Teil 16



„Mister Evans...“ Zitternd vor Empörung trat Ronda, Bens Sekretärin, in sein Büro und schloß die Tür hinter sich. „Das mache ich nicht mehr
mit, das... das habe ich einfach nicht nötig!“
Erstaunt sah Ben hoch und registrierte erschrocken, dass die junge Frau mühsam um ihre Fassung rang. Sie war schlank, Ende zwanzig, mit kurzem brünettem Haar und braunen Rehaugen, in denen Tränen der Wut und Empörung standen.
„Ronda, was ist denn los?  Meine Güte, Sie sind ja ganz blass, setzen
Sie sich!“ Er sprang auf und rückte ihr den Sessel zurecht. Sie ließ
sich seufzend hineinfallen und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn.
„Diese unmögliche, anmaßende Person... will mir vorschreiben, wie ich
meine Arbeit zumachen habe, dabei hatten Sie doch bisher nie einen
Grund zur Klage... aber sie beleidigt mich, nur weil... weil ihr ein
paar lächerliche Aktienanteile an der Liberty gehören!“
„Annie!“ stöhnte Ben und verdrehte die Augen. „Macht Sie Ihnen wieder einmal das Leben schwer?“ Er reichte ihr ein Kleenex. Sie nickte und schnäuzte sich geräuschvoll die Nase.
„Ich bin jetzt bereits seit fünf Jahren bei Ihnen, aber so etwas wie
diese Person... sie bringt alle Akten durcheinander, die ich mühsam
sortiert habe, hackt auf meinem Computer herum und hat schon wichtige Daten gelöscht, und mich...“ Sie schluchzte zutiefst getroffen, „mich nennt sie eine dumme Schnepfe und wirft mir vor, ich sei sogar zu dämlich zum Kaffeekochen!“
Ben schüttelte den Kopf und mußte sich mühsam ein Lachen verkneifen. Annie schien mal wieder in Bestform zu sein, und das noch vor dem Mittagessen!
Versöhnlich legte er seiner Sekretärin die Hand auf die zuckenden
Schultern. „Ihr Kaffee schmeckt ausgezeichnet, an Ihrer Arbeit ist überhaupt nichts auszusetzen, und ich möchte Sie wirklich keinen Tag in diesem Chaos hier missen!“ meinte er versöhnlich. „Und das werde ich Miss Douglas jetzt einmal unmißverständlich klarmachen. Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, Ronda.“ Damit ging er hinaus und zog die Tür hinter sich zu.
Annie saß mittlerweile nicht mehr an Rondas PC, sondern hatte es sich an Elisabeths Schreibtisch bequem gemacht, ein Umstand, der Gregorys persönlicher Assistentin, einer etwas korpulenten, resoluten Dame um die Fünfzig, die gerade das Büro betrat, gar nicht gefiel. „Hey!“ rief sie sogleich in ihrer etwas burschikosen Art, „Was soll denn das, Miss Douglas, nehmen Sie sofort Ihre unqualifizierten Finger von meinen Tasten!“
„Ihren Tasten?“ lästerte Annie, ohne aufzusehen. „Schließen Sie die
Augen, Lizzy, dann werden Sie sehen, was hier in diesem Büro Ihnen
gehört!“
„Also das ist doch...“ Elisabeth zog empört die Luft ein und holte
bereits zum verbalen Gegenschlag aus, aber Ben bedeutete ihr durch
eindeutige Handzeichen, sich zu beruhigen.  Er trat hinter den Schreibtisch, faßte den Computerstuhl, auf dem Annie thronte und drehte ihn schwungvoll zu sich um.
„Hoppla!“ entfuhr es ihr, dann hob sie trotzig das Kinn und sah Ben
herausfordernd an. „Was willst Du, ich habe zu arbeiten!“
Elisabeth verdrehte die Augen. „Das ich nicht lache!“
„Ihnen wird das Lachen gleich vergehen, wenn ich nicht sofort die
Dateien über das Ferienprojekt finde!“ fauchte Annie.
„Diese Dateien gehen Sie doch überhaupt nichts an!“ gab Elisabeth
zurück.
