Teil 17
Natürlich konnte Casey kaum fassen, was Meg ihm zu berichten hatte. „Das gibt’s
doch gar nicht!“ meinte er kopfschüttelnd und schaute sie dann ernst an. „Das
ist eine Riesenchance für Dich, Meg, die solltest Du unbedingt nutzen!“
Sie blickte nachdenklich vor sich hin. „Ja schon, aber das geht mir jetzt alles
etwas zu schnell. Ich bin gerade dabei, mich hier einzuleben, und dann wäre da
noch...“
„Ben.“ grinste Casey.
“Ich verstehe. Aber Du mußt Dich doch nicht
gleich entscheiden, hast Du nicht eben gesagt, er hat das Datum
freigelassen, so dass Du Dich irgendwann in der nächsten Zeit dort
einschreiben kannst?“
Meg nickte. „Ja, das ist richtig. Mit dem Formular ist lediglich die
Aufnahmegebühr bezahlt. Ich werde das alles gut aufheben und in ein paar Wochen
weiß ich sicher, was genau ich tue.“
„An Deiner Stelle würde ich zur Bank gehen und den Scheck sowie die Anmeldung
für die Uni dort in einem Schließfach deponieren. Man kann nie wissen.“
„Ja, Du hast recht, Casey.“ stimmte Meg spontan zu. „Kommst Du mit? Ich hab
keine Ahnung, wo hier in Sunset Beach überhaupt eine Bank ist.“
Casey grinste.
„Klar komm ich mit. Wenn Du mir vorher noch Zeit zum Duschen gibst, so
bekleckert, wie ich aussehe?“
„Na mach schon!“ lachte Meg, „bevor Dich noch jemand mit einer Deiner
Zaunslatten verwechselt und Dich draußen festnagelt!“
Als Casey und Meg gerade das Haus verlassen wollten, kamen Tess und Cole
hereingestürmt und platzten natürlich sofort mit den neusten Neuigkeiten heraus.
„Voilà! Vor Euch stehen die neuen Besitzer der berühmten Nachtbar „The Deep“!“
sagte Cole und breitete lachend die Arme aus.
„Wir haben schon ein Schild an die Tür zum Deep gehängt, dass es in den nächsten
Tagen geschlossen ist, und dass am kommenden Wochenende eine große
Eröffnungsparty steigt!“ rief Tess und hüpfte wie ein Kind auf der Stelle, wobei
sie begeistert in die Hände klatschte.
Casey zog die Stirn in Falten. „Was, so bald schon? Du liebe Zeit, da müsst Ihr
Euch aber mächtig beeilen!“
„Ach, wieso,“ winkte Tess ab, „das Mobiliar ist vorhanden, es muß nur
ein wenig umgeräumt und dekoriert werden, wir müssen die Bestände
aufnehmen und vervollständigen, dann einkaufen, saubermachen, einiges neu
anstreichen, Werbung machen...“
„Okay, hör schon auf!“ lachte Cole und hob die Hände. „Sieht so aus,
als ob wir doch etwas länger brauchen würden!“
Meg sah nachdenklich von einem zum anderen.
„Nicht, wenn wir Euch alle helfen.“ Sagte sie und zwinkerte Tess
aufmunternd zu. „Also ich denke, wenn wir heute abend gleich
anfangen...“
„Klar“ stimmte Casey zu, „wer Zeit hat, packt mit an. Also ich bin auf
jeden Fall dabei.“
Erleichtert umarmte Tess erst Meg, dann Casey.
„Toll, ich danke Euch! Ihr seid wirklich klasse!“
Und so kam es, dass die Surf Center Bewohner nach dem Abendessen
geschlossen ins Deep zogen, um damit zu beginnen, die Bar auf
Vordermann zu bringen. Meg hatte noch versucht, Ben anzurufen, um ihm zu
sagen, wo sie später zu finden sei, aber er schien nicht zu Hause zu sein. Etwas
enttäuscht hinterließ sie ihm eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, mit dem
Hinweis, das sie ihm tolle Neuigkeiten zu berichten habe, und er möge sie auf
ihrem Handy zurückrufen, um eventuell ein späteres Treffen zu vereinbaren.
