäuscht, als Jason seinen Arm wieder wegzog, nachdem sie unten angekommen waren. "Da seid Ihr ja endlich!" hörte sie Mallory sagen. "Dann kann das Frühstück ja beginnen."