Annie blitzte Ben wütend an. „Sag dieser Tippse, sie soll gefälligst den Mund halten!“
„Tippse?“ keifte Elisabeth und knallte ihre Handtasche auf den Tisch. „Sie ticken wohl nicht ganz richtig, was?“
„Ruhe!“ rief Ben in lautem Befehlston, der keinen Widerspruch duldete, zog Annie mit einem Ruck von ihrem Stuhl hoch und schob sie trotz ihres Protestes gewaltsam in Gregorys Büro. Mit einem Fußtritt schloß er die Tür und bugsierte „Miss Störenfried“ in den Sessel vor dem Schreibtisch, wo er sie abrupt losließ, so dass sie etwas unsanft landete.
„Aua!“
„Sag mal, bist Du noch ganz bei Trost?“ wetterte er los.
„Wieso, was hab ich denn getan?“ antwortete sie schmollend wie ein
Kind, dem man das Spielzeug weggenommen hat. „Du mußt nicht gleich
ausrasten, nur weil ich diesen Gänsen mal die Meinung gesagt habe!“
„Diese „Gänse“, auf denen Du hier herumhackst, sind unsere treusten und verlässlichsten Mitarbeiter, und ich werde eigenhändig dafür sorgen, dass Du keinen Fuß mehr in dieses Bürogebäude setzt, wenn Du noch mal Deine Launen an ihnen auslässt!“
„Ben“ sagte Annie beleidigt und sah ihn schief an, „ich wollte mich nur ein wenig nützlich machen. Wenn ich endlich ein eigenes Büro und einen eigenen Computer hätte...“
Ben stemmte die Hände in die Hüften.
„Was zum Teufel willst Du mit einem eigenen Büro?“
„Arbeiten.“ erwiderte sie trocken.
„Und was, wenn ich fragen darf? Bisher weißt Du doch gar nichts von der Firma, außer, dass sie dafür sorgt, dass Du Deinen aufwendigen
Lebensunterhalt bestreiten kannst.“
„Dann erklär es mir, Ben!“ rief sie und funkelte ihn wütend an. „Aber
Du verbringst ja Deine Zeit lieber mit irgendwelchen arbeitslosen
Zugvögeln, die sich nicht unter Kontrolle haben!“
Ben holte tief Luft. Mit Mühe gelang es ihm ruhig zu bleiben und ihre
letzte Bemerkung zu ignorieren. „Du willst arbeiten? Na gut... einen Moment.“ Er verließ Gregorys Büro und kam kurz darauf mit einigen Unterlagen zurück. „So, Annie, hier habe ich eine Liste mit Aufträgen, die Du in dieser Woche erledigen kannst. Wie Du weißt, haben Gregory und ich ein Team von Geologen zur Untersuchung der zu sprengenden Höhlen aus L.A. angefordert. Sie treffen morgen in Sunset Beach ein. Du wirst Dich als offizieller Vertreter der Firma um sie kümmern. Hier sind die Unterlagen über alle Fakten, die Dir bis zu ihrer Ankunft bekannt sein sollten. Nimm sie mit nach Hause und lies Dir alles aufmerksam durch. Bis morgen solltest Du mit ein wenig Kompetenz glänzen, ansonsten muß ich meiner Sekretärin diese Aufgabe übertragen. Ronda ist nämlich mit allen entsprechenden Fakten vertraut.“
„Wie schön für sie.“ fauchte Annie, schnappte sich die Papiere und ging zur Tür. Als sie an Ben vorbeikam, veränderte sich ihr
Gesichtsausdruck, und sie strich ihm spielerisch mit einem Finger über den Arm. „Ich erwarte Dich heute abend bei mir. Bis dahin habe ich dieses Zeug hier auswendig gelernt. Dann könntest Du mich abhören!“
Ben lachte und steckte die Hände in die Hosentaschen.
„Tut mir leid, aber ich mache heute keine Überstunden! Außerdem habe ich schon eine Verabredung.“
Annie rauschte hinaus und knallte die Tür wutentbrannt hinter sich zu.


Der Besitzer des Deep schien es gar nicht erwarten zu können, die Bar endlich loszuwerden. Schon am nächsten Tag traf er sich mit Cole und Tess beim Notar. Nachdem die Übergabe erfolgreich abgeschlossen war, standen die beiden auf der Strasse und sahen sich einen Moment lang sprachlos an.
