Als hätte sie seinen Blick gespürt, schlug Maria die Augen auf und lächelte. Sie richtete sich auf und küßte Ben auf die Wange.
„Guten morgen, Schatz.“ sagte sie zärtlich. „Hast Du gut geschlafen?“
Verwirrt starrte er sie an.
„Maria! Was… was ist passiert?“
Sie lächelte ihn vielsagend an.
„Was passiert ist? Nun, was eben so passiert, wenn zwei Menschen sich gernhaben oder vielmehr, wenn sie entdecken, dass sie immer noch unsagbar viel füreinander empfinden!“
„Soll das heißen, wir… Maria, sag mir die Wahrheit, haben wir…“
Sie zog einen Schmollmund.
„Willst Du etwa damit sagen, Du wüßtest nicht mehr, dass wir miteinander geschlafen haben?“ Sie strich ihm mit den Fingern zart über die Wange. „Jetzt enttäuschst Du mich aber, Ben Evans, letzte Nacht hatte ich nicht das Gefühl, ich könnte gar keinen Eindruck bei Dir hinterlassen haben!“
Ben presste die Fäuste an die Schläfen.
„Ich kann mich an gar nichts erinnern. In meinem Kopf ist ein völliges Durcheinander!“
„Das kommt davon, weil Du versucht hast, Deine Gefühle für mich mit aller Macht zu verdrängen, Liebling!“ Sie sah ihn mit ihren blauen Augen liebevoll an. „Aber das brauchst Du jetzt nicht mehr, Du hast mir ja letzte Nacht mehr als deutlich gezeigt, dass Du mich noch immer liebst! Jetzt bin ich sicher, dass zwischen uns alles wieder so werden kann, wie es einmal war!“
Ben schüttelte fassungslos den Kopf.
„Warum weiß ich nichts mehr von gestern abend? Was war denn los?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, was plötzlich in Dich gefahren ist.“ sagte sie mit unschuldigem Augenaufschlag. „Wir haben Champagner getrunken und zu Abend gegessen, danach habe ich unsere Gläser noch einmal gefüllt und wir haben über die Zukunft gesprochen, dann hast Du mich so merkwürdig angesehen und mich plötzlich in die Arme genommen und geküßt, und dann ging irgendwie alles ganz schnell…“
„Ich glaube, ich bin im falschen Film!“ Ben sprang aus dem Bett und griff nach seinen Sachen.
„Wo willst Du denn hin?“ rief Maria mit weinerlicher Stimme.
„Ich muß hier raus… nach Hause… wie spät ist es denn, eigentlich müßte ich längst im Büro sein!“ Verwirrt sah er sie an, und es gelang ihr tatsächlich, dass in diesem Augenblick eine Träne über ihre Wange lief.
„Maria…“ Ben setzte sich zurück auf den Bettrand, umfasste ihre nackten Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. „Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, ich weiß im Augenblick nur, dass es nicht richtig war. Es tut mir leid, bitte glaub mir…“
„Nicht richtig?“ Sie schniefte. „Ben, aber ich liebe dich doch, und ich dachte…“
„Nein.“ sagte er, und seine Stimme nahm einen festen Klang an, „nein, das hätte nicht passieren dürfen. Ich wollte keine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft in Dir wecken, denn die wird es für uns nicht geben! Bitte, vergiß diese Nacht!“
„Vergessen?“ rief sie fassungslos. „Weißt Du, was Du da von mir verlangst, Ben? Wie kannst du nur so gefühllos sein!“ Jetzt weinte sie hemmungslos und erreichte damit, dass sich Ben total schlecht fühlte.
Mit einer hilflos wirkenden Geste strich er ihr übers Haar.
„Maria…“
„Geh nach Hause, Ben“ schluchzte sie und vergrub ihr Gesicht in den Kissen. „Los, nun verschwinde endlich! Mach nicht alles noch schlimmer, als es schon ist!“
Ben starrte sie sekundenlang an, dann drehte er sich wortlos um und ging mit hängenden Schultern leise hinaus.
Als sie hörte, wie die Tür später hinter ihm ins Schloß fiel, hob Maria den Kopf.
Der Tränenstrom war versiegt. Stattdessen umspielte ein zufriedenes Lächeln ihre Lippen.
