Kapitel 21

 

"Tante Meg, hast Du einen Moment Zeit für mich?" Alison betrat die Küche, wo Meg gerade dabei war, das Mittagessen vorzubereiten. Meg legte das Messer zur Seite, mit dem sie gerade ein Stück Fleisch zerlegen wollte und sah Alison an. Irgendetwas in der Stimme ihrer Nichte ließ sie aufhorchen. "Aber sicher, Kind. Ich werde später hier weitermachen." Sie zog die Kittelschürze aus und ging dann mit Alison hinüber ins Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa platz nahm. "Was gibt es denn so dringendes zu besprechen?" fragte sie neugierig. Alison setzte sich in einen Sessel und schlang die Hände ineinander. "Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll," begann sie zögernd. Meg beugte sich zu ihrer Nichte hinüber. "Du weißt doch, daß Du über alles mit mir reden kannst," sagte sie sanft. Alison nickte. "Möchtest Du erst die gute oder erst die schlecht Nachricht hören?" fragte sie vorsichtig. Meg sah sie mit gerunzelter Stirn an. "Bitte erst die schlechte," entgegnete sie. Alison atmete tief durch, bevor sie mit ihrer Mitteilung herausrückte. "Ich werde Sunset Beach verlassen ..." sagte sie leise. Meg sprang aufgeregt auf. "Du willst Dein Zuhause wieder verlassen? Aber warum denn nur? Ich dachte, Du wolltest noch ein wenig länger hier bleiben." Alison starrte auf den Boden. "Ja, wollte ich," entgegnete sie," aber bestimmte Umstände machen es mir unmöglich, länger hierzubleiben." Meg sah sie verständnislos an. "Was ist denn nur geschehen?" fragte sie. Alison strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn. "Ich kann es Dir nicht sagen," sagte sie. Alison sah Meg's traurigen Gesichtsausdruck. "Bitte, Tante Meg, es ist etwas persönliches, über das ich nicht reden möchte!" Meg sah sie schweigend an und nickte. "Ich verspreche Dir ... Euch, daß ich zurückkommen werde, wenn ich meine Angelegenheiten geregelt habe," versprach Alison. "Wohin wirst Du gehen?" fragte Meg leise. "Nach Paris." Meg sah sie überrascht an. "Aber ich dachte, daß dort niemand mehr auf Dich wartet ... oder vielleicht doch?" Alison schüttelte den Kopf. "Nein, mit Olivier ist es aus, aber die sieben Jahre, die ich dort gewesen bin, lassen sich nicht ungeschehen machen. Ich habe trotzdem noch Verpflichtungen beruflicher Art, und ich kann kein neues Leben beginnen, wenn ich das alte nicht abgeschlossen habe," erklärte Alison. Meg nickte. "Wann wirst Du uns verlassen?" Alison verspürte eine plötzliche Traurigkeit bei dem Gedanken daran, Sunset Beach für eine Weile verlassen zu müssen, und sie unterdrückte mühsam die Tränen. "Morgen," sagte sie leise. "Morgen früh geht mein Flugzeug nach Paris." Meg atmete schwer. Auch sie hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. "Wann wirst Du wiederkommen?" Die ganze Zeit hatte Alison befürchtet, daß diese Frage kommen würde, und nun wusste sie keine Antwort darauf. Stattdessen schüttelte sie nur den Kopf. Mit Meg's Selbstbeherrschung war es dahin. Schluchzend nahm sie Alison in den Arm. - "Hey, was ist denn hier los?" hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Mallory war unbemerkt die Treppe heruntergekommen und schaute nun fragend von einem zum anderen. Für einen Moment sahen sich die drei Frauen nur an, dann brach Alison das Schweigen. "Ich werde morgen abreisen, Mallory," sagte sie. Mallory riß entsetzt die Augen auf. "Abreisen? Aber wohin willst Du denn?" fragte sie verwirrt. Meg mischte sich ein. "Alison geht zurück nach Paris," presste sie hervor. "Nein!" Mallory schrie das Wort förmlich heraus. "Du darfst Sunset Beach nicht verlassen ... nicht jetzt!" Alison musste plötzlich lächeln. Wie gerne würde sie Mallory sagen, daß sie erkannt hatte, was die "Legende" ihr sagen wollte, aber noch war es zu früh dafür ... "Ich komme doch wieder!" versprach sie ihr stattdessen. Mallory schüttelte traurig den Kopf. "Nein," sagte sie mit belegter Stimme. "Wenn Du jetzt gehst, wirst Du niemals wiederkommen!" Alison sah sie irritiert an. "Was meinst Du damit?" Doch Mallory hörte ihre Frage schon nicht mehr. Sie hatte die Haustür aufgerissen und war nach draußen gerannt. Meg und Alison sahen ihr verwirrt hinterher. "Entschuldige, Alison," sagte Meg kopfschüttelnd. "Ich weiß nicht, was in Mallory gefahren ist! So hat sie sich noch nie benommen." Alison zwang sich zu einem Lächeln. "Wahrscheinlich war es ein Schock für sie, nachdem wir uns in den letzten Tagen so gut verstanden haben," versuchte sie Mallory Verhalten zu rechtfertigen. "Ja, das wird es sein," sagte Meg geistesabwesend. Sie schloß nachdenklich die Haustür und drehte sich zu Alison herum. "Würdest Du mich bitte entschuldigen," sagte sie lächelnd. "Ich muß in der Küche weitermachen, sonst gibt's heute kein Mittagessen." Alison nickte. "Aber natürlich. Ich werde dann mal hochgehen, um meine Sachen zu packen. Sie stieg die Stufen hinauf und betrat Jason's Zimmer. Seufzend setzte sie sich auf's Bett. Die Entscheidung, Sunset Beach zu verlassen, war ihr nicht leicht gefallen, aber sie war sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. In Paris würde sie den nötigen Abstand zu allem finden und konnte dort neue Kräfte sammeln, um dann hier mit Jason ein neues Leben zu beginnen. Alison sah sich im Zimmer um. Ihr Blick fiel plötzlich auf eine kleine Figur, die in einem der Regale stand. Langsam stand sie auf und ging darauf zu. Sie betrachtete das Objekt aus der Nähe. Es war ein kleines Pferdchen aus Ton, welches auf einem roten Sockel aus Samt stand. "Komisch," dachte Alison, während sie das Pferdchen vorsichtig vom Sockel nahm," es ist mir hier noch nie aufgefallen. Sie besah es sich genauer. Auf der Innenseite des Bauches waren merkwürdige fremde Zeichen eingeschnitzt. Alison erinnerte sich plötzlich, daß ihre Mutter mal ein ähnliches Pferdchen besessen hatte. Ihre Mom hatte ihr damals erklärt, daß in einigen asiatischen Ländern Pferde als Glückssymbol galten. Alison lächelte, während sie das Pferdchen wieder vorsichtig auf den Samtsockel zurückstellte. "Ein gutes Omen!" dachte sie noch, während sie sich wieder umdrehte und zum Bett zurückging, doch plötzlich hörte sie ein schepperndes Geräusch hinter sich. Erschrocken drehte sie sich um. Das kleine Pferdchen aus Ton lag in viele Teile zerbrochen vor ihr auf dem Fußboden ... 