„Ich kann es nicht glauben, Cole.“ flüsterte Tess. „Jetzt sind wir
beide zwar fast pleite, aber wir sind tatsächlich Besitzer einer
Nachtbar!“
Sie sahen sich an und fielen sich schließlich wie auf Kommando glücklich lachend in die Arme. Cole schwenkte Tess übermütig herum.
„Hey, hör auf, mir wird ja ganz schwindlig!“ rief Tess. Er setzte sie
ab, ließ sie aber nicht gleich los. So standen sie einen Moment lang
stumm da, während ihre Blicke versunken ineinander tauchten. Zum ersten Mal schien Cole zu bemerken, was für wunderschöne smaragdgrüne Augen Tess hatte. Augen zum Verlieben...
„Er sieht verdammt gut aus, wenn er so lächelt!“ fuhr es Tess durch den Kopf...
Cole räusperte sich verlegen. Sofort waren sie beide wieder auf dem
Boden der Tatsachen. Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Den Schlüssel zum Deep hochhaltend, meinte er unternehmungslustig: „Komm, wir sollten uns vielleicht noch mal genauer anschauen, auf was wir uns da gerade eingelassen haben!“
„Okay!“ nickte Tess und schüttelte alle anderen Gedanken ab, „Laß uns gehen!“


Als Meg mittags beladen mit zwei dicken Einkaufstüten vom Supermarkt  kam, war Casey gerade dabei, den Zaun, den er vormittags repariert hatte, neu anzustreichen.
„Hey Meg, Du hattest Besuch!“ sagte er bedeutungsvoll und rieb sich das vom ständigen Hinunterbücken schmerzende Kreuz.
„So? Wer sollte mich denn um diese Zeit besuchen?“ fragte sie
ungläubig.
„Keine Ahnung, wer der Typ war und was er wollte.“ antwortete Casey
schulternzuckend und nahm ihr die Tüten ab, während sie die Tür
öffnete. „Er trug einen super teuren Anzug und tat sehr geheimnisvoll. Ich hab ihm gesagt, Du bist nur kurz einkaufen, und er könne gerne hier auf Dich warten, aber er sagte, er käme später noch mal wieder.“
Sie stellten die Einkäufe auf den Küchentisch und Meg begann alles
auszupacken. „Keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte.“ meinte sie und betrachtete Casey schmunzelnd. „Ich kenne hier keinen Herrn im superteuren Anzug! Nur einen Typen in Shorts, der ziemlich mit Farbe bekleckert ist!“
Casey lachte.
„Soll ich Dich mal in den Arm nehmen?“ fragte er und hob zum Spass
drohend die farbbeschmierten Hände.
„Untersteh Dich!“ rief Meg und schob ihn lachend zur Tür hinaus.
Sie war gerade mit dem Abwaschen des mitgebrachten Obstes beschäftigt, als es klingelte.
Sie wischte sich die nassen Hände am Hosenboden ihrer abgeschnittenen Jeans ab und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein schlanker, älterer Mann mit graumeliertem Haar. Trotz der Mittagshitze trug er einen dunklen Anzug und darunter ein weißes Hemd mit Binder. In der Hand hielt er einen großen Aktenkoffer.
„Miss Cummings... Meg Cummings?“ fragte er freundlich.
„Ja, die bin ich.“ antwortete sie erstaunt, denn sie hatte diesen Mann
noch nie vorher gesehen. „Was kann ich für Sie tun, Sir?“
Er reichte ihr die Hand, die sich trotz der Temperaturen, die draußen herrschten, ziemlich kühl anfühlte.
„Mein Name ist Roger Miles, ich bin Anwalt und hätte Sie gerne einen
Moment unter vier Augen gesprochen.“
„Ja... natürlich“ Überrascht trat Meg beiseite und bat ihn mit einer
einladenden Handbewegung herein. Casey reckte draußen hinter seinem Zaun neugierig den Hals, doch Meg warf ihm einen ratlosen Blick zu und zuckte nur mit den Schultern, bevor sie die Tür hinter sich schloß.


