Teil 7

 

 

Um das Lagerfeuer herum herrschte eine gemütliche und ausgelassene Stimmung.

Die Sandwiches waren längst aufgegessen, alle scherzten und lachten und waren bester Laune. Inzwischen war es bereits dunkel, das lodernde Feuer und der endlos weite Sternenhimmel über ihnen schafften eine romantische Atmosphäre.

Michael unterhielt sich angeregt mit Vanessa, die anscheinend großen Eindruck auf ihn machte, denn er war inzwischen verdächtig in ihre Nähe gerückt, was ihr wiederum nicht unangenehm zu sein schien. Casey hatte sich den Platz neben Rae erobert, doch die junge Ärztin achtete zu seinem Leidwesen nach wie vor ziemlich hartnäckig auf den nötigen Sicherheitsabstand.

Mark hatte seine neue Freundin Tiffany mitgebracht, ein noch ziemlich jung wirkendes Mädchen mit langem blonden Haar und einem kleinen niedlichen Hund namens Spike, der zufrieden mit am Feuer saß, nachdem er erfolgreich von allen Anwesenden diverse Kostproben der Sandwichbeläge geschnurrt hatte.

Cole und Tess lieferten sich wieder einmal lustige Wortgefechte, und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die beiden sich viel mehr mochten, als sie zugeben würden.

Meg saß neben Ben und fand die Welt heute abend ziemlich in Ordnung.

Casey goß Wein in die mitgebrachten Plastikbecher und verteilte sie an seine Freunde.

„Auf eine unvergessliche Zeit mit Euch in Sunset Beach!“ rief er fröhlich. „Möge Euch das Paradies verzaubern und nie wieder fortlassen!“

„Auf unseren Gastgeber und sein schmuckes Haus!“ erwiderte Tess. Cole nickte zustimmend.

„Ja genau, auf Caseys Haus! Übrigens sollten wir der Hütte endlich mal einen vernünftigen Namen geben! Ich meine... kein Mensch merkt sich „1499 Ocean Avenue“!“

„Ja, er hat recht.“ Stimmte Mark sofort zu. „Vorschläge?“

Die verschiedendsten Namen fielen ihnen ein. Dann plötzlich sagte Vanessa:

„Das hier ist doch ein Paradies für Surfer. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man sie überall. Ich finde das super. Irgendwann will ich das auch lernen. Was haltet ihr davon, wenn wir das Haus „Surf Central“ nennen, die Zentrale der Surfer!“

„Ja, das ist es!“ riefen Cole und Mark sofort und auch die anderen stimmten begeistert zu.

„Also dann, auf unser „Surf Central!“ Sie tranken sich übermütig lachend zu.

Ben sah Casey verschmitzt lächelnd an.

„Und was sagst Du zu der Überraschung, die Mark und Michael für Dich vorbereitet hatten?“

„Du meinst das frischgestrichene Haus? Oh ja, das war bitter nötig, mal ein bisschen Farbe auf die alten grauen Mauern zu bringen! Aber... die schönste Überraschung hat mich bei meiner Ankunft an der Haustür erwartet!“ meinte Casey und blinzelte Rae vielsagend zu. Die errötete und entgegnete lachend:

„Dabei wollte ich ihn gar nicht reinlassen, weil ich dachte, er sei irgend so ein Landstreicher!“

„Genau“ nickte Casey, „Sie hatte eine Kette vor der Tür, mit der man einen neunköpfigen Drachen hätte anbinden können! Aber...“ er warf sich übertrieben in die Brust, „für mich mit meinem unwiderstehlichen Charme überhaupt kein Problem!“

„Angeber!“ rief Rae und boxte ihn in die Seite.

In diesem Augenblick schlug ihr Piper an, was bedeutete, dass ihr sofortiger Rückruf in der Klinik erwartet wurde. Schnell zog sie ihr Handy hervor und entfernte sich ein paar Schritte von den anderen, um ungestört telefonieren zu können. Kurz darauf kam sie mit ernstem Gesicht zurück.

