Teil 1

 

“Ladys und Gentleman, die Maschine begibt sich jetzt zum Start. Ich möchte Sie bitten, die Sitzlehnen in aufrechte Position zu bringen, sich zurückzulehnen und sich anzuschnallen. Wir starten in wenigen Minuten. Sobald wir eine optimale Flughöhe erreicht haben, wird die grüne Lampe über Ihrem Sitz aufleuchten. Das bedeutet, dass Sie den Gurt wieder lösen dürfen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen für die nächsten 10 Stunden einen angenehmen Flug mit „Blue Sky Airlines“ von Tokio nach Los Angeles.“

 

Bens Augen hingen unverwandt an der jungen schlanken Flugbegleiterin, die sich mit diesen Worten an die Passagiere wandte. Sie hatte eine angenehme klare Stimme und ihre Hände lagen, während sie sprach, locker auf den Lehnen der ersten, gegenüberliegenden Sitzreihen, die nicht belegt waren. Ihre Uniform, eine weiße Bluse, ein dunkelgrüner Rock und die dazu passende Weste mit den zwei weißen Streifen im Design der „Blue Sky Airlines“- Fluggesellschaft bildeten einen wirkungsvollen Kontrast zu ihrem dunklen Haar, das ihr in weichen Locken über die Schultern fiel.

Während die Maschine langsam über das Rollfeld auf die vorgegebene Startposition zurollte, begann die junge Frau gewohnheitsgemäß den Gebrauch der Schwimmwesten für den Notfall zu demonstrieren. Dabei wanderten ihre Augen lebhaft zwischen den Passagieren der vorderen Sitzreihen umher, so als wolle sie sichergehen, dass man ihr auch wirklich die notwendige Aufmerksamkeit für diese unter Umständen überlebenswichtigen Ausführungen schenkte.

Vielleicht waren es gerade diese Augen, die Ben so faszinierten, denn sie ergaben zusammen mit den leicht natürlich geschwungenen Augenbrauen eine außergewöhnliche Kombination, die man so leicht nicht vergaß. Es lag etwas Verletzliches in ihrem Blick, etwas, dass ihn gefangennahm und unweigerlich Beschützerinstinkte zu wecken schien, ein Gefühl, das er längst vergessen glaubte.

Versunken betrachtete er ihr außergewöhnlich hübsches, anmutiges Gesicht und konnte seinen Blick einfach nicht losreißen.

„Komisch“ dachte er, bisher hatte er alle Frauen, die ihm nur halbwegs interessant erschienen, sofort nach den Maßstäben seiner Ex- Frau gemessen und sie heimlich mit ihr verglichen, so, als suche er verzweifelt nach einem Double für sie, einer Partnerin, die ihr glich, äußerlich wie auch im Charakter. Eigenartig war nur, dass diese sympathische junge Flugbegleiterin zumindest vom Aussehen her rein gar nichts mit seiner Geschiedenen gemeinsam hatte, Maria war größer, ein paar Jahre älter, hatte viel helleres, glattes Haar und ein eher puppenhaft anmutendes, aber dennoch auf ihre Art sehr hübsches Gesicht mit schönen blauen Augen und dünnen Augenbrauen.

Maria... er wollte nicht an sie denken, nicht zulassen, dass sie sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in seine Gedanken drängte und ihn mit der Erinnerung an eine große Liebe quälte, die mehr als nur einen bitteren Nachgeschmack bei ihm hinterlassen hatte.

Konsequent verbannte er sie aus seinen Gedanken, stützte den Kopf in seine Hand und beobachtete amüsiert, wie die niedliche Stewardess mit tatkräftiger Unterstützung ihrer etwa gleichaltrigen Kollegin begann, sich die Schwimmweste anzulegen und den Gebrauch der verschiedenen Funktionen zu erläutern.

Die beiden Frauen schienen ein gutes Team zu sein, denn sie lockerten diese für sie routinemäßige Aktion durch ihr Lachen und die ein oder andere witzige Bemerkung auf, so dass sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit und Sympathie der gespannt zuhörenden Passagiere sicher sein konnten.

Ben lächelte versunken. Wie alt mochte sie wohl sein? Anfang Zwanzig? Jedenfalls sah sie noch sehr jung aus. Verträumt stellte er sich vor, wie es wohl wäre, Hand in Hand mit ihr am Strand entlang zu gehen, Sonne auf der Haut, den Wind im Haar, sich der neidvollen Blicke der anderen Männer bewußt, denn zweifellos würde sie auch im Bikini eine phantastische Figur abgeben, dessen war er sich sicher.

Für einen winzigen Augenblick schien es ihm, als verharrte ihr Blick etwas länger in seiner Richtung, fast so, als hätte sie seine Gedanken erraten. Ihre Augen begegneten seinen, und für Sekunden umspielte ein Lächeln ihre Lippen, genau in dem Moment, als ihn im krassen Gegensatz dazu ein spitzer Ellenbogen schmerzhaft aus seinem Tagtraum holte.

„Ben!“ Die neben ihm sitzende rothaarige junge Frau hatte seinen Blick bemerkt und funkelte ihn wütend an. „Hast Du nicht gehört, Du sollst Dich anschnallen! Nun hör schon auf, unentwegt diesen Pinguin anzustarren, als hättest Du noch nie eine Flugbegleiterin aus der Nähe gesehen!“ zischte sie und verdrehte genervt die Augen.

„Annie!“ mahnte er und ließ den Gurt zuschnappen. „Zufrieden?“

Sofort zog ein anzügliches Lächeln über ihr Gesicht.