Als sie mit Vanessa, Michael, Mark und Casey zum Deep ging, entdeckte sie ein
Pärchen am Strand. Die beiden schauten sich verliebt den Sonnenuntergang an. Die
junge Frau hatte langes blondes Haar, und der Mann sah von weitem aus wie...
Tim!
Meg blieb einen Augenblick lang stehen und wischte sich mit dem
Handrücken über die Augen. Das gleißende Licht der untergehenden Sonne blendete
sie, und sie schüttelte schließlich den Kopf über sich
selbst. „Ich seh` wohl schon Gespenster!“ murmelte sie und wandte sich ab, um
den anderen zu folgen. Wie sollte Tim ausgerechnet hierher kommen! Er wußte ja
nicht einmal, wo sie sich derzeit aufhielt, und das war auch gut so. Trotzdem
drehte sie sich später noch einmal nach dem Pärchen am Strand um, aber die
beiden waren inzwischen verschwunden.
Annie hatte den ganzen Nachmittag über den Unterlagen gesessen, die ihr Ben
mitgegeben hatte. Sie wollte sich morgen, wenn dieses Team von Maulwürfen, wie
sie die Archäologen geringschätzig nannte, eintraf, keine Blöße geben und
bestens auf alle anfallenden Fragen vorbereitet sein, um vor allem Ben mit ihrem
Wissen zu imponieren, aber schließlich siegte ihr Desinteresse an dieser Sache
über den guten Willen, und die ungewohnte Anstrengung des Auswendiglernens
bescherte ihr quälende Kopfschmerzen. Frustriert warf sie den Hefter in die Ecke
und machte sich auf den Weg zur Apotheke, um sich Aspirin zu holen. Während sie
die Tabletten in Empfang nahm und bezahlte, betrat eine junge Frau die Apotheke.
„Hallo Mister Miller, wie geht es Ihnen?“ hörte Annie eine Stimme, die ihr
merkwürdig bekannt vorkam. Konnte das möglich sein, war das
nicht...
„Misses Evans!“ freute sich der ältere Herr hinter dem Verkaufstresen und
bestätigte damit Annies Verdacht, „es freut mich außerordentlich, sie nach so
langer Zeit einmal wieder zu sehen! Wie geht es Ihnen?“
„Oh danke, es geht mir ausgezeichnet!“ erwiderte Maria.
Annie, schon im Gehen begriffen, legte keinerlei Wert darauf, von der Frau, die
ihr zutiefst verhasst war, weil sie ihr damals Ben vor der Nase weggeschnappt
hatte, erkannt zu werden. Sie wandte sich eilig dem an der Seite stehenden Regal
mit den Schönheitsmitteln zu und studierte scheinbar interessiert die weiter
unten befindlichen Cremes, so dass sie fast gänzlich aus Marias Blickfeld
verschwand.
„Was will denn die hier in Sunset Beach?“ dachte sie in einem Anflug
von Panik. „Ich dachte, die wären wir ein für allemal los!“
Maria schien Annies Anwesenheit gar nicht bemerkt zu haben, denn sie drehte
nicht einmal den Kopf, sondern begann, sogleich ihre Wünsche zu äußern.
„Ich möchte dieses Rezept einlösen.“ hörte Annie ihre Stimme.
„Vitamine...“ stellte Mister Miller fachmännisch fest und suchte das
Gewünschte heraus.
„Ja...“ antwortete Maria etwas hastig, „ich war in letzter Zeit
ziemlichem Stress ausgesetzt, und Dr. Robinson meinte, ich solle meinem Körper
mal etwas Gutes tun.“
„Stress...“ dachte Annie feindselig, „der Einzige, dem Du Stress
bereitet hast, war Ben, Du Hexe! Du hast ihm das Herz gebrochen und bist mit
seinem Bruder auf und davon, der Teufel soll Dich holen,
Miststück!“
Der Apotheker legte ihr das Präparat vor.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Misses Evans?“
„Ja, ich hätte gern... nun, wie soll ich sagen, na ja.. „ sie druckste
etwas verlegen herum, „in letzter Zeit kann ich kaum noch schlafen, ich brauche
ein starkes Schlafmittel, das schnell wirkt und auch wirklich ein paar Stunden
anhält... aber es soll mir auch hinterher nicht das Gefühl geben, ich sei mit
dem Kopf vor die Wand gerannt, ich möchte nur einfach mal wieder eine Nacht
richtig durchschlafen können.“
Mister Miller überlegte einen Moment.
