Kapitel 01

 

 

Meg Cummings schlug den Kragen ihres Mantels hoch, als der kalte Nordwind auffrischte. Nun lebte sie schon neun Monate hier in Hertford, nordwestlich von London, aber an das englische Wetter hatte sie sich immer noch nicht gewöhnt. Sie war im Februar hierher gekommen, nachdem kurz zuvor ihre Hochzeit mit Tim Truman geplatzt war. Sie hatte ihren Bräutigam wenige Tage vor ihrer Hochzeit zusammen mit ihrer, wie sie glaubte, besten Freundin Connie, im Bett erwischt. Tim hatte zwar beteuert, dass dies ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei und er nur sie, Meg, liebte, aber das konnte Meg nicht glauben. Sie hatte einfach kein Vertrauen mehr zu Tim. Sie hat die Hochzeit dann abgesagt und im Nachhinein war sie sogar froh darüber, denn als sie zur Ruhe gekommen war, wurde ihr klar, dass sie Tim nie so geliebt hatte, wie eine Frau eigentlich einen Mann lieben sollte, den sie zu heiraten gedachte. Es war wohl mehr Gewohnheit gewesen und weil alle erwartet hatten, dass sie Tim heiraten würde, dass sie seinen Antrag angenommen hatte. Aber das alles lag jetzt weit hinter ihr, genauso wie Ludlow in Kansas. Natürlich hatte sie immer noch Heimweh. Im Sommer hatte ihr die Weite der Korn und Maisfelder gefehlt und ihre Familie, ihre Eltern und ihre Schwester Sara fehlten ihr jeden Tag. Aber nach der geplatzten Hochzeit hatte sie sich dort einfach nicht mehr wohl gefühlt, da sie immer wieder damit rechnen musste, Tim und Connie über den Weg zu laufen.

 

Über das Internet hatte sie dann die Stellung hier im St. Claire Internat bekommen, wo sie nun Englisch und amerikanische Literatur unterrichtete. Der Job machte ihr großen Spaß, da sie jeden Tag mit jungen Menschen zusammen kam. Tim hatte die Idee nie gefallen, dass Meg als Lehrerin arbeiten wollte, aber sie hatte trotzdem studiert und gehofft, dass sich ihr Traum eines Tages erfüllen würde und das hatte er ja nun in gewisser Weise.

 

Sie war auf dem Weg in den Verwaltungstrakt, da der Dekan nach ihr geschickt hatte. Schnell überlegte sie, ob irgendetwas in den letzten Tagen schief gelaufen war oder ob es irgendwelche Beschwerden gegeben hatte, aber ihr fiel nichts ein. Sie erreichte das Gebäude, in dem die Verwaltung der Schule sich befand und betrat erleichtert das Gebäude. Endlich konnte sie den Wind und den Nieselregen hinter sich lassen. Eilig stieg sie die Treppe in den ersten Stock hinauf, in dem sich das Büro des Dekans befand. Nach kurzem Anklopfen betrat sie das Vorzimmer des Dekans.

„Guten Tag, Miss Summer“, begrüßte Meg die Sekretärin.

„Guten Tag, Miss Cummings“, erwiderte die Frau mit einem kurzen nicken den Gruß. „Gehen Sie gleich durch, der Dekan wartet schon auf Sie.“

„Dank“, lächelte Meg und durchquerte den Raum. An der Tür zum Büro des Dekans holte sie noch einmal tief Luft bevor sie anklopfte.

„Herein!“ hörte sie einen Augenblick später die tiefe und angenehme Stimme des Dekans.

Meg betrat das Büro. „Guten Tag, Sie haben mich rufen lassen?“

Der Dekan blickte auf und erhob sich lächelnd „Ah, Miss Cummings, schön dass Sie gleich kommen konnten. Möchten Sie vielleicht Ihren Mantel ablegen?“

„Gerne“, nickte Meg und begann die Knöpfe ihres Mantels zu öffnen. Sie zog ihn aus und der Dekan nahm ihn ihr ab und hängte ihn auf.

„Nehmen Sie doch bitte Platz“, forderte er Meg dann auf.

Meg setzte sich und sah den Dekan an. Er musste jetzt schon über sechzig sein, denn sein Haar war schon fast komplett Silber, nur hier und da konnte man erahnen, dass es früher einmal schwarz gewesen sein musste. Kleine Lachfältchen umrahmten die blauen Augen, mit denen er Meg nun musterte.