„Du weißt doch, wann ich zufrieden bin!“ gurrte sie und blinzelte ihn mit einem rekordverdächtigen Augenaufschlag an. Ben lehnte sich unbeeindruckt zurück und sah wieder nach vorn.

„Träum weiter!“ meinte er nur und grinste abwesend.

 

Die Maschine hatte ihre Startposition erreicht und begann, in immer schneller werdendem Tempo die Rollbahn entlangzudüsen. Schließlich legte der Pilot den Schub ein, und Ben wurde leicht nach hinten in die Sitzpolster gedrückt. Er liebte dieses Gefühl, die Kraft der riesigen Maschine zu spüren, ihre unvorstellbare Energie, bevor sie leicht wie eine Feder abhob auf ihre lange Reise durch die Wolken, hin zum endlosen Horizont.

Diesmal würde sie der Sonne entgegenfliegen, und der Flug nach Los Angeles endete mitten in der Nacht, während in Tokio ein neuer Morgen begann...

 

 

 

„Tja Mädels!“ meinte Vanessa, die Chefstewardess und ließ sich neben ihren beiden Kolleginnen in der ersten Reihe nieder. „Genießt diesen Start, es wird für längere Zeit unser letzter sein!“ Sie schloß ihren Gurt und strich sich eine Locke, die sich aus ihrem lose zusammengebundenen langen dunklen Haar gelöst hatte, aus der Stirn. Sie hatte ein hübsches Gesicht, große ausdrucksvolle braune Augen und die schöne bronzefarbene Haut einer Afroamerikanerin. Alles in allem eine aufregende Erscheinung Mitte 20, die so manches Männerherz höher schlagen ließ.

„Und“ wandte sie sich wieder an die beiden anderen, „was werdet Ihr als nächstes tun?“

„Ferien machen, aber vom Feinsten!“ antwortete die neben ihr sitzende junge Flugbegleiterin, die vorhin ihrer Kollegin bei der Demonstration der Schwimmwesten geholfen hatte. Sie warf ihr langes weizenblondes Haar zurück und zwinkerte Vanessa aus ihren grünen Augen schelmisch zu. „Sonne, Meer, Palmen, tolle Typen am Strand... das sind doch Aussichten, die uns den Abschied von „Blue Sky“ ungemein versüßen, findet Ihr nicht? Ich glaube, ich nehme Caseys Angebot an, zumindest für die nächsten Wochen oder bis ich einen neuen Job gefunden habe!“

„Caseys Angebot?“ fragte Vanessa ungläubig. „Tess, bist Du sicher, dass er das ernst gemeint hat?“

Die Blonde zuckte mit den Schultern.

„Klar, ich glaub schon!“ meinte sie leichthin. „Warum sollte er denn sonst so was sagen? Außerdem fände ich es toll, wenn wir in L.A. nicht gleich alle auseinanderrennen, sondern uns noch ein paar schöne Tage gönnen. Immerhin waren wir wirklich ein Klasse – Team, und diese Zeiten sind mit dem heutigen Tag ein für allemal vorbei, so traurig es auch klingen mag. Also“ sie sah die anderen beiden herausfordernd an, „warum machen wir nicht das Beste

daraus?“

„Ja, zu dumm, dass „Blue Sky“ pleite ist!“ seufzte Vanessa. „Ich bin wirklich gerne mit Euch geflogen. Das waren zwei schöne Jahre. Mir persönlich tut es auch für Casey leid, jetzt wo er es endlich zum Flugkapitän geschafft hat, kündigt ihm sein Arbeitgeber.“

„Er kündigt uns allen!“ verbesserte Tess. „Casey wird sicher bald für eine andere Fluggesellschaft fliegen, da bin ich mir ganz sicher. Er beherrscht seinen Job, er ist jung und dynamisch, und so, wie er aussieht...“ Sie verdrehte schwärmerisch die Augen.

Vanessa lachte.

„Du bist doch nicht etwa immer noch verschossen in ihn?“ Sie schaute Tess prüfend an und bemerkte natürlich, wie dieser eine leichte Röte ins Gesicht stieg.

„Also doch!“ nickte sie und grinste. „Hey Meg, sieh sie Dir an! Das gibt es doch gar nicht! Und ich dachte die ganze Zeit, aus Dir und Casey wird mal ein Paar!“

„Wie kommst Du denn darauf, Vanessa?“ fragte die mit Meg angesprochene hübsche Dunkelhaarige. „Wir sind doch nur Freunde!“

Tess lachte.

„Schätzchen, es gibt keine echte Freundschaft zwischen Männern und Frauen, so was endet immer im Chaos! Irgendwann kriegen`s die Kerle im Kopf und wollen mehr...  und dann ist es entweder die große Liebe, oder“ sie verzog das Gesicht, als hätte sie auf eine Scheibe Zitrone gebissen, „...oder es ist aus!“

„Hört, hört!“ Meg grinste und zwinkerte Vanessa zu. „Da spricht jemand aus Erfahrung!“

„Klar“ meinte Tess und zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch, „ich bin ein gebranntes Kind! Aber Casey würde ich trotzdem nicht von der Bettkante stoßen!“

Die drei lachten fröhlich.

„Hui!“ Tess schnappte nach Luft, „wenn er so liebt wie er fliegt, dann geht aber die Post ab!“

Vanessa schüttelte amüsiert den Kopf.

„Unverbesserlich!“

Das Flugzeug beendete seinen Steigflug und flog nun ruhig und sicher über den Wolken.

