Teil 9
Ben spürte, wie sich sein Magen gefährlich zusammenkrampfte.
„Was willst Du hier?“ fragte er mit rauer Stimme. Maria erhob sich zögernd und kam auf ihn zu.
„Ben, ich hab Dich vermißt...“ Sie hob die Hand, um ihn zu berühren, aber er trat sofort einen Schritt zurück und starrte sie nur fassungslos an.
„Du hast... was?“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist ein schlechter Scherz, eigentlich wache ich an dieser Stelle immer schweißgebadet aus dem Alptraum auf!“ Er holte tief Luft. „Also Maria, was willst Du?“
Enttäuscht ließ sie ihre Hand wieder sinken. Sie sah verlegen zu Boden und nagte nervös an ihrer Unterlippe, eine Eigenschaft, die Ben immer noch sehr vertraut war.
„Ich dachte, ich könnte wieder... nach Hause kommen, zu Dir... Ich habe Dich vermißt...“
„Nach Hause?“ Ben lachte verächtlich. „Das hier ist seit langer Zeit schon nicht mehr Dein Zuhause! Vielleicht erinnerst Du Dich daran, dass Du es warst, die mich verlassen hat, bei Nacht und Nebel, ohne ein Abschiedswort, ohne eine Erklärung... Du hast Dich nicht ein einziges Mal gemeldet während all der zeit! Und jetzt willst du mir allen Ernstes weismachen, Du hättest mich vermißt?“ Er schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Was glaubst Du eigentlich, wie ich mich gefühlt habe, Maria? Ich habe Dich mehr geliebt als alles andere auf der Welt, und Du verschwindest einfach mit meinem Bruder...“ Er sah sie wütend an. „Wo zum Teufel steckt Derek überhaupt?“
„Ich hab ihn verlassen.“ antwortete sie mit zitternder Stimme.
„Ah ja, darin hast Du ja Übung.“ meinte er sarkastisch.
„Ben“ rief sie flehend, „bitte sprich nicht so mit mir!“
Er zog erstaunt die Stirn in Falten.
„Was erwartest Du denn? Soll ich vielleicht die Arme ausbreiten und sagen: Hallo, schön, dass Du wieder da bist, laß uns einfach die letzten zwei Jahre vergessen?“
Maria schüttelte den Kopf.
„Nein, das nicht.“ sagte sie leise. „Aber Du könntest mich wenigstens hereinbitten.“
„Ich halte das für keine gute Idee.“ Seine stimme klang kalt und abweisend.
„Ben, bitte! Ich bin fix und fertig, und ich weiß doch nicht, wohin...“
„Du hast Deine Familie in Sunset Beach, Deine Mutter, Deine Brüder. Geh dorthin!“ sagte er hart.
„Aber Du bist mein Mann!“
„Nicht mehr, Maria, vergiß nicht, wir sind geschieden, und Du selbst hast es so gewollt!“
Sie sah ihn in stummer Verzweiflung an und begann zu weinen. Ben betrachtete sie stumm.
Sie hatte sich kaum verändert. Noch immer das helle, schulterlange Haar, die blauen Augen, ihre tadellose Figur in dem dunklen Reisekostüm. Sie schien ihm nur blasser und schmaler als früher, sie wirkte hilflos und irgendwie verloren.
Fast tat es ihm leid, dass er so schroff und abweisend gewesen war. Er schloß die Tür auf und forderte sie durch eine Handbewegung auf einzutreten.
„Für heute Nacht kannst Du bleiben, aber ich möchte, dass Du Dir gleich morgen früh eine Unterkunft suchst.“
Sie schluckte und nickte stumm.
Er begann, ihr umfangreiches Gepäck ins Wohnzimmer zu tragen. Als sie unschlüssig stehenblieb, deutete er nach oben.
„Du weißt ja, wo das Gästezimmer ist. Etwas zu essen oder zu trinken findest Du in der Küche. Gute Nacht, Maria.“ Er trat zur Bar und goß sich einen Drink ein. „Ach ja, ich werde morgen früh sehr zeitig im Büro erwartet. Wirf den Schlüssel einfach in den Briefkasten, wenn Du gehst.“ fügte er betont gleichgültig hinzu.
