Teil 14

 

 

Als sie Bens Haus betraten, sah sich Meg staunend um. So hatte sie sich die Wohnung eines alleinlebenden Mannes nicht vorgestellt. Alles wirkte ordentlich und aufgeräumt und zeugte von exquisitem Geschmack. Auf dem Sims vor dem Spiegel standen frische, duftende Blumen, und durch die geöffnete Balkontür wehte ein leichter Wind und bauschte die schneeweißen Gardinen duftig auf.

„Ich bin wirklich beeindruckt, Ben Evans“ meinte sie und schmunzelte.

Belustigt sah er sie an.

„Hast Du gedacht, ich wohne in einer einsamen dunklen Höhle, jenseits von gut und böse...“

Meg lachte.

„Bestimmt nicht! Aber ich muß gestehen, das hier hab ich nicht erwartet. Du lebst wirklich nicht schlecht!“

Ben ging in die Küche und kam mit einer Flasche Champagner wieder. Er nahm zwei Kristallgläser aus der Vitrine und schenkte ein. Lächelnd reichte er ihr ein Glas.

„Auf uns, Meg! Was immer die Zukunft bringen mag!“

Bevor sie jedoch anstoßen konnten, klopfte es laut und energisch an die Tür.

 

Nicht gerade erfreut über die unverhoffte Störung übergab Ben Meg sein Glas und öffnete. Vor ihm stand Annie.

„Hallo Ben! Da bin ich!“ Mit einem eigens für ihn aufgesetzten strahlenden Lächeln und in einem Kleid, wie es knapper nicht hätte sein können, rauschte sie ins Zimmer. „Wir wollten doch über die Stadtversammlung reden, zu der Du gestern...“

In diesem Augenblick gewahrte sie Meg, die mit den Gläsern in der Hand neben dem Kamin stand und die Szene interessiert beobachtete.

„Na, das darf ja wohl nicht wahr sein!“ platzte sie heraus und das Lächeln auf ihren grell geschminkten Lippen gefror zu Eis. „Was will denn Dein Flugpinguin hier? Ist sie Dir etwa von L.A. bis Sunset Beach hinterhergewatschelt?“

Ben ließ die Tür geräuschvoll ins Schloß fallen und verschränkte die Arme.

„Annie, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Deine geistlosen Bemerkungen!“ sagte er ruhig, aber bestimmt.

Sie fuhr wütend und frustriert herum.

„Und ob das der richtige Zeitpunkt ist!“ fauchte sie und maß Meg mit einem giftigen Blick. „Gerade noch rechtzeitig, wie mir scheint, bevor dieses Früchtchen ihre Krallen nach Dir ausstrecken kann!“ Sie sah Ben vorwurfsvoll an. „Den ganzen Tag schon warte ich auf Dich, dass Du endlich heimkommst, und dann sehe ich Dich mit dieser... dieser... Flugzeugkellnerin den Strand entlang bummeln, als wenn Du nichts Wichtigeres zu tun hast!“

„Ganz recht, Annie“ antwortete Ben und zog unmutig die Stirn in Falten. „Ich habe im Moment wirklich nichts Wichtigeres zu tun. Also wenn Du uns jetzt bitte entschuldigen würdest!“ Er wies auf die Tür.

Doch Annie dachte gar nicht daran, freiwillig das Feld zu räumen. Sie kniff bösartig die Augen zusammen und trat dicht an Meg heran.

„Was soll das werden? Was wollen Sie hier? Ben hat schon eine Putzfrau... und Drinks servieren kann ich ihm, also, Sie sind hier gänzlich überflüssig!“

„Annie, es reicht!“ Wütend über ihre unflätigen Bemerkungen trat er näher, bereit, den ungebetenen Gast unsanft vor die Tür zu setzen.

„Laß gut sein, Ben“ unterbrach ihn Meg mit einem nachsichtigen Lächeln, „ich glaube, wir sollten gastfreundlich sein und Miss Douglas ebenfalls einen Drink anbieten.“

Sie trat auf Annie zu.

„Eiskalt und nicht abgestanden, so war es doch recht, oder?“ Mit diesen Worten goß sie ihr den Champagner aus ihrem Glas in den Ausschnitt.

