Das Frühstück im Surf Center am späten Vormittag war laut und fröhlich. Keiner der jungen Leute schien Anstoß daran zu nehmen, dass Ben mit ihnen am Tisch saß und anscheinend die Nacht hier verbracht hatte. Sie scherzten und lachten und waren in bester Wochenendlaune.
Während sich Ben nach dem Frühstück auf den Heimweg machte, beschloß Meg, wie versprochen bei Rae in der Klinik vorbeizuschauen.
„Darf ich Dich zum Mittagessen einladen?“ fragte Ben, bevor er ging. Sie nickte freudig.
„Gerne. Wohin gehen wir?“
„Laß Dich überraschen.“ meinte er und zwinkerte ihr geheimnisvoll zu. „Ich hole Dich hier ab. Dann gehört der restliche Tag nur uns beiden!“
„Ich freu mich schon darauf.“ lächelte Meg und genoß seinen zärtlichen Abschiedskuß.
Versonnen blickte sie ihm hinterher, als er davonging.
„Muss Liebe schön sein...“ schwärmte Tess, die unbemerkt hinzugetreten war und legte Meg freundschaftlich ihren Arm um die Schultern. „Ob ich das wohl auch nochmal erleben darf?“
„Das könnte schwierig werden.“ erwiderte Cole und zwängte sich mit dem Surfbrett unterm Arm an ihnen vorbei. „Mit Deinem losen Mundwerk schlägst Du jeden Interessenten binnen zwei Minuten in die Flucht!“
„Eigenartig“ gab Tess zurück, „Dich bin ich damit noch nicht losgeworden.“
„Ich bin ja auch nicht interessiert, Süße!“ grinste er und sofort erschienen die süßen Grübchen auf seinen Wangen.
„Na welch ein Glück!“ Beleidigt rollte Tess mit den Augen.
„Hey“ lachte Meg und stieß sie leicht in die Seite, „wie sagt man so schön, was sich neckt, das liebt sich!“
Entrüstet sah Tess sie an.
„Ich? Ihn? – Nie im Leben!“
Pünktlich um die Mittagszeit hielt Bens schwarzes Mercedes- Cabrio vor dem Surf Center.
Er stieg aus und wollte gerade zur Tür gehen, als Meg heraustrat. Unwillkürlich hielt er die Luft an. Sie trug das blaue Kleid, dass er letzte Nacht in ihrem Zimmer gesehen hatte. Ihr dunkles Haar fiel in weichen Wellen über die Schultern.
Lächelnd trat er näher und sah sie bewundernd an. Das strahlende Blau ihrer Augen harmonierte perfekt mit der Farbe des Kleides. Die zierlichen Goldkreolen und der dazu passende Kettenanhänger in Form einer kleinen Münze rundeten das Bild ab.
„Meg, Du siehst bezaubernd aus!“ Fasziniert nahm er ihre Hand und führte sie zu seinem Wagen. „Darf ich bitten?“
Lächelnd nahm sie Platz. Ben schloß die Tür und setzte sich kurz darauf neben sie auf den Fahrersitz.
„Bist Du bereit?“
„Nein, warte...“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Ich hab noch eine Bitte.“
„Ja?“ Gespannt blickte er sie an.
„Würdest Du das Verdeck öffnen?“ Sie lachte verlegen, als sie sein erstauntes Gesicht sah. „Ich bin noch niemals in einem Cabrio gefahren. Ich möchte einmal erleben, wie das ist, wenn einem der Fahrtwind durchs Haar weht!“
„Okay, kein Problem!“ meinte Ben und sorgte mit einem Knopfdruck dafür, dass sich das Verdeck des Wagens nach hinten versenkte. „Aber ich warne Dich, Du wirst hinterher einen Kamm brauchen!“
Lachend fuhren sie los. Ben bog auf die Küstenstrasse ab, die über den Felsen am Meer entlang führte. Meg genoß die Fahrt und fühlte sich einfach nur glücklich.