“Ihr Schlafmittel war wirklich sehr gut, Mister Miller, vielen Dank!“ murmelte sie. „Ich glaube, ab heute Nacht werde ich auch ohne Tabletten wieder ruhig schlafen können!“
An diesem Morgen verließ Annie schon ziemlich früh das Haus. Ben hatte ihr nahegelegt, möglichst vor dem Eintreffen der Archäologen in der Firma zu sein, um die Gäste dann in ihr Hotel zu begleiten. Und da niemand genau wußte, um welche Zeit das Team aus L.A. eintreffen würde, hatte sie sich notgedrungenerweise den Wecker gestellt. Ganz munter war sie noch nicht, als sie gegen 9.00 Uhr morgens mürrisch über den Ocean Drive in Richtung Liberty Corporation marschierte.
„Einen blöderen Auftrag konnte er auch nicht für mich finden!“ knurrte sie vor sich hin, „Ich bin doch keine Fremdenführerin für Höhlenforscher! Am Ende erwarten diese Erdhörnchen noch, dass ich mir eine Schaufel schnappe und sie begleite! Aber das kommt überhaupt nicht in Frage, keine zehn Pferde bringen mich in solch eine unterirdische, dunkle, stinkende Felsengrotte! Nicht mal Ben zuliebe... nein, das geht zu weit, ich werde nicht zwischen diesen verdammten Felsen... Na, was haben wir denn da Interessantes?“ Abrupt blieb sie stehen und starrte verwundert auf das schwarze Mercedes- Cabriolèt, das da am Straßenrand vor einem der Mehrfamilienhäuser geparkt war.
„BE 1, eindeutig, das ist doch... Bens Wagen!“ Neugierig trat sie näher. Die Müdigkeit war schlagartig verflogen. „Sieh mal einer an, was macht er denn so früh am morgen hier in dieser Strasse?“ Sie legte prüfend eine Hand auf die Motorhaube. Kalt... er mußte also schon länger hier sein...
Annie knirschte mit den Zähnen. Verdammt... bestimmt wohnte diese Meg neuerdings in diesem Haus, und er hatte nichts Besseres zu tun, als ihr Gesellschaft zu leisten! Und vielleicht sogar noch über Nacht?
Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Natürlich! Deshalb hatte er gestern behauptet, er habe noch was vor! Er wollte zu dieser Stuardess, diesem albernen Pinguin aus dem Flugzeug, er konnte es kaum erwarten, mit ihr allein zu sein!
Wütend starrte Annie auf den rassigen kleinen Sportwagen. Sie sah sich kurz um, aber die Strasse war menschenleer. Schnell bückte sie sich und begann mühevoll, das Ventil des linken Vorderreifens zu drehen.
Au verflucht!“ schimpfte sie, als sie sich einen ihrer langen rotlackierten Fingernägel abbrach.
„Warum tust Du mir das an, Ben Evans! Ich bin die, die Dich liebt, nicht irgend so ein kleines, dahergelaufenes Früchtchen von irgendwoher, die kein Benehmen und überhaupt keine Klasse hat! Warum geht das nicht rein in Deinen Dickschädel? Aber ich weiß, irgendwann wirst Du es begreifen, da bin ich mir sicher, und bis es soweit ist, nimm das hier als Gruß von mir!“ Zischend entwich die Luft aus dem Reifen, und der Wagen senkte sich linksseits einige Zentimeter nach unten. Annie stand auf, wischte sich verstohlen die Hände an ihrem eleganten hellen Kostümrock ab und ging schnellen Schrittes davon.
Rae warf sich unruhig im Bett herum. Heute war ihr langersehnter freier Tag, an dem sie eigentlich hatte richtig ausschlafen wollen, aber stattdessen lag sie seit der ersten Morgendämmerung wach und dachte an gestern abend im Deep...
Sie war gleich nach Dienstschluss hingegangen, um den anderen zu helfen, und Mark hatte sie zur Bestandsaufnahme in den Weinkeller hinuntergeschickt, war es Absicht von ihm gewesen, oder ein Zufall, jedenfalls lief sie unten Casey in die Arme, der schon fleißig am Zählen war und die Ergebnisse seiner Zählungen eifrig in eine Liste schrieb. Rae hatte ihn einen Moment beobachtet, wie konzentriert er bei der Sache war, und sie hatte dabei wieder einmal festgestellt, wie attraktiv und anziehend sie ihn fand, und wie stürmisch ihr Herz in seiner Gegenwart schlug. Und weil sie diese Gefühle nach wie vor unsicher machten, wollte sie sich still und heimlich zurückziehen, damit er sie gar nicht erst bemerkte, doch bevor sie auch nur einen Schritt hatte tun können, hob Casey den Kopf und drehte sich zu ihr um.
