Teil 6

 

Fassungslos starrten die beiden sich an.

„Miss Cummings?“ fragte Ben ungläubig.

Meg schluckte.

„Mister Evans... na so ein Zufall! Was tun Sie denn hier?“ Im Grunde wußte sie genau, was er hier wollte, und die Frage erschien ihr absolut töricht, aber ihr fiel beim besten Willen nichts anderes ein, zumal ihr Herzschlag eine Frequenz annahm, die sich jenseits von jeglicher Normalität bewegte.

Ben lachte.

„Ich wollte zu Casey. Und Sie?“

„Ich wohne bei Casey, das heißt, wir wohnen alle bei ihm.“

„Die ganze Crew?“

„Ja. Er hat uns eingeladen, und da wir ja ohnehin zur Zeit arbeitslos sind...“

Ben nickte verstehend.

„Ach, aus dem Grund sagte Casey, er wüßte, wo ich Sie finde!“

Erstaunt sah Meg ihn an. Eine zarte Röte stieg ihr ins Gesicht.

„Sie haben nach mir gesucht?“

„Nun ja...“ etwas verlegen kratzte sich Ben am Kinn, „ich... fand es schade, dass ich am Flughafen keine Gelegenheit mehr hatte, mich von Ihnen zu verabschieden.“

„Ja“ erinnerte sich Meg, „wir hatten einen Notfall...“

Ben sah sie mit seinen blauen Augen an, dass ihr ganz schwindelig wurde. Er streckte ihr spontan die Hand entgegen.

„Nun, da wir uns auf so wundersame Weise wiedergetroffen haben, schlage ich vor, dass wir uns beim Vornamen nennen. Ich bin Ben.“

„Okay Ben,“ erwiderte sie leise, „ich bin Meg.“

Sie ergriff seine Hand und lächelte so bezaubernd, dass er den Blick nicht von ihr abwenden konnte. Sie sah so jung aus, mit ihrem dunklen Haar, dass sie lässig zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, aus dem sich ein paar einzelne Locken gelöst hatten und nun auf ihre Schultern fielen. Sie trug ein weißes T- Shirt und eine dunkle Jeans, und um die schmalen Hüften hatte sie einen langärmligen Strickpullover geschlungen, der an den Ärmeln verknotet war. In ihren schönen, großen Augen spiegelte sich das Licht der untergehenden Sonne.

„Was haben Sie jetzt vor?“ fragte er unternehmungslustig. Meg deutete auf den Korb mit den Sandwiches.

„Ich will runter zum Strand. Casey und die anderen machen dort ein Lagerfeuer, und ich habe eben den Proviant verpackt. Kommen Sie doch mit, Ben, das wird bestimmt lustig!“

„Gerne!“ stimmte er spontan zu und nahm ihr den Korb ab. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal an einem Lagerfeuer gesessen habe. Das muß wohl bei den Pfadfindern gewesen sein!“

Meg lachte, während sie nebeneinander hergingen und die Promenade in Richtung Strand verließen.

„Bei uns in Kansas gibt es zu jedem Erntedankfest ein großes Feuer.“ sagte sie.

„Sie kommen aus Kansas?“ fragte Ben interessiert. Sie nickte.

„Ja, meine Eltern betreiben dort eine Ranch.“

„Und gehen sie nach den Ferien wieder dahin zurück?“

„Nein!“ sagte sie leise, aber bestimmt. Er merkte, dass ihr das Thema unangenehm war und schwieg. Hin und wieder betrachtete er sie verstohlen von der Seite, als könne er kaum glauben, dass er sie wiedergefunden hatte, und sie hier neben ihm den Strand entlanglief.

„Der Sonnenuntergang in Sunset Beach ist aber auch nicht zu verachten.“ meinte Meg nach einer Weile und wies auf den Horizont, der in allen nur möglichen Pastellfarben um den fast schon im Meer verschwundenen feuerroten Sonnenball erstrahlte und sich in den glitzernden Wogen des Wassers wiederspiegelte. Einen Moment lang blieben sie beide versonnen stehen und betrachteten fasziniert dieses einmalige Farbenspiel der Natur.

Nach ein paar Sekunden drehte sich Meg jedoch fast erschrocken nach Ben um.

„Was ist?“ fragte er erstaunt. Sie lächelte.

„Ach nichts, ich wollte nur sichergehen, dass Sie nicht plötzlich wieder verschwunden sind!“ meinte sie in Anspielung auf den Vorfall im Flugzeug und fügte schelmisch hinzu: „... und mit Ihnen die Sandwiches!“

Sie lachten beide.

„Keine Sorge, Meg, ich werde bestimmt nicht weggehen.“ sagte Ben leise. Ihre Blicke tauchten ineinander und ließen sich nicht los.

