Teil 10

 

 

Nachdenklich sah Meg der jungen Frau nach, als diese die Boutique verließ.

„Evans?“ Sie überlegte krampfhaft. Das mußte wohl ein Zufall sein! Ganz sicher...

„Miss?“ Die Stimme der Verkäuferin holte sie Sekunden später in die Wirklichkeit zurück.

„Ja, ich nehme das Kleid.“ nickte sie zerstreut und verschwand in der Kabine, um sich wieder umzuziehen. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um diese Maria. War es möglich, dass sie etwas mit Ben zu tun hatte? Oder klopfte Megs Herz nur deswegen so heftig, weil sie den Namen „Evans“ gehört hatte?

„Okay“ beschloß sie für sich, „ich werde jetzt mit den anderen zum Surf Center gehen und dort Casey ein bisschen ausfragen!“

 

 

Ben fand Gregory in einem bedauernswerten Zustand vor. Halb betrunken und unrasiert saß er wie ein Häufchen Unglück auf der Couch und haderte mit sich und der Welt. Ben nahm ihm das Whiskyglas aus der Hand und setzte sich zu ihm. Irgendwann fing Gregory an zu erzählen, er ließ nichts aus, wollte sich alles von der Seele reden. Geduldig hörte Ben zu, denn er spürte, dass es seinem Freund guttat, jemandem seine Gefühle mitzuteilen.

Er selbst hielt jedoch mit seiner Meinung auch nicht hinter dem Berg und beschwor Gregory, die Sache mit Olivia so bald wie möglich wieder in Ordnung zu bringen.

„So darfst Du sie nicht behandeln, das hat Deine Frau nicht verdient! Was hast Du Dir nur dabei gedacht!“ meinte er missbilligend. „Wirf doch nicht alles weg, was Euch beide verbindet!“

„Verbindet uns denn noch etwas?“

„Darauf mußt Du Dir selbst eine Antwort geben, Gregory! Ich weiß nur eins: Olivia braucht Dich jetzt. Vielleicht ist ja der gemeinsame Schmerz über die Fehlgeburt zugleich eine Chance für Euch, endlich wieder zueinander zu finden.“

„So einfach ist das nicht, Ben.“

„Oh doch, aber ein bisschen guter Wille gehört natürlich dazu, auch von Dir!“

Schließlich hatte Ben Gregory so weit überzeugt, dass dieser sich duschte, umzog und dann bereit war, Olivia in der Klinik zu besuchen.

Gemeinsam verließen die beiden Männer das Haus, und Ben fuhr Gregory zum Sunset Medical Center.

Inzwischen dämmerte es schon.

Ben dachte wieder an seine Verabredung mit Meg, und erschrocken fiel ihm ein, dass er nicht einmal versucht hatte, sie im Surf Center anzurufen. Sicher würde sie bereits auf ihn warten!

Er hielt an einem Blumenladen und kaufte einen großen Strauß roter Rosen. Dann beschloß er, auf dem schnellsten Wege nach Hause zu fahren, eine heiße Dusche zu nehmen und sich umzuziehen. Es würde zwar etwas später werden als geplant, aber die Nacht war ja noch lang...

 

 

Er stellte den Wagen gleich an der Strasse ab und wollte gerade die Haustür öffnen, als eine Gestalt im weißen Bademantel über den Nachbarbalkon gehuscht kam.

„Ben... na endlich! Weißt du, wie lange ich hier schon auf Dich gewartet habe?“

„Annie?“ fragte er ungläubig. „Wie läufst Du denn hier herum? Hast Du im Whirlpool auf mich gewartet oder was?“

„Wenn ich gewußt hätte, dass es Sinn hat, dort auf Dich zu warten, hätte ich das ganz sicher getan.“ entgegnete sie mit verführerischer Stimme und legte ihm lächelnd die Hände auf die Brust. „Du siehst müde aus, ich glaube, Du könntest ein Sprudelbad vertragen.“ stellte sie fest. „Komm doch mit, der Whirlpool ist noch an!“

Er nahm ihre Hände weg.

„Nein danke Annie, vielleicht ein andermal. Aber Du hast recht, ich bin wirklich sehr müde. Also... was willst Du?“

Schmollend sah sie ihn an.