„Ladys und Gentleman“ meldete sich eine angenehm klingende Männerstimme über die Bordlautsprecher, „hier spricht Ihr Flugkapitän Casey Mitchum. Ich darf Sie herzlich an Bord der „Blue Sky Airlines“ auf dem Flug von Tokio nach Los Angeles begrüßen. Wir haben jetzt eine optimale Flughöhe von 8000m erreicht, so dass Sie Ihre Gurte lösen können. Wir fliegen der Sonne entgegen und in Kürze werden Sie einen märchenhaft schönen Sonnenuntergang erleben. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug!“

Tess verdrehte ihre grünen Augen.

„Hach, hat er das nicht schön gesagt? Ich liebe diesen Mann!“

„Mmh“ machten Vanessa und Meg und rollten ebenfalls mit den Augen, worauf alle drei wieder in lautes Gelächter ausbrachen.

„Auf geht’s, Mädels, die Pflicht ruft!“ rief die Chefstewardess schließlich energisch und löste ihren Gurt. „Ich bereite schonmal das Essen vor und Ihr beide sorgt zuerst für die Getränke!“

 

 

 

Wenig später schob Meg ihren Getränkewagen durch die Reihen.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ fragte sie die Passagiere der zweiten Reihe mit freundlichem Lächeln und schenkte bereits die ersten Gläser ein.

Wieder spürte sie den Blick dieses gutaussehenden Fremden, der ihr vorhin sofort aufgefallen war. Er hatte dunkles Haar, das er lässig zurückgekämmt trug und von dem ihm ein paar Strähnen in die Stirn fielen. Seine Augen unter den dichten Brauen zogen sie magisch an, sie hatten etwas Geheimnisvolles, fast Düsteres und unterstrichen sein regelmäßig geschnittenes, markantes Gesicht.

Während ihrer Begrüßungsworte vorhin vor dem Start hatte sich Meg zwingen müssen, ihren Blick nicht andauernd wieder in seine Richtung wandern zu lassen.

In Gedanken wunderte sie sich über sich selbst. „So was albernes!“ schalt sie sich. Sicher war er verheiratet oder zumindest mit jemandem fest liiert, zum Beispiel mit dieser mondänen Rothaarigen, die neben ihm saß und ihn so besitzergreifend musterte.

„Vergiß es, Meg!“ rief sie sich insgeheim zur Ordnung, „solche attraktiven Männer laufen nicht einfach so frei herum!“

Sie schob ihren Wagen eine Sitzreihe weiter.

„Darf es etwas zu trinken sein?“ fragte sie routinemäßig freundlich und blickte auf, geradewegs in seine tiefblauen Augen.

„Wow, ich hätte geschworen, seine Augen sind schwarz wie die Nacht!“ schoß es ihr durch den Kopf.

Er sah sie aufmerksam an, lehnte sich dann entspannt zurück und meinte lächelnd:

„Wenn Sie vielleicht ein Glas Mineralwasser für mich hätten?“

„Natürlich, Sir.“ antwortete sie, ebenfalls mit einem Lächeln und sehr darum bemüht, sich ihre unter seinem Blick aufsteigende Nervosität nicht anmerken zu lassen.

„Bitteschön!“ Sie reichte ihm das Glas und für einen Augenblick berührten sich ihre Fingerspitzen. Meg durchfuhr es wie ein Stromschlag. Schnell wandte sie sich an die Rothaarige, die sie missmutig beäugte.

„Und was hätten Sie gern, Miss?“

„Ein Glas Champagner, aber eisgekühlt, nicht so eine warme Durchschnittsbrühe aus dem Kantinenschrank!“ antwortete diese in einem Befehlston, der Meg augenblicklich ernüchterte. Sie zog die Champagnerflasche aus dem Kühler und füllte ein Glas, das sie der unhöflichen Person mit spitzen Fingern und mühevollem Lächeln reichte. Die bedankte sich nicht einmal, sondern stieß ihren am Fenster sitzenden Nachbarn, der unentwegt eifrig etwas in seinen Laptop eintippte, unsanft in die Seite.

„Was ist mit Dir, Gregory?“ knurrte sie.

„Was soll mit mir sein?“ entgegnete der Mann, sichtlich ungehalten über die Störung.

„Willst Du einen Drink oder nicht?“ fragte die Rothaarige mit ihrer etwas rauen Stimme schnippisch. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und sah ihn ungeduldig an. Der Mann nickte zerstreut und schenkte Meg einen kurzen Blick.

„Einen Cognac bitte!“

Meg schätzte ihn auf Ende Vierzig, der typische Geschäftsmann, gepflegtes Äußeres, teurer Maßanzug, sorgfältig zurückgekämmtes, an den Schläfen schon leicht graumeliertes Haar und Hände, die wohl noch nie im Leben hart gearbeitet hatten. Aalglatt und gepflegt...

„Daddys Hände sind rau und rissig, voller Schwielen von der schweren Arbeit auf der Farm“ dachte Meg, während sie den Drink herüber reichte, „aber sie strahlen Wärme und Ehrlichkeit aus.“

Während sie weiterging, versuchte sie sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren, bediente die Passagiere freundlich und umsichtig und hatte für jeden ein nettes Wort, aber die tiefblauen Augen des Fremden gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn.

 

 

Ein paar Sitzreihen weiter hinten saß ein nervös wirkender, ziemlich beleibter Mann Mitte Fünfzig, der sich ständig mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.

„Alles in Ordnung, Sir?“ fragte sie besorgt.

Der Dicke schnaufte beängstigend.

„In Ordnung? Nichts ist in Ordnung, wenn man in so einer engen Sardinenbüchse über den Ozean geschossen wird!“

Meg nickte verständnisvoll. Flugangst!

