Teil 8
„Mister Richards?“
Gregory, der seit drei Stunden stumm und zusammengesunken auf der Bank im Wartebereich saß, das Gesicht in beiden Händen vergraben, schreckte hoch. Die Ärztin, Dr. Rae Chang, stand mit ernstem Gesicht vor ihm. Sofort war er auf den Beinen.
„Doktor.. wie geht es meiner Frau?“
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Mister Richards, es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen...“
Gregory hatte das Gefühl, als würde ihm das Blut in den Adern gefrieren.
„Was ist mit meiner Frau? Was soll das heißen, ist sie etwa...“
„Aber nein!“ beschwichtigte ihn Rae. „Es geht Ihrer Frau den Umständen entsprechend gut, wir konnten die inneren Blutungen stoppen und ihren Kreislauf stabilisieren. Sie hat eine leichte Gehirnerschütterung und noch einige Blutergüsse. Insofern hat sie großes Glück gehabt, dass nichts gebrochen ist. Allerdings...“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor sie weitersprach. „Für das Baby kam jede Hilfe zu spät, Ihre Frau hat das Kind leider verloren.“
Gregory starrte D. Chang an, als hätte er nicht verstanden, was sie eben gesagt hatte.
„Was?“ fragte er fassungslos und hielt sich krampfhaft an einer der Stuhllehnen fest. „Wollen Sie damit sagen, meine Frau war...“
„Schwanger, ja Mr. Richards, im dritten Monat. Haben Sie das nicht gewußt?“
Sein Gesicht war aschfahl und er sank mit einem gequälten Seufzer auf die Bank hinter sich.
„Nein“ sagte er tonlos, „ich hatte keine Ahnung!“
Caitlin kam mit zwei Bechern voll Kaffee um die Ecke. Angstvoll sah sie von Rae zu ihrem Vater.
„Was ist denn los? Daddy? Dr. Chang, was ist mit meiner Mutter?“
„Es geht ihr gut, sie braucht nur jetzt viel Ruhe... und vor allem Ihre Liebe und Fürsorge, dann wird sie den Verlust schneller überwinden. Ich werde gleich noch einmal nach ihr sehen, und wenn sie aufwacht, dürfen Sie sofort zu ihr.“ sagte Rae und nickte ihr aufmunternd zu, bevor sie davoneilte.
Caitlin stellte den Kaffee ab und beugte sich zu ihrem Vater hinunter.
„Daddy? Was ist mit Dir? Was hat Dr. Chang Dir gesagt? Welchen Verlust muß Mum verkraften?“ fragte sie atemlos und mußte erschrocken erkennen, dass Gregory Tränen übers Gesicht liefen. Noch nie hatte sie ihren Vater weinen sehen. Er war immer der Starke, Unerschütterliche, der Fels in der Brandung...
„Daddy!“ Angst schnürte ihr die Kehle zu. „Was ist denn passiert?“
Gregory hob langsam den Kopf und sah seine Tochter an. Unendlicher Schmerz zeichnete sein Gesicht.
„Deine Mutter... sie war... schwanger!“
„Was?“ Caitlin mußte sich setzen, so unverhofft traf sie diese Nachricht. Gregory warf ihr einen prüfenden Blick zu.
„Hast Du es gewußt?“
„Nein! Ich hatte keine Ahnung!“
Er nickte verstehend.
„Sie hat das Kind verloren.“
„Oh mein Gott...“ Caitlin legte ihren Arm um Gregorys Schultern. „Daddy, es tut mir so leid!“
Er preßte die Lippen aufeinander.
„Sie hat es mir nicht gesagt, hat es verheimlicht, als ginge es mich nichts an, und als ich heute abend nach Hause kam, wollte sie mich verlassen...“ Er starrte seine Tochter hilflos an. „Caitlin, warum tut sie sowas? Ich liebe sie doch...“ seine Stimme versagte.
„Ich weiß, Daddy, ich weiß!“ versuchte sie ihn zu beruhigen, obwohl sie selbst alles andere als ruhig war. „Du mußt ihr aber auch ab und zu mal zeigen, dass Du sie liebst! Vor allem jetzt!“
Er nickte abwesend und stand auf.
„Wo willst Du hin?“ fragte Caitlin verwirrt.