„Und Miss Cummings, fühlen Sie sich immer noch wohl hier bei uns in England? Trotz unseres Schmuddelwetter hier im Herbst und Winter?“

Meg lächelte. „Naja, in Kansas ist es um diese Jahreszeit auch nicht gerade warm. Ganz im Gegenteil. Ich habe gestern erst mit meinen Eltern telefoniert und sie haben dort schon einigen Schnee. Aber um auf Ihre Frage zurück zu kommen, Dekan Evans, ja ich fühle mich hier sehr wohl.“

„Das freut mich zu hören“, lächelte Dekan Evans. „Und planen Sie, in den Weihnachtsferien nach Hause zu fahren?“

Meg schüttelte ihren Kopf. „Ich würde ja gerne, aber der Flug ist leider sehr teuer und nachdem ich mir jetzt gerade erst meine kleine Wohnung hier eingerichtet habe…“

„Verstehe“, nickte der Dekan. „Das ist bestimmt nicht einfach für Sie.“

„Nein, aber in Kansas wäre es auch nicht einfach für mich“, erwiderte Meg. Der Dekan hatte sie damals bei ihrem Einstellungsgespräch gefragt, warum sie sich einen Job so weit weg von zu Hause gesucht hatte und Meg hatte ihm die ganze Geschichte erzählt.

„Sie wundern sich jetzt ganz bestimmt, warum ich Sie hierher gebeten habe oder?“ wollte der Dekan wissen.

„Wenn ich ehrlich bin, ja Dekan Evans“, antwortete Meg.

„Sehen Sie Miss Cummings, das schätze ich so sehr an Ihnen. Sie antworten immer ehrlich und reden nicht lang drum herum“, lächelte der Dekan. „Darum will ich auch nicht lange drum herum reden. Meine Frau und ich veranstalten am Wochenende unseren jährlichen Weihnachtsball. Er findet immer am Samstag vor dem ersten Advent statt und dazu möchten wir Sie herzlich als unser Gast einladen.“

„Mich?“ Meg sah ihr Gegenüber erstaunt an.

„Ja“, nickte der Dekan. „sehen Sie, meine Frau und ich wir mögen Sie beide sehr gern. Sie sind so weit weg von Ihrer Familie, da dachten wir, dass wir vielleicht Ihre Familie etwas ersetzten können, gerade zu den Feiertagen.“

„Ich weiß jetzt gar nicht, was sich so recht sagen soll“, antwortete Meg verlegen.

„Sagen Sie einfach ja. Hannah und ich würden uns freuen, Sie am Freitagabend bei uns auf Blackmoor Castle begrüßen zu dürfen“, entgegnete der Dekan.

„Bereits am Freitag? Sagten Sie gerade nicht etwas davon, dass der Ball am Samstag stattfindet?“

Der Dekan nickte. „Ja, aber meine Frau hat sich in den Kopf gesetzt, Sie ein wenig zu verwöhnen, daher sollen Sie das ganze Wochenende bei uns verbringen.“

Meg zögerte ein wenig. Mit einer privaten Einladung auf den Landsitz von Dekan Evans und seiner Frau, damit hatte sie nicht gerechnet. Sie mochte den Decan und auch seine Frau war eine reizende Person.

„Also abgemacht“, nahm der Dekan Meg die Entscheidung ab. „Ich werde dafür sorgen, dass am Freitagnachmittag ein Wagen bereit steht, um sich nach Blackmoor Castle zu bringen.“

Meg schluckte. Nun konnte sie fast gar nicht mehr ablehnen. „Danke Dekan, ich fühle mich sehr geehrt.“

„Nein, wir fühlen uns geehrt, wenn Sie uns besuchen, Miss Cummings. Bis Freitag dann.“ Er stand auf und öffnete die Tür für Meg.

Meg griff ihren Mantel und verließ das Büro. Sie war immer noch ein wenig verwirrt über die unerwartete Einladung.

 

 

Kapitel 02

 

 

Am Freitagmittag packte Meg eine kleine Reisetasche für ihren Wochenendausflug. In den letzten Tagen hatte sie leichte Probleme gehabt, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, da sie sich immer wieder fragte, warum gerade sie nach Blackmoor Castle eingeladen worden war. Von den anderen Lehrern war niemand diese Ehre zu teil geworden. Allerdings hatten ihr ihre Kollegen aber auch erzählt, dass dieser Weihnachtsball immer ein großes gesellschaftliches Ereignis war und damit auch sehr formell. Schweren Herzens hatte Meg darauf hin ihr Sparkonto geplündert, um sich ein entsprechendes Kleid zu kaufen. In einer kleinen Boutique in Hertford hatte sie schließlich ein schlichtes langes Samtkleid gefunden, dessen dunkelblaue Farbe ihre Augen zum leuchten brachte. Sie hoffte nun inständig, dass dieses Kleid den Ansprüchen des Balls genügen würde. Nervös überprüfte sie noch einmal, was sie alles eingepackt hatte. Da sie nicht so recht wusste, was sie auf Blackmoor erwartete, hatte sie neben einem eleganten Hosenanzug und dem Kostüm, dass sie trug, auch noch zwei dicke Pullover und zwei Jeans mit eingepackt. Die Zeit verging wie im Flug und als es zweimal an der Tür klingelte, wusste sie, dass der Wagen, der sie auf den Landsitz von Decan Evans bringen sollte, vorgefahren war. Sie sah sich noch einmal um, nahm dann ihre Reisetasche in die eine Hand und griff dann mit den anderen Hand nach dem Kleidersack, in dem ihr langes Kleid verpackt war.