„Bitte, Mr. Miles, nehmen Sie Platz.“ sagte sie höflich und wies auf
die Couch im Wohnzimmer. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
„Gerne.“ nickte Roger Miles und setzte sich, während er den Aktenkoffer sorgsam neben seinen Füßen abstellte. „Ein Mineralwasser wäre schön.“
Während Meg das Gewünschte aus der Küche holte, arbeiteten ihre
Gedanken fieberhaft. „Roger Miles, Anwalt... nein, sie konnte sich nicht erinnern, jemals von diesem Mann gehört zu haben. Hier konnte es sich fast nur um eine Verwechslung handeln. Sie ging wieder hinein und stellte das Glas vor ihm auf den Tisch, während sie ihm gegenüber Platz nahm. Er trank einen tiefen Schluck und sah sich kurz um. „Können wir hier ungestört reden?“
„Ja natürlich, außer uns ist momentan niemand im Haus.“ erwiderte Meg leicht irritiert.
„Das ist gut.“ meinte Roger Miles zufrieden. „Sie werden sich fragen,
weshalb ich hier bin. Also die Sache ist die: Ihr letzter Flug mit Blue
Sky Airlines ging von Tokio nach L.A.“
Meg nickte.
„Das ist richtig.“
„Sie hatten einen Notfall an Bord. George Carter.“
Meg lächelte.
„Mister Carter, ja natürlich. Kennen Sie ihn? Ich würde gern wissen,
wie es ihm geht!“
Roger Miles nickte.
„Oh, es geht ihm den Umständen entsprechend gut, und er wird die
Klinik, in der er sich derzeit noch befindet, hoffentlich bald wieder
verlassen können. Ich bin der Anwalt von Mister Carter, und er hat mich beauftragt, Sie in Sunset Beach aufzusuchen.“
Ungläubig schaute Meg ihn an.
„Mich aufzusuchen? Aber warum...“
„Nun, es ist so, er ist nach wie vor der festen Meinung, das er den
glücklichen Umstand, dass er noch am Leben ist, ausschließlich Ihnen zu verdanken hat. Er ist davon überzeugt, dass er ohne Ihre Hilfe L.A. niemals lebend erreicht hätte.“
„Ach was, ich hab doch gar nichts weiter getan.“ wehrte Meg ab und
lächelte. Mister Miles erwiderte ihr Lächeln. „Nicht so bescheiden, Miss Cummings. Sie sollten nicht unterschätzen, was Sie für meinen Mandanten getan haben. Aber wie dem auch sei, er wollte, das ich Sie aufsuche, um Ihnen seine Grüße und seinen aufrichtigen Dank auszurichten... und ich soll Ihnen das hier übergeben.“ Damit nahm er den Aktenkoffer und legte ihn vor Meg auf den Tisch. „Öffnen Sie ihn!“
Zögernd betätigte Meg das Schloß und der schwarze Lederkoffer sprang auf. Sie hob den Deckel und erstarrte. In dem Koffer lag ein
funkelnagelneuer Laptop mit allem Zubehör.
„Ja aber...“ Fassungslos sah sie Roger Miles an. Dieser lächelte.
„Ein Prototyp von Carter- Electronics.“ erklärte er und wies dann auf
das Fach im Kofferdeckel. „Bitte, lesen Sie den Brief in dem Umschlag, der an der Seite steckt, dann werden Sie verstehen.“
Meg nahm das Schreiben heraus und begann zu lesen:

„Liebe Meg, während ich diese Zeilen hier schreibe, geht es mir schon viel besser, und mein Herz beginnt wieder einigermaßen normal zu schlagen. Ich habe Ihnen mein Leben zu verdanken, nein, versuchen Sie es gar nicht erst zu bestreiten, ich weiß, das es so ist. Menschen wie Ihnen begegnet man heute nicht mehr allzu oft, und ich hoffe, sie können sich mit dem, was Roger Ihnen heute in meinem Namen überbringt, einen Traum erfüllen. Tun Sie es, Meg, es ist der richtige Weg! Alles andere wird Roger Ihnen erklären. Ich hoffe, Sie finden Ihr Glück in Sunset Beach. Sie haben es verdient. Mit lieben Grüßen  George Carter“

Etwas ratlos blickte Meg auf Roger Miles. Der nickte lächelnd und holte ein großes Kuvert aus der Innentasche seines Jacketts.
„Das hier gehört zum Inhalt des Aktenkoffers.“ sagte er, während er ihr ein Schriftstück daraus reichte. „Bewahren Sie es sorgsam auf, wir haben das Datum absichtlich offengelassen.“
Meg betrachtete das Blatt in ihrer Hand.