„Ja, ich glaube, da habe ich genau das Richtige für Sie. Diese Kapseln
hier. Aber ich muß dazu sagen, dieses Medikament ist ziemlich stark und sollte
nicht länger als ein paar Tage ohne ärztliche Anordnung
eingenommen werden.“
„Gut, ich werde es ausprobieren.“ Maria bezahlte und nickte dem
Apotheker freundlich zu. „Haben Sie vielen Dank, Mister Miller.“
„Oh, nichts zu danken, Misses Evans. Einen schönen Tag noch, und grüßen Sie Ihre
Mutter recht herzlich von mir!“ antwortete der ältere Mann und hielt ihr
dienstbeflissen die Tür auf, während sie die Apotheke mit zufriedenem Lächeln
verließ.
„Vitamine, Schlafmittel... „ überlegte Annie angestrengt, während sie
immer noch vor den Schönheitscremes hockte. „Ich weiß ja nicht,
irgendwie verträgt sich das aber auch nicht... Na ja, egal, hoffentlich
nimmt sie die doppelte Dosis des Schlafmittels...“
„Kann ich Ihnen behilflich sein, Miss?“ fragte der Apotheker, der
unbemerkt hinzugetreten war, höflich und betrachtete sie etwas
mißtrauisch. „Das sind die Schönheitslotions für Teenager und junge
Mädchen, ich glaube, für Sie sollten wir doch lieber ein Präparat für
die reifere Frau auswählen.“
„Unverschämtheit!“ fauchte ihn Annie empört an, sprang auf und verließ grußlos
die Apotheke.
Nachdem Ben ziemlich spät aus dem Büro zurückgekommen war, duschte er, zog sich
um und sah zur Uhr. Das Treffen mit Maria stand kurz bevor und er war spät dran.
Daher beschloß er Wagen zu nehmen, um wenigstens nach dem Besuch bei seiner
Exfrau noch einmal bei Meg vorbeischauen zu können. Da sie ihn bisher nicht
angerufen und auch keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte,
vermutete er, sie später im Surf Center anzutreffen. Den Türgriff schon in der
Hand, atmete er noch einmal tief durch. Marias Einladung zum Abendessen
sah er mit gemischten Gefühlen entgegen, denn er war sich nicht sicher, was sie
sich von diesem Abend erhoffte oder versprach. Vielleicht meinte sie es ja
ehrlich und wollte wirklich nur etwas wieder gutmachen.
Seine Gedanken wanderten kurz in die Vergangenheit.
Sie hatten so schöne Zeiten miteinander verbracht und waren sich beide unendlich
nah gewesen, eine Liebe, die eigentlich für ein ganzes Leben halten sollte...
Nun, es war alles anders gekommen. Maria hatte sich plötzlich gegen ihn
entschieden, und auch, wenn sie ihre Entscheidung inzwischen aus tiefstem Herzen
zu bereuen schien, gab es für ihn doch kein Zurück. Tief in seinem Herzen hatte
er das immer gewußt, schon von dem Tag an, als sie ihn verließ, auch wenn er ihr
sehr lange Zeit nachgetrauert hatte.
Aber er hatte seine festen Prinzipien. Niemals würde er mit einer Frau zusammen
sein wollen, die eine Beziehung mit seinem Bruder gehabt hatte, niemals! Das
hatte er sich vor langer Zeit geschworen. Er würde nicht zulassen, das Derek
sich noch einmal in irgend einer Weise in sein Leben drängte, nie mehr!
Derek..., sein Zwillingsbruder, sein Ebenbild, aber leider nur rein
äußerlich... Ben konnte sich bis heute nicht erklären, warum Derek es sich
zum Lebensziel gemacht zu haben schien, ihm immer das wegnehmen zu wollen, was
ihm das Liebste und Wertvollste war. Bereits als Kind hatte es ihm unbändige
Freude bereitet, ihm Dinge zu zerstören, an denen sein Herz hing, später dann
auf dem Collage nutzte er seine Ähnlichkeit mit Ben, um ihm die Freundinnen
auszuspannen und ihm auf diese zweifelhafte Weise seine Überlegenheit zu
demonstrieren. Ben lächelte bitter.