 

Der Fahrer wartete neben der Limousine und nahm Meg ihr Gepäck ab, dass er im Kofferraum verstaute, bevor er ihr die hintere Tür öffnete, damit Meg einsteigen konnte.

„Danke“, lächelte Meg den Fahrer an.

Dieser wartete bis Meg eingestiegen war und schloss dann die Tür wieder. Dann ging er um den Wagen herum und setzte sich hinter das Steuer.

„Die Fahrt wird ca. eine halbe Stunde dauern“, informierte der Fahrer Meg. „Falls Ihnen zu kalt oder zu warm sein sollte, sagen Sie bitte bescheid. In dem kleinen Kühlschrank in der Mittelkonsole finden Sie eine Auswahl an Getränken.“

„Danke“, lächelte Meg etwas eingeschüchtert und lehnte sich in den weichen Lederpolstern zurück. Obwohl ihrer Nervosität noch etwas gestiegen war, nahm sie sich vor, die Fahrt und das Wochenende zu genießen.

 

Leise setzte sich der Wagen in Bewegung und Meg sah aus dem Fenster. Schnell ließen sie die kleine Stadt Hertford hinter sich und Meg beobachtete, wie die Landschaft an ihr vorbei zog. In den Sommermonaten hatte sie zwar kleinere Ausflüge in die Umgebung gemacht, aber wo weit wie heute, war sie noch nicht gekommen. Die Landschaft war ganz anders, als in ihrer Heimat Kansas. Die sanften Hügel Englands mit ihrem satten grün bildeten einen krassen Kontrast zu den grau und schwarz der kahlen Bäume. Nur hier und dort war noch etwas buntes Laub zu sehen. Der Himmel war heute ausnahmsweise mal nicht grau, sondern erstrahlte in einem blassen blau.

 

Meg hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verflog, bis der Fahrer plötzlich von der Hauptstrasse abbog und auf einer langen Zufahrt auf ein Gebäude zufuhr, dass für Meg wie ein kleines Schloss aussah. Staunend ließ Meg alles auf sich einwirken. Kaum hatte der Fahrer den großen Wagen vor dem Eingang des Hauses angehalten, sprang er auch schon aus dem Wagen, um Meg die Tür zu öffnen.

„Danke“, lächelte Meg ihn an und stieg aus.

Sie ließ erst einmal ihren Blick über den herrlichen Park, der zum Anwesen gehörte, gleiten, bevor sie sich zum Eingang umdrehte. Dort standen bereits Dekan Evans und seine Frau, um sie zu begrüßen.

„Willkommen auf Blackmoor Castle“, begrüßte der Dekan seinen Gast.

Meg stieg die Stufen zum Eingang hinauf. „Guten Tag Dekan, Mrs. Evans. Noch einmal vielen Dank für die Einladung.“

„Auch ich möchte Sie herzlich willkommen heißen und bitte nennen Sie mit Hannah“, lächelte die Frau des Dekans und umarmte Meg herzlich.

„Danke, aber nur wenn Sie mich Meg nennen“, erwiderte Meg.

„Herzlich gerne Meg“, antwortete Hannah.

„Und ich bin hier nur ein Privatmensch, also sagen Sie einfach Jonathan zu mir“, zwinkerte der Dekan Meg zu.

„Gut“, nickte Meg.

Hannah legte ihre Hand auf Megs Schulter „Kommen Sie Meg, ich zeige Ihnen erst einmal Ihr Zimmer.

Als Meg nach ihrer Reisetasche greifen wollte, die der Fahrer neben der Tür abgestellt hatte, kam ihr Jonathan Evans zuvor. „Nein, die trage ich.“

Meg folgte Jonathan und Hannah Evans durch die Halle. Am Ende stiegen sie eine Treppe hinauf, die sich auf halber Höhe teilte, so dass man sowohl die rechte, als auch die linke Galerie erreichen konnte. Die Evans wählten die linke Treppe und Meg folgte ihnen. An den Wänden hingen viele alte Bilder und in den Wandnischen standen alte Ritterrüstungen. Der Fußboden war mit einem alten Parkett ausgelegt, das auf Hochglanz poliert war.