 

 

 

Kapitel 22

 

"Oh nein!" Entsetzt schaute Alison auf den Scherbenhaufen vor sich. Sie lauschte, ob vielleicht jemand durch den Krach aufgeschreckt worden war, doch im Haus blieb alles ruhig. Ein Frösteln überkam sie, während sie ein Taschentuch nahm und die Scherben hineinlegte. Vorsichtig band sie das Tuch oben zu und legte es ins Regal. Sie versuchte sich einzureden, daß es nichts zu bedeuten hatte. Es war nur ein dummer Zufall, daß das Pferdchen ausgerechnet in diesem Moment vom Sockel stürzen musste. Sie würde Jason ein neues Pferd kaufen, das schwor sie sich, doch ein ungutes Gefühl blieb. Während Alison ihre Sachen aus dem Kleiderschrank nahm, fragte sie sich unaufhörlich, was sie wohl in Paris erwarten würde. Wenn die ganze Situation nicht so kompliziert wäre, hätte sie nicht eine Minute daran gedacht, nach Frankreich zurückzukehren. Alison seufzte tief und schaute aus dem Fenster. Der Strand, das Meer, die Menschen hier, Jason .... Das alles würde ihr unsagbar fehlen. Alison rief sich zur Ordnung. Sie würde doch jetzt nicht sentimental werden! Mallory's Worte gingen ihr durch den Kopf. Was hatte sie damit gemeint, als sie gesagt hatte, daß Alison nie mehr zurückkehren würde? Alison zog die Schultern hoch, weil sie plötzlich wieder dieses Frösteln überkam. Sie wandte sich ab und ging zurück zum Bett, doch sie konnte sich auch jetzt nicht auf das Packen konzentrieren. Ständig schweiften ihre Gedanken ab. Resigniert ließ Alison das Kofferschloß zuschnappen und stellte den Koffer neben das Bett. Sie würde später weiterpacken. Als sie die Tür öffnete, stieg ihr schon ein köstlicher Bratenduft in die Nase. Alison folgte dem Duft und betrat schließlich die Küche, wo Meg gerade dabei war, den Braten zu zerlegen. "Alison, Schatz, Du kommst genau richtig zum Mittagessen!" begrüßte Meg ihre Nichte. "Ich habe den Tisch bereits gedeckt. Du kannst Dich schon einmal setzen. Ich komme dann auch gleich." Alison nahm an dem großen Esstisch platz und kam sich richtiggehend verloren vor. Sie erinnerte sich, wie sie noch vor wenigen Tagen mit Jason und Mallory gesessen und gescherzt hatte. Meg stellte Braten und Beilagen auf den Tisch und nahm dann selber platz. "Leider werden wir heute alleine zu Mittag essen müssen," sagte sie bedauernd. "Wohin ist Mallory denn gegangen?" fragte Alison neugierig. Meg legte sich ein Stück Fleisch auf den Teller und betrachtete es einen Moment nachdenklich. "Ich weiss es nicht sicher," begann sie zögernd. "Aber Mallory hält sich neuerdings sehr oft bei Madame Carmen auf." Alison hob überrascht den Kopf. "Luisa's Grossmutter?" Meg nickte und ihr Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. "Ich sehe es gar nicht gerne, daß Mallory diese Frau besucht. Dieser ganze Hokuspokus, den Carmen veranstaltet, war mir nie ganz geheuer, aber was mich mehr beunruhigt ist, daß Mallory der alten Frau so blind vertraut." Meg seufzte tief, und Alison nickte mitfühlend. "Früher, wenn Mallory Probleme hatte, kam sie zu mir. Jetzt sucht sie "übersinnlichen Beistand" bei Madame Carmen!" beendete Meg ihre Ausführung. Alison konnte an der Stimme ihrer Tante hören, daß sie die Sache aufregte. "Ich bin sicher, daß Mallory mit beiden Beinen auf den Boden der Tatsachen steht," versuchte Alison ihre Tante zu beruhigen, obwohl sie sich nicht sicher war, ob dies auch wirklich der Fall war. Alison dachte an den Abend der Beerdigung zurück. Das schwarze Kleid, Mallory's merkwürdige Andeutungen,  Jason's plötzliches Auftauchen - alles nur Zufall oder doch fingierter Hexenzauber?! Alison zog fröstelnd die Schultern hoch. Sie zerdrückte eine Kartoffel und begann zu essen. Jetzt würde sie es sich erst einmal schmecken lassen, doch ihre Gedanken schienen ein Eigenleben zu führen. "Warum war Jason vor ihr geflüchtet? Wie würde er auf ihr Liebesgeständnis reagieren? Was war, wenn er nicht dieselben Gefühle hatte wie sie?" Fragen über Fragen. Alison schob ihren noch halbvollen Teller genervt beiseite und stand auf. "Danke, Tante Meg!" sagte sie, während sie ihren Rock glättete. "Ich werde noch ein wenig am Strand spazierengehen, wenn Du nichts dagegen hast." Meg schüttelte den Kopf. "Nein, gar nicht, geh nur!" Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, wurde die Haustür aufgerissen und Mallory stand im Rahmen. Sie war völlig außer Atem und ihre Haare waren vom Wind zerzaust. "Mallory!" Meg starrte entsetzt auf Mallory's Erscheinungbild. "Was um Himmels Willen ist geschehen? Du siehst ja schrecklich aus!" Mallory ignorierte die Bemerkung ihrer Mutter und wandte sich stattdessen an Alison. "Um was ich Dich jetzt bitten werde, habe ich mir sehr gut überlegt, und nichts und niemand wird mich von meinem Entschluß abbringen!" sagte sie mit fester Stimme. Alison sah ihre Cousine verwirrt an, während Meg eine leisen Seufzer ausstieß. "Mallory, es ist doch hoffentlich nicht das, was ich jetzt denke!" sagte sie mit ermahnender Stimme. Mallory warf trotzig ihren braunen Lockenkopf zurück. "Doch, Mum, es ist genau das, was Du denkst!" Bittend sah sie Alison an, bevor sie ihre Anliegen hervorbrachte. "Würdest Du mich nach Paris mitnehmen?"