Mit dieser Attacke hatte Annie nicht gerechnet. Sie stand kerzengerade da, unfähig etwas von sich zu geben, den Mund fassungslos geöffnet, während ihr das kühle Getränk bis hinunter zum Bauch und noch weiter lief.

Meg lachte.

„Angenehm so, Miss Douglas?“

 

 

 

„Ich befürchte, jetzt habe ich Deine Freundin vergrault.“ stellte Meg fest und verbiß sich ein Lachen, als die Tür krachend zugeworfen wurde. Dafür lachte Ben um so lauter. Kopfschüttelnd nahm er Meg das leere Glas aus der Hand und stellte es beiseite.

„In dem Fall hatte sie es verdient!“ Er öffnete weit die Verandatür und vollführte eine einladende Handbewegung.

„Bitteschön! Wir wollen mal sehen, ob ich mit der Aussichtsplattform des Surf Centers konkurrieren kann.“

Meg trat hinaus und sah sich staunend um.

 „Und da hab ich gedacht, der Ausblick von meinem Balkon wäre nicht zu übertreffen.“ meinte sie und grinste. „Tja, aber da hab ich mich wohl geirrt!“

Ben lächelte verschmitzt und zog sie sacht zu sich heran.

„Du hast noch nicht auf der Veranda vor dem Schlafzimmerfenster gestanden! Da kann man fast bis Tokio sehen!“

„Angeber!“ lachte Meg. „Was wirst Du mir als nächstes erzählen? Dein Schlafzimmer ist viel geräumiger als meines, mit schöneren Möbeln, echten Teppichen...“

„... und einem breiteren Bett!“ ergänzte er und grinste.

„Wie langweilig!“ meinte Meg gespielt gleichgültig.

„Das kommt ja wohl auf einen Versuch an!“ entgegnete Ben, und während  sie beide übermütig lachten, hob er Meg schwungvoll auf seine Arme und trug sie die Treppe hinauf.

Wenig später stand sie oben auf der Veranda und blickte fasziniert auf den Strand und die funkelnden Wellen, in denen sich das letzte Licht des Tages spiegelte.

Sie atmete tief durch.

„Wunderschön!“

Ben trat ganz dicht hinter sie.

„Du bist wunderschön, Meg!“ flüsterte er. Seine Lippen begannen von ihrem Hals über ihre Schulter zu wandern, wobei er Stück für Stück die zahlreichen dünnen Spagettiträger ihres Kleides herunterstreifte. Meg legte genießerisch den Kopf zurück und schloß die Augen. Seine zärtlichen Berührungen jagten ihr wohlige Schauer über den Rücken.

Irgendwann drehte sie sich zu ihm um. Stumm sahen sie sich beide in die Augen und ihre Lippen fanden sich zu einem langen, innigen Kuß.

 

 

 

Außer sich vor Wut war Annie nach Hause geeilt, hatte sich des nassen Kleides entledigt und stand nun vor Empörung zitternd und total frustriert unter der Dusche.

„Das wirst Du mir büßen, Du widerliches, kleines Miststück!“ fauchte sie, während sie ihre Haut schrubbte, als habe Meg sie mit Gift und nicht mit teurem Champagner überschüttet. „Mit Annie Douglas legt man sich nicht umsonst an, das wirst Du bald merken, Du... Du... Landpomeranze! Wenn Du denkst, Du kommst hierher und schnappst mir Ben einfach weg... oh nein, das kannst du vergessen! Ich werde Dich mitsamt Deiner lächerlichen Pinguin- Kluft in den nächsten Flieger setzen, aber vorher bekommst Du noch einen kräftigen Tritt in Dein Hintert...“

„Annie?“ Del steckte irritiert den Kopf durch den Türspalt. „Mit wem erzählst Du denn da? Nimmst Du Deine Lover jetzt auch noch mit unter die Dusche?“

„Daddy...“ Erschrocken drehte Annie das Wasser ab und schielte hinter dem Vorhang vor. „Du bist schon zurück? Ich denke, Du hast heute ein Geschäftsessen in L.A.?“

„Ja, ja“ brummte er ärgerlich, „ich hatte nur noch was vergessen.“ Er wollte schon die Tür schließen, als ihm noch etwas einfiel. „Es kann etwas länger dauern, warte nicht auf mich.“

„Grüß sie schön von mir!“ rief sie ihm trotz ihrer Wut hinterher und grinste geringschätzig. „Geschäftsessen... wer bin ich denn, dass er mir sowas weismachen will!“

Del räusperte sich vielsagend und zog geräuschvoll die Tür hinter sich zu.