Die Evans blieben vor einem Zimmer stehen und Hannah drehte sich zu Meg um. „So, da ist Ihr Zimmer. Sie möchten sich bestimmt ein wenig frisch machen. In einer halben Stunde wird unten im Salon der Tee serviert. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns dabei Gesellschaft leisten, Meg. Unser Sohn Ben wird hoffentlich auch dabei sein. Er ist gestern Abend aus den Staaten angereist und leidet noch unter dem Jetleg.“

Meg musste lächeln, angesichts des aufgeredeten Redeschwalls von Hannah. „Danke, ich würde sehr gerne beim Tee dabei sein. Wenn Sie mir nur vielleicht kurz erklären, wo ich den Salon finde…“

„Ach meine Liebe“, winkte Hannah ab. „in diesem Kasten hier kann man sich ganz schnell verlaufen, wenn man sich nicht auskennt. Einer von uns wird Sie in einer halben Stunde abholen, einverstanden?“

„Einverstanden“, nickte Meg.

„Gut, dann hätten wir das ja geklärt“, Jonathan öffnete die Tür und stellte Megs Gepäck im Zimmer ab.

 

Meg folgte ihm und sah sich staunend um. Das Zimmer war komplett mit antiken Möbeln eingerichtet. Den Mittelpunkt bildete ein großes Himmelbett, dessen Bettwäsche mit glänzendem Satin im zarten rosa bezogen war. Der gleiche Farbton setzte sich in dem Tüll, der als Himmel über das Bett gespannt war und in den Vorhängen fort. Rechts vom Bett befand sich ein kleiner Frisiertisch und in der linken Raumhälfte gab es eine kleine, gemütliche Sitzecke.

„Das ist ja phantastisch hier. So ein Zimmer habe ich noch nie gesehen“, lächelnd drehte sich Meg zum Ehepaar Evans um. „Ich muss mich nochmals für die Einladung bedanken.“

„Nicht der Rede wert“, winkte Hannah erneut ab. „Dort drüben die Tür führt in Ihr Badezimmer und die andere in Ihr Ankleidezimmer. Am besten lassen wir Sie jetzt in Ruhe, damit Sie sich frisch machen können. In einer halben Stunde holt Sie dann jemand ab.“

Bevor Meg etwas erwidern konnte, hatten die Evans auch schon den Raum verlassen.

 

 

Kapitel 03

 

 

Ben ging den langen Gang zum Gästezimmer hinunter. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass seine Eltern wieder mal versuchten ihn zu verkuppeln. Er lebte nun schon über fünf Jahre in Kalifornien und fühlte sich sehr wohl dort. Dort hatte er auch, kurz nach seiner Ankunft, Maria Torres kennen gelernt, sich in sie verliebt und geheiratet. Leider hatte die Ehe nicht einmal zwei Jahre gehalten, da Maria keine Familie gründen wollte, sondern ihre Freiheit als Künstlerin haben wollte. Vor anderthalb Jahren hatten sie sich scheiden lassen und dies war nun sein erster Besuch bei seinen Eltern seitdem. Gestern war er angekommen und hatte natürlich erst einmal unter den Jetleg gelitten und viel geschlafen. Als wer vor kurzem aufgewacht war, hatte seine Mutter ihn gebeten, ihren Hausgast abzuholen und in den Salon zu führen.

 

Früher war es gang und gebe gewesen, dass seine Eltern versucht haben eine passende Frau für ihn zu finden. Ständig hatten sie ihm junge Frauen vorgestellt. Das hatte erst aufgehört, als er nach Kalifornien gezogen war. Er wusste auch, dass Maria nicht die Frau gewesen war, die sie sich für ihn vorgestellt hatten, aber er hatte sie geliebt. Das es am Ende nun doch nicht geklappt hatte, dann hatte das viele verschiedene Gründe.

 

Ben blieb vor dem Gästezimmer stehen und überlegte kurz, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Auf keinen Fall wollte er sich von seinen Eltern verkuppeln lassen. Er war glücklich, so wie er jetzt lebte. Ben holte tief Luft und klopfte dann an die Tür. Seine Mutter hatte ihm verraten, dass es eine Lehrerin aus St. Claire war und irgendwie sah Ben bei dem Gedanken eine Frau im braunen Tweedkostüm und mit streng nach hinten gekämmten Haaren vor sich und das war nun gar nicht der Typ Frau, der ihn reizte. Die Tür öffnete sich und Ben schaute in ein Paar klare, blaue Augen, die zu einem Gesicht gehörten, das einfach perfekt war. Lange dunkle Locken fielen der jungen Frau weich über die Schultern.