 

 

 

Kapitel 23

 

"Mach's gut und paß auf Dich auf!" Mit Tränen in den Augen umarmte Meg ihre Tochter zum Abschied. Mallory wischte sich auch verstohlen eine Träne von der Wange. "Ich bitte Dich, Mum, Du tust gerade so, als ob es ein Abschied für immer wäre!" Meg schob Mallory ein Stück von sich weg und sah sie nachdenklich an. "Erst Jason, und nun Du ... Das Haus wird sehr leer sein ohne Euch!" Sie zog ein Taschentuch hervor und schneuzte sich. "Entschuldige ... ich hatte ja damit gerechnet, daß auch Du eines Tages flügge werden würdest, aber doch nicht so früh, ... und dann gleich in einer anderen Stadt!" Meg schüttelte den Kopf. Empört stemmte Mallory die Hände in die Hüften. "Ich bin 20, Mum, und soweit ich mich erinnere, warst Du auch nicht viel älter, als Du Großvater und Großmutter verlassen hast, um nach Sunset Beach zu gehen!" Meg lächelte verlegen. "Nein, ich war ungefähr in Deinem Alter," gab sie seufzend zu. "Ich verspreche Dir, Tante Meg," mischte sich nun Alison ein," daß ich in Paris gut auf sie aufpassen werde." Meg nickte und schloß ihre Nichte in den Arm. "Danke, Alison, aber das weiß ich doch! Glaubst Du, daß ich meine Mallory einfach so gehen lassen würde, wenn ich das Gefühl hätte, daß es ein Fehler ist?" Sie lächelte ihre Tochter verschmitzt an. "Ich hoffe, daß Du dort ein bisschen mehr über das Großstadt-Leben erfahren wirst, als Du es hier in Sunset Beach jemals konntest," sagte sie. Mallory sah ihre Mutter gerührt an. "Danke!" Sie nahm ihren Koffer und öffnete die Tür. "Ich werde Dich und Dad gleich anrufen, wenn wir in Paris angekommen sind," versprach sie. Meg nickte. Alison atmete tief durch, bevor auch sie ihren Koffer nahm und Mallory folgte. Auf dem Treppenabsatz drehte sie sich noch einmal um. "Vielen Dank für alles, was Ihr - Du und Onkel Ben - für mich getan habt," sagte sie leise. "Nun geht doch endlich!" schniefte Meg. "Euer Taxi wartet." Alison zwang sich zu einem Lächeln, während sie Mallory folgte, die bereits im Taxi auf sie wartete. Fröstelnd zog Alison ihre Jacke enger um sich. Es war ein ungewöhnlich kühler Morgen, und der Himmel sah wolkenverhangen aus. Gerade als sie neben Mallory im Auto platz genommen hatte, fielen die ersten Regentropfen gegen die Fensterscheibe. "Sogar der Himmel weint, weil wir fortgehen," meinte Mallory leise. Alison sah sie erstaunt an, wusste aber nichts darauf zu erwiedern.  