„Na wie ist es? Hast Du es Dir so vorgestellt?“ rief er gegen den Fahrtwind.
„Es ist herrlich!“ erwiderte Meg und schloß für einen Moment die Augen. „Wie Fliegen!“
Die Fahrt dauerte jedoch nicht lange, und Ben bog in eine kleine Seitenstrasse ab, die direkt zum Yachthafen führte.
„So, da sind wir.“
Gespannt sah Meg sich um.
„Wow, hier ist ja eine Yacht schöner als die andere! Und hier wollen wir zu Mittag essen? Ist auf einem der Boote etwa ein Restaurant?“
Ben verriet nichts, lächelte nur geheimnisvoll und nahm ihre Hand.
„Komm mit!“ Er führte sie zu einer kleinen weißen Yacht. Ein junger Mann in weiß- blauer Kapitänsuniform reichte ihnen die Hand und half ihnen an Bord.
„Herzlich willkommen auf der „Sunrise“!“ begrüßte er sie höflich und geleitete beide auf das mit gemütlichen Sitzmöbeln ausgestattete Deck, wo bereits ein Steward auf sie wartete. Der Tisch war für zwei Personen festlich gedeckt, die Champagnergläser gefüllt.
„Bitte nehmen Sie Platz. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt hier an Bord unseres bescheidenen kleinen Bootes.“ Mit einem verbindlichen Lächeln entfernte er sich in Richtung der Kabine.
Kaum hatten sie sich gesetzt, wurden auch schon die Anker gelichtet und die „Sunrise“ stach in See.
Der Steward trat zu ihnen heran.
„Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit, Mister Evans!“ sagte er mit einem freundlichen Lächeln.
Ben nickte.
„Danke, alles bestens. Sie können jetzt das Essen servieren.“
„Sehr wohl, Sir. - Ma`m...“ mit einer knappen Verbeugung in Megs Richtung entfernte sich der Steward unter Deck.
Fassungslos schaute Meg sich um.
„Ben, was hat das alles zu bedeuten? Sind wir auf diesem Boot ganz allein?“
„Ich hab es für heute Nachmittag gemietet.“ antwortete er. „Gefällt es Dir?“
Ihre Augen leuchteten.
„Ob es mir gefällt?“ Sie lachte, immer noch etwas ungläubig darüber, was er extra für sie engagiert hatte. „Ich... ich bin überwältigt! Eine schneeweiße Yacht, eine eigene Besatzung, ein Essen nur für uns beide, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
Ben strahlte, glücklich darüber, dass ihm seine Überraschung gelungen war.
„Na ja, ich denke, dafür dass die Zeit etwas knapp war, hat doch alles noch einigermaßen geklappt.“
Meg zog die Augenbrauen hoch.
„Einigermaßen? Du machst wohl Witze?“ Sie strich sich tief beeindruckt ein paar widerspenstige Locken aus der Stirn und schüttelte lachend den Kopf.
„Was ist?“ fragte Ben schmunzelnd.
„Nun, wenn das hier für Dich „einigermaßen“ bedeutet, dann frage ich mich gerade, was Du Dir wohl einfallen läßt, wenn Du mehr Zeit hast!“
Ben griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und sah ihr verliebt in die Augen.
„Ich hoffe, Du bleibst lange genug in Sunset Beach, um das herauszufinden.“
Maria betrat das Sunset Memorial und blieb etwas zögernd am Empfang stehen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte Trudi, die diensthabende Schwester. Dann stutzte sie und kniff ungläubig die Augen zusammen.
„Misses Evans?“
Maria nickte lächelnd.
„Ja Trudi, ich bin es.“
„Meine Güte, wir haben uns ja lange nicht gesehen! Wohnen Sie jetzt wieder in Sunset Beach?“
„Nun... voraussichtlich ja. Vorläufig jedenfalls.“ Maria überlegte kurz. „Sagen Sie, Trudi, wäre es möglich, heute noch einen Termin bei Dr. Robinson zu bekommen? Wissen Sie, ich fühle mich seit Tagen nicht besonders, ich glaube, mein Kreislauf hat die lange Reise nicht so gut verkraftet.“
Die Schwester nickte mitfühlend.
