Teil 2

 

 

Casey schaltete auf Autopilot und stand auf.

„Peter, übernimmst Du mal für mich?“ bat er seinen Co- Piloten. „Ich will nur eben eine alte Freundin begrüßen, die heute mit uns fliegt.“

„Alles klar.“ Peter nahm Caseys Platz ein. „Sag mir bescheid, wann ich eine scharfe Kurve fliegen soll, damit sie rechtzeitig in Deinen Armen landet.“ Lachte er und zwinkerte ihm zu, doch Casey winkte nur grinsend ab.

„Danke, die Mühe kannst Du Dir sparen, dass mit Annie und mir ist lange vorbei, außerdem ist sie stur wie ein Muli und würde sich wahrscheinlich eher Flügel wachsen lassen, als sich freiwillig in meine Arme zu stürzen.“

„Na dann“ Peter zog sich die Mütze in die Stirn, „dann kann ich ja ein Nickerchen machen!“

 

 

 

Casey schaute zuerst in die ans Cockpit angrenzende Kantine, wo Meg immer noch geschäftig herumhantierte.

„Na, meine Schöne, hast Du vielleicht noch einen Cappuccino für Deinen alten Käpt`n?“

Meg lachte.

„Setz Dich, Casey!“ Sie reichte ihm eine Tasse und lehnte sich an die Arbeitsplatte ihm gegenüber. „Alles klar bei Euch vorn?“

Er nickte.

„Cole und Peter schlafen eine Runde, ich trinke Cappuccino und unsere Brieftaube kennt  ihr Ziel.“

„Na dann bin ich ja beruhigt!“ meinte Meg lächelnd.

Casey sah sie prüfend an.

„Hey Meg, was ist los? Traurig, weil`s unser letzter Flug ist?“

Sie nickte.

„Ja, vielleicht ein bisschen.“ gab sie zu. „Es war eine sehr schöne Zeit. Mit allen Höhen und Tiefen, zu denen Du als „Flugschüler“ auch einen großen Teil mit beigetragen hast!“

„Na ja, das hat eben nicht jeder drauf, ausnahmslos jedes Luftloch mitzunehmen und die armen Flugbegleiter damit regelmäßig in Angst und Schrecken zu versetzen!“ grinste Casey, und sie lachten beide fröhlich.

„Und, kommst Du mit uns nach Sunset Beach?“ wechselte er das Thema.

Meg sah ihn gespannt an.

„Du meinst das wirklich ernst, ja? Du willst, dass wir alle in Deinem Haus wohnen und dort Ferien machen? Weißt Du, worauf Du Dich da einlässt?“

„Na ja“ meinte Casey in gespieltem Ernst, „die Frage ist eher: wisst Ihr, worauf Ihr Euch da einlasst?“

Meg zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Wie meinst Du das?“

„Nun, da wären diverse Arbeiten im und am Haus zu erledigen, zum Beispiel das Dach ausbessern, die Außenfassade neu streichen, den verwilderten Garten auf Vordermann bringen, und drinnen  müßte man noch...“

Meg lachte und hob abwehrend beide Hände.

„Genug, genug! Hör schon auf, es reicht! Soweit also zu unseren Ferien zum Nulltarif! Du Gauner!“ Sie strich sich ihr Haar zurück. « Ich würde sehr gerne mit nach Sunset Beach kommen, für eine Weile, bis sich etwas neues ergibt. Auf keinen Fall möchte ich zurück nach Kansas!“

Casey nickte.

„Kann ich gut verstehen, Meg. Dieser Typ hat Dich ziemlich verletzt, hab ich recht?“

Sie antwortete nicht, senkte nur den Blick.

„Hey, Kopf hoch, Mädchen, Du wirst sehen, bei uns zu Hause ist jeden Tag was los! Da vergisst Du schnell alle Sorgen und im Handumdrehen machen wir aus Dir ein echtes kalifornisches Girl!“

Meg lächelte ihm dankbar zu.

