Kapitel 26
Langsam öffnete Alison ihre Augen, doch
sie sah nichts als Dunkelheit um sich herum. Stattdessen hörte sie neben sich
ein leises, rhythmisches Piepen. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und
begann ihren Körper abzutasten. Sie fühlte weiche Silikonschläuche und eine
Nadel, die in ihrem Arm steckte. Alison fühlte Panik in sich aufsteigen. Sie
musste im Krankenhaus sein, folgerte sie richtig, aber was war nur passiert?
Ruckartig setzte sie sich auf, und aus dem gleichmäßigen Piepen wurde ein
durchgehender Dauerton, als sich die Elektroden an ihrem Körper lösten. Die Tür
wurde plötzlich aufgerissen, und Alison blinzelte in gleißendes Licht, als
jemand den Lichtschalter betätigte. "Sie müssen ruhig liegen bleiben!" hörte sie
eine Stimme sagen. Als Alisons Augen sich allmählich den Lichtverhältnissen
angepasst hatten, sah sie eine Frau vor sich, die einen weißen Kittel trug. "Ich
bin Dr. Morris," stellte diese sich vor. "Schön, dass Sie wieder unter den
Lebenden sind," fügte sie lächelnd hinzu. Alison lehnte sich langsam wieder
zurück. In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Chaos, aber je mehr sie darüber
nachdachte, weshalb sie hier war, desto klarer wurde das Bild in ihrem Kopf.
"Ich ... ich bin im ... Krankenhaus?" fragte sie leise. Dr. Morris nickte.
"Ja, Sie sind hier im Kreiskrankenhaus von Pasadena," erklärte sie. "Pa-sadena?" wiederholte
Alison. Statt einer Antwort holte Dr. Morris ihr Stethoskop hervor und bat
Alison, sich ruhig hinzulegen. "Ich möchte sie kurz abhören und ihre Reflexe
überprüfen. Haben Sie irgendwelche Schmerzen?" Alison schüttelte den Kopf,
nachdem sie kurz überprüft hatte, ob ihre Arme und Beine ihrem willentlichen
Befehl auch gehorchten. Dr. Morris untersuchte Alison gründlich und sah sie dann
nachdenklich an. "Sie müssen mehr als einen Schutzengel gehabt haben!" sagte
sie. "Außer einigen Prellungen kann ich keinerlei weitere Verletzungen mehr bei
Ihnen feststellen. Können Sie sich erinnern, was passiert ist?" Alison schloss
die Augen. Bruchstückhafte Erinnerungen kamen wieder hoch. Sie saß in Gedanken
wieder im Flugzeug, fühlte, wie Mallory ihre Hand festhielt und spürte wieder
dieses Gefühl der Übelkeit, als das Flugzeug immer mehr an Höhe verlor und im
freien Fall vom Himmel stürzte ... Dr. Morris sah Alisons gequältes Gesicht und
berührte sanft ihren Arm. "Wenn die Erinnerung Sie zu sehr belastet, zwingen Sie
sich nicht dazu!" bat sie eindringlich. Alison öffnete wieder die Augen. Ein
entsetzlicher Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Abrupt setzte sie
sich wieder auf. "Mallory!" stieß sie hervor. Sie sah Dr. Morris mit weit
aufgerissenen Augen an. Wo ist ... Mallory?" fragte sie, und Verzweifelung klang
in ihrer Stimme mit. Dr. Morris sah sie mitfühlend an. "Es war also noch jemand
bei Ihnen, den Sie kannten?" fragte sie vorsichtig. Alison sah sie entsetzt an,
als ihr die Tragweite dieser Frage bewusst wurde. Anscheinend wusste in diesem
Krankenhaus niemand etwas von Mallory. "Meine Cousine ..." stammelte Alison.
Ungeachtet der Infusionsnadel, die immer noch in ihrem Arm steckte, schwang
Alison plötzlich ihre Beine über den Bettenrand. "Ich muss hier raus und sie
suchen!" sagte sie verzweifelt, während sie aufstand. Sogleich fühlte sie eine
eigenartige Schwäche in ihren Beinen, und ein Gefühl von Übelkeit überkam sie.
Dr. Morris fing sie gerade noch rechtzeitig auf, bevor es vor Alisons Augen
schwarz wurde. "Das war sehr unvernünftig von Ihnen!" schimpfte Dr. Morris,
während sie Alison wieder an die Infusion anschloss. "Sie sind noch viel zu
schwach, um aufzustehen, und außerdem stehen Sie anscheinend immer noch unter
Schock!" Alison stöhnte leise auf. Der Gedanke, dass Mallory bei dem
Flugzeugabsturz schwer verletzt oder sogar getötet worden war, war mehr, als sie
ertragen konnte. Sie rollte sich auf die Seite, zog ihre Beine unter den Körper
und begann hemmungslos zu weinen. Dr. Morris strich ihr sanft übers Haar.
"Weinen Sie sich nur aus," sagte sie leise. Nachdenklich betrachtete sie die
junge Frau. Sie dachte darüber nach, was Alison gesagt hatte. Sie war also
zusammen mit ihrer Cousine in dem Flugzeug gewesen. Dr. Morris wusste,
dass ein Großteil der Verletzten in das Los Angeles Memorial gebracht worden
war, besonders die Schwerverletzten. Im Gegensatz zum L.A. Memorial gab es in
dem kleinen Krankenhaus in Pasadena nicht genügend Ärzte und medizinische
Mittel, um schwere Fälle zu behandeln. Deshalb hatte man dorthin nur leicht
verletzte Passagiere gebracht. Wenn die besagte Cousine der jungen Frau also
noch lebte, ging es Dr. Morris durch den Kopf, dann war sie höchstwahrscheinlich
unter den Schwerverletzten zu finden. Sie sah zu Alison hinüber, deren Atemzüge
immer ruhiger und gleichmäßiger wurden. Sie hatte sich in den Schlaf geweint.