„Augenblick, ich seh mal nach.“ Sie blätterte in ihrer Bestell-Liste und nickte dann. „Sie haben Glück, Misses Evans. In einer halben Stunde wäre ein Termin frei, da eine Patientin abgesagt hat.“ Sie wies auf die gemütlichen Wartenischen, die etwas abseits vom Empfang eingerichtet waren. „Wenn Sie möchten, können sie gleich dableiben. Ich suche dann Ihre Krankenakte heraus.“
„Danke Trudi, das ist sehr nett von Ihnen.“ Maria nickte ihr freundlich zu und setzte sich auf eine der gepolsterten Bänke. Gedankenverloren starrte sie vor sich hin.
Irgendwie hatte sie immer gehofft, Ben würde bei ihr vorbeikommen und nach ihr sehen, nachdem sich seine erste Aufregung über ihr plötzliches Erscheinen gelegt hatte. Sie hatte es sich so sehr gewünscht, aber nichts dergleichen geschah. Vielleicht mußte sie ihm einfach mehr Zeit geben, sich an den Gedanken zu gewöhnen, oder... es gab wirklich jemand anderes in seinem Leben! Schon allein die Vorstellung, da könnte eine andere Frau so wichtig für ihn sein, wie sie es damals war, jagte ihr panische Angst ein. Während ihrer Zeit mit Derek hatte sie oft an Ben gedacht, doch nie war ihr in den Sinn gekommen, dass auch er sich mit einer neuen Liebe trösten könnte.
„Maria?“
Erschrocken sah sie hoch. Gregory stand vor ihr und musterte sie erstaunt. Als er sah, dass er sich nicht getäuscht hatte, trat er näher und reichte ihr die Hand.
„Na nu, für einen Moment dachte ich, ich hätte mich geirrt, aber Du bist es wirklich! Seit wann bist Du denn wieder in der Stadt?“
Maria lächelte freundlich, aber distanziert.
„Hallo Gregory!“
Er deutete auf den Platz neben ihr.
„Darf ich...?“
„Natürlich.“ Sie rückte ein Stück beiseite. „Ich wohne wieder bei meiner Mutter.“ beantwortete sie seine Frage. „Zumindest zeitweise, bis ich etwas eigenes gefunden habe.“
Sie betrachtete den Geschäftspartner und Freund ihres Ex- Ehemannes aufmerksam. „Und was tust Du im Sunset Memorial? Bist du krank? Du siehst etwas... gestreßt aus.“
Gregory nickte.
„Olivia hatte eine Fehlgeburt, sie liegt hier in der Klinik.“
„Oh Gregory...“ Erschrocken über diese traurige Nachricht und mitfühlend zugleich legte sie ihm ihre Hand auf den Arm. „Das tut mir so wahnsinnig leid für Euch beide! Sicher habt Ihr Euch dieses Kind gewünscht!“
„Ja,“ antwortete er hastig, „ja, das haben wir. Aber es hat nicht sollen sein.“ Er holte tief Luft. „Und wie geht es Dir?“
Maria lächelte gequält.
„Ich bin wieder solo, falls es das ist, was Du wissen wolltest. Ich habe Bens Bruder verlassen.“
Gregory nickte.
„Ich habe sowieso nie verstanden, weshalb Du...“ Er unterbrach sich, als er ihren Blick sah. „Aber lassen wir die alten Geschichten. Was hast Du jetzt vor? Bleibst Du in der Stadt?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es noch nicht. Wenn ich hier eine Arbeit finde, vielleicht.“
„Weiß Ben, dass Du wieder hier bist?“ fragte Gregory unumwunden. „Hast Du ihn schon gesehen?“
Maria nickte und senkte den Blick.