Seit er sich hier in Sunset Beach niedergelassen hatte, war Ruhe
gewesen, und er hatte gehofft, Derek wäre endlich zur Vernunft gekommen und
würde ihn fortan in Ruhe lassen, um sich irgendwo mit dem beträchtlichen
Vermögen, das sie beide von ihren Eltern geerbt hatten, sein eigenes Leben
aufzubauen, aber dann war er plötzlich hier aufgetaucht und hatte es irgendwie
geschafft, ihm Maria zu nehmen... Er ballte die Fäuste. Das würde kein zweites
Mal passieren! Für ihn existierte Derek nicht mehr, und wenn er doch versuchen
sollte, ihm in irgend einer Weise zu schaden, würde er ihn mit allen Mitteln
bekämpfen, notfalls bis zum Äußersten! Er riß sich gewaltsam aus seinen düsteren
Gedanken, nahm seinen Autoschlüssel vom Tisch und zog die Tür hinter sich zu.
Das Läuten des Telefons hörte er nicht mehr.
Maria öffnete ihm lächelnd die Tür, kaum das er angeklopft hatte. Etwas verlegen
nahm sie die Blumen in Empfang, die er ihr mitgebracht hatte.
„Weiße Gardenien!“ meinte sie und sah ihn gerührt an. „Meine
Lieblingsblumen. Das weißt Du also noch, Ben!“
Etwas irritiert sah er sie an. „Hör mal, es ist noch kein halbes Jahrhundert
her, seit wir miteinander verheiratet waren, und manche Dinge vergißt man eben
nicht.“
Sie nickte hastig.
„Ja, das ist wahr. Bitte, komm herein!“ Sie wies mit einer einladenden
Handbewegung auf die Tür zum Wohnzimmer. „Erwarte nicht zuviel von der Wohnung,
sie ist klein, aber ich finde sie sehr gemütlich.“
Ben trat näher und sah sich kurz um, während Maria die Blumen ins
Wasser stellte. Das Zimmer war wirklich nicht sehr groß, aber das riesige
Fenster ließ viel Licht herein und bot einen herrlichen Blick aufs Meer, über
dem sich der Himmel inzwischen in den schönsten Farben des Sonnenunterganges
zeigte.
Die Möbel und der weiche Teppichboden waren sehr hell gehalten, die
gemütliche, smaragdfarbene Sitzgarnitur wirkte einladend freundlich und
harmonierte perfekt mit den anderen Farben im Zimmer. Links vor dem Fenster
befanden sich ein ovaler Tisch und zwei dazu passende Polsterstühle mit hohen
Lehnen. Auf dem Tisch standen Kerzen, Gläser und das Geschirr für ein
gemütliches Abendessen zu zweit.
Maria kam herein und stellte die Vase mit den Blumen auf den
Couchtisch. Sie selbst trug ein cremefarbenes Kleid, hochgeschlossen und mit
einem breitem Gürtel, der ihre schmale Taille vorteilhaft betonte. Ihr
honigfarbenes Haar fiel weich über ihre Schultern. Sie sah sehr hübsch aus. Ben
betrachtete sie einen Augenblick lang, aber er spürte sehr deutlich, dass die
alte Vertrautheit zwischen ihnen ein für allemal verschwunden war. Früher hätte
er bei ihrem Anblick keinen Augenblick gezögert, sie in den Arm zu nehmen und
auf alles andere zu verzichten, die Zeit zu vergessen... Aber heute und hier
verspürte er nur den Wunsch, den Abend irgendwie schnell zu überstehen.
Maria lächelte traurig, als hätte sie seine Gedanken erraten.
„Ich hoffe, Du hast schon etwas Hunger.“ sagte sie schnell, um die
Spannung zu überbrücken, die unsichtbar im Raum lag und die sie beide fühlten.