„Vanessa, Tess und Cole haben übrigens auch schon zugesagt. Nur Peter fährt natürlich gleich zu seiner Frau Amanda nach Beverly Hills rüber. Kann ich auch gut verstehen, dass er Sehnsucht nach ihr hat. Aber vielleicht besuchen uns die beiden ja mal. Wir anderen könnten dann von L.A. gleich rüberfahren nach Sunset Beach, direkt hinein ins Paradies.“ erklärte Casey weiter. „Ich hab meinen alten „Chevy“ am Flughafen stehen, da passen wir gut alle hinein.“

Meg atmete tief durch.

„Okay, dann werde ich also Sunset Beach kennenlernen.“ Sie überlegte kurz. „Sag mal, Casey, wer kümmert sich eigentlich um Dein Haus, wenn Du immer so lange wegbist?“

„Zwei meiner besten Freunde, Michael und Mark. Sie wohnen bei mir zur Untermiete. Die beiden arbeiten als Lifeguards, und sie sind wirklich klasse Typen, Ihr werdet sie mögen.“

„Und woher kennst Du Mister Evans?“

„Ben? Auch aus Sunset Beach. Er hat ebenfalls ein Haus am Strand, nur weiter drüben hinter dem Pier, und viel größer und schöner als meins. Er wohnt schon einige Jahre dort, und er hat sich in den letzten Jahren eisern hochgearbeitet, na ja, kein Wunder, wenn man Gregory Richards als Mentor hat!“

„Mister Richards...“ überlegte Meg laut, „ach ja, das muß der Geschäftsmann mit dem Laptop sein.“

Casey lachte.

„Ja, das ist er ganz sicher. Er ist ein brillanter Anwalt und leitet die größte Immobilienfirma im Süden Kaliforniens, die Liberty Corporation. Ben ist sein Geschäftspartner. Aber Vorsicht, Gregory Richards ist genauso skrupellos und aalglatt wie erfolgreich! Sich mit ihm anzulegen ist äußerst gefährlich!“

„Genauso sieht er auch aus!“ dachte Meg, laut aber sagte sie: „Keine Angst, das habe ich bestimmt nicht vor.“

„Und wie hast Du Ben kennengelernt?“ fragte Casey neugierig. „Oder war es Zufall, dass er mit Dir zusammen ins Cockpit kam?“

„Er war gerade hier in der Kantine, als Deine Durchsage kam und holte ein Glas Wasser für seine charmante Begleiterin.“

„Charmant?“ wiederholte Casey ungläubig. „Annie?“

„Mh mmh!“ machte Meg grinsend und verdrehte die Augen.

„Ah ja, verstehe!“ Casey lachte. „Charmant wie immer. Aber glaub mir, sie kann gelegentlich auch sehr sehr nett sein!“ fügte er vertraulich hinzu. Meg sah ihn an und kniff ungläubig die Augen zusammen.

„Willst Du damit sagen...“

Casey hob abwehrend die Hände.

„Ein Kavalier genießt und schweigt!“

Meg konnte das gar nicht glauben.

„Du und Annie... Casey, Ihr passt doch überhaupt nicht zusammen!“

Er grinste.

„In gewisser Weise schon!“

Sie lachten beide. Dann aber wurde Caseys Gesicht nachdenklich.

„Annie ist schon in Ordnung, sie ist eben oft mit sich selbst unzufrieden. Leider ist sie voll und ganz auf einen anderen Mann fixiert, und diese unerfüllte Leidenschaft schließt von vorn herein jede feste Beziehung aus.“ sagte er leise.

Meg dachte daran, wie Annie Ben vorhin immerzu angesehen hatte und ahnte plötzlich, von welchem Mann Casey eben gesprochen hatte. Deswegen war sie bestimmt auch so wütend und schlecht gelaunt, weil er sie gar nicht beachtet hatte.