„Ähh…ich…“, begann Ben zu stammeln. „Ich bin Ben Evans und meine Mutter hat mich gebeten, Sie in den Salon zu bringen.“

Die junge Frau streckte ihm ihre Hand entgegen. „Meg Cummings, erfreut Sie kennen zu lernen, Mr. Evans.“

Ben nahm ihre Hand in die seine und hielt sie fest. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, aber bitte nennen Sie mich Ben. Mr. Evans ist mein Vater.“

Meg lächelte. „Dann nennen Sie mich bitte Meg.“

„Gerne“, lächelte Ben.

Schweigend sahen sich beide einen Moment an, bevor Meg sich räusperte.

„Sagten Sie nicht, dass Sie mich in den Salon begleiten sollen?“

Ben erwachte aus seiner Erstarrung. „Natürlich, der Tee wartet auf uns im Salon.“

Meg trat einen Schritt hervor und zog die Tür hinter sich zu. „Das ist gut, eine Tasse Tee könnte ich jetzt gut gebrauchen.“

„Hier entlang bitte“, wies Ben ihr den Weg.

Sie gingen den Gang hinunter und dann die Treppe hinunter. Schon bei ihrer Ankunft waren Meg die vielen gemalten Porträts aufgefallen, die an den Wänden hingen. Nun nahm sie sich die Zeit und blieb hier und dort stehen, um die Bilder genauer zu betrachten.

„Das ist unsere Ahnengalerie“, erklärte Ben.

„Es muss interessant sein, die eigene Familiegeschichte immer vor Augen zu haben“, stellte Meg fest.

Ben lächelte. „Nun ja, wie man es nimmt.“

Meg blieb vor einen Porträt stehen, dass ein wenig abseits hing und sah es sich genauer an.

„Ah“, stellte Ben fest. „mein Ururonkel Eduard Graham, Earl of Blackmoor der dritte.“

„Sie kennen sich aber genau aus“, schmunzelte Meg.

„Naja, Eduard hat eine besondere Geschichte, darum hängt er auch hier etwas abseits“, erklärte Ben.

Interessiert horchte Meg auf. „Erzählen Sie mir die Geschichte?“

Ben nickte „Aber die Geschichte hat kein Happy End.“

„Das macht nichts, ich liebe alte Geschichten.“

„Nun“, begann Ben „Eduard war gerade 20 Jahre alt, als sein Vater verstarb und er den Titel Earl of Blackmoor und seine damit zusammenhängenden Verpflichtungen erbte. Natürlich wurde von ihm erwartet, dass er sich standesgemäß verheiratet, aber unglücklicherweise hatte er sich unsterblich in eins der Dienstmädchen verliebt. Seine Mutter bekam das aber raus und hat das Dienstmädchen entlassen. Dann hat sie ihren Sohn dazu gezwungen standesgemäß zu heiraten. Eduard fühlte sich in dieser Ehe natürlich nicht glücklich. Ein knappes Jahr nach ihrer Eheschließung starb Eduards Frau im Kindbett, nachdem sie ihm einen Sohn geschenkt hatte. Da auch seine Mutter ein paar Monate zuvor gestorben war, wollte er nun nach seiner großen Liebe suchen. Als er sie endlich fand, war sie mit einem anderen verheiratet. Das brach Eduard das Herz und er hat sich das Leben genommen.“

„Eine wirklich traurige Geschichte“, stellte Meg seufzend fest.

„Ja, aber zum Glück haben sich seit dem die Zeiten geändert, sonst hätten meine Eltern auch nie heiraten dürfen. Meine Mutter ist nämlich eine geborene Graham. Mein Großvater soll anfangs zwar nicht sehr begeistert gewesen sein, dass seine einzige Tochter ihr Herz an einen Lehrer verloren hatte, aber er hat dann letztendlich doch zugestimmt, denn er wollte, dass seine Tochter glücklich wird. Zum Glück haben sich mein Großvater und mein Vater auch sehr gut verstanden.“

Inzwischen waren sie im Salon angekommen.

„So, das wars aber erst einmal mit unserer Familiengeschichte. Ich möchte Sie nicht jetzt schon langweilen.“

Meg lächelte Ben an. „Keine Angst, Ben. Sie langweilen mich nicht.

Ben bemerkte, dass sich sein Herzschlag beschleunigte, als Meg ihn mit ihren blauen Augen ansah. Um sich abzulenken hielt er Meg die Tür zum Salon auf und lies sie zuerst eintreten.

 

 

 

Kapitel 04

 

Während des Dinners hatte Ben Schwierigkeiten gehabt, seine Augen von Meg abzuwenden, zu sehr faszinierte die junge Frau ihn. Ein paar Mal war er dabei in Verlegenheit geraten, weil er nichts vom dem Tischgespräch mitbekommen hatte und er nicht auf an ihn gerichtete Fragen antworten konnte.