 

Am Flughafen angekommen, gingen die beiden gleich zum Check-in-Schalter und holten ihre reservierten Bord-Karten ab. Nachdem sie ihre Koffer abgegeben hatten machten sie sich auf den Weg zur Wartehalle. Es war erstaunlich wenig los für die Uhrzeit. "Ich bin ja so aufgeregt!" entfuhr es Mallory. "Das ist das erste Mal, daß ich fliege," gab sie zu. Alison sah sie schmunzelnd an. "Ich kann Dir aus eigener Erfahrung sagen, daß es nur beim ersten Mal noch aufregend ist. Beim 100. Flug langweilt es Dich nur noch." Mallory riß erstaunt die Augen auf. "Du bist schon 100 Mal mit dem Flugzeug geflogen?-Wow! Dann hast Du ja bestimmt schon die ganze Welt gesehen, oder?" Alison strich sich ihre rotblonden Haare zurück. "Ich war auf einigen Fotoshootings und Modemessen quer durch Europa," gab sie zu. "Man kommt ganz schön herum, aber der Job ist auch stressig," fügte sie hinzu. Mallory nickte. "Kann ich mir denken." Das Gespräch der beiden Frauen wurde unterbrochen durch eine Lautsprecheransage. "Die Passagiere von Flug 201 Sunset Beach Airport nach Paris Charles-de-Gaulles möchten sich jetzt bitte am Flugsteig C einfinden." Alison sprang auf. "Das ist unser Aufruf. Komm Mallory, jetzt wird es ernst!" Die beiden Frauen gingen mit ihrem Handgepäck zum Flugsteig C, wo die Linienmaschine schon auf sie wartete. Mallory holte noch einmal tief Luft, bevor sie die Gangway betrat. Jetzt gab es kein Zurück mehr! Sie war erleichtert, daß Alison bei ihr war. Das Flugpersonal begrüßte die beiden und wies ihnen ihre Plätze zu. "Ladies und Gentleman, hier spricht ihr Pilot. Ich begrüße sie an Bord der "Flying Wings" und wünsche Ihnen einen guten Flug während der nächsten 5 Stunden. In wenigen Minuten werden wir vom Tower die Starterlaubnis erhalten. Wir möchte Sie nun bitten, die Sitze aufrechtzustellen und sich anzuschnallen. Sollten Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unsere Flugbegleiter, die Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen werden. Vielen Dank."