Maria wandte sich um und ging langsam, mit hängenden Schultern, die Treppe hinauf.
Als Ben die Tür zum Gästezimmer oben zuklappen hörte, atmete er tief durch. Er trank sein Glas mit einem Zug aus und stellte es geräuschvoll auf die Bar zurück. Dann löschte er das Licht und trat hinaus auf die Veranda. Er lehnte sich an die Brüstung und starrte hinaus in die Nacht.
Die Schmetterlinge in seinem Bauch waren verschwunden und machten einem Gefühl der Wut und Verbitterung Platz, das sich unaufhaltsam in seinem Inneren ausbreitete.
Caitlin saß am Bett ihrer Mutter und hielt deren Hand. Seitdem Olivia erwacht war und erfahren mußte, dass sie ihr Baby verloren hatte, starrte sie unentwegt die Wand an und sprach kein Wort mehr.
Caitlin strich ihr liebevoll übers Haar. Inzwischen fragte sie sich ernsthaft, wo ihr Vater die ganze Zeit blieb. Wie konnte er einfach davonlaufen, so als schmerzte das, was passiert war, nur ihn allein! Ihre Mutter brauchte ihn doch jetzt! Nur gemeinsam hätten sie beide eine Chance, das Geschehene zu verkraften und sich gegenseitig Mut zu machen, um vielleicht dadurch wieder zueinander zu finden..
Caitlin überlegte, wann ihre Eltern eigentlich angefangen hatten, sich zu streiten und sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Es stimmte schon lange nicht mehr zwischen den beiden, obwohl sie nach außen hin immer das perfekte Paar mimten, aber in den eigenen vier Wänden kam es ständig zu Reibereien, oder man ging sich gezielt aus dem Weg. Gregory war oft unterwegs und Olivia fühlte sich einsam, vernachlässigt und unverstanden. Sie versuchte zwar, die Leere in ihrem täglichen Einerlei durch verschiedenen ehrenamtliche Tätigkeiten auszufüllen, und Caitlin vermutete, dass es auch die eine oder andere heimliche Liebesaffäre im Leben ihrer Mutter gegeben hatte... Und dann war da noch Olivias Arbeit im Vorstand des in Familienbesitz befindlichen Radiosenders „Radio Sunset“ gewesen, die ihr viel Freude gemacht und wofür sie sich sehr engagiert hatte. Leider war Daddy strikt dagegen, dass eine Frau in ihrer gesellschaftlichen Position einer geregelten Arbeit nachging. Er fand, sie habe das nicht nötig und verkaufte kurzerhand den Sender. Für Caitlins Mum war das wie ein Schlag ins Gesicht gewesen.
Caitlin lächelte bitter. Sie selbst hatte zu ihrem Vater immer ein sehr enges Verhältnis gehabt, ganz anders als ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Sean, der sich von ihm ständig benachteiligt und unverstanden fühlte und gegen Gregory rebellierte, sooft sich die Gelegenheit dazu bot. Aber sie wußte genauso gut, dass Daddy auch absolut streng und unerbittlich sein konnte, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich vorstellte. Er war bereit, alles für seine Familie zu tun, aber er verlangte im Gegenzug dafür, dass sich ihm alle bedingungslos unterordneten.
Als Kind war ihr das, bis auf wenige Ausnahmen, nicht sonderlich schwergefallen, aber jetzt, mit Einundzwanzig, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, war das mitunter ziemlich belastend. Sie überlegte sogar, ob sie ihr Medizinfernstudium vielleicht doch lieber aufgeben und dafür einen Direktstudienplatz in Los Angeles belegen sollte, um eine Zeitlang von zu Hause wegzukommen und etwas Abstand zu gewinnen.
Andererseits, wenn sie jetzt auch noch wegging, würde das ihre Mutter in der gegenwärtigen Situation überhaupt verkraften?
Gedankenverloren blickte Caitlin in deren blasses Gesicht.
„Nein,“ sagte sie sich, „ich kann nicht fort, zumindest jetzt nicht.“ Sie drückte liebevoll Olivias Hand.
„Daddy wird gleich hier sein, Mum.“ sagte sie leise. Olivias Lippen zuckten, aber sie erwiderte nichts.