„Ich gieße Ihnen ein Glas Mineralwasser ein,“ schlug sie vor, „das wird Ihnen sicher guttun!“

„Mineralwasser?“ Der Dicke sah sie an, als habe sie ihm gerade eben eröffnet, er müsse in den nächsten paar Minuten mit dem Fallschirm abspringen. „Kindchen, was zum Teufel soll ich denn mit Wasser? Wenn ich aus dem verdammten Bullauge hier nach unten schaue, sehe ich seit dem Start nichts als Wasser! Nein...“ er wischte sich erneut stöhnend über seinen fast kahlen Schädel, „einen doppelten Whisky brauche ich jetzt!“

Meg lachte.

„Okay Sir, kommt sofort!“ Sie reichte dem Dicken das Glas, das er in einem Zug leerte.

„Aaah...“ stöhnte er und verdrehte die Augen, „noch einen, bitte!“

Meg schenkte erneut ein und stellte ihm vorsichtshalber ein Glas Mineralwasser daneben. Er schob es verächtlich weg und kippte den zweiten Drink mit ähnlicher Geschwindigkeit hinunter wie den ersten. Danach blickte er Meg dankbar an und schüttelte ihr freundlich die Hand.

„George Carter“ stellte er sich vor. „Ich fliege sonst nie, ich habe eine erbärmliche Flugangst, müssen Sie wissen!“

„Reisen Sie allein, Mister Carter?“ fragte Meg teilnahmsvoll.

Der Mann nickte.

„Ich habe eine Computer- und Software- Firma, die weltweit expandiert. Der Hauptsitz ist in Tokio.“ erklärte er schweratmend. „Bisher hat sich meine Frau immer vorort um die Geschäfte dort gekümmert, sie war eine tolle Geschäftsfrau, aber vor einem halben Jahr hatte sie einen mysteriösen Unfall und kam dabei ums Leben, und von da an ging irgendwie alles den Bach runter. Der Geschäftsführer, dem sie vertraute, erwies sich als windiger Betrüger. Es blieb mir nichts weiter übrig, als selbst nach dem Rechten zu sehen. Ich hab diesem Verbrecher zwar ordentlich das Handwerk gelegt und meinen besten Mitarbeiter in Tokio eingesetzt, aber Fliegen ist eben nach wie vor der blanke Horror für mich.“ Wieder zückte er das Taschentuch und betupfte seine Stirn. Mit der anderen Hand bedeutete er Meg, ihm noch einmal nachzuschenken.

„Drei doppelte Whisky!“ dachte diese entsetzt, „diese Menge würde mich glatt umhauen!“

Dem Dicken schien es aber danach wirklich besser zu gehen.

„Danke Kindchen, Sie sind ein Engel!“ schnaufte er, lehnte sich zurück und schloß die Augen.

Als Meg später den Getränkewagen zurückschob, schlief er und schnarchte mit offenem Mund.

 

„Hey!“ hörte sie plötzlich die rauhe kehlige Stimme der Rothaarigen. Obwohl sie auf Zurufe dieser Art eigentlich grundsätzlich nicht reagierte, drehte sie sich doch zögernd um, in der vagen Hoffnung, den geheimnisvollen blauen Augen in dieser Sitzreihe zu begegnen. Aber der gutaussehende Fremde saß nicht auf seinem Platz. Dafür schnippte diese unmögliche Person mit ihren langen rotlackierten Fingernägeln gegen den Rand des leeren Sektglases.

„Ich hätte gerne noch Champagner!“

Meg nahm wortlos die Flasche aus dem Kühler.

„Nein...“ ließ sich die Rothaarige vernehmen, „nicht dieses abgestandene Zeug, mit dem Sie nun schon durch das ganze Flugzeug gerannt sind, ich möchte frischen, aus dem Kühlfach!“

„Aber der hier ist eiskalt...“ verteidigte sich Meg, worauf ihr die Dame sofort ins Wort fiel:

„...und abgestanden!“ Mit überlegenem Lächeln und boshaftem Funkeln in den Augen fügte sie nachdrücklich hinzu: „Wie ich schon sagte, frisch und eiskalt!“

Meg atmete tief durch.

Sie hatte auf ihren zahlreichen Flügen schon die verschiedendsten Kategorien von Passagieren kennengelernt, nette, schüchterne, laute, ängstliche, interessante, unausstehliche... aber diese Person gehörte zweifellos zur letzten Kategorie, zu der, die Meg am verhasstesten war. Sie hätte kein Problem damit gehabt, dieser aufgedonnerten Zicke eine passende Antwort zu geben, aber das heute war ihr letzter Tag bei „Blue Sky“, und den wollte sie sich keinesfalls verderben lassen, durch nichts und niemanden, erst recht nicht von so einer arroganten, selbstgerechten Hexe.

„Einen Moment!“ Ohne eine Miene zu verziehen stellte Meg die Champagnerflasche zurück in den Kühler, schob ihren Wagen bis zur Kantine und verschwand in dem kleinen Raum.

„War irgendwas?“ fragte Vanessa, die sich mit der Zubereitung des Essens beschäftigte, beiläufig.

Meg schüttelte den Kopf und nahm eine neue Flasche Champagner aus der Kühlzelle.

„Das Übliche“ grinste sie resigniert, „aufgedonnerte Miss „Irgendwer“ hält sich für Lady Di und verlangt frischen, halbgefrorenen Champagner.“

Vanessa lachte.

„Meinst Du die Rothaarige in dem knappen Kleidchen neben diesem äußerst attraktiven Mann in der dritten Reihe?“

Meg hielt kurz in ihrer Tätigkeit inne und hob erstaunt die Augenbrauen.