„Was geht mich das an,“ dachte sie, „in ein paar Stunden sind wir in L.A., und dann fängt ein ganz neues Leben an...“

„Ich hab gesehen, wie Ben Dich angeschaut hat, vorhin im Cockpit.“ sagte Casey plötzlich. „Er mag Dich!“

Meg schaute erstaunt auf.

„Ach ja?“ meinte sie sarkastisch. „Deswegen ist er sicher auch so schnell wieder verschwunden!“

Casey stand auf und reichte ihr die leere Tasse.

„Tja, in solchen Sachen ist Ben ein Fall für sich, seitdem...“ begann er, unterbrach sich jedoch sofort, als der Vorhang mit Schwung zurückgeschoben wurde und Tess im Durchgang erschien.

„Nanu, wen haben wir denn hier? Was ist denn das für eine saumäßige Arbeitsmoral, Herr Flugkapitän?“ grinste sie kopfschüttelnd.

„Ich bin ja schon weg!“ verteidigte sich Casey und küßte sie im Vorbeigehen scherzhaft auf die Wange. „Ich will nur mal eben den Teufel mit den roten Haaren begrüßen.“

Meg lachte, während sich Tess begeistert mit den Fingerspitzen über ihre Wange strich.

„Wow, ich wird mich mindestens zwei Wochen nicht waschen!“

„Deine Ideen sind aber heute auch nicht ganz sauber.“ konterte Meg.

„Mmh, ich weiß, aber ich finde ihn nun mal so sexy!“ schwärmte Tess. „Wenn ich nur wüßte, ob er sich auch was aus mir macht!“

Meg ordnete die Becher und Gläser auf dem Servierwagen.

„Tess“ meinte sie zuversichtlich lächelnd, „Du hast doch bald sehr viel Zeit, um das rauszufinden!“

 

 

 

Vanessa war am hinteren Ende des Ganges gerade damit beschäftigt, die Teller und das Besteck vom Abendessen einzusammeln, als es in der Nähe der Toilette einen dumpfen Knall gab. Erschrocken drehte sie sich um und sah jemanden am Boden liegen. Sofort eilte sie hin und fand den dicken Herrn, der sich vor dem Essen wegen seiner großen Flugangst von Meg drei doppelte Whisky hatte einschenken lassen, reglos vor der Tür zum Waschraum.

Schnell kniete sie nieder und kontrollierte seine Atmung. Sein Gesicht war aschfahl, aber sie konnte seitlich am Hals einen schwachen Pulsschlag ertasten.

Vanessa rief über das Bordtelefon vorn in der Kantine an.

„Meg? Bitte komm schnell, ich hab hier einen Passagier mit Kreislaufzusammenbruch! Und – Meg, bring Cole oder Peter mit, der Mann hat gute zwei Zentner!“

Eine Minute später erschien Meg, gefolgt von Cole, bei Vanessa.

Cole zog den Kabinenvorhang zu, um die anderen Passagiere nicht zu beunruhigen, während Meg neben dem bewußtlosen Mann niederkniete und zunächst versuchte, ihn durch ein leichtes Klatschen mit ihrer Handfläche auf seine Wangen wieder munter zu bekommen.

„Mister Carter!“ rief sie leise, „Mister Carter, können Sie mich hören?“

Sie fühlte keinen Puls mehr. „Schnell, er bleibt uns weg!“

Gemeinsam drehten sie den Mann auf den Rücken und Meg versuchte, durch gezielte Herzdruckmassage sein Herz wieder in Gang zu bringen. Nach einer Weile, die ihnen allen wie eine Ewigkeit erschien, fühlte Vanessa plötzlich wieder einen Pulsschlag.

„Ich glaub, wir haben ihn!“ rief sie erleichtert.

Und wirklich, Mister Carter hustete kurz, seine Wangen bekamen wieder etwas Farbe und schließlich schlug er die Augen auf und sah seine Retter erstaunt an.

„Wo bin ich?“ ächzte er und versuchte sich aufzurichten. Meg legte ihm ihre Hand auf die Brust.