„Rae!“ Er strahlte sie mit seinem jungenhaftem Charme an, dass ihr ganz warm ums Herz wurde. „Hey, schön dass Du da bist. Kannst mir gleich ein bisschen helfen, wenn Du magst. Komm, schreib das mal auf...“ und schon hielt sie Block und Stift in der Hand, während er wieder zum Weinregal trat. Sorgfältig notierte sie Namen und Anzahl der Flaschen, die er ihr nannte und achtete darauf, dass sie ihm dabei nicht zu nahe kam, falls er sich plötzlich zu ihr herumdrehen würde. Und so kam es, dass sie eine hinter ihr stehende Kiste mit allem möglichen Papierkram darin übersah und dagegenstieß, worauf sie das Gleichgewicht verlor, die Kiste umriss und mit einem erschrockenen Aufschrei mitten in einem Stapel herumfliegender Rechnungen landete. Sofort war Casey zur Stelle, und ehe sie sich versah, nahm er sie einfach in die Arme, als wäre sie leicht wie eine Feder und half ihr wieder hoch.
Sie hatten sich beide nur stumm angesehen, und dann hatten sich ihre Lippen wie magisch voneinander angezogen zu einem ersten leidenschaftlichen Kuß gefunden...
Rae durchlebte diesen Augenblick in Gedanken mindestens zum hundertsten Mal, und jedesmal durchfuhr sie ein wohliger Schauer, wenn sie an Caseys weiche Lippen und seine leicht und zärtlich über ihren Rücken streichelnden Hände dachte. Sie wußte, dieser Augenblick gestern abend hatte sich unwiderruflich in ihre Seele gebrannt, und sie hätte sich ohrfeigen können, dass sie danach einfach wie panisch weggelaufen war. Was mußte Casey nun von ihr denken? Warum lief sie vor ihren Gefühlen davon?
Ärgerlich über sich selbst sprang sie aus dem Bett, zog ihren seidenen Kimono an und verschwand im Bad.
Gegen 10.00 Uhr erschien Ben abgehetzt und müde in der Firma. Er orderte sich bei Ronda einen starken Kaffee und verschwand in seinem Büro.
Was für ein Morgen!
Aufgewacht in einem fremden Bett, nach einer Nacht, an die er sich mit keiner Silbe erinnern konnte, neben seiner Ex- Frau, mit der ihn eigentlich nichts mehr verbinden sollte, als die gemeinsame Vergangenheit...
Er hatte fast fluchtartig Marias Wohnung verlassen, um dann unten vor dem Haus zu allem Übel auch noch feststellen zu müssen, dass sein Wagen einen platten Reifen hatte.
Ben atmete tief durch und wählte die Nummer seiner Werkstatt.
„Gary? Ben Evans hier.“ meldete er sich. „Mein Wagen hat eine kleine Panne. Würden Sie ihn bitte am Ocean Drive abholen und den linken Vorderreifen wechseln?... ja, der Schlüssel steckt noch im Zündschloss... okay, Sie haben recht, Gary, ich bin leichtsinnig, aber ich hatte es eilig und mußte zu einem dringenden Termin... ja, bringen sie ihn anschließend zu mir nach Hause und werfen Sie den Schlüssel in den Briefkasten, ich komme dann in den nächsten Tagen bei Ihnen vorbei... danke Gary, bis dann.“ Er legte auf und nickte Ronda dankbar zu, die leise hereinkam und seinen Kaffee auf den Schreibtisch stellte.
Er war vorhin vom Ocean Drive bis zu seinem Strandhaus gejoggt, um den Kopf frei zu bekommen, anschließend hatte er sich eiskalt geduscht und hastig umgezogen. Trotzdem konnte er noch immer keinen klaren Gedanken fassen. Unentwegt dachte er an Meg, und sein schlechtes Gewissen brachte ihn fast um den Verstand. Schließlich rief er im Surf Center an.
Casey nahm den Hörer ab.
„Ben, was gibt’s?
„Ist Meg da?“
„Nein, sie ist mit den anderen gleich nach dem Frühstück wieder ins Deep rüber, um weiter aufzuräumen. Du kannst sie ja dort anrufen.“
„Nein, Casey... ich habs sehr eilig, bitte sag ihr, ich muß zu einem dringenden Termin nach Santa Monica und ich weiß noch nicht, wann ich zurücksein werde. Ich werde sie später anrufen. Bye.“ Er legte schnell auf und holte tief Luft. Wie er diese Lügen hasste! Aber es mußte sein, er wollte erst einmal seinen Kopf ein wenig freibekommen.