Annie wickelte sich in ein flauschiges Handtuch und frottierte ihr Haar.

„Alle haben heute abend ihren Spass...“ maulte sie wütend, „nur ich sitze hier sinnlos herum. Und warum? Weil so ein kleines Luder einfach daherkommt und mir meinen...“

Ein lautes Klopfen an der Eingangstür unterbrach sie mitten in einer neuen Schimpfattacke gegen ihre vermeintliche Rivalin. Mißmutig stampfte sie barfuss die Treppe hinunter.

„Na Daddy, was hast Du denn diesmal vergessen? Etwa die Schachtel mit den Kondomen?“

rief sie genervt und riß die Tür auf.

„Wenn ich gewußt hätte, das man hier sowas braucht, hätte ich welche mitgebracht!“ grinste der junge Mann, der draußen stand und betrachtete sie mit unverhohlener Neugier von oben bis unten. „Hallo Annie, scheint fast so, als hättest Du auf mich gewartet!“

„Eddie!“ schnaufte Annie wenig erfreut und zog ihr Handtuch höher. „Was willst Du denn hier? Del ist nicht da! Du hast ihn gerade verpasst!“

„So?“ Er schob einfach die Tür auf und trat uneingeladen an ihr vorbei ins Haus. „Das ist wirklich schade, dabei ist es äußerst wichtig, was ich ihm sagen muß.“ Bedeutungsvoll lächelnd ließ er sich auf die Couch fallen, ohne Annie dabei aus den Augen zu lassen. „Ich denke, ich werde hier auf ihn warten.“

„Vergiß es!“ zischte sie und wies auf die Tür. „Raus hier, Eddie, oder es gibt Ärger!“

Er lachte hämisch.

„Was willst Du tun, Teufelchen? Willst Du mich mit Deinem Handtuch erwürgen?“

„Verschwinde, oder ich schreie um Hilfe!“ Demonstrativ hielt sie die Tür auf, doch Eddie schien das nur noch mehr zu belustigen. Langsam stand er auf und kam auf Annie zu.

„Nun hab Dich nicht so, Schätzchen, wir könnten eine Menge Spass miteinander haben, wir zwei! Du weißt, ich steh schon lange auf Dich, und wenn Du ehrlich bist, willst Du es doch genauso!“

Annie wich einen Schritt zurück. Obwohl sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, glitzerte doch die Angst in ihren Augen. Dieser schmierige kleine Schnüffler würde vor nichts zurückschrecken, außer vor...

„Wenn Du nicht sofort verschwindest, erzähle ich es Del!“ rief sie in ihrer Not.

Er stutzte einen Moment, doch dann grinste er breit.

„Na klar, nur zu, ich hab noch was gut bei ihm. Er wird sich freuen zu hören, dass die Rechnung beglichen ist!“ Er streckte die Hand nach ihr aus. „Nun komm schon, Annie, Du bist doch sonst nicht so zickig, wir haben den ganzen Abend für uns... Mach endlich die verdammte Tür zu!“

„Ich denke nicht daran! Du bist ja völlig übergeschnappt!“

Auch wenn sie sich vorhin ziemlich einsam gefühlt hatte, auf einen Abend mit Eddie verspürte sie keine Lust. Panisch drehte sie sich um und wollte hinauslaufen, als zwei starke Arme sie auffingen.

„Gibt es hier vielleicht ein Problem?“

 

 

 

Nachdem sich alle vom Deep aus auf dem Heimweg gemacht hatten, nahm Casey Rae kurz zur Seite.

„Na Frau Doktor, wie wäre es, wenn wir den missglückten Strandbummel von gestern nachholen würden?“ Er deutete auf den nachtklaren Himmel über ihnen. „Die Sterne stehen günstig!“

Zu seiner Überraschung lächelte Rae und nickte.

„Okay, gehen wir. Ich kann ein bisschen frische Luft gebrauchen!“

Schweigend schlenderten sie beide nebeneinander her.

„Erzähl mir von Dir, Rae.“ sagte Casey schließlich leise. „Ich weiß viel zu wenig über Dich.“

Rae zuckte die Schultern.