Rein äußerlich hätte man kaum vermutet, dass Caitlin ihre Tochter war, denn im Gegensatz zu ihr war Olivias Haar dunkel und ihr Gesicht fein, fast zart geschnitten, mit hohen Wangenknochen und blaugrünen Katzenaugen. Caitlin dagegen sah ihrem Vater ähnlicher, ihre Gesichtszüge wirkten etwas herber und etwas Unschuldiges, fast Kindliches ging von ihr aus, was aber gleichzeitig sehr anziehend wirkte. Figurmäßig war sie nicht ganz so schlank wie ihre Mutter, Olivia pflegte immer scherzhaft zu sagen, das sei nur noch ein Rest von Babyspeck, der bald ganz verschwinden würde.
Caitlin strich ihr langes hellblondes Haar zurück und atmete tief durch. Sie drehte sich erwartungsvoll um, als sie hörte, wie die Tür zum Krankenzimmer leise geöffnet wurde.
Gregory trat zögernd ein, und Caitlin bemerkte sofort, dass er getrunken hatte. Leicht schwankend kam er näher. Sein Haar war zerzaust und sein sonst tadellos sitzender Anzug zerknittert.
„Daddy!“ rief sie und sprang auf. Er schob sie achtlos beiseite und blieb vor dem Bett seiner Frau stehen.
„Warum hast Du das getan, Olivia?“ fragte er mit schwerer Zunge.
Caitlin packte ihn am Arm.
„Was soll denn das, Daddy? Mum ist genauso erschüttert wie Du darüber, was geschehen ist! Wie kannst Du ihr jetzt Vorwürfe machen? Sie kann doch nichts dafür!“ zischte sie.
Er lachte nur höhnisch.
„Deine Mutter...“ sagte er bedeutungsvoll, ohne den Blick von Olivias blassem Gesicht abzuwenden, „...hat es ja noch nicht einmal für nötig gehalten, mir zu sagen, dass sie schwanger war, und dass ich Vater geworden wäre...“
„Wann hätte ich es Dir denn sagen sollen? Du warst ja nie da.“ erwiderte Olivia mit tonloser Stimme.
„Eben!“ knurrte Gregory. „Wer weiß, ob das Kind überhaupt von mir war!“
Olivia war schon blass, aber jetzt verlor sie jeglichen Rest von Gesichtsfarbe.
„Gregory!“ Mühsam richtete sie sich auf. Vor Wut und Empörung zitterte sie am ganzen Körper, und bevor Caitlin eingreifen konnte, begann bereits der Überwachungsmonitor, mit dem ihre Mutter verbunden war, laut Alarm zu schlagen.
„Das ist nicht Dein Ernst!“ flüsterte Olivia mit letzter Kraft und griff sich an die Stirn, denn sie hatte plötzlich das Gefühl, das Zimmer beginne sich im Kreis zu drehen.
„Raus... verschwinde...“ Sie hörte ihre eigene Stimme nicht mehr und sank nach hinten in die Kissen.
„Mum!“ schrie Caitlin angstvoll. Sie drehte sich nach ihrem Vater um. „Hol einen Arzt, Dad! Na los, mach schon!“
Endlich löste sich Gregory aus seiner Starre. Schlagartig ernüchtert schien er endlich zu begreifen, was er angerichtet hatte. Er stürzte zur Tür, um Hilfe zu holen, als Dr. Robinson, gefolgt von einer Schwester, hereingeeilt kam.
„Was ist denn hier los?“ rief die Schwester, während der Doktor sofort damit begann, Olivias Werte zu überprüfen und ihren Puls fühlte.
„Misses Richards bekommt eine Beruhigungsspritze.“ ordnete er an. Dann wandte er sich an Gregory und Caitlin. „Bitte verlassen Sie jetzt das Krankenzimmer, die Patientin braucht unbedingt Ruhe. Gehen Sie am besten nach Hause und schlafen Sie auch ein wenig, vor morgen früh wird Misses Richards sowieso nicht ansprechbar sein.“
Die Schwester reichte ihm die Spritze und schob die beiden Besucher konsequent zur Tür hinaus.