„Genau die meine ich.“

„Ignorier sie!“ riet ihre Chefin. „Sie ist wahrscheinlich stinksauer, weil er vorhin nur Augen für Dich hatte!“

„Ach was, das bildest du Dir nur ein!“ wehrte Meg verlegen ab. Vanessa betrachtete sie lächelnd.

„Meg, Du bist eine sehr hübsche junge Frau, es ist normal, wenn die Männer Dich anstarren! Du solltest etwas selbstbewusster sein!“

„Tja Vanessa“ entgegnete Meg mit einem gequältem Lächeln, „als der liebe Gott das Selbstbewusstsein verteilt hat, muß ich wohl gerade mit Tim zusammengewesen sein!“

Sie lachten, während Meg die Champagnerflasche öffnete.

„Zickenalarm!“ lästerte sie und machte sich aufseufzend auf den Weg, dem extravaganten Fluggast in Reihe 3 das Glas aufzufüllen.

 

 

Ben hatte inzwischen mit Erlaubnis der Flugbegleiterin Tess einen Blick ins Cockpit der Maschine geworfen. Er grinste, als er dem Piloten über die Schulter sah.

„Casey Mitchum... Ich muß sagen, die Uniform steht Dir hervorragend! So sieht man sich wieder!“

Der Flugkapitän drehte sich erstaunt um.

„Ben? Ben Evans?“ fragte er ungläubig. Dann hellte sich sein jungenhaft anmutendes Gesicht auf und er lachte schelmisch. „Das gibt’s doch gar nicht, Du bist es wirklich!“ Er schüttelte Bens Hand. „Hey, was um alles in der Welt machst Du in Tokio? Genügt Dir unsere Millionenstadt Sunset Beach nicht mehr?“

„Ich war geschäftlich dort, gemeinsam mit Gregory und Annie.“ erklärte Ben.

Caseys blaue Augen wurden schmal.

„Annie ist auch mit? Seit wann interessiert sie sich für Geschäfte?“

„Seit ihr Vater auf die glorreiche Idee gekommen ist, ihr zum 25. Geburtstag diverse Aktienanteile an der Liberty Corporation zu überschreiben, und zwar genug, um ihr Stimmrechte in der Firma zu sichern. Sehr zum Leidwesen von Gregory übrigens, sie quatscht ihm überall rein!“

Casey lachte.

„Das kann ich mir gut vorstellen, das sieht ihr ähnlich! Übrigens habt Ihr richtig Glück heute. Das ist der offiziell letzte Flug von „Blue Sky Airlines“! Die Fluggesellschaft ist pleite und wir sind alle ab morgen ohne Job!“

Ben zog die Stirn in Falten.

„Das tut mir leid für Dich!“

Casey winkte ab.

„Halb so wild, ich hab auch gerne zur Abwechslung mal festen Boden unter den Füßen. In den letzten Monaten bin ich pausenlos geflogen. Jetzt wird erst einmal Urlaub gemacht, und dann werden wir weitersehen! Übrigens, darf ich Dir meine beiden Team- Kollegen vorstellen“ er wies auf den Mann rechts von sich, „mein Co- Pilot Peter Burnes, er hat schon ein paar Jahre Flugerfahrung mehr als ich und achtet darauf, dass ich als Neuling nicht alle Luftlöcher durchfliege und den Vogel einigermaßen auf Kurs halte, und hier hinten in der Schmollecke unser Navigator Cole Deschanel, er ist auch ein „Frischling“ wie ich und übt noch ein bisschen. – Jungs, das hier ist ein sehr guter Freund von mir aus Sunset Beach, Ben Evans!“

Die Männer reichten sich die Hand.

Peter Burnes war der älteste im Team, er schien so Mitte Dreißig zu sein, während Cole, der Navigator, noch recht jung aussah. Er war sicher ein absoluter Mädchenschwarm mit seinem dunklen, nach hinten gekämmten Haar und den frech nach oben mit Gel befestigten Ponyfransen.

„Tja“ meinte Casey und fuhr sich mit der Hand durch das widerspenstige blonde Haar, nachdem er seine Kapitänsmütze weggelegt hatte, „ich freu mich schon richtig auf zu Hause! Hoffentlich ist im Haus soweit alles in Ordnung, ich schätze, ich werde einiges daran überholen müssen.“

Ben lachte.

„Auf jeden Fall steht es noch. Und Deine beiden Untermieter halten es ganz gut in Schuss, wie mir scheint!“

„Ja, auf Freunde wie Mark und Michael ist Verlass, Gott sei dank, denn es wäre nicht gut, wenn die Hütte so lange Zeit leerstehen würde.“

„Na dann warte mal, bis Du heimkommst,“ zwinkerte Ben ihm zu, „ich glaube, die beiden haben da eine Überraschung für Dich!“

Casey sah ihn gespannt an, aber Ben machte nur eine abwehrende Handbewegung.

„Ich verrate nichts!“

„Vielleicht haben die beiden Deine zahlreichen ehemaligen Freundinnen zu Deiner Begrüßung eingeladen!“ lachte Peter. „Damit Dir nicht langweilig wird!“

„Oder sie haben die Bude zum Disco- Keller umgebaut!“ fügte Cole schelmisch grinsend hinzu, wobei sich auf seinen Wangen zwei außergewöhnliche Grübchen bildeten, was sein attraktives Äußeres noch zusätzlich unterstrich.

„Interessante Vorstellung, Leute. Aber alles nicht so nach meinem Geschmack. Das erste bedeutet Ärger ohne Ende und das zweite auf Dauer auch.“ meinte Casey.

Ben warf ihm einen prüfenden Blick zu.

„Und gibt es in Deinem Leben wieder jemanden?“

Casey schüttelte den Kopf.