„Was willst Du denn wissen? So wahnsinnig interessant war mein Leben bisher leider nicht.“

Er blieb stehen und sah sie an.

„Also was Du vorgestern Meg in der Küche erzählt hast, von Deiner Familie und wie Du Dich entschlossen hast, einfach draufloszufahren und irgendwo neu anzufangen, das klang schon ziemlich interessant. Und mutig!“

Rae lachte.

„Ach das meinst Du! Ja weißt Du, das war wohl mehr eine Kurzschlussreaktion, ich bin mir fast sicher, mein Professor an der Uni hätte es mit „Panikattacke“ umschrieben!“

„Und...“ Casey suchte krampfhaft nach den richtigen Worten, „gibt es in San Francisco außer Deiner Familie jemanden, den Du vermißt?“

Rae sah ihn einen Augenblick lang stumm an und schüttelte dann den Kopf.

„Nein“ sagte sie, etwas hastig, wie ihm schien, und ging weiter. Casey folgte ihr schnell. „Also das würde heißen, Du hast vor, erst einmal in Sunset Beach zu bleiben? Im Surf Center?“

„Ja, ich glaube schon.“

Casey strahlte und ging eine Weile schweigend neben ihr her. Irgendwann griff er nach ihrer Hand, darauf gefasst, dass sie diese sofort wieder wegziehen würde, doch zu seiner Überraschung tat sie das nicht. Casey warf ihr rasch einen Blick zu und sah, wie sie lächelte. Ihr schwarzes Haar glänzte im Mondlicht.

Vor einem der Strandhäuser blieb er stehen, zog sie sanft zu sich heran und umfasste ihre schmale Taille. Mit großen erstaunten Augen ließ sie es geschehen.

„Du bist wunderschön, Rae!“ flüsterte er leise, und beugte sich vor, um sie zu küssen, als er eine ihm wohlbekannte aufgeregte Stimme hörte:

„Wenn Du nicht sofort verschwindest, erzähl ich es Del!“

Dann war da noch eine Männerstimme, drohend und unheimlich.

Schlagartig wurde Casey klar, wo er sich mit Rae gerade befand. Das war doch Annies Haus, vor dem sie da beide standen! Und es klang sehr danach, als ob Annie in Bedrängnis war...

„Warte einen Augenblick, ich bin gleich zurück!“ rief er und lief zu der Tür, von der die Stimmen kamen.

Rae hatte den heftigen Wortwechsel ebenfalls gehört.

„Sei vorsichtig, Casey!“ rief sie.

„Keine Sorge.“ beruhigte er sie und war schon am Eingang. Keine Sekunde zu früh, denn Annie, die nur mit einem Badetuch bekleidet gerade fluchtartig das Haus verlassen wollte, landete geradewegs in seinen Armen.

„Casey, Gott sei dank, dass Du da bist!“ stöhnte sie und wies zitternd hinter sich. „Dieser Irre da...“

„Na na na! Kein Grund zur Panik!” unterbrach sie Eddie Connors und hob abwehrend beide Hände, als er grinsend in der Tür auftauchte. „Wir haben uns nur nett unterhalten. Aber sie scheint da was falsch verstanden zu haben!“

Casey erfasste die Situation mit einem Blick. Ruhig, aber bestimmt schob er Annie von sich und trat auf Eddie zu, der lässig am Türrahmen lehnte.

„Connors...“ brachte er zwischen den Zähnen hervor, „immer noch das widerliche Stinktier, das wir hier alle kennen!“

„Ach komm...“ Eddie wich einen Schritt zurück, „was soll die ganze Aufregung? Annie übertreibt mal wieder maßlos! Du weißt ja wie das ist, erst heizt sie einen an... Aber wem erzähl ich das, Du kennst sie schließlich viel besser als ich!“

Das hätte er nicht sagen sollen. Casey packte ihn mit eisernem Griff am Hemd.

„Du verschwindest jetzt besser, Connors, oder ich werde dafür sorgen, dass Du ab morgen für Dein Schandmaul ein Gebiss brauchst!“ zischte er.

„Ist ja gut... ich bin schon weg!“ Eddie zog hastig sein Hemd zurecht und verschwand mit einem giftigen Seitenblick auf Annie in der Dunkelheit.

„Alles in Ordnung mit Dir?“ fragte Casey besorgt.