Dr. Morris verließ leise Alisons Krankenzimmer. Im Moment konnte sie nichts mehr
für die junge Frau tun. Erst, wenn sie wieder wach wurde, würde sie sie noch
einmal genauer nach ihrer Cousine befragen, nahm sie sich vor. Nun musste sie
sich erst einmal um ihre weiteren Patienten kümmern. Dr. Morris blieb noch einen
Moment nachdenklich vor der Tür stehen, bevor sie sich umdrehte und den Gang
hinunter, zu einem anderen Krankenzimmer, ging.
Sunset Beach/in Bens
Haus
Ungläubig und mit vor
Entsetzen geweiteten Augen starrte Meg in den Fernseher, wo im Nachrichtenkanal
gerade ein Sonderbericht mit Bildern zum Flugzeugabsturz gesendet wurde. Wie
betäubt griff sie zum Telefonhörer und wählte mit zittrigen Fingern Bens private
Nummer bei der Liberty Corporation. "Du musst sofort nach Hause kommen!"
stammelte sie, als er sich meldete. "Es ist etwas schreckliches passiert ..."
Sie wartete seine Reaktion nicht ab, sondern legte gleich wieder auf, um erneut
zu wählen. Sie musste Gewissheit haben, dass es sich auch wirklich um die
Maschine handelte, mit der Alison und Mallory gestartet waren. "Sunset Beach
Airport," meldete sich eine weibliche Stimme, und Meg nahm ihren ganzen Mut
zusammen, um die eine Frage zu stellen, die sie beschäftigte. "Stimmt es, dass
die Frühmaschine nach Paris in der Nähe von L.A. abgestürzt ist?" Atemlos
wartete sie auf eine Antwort. "Sind Sie eine Angehörige?" hörte sie die Stimme
fragen. Meg ließ den Hörer sinken und starrte wie in Trance auf ein gerahmtes
Bild, dass Mallory als Kleinkind zeigte. "Hallo, sind Sie noch da?" drang die
Stimme aus dem Hörer zu ihr. Meg nahm den Hörer wieder ans Ohr. "Wissen Sie, ob
es ... Überlebende gab?" fragte sie leise. "Warten Sie, ich gebe Ihnen die
Nummer der Hotline, die wir für Angehörige eingerichtet haben," sagte die Dame
von der Flughafeninformation. "Dort erfahren Sie die Namen der
identifizierten Verletzten und Toten." Megs Hände zitterten unkontrolliert,
als sie die Nummer auf einen Zettel kritzelte. "Danke!" Sie legte schnell auf,
weil sie spürte, dass ihre Kräfte sie verließen. Sie schaffte es gerade noch
rechtzeitig, das Sofa zu erreichen, bevor sie weinend zusammenbrach. So fand sie
Ben, als er wenig später das Haus betrat. Das Schlimmste ahnend ging er zum Sofa
hinüber und nahm Meg sanft in den Arm. "Meg, Liebes ... Was ist denn nur
passiert?" Sie hob ihr tränenfeuchtes Gesicht und sah ihn mit einem gequälten
Blick an.
"Mallory und Alison ... Flugzeugabsturz
... tot ..." stammelte sie zusammenhangslos, während ihr Körper wieder von
Schluchzen geschüttelt wurde. Ben umfasste vorsichtig Megs Arme und zwang sie,
ihn anzusehen. "Was sagst Du da?" fragte er entsetzt." Er schüttelte sie leicht.
"Bitte, Meg, reiß Dich zusammen und sag mir genau, was passiert ist!" bat er
eindringlich. Meg wischte sich mit einer Hand über ihr Gesicht und richtete sich
auf. "Das Flugzeug, mit dem Alison und Mallory nach Paris fliegen wollten ist
abgestürzt!" stieß sie dann hervor, nachdem sie sich etwas gefangen hatte. Ben
sah sie nur fassungslos an. "Nein," stammelte er," das glaube ich nicht!" Meg
umfasste seinen Arm. "Ben, ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen," sagte sie
verzweifelt," und beim Flughafen hat man es mir bestätigt." Ben schüttelte wie
betäubt den Kopf. Sein Gesicht wurde mit einem Mal aschfahl. "Mein Gott ..." war
alles, was er herausbringen konnte. Er nahm Meg wortlos in den Arm. Für einen
Augenblick hielten sie sich nur aneinander fest, bis sie sich vorsichtig von ihm
löste. Sie nahm den Zettel und drückte ihn Ben in die Hand. "Diese Nummer habe
ich vom Flughafen bekommen. Wenn man dort anruft kann man die Namen der Toten
und Verletzten erfahren," sagte sie mit tonloser Stimme. Ben sah sie geschockt
an. "Du willst also, dass ich anrufe, ja?" fragte er dann leise. Meg nickte
unter Tränen. "Ich kann das nicht ..."schluchzte sie. "Ich würde es einfach
nicht ertragen, wenn mir eine Stimme vom Band mitteilt, dass unsere Tochter
unter den Toten ist...“ Ben verspürte einen Kloß in seinem Hals, als er zum
Hörer griff und zu wählen begann. Meg presste ihre Hände gegen die Stirn, weil
sie das Gefühl hatte, als ob ihr Schädel zerspringen würde. 'Bitte," sandte sie
ein stummes Gebet zu Gott,' bitte lass Mallory und Alison am Leben sein!'