„Bitte bleiben Sie noch einen Moment liegen, Mister Carter!“ sagte sie freundlich, aber bestimmt. „Sie hatten einen Kreislaufzusammenbruch und waren bewußtlos. Wir haben hier nebenan einen Notfallraum, dort werden wir Sie hinbringen, sobald Sie sich etwas besser fühlen.“ Sie schaute kurz auf. „Vanessa, bringst Du mir bitte eine Decke?“

Gemeinsam mit Cole half sie Mister Carter kurz darauf auf die Beine. Sie stützten den schwerfälligen, beleibten Mann beide so gut es ging ab und brachten ihn in den an den Waschraum angrenzenden Notfallraum, in dem sich eine Liege befand.

Ächzend ließ Carter sich nieder und griff sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust.

Vanessa deckte ihn fürsorglich zu, während Meg besorgt nach seiner Stirn fasste, auf der kalter Schweiß stand.

„Vanessa“ sagte sie leise, so dass der Patient sie nicht hören konnte, „Casey soll in L.A. bescheid sagen, dass ein Notfallteam am Flughafen bereitsteht, wenn wir eintreffen. Ich bin mir nicht sicher, aber alles deutet darauf hin, dass Mister Carter einen Herzanfall hat.“

Sie drehte sich um und sprach den schweratmenden Mann an.

„Mister Carter, haben Sie Probleme mit dem Herzen? Nehmen Sie Herztabletten ein?“

Er nickte.

„Ja, die Pumpe ärgert mich.“ ächzte er, und man merkte, dass ihm das Sprechen schwerfiel.

„Mein Arzt meint ständig, ich hätte viel zuviel Stress und sei zu fett. Aber das Leben macht doch gar keinen Spass, wenn man auf alles verzichten soll, immer nur Diät, keinen Kaffee, keinen Alkohol...“ Wieder presste er seine Hand auf die linke Brustseite. „Himmel, tut das weh!“

Meg schloß für einen Moment die Augen.

„Verdammt“ dachte sie beunruhigt, „und er hat drei doppelte Whisky gekippt!“ Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Versuchen Sie ein wenig zu schlafen, Sir, das wird Ihnen ganz sicher guttun.“ Sagte sie beruhigend.

Cole legte Meg die Hand auf die Schulter und sah sie bewundernd an.

„Du warst ja richtig professionell!“ staunte er. „Lernt Ihr das so beim Erste- Hilfe- Kurs?“

Meg schüttelte den Kopf.

„Ich hab in einem Krankenhaus in Kansas gearbeitet, während ich auf einen Studienplatz als Medizinstudentin gewartet habe. Als ich endlich eine Einschreibung bekommen sollte, wurde mein Vater krank, und ich mußte auf der Ranch aushelfen. Als dann die Ernte rein war, war der Platz weg, und ich hab bei „Blue Sky“ angefangen.“

Cole nickte anerkennend.

„Mit 22 schon ein bewegtes Arbeitsleben. Aber an Deiner stelle würde ich den Medizintraum noch verwirklichen, jetzt, wo Du sowieso ohne Job bist.“

Meg zuckte mit den Schultern.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt noch will.“ gestand sie.

„Talent hättest Du allemal.“ meinte Cole und wies auf den vor sich hin dösenden Carter. „So, wie Du ihn vorhin zurückgeholt hast!“

Sie winkte verlegen ab.

„Ach, das war doch nichts Besonderes.“ sagte sie bescheiden. „Sicherheitshalber sollte aber bis zur Landung immer Eine von uns bei ihm bleiben, um sicher zu gehen, dass sein Herz nicht nochmal versagt.“ wandte sie sich an Vanessa. Die nickte zustimmend.

