Teil 4
Als Ben nach Hause kam, war es 2.00 Uhr morgens. Er ließ sein Gepäck achtlos neben der Couch stehen und goß sich erst einmal einen Drink ein. Dann löschte er das Licht wieder, öffnete die Balkontür und trat hinaus auf die breite Veranda.
Vor ihm lag der Strand und das im Mondlicht geheimnisvoll funkelnde endlose Wellenmeer des Ozeans. Ein leichter angenehmer Nachtwind wehte vom Wasser herüber.
Ben lehnte sich an die Brüstung und nippte an seinem Cognac. Er schloß die Augen, und da war es sofort wieder: Megs Gesicht, als hätte es sich unwiderruflich in sein Gedächtnis gebrannt, ihr Lächeln und ihr weiches lockiges Haar, der besondere Ausdruck ihrer schönen, sanften Augen, der ihn gefangennahm...
Er hatte keine Ahnung, wie lange er so dagestanden hatte, aber dieses starke Gefühl beunruhigte ihn erneut. Er wußte, er würde dieses Mädchen wiedersehen, er brauchte ja nur Casey nach ihr zu fragen. Aber wollte er das wirklich? War das gut für ihn?
Auf jeden Fall hatte ihn seit der Trennung von Maria keine andere Frau mehr derart fasziniert.
Natürlich hatte es andere gegeben, aber am nächsten Morgen wußte er meistens nicht einmal mehr ihren Namen und zog sich sofort unmissverständlich zurück.
Wenn er sich jedoch auf Meg einließ, würde das anders sein, das spürte er genau. Er war sich nur noch nicht im Klaren darüber, ob er wirklich bereit für eine solche Beziehung sein würde. Dabei sehnte er sich doch jetzt schon nach ihr!
„Verdammt!“ fluchte er, trank den restlichen Cognac mit einem Zug aus und warf die Balkontür hinter sich zu. Schlafen – nicht mehr nachdenken müssen, weder über Maria, noch über irgend jemand anderen, und auch nicht über Meg!
Er ging hinauf ins Schlafzimmer, zog sich aus, nahm eine heiße Dusche und streckte sich anschließend auf dem breiten Doppelbett aus.
Kurz darauf fiel er in einen unruhigen, wenig erholsamen Schlaf.
Als Meg erwachte, war es bereits Mittag. Sie hörte das Rauschen der Wellen, roch den würzigen Duft des Ozeans und mußte sich erst einen Augenblick lang besinnen, wo sie war.
Sunset Beach – ihr neues Zuhause für eine vorerst unbestimmte Zeit.
Meg sprang aus dem Bett und trat auf den Balkon hinaus. Sofort spürte sie die heiße Sonne auf der Haut und streckte sich wohlig.
„Mein Gott, ist das schön hier!“ dachte sie und lächelte, als sie den Ausblick hier mit dem verglich, den sie zu Hause von ihrem Fenster aus gehabt hatte. Dort waren es wogende Getreidefelder gewesen, soweit das Auge reichte, und hier war es das endlose Meer, Wellen, die mit dem Wind spielten und in der Sonne funkelten. Links von ihrem Balkon stand eine dicke Palme, deren saftig grüne Wedel sie fast mit den Händen berühren konnte. Unten vor dem Haus verlief die Ocean Avenue, dahinter die Strandpromenade. Danach kamen noch ein paar Dünen mit kleineren Palmen und allerlei Grünzeug, dann begann der Strand, einladend und zum Greifen nah, wie auf der Postkarte.
Ein Stück weiter drüben konnte Meg den Ausguck der Rettungsschwimmer sehen, Marks und Michaels Terrain, und rechterhand zog sich eine lange Seebrücke wie eine Schlange ins Wasser hinein, eine imposante Holzkonstruktion mit einem Aussichtsturm für die Strandwache in der Mitte. Auf der Brücke tummelten sich viele Touristen, und auch der Strand war um diese Zeit ziemlich belebt. Fröhliches Kindergeschrei drang an Megs Ohr, bunte Sonnenschirme wirkten wie Farbkleckse im heißen Sand.