„Seit Annie nicht.“ sagte er leise, fügte aber sogleich mit fröhlichem Augenzwinkern hinzu:

„Ich genieße die Freiheit und hab mich vorerst auf hemmungsloses Flirten verlegt!“

„Das beherrscht er perfekt!“ stimmte Cole zu. „Alle weiblichen Wesen, die bei „Drei“ nicht auf den Bäumen sind, werden gnadenlos angebaggert!“

Sie lachten alle. Ben klopfte Casey freundschaftlich auf die Schulter.

„Casey, alter Junge, nur weiter so, dann geht’s Dir richtig gut!“

„Und was ist mit Dir?“ stellte dieser prompt die Gegenfrage.

Ben zog die Stirn in Falten und grinste.

„Also... bei mir sind sie immer schon alle auf den Bäumen, keine Chance vorerst!“

„Und was sagt uns das, Jungs?“ wandte sich Casey lachend an seine Crew. Die beiden Männer riefen wie aus einem Munde: „Bäume fällen!“

Ben hob abwehrend die Hände.

„Okay okay, ich hab schon verstanden!“ Er wandte sich noch einmal an Casey.

„Dann wird ich mal verschwinden, damit ihr zur Abwechslung wieder nach vorn schaut, sonst landen wir statt in L.A. noch irgendwo am Äquator. Vielleicht schau ich später nochmal rein zu Dir. Jetzt werde ich erst mal nach Annie sehen, sie hat heute eine Laune zum Davonlaufen.“

„Ja, ihre Launen hab ich in lebhafter Erinnerung!“ nickte Casey zustimmend. „Bis später dann, Ben, kannst jederzeit zu uns nach vorn kommen, wenn der Teufel neben Dir beginnt, seine Krallen auszufahren!“

 

 

Ben verließ das Cockpit und kam gerade in dem Moment an seinen Platz zurück, als Meg Annie ihren Champagner einschenkte.

„Das wurde aber auch langsam Zeit!“ knurrte Annie, wobei nicht genau abzusehen war, ob nun Ben oder Meg mit dieser bissigen Bemerkung gemeint war.

Verärgert über soviel unbegründete Unfreundlichkeit drehte sich Meg abrupt um und wäre fast gegen Ben geprallt, hätte er sie nicht mit seinen starken Armen aufgefangen. Sekundenlang standen sie beide da und sahen sich an.

„Verzeihung, Sir!“ murmelte Meg verlegen und wollte schnell an ihm vorbei, doch seine Hände gaben sie noch nicht frei. Für einen Moment nahm er den dezenten Duft ihres Parfüms wahr.

„Wofür?“ fragte er schmunzelnd. „Es war mir ein Vergnügen!“

Meg mußte wider Willens lächeln und eilte den Gang entlang zur Kantine. Dort sank sie auf einen Hocker und atmete tief durch. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie schloß die Augen und spürte noch immer seine Hände auf ihren Schultern.

„Was ist nur los mit mir?“ überlegte sie, irritiert über ihre Gefühle für diesen völlig fremden Mann. Ob es wirklich so etwas wie die berühmte „Liebe auf den ersten Blick“ gab?

„Hast Du was?“ fragte Vanessa. Meg schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, ich werde doch erst einmal ein paar Tage Ferien mit Euch machen.“ beschloß sie.

„Super, das ist doch ein Wort!“ freute sich Vanessa. „Casey wird begeistert sein, wenn wir alle in sein Strandhaus einziehen. Das wird bestimmt total lustig – ein richtig heißer Sommer!“

 

 

„Was ist denn nur los mit Dir?“ fragte Ben ungehalten und warf Annie einen bösen Blick zu.

„Nichts, was soll denn sein?“ gab sie unfreundlich zurück und nippte an ihrem Champagner.

„Dann hör gefälligst auf, Deine miese Laune an unschuldigen Leuten auszulassen!“

„Ach daher weht der Wind!“ giftete Annie. „Hab ich Deinen Pinguin beleidigt oder was?“ Sie verdrehte genervt die Augen. „Mein Gott, sie wird nicht gleich daran sterben, die kleine Süße! Ich weiß sowieso nicht, was Du an der findest, die hat doch gar kein Format... jedenfalls nicht so, wie Du es verdienst...“  Sie legte vertraulich eine Hand auf seinen Arm und rieb ihr Knie an seinem Bein, wobei ihr ohnehin schon superkurzes, hellblaues Minikleid noch einige Zentimeter höher rutschte, was dem Herrn außen in der Nebenreihe wahre Stielaugen bescherte.

Aber Ben war für ihre so offen zur Schau gestellten Reize nicht empfänglich. Er rückte merklich von ihr ab und zog auch seinen Arm weg.

„Gib es auf, Annie.“

„Warum?“ fragte sie wie ein bockiges Kind und zog einen Schmollmund. „Wir beide wären das ideale Paar, Ben, sieh es doch endlich ein, Du und ich...“

„Laß endlich gut sein, Du bist nun mal nicht sein Typ, Annie. Mach Dich nicht zum Clown!“ ließ sich Gregory vernehmen, der endlich seinen Laptop zuklappte. „Und falls Dir langweilig sein sollte, kann ich Dir ja ein paar Geschäftsunterlagen zu lesen geben, damit Du zum nächsten Meeting vorbereitet bist und weniger inkompetente Fragen stellst als beim letzten Mal.“

„Ah, der Herr Anwalt ist ansprechbar!“ höhnte Annie boshaft zurück. „Wie schön, und gleich wieder mit so geistreichen Kommentaren!“

Sie ließ sich in ihrem Sitz zurückfallen und verschränkte beleidigt die Arme.