Angespannt und mit wachsender Nervosität beobachtete Meg Bens Reaktion, während
er in den Hörer lauschte. Nachdem er wieder aufgelegt hatte, herrschte für
einige Sekunden eine geradezu beklemmende Stille. "Sind sie tot?" fragte Meg,
und sie war überrascht, wie gefasst sich ihre Stimme anhörte. Langsam schüttelte
Ben den Kopf. Sein Gesicht wirkte wie versteinert. "Nein," sagte er knapp.
Erleichtert atmete Meg auf. "Oh, Gott sei dank, sie leben!" rief sie, doch Bens
Gesicht zeigte immer noch keinerlei Gefühlsregung. "Meg, wie soll ich es sagen
..." begann er zögernd," ... ihre Namen wurde nicht erwähnt." Er machte eine
lange Gedankenpause, während er Meg hilflos ansah. "Und was bedeutet das?"
fragte sie verwirrt. Ben holte noch einmal tief Luft, bevor er antwortete. "Da
sie weder als tot noch als lebendig registriert sind kann das nur zweierlei
bedeuten. Entweder wurden sie noch nicht gefunden oder sie konnten noch nicht
identifiziert werden ..." Als er Megs fassungslosen Gesichtsausdruck sah, zog er
sie wortlos in seine Arme. Ich verspreche Dir, dass wir sie finden werden!"
sagte er entschlossen. "Ob tot oder lebendig - wir werden sie finden ..."
L.A.
Memorial
Mallory fühlte eine
eigenartige Schwerelosigkeit, ein Gefühl, als ob sie schweben würde. Wie durch
eine Nebelwand hörte sie Stimmenfetzen. Etwas Hartes traf sie am Kopf und
irgendetwas Schweres quetschte ihren Brustkorb zusammen, so dass sie nach Atem
ringen musste. Sie hörte einen furchtbaren Schrei ... und wachte auf.
„Es ist alles in Ordnung,“ hörte
Mallory eine Stimme sagen. Sie fühlte, wie zwei starke Arme sie festhielten, und
verzweifelt klammerte sie sich daran fest. „Haben Sie keine Angst. Ich bin ja
bei Ihnen,“ sprach Gavin beruhigend auf Mallory ein. Er sah in ihr
tränenüberströmtes Gesicht und empfand zum wiederholten Male tiefes Mitgefühl
für die junge Frau. Mallory öffnete langsam ihre Augen und sah Gavin an. „Geht
es Ihnen besser?“ fragte er besorgt. Als Mallory nickte nahm Gavin vorsichtig
seinen Arm um ihre Schultern weg. „Sie haben nur schlecht geträumt,“ erklärte
er. Mallory fuhr sich mit der Zunge über ihre spröden, rissigen Lippen. „Was-ser,“
flüsterte sie. Gavin nickte und stand schnell auf. Aus einer Karaffe goss er ihr
etwas Wasser in einen Becher. Vorsichtig hob er Mallorys Kopf und setzte den
Becher an ihre Lippen. Gierig begann sie zu trinken. „Langsam,“ befahl Gavin,“
sie verschlucken sich sonst noch.“ Als Mallory den Becher geleert hatte, stellte
Gavin ihn zurück auf das Beistelltischchen. Er lächelte ihr aufmunternd zu.
„Genug?“ fragte er. Sie nickte. „Vielleicht sollte ich mich erst einmal
vorstellen,“ sagte er. „Mein Name ist Gavin McAllister. Ich bin Arzt im
Praktikum,“ erklärte er. Mallory lächelte müde. „Hal-lo,“ sagte sie mit noch
leicht belegter Stimme. „Ich ... bin ...“ Sie verstummte und sah ihn mit einem
verzweifelten Blick an. Gavin drückte beruhigend ihre Hand. „Strengen Sie sich
nicht an,“ sagte er. „Sie haben durch den Unfall kurzzeitig ihr Gedächtnis
verloren. Können Sie sich an Ihren Traum erinnern?“ wollte er wissen. Mallory
schloss die Augen, um sich besser erinnern zu können. „Ja ...“ sagte sie dann
zögernd. „Können Sie mir etwas darüber erzählen?“ fragte Gavin. Mit immer noch
geschlossenen Augen begann Mallory stockend zu erzählen. „ Es ist ... ganz hell
... es riecht nach ... nach Feuer und ... Schreie ... Ich höre Schreie und ...“
Mallory brach ab und riss die Augen wieder auf. „Was - was ist passiert?“
Ängstlich sah sie Gavin an. „Das Flugzeug, mit dem sie unterwegs waren, ist
abgestürzt,“ sagte er knapp, während er sie nicht aus den Augen ließ. Mallory
sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an. „Flug...zeug...absturz?“ wiederholte sie
ungläubig. Gavin nickte zögernd. Er erkannte, dass die junge Frau offenbar immer
noch unter Schock stand, was auch der Grund für die Amnesie sein könnte. „Sie
sollten jetzt besser schlafen,“ ordnete Gavin an, doch Mallory schüttelte den
Kopf. „Wo ...wo bin ich?“ fragte sie stattdessen. „Sie sind im Los Angeles
Memorial,“ gab Gavin ihr zur Antwort. „Ich bin mir sicher, dass schon nach Ihnen
gesucht wird,“ fügte er schnell hinzu, als er Mallorys entsetzten
Gesichtsausdruck sah. Müde schüttelte sie den Kopf. Sie glaubte nicht wirklich
daran, zumal sie ja nicht einmal selber wusste, wer sie war oder woher sie kam.