„Ja, ich war bei ihm.“ sagte sie leise. Sie spürte seinen prüfenden Blick und lächelte bitter. Gregory nickte verstehend.
„Er wollte Dich nicht sehen.“ Das war eine Feststellung, keine Frage.
Maria schluckte.
„Ganz so schlimm war es nicht, aber...“ sie entschied sich ihm die Wahrheit zu sagen, „er will nicht mehr mit mir zusammenleben. Er betrachtet unsere Ehe ein für allemal als beendet.“
„Er hat eine schwere Zeit hinter sich, Maria.“ gab Gregory zu verstehen. „Er hat Dich wirklich über alles geliebt, damals.“
„Ja, damals.“ wiederholte sie wehmütig. Sie blickte auf und straffte die Schultern. „Darf ich Dich etwas fragen?“
„Kommt darauf an...“ antwortete er vage. „Was willst Du denn wissen?“
„Gibt es inzwischen in Bens Leben eine andere Frau?“
Gregory betrachtete sie nachdenklich.
„Solltest Du ihn das nicht besser selbst fragen?“
In diesem Moment erschien eine freundliche Sprechstundenhilfe.
„Misses Evans? Wenn Sie mir bitte folgen würden... Dr. Robinson erwartet Sie.“
Mit einem unguten Gefühl saß Maria nach einer gründlichen Untersuchung schließlich wieder dem Arzt gegenüber. Nervös knetete sie ihre Hände und konnte nicht verhindern, dass sich ihre Herzfrequenz mit jeder Minute, die verstrich, beängstigend erhöhte. Dr. Robinson hatte ihr so viele Fragen gestellt, Fragen, die sie sich hätte eigentlich schon längst selbst stellen sollen, die ihr Unterbewußtsein jedoch bislang hartnäckig verdrängt hatte.
Die Schwester kam herein.
„Die Ergebnisse der Blutuntersuchung.“ sagte sie und legte ihm ein Schreiben des Krankenhauslabors auf den Tisch.
„Danke.“ Dr. Robinson las aufmerksam, was dort geschrieben stand.
„Nun sagen Sie schon, Doktor“ platzte Maria ungeduldig heraus, „ist es das, was ich denke?“
Er blickte überrascht von seinen Unterlagen auf.
„Und... darf ich fragen, was Sie vermuten, Misses Evans?“
Etwas verlegen nagte sie an ihrer Unterlippe und warf ihrem Arzt einen unsicheren Blick zu.
„Kann es sein...“ sie schluckte hektisch, „bin ich...“
Tyus Robinson lächelte.
„Ja, Misses Evans, ich gratuliere Ihnen, Sie sind schwanger!“
„Oh nein...“ stöhnte Maria, während sie das Gefühl hatte, ihr Magen krampfe sich zu einer Eisenkugel zusammen. Tyus sah sie aufmerksam an. Wie ein Häufchen Unglück hockte sie in ihrem Sessel ihm gegenüber und begann leise zu weinen. Er stand auf, ging um seinen Schreibtisch herum und legte seine Hand auf ihre zuckenden Schultern.
„Aber Sie müssen es doch schon geahnt haben, sonst hätten Sie mich eben nicht so direkt gefragt?“ fragte er und reichte ihr ein Stück Zellstoff.
Maria nickte stumm und tupfte die Tränen aus ihren Augen.
„Ich hab es wohl die ganze Zeit ignorieren wollen.“ gab sie zu, „obwohl alle Anzeichen dafür sprachen.“ Sie atmete tief durch. „Wie weit ist es, Doktor?“
Er zog die Stirn in Falten.
„Ich denke, Mitte bis Ende des zweiten Monats, so genau läßt sich das auf Anhieb nicht sagen. Aber durch genauere Untersuchungen...“
Abrupt stand sie auf.