„Ich bleibe vorerst hier. Geh Du mit Cole nach vorn zu Casey, falls der Notarzt am Flughafen über Funk noch Fragen an Dich hat.“

„Gut.“ Meg prüfte noch einmal den Puls des Patienten. „Okay“ meinte sie aufatmend, „Du kannst ihm ein kaltes Tuch auf die Stirn legen. Mehr können wir im Augenblick nicht tun.“

Gemeinsam mit Cole verließ sie die Kabine und ging nach vorn.

Als sie an der dritten Reihe vorbeikam, erklang Annies inzwischen wohlvertraute Stimme.

„Stewardess, hallo!“

Meg blieb kurz stehen.

„Ja bitte?“

„Ich habe vor mindestens einer halben Stunde bei Ihrer Kollegin etwas zu trinken bestellt!“ fauchte Annie. „Ich wollte den Drink jetzt und nicht erst in L.A.!“

Meg wollte erst weitergehen, überlegte dann jedoch kurz, drehte sich um und sah ihr voll ins Gesicht.

„Wissen Sie was?“ meinte sie mit einem zu Eis gefrorenen Lächeln, „Rutschen Sie mir den Buckel runter!“

Zum ersten Mal auf diesem Flug war Annie sprachlos.

Mit offenem Mund starrte sie Meg hinterher, die eiligen Schrittes weiterging und hinter der Tür zum Cockpit verschwand.

„Hast Du das eben gehört?“ fragte sie fassungslos und drehte sich zu Ben um, doch der konnte sich nicht länger beherrschen und lachte laut los.

Gregory grinste verhalten.

„Hut ab!“ meinte er, „Die junge Dame gefällt mir!“

Annie sprang auf und zog ihr Kleid zurecht.

„Das Ihr beide eine so bodenlose Frechheit auch noch lustig findet, ist mir unverständlich! Na, dem Früchtchen wird ich was erzählen!“

Sie war fast schon auf dem Gang, als Ben sie am Handgelenk festhielt.

„Du gehst nirgendwo hin!“ sagte er leise und drohend. „Und Du wirst sie in Ruhe lassen, Annie!“

Sie versuchte sich diskret loszuwinden, aber sein Griff war eisern.

„Was fällt Dir ein!“ zischte sie wütend. „Du tust mir weh!“

„Dann setz Dich wieder hin und halt endlich die Luft an!“ gab er leise zurück.

„Ich will mich nur mal frischmachen gehen, verdammt!“

„Denk daran, was ich Dir gesagt habe!“ warnte Ben und ließ sie los. Annie rieb ihr Handgelenk. Der Mann aus der anderen Reihe starrte sie schon wieder wie hypnotisiert an.

„Was gibt’s denn da zu glotzen?“ herrschte sie ihn an, worauf er erschrocken den Kopf einzog.

Ben sah Annie nachdenklich hinterher.

„Sie ist heute wirklich in Höchstform!“ bemerkte Gregory kopfschüttelnd. „Vielleicht solltest Du endlich mal mit ihr ins Bett gehen, damit sie ruhiger wird!“

„Wieso?“ fragte Ben mit Unschuldsmiene. „Ich mag sie so wild am liebsten!“

 

 

 

 

Ben wartete während des weiteren Fluges vergeblich auf eine Gelegenheit, Meg noch einmal anzusprechen. Tess hatte die Bedienung der Passagiere übernommen.

Er ärgerte sich, dass er vorhin während dieses Sonnenunterganges das Cockpit verlassen hatte. Warum konnte er nicht einmal seinen Gefühlen nachgeben? Es hatte doch alles gestimmt! Und dass Meg ihn auch sympathisch fand, das hatte er deutlich gespürt. Was mußte sie jetzt von ihm denken?

Ein- oder zweimal lief sie noch an ihm vorbei nach hinten, aber sie schien es jedesmal eilig zu haben. Er vermutete, dass es einem der Passagiere nicht gutging, denn ihr Gesicht war ernst, und sie hatte beim letzten Mal eine Sanitätstasche dabei. Danach kam sie nicht wieder nach vorn. Selbst während der Landung blieb ihr Platz in der ersten Reihe leer.