„Es tut mir leid, aber ich muß sofort ins Krankenhaus. Ein dringender Notfall!“ erklärte sie.

Enttäuscht nahmen die anderen es zur Kenntnis. Eine Ärztin hatte eben niemals Feierabend...

„Warte, ich begleite Dich!“ bot Casey bereitwillig an.

„Das ist wirklich nicht nötig.“ versuchte Rae abzuwehren, aber er ließ sich nicht beirren.

„Wir sehen uns später...“ rief er den anderen zu, „im Surf Central!“

Wenig später verschwand er mit Rae in der Dunkelheit.

 

Ben reichte Meg ihren Becher, den Michael gerade nachgefüllt hatte. Wieder berührten sich ihre Fingerspitzen, was bei Meg die gleiche Reaktion hervorrief wie schon im Flugzeug.

„Ihre Hände sind ja wie Eis!“ stellte er fest. „Ist Ihnen kalt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er den Wollpullover, den sie neben sich liegen hatte, und legte ihn fürsorglich um ihre Schultern.

„Danke.“ Sie lächelte und kuschelte sich hinein. Ben erwiderte ihr Lächeln und hob seinen Becher.

„Auf unser unverhofftes Wiedersehen heute!“ sagte er leise und bedeutungsvoll.

 

Das Feuer war fast heruntergebrannt, als Michael schließlich meinte:

„So Leute, wir sollten langsam Feierabend machen, sonst kommen wir noch in die „Sperrstunde“ und werden als Obdachlose, Landstreicher oder Strandschläfer verhaftet!“

Alle lachten, außer Tiffany. Sie schien es plötzlich ziemlich eilig zu haben. Hastig verabschiedete sie sich, rief Spike herbei und nahm ihren Rucksack. Bevor jemand etwas sagen konnte, war sie mit einem knappen Gruß in der Dunkelheit verschwunden.

„Wo wohnt sie eigentlich?“ fragte Cole Mark nachdenklich.

„Keine Ahnung, ich kenn`sie noch nicht lange. Sie ist erst seit ein paar Tagen in der Stadt.“

„Und wie hast Du sie kennengelernt?“

„Sie war ein paarmal im Java Web und hat dort Kaffee getrunken, da haben wir uns unterhalten. Ich mag sie.“

„Ja,“ stimmte Vanessa zu, „sie wirkt recht sympathisch, aber noch ziemlich jung.“

Mark zuckte die Schultern.

„Ich weiß nicht, aber wenn sie allein hier ist, dann wird sie wohl über 18 sein, denke ich.“

Gemeinsam mit Michael löschte er das Feuer, während die anderen schnell zusammenräumten.

 

„Wollen wir noch ein Stück den Strand entlanggehen?“ fragte Ben leise. „Ich meine...“ er kratzte sich am Kinn, eine Angewohnheit, die häufig zum Vorschein trat, wenn er verlegen war, „jetzt, wo ich Sie wiedergefunden habe, möchte ich Sie nicht so schnell wieder gehen lassen.“

Megs Herz machte einen Hopser und sie verkniff sich mühsam ein erleichtertes Lächeln, denn auch sie hatte noch keine Lust, diesen schönen Abend so abrupt zu beenden.

„Okay“ stimmte sie spontan zu, „ich bin überhaupt noch nicht müde!“ Sie übergab Cole den leeren Sandwichkorb und zwinkerte Vanessa heimlich zu.

„Komm nicht so spät heim!“ meinte diese bedeutungsvoll lächelnd und zwinkerte zurück.

 

 

 

Als Rae in die Klinik kam, wurde Olivia Richards gerade für eine Notoperation vorbereitet. Sie war inzwischen zwar wieder bei Bewußtsein, aber Dr. Robinson, Raes Kollege, hatte ihr bereits eine Beruhigungsspritze verabreicht und den Anästhesisten herbeigerufen.