Meg schloß die Augen und dachte an zu Hause, an die Ranch und ihre Eltern, an ihre jüngere Schwester Sara, deren unbeschwerte fröhliche Art ihr sehr fehlte. Einen Moment lang überkam sie ein etwas wehmütiges Gefühl, das sie nicht so recht deuten konnte. War das vielleicht Heimweh?
Die letzten Wochen waren ihr wie im Fluge vergangen, und sie konnte kaum glauben, dass es wirklich schon drei Monate her war, seit sie so überstürzt von daheim ausgezogen war.
Meg lächelte bitter.
Drei Monate, auf den heutigen Tag genau! Es wäre damals ihr Hochzeitstag gewesen, ihre Hochzeit mit Tim, ihrem Jugendfreund... Leider mußte sie kurz vor dem Traualtar erkennen, dass er nicht derjenige war, für den sie ihn die ganze Zeit gehalten hatte, und dass sich ihr Vertrauen in ihn und seine Liebe zu ihr als gänzlich unbegründet erwies...
Danach war sie pausenlos für „Blue Sky“ geflogen, und während der paar freien Tage hatte sie mit der Crew in den verschiedendsten Hotels gewohnt.
Kurzentschlossen kramte Meg ihr Handy aus der Umhängetasche, trat wieder auf den Balkon und wählte die Nummer ihrer Eltern in Kansas.
Ihre Mutter meldete sich fast sofort.
„Hi Mum, ich bin`s, Meg!“
Sie lächelte, als sie die Freude in der Stimme ihrer Mutter hörte.
„Ja, es geht mir gut, Mum. Wo ich bin? In Sunset Beach, etwas südlich von Los Angeles, an der kalifornischen Küste. Casey hat uns angeboten, bei ihm zu wohnen.... Ja, Vanessa und Tess sind auch mit hier.... Nein, ich weiß noch nicht, wie es weitergeht, wir machen alle erst mal ein bisschen Urlaub und dann werden wir sehen.“
Sie mußte lachen, weil ihre Mutter aufgeregt tausend Fragen stellte, von denen ihr Sara mindestens die Hälfte aus dem Hintergrund zuflüsterte. Sie stellte sich vor, wie ihre jüngere Schwester um ihre Mum herumsprang, darauf erpicht, jedes Wort mitzuhören.
„Wir haben hier alle ein eigenes Zimmer, es ist zwar klein, aber für einen allein völlig ausreichend.“ berichtete Meg. „Und wenn ich auf den Balkon hinausgehe, kann ich direkt aufs Meer sehen und auf den Strand. Es ist herrlich warm und sonnig, alle laufen nur in Badesachen oder kurzen Hosen herum und die Luft riecht nach Salzwasser und Sonnenöl.“
Die nächste Frage ihrer Mutter betraf wohl ein Thema, das Meg gerne vermieden hätte, denn ihr Gesicht verfinsterte sich schlagartig.
„Nein, Mum! Nein, ich möchte auf keinen Fall, dass Du ihm sagst, wo er mich findet!“ Sie verdrehte genervt die Augen, da ihre Mutter wohl nicht locker ließ.
„Hör zu, Mum, ich würde dieses Kapitel in meinem Leben gerne ein für allemal hinter mir lassen, ... nein, Tim gehört nicht mehr zur Familie, nie mehr, gewöhnt Euch bitte daran...“
Ihre Mutter lenkte schnell ein, fragte noch dies und das, was Meg geduldig beantwortete.
Ein liebevolles Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich verabschiedete, ihrem Vater und Sara viele Grüße ausrichten ließ und fest versprach, recht bald wieder anzurufen.
Gedankenverloren trat sie ins Zimmer zurück. Im Grunde konnte sie froh sein, eine so liebevolle und tolerante Familie zu haben, aber ihren Eltern fiel es nach wie vor schwer, Tim nicht mehr länger als den Schwiegersohn zu sehen, den sie sich gewünscht hatten und der schon lange vor der geplanten Hochzeit zur Familie gehört hatte.