„Ich wollte heute eigentlich mit Dir zu dieser Versammlung gehen. Natürlich hat mal wieder niemand die Freundlichkeit besessen, mir mitzuteilen, wann genau sie stattgefunden hat. Erzählst Du mir wenigstens bei einem Glas Wein, worum es ging und welche Entscheidungen gefallen sind?“

Ben atmete tief durch.

„Morgen, Annie, okay? Ich bin völlig erledigt. Komm irgendwann morgen rüber zu mir und ich erzähl Dir alles. Es ist ja Wochenende und wir haben jede Menge Zeit. Und jetzt entschuldige mich. Gute Nacht!“

Er schloß die Tür auf und betrat das Haus.

„Morgen!“ knurrte Annie unwillig, „Da kann ich es in der Zeitung lesen!“ Sie machte beleidigt auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Erleichtert ließ Ben die Tür zuklappen und wollte gerade das Licht einschalten, als er überrascht innehielt. Ungläubig sah er sich um...

War das ein Traum? Einer der Träume, die ihn in den vergangenen zwei Jahren wiederholt heimgesucht hatten?

Überall im Wohnzimmer und sogar die Treppenstufen hinauf brannten Kerzen und tauchten alles ringsumher in ein romantisches Licht. Leise Musik, die ihm seltsam bekannt vorkam, klang durch den Raum. Ein immer noch vertrauter Duft lag in der Luft, der seine Erinnerungen bittersüß berührten, und dann...

Maria, seine Maria, kam lächelnd auf ihn zu, eingehüllt in ein zartblaues, traumhaftes Negligè, das ihre tadellose Figur umschmeichelte und nichts dem Zufall überließ. In den Händen hielt sie zwei Champagnergläser. Sie blieb vor ihm stehen und reichte ihm eines davon.

„Auf uns beide, Ben!“ sagte sie leise, mit verführerischer Stimme.

Mechanisch griff er nach dem Glas und trank einen Schluck. Er starrte sie wie hypnotisiert an, immer noch halb in dem Glauben, sein überreiztes Gehirn spiele ihm hier nur einen bösen Streich und die ganze Szene würde sich jeden Augenblick in Luft auflösen.

Maria lächelte, sich ihrer Wirkung auf ihn voll bewußt. Sie nahm ihm das Glas wieder aus der Hand und stellte es weg. Dann trat sie ganz dicht an ihn heran.

„Hörst Du die Musik, Ben? Erinnerst Du dich? Das ist unser Lied... bitte, tanz mit mir!“

Ben war wie erstarrt, als sie die Arme um seinen Hals legte. Es war so wie früher, er spürte ihren zarten Duft und fühlte eine alte Vertrautheit in sich aufsteigen, als seine Hände wie von selbst ihre schlanke Taille umfassten und langsam über ihren Rücken wanderten.

Sie sah ihn mit ihren blauen Augen an.

„Ich liebe Dich Ben! Ich habe in Wirklichkeit nie aufgehört, Dich zu lieben!“

Als ihre Lippen die seinen berührten, schien er plötzlich zu erwachen. Dieser Traum war real!

Abrupt stieß er sie zurück.

„Maria! Was soll das Theater, was hast Du vor?“ rief er schweratmend vor Wut und Verwirrung. „Wieso zum Teufel bist Du noch hier?“

 

Sie sah ihn an und wußte sofort, dass der Zauber zerstört war. Enttäuscht und beschämt ließ sie die Hände sinken.

„Ben, ich dachte, ich wollte... ich hatte gehofft, Du verzeihst mir und kommst zu mir zurück. Ich möchte doch nur, dass alles so wird wie früher...“

Er sah sie lange an, und eine unendliche Traurigkeit lag plötzlich in seinem Blick.

„Ich bin wegen Dir durch die Hölle gegangen, Maria.“ sagte er leise. „Ich habe jeden Tag gehofft und gebetet, dass Du zurückkommst, fast zwei Jahre lang... Jetzt ist es zu spät. Ich liebe Dich nicht mehr.“

Sie starrte ihn an, so, als müsse sie jedes Wort von ihm erst verarbeiten. Langsam nahm sie die Hände zum Mund, als wolle sie einen Aufschrei unterdrücken. Dann drehte sie sich um, rannte die Treppe hinauf und schlug die Tür hinter sich zu.