„Eine Einschreibung zum Studium an der Medical University Los
Angeles...“ stellte sie fest und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Direkt- oder Fernstudium, das ist Ihnen überlassen, Miss Cummings.“ erklärte Miles. „Sie tragen das irgendwann in der nächsten Zeit selbst ein und das Datum dazu, und Sie können Ihr Medizinstudium beginnen. Die Aufnahmegebühr hat Mister Carter bereits bezahlt. Und damit Sie es auch finanzieren könne, schickt er Ihnen noch dies hier...“ Mit diesen Worten reichte er ihr einen Scheck. Beim Anblick der darauf ausgedruckten Summe wurde Meg blass.
„50.000 Dollar?“ Sie schluckte und ihre Hände begannen zu zittern. „Aber das ist...“
Roger Miles lachte.
„Er muß Sie wirklich ins Herz geschlossen haben. Sonst ist er nämlich
nicht so großzügig, glauben Sie mir! Er hat schon viele schlechte
Erfahrungen gemacht.“
„Mister Miles...“ stotterte Meg verwirrt, „das... kann ich beim besten
Willen nicht annehmen, das ist... viel zu viel!“
Das Gesicht des Anwalts wurde ernst.
„Wenn Sie es nicht tun, junge Dame, verliere ich meinen Job. Also sehen Sie das ganze einfach als Chance, Ihren Jugendtraum zu verwirklichen. Werden Sie Ärztin. Und ich bin sicher, für den Rest des Geldes wird sich ebenfalls eine Verwendung finden.“
Meg nickte nur stumm, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich glaub das einfach nicht.“ flüsterte sie. „Wie kann ich mich bei
Mister Carter bedanken? Haben Sie eine Telefonnummer, oder besser noch seine Adresse, dann werde ich ihn besuchen, wenn ich in L.A. bin!“
Roger Miles schüttelte den Kopf.
„Das ist momentan nicht möglich, Miss Cummings.“ Er sah sich nochmals im Zimmer um, als wolle er sicher gehen, das auch wirklich niemand das Gespräch belauschte. „Mister Carters Leben ist in höchster Gefahr, und solange das so ist, sind auch alle Personen, die mit ihm zu tun haben, nicht sicher. Er möchte Ihr Leben nicht unnötig gefährden, deshalb bitte, versuchen Sie nicht, mit ihm Kontakt aufzunehmen.“
„Ja aber, wieso... ich meine, wer will...“
„Er ist ein mächtiger Mann, ihm gehört ein Riesenkonzern, nicht nur in Japan. Carter Electronics ist führend in der Branche. Es gibt einige Leute, die alles daran setzen, ihn auszuschalten. Er hinterlässt keine Erben, und es wird vermutet, dass schon der Unfall seiner Frau vor einem Jahr kein Zufall war. Genausowenig, wie sein Herzanfall im
Flugzeug keiner war.“
„Was? Wollen Sie damit sagen...“ Meg riß die Augen auf. Der Anwalt
nickte. „Jemand hat seine Herztabletten ausgetauscht. Das er an Flugangst leidet, ist allgemein bekannt. Es wäre nie aufgefallen.“
„Meine Güte!“ Geschockt fiel Meg in ihren Sessel zurück. „Das gibt’s
doch gar nicht.“
„Doch, leider.“ bestätigte Miles. „Für Geld und Macht schrecken manche Leute vor nichts zurück. Sie verstehen also, das es wichtig ist, dass Sie vorerst niemand mit George Carter in Verbindung bringt. Falls Sie Fragen haben, oder es irgend ein Problem gibt, hier ist meine Karte.“ Er reichte ihr seine Visitenkarte und erhob sich. „Mich können Sie jederzeit anrufen.“
Mit zitternden Knien stand Meg auf und reichte Roger Miles die Hand. „Danke.“ sagte sie leise. „Grüßen Sie Mr. Carter vielmals von mir, und er soll recht gut auf sich acht geben.“
„Ich werde es ihm bestellen.“ nickte Miles und zwinkerte ihr zu.
„AllesGute, Miss Cummings.“


Als Casey, kurz nachdem der Anwalt das Haus verlassen hatte,
hereingestürzt kam, um zu sehen, ob mit Meg alles in Ordnung war,
lehnte sie immer noch an der Wand neben der Tür und starrte stumm vor sich hin.