Mallory drückte ihre Hände gegen den Magen. "Ich glaube, mir wird schlecht," sagte sie kläglich. Alison sah sie mitfühlend an. "Das ist nur die Aufregung. Das vergeht wieder," tröstete sie. Mallory nickte. Mit zitternden Händen ließ sie das Schloß ihres Sicherheitsgurtes zuschnappen. Alison legte ebenfalls ihren Gurt an. Für sie war das Fliegen nichts ungewöhnliches mehr, aber auch sie verspürte eine eigenartige Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte. Sie schaute aus dem Fenster. Der Regen peitschte über die Rollbahn, und Alison ahnte, daß es bei diesem starken Wind sicher kein sehr angenehmer Flug werden würde. Sie schaute zu Mallory hinüber, die völlig verkrampft in ihrem Sitz saß. "Vielleicht solltest Du etwas schlafen," schlug sie vor. Mallory schüttelte entschieden den Kopf. "Dann verpasse ich ja das beste," sagte sie. Alison mußte sich ein Grinsen verkneifen. Sie erinnerte sich an ihren ersten Flug. Damals war sie auch sehr nervös gewesen, und an Schlaf war auch nicht zu denken gewesen. Sie schaute wieder aus dem Fenster, während die Maschine langsam abhob und im Steigflug den Wolken entgegenflog. Sie waren vielleicht 20 Min. unterwegs, als ein heftiger Donnerschlag zu hören war und die Maschine erzittern ließ. "Was war das?" Erschrocken fuhr Mallory aus ihrem Schlaf hoch. Alison schaute aus dem Fenster, als ein Blitz die Wolken zum Glühen brachte. "Mein Gott ..." Sie starrte auf das faszinierende Farbenspiel und zuckte leicht zusammen, als die Maschine in einem Luftloch kurz absackte. "Wir fliegen mitten durch ein Gewitter ..." stammelte sie. Erneut krachte es, und Alison verspürte ein flaues Gefühl im Magen, als die Maschine zu schlingern begann. Einige Passagiere schrien auf. Mallory griff nach Alison's Hand. "Was passiert mit uns?" rief sie verzweifelt. Sie hörten die Stimme des Piloten. "Liebe Fluggäste! Wir fliegen durch eine Schlechtwetterzone, deshalb kann es kurzzeitig zu Turbulenzen kommen. Bitte bleiben sie sitzen und angeschnallt, bis Sie von unserem Flugpersonal neue Instruktionen erhalten." Mallory schüttelte den Kopf. Ihre Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. "Ich hätte auf sie hören sollen," sagte sie mit tonloser Stimme. Alison sah sie fragend an. "Wen meinst Du?" Mallory starrte mit schreckgeweiteten Augen aus dem Fenster, wo gerade wieder ein Blitz durch die Wolken zuckte. "Carmen ..." flüsterte sie. "Sie hat mich gewarnt ... Sie hat gesagt, daß dieser Flug unser Leben von grundauf verändern würde. Nichts wäre mehr wie vorher ..." Sie brach ab und brach in Tränen aus. "Alison, ich weiß jetzt, was sie damit meinte ... Wir werden sterben!" Sie begann hysterisch zu weinen. "Nein!" Alison packte Mallory's Schultern und schüttelte sie leicht. "Das darfst Du nichts mal denken!" sagte sie eindringlich. "Wir werden nicht sterben! Es ist nur ein Gewitter ..." Sie wurde unterbrochen, als ein weiterer Donnerschlag die Maschine zum Erzittern brachte. Einige Gepächstücke fielen aus den Netzen und rollten durch den Gang. Ein merkwürdiges Vibrieren erfüllte den Passagierraum, dann war plötzlich Ruhe. Eine aufgeregte Flugbegleiterin erschien. "Liebe Fluggäste! Aufgrund des anhaltend schlechten Wetters und einiger ..." Sie räusperte sich, " ... einiger technischer Probleme, sieht sich der Pilot leider gezwungen, auf dem nächsten Flughafen notzulanden." Sie räusperte sich wieder nervös. "Bitte bewahren sie die Ruhe. Es besteht kein Grund zur Panik! Wir möchten Sie nun bitten, die für eine Notlandung vorgesehenen Kissen aus dem Ablagefach unter ihren Sitzen zu nehmen. Bitte beugen sie Ihren Oberkörper so weit es geht nach vorne und setzen Sie ihre Brillen ab. Danke!" "Der nächste Flughafen ... welcher ist das?" fragte Alison die Stewardess mit erstickter Stimme. Diese fuhr sich nervös durch ihre Haare. "Los Angeles Airport," gab sie knapp zur Antwort, bevor sie sich umdrehte und eilig den Gang zurückrannte. Während sie den Passagierraum verließ, hörte man Stimmengewirr und leises Weinen. "Los Angeles ..." murmelte Alison gedankenverloren, während sie wie betäubt das Kissen hervorzog und dann Mallory dabei half, die ebenfalls wie apathisch in ihrem Sitz saß. "Wir sterben ..." murmelte Mallory dabei immer wieder. Alison nahm ihre Hand und drückte sie ganz fest. Auch sie glaubte nicht mehr an ein Wunder. Sie fühlte, wie Tränen über ihr Gesicht liefen. Langsam senkte sie ihren Kopf auf das Kissen und schloß die Augen. Ihr letzter Gedanke galt Jason - von dem sie jetzt so weit entfernt und dem sie doch so nah war -, bevor das Flugzeug unsanft aufsetzte und Alison das Bewußtsein verlor.    

 

 

 

Kapitel 24

 

 

 

 

Los Angeles/Jason's Appartement

 