Ben beschloß, nach der Ankunft in Los Angeles im Flugzeug zu warten, um sich wenigstens von ihr zu verabschieden.

 

Meg blieb für den Rest des Fluges bei Mister Carter. Der Notarzt am Flughafen hatte ihr über Funk aufgrund der genannten Symptome, die der Patient aufwies, klare Verhaltensregeln erteilt, die sie exakt einzuhalten versuchte.

Carter atmete schwer und klagte über starke Schmerzen im Brustraum. Er hatte Angst, und diesmal war es nicht nur einfache Flugangst, die ihn peinigte. Meg hielt seine Hand und kühlte ihm die schweißnasse Stirn.

Um sich abzulenken, erzählte er ihr aus seinem Leben, von seiner verstorbenen Frau, seiner kinderlosen Ehe, die trotzdem sehr glücklich gewesen war, und von der Firma „Carter Electronics“, die er einst aus eigener Kraft aufgebaut hatte und die inzwischen zu den erfolgreichsten dieser Branche zählte.

Meg hörte ihm geduldig zu und hoffte inständig, er möge durchhalten, denn sie merkte, dass ihm das Reden immer schwerer fiel und er zunehmend schwächer wurde. Er brauchte dringend Medikamente, die Schmerzen in seiner Brust wurden stärker. Zwar hatte er seine Herztabletten vorschriftsmäßig geschluckt, aber sie zeigten keinerlei Wirkung. Meg vermutete, dass der Alkohol, den er zu Beginn des Fluges getrunken hatte, daran schuld war.

„Liegen Sie ganz still und sprechen Sie nicht so viel, Mister Carter.“ sagte sie leise.

„Bitte nennen Sie mich George.“ bat er. „Und erzählen Sie mir ein wenig von sich.“

„Okay“ lächelte Meg, „aber ich befürchte, mein Leben ist nicht halb so interessant wie das Ihre!“ Um ihn von seinen Schmerzen abzulenken, berichtete sie ihm von Ludlow – Kansas, wo sie geboren und aufgewachsen war, von ihrer Familie dort, der Highschool, die sie besuchte und von ihrem Studienwunsch, der sich leider bisher nicht erfüllt hatte.

Carter hielt die Augen geschlossen, aber Meg spürte, dass er ihr genau zuhörte.

Kurz vor der Landung wurden seine Schmerzen unerträglich.

„Ich glaube, meine Zeit ist um.“ Ächzte er mühsam.

Meg schüttelte den Kopf.

„Sie werden es schaffen, George, wir beide werden das jetzt durchstehen! Das Flugzeug ist in ein paar Minuten unten und dann sind Sie sofort in den besten Händen!“ sprach sie ihm Mut zu. Er drückte ihre Hand und brachte ein krampfhaftes Lächeln zustande.

„Das bin ich doch schon, Miss...“

„Cummings, Meg Cummings.“

“Meg…” wiederholte er. „Wenn ich es schaffe, dann habe ich das alleine Ihnen zu verdanken. Ohne Sie hätte ich diesen Flug nicht überstanden. Sie haben mir das Leben gerettet!“

Meg tupfte ihm abermals die Stirn ab.

„Dann geben Sie jetzt nicht auf und kämpfen Sie darum!“ bat sie ihn eindringlich. „Lassen Sie nicht zu, dass alles umsonst war! Wir haben es gleich geschafft!“

„Ja...“ Er schloß erschöpft die Augen.

Das Flugzeug setzte zur Landung an. Meg spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Es war Tess.

„Möchtest Du nach vorn gehen? Soll ich Dich ablösen?“ fragte sie leise und sah Meg besorgt an, doch die schüttelte entschieden den Kopf.

„Danke Tess, aber ich bleibe hier, bis der Arzt kommt.“

„Okay, bis dann.“ Tess lächelte ihr aufmunternd zu und verschwand.