Von der Reise nach Tokio hatte sie sich viel mehr versprochen als nur wichtige geschäftliche Konferenzen, an denen sie als neue Teilhaberin einer der größten und erfolgreichsten Immobilienfirmen an der Westküste Kaliforniens zugegen sein mußte. Das hatte sie nicht nur als äußerst langweilig und überflüssig empfunden, für Annie war die ganze Geschäftswelt eher nebensächlich. Sie war vielmehr mitgeflogen, weil sie gehofft hatte, Ben endlich näher zu kommen.

Seit er vor knapp zehn Jahren von England nach Sunset Beach, ihrem kleinen Heimatort an der kalifornischen Südwestküste gekommen war, liebte sie diesen Mann. Damals war sie noch ein Teenager gewesen. Und als sie es endlich geschafft hatte, dass er sie überhaupt wahrzunehmen schien, mußte ihm ausgerechnet die Tochter dieser Wahrsagerin begegnen, Maria Torres, die er dann auch prompt heiratete.

Annie stürzte sich daraufhin in zahlreiche Affären, um sich über ihre unerfüllte Liebe zu Ben hinwegzutrösten, aber dieses starke, alles verzehrende Gefühl für ihn blieb, und das tat weh. Aber dann vor zwei Jahren geschah das Unfassbare, Maria verließ Ben und brannte mit seinem Bruder durch. Tief verletzt und fassungslos blieb Ben zurück. Er hatte seine Frau über alles geliebt und fühlte sich so verraten, dass er sich zunächst von allen zurückzog.

In dieser Zeit entwickelte sich zwischen ihm und Annie ein sehr vertrautes Verhältnis, das jedoch nie über Freundschaft hinausging. Annie wohnte nicht nur gleich nebenan, sie blieb auch immer in seiner Nähe, ständig darauf hoffend, er möge sie vielleicht irgendwann nicht mehr nur als gute Freundin sehen...

Aber nicht einmal in Tokio, dieser herrlichen mystischen Stadt mit dem interessanten Nachtleben, war sie auch nur einen Schritt weitergekommen. Ben war freundlich, umgänglich und sehr geduldig, was ihre gelegentlichen Launen und Eskapaden betraf, die letztlich wiederum nur darauf ausgerichtet waren, seine Aufmerksamkeit zu erringen. Aber er schien nicht im entferntesten daran interessiert, auf ihre offensichtlichen Annäherungsversuche einzugehen.

Und nun saß sie hier in diesem Flugzeug und mußte mit ansehen, wie er irgend so eine unbedeutende Stewardess anhimmelte. Zum Teufel nochmal, womit hatte sie das nur verdient?

Wütend nahm sie ihr Sektglas und goß den Inhalt mit einem Zug hinunter.

Ben musterte sie erstaunt.

„Was hast Du vor, Annie? Willst Du Deine schlechte Laune ertränken?“

„Klar!“ erwiderte sie patzig. „Was bleibt mir anderes übrig! Rechts von mir ein hoffnungslos arbeitswütiger Anwalt und links ein verkappter Spinner, der sein Liebesleben nicht in den Griff bekommt, nur weil er einmal in seinem Leben enttäuscht wurde!“

„Annie...“ warnte Ben mit verhaltener Wut, „übertreib es nicht!“

„Ich würde Dich nie enttäuschen!“ fuhr Annie unbeirrt fort.

„Das würde ich mir aber an Deiner Stelle schriftlich geben lassen, Ben.“ mischte sich Gregory 

wieder ein und grinste.

„Halt Du Dich da raus!“ fauchte sie ihn an. „Kümmere Dich um Deine eigene Frau, oder willst Du mir etwa erzählen, Du hättest „Cruella“ im Griff?“

Gregory verschluckte sich an seinem letzten Schluck Cognac und mußte husten.

„Na toll!“ lästerte Annie und klopfte ihm alles andere als fürsorglich auf den Rücken. „Schon bei bloßer Erwähnung von Olivias Namen verkrampft er sich!“

Ben lachte und stand auf.

„Wo willst Du hin?“ fragte Annie misstrauisch.

„Ich hole Dir ein Glas Mineralwasser, das wird Dir guttun!“

Bevor sie noch etwas erwidern konnte, war er weg.

Resigniert ließ sie sich in die Polster zurückfallen und seufzte tief. Sie bemerkte den immer noch interessierten Blick des Herrn in der anderen Sitzreihe und lächelte gequält. Es war wie verhext!

Jeder schaute sich nach ihr um, jeder machte ihr Komplimente, jeder andere wäre sofort zu allem für sie bereit, jeder... nur nicht Ben!

 

 

Während Vanessa und Tess vom anderen Ende der Maschine aus begannen, die Passagiere mit dem Essen zu versorgen, räumte Meg in der Kantine die benutzten Gläser und die leeren Flaschen vom Wagen. Sie war ganz in Gedanken und bemerkte gar nicht, wie der Vorhang am Durchgang ein wenig zurückgezogen wurde und jemand in den kleinen Raum trat.

„Ich hoffe, Annie hat Sie nicht allzu sehr verärgert!“ hörte sie hinter sich eine angenehme Stimme, die ihr sofort einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. Sie drehte sich um. Da waren sie wieder, diese tiefblauen Augen, die ihr sofort Herzrhythmusstörungen verursachten. Sie hoffte nur, dass er ihr nicht ansah, welche Auswirkungen sein bloßes Erscheinen auf ihr Innenleben hatte.