„Meg, was ist mit Dir?“ Casey legte kurzerhand seinen Arm um ihre
Schultern und führte sie zum Sofa. „Los, setz Dich. Nun erzähl schon, was war denn los?“
Sie schüttelte nur den Kopf und sah ihn fassungslos an. „Vergiß es, das glaubst Du mir sowieso nicht!“


Tim hatte bis mittags geschlafen und danach einen kleinen Stadtbummel unternommen.  Im Java Web, dem Internetcafè in der Main- Street, bestellte er sich eine Kleinigkeit zu essen und ließ sich an einem der Computer nieder, wo er gelangweilt die Webseite der lokalen Zeitungsredaktion aufrief, die er zuvor bei der freundlichen Bedienung erfragt hatte. Gelangweilt blätterte er in den Informationen, in der vagen Hoffnung, vielleicht etwas über seine ehemalige Verlobte zu lesen, denn bisher hatte er keine Ahnung, wo genau in der Stadt sie sich aufhielt. Nach einer Weile gab er genervt auf und schaltete den Rechner aus. Warum zum Teufel sollte etwas über Meg in der Zeitung stehen?  Meg... seine Meg, seine erste große Liebe... verdammt, er liebte sie wirklich, zu dumm, das sie ihn bei einem seiner kleinen Abenteuer erwischt hatte, und das auch noch am Morgen ihres Hochzeitstages! Aber das sie gleich so ausrasten und ihn vor all seinen Freunden und Verwandten vor dem Traualtar stehen lassen mußte, das war ja nun wirklich nicht nötig gewesen! Und ihre Familie behandelte ihn seitdem, als hätte er eine ansteckende Krankheit...  Aus den Nachrichten hatte er schließlich erfahren, dass die Fluggesellschaft, für die Meg arbeitete, pleite war. Das hieß, sie war derzeit wahrscheinlich ohne Job und hatte sich irgendwo eine Bleibe gesucht. Er hatte ewig gebraucht, um herauszubekommen, wo sie sich derzeit aufhielt, und wenn er nicht vor ein paar Tagen zufällig gehört hätte, wie Sara ihren Freundinnen stolz erzählte, ihre große Schwester wohne jetzt in Kalifornien, in einer Kleinstadt namens Sunset Beach in einem Zimmer mit Blick auf den Ozean, dann würde er immer noch ziellos die Gegend nach ihr absuchen. Er mußte herausbekommen, wo genau sie wohnte, dann wäre es nur eine Frage der Zeit, dass sie ihm verzeihen und mit ihm gemeinsam in ihre Heimatstadt nach Ludlow in Kansas zurückkehren würde, dessen war er sich ganz sicher.  Er lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee, während er die Umsitzenden kurz musterte. Als er vorhin hier hereinkam, hatte er irgendwie gehofft, seine Bekanntschaft von neulich abends vielleicht an einem der Computer vorzufinden, schließlich war sie ja Studentin. Sie hatte ihn ziemlich beeindruckt, so dass er sie kurzerhand gebeten hatte, sich heute bei Sonnenuntergang mit ihm am Strand vor dem Sunset Memorial Hospital zu treffen, wohin sie ihn wegen der Schnittwunde in seinem Daumen begleitet hatte.  Caitlin Richards...
Tim lächelte. Sie hatte dem Treffen heute abend nicht ausdrücklich
zugestimmt, aber sie hatte ihn so vielsagend angesehen mit ihren
schönen Augen, von denen er noch immer nicht wußte, ob sie nun blau
oder grün oder vielleicht braun waren. Aber dieser Blick hatte genügt, sie würde da sein, am Strand bei Sonnenuntergang, darüber hegte er gar keinen Zweifel. Bisher konnte er sich immer auf seinen Charme verlassen, kaum ein Mädchen hatte ihm lange widerstehen können. Und so ein echtes kalifornisches Girl... seine Freunde zu Hause würden vor Staunen die Augen aufreißen und vor Neid erblassen! Er winkte der Bedienung, zahlte und verließ das Java Web.
Kurzentschlossen schlug er den Weg zum Strand ein. Seine Suche nach Meg konnte er auch morgen noch fortsetzen, jetzt wo er wußte, dass sie hier irgendwo wohnte. Heute warteten erst einmal interessantere Dinge auf ihn.