„...dass der erste Mensch, der einem draußen am Ende des Piers begegnet, für einen bestimmt ist...“ hörte Meg in Gedanken Elaines Stimme.

„Wo ist eigentlich das Ende des Piers?“ fragte sie kaum hörbar.

„Genau hier...“ antwortete Ben, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Oh!“ Meg sah sich um. „Hier also...“

Langsam gingen sie weiter.

„Ich nehme an, Sie waren schon bei Elaine, und sie hat Ihnen von der Legende erzählt?“ vermutete Ben. Meg nickte.

„Und – glauben Sie an so etwas?“

„Manchmal schon.“ gab sie zögernd zu. „Und Sie?“

„Doch, manchmal schon!“

Meg spürte, wie sie unter seinem blick weiche Knie bekam. „Reiß Dich zusammen!“ befahl sie sich in Gedanken und straffte die Schultern.

„Hey, da hinten ist es ja, bei den Felsen!“ rief sie aufgeregt und zeigte in nördliche Richtung, wo man deutlich ein großes Lagerfeuer erkennen konnte. Begeistert lief sie los und Ben hatte Mühe ihr zu folgen. Er mußte lächeln. Ihre Spontanität gefiel ihm. Er fühlte sich frei und beschwingt wie schon lange nicht mehr.

Schließlich kamen sie beide gemeinsam bei den anderen an.

 

Cole, Vanessa, Tess und die anderen begrüßten Ben wie einen alten Freund, während Casey strahlte und Meg schelmisch in die Seite kniff.

„Na, laß mich raten... Ihr habt Euch am Ende des Piers getroffen!“

„Nicht ganz...“ lachte Ben, „aber wir sind am Pier entlanggegangen, um hierher zu kommen.“

„Wann wolltest Du doch gleich Dein Schicksal herausfordern?“ neckte Casey Meg.

„Heute, morgen, irgendwann...  wer weiß das schon!“ meinte sie geheimnisvoll und zwinkerte ihm zu. Dann drehte sie sich zu den anderen um und rief: „He Leute, wer will ein Sandwich?“

 

 

 

Außer sich vor Wut befahl Gregory Rose, das Gepäck seiner Frau wieder nach oben zu bringen.

„Misses Richards geht nirgendwohin!“ fauchte er und packte Olivia hart am Arm.

„Gregory, Du tust mir weh!“ beklagte sie sich und versuchte vergebens, sich loszureißen. „Laß mich los!“

„Ich denke nicht daran!“ knurrte er böse und führte sie trotz ihrer Gegenwehr zur Treppe. „Dich muß man ja vor sich selbst beschützen! Geh nach oben, ich habe mit Dir zu reden!“ Er ließ sie abrupt los, so dass sie stolperte und sich gerade noch am Geländer festhalten konnte, um nicht zu stürzen. Mit hasserfülltem Gesicht blickte sie ihrem Gatten nach, der zum Barwagen ging und sich einen Drink eingoß, während sie sich den schmerzenden Arm rieb.

„Du mieses Stück!“ flüsterte sie unter Tränen.

Rose, die gerade wieder die Treppe herunterkam, hatte alles gehört und senkte verlegen den Blick, um Olivia nicht in die Augen schauen zu müssen.

„Kann ich noch etwas für Sie tun, Misses Richards?“ fragte sie leise.

„Danke, Rose.“ Nickte Olivia ihr zu, sichtbar um ihre Fassung ringend. „Sie können Feierabend machen, ich brauche Sie heute abend nicht mehr!“

„Ja Ma`m. Gute Nacht.“ Die Haushälterin war froh, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu können. Wenn Mr. Richards wütend war, ging man ihm am besten aus dem Weg.

 

Erst viel später folgte Gregory seiner Frau hinauf in das gemeinsame Schlafzimmer.

Sie stand am Fenster und sah hinaus. Gregory schloß die Tür.

„Was zum Teufel sollte dieser Auftritt, Olivia?“

„Laß mich in Ruhe!“

„Also gut.“ Er zwang sich, einen möglichst sachlichen Ton anzuschlagen. „Ich bin eine Woche verreist, komme nachts um 2.00 Uhr nach Hause und schlafe auf dem Sofa, um aus lauter Rücksicht niemanden von meiner geliebten Familie zu wecken, gehe früh ins Büro und als ich heimkomme, eröffnet mir meine Frau, dass sie mich verlassen will!“ Er trat dicht hinter sie. „Warum, Olivia?“

Sie schwieg einen Augenblick, dann fuhr sie herum und funkelte ihn mit ihren schönen Katzenaugen an.