„Ja“ knurrte Annie unwillig, „ich wäre schon allein mit ihm fertiggeworden.“

Casey grinste. Das war doch wieder typisch für sie, nur keine Schwäche eingestehen!

„Na komm, ich bring Dich rein, Du zitterst ja!“ meinte er und nahm ihren Arm., doch sie machte sich ungeduldig los.

„Ist schon gut, ich brauche Deine Hilfe nicht!“ Sie wies in Richtung Strandpromenade. „Sieh lieber nach, wohin Deine kleine Freundin so schnell verschwunden ist!“

„Rae?“ Erstaunt drehte Casey sich um. Die Strandpromenade lag menschenleer vor ihm. Rae war gegangen.

 

 

 

Der junge Mann stieg Ecke Ocean Avenue/ Main- Street aus dem Taxi und blickte sich suchend um. Um diese Zeit befanden sich kaum noch Leute auf der Strasse, und so beschloß er, drüben in den kleinen Waffelshop zu gehen und sich nach einem Motel hier in der Nähe zu erkundigen, wo er die Nacht verbringen konnte. Er nahm seine Reisetasche und überquerte die Fahrbahn.

Das Lokal war fast leer und es schien, als wolle die Besitzerin gerade schließen. Sie und ein junges, blondes Mädchen waren gerade beim Aufräumen, als er hereinkam.

Ein kleiner zotteliger Mischlingshund kam neugierig näher und schnüffelte an den Schuhen des Neuankömmlings.

Die Wirtin lächelte den jungen Mann freundlich an.

„Es tut mir leid“ sagte sie, „aber wir haben bereits geschlossen.“

„Oh, ich wollte eigentlich nur fragen, ob sich hier in der Nähe ein Motel befindet.“ sagte er und wies auf seine Reisetasche. „Ich bin gerade erst angekommen und weiß noch nicht, wo ich die Nacht verbringen soll.“

Das blonde Mädchen blickte auf.

„Unten am Strand, etwa 200m von hier rechterhand ist das Seabreeze- Motel, die haben immer Zimmer frei.“

Die Besitzerin schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht, Tiffany, ob das Seabreeze das Richtige für den jungen Mann ist.“ meinte sie mit einem Blick auf seine teuer aussehende Lederjacke. „Es ist sehr einfach dort, Sie dürften keine großen Ansprüche stellen.“

„Kein Problem“ wehrte er ab und graulte dem kleinen Hund das Fell, „ein Bett für die Nacht würde mir schon reichen.“

„Dann sind Sie dort genau richtig.“ nickte die Blonde, wahrscheinlich die Tochter der Wirtin und fuhr fort, den Tresen zu polieren. „Wie gesagt, von hier aus gerade runter zum Strand und dann ein Stück nach rechts, Sie können`s nicht verfehlen.“

Er nahm seine Tasche.

„Vielen Dank!“ sagte er höflich. „Wir sehen uns sicher in den nächsten Tagen noch.“

„Haben Sie vor, länger in Sunset Beach zu bleiben?“ fragte die nette Wirtin interessiert. Er zuckte unschlüssig mit den Schultern.

„Ich weiß noch nicht, kommt ganz darauf an... wie sich alles entwickelt. Vielleicht mache ich nur mal eine Weile Urlaub, aber vielleicht bleibe ich auch ganz hier... mal sehen.“ Er nickte den beiden Frauen mit einem verbindlichen Lächeln zu.

„Gute Nacht, Ladys!“

Draußen atmete er tief durch. Also erst einmal runter zum Strand...

Auf dem Weg dorthin entdeckte er einen Getränkeautomaten, und da er höllischen Durst verspürte, warf er eine Münze ein und zog sich eine Dose Cola, die er hastig zu öffnen versuchte. Dabei brach der Verschluß ab und bohrte sich schmerzhaft in seinen rechten Daumen.

„Verdammt!“ Schnell suchte er nach einem Taschentuch, um das Blut zu stoppen, dass sofort aus der Wunde schoß. „So ein Mist aber auch!“

„Haben Sie sich verletzt?“ hörte er in diesem Augenblick eine helle Stimme hinter sich. Er drehte sich um und sah in das Gesicht eines Engels.