 

Sanft und sicher setzte Casey die schwere Maschine auf der Landebahn auf. Über Lautsprecher verabschiedete er sich von den Passagieren und bat sie, noch einen Moment auf ihren Plätzen zu bleiben, um den Gang für den Notarzt freizuhalten.

Dieser kam dann auch sofort mit seinem Rettungsteam an Bord und verschwand eilig im hinteren Teil der Maschine.

 

„Na los, gehen wir!“ meinte Annie und sprang ungeduldig auf. „Ich kann es kaum erwarten, aus dieser unwirtlichen Blechbüchse herauszukommen!“

Ben ließ sie und Gregory auf den Gang hinaustreten, während er sich wieder setzte.

„Ich komme gleich nach.“ erklärte er knapp. „Wartet in der Halle auf mich.“

Annie war darüber gar nicht begeistert.

„Komm schon, Ben, ich will nach Hause!“ drängelte sie, doch Gregory schob sie einfach weiter und zwinkerte seinem jüngeren Geschäftspartner aufmunternd zu.

„Mach nicht zu lange!“ meinte er und grinste.

„Keine Sorge.“ antwortete Ben.

Als endlich alle Passagiere die Maschine verlassen hatten, erhob er sich und ging nach hinten. Dort begegnete ihm Tess, die konsequent den Vorhang zum Notfallraum hinter sich zuzog.

„Da können Sie jetzt nicht rein, Sir.“ sagte sie streng.

„Könnte ich wohl Miss Cummings noch einen Moment sprechen?“ erkundigte er sich höflich. Tess schüttelte bedauernd den Kopf.

„Tut mir leid, aber wir haben einen Notfall an Bord, und Miss Cummings wird dringend gebraucht.“

„Es fehlt ihr doch nichts?“ fragte Ben beunruhigt.

Tess lächelte.

„Nein, Sir, aber sie hat den Patienten bisher versorgt, und der Arzt braucht genaue Auskunft von ihr über dessen Krankheitsverlauf während des Fluges. Es kann sogar sein, dass sie im Rettungswagen mitfahren muß, ich weiß es nicht genau. Soll ich ihr etwas ausrichten?“

Ben kämpfte seine Enttäuschung nieder.

„Sagen Sie ihr bitte...“ Er suchte fieberhaft nach den richtigen Worten, doch es schien ihm plötzlich völlig absurd, dieser fremden Flugbegleiterin erklären zu müssen, was er für Meg, die er vor ein paar Stunden noch nicht einmal gekannt hatte, empfand.

„Ach, vergessen Sie es, vielen Dank!“ Er drehte sich abrupt um und ging eilig zum Ausgang.

Als er gerade das Flugzeug verlassen wollte, trat Casey hinter Peter und Cole aus dem Cockpit. Während seine Kollegen sofort nach hinten gingen, blieb Casey stehen.

„Hey Ben!“ rief er. „Alles okay?“

Ben nickte.

„Ich wollte mich noch von Miss Cummings verabschieden, aber sie hat wohl gerade zu tun.“

Casey nickte.

„Unser Notfallpatient kann von Glück sagen, dass sie an Bord war.“ erklärte er und fügte bedeutungsvoll hinzu: „Tja, Meg ist schon was ganz besonderes. Sie hat diesem Mann praktisch das Leben gerettet. Und nun hat der Arzt noch einige Fragen. Willst Du warten?“

„Nein, ich muß los.“ antwortete Ben schnell. „Wir seh`n uns, Casey!“

„Ben?“

Er drehte sich um und Casey winkte ihn vertraulich heran.

„Hör zu, wenn Du Meg wiedersehen willst, dann komm in Sunset Beach bei mir vorbei. Ich weiß, wo Du sie findest!“

Ben sah ihn nachdenklich an.

„Vielleicht werde ich das tun.“ sagte er und klopfte Casey auf die Schulter. „Danke, mein Freund.“

Schnellen Schrittes verließ er das Flugzeug.