„Es ist ein gutes Zeichen, dass Sie sich an ihren Traum erinnern können,“
versuchte Gavin ihr Mut zu machen. „In Ihrem Unterbewusstsein haben Sie die
Ereignisse des Absturzes gespeichert und möglicherweise liegt dort auch der
Schlüssel für ihre Vergangenheit.“ Gavin dachte einen Moment nach. Dann kam ihm
eine Idee. „Vielleicht würde Ihnen unter Hypnose wieder einfallen, wer Sie
sind,“ sagte er. Verwirrt sah Mallory ihn an. „Hypnose?“ fragte sie überrascht.
Gavin nickte. „Ja, wenn Sie sich im Schlaf an Dinge aus ihrer Vergangenheit
erinnern können, dann müsste dies auch unter Hypnose funktionieren.“
Erleichtert, eine Lösung für das Problem der jungen Frau gefunden zu haben,
sprang er auf. „Ich werde den Oberarzt gleich rufen, damit er alles nötige dafür
in die Wege leiten kann,“ sagte er. „Ich denke, dass wir Sie auch auf die
normale Station verlegen können,“ fügte er hinzu. Mallory presste eine Hand
gegen die Schläfe. „Mein ... Name,“ stöhnte sie,“ ich ... erinnere mich nicht
...“ Gavin sah sie mitfühlend an. „Wie wäre es, wenn Sie sich einen anderen
Namen aussuchen, bis Sie ihr Gedächtnis wiedererlangt haben?“ schlug er vor.
Mallory sah ihn verwirrt an, doch Gavin ließ sich nicht beirren. „Wie wäre es
mit ...“ Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb an einem kleinen
Wandkalender hängen, der über dem Krankenbett hing. „Wie wäre es mit April?“
fragte er. Mallory zog die Stirn kraus. „April?“ wiederholte sie. Gavin wies auf
das Kalenderblatt. „Oder würde Ihnen „Monday“ besser gefallen?“ fragte er
lächelnd. Mallory schüttelte den Kopf. „April ist ... okay,“ sagte sie. Gavin
rieb sich die Hände. „Okay, dann wäre das ja geklärt,“ sagte er. Er wies zur
Tür. „So, ich gehe jetzt und hole den Oberarzt,“ meinte er. Mallory nickte, und
nachdem Gavin das Krankenzimmer verlassen hatte schloss sie wieder ihre Augen
und versank in einen traumlosen Schlaf.
Krankenhaus von
Pasadena
Alison saß in ihrem Bett und starrte
mit leerem Blick aus dem Fenster. Sie hörte, wie der Regen gegen die
Fensterscheibe prasselte, aber sie nahm es nicht wirklich wahr. Ihre Gedanken
waren bei Mallory. Sie konnte und wollte einfach nicht akzeptieren, dass ihre
Cousine womöglich bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Alison stöhnte
leise auf, als sie daran dachte, wie ihre Tante und ihr Onkel wohl auf die
Nachricht reagieren würden, dass ihre Tochter spurlos verschwunden war.
Energisch schob Alison die Bettdecke zurück. Sie konnte nicht länger hier
herumliegen. Sie musste etwas tun! Langsam schob sie ihre Beine über den
Bettenrand und stand auf. Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie die
Infusionsnadel aus ihrem Arm. Ein Rinnsal dunkelroten Blutes tropfte auf den
Fußboden, doch Alison bemerkte es nicht. Es gab nur einen Gedanken, der sie
vorwärts trieb. Sie musste Mallory finden! Zwar noch wackelig, aber doch
einigermaßen sicher auf den Beinen, ging sie ein paar Schritte durch den Raum.
Alison sah an sich herunter. Sie trug ein Krankenhausnachthemd, dass im
Rücken mit zwei Bändern zusammengehalten wurde. Ihre eigenen Anziehsachen lagen
sorgfältig zusammengefaltet auf einem Stuhl. Alison nahm die Wäschestücke hoch
und begutachtete sie kritisch. Ihre Bluse wies Dreckspuren auf, und in
Schulterhöhe war ein langer Riss zu erkennen. Alison seufzte, zog das Nachthemd
über ihren Kopf und streifte sich die Bluse über. Zumindest sah ihr Rock noch
einigermaßen gut erhalten aus, stellte sie fest, doch nach ihren Schuhen suchte
sie vergeblich. Eine erneute Übelkeitswelle überkam sie. ‚Reiß Dich zusammen!’
dachte Alison. ‚Es ist nur der Kreislauf. Nach ein paar Schritten vergeht das
wieder.’ Sie atmete tief durch, bevor sie vorsichtig die Tür öffnete und
hinausspähte. Sie sah, wie einige Patienten auf dem Flur auf und ab liefen,
jedoch keine Spur von einem Arzt. Alison atmete erleichtert auf und zog langsam
die Tür hinter sich zu. Sie straffte ihre Schultern. Instinktiv fuhr sie mit
einer Hand durch ihre verfilzten Haar. Wahrscheinlich bot sie einen jämmerlichen
Anblick, dachte sie, aber in dieser Situation war das Aussehen zweitrangig.
Niemand hielt sie auf, als sie leicht schwankend und barfuss den langen Flur
entlang zum Ausgang ging. Vor der Tür atmete Alison erst einmal tief die kühle
Abendluft ein. Das der Regen ihre Kleidung durchnässte, störte sie nicht.