Er stand auf und nahm seine Jacke, als die Tür aufging und Annie hereinstürmte.
„Ben, kannst Du mir vielleicht sagen, wann diese dämlichen Erdwürmer endlich auftauchen? Ich hab schließlich nicht den ganzen Tag Zeit hier herumzusitzen und zu warten!“
„Du mußt ja nicht herumsitzen, vielleicht machst Du Dich ja mal ein bisschen nützlich!“ entgegnete er leicht gereizt und wollte schon an ihr vorbei, als sie ihn am Ärmel festhielt.
„Warum bist Du denn so unfreundlich? Keine gute Nacht gehabt?“ fragte sie anzüglich.
Ben musterte sie irritiert.
„Was soll das, Annie? Laß das, ich habs eilig!“
„Ja aber... wo willst Du denn hin? Ich hätte da noch einige Fragen wegen der Leute aus L.A...“ meinte sie erbost, doch er war schon halb draußen.
„Frag Gregory.“ rief er ihr noch zu und gab seiner persönlichen Assistentin kurz ein paar Anweisungen, bevor er das Büro eiligen Schrittes verließ.
Zu Hause angekommen, holte er seine Yamaha aus der Garage. Das Motorrad war von jeher sein Hobby gewesen, aber in letzter Zeit war er kaum dazu gekommen, damit zu fahren. Er zog Jeans und Lederjacke an, warf ein paar persönliche Sachen in seine Tasche, setzte den glänzenden Helm auf und schwang sich in den Sattel. Mit aufheulendem Motor jagte er davon in Richtung Highway, der in die Berge führte.
Annie versuchte Gregory gerade auf ihre unverwechselbar charmante Art klar zu machen, dass sie nicht gewillt war, noch länger hier herumzuhocken und auf ein Team von schaufelschwingenden Maulwürfen zu warten, als sich die Fahrstuhltür öffnete und zwei Männer und eine Frau ins Büro traten.
Ungehalten über die Störung fuhr Annie herum.
„Tut mir leid, wir kaufen nichts! Versuchen Sie es woanders!“ herrschte sie die Neuankömmlinge an. Die zierliche junge Frau im eleganten dunklen Kostüm tauschte einen bedeutungsvollen Blick mit ihren beiden gutaussehenden Begleitern, bevor sie zögernd näher trat.
„Sind wir hier richtig, im Gebäude der Liberty Corporation?“ fragte sie freundlich und sah Gregory, der gerade im Begriff war, sich wieder in sein Büro zurückzuziehen, fragend an. „Mister Richards?“
Er stutzte, doch bevor er etwas sagen konnte, war Ronda aufgesprungen und eilte auf die Neuankömmlinge zu.
„Aber natürlich sind Sie hier richtig!“ rief sie erfreut und wandte sich an die junge Frau und einen ihrer beiden Begleiter. „Mister und Misses Torres nehme ich an?“
Die beiden nickten scheinbar erleichtert. Ronda lächelte.
„Dann sind Sie sicher Mister Cavanough...“ sagte sie zu dem anderen Herrn, der sich etwas im Hintergrund hielt. Er erwiderte ihr Lächeln.
„Ganz richtig.“ bestätigte er, „Aber bitte nennen Sie mich Jude.“
Ronda nickte ihm freundlich zu, sichtlich angetan von seiner angenehmen Erscheinung.
„Willkommen in der Liberty Corporation, meine Herrschaften! Wir haben Sie schon erwartet. Ich bin Ronda, Mister Evans persönliche Sekretärin. Er läßt sich entschuldigen, da er zu einem dringenden Termin gerufen wurde, aber diese nette Dame hier...“ sie wies auf Annie, während ein spöttisches Lächeln der Genugtuung ihre Lippen umspielte, „... ist von ihm beauftragt worden, sich um Sie zu kümmern. Miss Douglas wird Sie mit allen Einzelheiten ihre Arbeit in Sunset Beach betreffend vertraut machen.“
„Schon gut, Ronda, kommen Sie wieder runter von Ihrem hohen Ross!“ knurrte Annie und verbarg auf diese Art geschickt ihre Verlegenheit. „Also Sie sind das Team aus L.A., das uns bei der Arbeit an den Höhlen behilflich sein wird.“
Gregory verzog schmerzlich das Gesicht. Arbeit an den Höhlen... Inkompetenz war etwas, was er zutiefst verabscheute. Er wollte schon Einspruch erheben, aber Jude Cavanough kam ihm zuvor. Er trat einen Schritt auf Annie zu, die immer noch an Elisabeths Schreibtisch lehnte und betrachtete sie neugierig.