In fieberhafter Eile zog Rae sich um, während zwei Schwestern Olivia in den OP brachten.

Gregory und Caitlin standen kreidebleich am Empfang, wo Trudy, die diensthabende Schwester, vergeblich versuchte, sie etwas zu beruhigen.

Rae machte sich schnell kundig, was genau passiert war.

„Alles weist darauf hin, dass Ihre Frau innere Blutungen hat. Wir müssen sofort operieren, um die Ursache dieser Verletzungen zu finden und die Blutung zu stoppen.“ Erklärte sie kurz.

„Doktor...“ Gregory hatte noch so viele Fragen, und was noch schlimmer war, er hatte Angst, wahnsinnige Angst um seine Frau, ein Gefühl, das ihm den Atem nahm und ihm die Kehle zuschnürte.

„Bitte warten Sie hier, Mr. Richards!“ rief Rae, bevor sie im OP verschwand. „Wir tun unser Möglichstes, um Mrs. Richards zu helfen!“

Gregory stöhnte schmerzlich auf und vergrub sein Gesicht in beiden Händen. Caitlin legte ihm ihre Hand auf die Schulter.

„Komm Daddy, setzen wir uns dort hinüber, und dann erzählst Du mir erst einmal, wie das alles überhaupt passiert ist!“ Als er noch zögerte, zog sie ihn energisch mit sich fort. „Nun komm schon, wir können hier sowieso nichts tun, außer zu warten! Du wirst sehen, es wird alles wieder gut!“

 

 

 

 

Schweigend liefen sie den nächtlichen Strand entlang. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, trotzdem erschrak Meg, als sie über ein Stück Treibholz stolperte und fast gestürzt wäre, hätte Ben sie nicht aufgefangen. Sie sahen sich einen Moment lang an und Meg lachte verlegen.

„Entschuldigung, wie ungeschickt von mir...“ meinte sie und strich sich das Haar aus der Stirn.

„Geben Sie mir Ihre Hand, das ist sicherer.“ Er griff nach ihrer Hand, als sie schließlich weitergingen, und Meg ließ es nur zu gerne geschehen.

Sie bogen zur Seebrücke ab, setzten sich dort ganz am Ende auf eine der Bänke und sahen aufs Meer hinaus. Um diese Zeit waren kaum noch Leute unterwegs, und die Brücke lag menschenleer hinter ihnen. Ben streckte die Beine aus und atmete tief durch.

„Und wie war Ihr erster Tag in Sunset Beach?“ fragte er und sah sie lächelnd an.

„Na ja“ meinte Meg schulterzuckend, „die eine Hälfte hab ich glatt verschlafen, aber ich denke, der Rest war ganz okay.“ Sie sah sich um. „Die Brücke kann ich gut von meinem Fenster aus sehen. Es ist wunderschön hier, das Meer, der endlose Strand... Ich glaube, sogar die Sterne scheinen hier näher zu sein als zu Hause.“

Er horchte auf.

„Haben Sie Heimweh?“

Meg sah ihn mit großen Augen an.

„Vielleicht ein bisschen, nach meiner Familie und nach der Ranch.“

„Und sonst?“ forschte Ben. Sie schüttelte entschieden den Kopf.

„Außer meiner Familie habe ich in Kansas nichts zurückgelassen, was mir hier fehlen würde.“

„Also ein ganz neuer Anfang?“

„Ja, ich glaube schon.“ Sie bemerkte seinen fragenden Blick und verspürte plötzlich den dringenden Wunsch, ihm alles zu erzählen.

„Heute vor genau drei Monaten wäre mein Hochzeitstag gewesen. Tim und ich kannten uns schon ewig und waren zusammen auf der High School. Ich glaubte, ihn zu lieben und ihm vertrauen zu können...“

„Was ist passiert?“ fragte Ben gespannt. Meg lachte bitter.