Hilflos schaute sie sich um. Erleichtert stellte sie fest, dass sich in
unmittelbarer Nähe eine Bushaltestelle befand. Langsam ging Alison darauf zu und
nahm auf einer überdachten Sitzbank platz. Eine ältere Dame sah sie misstrauisch
an und rückte etwas von ihr ab. „Mein Freund hat mich vorhin rausgeschmissen,
und ich hatte nicht mal mehr Gelegenheit meine Sachen zu packen,“ sagte Alison
zu ihrer Entschuldigung. Mitleid war aus dem Gesicht der alten Dame abzulesen,
und Alison atmete erleichtert auf. Es war die erstbeste Lüge, die ihr
eingefallen war, und der Zweck heiligte schließlich die Mittel. „Wohin fährt
dieser Bus denn?“ fragte Alison. Die alte Dame wies auf die Anzeigetafel. „Nach
Los Angeles,“ sagte sie, während sie Alison mit gerunzelter Stirn musterte.
„Wohin wollen Sie denn?“ fragte sie neugierig. Alison zuckte mit den Schultern.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie mit ihrer Suche beginnen sollte, aber zumindest
kannte sie jemanden, der in L.A. wohnte. Über Alisons Gesicht huschte ein
Lächeln. „L.A.? Prima, genau dort will ich hin!“
Sunset Beach/in Bens
Haus
„Wir müssen es Jason sagen,“ sagte Meg
mit tonloser Stimme, während sie ein Foto anstarrte, dass ihre beiden Kinder
zeigte.
Ben sah sie nachdenklich an. „Ja, das
müssen wir, aber zuerst will ich die örtliche Polizei benachrichtigen.“
Meg sah ihn erstaunt an.
„Wie können die uns denn helfen? Der Absturz war doch in der Nähe von L.A..“
Ben nickte. „Ja, aber es gibt eine
Kooperation zwischen den einzelnen Police-Departements. Vielleicht kann Ricardo
mit der Polizeidienststelle in L.A. telefonieren. Möglicherweise haben die ja
mehr Informationen. Hier herumzusitzen bringt auf jeden Fall nichts!“
Meg nickte mechanisch.
„Glaubst Du, dass sie noch am Leben sind?“ fragte sie geradeheraus.
Ben sah sie einen Moment nachdenklich
an. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich weiß es nicht,“ sagte er verzweifelt. „Ich
weiß es wirklich nicht, aber wenn sie das überlebt haben sollten, dann hatten
sie mehr als nur einen Schutzengel!“
Meg konnte ihre Tränen
nicht mehr zurückhalten. Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht. „Was müssen
wir noch alles ertragen?“ schluchzte sie. „Erst Sara und Derek und nun auch noch
Mallory und Alison ...“
Ihre Stimme versagte ihr, und Ben zog
sie schnell in seine Arme. „Wir dürfen nicht aufgeben! Aufgeben bedeutet die
Hoffnung zu begraben, und ich bin noch nicht bereit, meine Tochter aufzugeben!“
sagte er energisch. Er führte Meg zum Sofa hinüber. „Ruh Dich ein bisschen aus,“
schlug er vor. „Ich werde jetzt Ricardo anrufen und ihn um Hilfe bitten.“
Meg nickte. Nachdenklich
sah sie Ben an, als ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoss. „Carmen
...“ flüsterte sie.
Ben sah seine Frau verständnislos an.
„Carmen Torres? Was soll mit ihr sein?“
Meg richtete sich auf.
„Vielleicht kann sie uns bei der Suche helfen!“
Ben sah sie stirnrunzelnd an. „Ich
verstehe nicht so ganz, wie Du das meinst.“
Meg sprang auf. „Ich
weiß, was man über sie redet, aber wenn es jemanden gibt, der mit Mallory in
Kontakt treten kann, dann ist sie das!“ sagte sie aufgeregt.
Ben schüttelte den Kopf, während er
sanft einen Arm um sie legte. „Meg, Liebes,“ sagte er mit ruhiger Stimme,“
Carmen Torres ist eine alte, verwirrte Frau, die sich mit ihrem Gerede über
Hellseherei und Magie nur wichtig machen will. Sie kann nicht wirklich in die
Zukunft schauen!“
Meg riss sich aus Bens
Armen los. „Nur weil Du nicht an die Macht der Magie glaubst, heißt das doch
noch lange nicht, dass sie nicht existiert!“ erwiderte sie aufgebracht.
Ben sah seine Frau verwirrt an. „Hast
Du nicht selber gesagt, dass Du es nicht gerne sehen würdest, dass Mallory sich
mit dieser Frau trifft?“
Meg ignorierte seine
Frage. „Bitte, Ben,“ flehte sie,“ sie ist unsere letzte Hoffnung! Lass mich zu
ihr gehen!“
Energisch schüttelte er den Kopf. „Auf
keinen Fall, Meg! Du bist völlig durcheinander. In so einem Zustand kann ich
Dich unmöglich dem Einfluss dieser Frau aussetzen.“ Er sah auf seine Armbanduhr.
„Vielleicht legst Du Dich oben etwas hin. Ich gehe jetzt in mein Arbeitszimmer
und rufe Ricardo an.“ Er drehte sich um und ging zu seinem Arbeitszimmer
hinüber, während Meg ihm mit starrem Blick hinterher sah.
5 Minuten später kam er fluchend
zurück. „Verdammt, es ist besetzt!“ Er sah Meg prüfend an. „Kommst Du eine Weile
ohne mich zurecht?“ fragte er besorgt. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich
Ricardo persönlich aufsuche.“
„Es geht mir gut,“ sagte sie, während
sie sich zu einem Lächeln zwang. „Geh nur!“
Ben sah sie nachdenklich an. „Denk
darüber nach, was ich Dir gesagt habe,“ sagte er eindringlich. „Bleib von Carmen
fern!“
Meg nickte. „Keine
Sorge,“ erwiderte sie.