Nun, sie würden sich daran gewöhnen müssen, dachte Meg, eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Sie trat hinaus auf den langen Flur und hatte Glück, das gemeinsame Badezimmer zwei Türen weiter war frei.
Nachdem sie geduscht und sich zurechtgemacht hatte, erkundete Meg ihr neues Reich.
Im Haus war es still, wahrscheinlich schliefen alle Nachtschwärmer noch. Rae, Michael und Mark gingen um diese Zeit ihrem Job nach.
Meg stellte fest, dass das Gepäck vom Flughafen in L.A. bereits nachgeliefert worden war. Sie wuchtete ihre beiden Koffer die Treppe hoch, als ihr Casey entgegenkam.
„Hey, Moment!“ rief er und nahm ihr die schweren Gepäckstücke ab. „Ich hätte es Dir doch hochgebracht, aber ich wollte Dich nicht wecken! Hast Du gut geschlafen?“
„Wie ein Baby!“ lachte Meg. „Und vielen Dank, dass Du mir dieses wunderschöne Zimmer mit Blick aufs Meer gegeben hast. Der Ausblick ist traumhaft!“
Casey zwinkerte ihr schelmisch zu.
„Hab ich doch gern gemacht. Schließlich liegt meins gleich nebenan!“
Meg boxte ihn scherzhaft in die Seite.
„Hey, und ich dachte, Rae wohnt neben mir.“
„Ja klar, auf der anderen Seite. Ganz hinten am Ende des Ganges ist Marks Zimmer, Michael hat sich den Raum über der Garage hergerichtet und die anderen drei wohnen genau gegenüber. Also, Du siehst, das Hotel ist voll belegt bis unters Dach!“ erklärte Casey.
„Haben eigentlich alle Zimmer einen Balkon?“ erkundigte sich Meg.
„Alle, außer Michaels. Deshalb hat mir das Haus auch damals so gefallen.“ antwortete Casey und stellte Megs Koffer in ihrem Zimmer ab. Eine halbe Minute später brachte er auch noch ihre große Reisetasche herein.
„Und, was hast du heute noch vor?“
Sie zuckte die Schultern.
„Ich weiß noch nicht...“
„Okay, dann mach ich Dir einen Vorschlag!“ legte Casey los, „Du packst jetzt erst mal in Ruhe aus und richte Dich häuslich ein. Und wenn die anderen Murmeltiere dann munter sind, könnten wir alle zusammen zu Elaine in den Waffelshop gehen und einen Hot Dog essen. Anschließend zeige ich Euch dann die Stadt. Und abends machen wir ein Lagerfeuer am Strand!“
Meg lachte und nickte.
„Klingt wirklich gut, Casey! Ich bin dabei.“
Annie wurde von der lauten Stimme ihres Vaters geweckt. Ungehalten über die Störung sprang sie aus dem Bett und verließ ihr Schlafzimmer.
Del war unten im Wohnzimmer und telefonierte, wobei er aufgeregt von einem Ende des Raumes zum anderen lief und ungehalten in den Hörer brüllte.
„Was heißt das, die Sache ist geplatzt?... Waaas? Der Alte war selbst dort? Ich denke, der fliegt nicht gern... Sie haben ... was?... Ist er tot?.... Das wissen Sie noch nicht?... Was zum Teufel wissen Sie überhaupt?“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Das ist mir egal, Connors, finden Sie es gefälligst raus, verdammt!“ Er schnaufte wütend und seine Stimme nahm plötzlich einen gefährlichen Unterton an, als er mit Nachdruck sagte:
„Ich will diese Firma! Um jeden Preis!“ Wieder lauschte er gespannt in den Hörer, dann verzog sich sein Gesicht zu einem teuflischen Grinsen.