Jason saß geistesabwesend an seinem Schreibtisch und schaute aus dem Fenster. Schon seit Stunden fegte ein Unwetter über L.A. hinweg, und Jason seufzte tief, als er zum wiederholten Male die Sirene eines Einsatzfahrzeuges hörte. "Einen Penny für Deine Gedanken!" Jason fuhr erschrocken herum und schaute in das grinsende Gesicht seines Mitbewohners. "Gavin, Du hast mich vielleicht erschreckt!" Der Angesprochene runzelte die Stirn. "Entschuldige, ich wollte Deinen Schönheitsschlaf nicht stören, aber hast Du vielleicht mal auf die Uhr geschaut? Wir müssen los!" Jason stöhnte leise und klappte das Buch zu, was noch ungelesen vor ihm lag. "Schon gut, ich komme gleich ... Weißt Du zufällig, wo ich mein Stethoskop hingelegt habe?" Gavin schüttelte den Kopf. "Deine Unordnung wird Dich nochmal den Kragen kosten," lästerte er und grinste dabei frech. Jason verzog das Gesicht. "Dafür habe ich Dich ja - zum Aufräumen!" Gavin knuffte Jason in die Seite und bückte sich dann nach unten, um das gesuchte Objekt unter dem Bett hervorzuziehen. "Ich frage jetzt lieber nicht, wie das Ding dort hingekommen ist ..." Jason lächelte schwach. "Laß uns gehen, ich erzähle es Dir auf der Fahrt ins Krankenhaus." Die beiden jungen Männer verließen ihr gemeinsames Appartement und stiegen in Jason's Porsche. Gavin McAllister und Jason hatten sich vor 5 Jahren kennengelernt. Damals fingen beide gerade mit ihrem Medizinstudium an, und da sie sich sofort gut verstanden, beschlossen sie, sich ein Appartement zu teilen. Es kam ihnen dabei nicht so sehr auf die Kosten an sondern auf den Zusammenhalt und die Unterstützung. Im Gegensatz zu Jason, der erblich nicht vorbelastet war, hatte Gavin einen Mediziner zum Vater. Mit ein Grund, warum der einzige Sohn auch Medizin studieren wollte. Optisch trennten sie Welten. Gavin war einen halben Kopf kleiner als Jason, hatte eine schlanke, drahtige Figur und dunkelblonde kurzgeschnittene Haare. Er war gerade dabei, sich einen kleinen Schnurrbart wachsen zu lassen, was seine Männlichkeit noch unterstreichen sollte, denn obwohl er ein Jahr älter als Jason war, schätzte man ihn jünger. "Mann, Jason, pass doch auf!" Gavin wies auf die rote Ampel vor ihnen, und Jason kam mit quietschenen Reifen zum Stehen. "Puh, das war knapp!" Gavin schüttelte verständnislos den Kopf und sah zu Jason herüber. "Was ist los? Seitdem Du aus Sunset Beach zurückgekehrt bist, hast Du noch nicht ein Wort darüber verloren. Ist dort etwas passiert?" Jason presste abweisend die Lippen zusammen. "Ah, ich verstehe, Du willst nicht darüber reden ... Geht es um eine Frau?" bohrte Gavin weiter. Die Ampel sprang auf grün und Jason drückte das Gaspedal durch. "Okay, ich habe verstanden. Dann eben nicht." Beleidigt beugte sich Gavin vor und drehte das Radio an. " ... Augenzeugen berichteten, daß die Maschine nur knapp die Landebahn verfehlte und, nachdem sie einige Bäume gestreift hatte, auf einer Waldlichtung notlandete. Soweit uns bekannt ist, handelt es sich um eine Maschine vom Typ 201 der Linie "Flying Wings", die in den frühen Morgenstunden vom Sunset Beach Airport gestartet und auf dem Weg nach Paris gewesen war. Die Verletzten wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht ..." "Das hört sich nach Arbeit an," bemerkte Gavin trocken, während er das Radio wieder ausschaltete. Wie versteinert hatte Jason die Nachrichten verfolgt. Seine Hände umklammerten das Lenkrad, bis die Fingerknöchel weiß hervortraten. "Paris ..." Die Erwähnung des Namens ließ ihn schlagartig wieder an Alison erinnern. Sie war die Liebe seines Lebens! Schon als Kind hatte er sie angebetet, und niemand - außer Mallory - hatte jemals davon gewußt. Als Alison mit 18 Jahren Sunset Beach verließ, war eine Welt für ihn zusammengebrochen. Er hatte sich lange Vorwürfe gemacht, daß er ihr nicht schon viel früher seine Gefühle gestanden hatte, aber dafür war es wohl nun zu spät. Jason bog in die Einfahrt des "L.A. General" ein und parkte seinen Porsche direkt vor der Tür. "Es gibt viel zu tun, packen wir es an!" Gavin rieb sich die Hände und sprang aus dem Wagen. "Deinen Galgenhumor möchte ich haben," knurrte Jason. "Hast Du's nicht gehört?" fragte Gavin verwundert. "Es gab einen Flugzeugabsturz . Ich denke, da können sie jeden Mann gebrauchen, der verfügbar ist." Jason verzog das Gesicht. "Du bist geradezu penetrant ehrgeizig," sagte er genervt. Gavin grinste. "Und Du schlecht gelaunt ... und nun komm endlich!" Die beiden jungen Männer betraten das Klinikgebäude und wurden gleich von einer der Schwestern angesprochen. "Euch schickt der Himmel!" begrüßte sie die beiden. "Dr. Hollister hat schon nach Euch gefragt." Sie wies rügend auf die Uhr. "Wieso müsst Ihr zwei eigentlich immer zu spät kommen?" fragte sie vorwurfsvoll. "Ganz ruhig, Lydia, wir haben alles im Griff," sagte Gavin lässig. Die junge Krankenschwester schüttelte den Kopf. "Das würdest Du nicht sagen, wenn Du die letzten zwei Stunden hier gewesen wärst," sagte sie. "Es gab ein schreckliches Flugzeugunglück, und die meisten der Überlebenden kamen hier mehr tot als lebendig an!" Um dem ganzen noch Nachdruck zu verleihen, zog sie theatralisch die Augenbrauen nach oben. "Folgt mir!" Sie ging voran und Jason und Gavin folgten ihr in Dr. Hollister's Büro. Der Chefarzt der Klinik begrüßte die beiden angehenden Assistenzärzte nur knapp und wies ihnen gleich ihre Arbeit zu. "McAllister, Sie gehen in die Notaufnahme, und Sie Mr. Evans brauche ich auf der Intensivstation." Er zupfte sich nachdenklich an seinem Bart herum. "Wie Sie ja vielleicht wissen, gab es ein Flugzeugunglück, und die meisten der Überlebenden wurden in unser Krankenhaus gebracht. Trotz sofortiger intensiver medizinischer Versorgung konnten wir leider nicht alle retten." Er machte eine Pause und blies langsam den Atem aus. "Ob die Personen, die nun auf unserer Intensivstation liegen überleben werden, hängt auch von Ihnen ab - von ihrem medizinischen Können." Gavin und Jason warfen sich untereinander vielsagende Blicke zu. Sie wussten, welch grosse Verantwortung nun auf ihren Schultern lag, und sogar Gavin, der sonst immer einen flachsigen Spruch auf den Lippen hatte, schwieg. "Ich denke, Sie haben verstanden, um was es hier und heute geht, nicht wahr, meine Herren?" Jason nickte. Er verspürte eine innere Unruhe, die er sich nicht erklären konnte. Er wusste, daß er der Aufgabe gewachsen sein würde. Trotzdem fühlte er eine eigenartige Nervosität. Gavin stand auf. "Wir werden alles tun, um das Leben dieser Menschen zu retten!" versprach er, und es klang beinahe wie ein Schwur. Dr. Hollister nickte zufrieden. "Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet, und nun machen Sie sich an die Arbeit." Vor der Tür drückte Gavin noch einmal Jason's Hand. "So, jetzt wird es ernst," sagte er. "Drück mir mal die Daumen, daß ich nicht beim Anblick von dem vielen Blut in Ohnmacht falle," witzelte er. Jason erkannte, daß auch Gavin nervös war. "Keine Sorge," tröstete er," Du wirst viel zu beschäftigt sein, um ohnmächtig zu werden." Die beiden warfen sich noch einmal aufmunternde Blicke zu, bevor jeder zu seinem Arbeitsbereich hinüber ging.