„Nun, mitarbeiten wollten wir eigentlich nicht an Ihrem Projekt, Miss... wie war doch gleich nochmal Ihr Name?“
Er sah unwahrscheinlich gut aus in seinen Designerjeans, dem weißen Shirt und dem dunklen Blazer darüber, stellte Annie fest, und sein charmant- spöttisches Lächeln wirkte wie eine Herausforderung auf sie. Er strich sich das dunkelblonde Haar zurück und reichte ihr die Hand, die er dann länger festhielt, als ihr momentan lieb war. Seine graublauen Augen sahen sie herausfordernd an.
„Douglas“ antwortete sie und versuchte ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben. „Sie können mich Annie nennen.“ Mit einem Ruck zog sie ihre Hand weg, was ihm ein überlegenes Schmunzeln entlockte, das sie sofort auf die Palme brachte. Was bildete sich dieser eingebildete Affe eigentlich ein?
„Natürlich weiß ich, dass Sie nicht an unserem Projekt mitarbeiten werden.“ meinte sie und streckte trotzig das Kinn vor. Gregory räusperte sich schnell, um weitere Peinlichkeiten von Annies Seite zu vermeiden und reichte den drei Archäologen die Hand.
„Gregory Richards, Geschäftsführer der Liberty Corporation.“ stellte er sich mit verbindlichem Lächeln vor. „Bitte nennen Sie mich Gregory.“
„Antonio Torres.“ antwortete der schlanke, dunkelhaarige Mann, der bisher geschwiegen hatte und deutete dann auf seine hübsche Begleiterin, die ihr langes schwarzes Haar mit einer anmutigen Bewegung nach hinten über die Schultern warf. „Meine Frau und Teamkollegin Gabriella.“
„Meinen Namen haben Sie ja inzwischen schon gehört.“ grinste Jude und schüttelte Gregory kräftig die Hand. „Tja, was soll ich sagen, wir sind also hier, um quasi die Vorarbeit für Ihr Projekt zu übernehmen und die Höhlen vor den notwendigen Sprengungen zu untersuchen.“
Seine Augen wanderten wieder zu Annie zurück und blitzten schelmisch. „Wobei ich persönlich gewiß nichts dagegen hätte, an Ihrem Projekt mitzuarbeiten.“
Ronda und Elisabeth lächelten sich triumphierend zu. Das geschah dieser Zicke recht! Sollte er sie nur ordentlich auf die Schippe nehmen!
„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ fragte Ronda freundlich, während Gregory die Gäste in sein Büro bat. Dankend nahmen sie an.
Annie drehte sich um und raffte schnell ihre achtlos hingeworfenen Unterlagen, die ihr Ben zum Selbststudium überlassen hatte, von Elisabeths Schreibtisch zusammen, als sie bemerkte, das Jude immer noch dastand und sie grinsend beobachtete. Worauf er so interessiert schaute, war nur zu offensichtlich...
„Was starren Sie so unverschämt auf mein Hinterteil?“
„Ich schaue ja wenigstens nur, aber irgendwer scheint heute schon mehr als nur hingeguckt zu haben!“ entgegnete er und unterdrückte ein Lachen.
„Was soll das heißen?“
„Nun... vielleicht sollten Sie mal in den Spiegel schauen, oder ist das, was sie da auf ihrer Hinterfront tragen, das neuste Design von Dior?“
Annie verrenkte sich beinahe den Hals, doch als sie merkte, das dies eine total vergebliche Aktion war, die Jude nur noch mehr zu belustigen schien, warf sie ihm einen letzten vernichtenden Blick zu und rauschte in Richtung Waschraum hinaus. Dort angekommen, gewahrte sie im Spiegel zwei deutlich sichtbare schmutzige Abdrücke ihrer eigenen Hände, gut platziert links und rechts auf dem hellen Stoff, der sich über ihren Po spannte, das Resultat ihres heimtückischen Attentates auf Bens Sportwagen.