„Das ist mir egal, solange Sie meinen Namen aus dem Spiel lassen. Benutzen Sie Ihr Spatzenhirn, schließlich bezahle ich Sie fürstlich dafür!“
Er warf das Telefon wütend auf den Tisch und schüttelte ungehalten den Kopf. „Schwachkopf!“
„Na Daddy, laufen die Geschäfte nicht so, wie Du es gerne hättest?“ fragte Annie und kam im getigerten Satinmorgenmantel langsam die Treppe herunter.
Del drehte sich erstaunt um.
„Du bist schon auf? Es ist doch erst Mittag!“
Sie hörte sehr wohl den Spott in seiner Stimme, aber das schien sie nicht zu stören.
„Natürlich, wer soll denn bei Deinem Wutgebrüll auch schlafen!“ entgegnete sie gelassen und goß sich einen Orangensaft ein. „Was gibt es Neues?“
Del sah seine Tochter missbilligend an.
„Das fragst Du mich? Du warst doch zu den Firmengesprächen in Tokio, müßten da die Neuigkeiten nicht eigentlich von Dir kommen?“
Annie zuckte die Schultern.
„Na ja...“ begann sie zögernd, doch Del winkte nur lachend ab.
„Alles klar, ich bin mir sicher, nichts von dem, was dort wirklich wichtig war, ist in Deinen degenerierten Gehirnzellen auch nur annähernd hängengeblieben. Nun gut, ich werde mir nachher die neuste Zeitung kaufen, da wird dann schon drinstehen, ob Gregory den alten Makato um den Finger gewickelt hat oder nicht.“
Annie grinste.
„Nicht Gregory,“ antwortete sie triumphierend, „Ben hat die Verhandlungen geführt!“
Del hob erstaunt die Augenbrauen.
„Ben?“ Er sah Annie gespannt an und hob ungeduldig die Hände. „Und?... Nun laß Dir gefälligst nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“
„Ach Daddy“ meinte Annie mit spöttischem Lächeln, „wolltest Du nicht lieber die Zeitung lesen?“
Del maß seine Tochter mit drohendem Blick. Sie reagierte sofort.
„Okay, ist ja gut, flipp` nicht gleich aus! Also Makato beteiligt sich an dem Projekt der Liberty Corporation, als Hauptinvestor!“
Er strich sich nachdenklich über den Mund.
„Gut, wirklich gut! Das hätte ich Ben gar nicht zugetraut, dass er es schafft, den alten Geizkragen rumzukriegen.“
Annie lachte.
„Du hättest ihn erleben sollen, er war brillant!“
Ihr Vater nickte.
„So wie Du das sagst, war er nicht nur in den Verhandlungen gut.“ meinte er anmaßend. Annie verzog bedauernd die Lippen.
„Da muß ich Dich enttäuschen, zwischen Ben und mir ist nichts passiert, überhaupt nichts! Ich kann machen, was ich will, er nimmt es gar nicht wahr.“ Sie sah ihren Vater an wie ein verwöhntes Kind, dem man einen Wunsch verwehrt hat. „Es ist zum Verzweifeln, Daddy!“
Del schüttelte bedauernd den Kopf.
„Annie“ meinte er mit sarkastischem Unterton in der Stimme, „ich kann Dir ja alles kaufen, was Du möchtest, aber die Liebe eines Mannes gehört nun mal zu den wenigen Dingen im Leben, die Du Dir ausnahmsweise selbst verdienen mußt.“
„Danke für Deine Anteilnahme!“ giftete Annie zurück. „ich wollte zur Abwechslung mal nicht Dein Geld, sondern vielmehr Deinen väterlichen Rat. Aber bei allem, was man nicht kaufen kann, hört ja bei Dir das Verständnis auf!“ Sie drehte sich wütend um und lief die Treppe hinauf. Kurz darauf hörte man oben die Badtür zuknallen.
Del packte seine auf dem Tisch verstreut liegenden Papiere zusammen und legte sie sorgfältig in einen Aktenkoffer. Für die Eskapaden seiner Tochter hatte er nur ein müdes Lächeln übrig, daran war er gewöhnt.
Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sich Annie eine eigene Wohnung gemietet hätte, anstatt ihm hier tagein tagaus auf der Tasche zu liegen, aber sie war sein einziges Kind, und er liebte sie, auch wenn er das nicht immer so zeigen konnte. Leider hatte er sie maßlos verzogen, indem er in den vergangenen Jahren stets versucht hatte, die wenige Zeit, die er ihr widmete, mit Geld und teuren Geschenken wieder aufzuwiegen. Annie war mit der Vorstellung aufgewachsen, dass alles Begehrenswerte käuflich war, aber bei diesem Ben Evans stieß sie das erste Mal an ihre Grenzen. Sie war es nicht gewöhnt, um eine Sache zu kämpfen, davon zeugte allein ihr halbherziger Versuch, ein Studium zu beginnen, der ihn ein Vermögen gekostet hatte. Nach einem halben Jahr war sie wegen Bummelei und wilder Partys von der Uni geflogen. Einen Beruf hatte sie nicht und leider auch keinerlei Ambitionen, irgendeiner geregelten Arbeit nachzugehen, um endlich eigenes Geld zu verdienen.
Zu ihrem 25. Geburtstag hatte Del ihr deshalb einen Großteil seiner gesamten Aktien, die er von der Liberty Corporation besaß, geschenkt. Er hoffte, sie würde sich für die Firma, deren stiller Teilhaber er war, interessieren und von Gregory lernen. Insgeheim betrachtete er Annies Mitarbeit in der Liberty Corporation als gute und zuverlässige Geheimquelle, die er vielleicht noch irgendwann zu seinem Vorteil nutzen könnte, wenn sie nur neugierig genug war und ihre Nase schön in alle Unterlagen stecken würde. Aber bisher schnüffelte sie lieber in Ben Evans Privatleben herum, als sich für Geschäfte zu interessieren.
Zum Teufel, warum hatte Madeleine, seine geschiedene Frau, ihm nur keinen Sohn geschenkt! Diese Frau war doch wirklich ein totaler Fehlgriff gewesen!
Er nahm seinen Aktenkoffer und verließ das Haus.
Annie starrte böse in den Spiegel.
Unter normalen Umständen wäre sie mit dem, was sie sah, sehr zufrieden gewesen, blaue Augen, makellose glatte Haut, hohe Wangenknochen und schön geschwungene, volle sinnliche Lippen, bei denen mancher Mann ins Träumen kam. Dazu ihre natürliche rote Haarpracht, die ihr verführerisches Aussehen noch zusätzlich unterstrich.
Sie ließ ihren Morgenmantel, der ihre tadellose Figur umhüllte, achtlos auf den Boden fallen und nahm eine kalte Dusche. Das Gespräch mit ihrem Vater hatte sie wieder einmal derart wütend gemacht, dass sie das eisige Wasser, das wie tausend Nadeln auf der nackten Haut stach, kaum wahrnahm.
Sie konnte tun oder sagen, was sie wollte, nichts vermochte sie ihm recht machen! Ganz zu schweigen davon, dass er sie sowieso nicht ernstnahm.
Eigentlich hätte sie stolz und froh sein müssen, einen Vater wie Del zu haben.
Er war reich, sah für sein Alter noch recht gut aus, jedenfalls sprachen seine zahlreichen Affären, die er zum Glück diskret in diversen Hotelzimmern abzuwickeln versuchte, für ihn. Aber ansonsten wußte sie kaum über sein Leben bescheid, obwohl sie hier unter einem Dach zusammen wohnten, ging jeder seinen eigenen Weg. Sie hatte keine Ahnung, womit er sein Geld verdiente, und es interessierte sie auch nicht sonderlich, solange sie nur finanziell abgesichert war. Nur manchmal, wenn sie unglücklich und einsam war, oder wenn sie einem ihrer von Zeit zu Zeit wechselnden Lover den Laufpass gegeben hatte, wünschte sie sich doch von ihrem Vater hin und wieder ein offenes Ohr und ein wenig Verständnis für ihre Probleme. Aber Del hörte ihr nicht zu, zu sehr war er mit sich selbst beschäftigt. Also ging Annie, so lange sie denken konnte, mit all ihren Sorgen und Nöten zu ihrer Tante Bette, Dels Schwester. Die war zwar etwas ausgeflippt und schon siebenmal geschieden, aber sie liebte ihre Nichte über alles. Sie nahm sich Zeit für Annie und war wie eine gute Freundin, warmherzig und herzerfrischend lustig. Es tat gut, mit ihr zusammenzusein. Allerdings, bei ihrem größten Problem, Ben zu erobern, konnte ihr Bette auch nicht helfen.