„Annie...“ sagte sie betont langsam und zog dabei die Augenbrauen bedeutungsvoll hoch, „kann mich nicht ärgern. Wer könnte denn ihrer reizenden, liebenswerten Art schon widerstehen?“

Er merkte sofort, dass sie das nicht ernst meint und lachte. Meg stimmte fröhlich in sein Lachen ein.

„Kann ich was für Sie tun, Sir?“ fragte sie. Ben nickte.

„Ich dachte, bevor meine... Bekannte von dem vielen Champagner anfängt, alles doppelt zu sehen, hole ich ihr besser ein Glas Mineralwasser.“

Meg lächelte und nahm eine Flasche aus dem Kühlfach.

„Eiskalt und nicht abgestanden!“ betonte sie, während sie ein Glas voll einschenkte.

Ben betrachtete sie lächelnd. Nur mit Mühe widerstand er der Versuchung, ihr süßes Gesicht zu berühren oder über ihr weiches Haar zu streichen. Stattdessen streckte er ihr spontan die Hand entgegen.

„Übrigens... mein Name ist Ben Evans!“

Sie wischte sich ihre vom Schwitzwasser der Flasche feucht gewordene Hand schnell an ihrem Rock ab, bevor sie seine ergriff.

„Meg Cummings“ stellte sie sich ebenfalls vor.

Er hielt ihre zierliche Hand einen Moment länger fest als beabsichtigt und sah sie lächelnd an. Etwas verunsichert erwiderte sie seinen Blick.

Ben riß sich aus seinen Gedanken.

„Nun, Sie haben es bestimmt nicht immer leicht mit den Passagieren!“ mutmaßte er, um überhaupt etwas zu sagen.

„Na ja, mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Es gibt eben auch hier die verschiedendsten Typen, und zum Glück sind auch viele Nette dabei, die einem die Arbeit leicht machen.“

„So wie Annie!“ lachte Ben.

Meg lächelte.

„So wie Sie!“

Ben wollte gerade etwas erwidern, als Caseys Stimme aus dem internen Kantinenlautsprecher zu hören war.

„Wer von Euch Hübschen ist bei der Küchenarbeit?“

Meg drückte auf den Knopf der Sprechanlage.

„Was hast Du auf dem Herzen, Casey?“

„Meg, Schätzchen, mach dem alten Käpt`n eine Freude und komm mal vor zu mir! Wir fliegen geradewegs in einen absolut gigantischen Sonnenuntergang, den mußt Du Dir ansehen! Ich könnte ein Stück zur Seite rücken und Du setzt Dich zu mir, wir kuscheln uns

alle beide schön gemütlich aneinander und genießen dieses einmalige Naturereignis! Was sagst Du?“

Meg wechselte einen amüsierten Blick mit Ben.

„Nur, wenn Du mir versprichst, dabei das Höhenruder nicht aus den Augen zu lassen!“

„Ach was“ lachte Casey, „der Vogel kennt doch den Weg! Na komm schon!“

Meg sah Ben fragend an.

„Kommen Sie mit? So ein Sonnenuntergang hier oben ist wirklich was Besonderes!“

„Ja, gerne.“ Ben folgte ihr zum Cockpit. Hinter Caseys und Peters Sitzen blieben sie beide stehen.

Der ganze Raum der Flugkanzel war in gleißend rotes Licht getaucht.

Casey sah sich kurz um.

„Gut, dass Du da bist, Ben!“ rief er. „Dieses Schauspiel hier ist absolut einmalig!“

„Ihr kennt Euch?“ fragte Meg erstaunt.

„Klar, aus Sunset Beach.“ antwortete Casey. „Ben ist ein sehr guter Freund von mir.“

Dann war es still im Cockpit.

Fasziniert starrten alle nach draußen.

Linkerhand sah man die glutrote Sonne, die den Himmel in alle nur möglichen Rottöne färbte, zur Mitte hin wurden die Farben dunkler und auf der rechten Seite des Flugzeuges verschluckte das tiefe Schwarz der hereinbrechenden Nacht die herrliche Farbenpracht. Dort leuchteten bereits die ersten Sterne.

„Tag und Nacht in einem einzigen Augenblick!“ sagte Meg leise. „Das ist so unbegreiflich und so unglaublich schön!“

Ben betrachtete sie heimlich von der Seite. Auf ihrem Gesicht spiegelten sich in blassen Tönen die Farben des Sonnenunterganges und ließen es zart und verletzlich erscheinen.

Ben mußte sich mit aller Kraft zusammenreißen, dass er sie nicht einfach in den Arm nahm.

„Ja, es ist kaum zu fassen.“ antwortete er leise, und er meinte damit nicht dieses Naturschauspiel, das sich da draußen vor ihren Augen am Himmel abspielte, sondern mehr seine unglaublich starken Gefühle für diese fremde junge Frau neben ihm, die er vor ein paar Stunden noch gar nicht gekannt hatte. Was geschah hier eigentlich mit ihm?

Plötzlich überkam ihn eine seltsame Unruhe.

Das, was sich hier anbahnte, war nicht gut! Er kam sich in diesem aufkeimenden Gefühlschaos vor wie ein dummer Schuljunge. Sicher war sie schon längst vergeben, hatte irgendwo einen Mann oder Verlobten, der auf sie wartete. Das gab nur Ärger! Nein, davon hatte er bereits mehr als genug erlebt...

Das Flugzeug war an der Sonne vorüber und tauchte in die sternenklare Nacht.

Meg lächelte und atmete tief ein.

„Das ist wirklich jedesmal wieder ein besonderes Erlebnis!“ schwärmte sie und drehte sich um.

Ben war verschwunden.

Enttäuscht und etwas irritiert über sein unbemerktes Verschwinden machte sie sich wieder an die Arbeit.