„Nicht nötig, ich glaube, ich kann mir den Termin selber genau ausrechnen.“ Krampfhaft versuchte sie, ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. „Danke, Dr. Robinson, dass Sie Zeit für mich hatten.“ brachte sie hervor und wandte sich zum Gehen.
„Misses Evans...“ Spontan trat Tyus einen Schritt auf sie zu. „Was werden Sie jetzt tun? Werden Sie das Kind behalten?“
Mit zusammengepressten Lippen sah sie ihn an.
„Ich stamme aus einer streng kirchlichen Familie, wie Sie wissen. Meine Erziehung läßt mir keine andere Wahl.“
Er nickte.
„Lassen Sie es mich wissen, wenn ich etwas für Sie tun kann.“ sagte er freundlich. „Und kommen Sie auf jeden Fall in spätestens zwei Wochen wieder in meine Praxis. Dann können wir auch schon einen ersten Ultraschall durchführen.“ Er lächelte aufmunternd. „Glauben Sie mir, wenn Sie Ihr Baby das erste Mal auf dem Monitor sehen können, dann sieht alles schon ganz anders aus.“
Sie nickte nur stumm, senkte den Kopf und ging hinaus. Nachdenklich schaute Tyus Robinson ihr hinterher.
Als Maria nach Hause kam, war niemand da. Ihre Mutter pflegte sich um diese Zeit meistens in ihrem Atelier aufzuhalten, und ihr älterer Bruder Ricardo, der als Detektiv beim örtlichen Police Departement arbeitete, hatte noch bis zum Nachmittag Dienst.
Maria warf ihre Tasche achtlos auf die Garderobenablage und trat zum Fenster. Während sie hinausstarrte, wanderten ihre Gedanken zurück. Einmal, dachte sie verbittert, ein einziges Mal nur hatte sie in der letzten Zeit mit Derek geschlafen, und dieses eine letzte Mal war auch nicht ganz freiwillig gewesen. Sie hatten sich beide zu diesem Zeitpunkt kaum mehr etwas zu sagen gehabt. Er war spät in der Nacht nach Hause gekommen, und als sie ihn zur Rede stellte, hatte es einen bitterbösen Streit gegeben. Derek war angetrunken und hatte sich anscheinend über irgend etwas geärgert, er war wütend und sagte gemeine Sachen. Schließlich hatten sie sich beide angeschrien und Maria hatte damit begonnen, wütend ihre Sachen zu packen. Als er sie daran hindern wollte, war es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen, die damit endeten, dass sie beide zusammen im Bett landeten. Maria war am nächsten Morgen so wütend und frustriert gewesen, dass sie beschloß, ihn zu verlassen. Doch dann kam er mit einem Rosenstrauß ins Hotelzimmer und bat sie um Verzeihung, was dazu führte, dass sie zwar blieb, aber ab diesem Tag im Nebenzimmer übernachtete. Derek schien das nicht zu stören, im Gegenteil. Als er nach gewisser Zeit sogar ganze Nächte wegblieb, hatte sie beschlossen, entgültig einen Schlussstrich unter diese fragwürdige Beziehung zu ziehen.
Gedankenverloren strich sie über ihren Bauch.
Nun, so entgültig schien dieser Schlussstrich dann doch nicht gewesen zu sein, dachte sie und ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Hier kann ich nicht bleiben.“ sagte sie zu sich selbst. „Das kann ich Mama nicht antun!“
Mechanisch begann sie damit, ihre Sachen wieder in die Koffer zu packen. Bis ihre Mutter wieder nach Hause kam, wollte sie weg sein. Wohin? Keine Ahnung, nur erst einmal weg. Zum Flughafen und mit dem ersten besten Flieger nach nirgendwo...
Sie setzte sich an den Tisch und schrieb ihrer Mutter einen Brief. Hinterher hätte sie nicht einmal mehr sagen können, was genau sie geschrieben hatte. Sie ließ den Brief gut sichtbar auf dem Küchentisch liegen. Dann nahm sie das Telefon und suchte die Nummer eines örtlichen Taxiunternehmens.