„Ich will etwas allein sein.“ antwortete er müde. „Ich komme später wieder.“
Er ging davon, langsam und mutlos, und Caitlin schien es, als sei er in diesen letzten Stunden um Jahre gealtert.
Ben und Meg bummelten eng umschlungen über die Seebrücke zurück und sahen gemeinsam aufs Meer hinaus. Meg hatte ihren Kopf an Bens Schulter gelegt und fühlte sich so glücklich, wie schon lange nicht mehr.
„Eigentlich müßte ich Tim dankbar sein, sonst hätte ich Dich nie kennengelernt, und Du wärst jetzt eine verheiratete Frau!“ meinte Ben lächelnd. Meg seufzte.
„Ja, vielleicht war es wirklich gut, wie alles gekommen ist.“ sagte sie leise. „Irgendwie hat es mir ein bisschen Angst gemacht, wie vorprogrammiert mein Leben war... alles so festgelegt, ich meine, ich hätte sicher recht zufrieden sein können, aber ich weiß nicht, ob das alles im Leben ist - Zufriedenheit...“
„Mit Sicherheit hat das Leben noch viel mehr zu bieten.“ antwortete Ben und küßte sie auf die Wange. „Probier es einfach aus, Sunset Beach ist der geeignete Ort dafür!“
Sie sah ihn schelmisch von der Seite an.
„Das scheint mir allerdings auch so!“
Sie sahen eine Weile zu, wie die Brandung an die Holzblanken der Seebrücke schlug und sich Welle um Welle schäumend aufbäumte.
„Ben?“ fragte Meg leise. „Glaubst Du an das Schicksal?“
Er lächelte bedeutungsvoll. „So, wie wir beide uns heute wiederbegegnet sind, muß wohl was dran sein an dieser Legende.“
Er zog sie erneut in seine Arme und gab ihr einen leidenschaftlichen langen Kuß.
Als sie langsam den Heimweg antraten, hatte Meg das Gefühl zu schweben. „Hoffentlich hört das niemals auf!“ dachte sie und kuschelte sich in Bens Arm. Sie liefen den Strand entlang, der im fahlen Licht des Mondes einsam vor ihnen lag.
Als sie gerade in Richtung Caseys Haus, dem neu ernannten „Surf Center“ abbiegen wollten, kam ihnen plötzlich Spike, Tiffanys kleiner Hund, entgegengerannt. Aufgeregt bellend sprang er zuerst an Ben hoch und umkreiste die beiden dann.
„Hey, Spike, wo kommst Du denn her?“ Meg nahm ihn liebevoll auf den Arm und stellte fest, dass das arme Tier am ganzen Leibe zitterte.
„Ben, er ist total aufgeregt, hoffentlich ist Tiffany nichts passiert!“
„Wir sollten ihm folgen“ meinte Ben, „vielleicht führt er uns zu ihr.“
Meg setzte Spike auf den Boden.
„Lauf los! Bring uns zu Deinem Frauchen!“
Tatsächlich jagte Spike davon, so schnell ihn seine kurzen Beinchen zu tragen vermochten.
Ben und Meg hatten Mühe, ihm in der Dunkelheit zu folgen.
Am Wachturm der Rettungsschwimmer entdeckten sie drei Gestalten.
Als sie näher kamen, erkannten sie Tiffany, die sich verzweifelt gegen zwei Männer wehrte, die sie in eindeutiger Weise zu bedrängen versuchten.
„Laßt mich in Ruhe, verdammt...“ rief sie und schlug mit dem Rucksack nach dem einen, der einen blitzenden Gegenstand, vermutlich ein Messer, in der Hand hielt und sie damit bedrohte, während sich der andere von hinten an sie heranschlich.
Ben rannte sofort los, um ihr zu helfen.
Spike umrundete die Gruppe knurrend und bellend. Der eine Mann trat nach ihm und verfehlte ihn nur knapp.
„Spike, komm her!“ rief Meg und nahm das zitternde Tier fest in den Arm.
Ben nutzte den Überraschungsmoment seines Angriffs und versetzte dem Kerl, der sich Tiffany von hinten näherte, einen kräftigen Schlag mit der Handkante ins Genick und ließ, während sein Gegner sich halb betäubt umdrehte, noch einen gut platzierten Kinnhaken folgen, worauf der Mann wie ein nasser Sack zu Boden ging.