„Verdammt, Annie!“ schalt sie sich selbst wütend, „das ist wohl heute ganz und gar nicht Dein Tag!“
„Du bist heute so schweigsam!“ stellte Vanessa mit einem besorgten Seitenblick auf Meg fest. Die beiden waren seit zwei Stunden damit beschäftigt, sämtlichen Schmuck und Tapetenreste von den Wänden zu entfernen, damit Michael und Casey am Nachmittag damit beginnen konnten, die Wände neu zu streichen, aber Meg hatte noch keine drei Worte gesagt.
„Was ist denn los?“ bohrte Vanessa weiter. „Ist es wegen Ben? Hat er sich immer noch nicht gemeldet?“
Meg schüttelte den Kopf.
„Ich kenn ihn noch zu wenig, um mit Sicherheit sagen zu können, ob das normal ist, dass er einfach wegbleibt und dann irgendwann wieder auftaucht. Er hat nicht zurückgerufen und als ich heute Vormittag versucht habe, ihn anzurufen, war er nicht mehr zu Hause.“
„Versuch es doch einfach in der Firma.“ riet ihr Vanessa.
„Nein, das möchte ich nicht.“ wehrte Meg ab. „Er soll nicht das Gefühl haben, dass ich ihm hinterherspioniere. Wenn er mich sehen will, weiß er ja, wo er mich findet.“
Vanessa zuckte die Schultern.
„Das ist auch wieder wahr.“ Sie sah sich um und seufzte. „Wie es aussieht, werden wir heute noch sehr lange hier zu finden sein!“
Cole kam mit zwei großen Einkaufstüten hereingestürmt.
„Frische Crossaints für alle!“ rief er. „Wer kocht Kaffee?“
„Du!“ antworteten ihm mehrere Stimmen aus allen Ecken der Bar.
„Na toll...“ maulte er und stellte die Tüten ab. „Ich warne Euch, mein Kaffee wird lausig schmecken!“
„Schlimmer als Dein alkoholfreier Tequilla Sunset von gestern abend kann er gar nicht sein!“ lästerte Tess von irgendwoher. „Davon ist mir heute noch übel!“
„Hey, pass auf, was Du sagst!“ warnte Cole scherzhaft, „sonst erkläre ich den Sunset zum Getränk des Monats!“
„Iiih...“ Tess kam hinter der Bar vorgekrochen. Ihr Jeanshemd wies bereits einige Schmutzflecken auf, ebenso wie ihr Gesicht, und auf dem Schlapphut, unter den sie ihr langes blondes Haar gestopft hatte, hingen Staubfusseln. „Hier unten gibt es massigst Spinnen...“ Sie schüttelte sich. „Kannst Du die bitte wegmachen, Cole, das ist so widerlich!“
Cole lachte.
„Ich dachte, Tess Marin hat vor nichts Angst!“ meinte er, trat dicht an sie heran und entfernte vorsichtig eine Spinnwebe von ihrem Hut. Tess musterte ihn mit großen Augen.
„Ich hab keine Angst vor Spinnen“ sagte sie leise, „sie sind mir lediglich unangenehm!“
„Aha!“ Cole stupste sie scherzhaft auf die Nasenspitze und nahm ihr den Lappen aus der Hand. „In Ausreden bist Du auch nie verlegen!“ meinte er grinsend und verschwand unter der Bar. „Vielleicht könntest Du ja in der Zeit das Kaffeekochen übernehmen, während ich hier mit diesen wilden Tieren kämpfe!“ klang seine Stimme von unten her.
Seufzend machte Tess sich an die Arbeit.
In diesem Augenblick kam Casey mit zwei großen Farbeimern herein. Er setzte sie ab und wischte sich stöhnend mit dem Handrücken über die Stirn.
„Leute, ist das heiß draußen!“ Dann fiel sein Blick auf die beiden Frauen, die mit dem Wandschmuck beschäftigt waren.
„Hey Meg, draußen steht jemand, der will zu Dir!“ rief er und deutete mit dem Daumen zur Tür hinauf. „Ziemlich ungeduldig, der junge Mann!“
„Ben!“ flüsterte Meg Vanessa zu und ihre Augen leuchteten freudig auf. „Ich bin gleich zurück!“
„Laß Dir Zeit!“ rief Vanessa und sah ihrer Freundin schmunzelnd nach.
Meg eilte die fünf Stufen hoch und riß voller Erwartung die schwere Eingangstür auf.