Caitlin verließ wortlos die Klinik. Erst draußen vor dem Eingang drehte sie sich wütend nach ihrem Vater um.
„Das war ja wohl das Letzte!“ fauchte sie ihn an. „Wie konntest Du nur so etwas gemeines sagen! Nicht zu fassen...“
„Das verstehst Du nicht!“ wehrte Gregory ab und wollte gehen, aber Caitlin hielt ihm am Arm fest.
„Oh doch, ich verstehe sehr gut!“ rief sie ungehalten. „Mum wollte Dich sicher mit der guten Nachricht überraschen und dafür eine passende Gelegenheit abwarten, aber anstatt sie jetzt zu trösten und ihr beizustehen, unterstellst Du ihr aus gekränkter Eitelkeit oder, weiß der Teufel was, solche schlimmen Dinge!“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Warum tut Ihr Euch das an? Warum streitet Ihr ständig und tut Euch gegenseitig weh? Ihr liebt Euch doch, Du und Mom! Oder, Daddy?“
Gregory starrte in die Nacht hinaus.
„Ich weiß es nicht, Caitlin...“ sagte er tonlos, „ich weiß gar nichts mehr...“
Ben hatte die ganze restliche Nacht kein Auge zugetan. Ruhelos warf er sich von einer Seite auf die andere, stand schließlich viel zu früh auf, duschte eiskalt und war schon lange vor seiner Sekretärin im Büro. Dort stürzte er sich förmlich in die Arbeit, um nicht länger über Maria und ihr plötzliches Auftauchen nachgrübeln zu müssen. Er hoffte von ganzem Herzen, dass sie wieder weg wäre, wenn er heute nach Büroschluß heimkäme, so dass er Gelegenheit hätte, sein inneres Gleichgewicht wenigstens ein wenig wieder herzustellen.
So gut es ging, versuchte er die privaten Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen und bereitete sich gründlich auf die Versammlung mit den Stadtverordneten vor, deren heutiges Hauptthema der Bau der neuen Ferienanlage war. Seine Vorbereitungen bewährten sich, denn er stand auf der Versammlung urplötzlich allein da, sein Geschäftspartner glänzte durch Abwesenheit. Doch Ben erwies sich als kompetent genug, um die Verhandlungen auch allein zu führen und brachte alles gut und zu seiner eigenen Zufriedenheit über die Bühne.
Als er später ins Büro kam, bat er Ronda, seine Sekretärin, ihn mit Gregory zu verbinden, doch der war anscheinend unauffindbar. Erst am späten Nachmittag gelang es Ronda, ihn ausfindig zu machen. Sie stellte das Gespräch ins Büro ihres Chefs durch.
Ben war geschockt, als er hörte, was letzte Nacht geschehen war. Es entging ihm auch nicht, dass Gregory ziemlich viel getrunken zu haben schien und er beschloß, vom Büro aus bei ihm zu Hause vorbeizufahren und persönlich nach seinem älteren Freund und Geschäftspartner zu sehen.
Plötzlich dachte er daran, dass Meg am Abend auf ihn warten würde. Es gab ihm einen schmerzlichen Stich in der Brust und er sah in Gedanken die Enttäuschung in ihren Augen, wenn er nicht auftauchen würde. Einfach absagen wollte er nicht, er hoffte einfach, dass er vor dem Treffen mit ihr noch alles klären konnte. Vor allem aber wollte er sichergehen, dass Maria wieder fort war, damit er wenigstens noch etwas zur Ruhe kam, denn wenn er sich mit Meg traf, würde sie bestimmt sofort merken, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war, und er wollte sie nicht belügen.
Er packte seine Sachen zusammen und verließ das Büro. In seinem schwarzen Mercedes- Coupe fuhr er zum Richards- Haus.
An der Eingangstür wäre er fast mit Caitlin zusammengestoßen. Sie trug eine Tasche über der Schulter und verließ gerade eilig das Haus.
„Ben!“ rief sie erfreut.
„Hi Cait!“ begrüßte er sie. „Ich wollte mal nach Deinem Vater sehen. Wie geht es ihm?“
Caitlin zog bedenklich die Augenbrauen hoch.
„Du weißt es schon?“
Ben nickte.