„Okay, dann gehe ich jetzt,“ sagte er
beruhigt. Er gab Meg einen sanften Kuss auf die Wange. „Ich rufe Dich an, wenn
ich neue Informationen habe,“ versprach er ihr.
Meg nickte, während sie
ihm mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck hinterher sah. Kaum hatte Ben das
Haus verlassen, nahm Meg ein Foto von Mallory aus einer Schublade und steckte es
in ihre Tasche. „Es tut mir leid, Ben,“ flüsterte sie. „Ich habe Dich in all den
Jahren nie belogen, aber diesmal kann ich nicht anders ...“ Sie öffnete die Tür,
schaute nach, ob die Luft rein war und rannte dann so schnell sie konnte die
Stufen hinunter.
Im Bus, auf dem Weg
nach L.A.
Müde lehnte Alison ihren Kopf gegen die
Kopfstütze. Die Fahrt nach L.A. dauerte länger, als sie vermutet hatte, und ihr
gesamter Körper schmerzte von der unbequemen Sitzhaltung. Alison sah durch das
Fenster und stellte frustriert fest, dass der Regen immer noch nicht
nachgelassen hatte. Wenn sie nicht bald ihre nassen Sachen ausziehen würde,
würde sie sich sicher noch eine Lungenentzündung holen. Alison musste plötzlich
kichern, als ihr die Ironie dieser Situation bewusst wurde. Da hatte sie gerade
einen Flugzeugabsturz überlebt und starb dann an einer simplen Lungenentzündung!
Sie schaute hoch und stellte fest, dass einer der Fahrgäste, der ihr schräg
gegenüber saß, sie mit unverhohlener Neugier anstarrte. Alison schloss die
Augen. Sie hatte wenig Lust, den Leuten ihre Geschichte zu erzählen, aber
wahrscheinlich dachten die sowieso, dass sie eine Landstreicherin wäre.
Erschrocken schaute sie hoch, als eine energische Männerstimme sie ansprach.
„Ihre Fahrkarte, bitte!“
Alison sah den Schaffner verständnislos
an. „Meine was?“
Der Mann runzelte die Stirn. „Ihre
Fahrkarte, Miss!“ wiederholte er schon leicht ungehalten.
Alison griff sich an die Stirn. Als sie
so spontan in den Bus eingestiegen war, hatte sie gar nicht daran gedacht, dass
sie kein Geld dabei hatte. „Ich ... ich ...“ stammelte sie, doch sie wurde jäh
unterbrochen.
„Was kostet denn die Fahrkarte?“
mischte der Fahrgast von gegenüber sich ein.
Der Schaffner sah ihn mit gerunzelter
Stirn an. „Regulär 6 Dollar, aber da Sie noch die Strafgebühr bezahlen muss ...“
Er rechnete kurz nach. „Macht 18 Dollar,“ sagte er dann.
Alison beobachtete irritiert, wie der
Fahrgast seine Brieftasche zückte und dem Schaffner den gewünschten Betrag
aushändigte.
„Danke!“ sagte Alison erleichtert, als
der Schaffner wieder gegangen war. „Du hast mir gerade das Leben gerettet!“ Sie
betrachtete ihren ‚Lebensretter“ genauer. Er war circa Anfang 20, groß, schlank,
braungebrannt und hatte hellblondes Haar. ‚Ein richtiger Beach Boy,’ ging es
Alison durch den Kopf. Irgendwie verkörperte er den typischen Surfertyp.
„Habe ich doch gerne gemacht,“ lächelte
er. Er setzte sich auf den freien Platz neben Alison. „Vielleicht sollte ich
mich erst einmal vorstellen. Ich heiße David.“
Alison lächelte. „Hallo David, ich bin
Alison.“ Sie räusperte sich. „Du bekommst das Geld natürlich wieder,“ versprach
sie ihm.
Er winkte ab. „Hat keine Eile.“ Prüfend
sah er sie an. „Sorry, dass ich das jetzt so sage, aber Du siehst echt fertig
aus,“ sagte er ohne Umschweife. „Hat man Dich irgendwie verprügelt?“
Erschrocken sah Alison ihn an. Sie
hatte ganz ihre Prellungen vergessen, die sie sich beim Absturz zugezogen hatte.
„Nein,“ antwortete sie zögernd,“ ich hatte einen Unfall.“
Betroffen sah er sie an. „Mann, das
sieht übel aus! Das solltest Du mal von einem Arzt anschauen lassen.“
Alison musste plötzlich grinsen. „Du
wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber da komme ich gerade her.“
Erstaunt sah er sie an. „Du warst damit
schon beim Arzt, und die haben Dich dann einfach so gehen lassen?“
Alison schüttelte den Kopf. „Nicht so
ganz ...“ gab sie zu, und dann erzählte sie David von dem Flugzeugunglück und
dass sie erst wieder ihm Krankenhaus zu sich kam.
David hörte ihr ruhig zu. Dann sah er
sie nachdenklich an. „Du bist jetzt also auf der Suche nach Deiner Cousine, die
ebenfalls mit Dir im Flieger war, habe ich das richtig verstanden?“ fasste er
noch einmal zusammen. Alison nickte. „Ja, aber leider habe ich keinerlei
Anhaltspunkte, wo sie sein könnte,“ sagte sie traurig.
David sprang plötzlich auf. „Bei der
nächsten Haltestelle muss ich aussteigen,“ erklärte er.