 

 

 

Kapitel 25

 

Gavin betrat den Eingangsbereich zur Notaufnahme und blieb wie angewurzelt stehen, als er aus dem Nebenraum leises Stöhnen hörte. Er schluckte seine aufkommende Nervosität herunter, zog sich einen Kittel über und ging hinüber zum Waschbecken, um seine Hände zu desinfizieren. Das war also der Moment, vor dem er sich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Er hatte schon von anderen Mitstudenten gehört, daß das Arbeiten in der Notfallambulanz zu den schwierigsten und psychisch belastendsten Erfahrungen gehörte. Entschlossen zog er den Vorhang zurück und ging zu einem der Ambulanzärzte hinüber. "Gavin McAllister," stellte er sich knapp vor. "Dr. Hollister hat mich heute für ihren Bereich eingeteilt." Der Arzt schaute kurz hoch, während er gerade dabei war, eine Infusion vorzubereiten. "Oh nein," stöhnte er. "Nicht schon wieder so ein Grünschnabel!" Er drückte dem verblüfften Gavin die Infusionsflasche in die Hand. "Nehmen Sie es nicht persönlich, junger Mann, aber ich habe Dr. Hollister schon mehrfach gesagt, daß wir in der Notaufnahme keine Anfänger gebrauchen können." Er seufzte tief, als er Gavin's verstörtes Gesicht sah. "Okay, versuchen wir es ..." Er wies zu einem schmalen Bett hinüber, in dem eine junge Frau bewußtlos lag. "Ihre Vitalfunktionen haben wir überprüft. Alles im grünen Bereich. Kreislauf stabil. Selbständige Atmung vorhanden. Pupillenreflexe normal. Blutdruck 80/40. Wir gehen davon aus, daß sie keine inneren Verletzungen hat. Am Kopf hatte sie eine Platzwunde, die wir klammern mussten. Außerdem hat sie sich bei dem Absturz zahlreiche Prellungen zugezogen, und zwei Rippen sind auch angeknackst, die wir geschient haben. Wenn man von einigen leichten Blessuren absieht, hat sie wirklich Glück gehabt," beendete er seinen Vortrag. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. "Was uns jetzt noch Sorgen macht ist, daß sie seitdem sie hier eingeliefert wurde, immer noch ohne Bewußtsein ist. Ihre restlichen Vitalfunktionen sind okay, aber sie wacht einfach nicht auf." Gavin nickte, während er zu der jungen Frau hinübersah. "Haben Sie ein EEG gemacht?" fragte er. Der Ambulanzarzt sah ihn überrascht an. "Sie scheinen ja doch etwas Ahnung zu haben," sagte er. Er schüttelte den Kopf. "Nein, die Erstversorgung sieht solche Maßnahmen nicht vor. Uns geht es in erster Linie darum, daß der Patient überlebt, alles weitere überlassen wir den Ärzten auf der Station." Gavin ging zu dem Bett hinüber, wo die junge Frau immer noch bewußtlos lag und führte routiniert die Infusionsnadel in ihre Armvene ein. Dann überprüfte er am Flaschenventil den Durchfluß. "Na prima," bemerkte der Ambulanzarzt. "Ich sehe, Sie haben hier alles bestens im Griff." Er rieb sich die Hände. "Dann kann ich mich ja jetzt wieder an die Arbeit machen," sagte er. Gavin sah ihn irritiert an. "Soll ich Ihnen nicht helfen?" fragte er erstaunt, als er sah, daß der Arzt sich umdrehte, um zu einem anderen Patienten zu gehen. "Nein, nein," winkte dieser ab. "Es sind genügend Ärzte hier, die sich um die Verletzten kümmern können. Sie bleiben hier und überprüfen weiterhin regelmässig die Körperfunktionen der Patientin. Wir wollen doch vermeiden, daß sie ins Koma fällt, nicht wahr?" Gavin schüttelte energisch den Kopf. "Nein, natürlich nicht, aber ich dachte, daß ich ..." Er wurde barsch unterbrochen. "Sie tun ihre Arbeit und ich meine!" sagte der Ambulanzarzt streng. Gavin schluckte einen weiteren Einwand, den er auf den Lippen hatten hinunter und nickte. "Sehr schön, dann haben wir uns ja verstanden." Der Arzt drehte sich um und ging eilig zu einem anderen Bett hinüber. "Arschloch!" zischte Gavin ihm leise hinterher. Er hasste diese bornierten Ambulanzärzte, die tatsächlich glaubten, daß sie etwas besseres wären als "normale" Stationsärzte. Und junge Assistenzärzte waren sowieso der letzte Dreck für diese "Halbgötter in weiß". Er atmete tief durch, um seinen erregten Puls wieder auf eine normale Taktfrequenz zu bringen. 