Zitternd vor Kälte drehte Annie die Dusche ab und hüllte sich in ein großes weiches Handtuch.
„Wenn Du denkst, ich gebe so einfach auf, dann hast Du Dich geirrt, Ben Evans!“ sagte sie zähneklappernd und begann, sich für den Tag schönzumachen.
Elaine Stevens stand hinter der Theke und blickte erstaunt auf, als eine lärmende Schar junger Leute ihren Waffelshop betrat. Als sie Casey unter ihnen erkannte, eilte sie sofort hinter ihrem Tresen vor und schloß ihn lachend in die Arme.
„Casey! Schön, dass Du wieder da bist!“ begrüßte sie ihn herzlich. „Und wie ich sehe, hast Du wohl diesmal Deine ganze Crew mitgebracht!“
„Ja“ grinste Casey und stellte sie einander vor.
Meg fand Elaine sofort sympathisch. Sie erinnerte sie irgendwie an ihre Mutter, liebenswert, herzlich und immer ein wenig besorgt um die, die ihr am Herzen lagen. Sie schien ein Mensch zu sein, dem man sich bedenkenlos anvertrauen konnte, wenn man mal Kummer hatte.
„Tja Elaine, wie gesagt, die ganze Crew ist da, und sie sind alle ganz heiß auf einen starken Kaffee und mindestens einen Hot Dog für jeden!“
„Keine Waffeln?“ fragte Elaine mit gespielter Enttäuschung.
„Ähm...“ Casey kratzte sich etwas verlegen am Kinn, „sie wollten alle vielleicht doch etwas länger in Sunset Beach bleiben...“
Elaine lachte und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps.
„Schäm Dich, so schlecht sind meine Waffeln nun auch wieder nicht!“
„Okay“ lenkte Casey augenzwinkernd ein, „machen wir einen Deal. Du läßt die Waffeln für heute weg und erzählst meinen Freunden stattdessen etwas über die Legende von Sunset Beach.“ Er wandte sich an die anderen: „Darin ist sie nämlich richtig gut!“
Elaine strahlte.
„Darüber läßt sich reden. Aber nun setzt Euch erst mal hin, und ich hole den Kaffee.“
Sie nahmen Platz und sahen sich in dem kleinen Lokal um. Elaine hatte es geschafft, eine ganz eigene, urgemütliche Atmosphäre hineinzubringen. Die Mitte des Raumes zierte die Galionsfigur eines alten Schiffes, überall hingen Bilder vom alten und neuen Sunset Beach. Auf den Tischen lagen mit weißer Spitze eingesäumte, buntkarierte Tischdecken, die Elaine mit Sicherheit selbst genäht hatte.
„Na, gefällts Euch?“ fragte Casey.
Cole streckte genüsslich seine langen Beine unter dem Tisch aus und grinste.
„Also ich fühl mich jetzt schon wie Zuhause. Noch ein hübsches Mädchen an meiner Seite, dann bin ich zufrieden mit der Welt!“
„Na das kannst Du haben!“ lachten Tess und Meg, die links und rechts von ihm auf der gemütlichen Eckbank saßen, und rückten ihm gefährlich nah. Lachend nahm er sie beide in die Arme.
„Ah ja, so gefällt mir das!“
Sie lachten übermütig und es entstand wieder ein großes Hallo, als Rae kurz darauf den Waffelshop betrat. Casey strahlte und rückte beiseite.