„Ich werde Dich irgendwo allein großziehen.“ sagte sie leise und legte ihre Hand wieder auf ihren Bauch. „Irgendwo, wo uns keiner kennt. Und wenn Du ein Junge wirst, dann weiß ich auch schon einen Namen für Dich. Selbst, wenn Du später einmal Deinem Vater ähnlich sehen solltest, so wirst du mich doch nicht an ihn erinnern, sondern an Ben...“
Plötzlich stutzte sie.
Langsam ließ sie den Telefonhörer wieder sinken, und ihre eigene Stimme klang in ihr nach: „...so wirst Du mich doch nicht an ihn erinnern, sondern an Ben...“
Ihre Hand griff nach dem Abschiedsbrief. Sie lächelte nachdenklich, während sie ihn zusammenknüllte und wegwarf.
Als Madame Carmen nach Hause kam, hatte Maria frische Lebensmittel eingekauft und werkelte in der Küche herum. Sie schien bester Laune zu sein und trug ein duftiges Sommerkleid. Sie sah frisch und strahlend aus.
„Hallo Mama!“ rief sie. „Du kommst gerade richtig. Ich hab Dein Lieblingsessen zubereitet.“
Als die „Sunrise“ wieder im Yachthafen von Sunset Beach anlegte, färbte sich der Himmel über dem Ozean bereits in den schönsten roten Pastelltönen, und die Sonne glich einem glühenden Feuerball, der langsam zwischen Himmel und Meer am Horizont versank.
Ben reichte Meg seine Hand und half ihr von Bord. Als er den Weg zum Parkplatz einschlagen wollte, hielt sie ihn zurück.
„Kannst Du den Wagen nicht einfach stehenlassen?“ bat sie. „Wir können ihn ja später holen. Es ist so ein schöner Abend, laß uns am Strand entlang gehen.“
„Gute Idee.“ stimmte Ben zu.
Sie zogen ihre Schuhe aus und liefen Hand in Hand durch den weichen Sand zurück. Ab und zu blieben sie stehen und schauten fasziniert dem Farbenspiel des Sonnenunterganges zu.
Ben nahm Meg in seine Arme und küßte sie. Verliebt sahen sie sich an.
„Ich wünschte, das würde nie vergehen.“ flüsterte sie. Ben lächelte und streichelte ihr Haar.
„Warum sollte es?“
Sie gingen weiter, und irgendwann wies Ben auf ein traumhaft schönes zweistöckiges Strandhaus mit großen Fenstern und einer herrlichen Veranda.
„Übrigens, dort ist mein Zuhause. Darf ich Dich zu einem Glas Champagner einladen?“
Staunend blieb Meg stehen.
„Hey, das ist ja ein halber Palast!“
Ben nickte und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.
„Ja, groß, hell, freundlich und... ziemlich einsam.“
Eng umschlungen gingen sie beide hinüber zum Haus und bemerkten nicht, dass sie schon eine ganze Weile genau beobachtet wurden.
Im Deep war an diesem Abend nicht allzuviel los. Casey und seine Mitbewohner saßen an einem der Tische direkt an der Tanzfläche und sahen etwas gelangweilt den beiden Pärchen zu, die sich zur Zeit als Einzige auf der Tanzfläche abmühten.
„Möchtest Du tanzen?“ fragte Michael schließlich Vanessa, die lustlos in ihrem „Tequilla Sunset“ herumrührte. Sie verzog das Gesicht.