„Lauf!“ rief er Tiffany zu und stellte sich seinerseits dem Angreifer, der das Messer in der Hand hielt. Die beiden Männer umkreisten sich lauernd.
Meg hielt angstvoll die Luft an.
Zu ihrer Erleichterung sprang Ben geschickt zur Seite, als sein Gegner mit dem Messer zustieß. Er wartete dessen nächsten Angriff ab, packte ihn blitzschnell am Handgelenk und drehte ihm den Arm um, worauf der Mann wütend aufheulte und augenblicklich das Messer fallenließ. Unbeirrt rammte Ben ihm sein Knie in den Magen und ließ noch einen gezielten Aufwärtshaken folgen. Der Mann taumelte, ging in die Knie, rappelte sich jedoch wieder auf und zog es vor, das Weite zu suchen. Auch sein Kumpan hatte es inzwischen geschafft, mühsam wieder auf die Beine zu kommen. Noch benommen von Bens Schlägen schleppte er sich davon.
Meg reichte Tiffany den zitternden Spike und rannte zu Ben hinüber.
„Alles in Ordnung mit Dir?“ fragte sie aufgeregt. Er atmete tief durch und strich sein Haar aus der Stirn.
„Alles okay“ meinte er und legte den Arm um sie, „obwohl... ein paar Streicheleinheiten täten mir jetzt ganz gut!“
Meg lachte und küßte ihn auf die Wange.
„Du warst großartig, Ben!“
Gemeinsam gingen sie zu Tiffany hinüber, die ziemlich benommen dastand und Spike an sich presste.
„Hey, bist Du in Ordnung?“ fragte Ben und sah sie prüfend an. Sie nickte.
„Danke, Mr. Evans...“ sagte sie leise.
„Ben“ verbesserte er und lächelte. „Du hast verdammtes Glück gehabt, dass wir gerade hier vorbeigekommen sind, junge Dame! Was machst Du denn um diese Zeit noch allein am Strand?“
Sie senkte beschämt den Kopf.
„Ich... ich hab einen Platz zum Schlafen gesucht.“
„Was?“ fragte Meg entsetzt. „Willst Du damit sagen, Du hast keine Unterkunft? Du schläfst am Strand?“
Tiffany nickte.
„Was sagt man dazu!“ Ben schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie alt bist Du eigentlich?“
„Neunzehn!“ sagte sie schnell und wich seinem Blick aus.
„Hast Du kein Zuhause?“ erkundigte sich Meg und streichelte Spikes Fell. Der kleine Hund hatte sich beruhigt und legte seinen Kopf müde auf den Arm seiner Besitzerin.
Tiffany lachte bitter.
„Oh doch, ich habe ein Zuhause. Eines, wo es nichts zu essen gibt, weil meine Mutter schon am Morgen zu betrunken ist, um etwas zu kochen, dafür gibt es jeden Abend eine Portion gratis Prügel von meinem Vater, wenn er aus der Kneipe kommt.“ Sie blickte zu Boden. „Ich bin vor einem halben Jahr abgehauen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, und seitdem schlage ich mich halt so durch.“
„Warum hast Du denn vorhin nichts gesagt, als wir alle zusammensaßen?“ fragte Meg mitfühlend. Tiffany presste die Lippen aufeinander.
„Ich bin momentan nicht unbedingt stolz auf mein Leben.“ antwortete sie leise.
„Okay“ meinte Meg entschlossen, „auf jeden Fall kommst Du jetzt erstmal mit ins Surf Center, wir werden für heute Nacht sicher einen Platz für Dich finden. Und morgen früh sehen wir weiter!“
Im Surf Center brannte noch Licht, als Ben, Meg und Tiffany dort ankamen. Michael, Mark und Vanessa saßen auf der Couch im Wohnzimmer unter unterhielten sich angeregt, verstummten jedoch sofort neugierig, als sich die Tür öffnete.
„Tiff!“ rief Mark erstaunt. „Wo kommst Du denn her?“
Zögernd trat Tiffany näher, aber Meg legte ihr den Arm um die Schultern und nickte ihr aufmunternd zu.