„Ich werde das Essen hereinholen.“
„Soll ich Dir helfen?“ fragte er, doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich mach das schon, genieß Du nur inzwischen den phantastischen
Sonnenuntergang. Den hast Du doch immer so gemocht.“
Ben trat zum Fenster und sah hinaus. Seine Gedanken wanderten zu Meg. Wie gerne
würde er jetzt mit ihr am Strand entlang gehen, Hand in Hand, den Abendwind im
Haar...
„Ich hätte sie anrufen und ihr sagen sollen, dass ich heute abend hier
bin.“ überlegte er und fühlte leichte Gewissensbisse. „Aber wir kennen uns erst
so kurze Zeit, vielleicht hätte sie es total falsch
verstanden...“
„Ben?“
Maria stand hinter ihm und hielt zwei Champagnergläser in der Hand, von denen
sie ihm eines reichte. „Trinken wir auf die Zukunft, Ben, auf Deine und auf
meine, möge sie für jeden von uns das Beste bringen!“
„Pause, Leute!“ rief Cole und hob hinter der Bar ein paar Flaschen in
die Höhe. „Los, lasst alles fallen, was Ihr gerade in den Händen habt,
es gibt was zur Stärkung! Tequilla Sunset alkoholfrei!“
„Was ist denn das?“ fragte Vanessa und verzog skeptisch das Gesicht.
„Möhrensaft!“ lachte Casey. „Frisch gepresst!“
„Iiih!“ machten Tess und Meg im Chor. „Hast Du nichts besseres?“
Sie nahmen alle in fröhlicher Runde um die Bar herum Platz. Als jeder etwas zu
trinken hatte, prosteten sie sich fröhlich zu.
„Auf das Deep und seine neuen Besitzer!“
„Möge die Bude immer voll sein!“
„Und die Kasse auch!“
„Nanu, ich denke, hier wird hart gearbeitet?“ erklang plötzlich von der Treppe
zum Eingang her eine fremde Stimme. Alle Köpfe flogen erstaunt herum.
Die junge Frau, die dort stand, war schlank, mittelgroß und hatte den
samtbraunen Teint einer Afroamerikanerin. Sie trug Jeans und einen
hellen Blazer. Ihre schwarzen Locken reichten bis auf die Schultern und ihre
dunklen Augen blickten amüsiert in die Runde. Über ihrer Schulter hing eine
Kamera und im Arm hielt sie einen Schreibblock.
Michael sprang von seinem Barhocker und ging zu ihr hinüber.
Mißtrauisch registrierte Vanessa, dass er die junge Frau herzlich
begrüßte und umarmte. „Ich dachte, Ihr könnt vielleicht etwas Werbung für den
Neubeginn gebrauchen.“ erklärte er und grinste. „Darf ich vorstellen, Virginia
Harris, Redakteurin beim „Sunset Sentinel“, und eine sehr gute Freundin von
mir.“ Er legte den Arm um ihre Schultern und führte sie zu den anderen an die
Bar. „Virginia, das sind meine Freunde aus dem Surf Center, wie wir Caseys Haus
neuerdings nennen. Casey kennst Du ja, Mark ebenfalls, und die anderen sind
ehemalige Flugkollegen von Casey, das sind Vanessa und Meg, und hier sind Tess
und Cole, die neuen Besitzer vom Deep.“
Lächelnd reichte Virginia allen in der Runde die Hand. „Es ist schön, wenn man
Freunde hat, die einem helfen.“ sagte sie und setzte sich. „Falls Sie nichts
dagegen haben, werde ich mir ein paar Notizen machen und, wenn die Pause vorbei
ist, auch gleich noch ein paar nette Fotos schießen. Wenn alles klappt, kommt
der Artikel schon
morgen in die neuste Ausgabe des Sentinel.“
„Toll, dann wissen gleich alle in der Stadt, das wir am Wochenende neu
eröffnen!“ freute sich Tess. „Michael, die Idee mit der Werbung war wirklich
klasse!“
„Ja, das finde ich auch.“ stimmte Cole zu. „Was möchten Sie trinken,
Miss Harris?“
Michael räusperte sich.