„Ich würde gern mit Dir tanzen, aber nach dieser Musik... ich weiß nicht.“
„Da hast Du allerdings recht.“ stimmte Tess zu. „Der Laden hier ist ja ganz niedlich, aber irgendwie fehlt dem Ganzen der spezielle Schwung!“
„Sag ich doch.“ pflichtete Mark bei, der neben Tiffany saß. „Kein Wunder, wenn hier ein Besitzer nach dem anderen pleite geht. Sie haben alle keine Ahnung, wie man so ein Geschäft richtig aufzieht. Mit dem richtigen Engagement wäre das Deep jeden Abend brechend voll.“
Cole sah sich prüfend um. Dann stand er auf und ging hinüber zur Bar. Er wechselte ein paar Worte mit dem Kellner. Der wies schulterzuckend auf das verwaist aussehende Mischpult des D.J.s und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu. Cole nahm zielstrebig Kurs auf die CD- Ecke und nickte dabei bedeutungsvoll hinüber zu seinen Leuten am Tisch.
„Was hat er denn jetzt vor?“ fragte Rae erstaunt.
„Keine Ahnung. Vielleicht will er was anderes auflegen.“ vermutete Casey.
Gespannt beobachteten sie, wie Cole eine Weile in den vorhandenen CDs herumstöberte. Dann nahm er das Mikrofon in die Hand und blendete den Song, der gerade träge vor sich hin jammerte, aus.
„Hallo Freunde! Ich merke schon die ganze Zeit, dass Ihr es kaum erwarten könnt, hier mal so richtig abzutanzen. Also habe ich Euch mal ein paar Titel herausgesucht, nach denen man sich so einigermaßen bewegen kann.“ Er grinste. „Also dann, sucht Euch schnell jemanden, den Ihr gern auf der Tanzfläche fest im Arm halten möchtet, und schon geht’s los!“
Die Anwesenden hatten gespannt zugehört, und mit beifälligem Gemurmel vernahmen alle die einladenden Klänge des Songs, den Cole ausgewählt hatte. Es dauerte nur Sekunden, und schon erschienen die ersten Paare auf der Tanzfläche.
„Darf ich bitten?“ fragte Casey Rae lächelnd und reichte ihr die Hand.
„Ich kann aber gar nicht tanzen.“ versuchte sie einzuwenden, doch er zog sie ungeachtet ihres Protestes mit sich fort.
„Schließ die Augen und laß Dich von mir führen.“ sagte er leise und nahm sie in den Arm. „Hör einfach nur auf den Klang der Musik!“
Michael und Vanessa folgten ihrem Beispiel, und bald darauf war die Tanzfläche so voll wie schon lange nicht mehr.
Cole lächelte zufrieden.
„Na also, es geht doch.“ sagte er und suchte schon den nächsten Song heraus. Tess trat zu ihm hinter das Mischpult und klatschte beifällig in die Hände.
„Gar nicht schlecht, jedenfalls für einen Anfänger!“ grinste sie. „Du solltest Dich hier als D.J. bewerben.“
Cole sah sie nachdenklich an.
„Das liegt nicht nur am D.J., denke ich. Der ganze Laden müßte neu aufgezogen werden, Bedarf ist ja da, wie man sehen kann.“
„Dann mach`s doch!“ grinste Tess herausfordernd. „Ich glaube, Du könntest das, Herr Navigator!“
„Allein?“ Cole schüttelte den Kopf. „Nein, ohne Hilfe ist mir das zu heiß. Ich hab schließlich in dieser Branche keinerlei Erfahrung. Und wie ist`s mit Dir?“
„Mit mir?“ Tess verzog das Gesicht. „Ich hab auch noch keine Bar geleitet, wenn Du das meinst. Aber andererseits...“ sie musterte ihn vielsagend, „jeder fängt mal an, womit auch immer! Also ich würde es mir schon zutrauen.“
Sie sahen sich beide an. Dann lächelte Cole.
„Also... eine Überlegung wäre es immerhin wert.“ Er nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her. „Komm schon Tess, wir können ja bei einem Tanz nochmal über die ganze Sache nachdenken!“ Und mit einem bedeutungsvollen Seitenblick fügte er noch hinzu:
„Aber nur, wenn Du nicht gleich wieder mit mir zu streiten anfängst!“