„Komm, Frau Doktor, setz Dich zu uns!“
Etwas zögernd ließ sie sich neben ihm nieder, sorgfältig auf den nötigen Abstand bedacht, und lächelte in die fröhliche Runde.
„Na, schon eingelebt?“
„Ja, eigentlich fehlt uns nur noch der Kaffee und was zu essen zum Glück!“ antwortete Vanessa.
Wie auf Stichwort erschien Elaine mit einem großen Tablett. Sie setzte sich zu ihnen, während sie den duftenden Kaffee ausschenkten und die Hot Dogs verteilten.
Meg betrachtete interessiert das Bild eines jungen Mannes, das hinter ihnen an der Wand hing. Es war alt und vergilbt, aber irgendwie faszinierend. Der Mann stand am Meer, seine Augen blickten versonnen in die Ferne, gerade so, als habe er hier seine Bestimmung gefunden.
Elaine bemerkte Megs Blick.
„Der Mann auf diesem Foto ist Armando Deschanel, der erste Eigentümer von Sunset Beach.“ erklärte sie. „Man sagt, das Bild entstand genau in dem Augenblick, als er damals beschloß, diesen schönen Ort hier zu kaufen, Sunset Beach, das Land, das die Liebe erschaffen hat.“
„Erzählen Sie weiter, das hört sich sehr interessant an!“ bat Meg.
Elaine lächelte.
„Er war ein europäischer Adliger, der sich wegen einer Frau duellierte, den Gegner dabei tötete und hierher fliehen mußte. Und während eines wunderschönen Sonnenunterganges begegnete er hier am Strand der großen Liebe seines Lebens, der Lady in Schwarz.
Es war eine legendäre Romanze. Als Armando starb, sah man die Lady in Schwarz noch jahrelang jeden Tag bei Sonnenuntergang am Strand entlang wandern, doch eines Tages war sie plötzlich weg und wurde nie mehr gesehen.“
Alle hatten gespannt ihren Worten gelauscht.
„Und wie war das nun mit der Legende von Sunset Beach?“ fragte Tess gespannt.
„Nun, die Legende besagt, dass man selbst heute noch, wenn Wind und Wellen genau richtig sind, hören kann, wie der Geist der Frau am Strand entlang streift und den Namen des Geliebten ruft. Und anderswo heißt es in der Legende, dass genau dann, wenn der Mond sehr früh aufgeht und die Santa Ana Winde wie aus dem Nichts aufkommen und die Sonne gerade am Horizont versinkt, dass der Mensch, der einem draußen am anderen Ende des Piers begegnet, für einen bestimmt ist.“
Am Tisch war es ganz still. Alle hingen wie gebannt an Elaines Lippen.
Tess kaute mit verklärtem Blick auf ihrem Hot Dog herum. Vanessa fand als erste ihre Sprache wieder.
„Dann werden wir also heute bei Sonnenuntergang unter Umständen etwas über unser weiteres Schicksal erfahren.“
Elaine lachte.
„Wie gesagt, es ist nur eine Legende...“
„Also ich glaube an so was!“ meinte Tess kauend und schielte zu Casey hinüber. „Vielleicht läßt es sich ja einrichten, dass man dem Richtigen begegnet!“
„Wie ist es mit Dir, Rae?“ fragte Casey. „Hast Du das Schicksal schon herausgefordert?“
Rae, die Tess` Blick bemerkt hatte, schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht daran.“ antwortete sie spröde.
„Schade!“ meinte Casey.
„Wie war Dein Tag in der Klinik?“ fragte Meg, die bemerkt hatte, dass Rae dieses Thema unangenehm war. Die junge Ärztin warf ihr auch prompt einen dankbaren Blick zu.
„Eigentlich die übliche Routine“ berichtete sie, „plus ein paar Badeunfälle, nur kleinere Sachen, das ist alltäglich, jetzt, wo so viele Touristen da sind. Du kannst mich ja in den nächsten Tagen mal in der Klinik besuchen, wenn Du Lust hast und wenn’s Dich interessiert.“
„Gerne!“ stimmte Meg erfreut zu.