 

Nun saßen die Evans mit Meg zusammen im kleinen Salon und tranken ein Glas Wein. Hannah waren die Blicke, die ihr Sohn Meg immer wieder zuwarf, nicht entgangen und so beschloss sie, den beiden jungen Leuten ein wenig Freiraum zu gönnen, damit sie sich ein wenig besser kennen lernen konnten. Sie legte ihrem Mann ihre Hand auf die seine und drückte sie kurz.

„Lass uns schlafen gehen, morgen wird ein langer Tag.“

Langsam nickte Jonathan. „Du hast recht, wie immer meine Liebe.“

Jonathan stand auf und reichte seiner Frau die Hand, um ihr zu helfen. Als auch Meg sich anschickte aufzustehen, winkte Hannah ab.

„Beleiben Sie ruhig noch Meg und genießen Sie den Abend. Wir müssen morgen zeitig aufstehen, um noch einiges für den Ball vorzubereiten.“

Meg lächelte. „Kann ich Ihnen dabei vielleicht irgendwie behilflich sein?“

„Oh nein“, Hannah schüttelte energisch ihren Kopf. „Sie sind unser Gast und sollen Ihren Aufenthalt hier genießen und nichts anders. Vielleicht ist Ben ja so nett und führt sie morgen ein wenig herum, Blackmoor Castle hat einen wunderschönen Park, der auch im Winter sehenswert ist.“

„Wegen mir braucht sich wirklich niemand Umstände zu machen“, wandte Meg ein.

„Das sind keine Umstände“, warf Ben ein. „Ganz im Gegenteil, es wird mir ein Vergnügen sein.“

„Na bitte“, lächelte Hannah „dann ist ja alles geregelt.“

„Mach Dir keine Sorgen, ich werde schon dafür sorgen, dass Miss Cummings sich hier wohl fühlt.“ Ben stand auf und küsste seine Mutter auf beide Wangen. „Gute Nacht und schlaft gut.“

„Gute Nacht“, antworteten Hannah und Jonathan und verließen den Raum.

 

Ben ging zu dem Kamin im Raum hinüber und legte noch ein paar Scheite Holz nach. Als das Feuer wieder so richtig schön aufflackerte, drehte er sich zu Meg um.

„Möchten Sie noch ein Glas Wein, Meg?“

Meg zögerte einen Moment. „Eigentlich hatte ich schon zwei Gläser.“

Ben sah Meg an und lächelte „Haben Sie Angst vor einem Schwips und davor dass Sie dann etwas Törichtes tun, Meg?“

Meg lachte auf. „Nein eigentlich nicht.“ Sie hielt Ben ihr Glas hin und er goss ihr noch etwas von dem köstlichen Rotwein ein. Dann füllte er auch sein Glas wieder auf und hob es an.

„Auf Ihren Aufenthalt hier auf Blackmoor Castel, Meg.“

Meg lächelte und trank einen Schluck von dem Wein.

„Darf ich fragen, was eine junge Amerikanerin in England in einem Internat macht?“ wollte Ben wissen.

„Als Lehrerin arbeiten“, antwortete Meg.

„Ja aber warum gerade in England?“ harkte Ben nach.

„Weil es weit von Kansas weg ist“ erklärte Meg.

Ben zog seine Augenbrauen hoch. „So schlimm habe ich Kansas eigentlich nicht in Erinnerung.“

„Waren Sie denn schon mal da?“ wollte Meg wissen. „Ich dachte Sie leben in Kalifornien.“

„Das stimmt, aber ich war schon ein paar mal geschäftlich in Kansas City“, erklärte Ben.

„Nein, Sie haben recht, Kansas ist wirklich schön, aber ich hatte meine Gründe“, erklärte Meg. „Sie leben ja auch nicht mehr hier, sondern in Kalifornien. Was hat Sie denn dorthin geführt?“

Nun trank Ben erst einen Schluck Wein, bevor er antwortete. „Ich wollte auf eigenen Füßen stehen und bin nach Kalifornien gegangen, um dort mein eigenes Geschäft aufzubauen. Dort lernte ich dann Maria kennen und verliebte mich Hals über Kopf in sie. Wenige Wochen später haben wir geheiratet, was sich hinterher leider als Fehler herausgestellt hat.“

„Warum als Fehler?“ wollte Meg wissen.