„Warum ich Dich verlassen will? Das fragst Du noch?“ Sie lachte verächtlich und begann, wütend im Zimmer auf und abzugehen. „Ich bin ständig hier allein, tagaus, tagein, und langweile mich zu Tode. Zuerst hast Du mir verboten, Bette zu sehen, da sie angeblich einen schlechten Einfluß auf mich ausübt, dann hast Du einfach, ohne mich zu fragen, meinen Radiosender verkauft, nur damit ich meine Position im Aufsichtsrat aufgeben mußte und keinem geregelten Job nachgehen konnte, weil ja Gregory Richards Frau das nicht nötig hat,“ sie rollte theatralisch mit den Augen, „und als ich dich bat, mich mit nach Tokio zu nehmen, damit ich endlich einmal aus diesem Kaff herauskomme, hast Du abgelehnt!“ Sie blieb stehen und machte einen Schritt auf ihn zu, wobei es aussah, als wolle sie ihn mit ihrem Zeigefinger durchbohren. „Aber die Krönung von allem, mein Lieber, ist die Tatsache, dass Du stattdessen diese Flittchen mitgenommen hast auf Deine sogenannte Geschäftsreise... Annie Douglas!“ Sie spie den Namen förmlich aus. Ihr hübsches Gesicht war verzerrt und leicht gerötet. Sie warf den Kopf zurück und strich ihr schulterlanges, braunes Haar mit einer hastigen Handbewegung aus dem Gesicht.

Gregory hob abwehrend beide Hände.

„Annie besitzt dank ihres Vaters inzwischen so viele Stimmanteile an der Liberty Corporation, dass sie berechtigt ist, jeder wichtigen Transaktion beizuwohnen.“ Er trat einen Schritt auf seine Frau zu, eine versöhnliche Geste, die sie jedoch sofort missverstand.

„Bleib mir vom Leibe!“

„Olivia!“ beschwichtigte er sie, „glaub mir, ich bin auch nicht glücklich darüber, dass Annie in der Firma herumschnüffelt, ich wäre sie lieber heute als morgen wieder los, aber bisher habe ich noch keine Möglichkeit gefunden, sie auszubooten.“

Olivia lachte höhnisch.

„Das wäre doch das erste Mal, dass dem Herrn Anwalt nichts passendes einfällt! Aber egal“ meinte sie mit einer abfälligen Handbewegung, „mach, was Du willst, ich lasse mich jedenfalls nicht länger hier einsperren!“ Sie nahm ihre Handtasche und ging zur Tür.

„Was hast Du vor?“

„Ich werde im Hotel übernachten, damit Du auch mal siehst, wie das ist, wenn man hier in diesem Palast allein herumhockt.“

„Sei doch vernünftig!“ rief Gregory und war mit einem Sprung bei ihr. „Komm Olivia, laß uns reden!“

„Da gibt es nichts zu reden, absolut gar nichts!“ stieß sie hervor, riß die Tür auf und lief hinaus. Gregory folgte ihr.

„Olivia, Du wirst nirgendwohin gehen, verdammt!“ schrie er.

Kurz vor der Treppe drehte sie sich noch einmal um.

„Du wirst mich nicht daran hindern!“ gab sie wütend zurück. In diesem Moment blieb sie mit dem Absatz ihres hochhackigen Schuhs in den Teppichfransen hängen, verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem Aufschrei die Stufen hinab. Entsetzt mußte Gregory mit ansehen, wie seine Frau reglos unten am Treppenansatz liegenblieb. Ihr Gesicht war bleich wie Wachs, ihre Augen geschlossen, und eine Hand lag wie schützend auf ihrem Bauch.

In diesem Moment kam Caitlin, seine Tochter nach Hause. Fassungslos starrte sie erst auf ihre Mutter, die am Boden lag, dann blickte sie wie erstarrt auf Gregory, der noch immer unbeweglich oben an der Treppe stand.

„Oh mein Gott!“ rief sie panisch. „Daddy, was hast Du getan?“

Mit zitternden Knien eilte er die Treppe hinunter und sank neben Olivia auf den Boden.

„Sie ist oben gestolpert und dann...“ Er sah den anklagenden Blick seiner Tochter. „Caitlin, Du mußt mir glauben, ich hatte nichts damit zu tun...!“

Rose kam, alarmiert durch den Krach, aus ihrem Zimmer gerannt.

„Mister Richards, was ist passiert?“

„Schnell Rose, rufen Sie den Notarzt, meine Mutter ist gestürzt! Sie ist ohne Bewußtsein!“

„Allmächtiger...“ Rose bekreuzigte sich und rannte sofort nach dem Telefon. Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer der Klinik.