Elaine schaute in die Runde.
„Casey hat mir verraten, dass die Fluggesellschaft, für die Sie gearbeitet haben, pleite ist.“
„Ja, wir machen erst mal etwas Urlaub, und danach werden wir weitersehen.“ erklärte Vanessa.
„Vielleicht bleiben wir ja hier, wenn’s uns gefällt und werden richtige Beachboys und –girls!“ fügte Cole hinzu.
Sie lachten fröhlich.
„Ich finde es gut, wenn junge Leute ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und gegebenenfalls auch bereit sind, nochmal ganz neu anzufangen!“ meinte Elaine. „Darf ich fragen, woher Sie alle kommen?“
„Also ich bin in Louisiana aufgewachsen.“ erklärte Vanessa. „Dann hab ich einige Zeit mit meinen Eltern in Europa verbracht, da mein Vater dort als Auslandskorrespondent arbeitete. Später habe ich in Savannah Journalistik studiert. Da ich aber keinen geeigneten Job in der Branche finden konnte und schon immer gerne gereist bin, fing ich vor zwei Jahren bei „Blue Sky“ an. Nach einem halben Jahr dort hat man mich schließlich zur Chefstewardess über diese beiden Küken befördert!“ Sie wies auf Tess und Meg.
„Ja, bei ihr haben wir ordentlich Federn gelassen!“ fügte Tess scherzhaft hinzu.
„Ach komm, so schlimm war es gar nicht! Um ehrlich zu sein, Vanessa war eine fantastische Chefin.“ meinte Meg und zwinkerte ihrer Freundin zu.
„Tja, und ich bin eigentlich von Haus aus ein Cowboy.“ erklärte Cole, der nun an der Reihe war und grinste.
„Das merkt man!“ rief Casey. „Manchmal benimmt er sich wie ein alter Revolverheld!“
„Da hast Du recht.“ pflichtete Tess bei. Cole knuffte sie aus Spass in die Seite, und alle lachten.
„Ich stamme aus Dallas, meine Eltern betreiben dort eine große Ranch mit einer Pferdezucht. Mein Vater wollte immer, dass ich Landwirt werde und das Gut übernehme.“ berichtete Cole weiter. „Aber das überlasse ich lieber meinem jüngeren Bruder. Mich selbst zog es mehr in die Lüfte. Also hab ich drei Jahre Bord- Elektronik und Navigation studiert und anschließend bei „Blue Sky“ angeheuert. Gerade rechtzeitig, um Caseys erste Flugversuche live mitzuerleben!“
„Und wo stammen Sie her?“ fragte Elaine Tess.
„Also mit dieser großen Klappe kann man eigentlich nur ein New Yorker sein!“ rief Cole.
„Ha ha“ grinste Tess zurück und wandte sich dann an Elaine. „Ich bin tatsächlich in New York aufgewachsen, in Brooklyn, um es genau zu sagen. Nach der High School wollte ich irgendwas mit Kunst studieren, hatte dann aber irgendwie keine Lust mehr dazu, schließlich gibt es in New York schon genug Künstler und noch mehr Leute, die sich irrtümlich dafür halten. Ich wollte viel lieber ein bisschen was vom Rest der Welt sehen. Also hab ich ein Fachschulstudium als Flugbegleiterin absolviert, und den Rest kennen Sie ja...“
Elaine hörte aufmerksam zu, als nun auch Meg ihre Geschichte erzählte. Die junge Frau mit den schönen sanften Augen war ihr auf Anhieb sympathisch.
„Und haben Sie noch vor, irgendwann Medizin zu studieren?“ fragte sie schließlich.
Meg zuckte die Schultern.
„Ich weiß noch nicht.“ sagte sie und lächelte. „Mal sehen, wie sich alles entwickelt.“
Elaine nickte.
„Ich bin sicher, Sie werden das Richtige tun.“ meinte sie überzeugt.