„Ich hab vorhin mit ihm telefoniert, und da hat er mir erzählt, was passiert ist. Er war, na ja, etwas... daneben.“
Caitlin nickte.
„Ich weiß, was Du sagen willst. Er hat eine ziemliche Menge getrunken. Hat er Dir alles erzählt?“
Ben sah sie fragend an.
„Was meinst Du?“
Caitlin berichtete ihm kurz, was sich letzte Nacht ereignet hatte. Sie kannte Ben als einen engen Freund und Vertrauten der Familie und sah keinen Grund dafür, irgend etwas vor ihm zu verheimlichen. Außerdem tat es ihr gut, mit jemandem über die Sache sprechen zu können.
Ben zog bedenklich die Stirn in Falten. Das hörte sich ganz und gar nicht gut an!
„Dad hat die ganze Zeit über im Wohnzimmer gesessen, nichts gegessen und nur vor sich hingegrübelt. Er wollte auch mit niemandem sprechen und ins Krankenhaus will er auch nicht.“ berichtete Caitlin verzweifelt. „Das alles macht mir schreckliche Angst, Ben! Vielleicht kannst Du ihn ja zur Vernunft bringen, auf Dich hört er doch!“
Ben legte ihr beruhigend seine Hand auf die Schulter.
„Ich werd`s versuchen, Caitlin.“ versprach er. „Besuch Du nur in der zeit Deine Mutter und schau, wie es ihr geht. Und bitte grüß sie von mir.“
Sie nickte und küßte ihn auf die Wange.
„Das werde ich. Danke, Ben!“
Er sah ihr nachdenklich hinterher, wie sie schnellen Schrittes auf die Strandpromenade einbog.
„Arme Caitlin“ dachte er, „Deine heile Welt kommt ganz schön ins Wanken, seit Du erwachsen geworden bist und vor den Problemen Deiner Eltern nicht mehr die Augen verschließen kannst!“ Er holte tief Luft und trat ins Haus.
Meg hatte den Vormittag gemeinsam mit den anderen am Strand verbracht. Sie tummelten sich in den Wellen und lagen faul im heißen Sand.
Vanessa, Tess und Meg ernteten viele bewundernde Blicke der zahlreichen männlichen Strandbesucher, denn jede von ihnen gab in ihrem knappen Bikini eine phantastische Figur ab. Tess genoß es sichtlich, bewundert zu werden, während Vanessa des öfteren heimlich zum Rettungsturm der Lifeguards hinüberschaute, wo Michael und Mark ihren Dienst taten und ein wachsames Auge auf die Badegäste hatten. Und tatsächlich, Michael hatte sie längst erspäht und nutzte seine Pause, um kurz herüberzukommen.
„Hallo, schöne Fremde, hat Ihnen eigentlich schon jemand gesagt, dass Sie in großer Gefahr sind?“ fragte er mit scherzhaftem Unterton.
„Nein, was Sie nicht sagen!“ ging Vanessa auf das Spiel ein. „Wo lauert denn die Gefahr?“
Michael zeigte bedeutungsvoll nach oben.
„Sie werden sich Ihren tollen Körper verbrennen, wenn Sie sich ohne Sonnenschutz diesen gefährlichen Strahlen aussetzen! Und das...“ er sah ihr tief in die Augen, „wäre doch wirklich jammerschade!“
„Ja, was kann man denn da tun?“ erkundigte sich Vanessa mit zuckersüßem Lächeln.
„Na was schon...“ Tess wedelte mit der Sonnencreme vor Michaels Nase herum. Er schnappte sich die Tube und grinste.
„Darf ich?“ Er begann, Vanessa mit Begeisterung Rücken und Schultern einzucremen. Sie streckte sich.
„Mmh, das tut gut!“
Meg und Tess warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu und erhoben sich.
„In der Hoffnung, dass es hier auch noch andere Lifeguards gibt, werden wir uns mal in die Fluten stürzen!“ lachte Meg, und die beiden zogen sich diskret ins Wasser zurück, um Michaels und Vanessas „Rettungsaktion“ nicht zu stören.