Alison nickte. „Okay. Kannst Du mir
Deine Adresse geben, damit ich Dir das Geld zuschicken kann?“ fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe
eine viel bessere Idee,“ antwortete er mit einem Grinsen im Gesicht. „Du kommst
einfach mit mir mit!“
Kapitel 29
L.A. Memorial
Mallory schwirrte der Kopf von der Anstrengung her, sich an etwas erinnern zu wollen, dass anscheinend tief in ihr verschollen war. Sie war nun auf Station gebracht worden und wartete darauf, dass endlich jemand kam, der etwas Licht ins Dunkel bringen konnte. Bisher wusste sie nicht allzu viel über sich, nur dass sie auf dem Weg nach Paris gewesen war, als ihr Flugzeug aus bisher unbekannter Ursache abstürzte und total ausbrannte. Ein Feuer war an Bord ausgebrochen und hatte alles verwüstet. Ein regelrechtes Wunder, dass Helfer sie rechtzeitig aus dem brennenden Flugzeug bergen konnten. Mallory schlug die Bettdecke zurück und befühlte ihre bandagierten Rippen. Zum Glück nur angeknackst, dachte sie. Vorsichtig setzte sie sich auf. Wenn sie nicht allzu stark ein- und ausatmete, waren die Schmerzen erträglich stellte sie fest. Sie wollte gerade aufstehen, als die Tür sich öffnete und eine Schwester hereintrat. Schnell schlug Mallory die Bettdecke wieder zurück und lehnte sich in ihr Kissen.
„So, hier bringe ich Ihnen noch ein leichtes Beruhigungsmittel,“ sagte die Schwester lächelnd zu ihr.
Mallory nickte gequält. Vielleicht war es in ihrem jetzigen Zustand wirklich besser, wenn sie nicht zuviel über ihre Vergangenheit nachgrübelte.
„Wann macht der Oberarzt denn seine Visite?“ fragte sie ungeduldig.
„Er wird sicher bald kommen,“ tröstete die Schwester sie. „Dr. Mc Allister macht gewöhnlich von 2-5 Uhr seine Visite.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „Wir haben ja erst halb 3. Ein bisschen müssen Sie sich schon noch gedulden. Er ist immer sehr beschäftigt, müssen Sie wissen.“
Mallory sah die Schwester stirnrunzelnd an. „Sagten Sie McAllister?“ fragte sie überrascht.
Die Schwester nickte. „Ja, wieso?“
„Ach, nur so,“ antwortete Mallory. Hatte sich der junge Mann, der sie in der Notaufnahme betreut hatte nicht auch als ‚McAllister’ vorgestellt?
Die Schwester schaute wieder auf die Uhr. „Entschuldigen Sie mich bitte,“ sagte sie. „Ich muss jetzt nach meinen anderen Patienten schauen.“
„Natürlich,“ sagte Mallory verständnisvoll.
„Wenn noch etwas sein sollte, betätigen Sie einfach den Rufknopf.“
Mallory nickte und schlug die Bettdecke wieder zurück, als die Schwester den Raum verlassen hatte. Langsam schob sie ihre Beine über den Bettenrand und stand dann vorsichtig auf. Als sie sich aufrichtete verzog sie schmerzerfüllt das Gesicht. Irgendwie war es wohl doch keine so gute Idee gewesen, schon so früh aufzustehen, dachte sie. Ihre Beine fühlten sich wie Gummi an, und der Fußboden unter ihr schien zu schwanken. Erschrocken riss sie die Augen auf und verlor gänzlich den Halt, als die Tür sich plötzlich wieder öffnete.
„Was zum Teufel …“ hörte sie noch, und dann fingen starke Arme sie auf und legten sie sanft aufs Bett zurück.
„Wer hat Ihnen erlaubt aufzustehen?“ hörte sie eine vertraute Stimme.
Sie öffnete ihre Augen. „Sie?“ fragte sie erstaunt, als sie erkannte, wer ihr Retter war.
„Das war sehr unvernünftig von Ihnen!“ sagte Gavin streng.
Mallory nickte beschämt. „Sie haben recht,“ gab sie zu. „Vielleicht sollte ich mit dem Aufstehen wirklich noch etwas warten.“ Sie stutzte. „Was machen Sie eigentlich hier?“ fragte sie neugierig. „Sagten Sie nicht, dass Sie in der Notaufnahme wären.“
„Schon,“ druckste Gavin herum,“ aber ich habe jetzt Feierabend und wollte noch einmal nach Ihnen sehen, bevor ich nach Hause gehe.“
„Das ist wirklich nett … danke!“ Mallory lächelte ihn an. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er seinen weißen Arztkittel gegen Hemd und Hose eingetauscht. “Ich habe auf den Oberarzt gewartet, aber die Schwester sagte mir, dass er sehr beschäftigt wäre.“
„Ja,“ stimmte Gavin zu,“ das ist er immer.“ Er seufzte tief. „Er hat nicht mal Zeit für seine eigene Familie.“
Überrascht hob sie den Kopf. „Sie kennen seine Familie?“
„Ich bin ein Teil davon,“ erwiderte Gavin grinsend. „Ich bin sein Sohn.“
„Oh …“ Mallory sah Gavin mit einem betretenen Blick an. „Das wusste ich nicht.“
„Ist schon okay. Woher sollten Sie auch.“ Gavin fuhr sich durch sein kurz geschnittenes dunkelblondes Haar. „Also, ich habe mit ihm über Sie gesprochen und was er von der Möglichkeit hält, eine Hypnose bei Ihnen durchzuführen…“
„Und?“ Mallory setzte sich auf und sah Gavin neugierig an.