„Ähm... macht es doch nicht so förmlich, Leute. Laßt mal das blöde
„Sie“ weg, oder was meinst du, Virginia?“
Sie nickte. „Klar, ich hab nichts dagegen. Also...“ sie holte tief Luft
und lachte. „Ich hätte gern einen Orangensaft, Cole!“
So saßen sie eine ganze Weile beisammen und schwatzten wild
durcheinander. Sie erzählten von ihren Plänen im Deep, während sich
Virginia eifrig Notizen machte.
Später machten sie sich wieder an die Arbeit, putzten, räumten und
überlegten gemeinsam, wie sie den Raum noch vorteilhafter gestalten
könnten. Virginia schoß einige Fotos, während Vanessa heimlich mit Meg einen
vielsagenden Blick tauschte.
„Du magst sie nicht, oder?“ stellte Meg leise fest. Vanessa zuckte mit den
Schultern. „Sie schleicht mir etwas zu viel um Michael herum.“ meinte sie.
„Ich werd` sie im Auge behalten!“
Rae kam herein und wurde mit großem Hallo begrüßt.
„Habt Ihr mir auch noch etwas Arbeit übriggelassen?“ lachte sie,
während ihre dunklen Mandelaugen heimlich den Raum nach Casey
absuchten. Sie konnte ihn nirgends entdecken.
„Du könntest unten im Weinkeller die Bestände aufnehmen.“ schlug Mark vor. „Dann
weiß Cole, was er morgen alles einkaufen muß.“
„Okay.“ Rae bewaffnete sich mit Stift und Notizblock und verschwand auf der
Treppe hinter der Bar, die in den Weinkeller führte.
„Habt Ihr schon eine Idee, wie Ihr diese kahle Wand dort gestalten
wollt?“ fragte Virginia und wies in Richtung hinter die Bar.
„Na ja, Ideen schon“ meinte Meg achselzuckend, „aber niemanden, der sie umsetzen
kann.“
„Wie meinst Du das?“ Interessiert trat Virginia näher.
„Ich könnte mir das ganze wie eine Schiffswand vorstellen,“ erklärte
Meg, mit riesigen Bullaugen, hinter denen man Wasser, Wellen und bunte Fische
sieht.“
„Ja!“ stimmte Mark begeistert zu. „Und über die ganze Bar spannen wir ein
Fischernetz mit herrlichen großen Muscheln darin!“
„Die Idee mit dem Bild ist gar nicht so schlecht...“ Nachdenklich
spielte Virginia mit ihrem Stift. Dann lächelte sie bedeutungsvoll.
„Ich weiß, wer so was kann! Maria Evans, sie ist eine ausgezeichnete
Hobbymalerin! Und wie ich heute gerade erfahren habe, ist sie seit
kurzem wieder in der Stadt. Wenn Ihr einverstanden seid, frage ich sie morgen,
ob sie Euch hilft und die Wand so bemalt, wie Meg es eben beschrieben hat!“
Während die anderen begeistert zustimmten, nahm Vanessa Meg unauffällig
beiseite. „Evans, Maria Evans?“ fragte sie leise. „Ist sie… ich meine, hat sie
etwas mit…“
Meg nickte. „Maria ist Bens Ex- Frau.“ erklärte sie stirnrunzelnd. „Ich hab sie
schon kennengelernt.“
„Wo?“ erkundigte sich Vanessa erstaunt.
„Neulich in der Boutique, die junge Frau mit den Negligès. Allerdings
wußte ich damals noch nicht, wer sie war.“
„Ich kann nur hoffen, sie hat das Negligè nicht in der Absicht gekauft, Ben zu
verführen!“ knurrte Vanessa.
Meg lachte. „Nein, da liegst Du falsch, glaub mir. Ben ist fertig mit ihr, ein
für allemal!“
Ben erwachte, als die ersten Sonnestrahlen ins Zimmer fielen. Erstaunt und
irritiert blinzelte er. Helle, zartgeblümte Vorhänge, weiße Tapeten, ein fremdes
Bett, ... Träumte er noch?
Sein Kopf fühlte sich an wie nach einer durchfeierten Nacht.
Er versuchte sich aufzurichten und schob vorsichtig den Arm weg, der über seinem
nackten Oberkörper lag. Diese Berührung machte ihm schlagartig klar, das er
nicht allein war. Er blickte hoch – und erstarrte...Neben ihm im Bett lag
friedlich schlafend Maria...