Der „Engel“ hatte schulterlanges blondes Haar, sinnliche volle Lippen und wunderschöne Augen, deren Farbe er in der Dunkelheit leider nicht erkennen konnte. Ihr Blick nahm ihn sofort gefangen.

„Sie müssen blau sein...“ sagte er gedankenversunken, während er den Blick nicht von ihrem hübschen Gesicht abzuwenden vermochte.

„Wie bitte?“ fragte sie leicht irritiert.

„Ihre Augen...“ antwortete er lächelnd, „ich hab gerade überlegt, welche Farbe sie haben.“

Die junge Frau lachte und hob erstaunt die Augenbrauen.

„Geht es Ihnen gut?“

Er nickte.

„Entschuldigung, ich bin nur total überrascht.“ antwortete er und blickte sie immer noch unverwandt an. „Es ist nämlich so... ich bin gerade erst angekommen und schon begegnet mir das schönste Mädchen von der Westküste Kaliforniens.“ Er lächelte. „Geben Sie es zu, Sie sind ein berühmtes Model, oder zumindest eine bekannte Schauspielerin...“

„Nein!“ Sie lachte, und ihr Lachen gefiel ihm, wie alles an ihr, was er bisher gesehen hatte. „Ich bin weder ein Model, noch eine Schauspielerin. Wie kommen Sie nur darauf? Ich bin eine einfache Medizinstudentin und das da...“ sie wies mit einem besorgten Blick auf seinen Daumen, dessen notdürftiger Zellstoffverband sich bereits beängstigend rot färbte, „sollten Sie möglichst schnell medizinisch versorgen lassen, das scheint ein tiefer Schnitt zu sein!“

„Oh“ er betrachtete flüchtig seine Hand, „das ist nichts weiter!“

Doch die junge Frau war da ganz anderer Meinung.

„So wie das blutet, könnte eine Ader verletzt oder sogar eine Sehne zertrennt worden sein. Wenn das der Fall ist und Sie es nicht behandeln lassen, könnte es passieren, dass Sie den Daumen nie wieder richtig bewegen können.“ Sie wies in Richtung Strand. „Kommen Sie mit, ich bringe Sie zum Sunset Memorial, das ist nur ein paar Schritte von hier entfernt.“

„Ich will Ihnen aber keine Umstände machen, Miss...“

„Ach was, das tun Sie nicht.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. „Übrigens, ich bin Caitlin Richards. Und wer sind Sie?“

„Tim Truman“ antwortete er und ergriff mit der gesunden Linken ihre Hand. „Ich komme aus Kansas und will meine...“ mit einem Blick auf ihr erwartungsvoll lächelndes Gesicht verbesserte er sich schnell „ähm, ich meine, ich will eine alte Freundin von mir besuchen, die seit kurzem hier lebt.“

 

 

 

Als Eddie Connors seine Wohnung betrat, die mehr einer heruntergekommenen Absteige als einem gemütlichen Zuhause glich, blinkte das Faxgerät, das in der Dunkelkammer gleich neben seiner umfangreichen Fotoausrüstung stand.

Mit einer ungeduldigen Bewegung riß er das Blatt heraus und betrachtete es mit finsterem Blick. Der Tag heute war so miserabel für ihn gelaufen, dass er eigentlich keine Lust auf weitere Hiobsbotschaften verspürte. Er las, und plötzlich hellte sich sein mürrisches Gesicht auf und verzog sich zu einem teuflischen Grinsen.

„Sieh mal einer an, welch ein Zufall!“ Er betrachtete das Foto, das zusammen mit dem Text von seinem Kontaktmann in Tokio durchgegeben worden war. „Das Gesicht hab ich doch heute schonmal gesehen, wenn mich nicht alles täuscht!“ Er lachte hämisch. „Die Nachricht wird Del Douglas freuen, da kann ihm sein missratenes Töchterlein erzählen, was sie will. Das hier...“ er wischte mit der Hand über das Fax und nickte „... wird unser Freifahrtschein ins Paradies!“

Er warf das Blatt Papier achtlos auf die Anrichte und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Dann setzte er sich in den schäbigen Sessel, legte die Beine hoch und drückte auf die Fernbedienung des Fernsehers. Er trank das Bier mit einem Zug, rülpste und war Minuten später eingenickt.

Von dem Fax auf der Anrichte lächelte das deutlich erkennbare Gesicht von Dr. Rae Chang.