„Er will sich selber ein Bild von dem ganzen machen,“ sagte er zögernd. „Er möchte Sie erst näher kennen lernen, bevor er so eine Behandlungsmethode vertreten kann.“
„Und wie lange wird das dauern?“ fragte Mallory traurig. „Ich meine, was soll ich ihm denn erzählen? Ich kann mich doch an überhaupt nichts erinnern!“ Unbemerkt rannen Tränen über Mallorys Wangen.
„Hey, nicht doch!“ Gavin zog aus seiner Hosentasche ein Taschentuch hervor und betupfte vorsichtig Mallorys Wangen. Sie hob den Kopf und sah ihn dankbar an, und ihre Blicke schienen in diesem Moment miteinander zu verschmelzen. Gavin spürte, wie sein Pulsschlag sich beschleunigte, und mit zunehmender Beunruhigung stellte er fest, dass er nicht nur ein rein medizinisches Interesse an der jungen Frau hatte.
Schnell zog er die Hand wieder weg. „Ich will dann mal gehen,“ sagte er, während er verlegen an dem Taschentuch herumnestelte.
„Werde ich Sie wieder sehen?“ fragte Mallory und sah ihn erwartungsvoll an. Der Gedanke, ganz alleine in diesem Krankenhaus zu sein, ängstigte sie.
„Ja …“ sagte Gavin leise. „Wenn Sie möchten besuche ich Sie morgen wieder.“
„Ich würde mich sehr darüber freuen,“ erwiderte Mallory lächelnd.
„Dann wäre das ja geklärt.“ Gavin wandte sich zum Gehen um, als ihm noch etwas einfiel. „Ach ja, vielleicht lassen wir einfach dieses steife „Sie“?“ Er lächelte verschmitzt. „Ich bin Gavin.“
Sunset Beach – Carmen Torres’ Strandhaus
Mit klopfendem Herzen und vor Nervosität schweißnassen Händen stand Meg vor Carmen Torres’ „Hexenhäuschen“. Die alte Dame wohnte schon seit vielen Jahrzehnten in dem kleinen Strandhaus, dass weit entfernt vom Touristenstrand, inmitten eines Palmenhains lag. Meg erinnerte sich, wie sie schon einmal vor dieser Tür gestanden hatte. Damals hatte sie Gabi begleitet, die nach dem Tod ihres Sohnes so verzweifelt gewesen war und Hilfe bei ihrer Schwiegermutter gesucht hatte. Nun stand sie selber hier und erhoffte sich, einige Antworten auf ihre Fragen zu finden. Meg wischte sich die feuchten Hände an ihrer Hose ab und betätigte zaghaft den Türklopfer. Erst beim zweiten Klopfen drangen Geräusche an ihr Ohr, und dann öffnete sich die Tür und Carmen Torres stand in leibhaftiger Gestalt vor ihr.
Carmen sah sie mit ungläubigem Erstaunen an. „Meg Evans?!“ Was führt Sie denn hierher?“ fragte sie misstrauisch.
Meg nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Carmen, ich weiß, dass wir in der Vergangenheit nicht sehr gut miteinander ausgekommen sind,“ stieß sie verzweifelt hervor,“ aber Sie sind meine letzte Hoffnung!“ Ihre mühsam aufrechterhaltene Fassade brach zusammen, und sie begann zu schluchzen. „Mallory ist …“ Sie traute sich nicht, das Wort auszusprechen.
„Was ist mit ihr?“ fragte Carmen alarmiert .
„Sie ist … sie wollte mit ihrer Cousine nach Paris fliegen, und das Flugzeug ist … abgestürzt,“ brachte Meg schließlich mühsam hervor.
Carmen sah sie geschockt an. „Abgestürzt? Mein Gott …“ Sie schloss die Augen, faltete ihre Hände und sprach ein leises Gebet. Dann wandte sie sich wieder Meg zu. „Ich habe gespürt, dass Unheil auf sie zukommen würde,“ sagte sie leise. „Ich habe Sie gewarnt. Ich habe ihr gesagt, dass …“ Weiter kam sie nicht, denn Meg unterbrach sie.
„Sie haben gewusst, dass Sie in Gefahr ist?“ fragte sie und sah Carmen mit entsetztem Gesicht an. „Wieso haben Sie dann nicht verhindert, dass sie ins Flugzeug steigt?“
„Weil ich den freien Willen eines Menschen über alles stelle,“ antwortete Carmen,“ egal was das Schicksal für ihn bereit hält.“
Meg schüttelte fassungslos den Kopf, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. „Sie haben einfach tatenlos zugeschaut, wie sie in ihren Tod fliegen!“ schluchzte sie.
Carmen schüttelte energisch den Kopf. „Ich bin nicht Gott, Meg! Ich kann vielleicht die Zukunft vorhersagen, aber ich kann nichts tun, um das Schicksal zu verändern.“
Weinend sank Meg vor der alten Frau auf die Knie. „Bitte,“ flehte sie sie an,“ bitte helfen Sie mir herauszufinden, was mit meiner Tochter und meiner Nichte geschehen ist!“
Carmen sah einen Moment nachdenklich auf die vor ihren Füssen kniende Meg, bevor sie ihre knochige Hand nach ihr ausstreckte. „Stehen Sie auf!“ sagte sie mit ruhiger Stimme. „Ich werde Ihnen helfen.“
Meg griff nach Carmens Hand und stand auf. „Danke …“ flüsterte sie.
Carmen nickte. „Kommen Sie!“ Sie machte eine einladende Handbewegung, und nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass Meg auch niemand gefolgt war, schloss sie leise die Tür hinter sich zu.