Während sie mit Tess um die Wette schwamm und tauchte, fieberte Meg in Gedanken bereits ihrer abendlichen Verabredung mit Ben entgegen. Sie freute sich auf das Wiedersehen und konnte an gar nichts anderes denken. Plötzlich jedoch fiel ihr etwas ein. Erschrocken blieb sie im Wasser stehen.
„Tess!“
Die drehte sich erstaunt um.
„Was ist?“
„Ich kann heut abend nicht ausgehen! Ich hab nichts Passendes anzuziehen!“
Die stets praktisch denkende Tess lachte.
„Na, Du machst mir Spass! Wozu gibt es den Nachmittag? Wozu hast Du Deinen letzten Gehaltsscheck bekommen? Und wozu gibt es in Sunset Beach Modegeschäfte und Boutiquen?... Was ist, bist Du dabei?“
„Na klar!“ rief Meg und stimmte in ihr fröhliches Lachen ein.
So kam es, dass drei gutgelaunte junge Damen nach dem Mittag loszogen, um in der kleinen Stadt nach einem geeigneten Geschäft zu suchen, mit dessen Hilfe sich Megs Garderobenproblem lösen ließ. Schließlich fanden sie eine Boutique mit verheißungsvollen Auslagen. Hier konnte man vom Negligè über Reizwäsche bis hin zum Kostüm fürs Büro alles finden, was das Herz einer Dame begehrte. Die drei suchten und stöberten in aller Ruhe und hatten eine Menge Spass.
Meg entdeckte ein blaues Kleid, dass von mehreren Spagettiträgern über den Schultern gehalten wurde. Kurzentschlossen probierte sie es an und es passte hervorragend.
„Wow, das ist es!“ rief Tess begeistert. „Darin siehst Du einfach unwiderstehlich aus, und außerdem passt es hervorragend zu Deinen blauen Augen!“
Vanessa nickte.
„Sie hat recht, Meg, dass mußt Du nehmen!“
Die Verkäuferin eilte herbei und bot ihr den dazu passenden Modeschmuck an.
Während sich Meg noch kritisch von allen Seiten im Spiegel betrachtete, trat eine junge Frau aus der Nachbarkabine. Über dem Arm trug sie zwei überaus zart aussehende Negligès aus feinstem Material. Unschlüssig stand sie da, als ihr Blick auf Meg fiel.
„Hallo!“ sagte sie freundlich. „Sie sehen toll aus in dem Kleid! Falls es für eine Verabredung gedacht ist, so wird er begeistert sein!“
Meg drehte sich erstaunt um. Der Gesichtsausdruck der Frau verriet, dass sie das eben Gesagte durchaus ernst meinte.
Meg lächelte.
„Danke.“
„Sie scheinen einen sehr guten Geschmack zu haben.“ meinte die Fremde anerkennend. „Vielleicht könnten Sie mir ja kurz behilflich sein?“
„Und wobei? Suchen Sie auch ein passendes Kleid?“
„Nein, nichts für den Tag, mehr etwas für die Nacht... eine besondere Nacht, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Die junge Frau wies auf die beiden Artikel, die sie über dem Arm trug. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“
„Okay“ nickte Meg, „lassen Sie mal sehen!“
Die beiden Negligès waren wunderschön, hauchzart und fast durchsichtig, mit herrlicher Spitze eingesäumt und äußerst gewagt ausgeschnitten. Das eine war weiß, das andere pastellblau. Die Fremde hielt abwechselnd beide Teile vor ihren Körper.
Meg überlegte nicht lange.
„Das blaue“ entschied sie spontan, „es passt ausgezeichnet zu Ihnen. Es bringt die Farbe Ihrer Augen hervorragend zur Geltung.“
Die Frau hielt sich das Negligè noch einmal an, betrachtete sich prüfend im Spiegel und nickte dann.
„Ja, ich glaube, Sie haben recht. Ich denke, damit wird es mir gelingen, den Mann, den ich liebe, ein bisschen zu beeindrucken.“ Sie drehte sich um. „Vielen Dank, Miss...“
„Cummings. Meg Cummings.“ stellte sich Meg vor. Die junge Frau streckte ihr erfreut die Hand entgegen.
„Freut mich sehr, Meg! Ich bin Maria, Maria Evans.“