 

 

 

„Casey?“ Meg warf die Einkaufstüte achtlos auf die Couch im Wohnzimmer und betrat die Küche, aus der es lecker duftete.

„Mmh...“ Sie schnupperte und machte einen langen Hals. „Das riecht ja phantastisch!“

Casey stand am Herd und grinste.

„Chinesische Gemüsepfanne!“ erklärte er. „Ich wollte Rae damit überraschen, wenn sie vom Dienst kommt.“ Er schwang den Kochlöffel. „Möchtest Du kosten?“

„Oh ja, gerne!“ Meg holte sich einen Teller aus dem Schrank und setzte sich. „Du magst Rae sehr gerne, stimmts?“

Casey nickte und zwinkerte ihr zu.

„Ja, ich muß gestehen, sie hat so was Gewisses...“

Sie lachten beide. Er reichte Meg den gefüllten Teller und nahm ihr gegenüber Platz. Gespannt sah er sie an.

„Und... schmeckt`s?“

„Super!“ meinte Meg und verdrehte genüsslich die Augen. „Du hast wirklich verborgene Talente!“ Sie nahm noch eine Gabel voll und sah ihn dann, während sie kaute, prüfend von der Seite an.

„Casey, darf ich Dich mal was fragen?“

„Du darfst mich alles fragen.“

„Okay“ sie ließ die Gabel sinken, „ist Ben eigentlich... ich meine, gibt es da jemanden...“

„Du meinst, ob er verheiratet ist?“ Casey schmunzelte. „Hast Du ihn denn das noch nicht gefragt?“

„Nein, das ergab sich noch nicht.“

„Also er war verheiratet, bis vor zwei Jahren sogar sehr glücklich, wie wir zumindest alle annahmen. Dann ist seine Frau plötzlich mit einem anderen durchgebrannt, das hat ihm das Herz gebrochen. Er hat wohl immer gehofft, dass sie zurückkommt. Aber seit ungefähr einem halben Jahr ist er offiziell von Maria geschieden.“

Meg sah Casey mit großen Augen an.

„Maria? Maria Evans?“

Er nickte.

“Das klingt, als ob Du sie kennen würdest!”

Meg schluckte.

„Ich hab sie heute kennengelernt. Vorhin in der Stadt, in einem kleinen Laden.“

Casey schaute sie nachdenklich an.

„Also doch...“ sagte er, mehr zu sich selbst.

„Was?“

„Ich war heute Vormittag am Bootshafen unten, und da sah ich eine Frau aus Bens Haus kommen. Zuerst dachte ich, es sei Maria, aber das erschien mir unwahrscheinlich...“

„Nun, offensichtlich nicht.“ meinte Meg, zog die Stirn in Falten und lehnte sich zurück.

Casey legte ihr beschwichtigend seine Hand auf den Arm.

„Du mußt Dir nichts dabei denken, Meg, sicher gibt es eine plausible Erklärung dafür...“

„Ganz sicher.“ Meg lächelte etwas säuerlich. „Sie hat sich vorhin ein Negligè gekauft, um, wie sie sagte, dem Mann, den sie liebt, zu imponieren. Und ich dumme Gans hab es auch noch mit ausgesucht!“

Ungläubig starrte Casey sie an.

„Das hast Du sicher missverstanden!“

„Das glaube ich nicht...“ Sie stand auf und stellte den Teller in die Spüle. „Danke für das leckere Essen.“ sagte sie und ging zur Tür. Etwas betreten sah Casey ihr nach. Meg überlegte kurz und drehte sich dann wieder zu ihm um.

„Liebt er sie noch, Casey?“ fragte sie unsicher. Verlegen verzog er das Gesicht.

„Das solltest Du ihn besser selbst fragen.“ meinte er diplomatisch. „Weißt Du, Meg, Ben ist ein guter Freund von mir, und ich möchte mir nicht vorwerfen lassen, dass ich mich in sein Privatleben einmische, aber eins weiß ich bestimmt: er ist ein ehrlicher Typ, und wenn er wieder mit seiner Ex- Frau zusammenleben würde, dann hätte er sich ganz sicher nicht für Dich interessiert.“

Immer noch etwas skeptisch sah Meg ihn an.