„Oh, gar nichts weiter, nur dass ich ausgerechnet am Tag unserer Hochzeit feststellen mußte, wie wenig ich ihn eigentlich kannte.“ Sie holte tief Luft und fuhr sich mit der hand über die Stirn. „Ich bemerkte, dass er die Ringe nicht eingesteckt hatte, sie lagen noch in meinem Zimmer. Und um ihm in der Kirche die Peinlichkeit zu ersparen, plötzlich ohne Ringe dazustehen, fuhr ich am Morgen vor der Trauung noch einmal bei ihm vorbei und wollte sie ihm bringen. Er hatte inzwischen seine eigene Junggesellenparty gefeiert – im Bett mit meiner besten Freundin! Die beiden waren derart miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht einmal bemerkten.“

„Was haben Sie daraufhin getan?“

„Ich fuhr nach Hause und zog mein Brautkleid an. Pünktlich zur verabredeten Zeit bin ich dann in dem kleinen roten Cabrio, das wir extra für diesen Tag gemietet hatten, vor der Kirche vorgefahren, habe meiner sogenannten Freundin den Brautstrauß vor die Füße geworfen und Tim vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft vor dem Altar stehengelassen.

Diese Blamage war das Mindeste, was ich ihm schuldig war!“

Ben sah sie bewundernd an.

„Das haben Sie getan? Wow, ich glaube, an Ihrer Stelle hätte ich den Kerl umgebracht!“

Meg zog die Augenbrauen hoch.

„Ähm, glauben Sie ja nicht, ich hätte nicht mit dem Gedanken gespielt!“

Ben lachte und sie stimmte mit ein.

„Und...“ fragte er zögernd, „sind Sie darüber hinweg?“

„Na ja, sagen wir mal so, ich bin vielleicht nicht mehr ganz so vertrauensselig wie damals, aber...“ sie überlegte kurz und nickte dann. „ja, ich denke, ich bin fertig mit der Sache.“

„Und er, Tim, hat er danach nie versucht, Sie zu erreichen?“

„Oh doch, anfangs schon, aber dank „Blue Sky“ war ich ja ständig unterwegs, und mein Boss war ziemlich kooperativ und hat ihm nie meinen Flugplan verraten, genauso wenig, wie meine Eltern. Meine Mutter und mein Vater sind bewundernswert mit der Sache umgegangen, obwohl es sehr schwer für sie war und meine geplatzte Hochzeit in unserem kleinen Ort wochenlang für Gesprächsstoff sorgte. So ein Ereignis gab es nicht mehr, seit unserm Nachbarn die Scheune abgebrannt und die gesamte Vieherde gestohlen wurde!“ Sie warf Ben einen prüfenden Blick zu. „Hoffentlich langweile ich Sie nicht mit meinen Geschichten.“

Er sah sie mit diesem Blick an, der ihr noch von ihrer ersten Begegnung im Flieger in lebhafter Erinnerung war und ihr Herz sofort schneller schlagen ließ.

„Auf keinen Fall, Meg. Im Gegenteil, ich finde Sie bewundernswert!“ er hob die Hand und strich zärtlich über ihr Gesicht. Sie schloß für einen Moment die Augen und genoß seine Berührung.

„Der Kerl muß ein kompletter Idiot sein, ein Mädchen wie Dich aufzugeben...“ sagte er leise, beugte sich vor und küßte sanft ihre Lippen. Ein wohliger Schauer durchfuhr sie.

Ben zog sie näher zu sich heran und sein Kuß wurde leidenschaftlicher. Meg schlang ihre Arme um seinen Hals und erwiderte seine Zärtlichkeit voller Hingabe. All diese starken Gefühle, die sie beide von der ersten Sekunde ihres Zusammentreffens an gespürt hatten, entluden sich in diesem ersten endlosen Kuß...