„Wir waren einfach zu verschieden. Maria ist Malerin liebt ihre Arbeit und ihre Freiheit, ich hingegen wollte eine richtige Familie. Wir haben uns dann immer mehr auseinander gelebt. Maria hat ihre ganze Energie in ihre Kariere als Malerin gesteckt und ich habe mein Geschäft aufgebaut. Unsere Ehe war schon nach wenigen Monaten zu Ende, aber wir haben es uns nicht gleich eingestanden. Aber eines Tages wurde mir klar, dass wir kein Paar mehr waren, sondern nur noch eine Wohngemeinschaft. Wir haben uns dann scheiden lassen. Maria hat danach Sunset Beach verlassen und ist nach San Fransisco gezogen, ich bin in Sunset Beach geblieben.“

Meg seufzte. „Ich habe wenigstens noch vor der Hochzeit gemerkt, dass Tim und ich nicht zusammen passen und er mich betrogen hat.“

„Dann war das also der Grund, warum Sie nach England gekommen sind?“ wollte Ben wissen.

„Ja“, nickte Meg.

Ben sah Meg an. „Aber ich denke, man bekommt immer eine zweite Chance im Leben.“

Meg erwiderte Bens Blick. „Das hoffe ich doch sehr.“

Ben stand auf und ging zum Fenster hinüber. Es war eine sternklare Nacht und er fühlte sich voller Energie.

„Was halten Sie von einem Spaziergang, Meg?“ schlug er vor.

„Jetzt?“ Meg sah Ben mit großen Augen an.

„Ja jetzt“, nickte Ben und zog Meg schon aus dem Sessel hoch, bevor sie richtig antworten konnte. Lachend folgte sie ihm nach draußen.

 

 

Kapitel 05

 

Ausgeruht wachte Meg am nächsten Morgen auf. So gut hatte sie schon lange nicht mehr geschlafen. Sie stand auf, ging zum Fenster hinüber und zog die Vorhänge beiseite. Überrascht stellte sie fest, dass es in der Nacht ein wenig geschneit hatte und draußen alles so aussah, als wenn ein Zuckerbäcker am Werk gewesen.

Gut gelaunt, ging Meg ins Badezimmer und duschte. Keine halbe Stunde später betrat sie den Speisesaal und fand dort nur Ben vor.

„Guten Morgen Meg“, Ben faltete seine Zeitung zusammen „ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?“

Meg nickte und setzte sich. „Ja, sehr gut sogar.“

„Das freut mich“, lächelte Ben. „Möchten Sie gerne Tee zum Frühstück oder lieber Kaffee?“

„Wenn ich ehrlich bin, lieber Kaffee“, gab Meg zu.

„Gut“, Ben nahm die Kaffeekanne und füllte Megs Tasse. „Ich muss zugeben, ich trinke mittlerweile auch lieber Kaffee als Tee.“

„Sie haben eine alte englische Tradition gebrochen?“ sagte Meg mit gespielten entsetzten.

Lächelnd ging Ben auf Megs Spiel ein und beugte sich zu ihr hinüber. „Ich hoffe, Sie behalten dieses Geheimnis für sich.“

„Oh“, amüsiert funkelte Meg Ben an. „das kommt ganz darauf an, was Sie mir für mein Schweigen anbieten.“

„Nun“, zwinkerte Ben ihr zu. „ich stelle mich Ihnen heute den ganzen Tag zur Verfügung. Sie können mit mir machen, was Sie wollen.“

Meg beugte sich ein wenig weiter zu Ben hinüber. „Versprechen Sie nichts, was Sie nachher vielleicht nicht halten können.“

Ben war ganz gebannt von dem Blick, den Meg ihm zuwarf und musste sich erst räuspern, bevor er weiter sprechen konnte. „Oh, ich glaube das wird es wohl kaum etwas geben, dass ich Ihnen nicht erfüllen würde.“

„Gut“, Meg lehnte sich zurück und biss in ihr Brötchen. „wie wäre es, wenn Sie mir nach dem Frühstück den Park zeigen? Gestern Abend, im Dunkeln, konnte man ja nicht mehr viel davon sehen.“

„Es wird mir ein Vergnügen sein“, antwortet Ben. Er sah auf seine Uhr „Geben Sie mir eine halbe Stunde und ich gehöre ganz Ihnen.“

„Gut“, nickte Meg „ich werde fertig sein.“

„Dann treffen wir uns in dreißig Minuten in der Halle. Und ziehen Sie sich warm an.“ Ben leerte seine Kaffeetasse und stand auf.

„Ich werde pünktlich da sein.“

Lächelnd sah Meg Ben nach, wie er den Raum verließ.