„Hoffentlich hast Du Recht.“ Ein schelmisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich hab mir nämlich extra für heute abend ein neues Kleid gekauft. Es war sündhaft teuer, und ich werde wahnsinnig, wenn das eine Fehlinvestition war!“

Casey lachte.

„Auf keinen Fall, du wirst schon sehen.“ Er trat einen Schritt näher und meinte dann vertraulich: „Er hat es nicht leicht gehabt, Meg. Die ganze Zeit, seit Maria ihn verlassen hatte, war er zu keiner festen Beziehung bereit. Er hat das einfach nicht verkraftet...“

„Was? Das sie ihn verlassen hat?“

„Nein, aber dass es sein eigener Bruder war, der sie ihm ausgespannt hat.“

 

 

Ben stand auf der Veranda, als Maria mit einem kleinen Handkoffer die Treppe herunter kam. Er trat ins Zimmer

„Wo willst Du jetzt hin?“ fragte er. Sie wich seinem Blick aus.

„Ich gehe zu meiner Mutter, - fürs erste. Rufst Du mir bitte ein Taxi? Das restliche Gepäck werde ich morgen abholen lassen, dann bist Du mich los und ich bin für immer aus Deinem Leben verschwunden!“

Ben sah sie an.

„Du bist schon zwei Jahre aus meinem Leben verschwunden, Maria!“

Sie nickte und strich sich nervös das lange Haar zurück.

„Ja, ich weiß, ich habe einen unverzeihlichen Fehler gemacht, und jetzt bekomme ich die Rechnung dafür! Leb wohl, Ben.“ Traurig senkte sie den Kopf und wandte sich zur Tür.

Ben war mit zwei Schritten bei ihr und legte seine Hand auf ihren Arm.

„Maria! Warte...“

Sie drehte sich um und so etwas wie Hoffnung schimmerte in ihren Augen.

„Hör zu,“ meinte Ben, und sie merkte, dass ihm die Worte, die er sagte, schwerfielen, „ich hasse Dich nicht für das, was Du getan hast, aber ich kann auch nicht so tun, als wäre das alles nicht passiert. Dazu ist einfach zu viel geschehen. Laß mir etwas Zeit...“

„Und dann?“

„Dann können wir vielleicht... gute Freunde sein.“

Sie biß sich enttäuscht auf die Lippen.

„Tut mir leid, Ben, aber das ist nicht genug.“

Er nickte.

„Okay, aber zu mehr bin ich nicht bereit.“ Das klang entgültig. Maria schluckte.

„Gibt es wieder jemanden in Deinem Leben?“ fragte sie.

„Ja, vielleicht...“ meinte er vage. Sie lächelte traurig.

„Dann viel Glück, Ben. Du weißt ja, wo Du mich findest, falls Du Deine Meinung ändern solltest...“

 

Als die Tür hinter ihr zufiel, schloß er für einen Moment die Augen.

„Maria...“ dachte er gequält, „warum? Warum erst jetzt?“

Er setzte sich auf die Couch und vergrub sein Gesicht in den Händen. Lange saß er so da und seine Gedanken kreisten um die Vergangenheit, um glückliche, unbeschwert schöne Tage, die er in diesem Haus verlebt hatte, gemeinsam mit ihr, seiner Frau...

Irgendwann forderte sein Körper Tribut, zwei schlaflose Nächte und die Zeitverschiebung von Tokio machten sich bemerkbar. Mit dem Gedanken an Maria schlief er erschöpft ein. Im Traum veränderte sich ihr Gesicht, es verblasste und nahm dann natürlichere Züge an, die Augen wirkten groß, blau und wunderschön...

 

„Meg!“ Mit ihrem Namen auf den Lippen wachte er auf.

Erschrocken sah er auf die Uhr. Verdammt, es war fast Mitternacht! Schmerzlich wurde ihm bewußt, dass er sein erstes Rendezvous mit ihr buchstäblich verschlafen hatte.

Was mußte sie bloß von ihm denken!

Er ging nach oben, duschte und zog sich Jeans und ein frisches Hemd an. Sein Blick fiel auf den Rosenstrauß, der bislang unbeachtet auf dem Tisch stand.

„Das ist verrückt!“ dachte er, als er Minuten später mit den Blumen in der Hand schnellen Schrittes über die Strandpromenade lief, „aber was soll`s, ich tu es trotzdem!“