„Wir haben uns am Strand getroffen.“ teilte sie den anderen kurz mit. „Es wäre gut, wenn Tiffany heute hier übernachten könnte.“
Mark trat hinzu und nahm Spike auf den Arm.
„Was ist passiert?“ fragte er besorgt, denn seine Freundin wirkte immer noch etwas blass und verstört. Sie setzte sich zu den anderen aufs Sofa und begann zu erzählen.
Ben gab Meg ein Zeichen.
„Ich werde dann mal langsam verschwinden.“ sagte er leise. „Es ist spät und ich muß morgen zeitig raus.“
Sie lächelte.
„Ich bring Dich noch hinaus.“
Draußen vor der Tür nahm er sie liebevoll in den Arm.
„Ich danke Dir für diesen wundervollen Abend!“
Meg nickte.
„Ja, es war wirklich ein sehr schöner Abend.“
„Dann sollten wir das so bald wie möglich wiederholen.“ schlug Ben vor. „Wie wäre es mit... morgen abend?“
„Mmh...“ Meg lachte schelmisch, „morgen abend... mal sehen..., ich glaube, das läßt sich einrichten!“
Ben sah sie zärtlich an und schüttelte dann den Kopf.
„Was ist?“ fragte Meg erstaunt.
„Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich Dich wirklich hier in Sunset Beach wiedergetroffen habe!“
Meg lächelte.
„Nun, ich wußte ja bereits von Casey, dass Du hier lebst. Und außerdem habe ich heute Nachmittag dein Bild in der Zeitung gesehen und den Artikel über das Ferienprojekt gelesen. Du bist ein bekannter Mann, Ben Evans!“
„Man tut, was man kann.“ grinste er und strich ihr übers Haar. „Gute Nacht, Meg.“
Er beugte sich vor und küßte sie leidenschaftlich. Sie erwiderte seinen Kuß voller Hingabe.
„Hey“ meinte Ben schließlich atemlos, „noch so ein Kuß, und ich werde nicht gehen!“
Meg lächelte und entgegnete:
„Noch so ein Kuß, und ich lasse Dich nicht gehen!“
„Ich rufe Dich an. Schlaf gut.“ flüsterte er zärtlich und sprang die Stufen hinunter.
„Gute Nacht, Ben.“ Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen sah Meg ihm nach, wie er in der Dunkelheit verschwand.
Als Ben über die nächtliche Strandpromenade nach Hause ging, hätte er singen können vor Glück. Meg hatte es wirklich an nur einem einzigen Abend geschafft, dass er Schmetterlinge im Bauch verspürte und sich fühlte, wie ein verliebter Teenager. Seit ihrer Begegnung am Abend im Surf Center hatte er nicht ein einziges Mal an Maria gedacht. ...Maria?
Zum Teufel mit Maria!
Zum Teufel mit den letzten zwei Jahren, in denen er ihr nachgeweint und vergeblich gehofft hatte, sie würde vielleicht wieder zu ihm zurückkommen.
Das würde jetzt entgültig vorbeisein! Es war an der Zeit, wieder zu leben, zu lieben und sich an jedem neuen Tag zu freuen, an jedem Tag mit Meg...
Was hatte sie gesagt? Sie würde hier gern ein neues Leben anfangen. Auch sie war enttäuscht worden, genau wie er, aber sie gab sich nicht einfach auf, vielleicht war sie in dieser Hinsicht viel stärker als er...
„Morgen...“ dachte er mit einem Glücksgefühl, dass ihm fast den Atem nahm, morgen würde er sie wiedersehen!
Er bog in den Eingang zu seinem Grundstück ein und suchte in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Im Hausflur brannte Licht.
Ben stutzte.
Da standen Koffer und Reisetaschen, mit denen man einen halben LKW hätte beladen können. Und dann sah er sie...
Sie saß auf der Treppe vor seiner Tür und blickte ihm erwartungsvoll lächelnd entgegen, so als sei sie nur eben mal kurz weggewesen... Maria!
„Hallo Ben!” sagte sie mit dieser Stimme, die ihn monatelang bis in seine Träume hinein verfolgt hatte, „Ich bin wieder da!“