'Was für eine "ehrenvolle" Aufgabe,' dachte Gavin sarkastisch. Jede Hilfsschwester hätte diesen Job übernehmen können, aber da er wenig Lust hatte, sich mit Dr. Hollister anzulegen oder gar mit diesem versnobten Ambulanzarzt, fügte er sich in sein Schicksal. Seufzend zog er sich einen Stuhl heran und griff nach dem Handgelenk der jungen Frau, um ihren Puls zu fühlen. Während er die Schläge zählte, betrachtete er sie genauer. Sie hatte die Augen geschlossen und sah aus, als ob sie friedlich schlafen würde. Dunkelbraune Locken umrahmten ihr schmales, blasses Gesicht. 'Wer sie wohl war und woher sie wohl kam?' fragte Gavin sich. Er schätzte sie auf Anfang 20, vielleicht sogar etwas jünger. Je länger er sie ansah, desto mehr fühlte er eine seltsame Verbundenheit zu ihr. Geschockt fuhr er zusammen, als der Herzmonitor zu piepen begann. Erschrocken sah Gavin auf die Anzeige. Erleichterung machte sich bei ihm breit, als er die gleichmässige Sinuskurve sah, die über den Monitor lief. Langsam streckte er die Hand nach der jungen Frau aus und berührte leicht ihre Wange. "Ich weiß nicht, wer Du bist oder woher Du kommst, aber ich verspreche Dir, daß alles wieder gut wird," flüsterte er dabei leise. Als ob seine Worte und seine Berührung magische Kräfte hätten, begannen die Lider der jungen Frau plötzlich zu flattern, und nur eine Sekunde später öffnete sie ihre Augen. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen gegen die Decke, als ob sie nichts und niemanden wahrnehmen würde. Vorsichtig beugte sich Gavin über sie und sprach sie an. "Können Sie mich verstehen?" fragte er unsicher. Die junge Frau sah nur weiterhin starr zur Decke. "Sie hatten einen Unfall und befinden sich im Krankenhaus," fuhr Gavin fort. Er nahm eine kleine Taschenlampe und leuchtete ihr damit vorsichtig in die Augen. Die Pupillen reagierten normal, also war ihr Gehirn durch die lange Ohnmacht nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Gavin knipste die Taschenlampe wieder aus und legte sie beiseite. "Wenn Sie mich verstehen können, geben Sie mir bitte ein Zeichen," bat er. Er griff nach ihrer Hand. "Ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen, und bei "ja" drücken Sie bitte meine Hand. Haben Sie das verstanden?" Es dauerte einen Moment, doch dann fühlte er einen leichten Gegendruck. "Prima," sagte er. "Okay, dann fangen wir mal an." Er lächelte ihr aufmunternd zu, doch die junge Frau reagierte nicht. "Können Sie sich an den Unfall erinnern?" wollte Gavin wissen. Er wartete auf einen erneuten Händedruck, doch er wurde enttäuscht. "Gut, machen wir es einfacher," fuhr er fort. "Haben Sie Schmerzen?" Er fühlte einen leichten Gegendruck und nickte. "Ich werde Ihnen sofort etwas gegen die Schmerzen geben, aber vielleicht können Sie mir noch ein oder zwei Fragen beantworten?" Er fühlte, wie die junge Frau seine Hand drückte. "Also ..." Er überlegte einen Moment, was er sie noch fragen könnte. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein. "Können Sie mir sagen, wie Sie heissen?" fragte er und wartete gespannt auf ihre Antwort. Als der erwartete Händedruck ausblieb beugte er sich zu der jungen Frau hinunter. In ihren Augen konnte er die Verzweifelung und Angst erkennen. "Sie können sich nicht erinnern, wer Sie sind oder woher sie kommen?" fragte er fassungslos. Statt eines Händedrucks schüttelte die junge Frau vorsichtig den Kopf. Ihre blauen Augen schimmerten feucht. Obwohl Gavin während seiner Ausbildung gelernt hatte, daß man als Arzt möglichst wenig persönliche Gefühle investieren sollte, berührte ihn das Schicksal der jungen Frau zutiefst. Sie lag verletzt in einer fremden Stadt im Krankenhaus und wusste weder wer sie war noch wohin sie gehörte. Gavin nahm ihr Krankenblatt zur Hand, daß vorne an ihrem Bett befestigt gewesen war und trug die Diagnose "Amnesie" in eine leere Zeile ein.