 

Pünktlich zur verabredeten Zeit fand Meg sich in der Halle ein. Sie war froh, dass sie auch ihre dicken Stiefel und ihre dicke Daunenjacke eingepackt hatte. Sie brauchte nicht lange zu warten und Ben erschien. Auch er hatte sich der Witterung entsprechend angezogen. Er hatte eine Jeans angezogen und trug darüber einen wollweißen Rollkragenpullover. Über den Pullover hatte er eine schwarze Lederjacke an, die mit Lammfell gefüttert war. Zu Megs erstaunen hatte er auch einen Rucksack dabei.

„Was wollen Sie denn damit?“ wollte Meg natürlich wissen.

„Abwarten“, lächelte Ben „das wird noch nicht verraten.“

Meg sah Ben an. „Und da soll ich Ihnen vertauen?“

Ben nahm Megs Arm und führte sie zur Tür. „Ihnen wird nichts anderes übrig bleiben.“

Meg lachte „Na gut.“

 

Die Luft war zwar kalt, aber klar und es war eine Wohltat so richtig durchatmen zu können. Gemächlich schlenderten Ben und Meg durch den großen Park und Ben zeigte Meg dabei all seine Lieblingsplätze, an denen er als Kind gerne mit seinen Bruder gespielt hatte.

„Und nun zeige ich Ihnen noch unseren absoluten Geheimplatz“, erklärte Ben, während er Meg zwischen die dicht stehenden Tannen zog. „Hier haben wir uns immer versteckt, wenn wir etwas angestellt hatten und nicht wollten, dass Mutter uns so schnell findet.“

„Dann waren Sie und Ihr Bruder also so richtige Lausbuben?“ wollte Meg wissen.

„Nun, ich denke nicht umsonst nannten uns alle Leute in der Gegend, die Teufelszwillinge. Aber die meisten Ideen stammten von Derek.“

Meg lachte „Und er hat Sie genötigt mitzumachen?“

Ben schüttelte seinen Kopf. „Nein, nicht wirklich.“

Meg sah sich um. „Ich kann mir richtig vorstellen, wie hier zwei kleine, abenteuerliche Jungs herumgelaufen sind. Schade, dass Ihr Bruder jetzt nicht hier ist, ich hätte Ihn gerne kennen gelernt.“

„Oh, Sie werden dazu heute noch Gelegenheit haben. Er kommt im Laufe des Tages aus London, um heute Abend an dem Ball teilzunehmen“, erklärte Ben.

„Na da bin ich aber gespannt“, erwiderte Meg.

Ben hielt an und zog die tiefen Zweige einer großen Tanne zur Seite. „So, hier ist das Geheimversteck der Evans Zwillinge.“

Meg bückte sich und betrat die Höhle, die sich unter dem Baum gebildet hatte. Zu ihrer Überraschung, war der Boden mit Brettern ausgelegt, die durch die Jahre allerdings an einigen Stellen morsch geworden waren. Dicht an dem Stamm stand eine große Holztruhe.

„Es ist noch alle so, wie wir es verlassen haben“, stellte Ben fest.

„Das war ein tolles Versteck für zwei kleine Jungs“, sagte Meg lächelnd.

Ben ging zu der Truhe hinüber und öffnete sie. „Ah, es ist noch alles da.“

Er holte zwei Schlafsäcke und zwei Kissen heraus, die er auf dem Boden ausbreitete. „Nun können wir uns setzten.“

Meg setzte sich und sah Ben erwartungsvoll an. „Und nun?“

Ben setzte sich neben Meg und öffnete seinen Rucksack. „Wie wäre es mit einem Picknick?“

Meg lachte „Ein Picknick mitten im Winter?“

„Ja“, nickte Ben und holte eine Thermoskanne, zwei Becher und eine Sandwichbox, die mit belegten Broten gefüllt war hervor. „Und diesmal gibt es sogar Tee.“

„Natürlich“, nickte Meg. „wir wollen ja schließlich nicht ganz mit der Tradition brechen.“

Ben füllte die beiden Becher mit heißem Tee. Bevor er aber Meg einen Becher reichte, holte er noch eine kleine Flasche aus dem Rucksack. „Dieser Tee bekommt aber noch eine extra Zutat beigemischt.“

„Was ist denn das?“

„Der beste Whisky, den mein Vater in seiner Bar hat“, erklärte Ben und fügte beiden Bechern einen großzügigen Schluck hinzu. Dann reichte er Meg einen Becher.

Meg zog skeptisch die Augenbraue hoch. „Wollen Sie mich betrunken machen?“

Ben schüttelte seinen Kopf. „Nein, eher mir Mut antrinken?“

„Warum das?“ wollte Meg wissen.

„Damit ich endlich das tun kann, was ich schon von dem Augenblick an tun wollte, als Du gestern vor mir standest“, sagte Ben leise und beugte sich vor, um Meg zu küssen.

Meg war im ersten Moment überrascht, erwiderte dann aber Bens Kuss.