Teil  19

 

„Tim!“

Megs Stimme war eine Mischung aus grenzenlosem Erstaunen und Entsetzen zugleich. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn fassungslos an.

„Was tust Du hier?“

„Hi Meg!“ sagte er in einem Ton, als sei er nur eben mal kurz weggewesen und sah sie mit einem leicht überheblichen Lächeln an. „Endlich hab ich Dich gefunden.“

Als er sich jedoch vorbeugte, um ihr einen Kuß auf die Wange zu geben, schien Meg aus ihrer Starre zu erwachen. Mit einer Kraft, die er ihr in diesem Moment gar nicht zugetraut hätte, stieß sie ihn weg, so dass er Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten.

„Verschwinde!“ zischte sie wütend. „es hat Dir keiner gesagt, dass Du mich suchen sollst!“

„Ja aber... Meg!“ Mühsam versuchte er, seine Selbstsicherheit zurückzugewinnen. „Was hast Du denn?“ Er sah, wie ihre Augen vor Wut ganz schmal wurden und versuchte schnell einzulenken. „Na ja, ich meine... was ist denn schon groß passiert, Schatz, wir hatten eine... kleine Meinungsverschiedenheit, und ich gebe zu, ich hab vielleicht ein paar Fehler gemacht..., aber wegen dieser Lappalie mußt Du doch nicht...“

„Lappalie?“ schrie Meg und rang sichtlich um ihre Fassung. „Das Ganze war für Dich eine kleine Meinungsverschiedenheit, dass Du mit meiner besten Freundin geschlafen hast, und das auch noch am Morgen vor unserer Hochzeit!“

Nervös sah Tim sich um und legte den Finger an die Lippen.

„Pst, nicht so laut, das muß doch nicht die halbe Stadt hören!“

Meg holte tief Luft und sah ihn an. Und plötzlich wurde ihr klar, dass sie sich gestern auf der Strandpromenade nicht geirrt hatte, sie war sich ganz sicher, dass sie hatte ihn gesehen, bei Sonnenuntergang, mit irgend einer Blondine im Arm. Oh, sie konnte wirklich von Glück sagen, dass sie vor Monaten in Kansas seinen Charakter im letzten Augenblick erkannt hatte, und sie wußte genau, er würde sich nie ändern.

„Geh nach Hause, Tim.“ sagte sie leise, aber bestimmt. „genieße Deine Freiheit, leb Dein Leben und vergiß mich. Ich habe Dich schon vergessen.“

Das saß. Sein Lächeln verschwand schlagartig, als er begriff, dass er verspielt hatte.

Aber so schnell wollte er nicht aufgeben. Blitzschnell packte er sie bei den Schultern und schüttelte sie unsanft.

„Wach auf, Meg!“ rief er. „Du gehörst zu mir, ich liebe Dich und ich will, dass Du sofort mit mir nach Kansas zurückkommst!“

„Gibt es ein Problem?“

Casey war unbemerkt hinzugetreten, hatte sich mit bedrohlicher Miene beschützend neben Meg aufgebaut und wie zur Warnung die starken Arme vor der Brust verschränkt. „Wer ist der Kerl und was will er von Dir?“

„Halten Sie sich gefälligst da raus!“ fauchte Tim ihn an, ließ Meg aber augenblicklich los.

Sie warf Casey einen vielsagenden Blick zu.

„Darf ich Dir Tim vorstellen, meinen Ex- Verlobten aus Kansas?“

Casey atmete tief ein und bevor jemand etwas sagen konnte, holte er aus und versetzte Tim einen Kinnhaken, der ihn aus den Schuhen hob. Er taumelte rückwärts, fing sich jedoch mühevoll und griff sich fassungslos an sein Kinn, das von dem Schlag halb betäubt war.

„Was zum Teufel...“

„Freut mich, endlich den Mistkerl kennenzulernen, der meiner besten  Freundin so übel mitgespielt hat! Ich bin Casey, und wenn Du Meg nochmal anfasst, dann solltest du vorher Deine Knochen sicherheitshalber nummerieren!“

Tim brauchte einen Augenblick, um sich zu besinnen, doch dann ging er mit einem Wutschrei wie ein Besessener auf  Casey los. Für den war das allerdings nur eine Kleinigkeit. Mit einem weiteren Aufwärtshaken schickte er Tim für Sekunden ins Land der Träume. Wie ein nasser Sack ging Megs Exfreund zu Boden.

„So, das wäre erledigt. Der macht heute garantiert keinen Ärger mehr.“ meinte Casey und rieb sich die Hände. „Entschuldige, Meg, aber ich konnte eben nicht anders! Alles klar?“

Sie stand reglos da und schaute auf Tim, der am Boden lag und eben wieder zu sich kam.

Ihre eigene Stimme klang fremd in ihren Ohren, als sie ohne jede Gefühlsregung sagte:

„Danke Casey. Aber setz ihn bitte drüben in den Schatten, er ist keine gute Werbung fürs Deep. Und ich möchte nicht, dass Tess und Cole wegen ihm Ärger bekommen.“

Erstaunt blickte Casey sie an, und schlagartig wurde ihm klar, wie sehr Tim sie mit seinem Verhalten verletzt haben mußte, dass sie so ungewohnt gefühlskalt reagierte. Er nahm sie einfach in den Arm und strich ihr liebevoll übers Haar.

„Vergiß was war, Meg.“ sagte er leise. „Hier in Sunset Beach ist Deine Zukunft. Du wirst schon sehen!“

Meg nickte nur wie abwesend und dachte, während sie wieder zu den anderen hineinging, daran, dass Ben sich immer noch nicht gemeldet hatte.

 

 

 

Eddi Connors, der zufällig vorbeikam und die ganze Szene mitbekommen hatte, trat neugierig näher. Der junge Mann hier schien neu in der Stadt zu sein, er hatte ihn jedenfalls noch nie vorher gesehen. Vielleicht konnte der ihm noch von Nutzen sein...

„Na, wie ich sehe, sind Sie auch ein Fan von Casey Mitchum?“ meinte er und trat näher, während er ihm die Hand zum Aufstehen bot. Ächzend erhob sich Tim, die Hilfe Eddis ignorierend.

„Was wollen Sie?“ knurrte er unfreundlich und begann umständlich, seine vom Straßenstaub beschmutzten Hosen zu säubern.

„Eddi Connors“ stellte Eddi sich vor und hielt ihm immer noch die Hand hin, die Tim nun zögernd ergriff.

„Tim Truman“ erwiderte er und beäugte Eddi misstrauisch, während er vorsichtig seine schmerzende Kinnlade befühlte.

„Casey hat einen ziemlich harten Schlag drauf.“ kommentierte Eddi. Tim lachte abfällig.

„Ach was, wäre ich drauf vorbereitet gewesen, hätte der Typ keine Chance gehabt!“

Eddi maß ihn mit einem abschätzenden Blick und grinste breit.

„Na wie auch immer“ lenkte er ein, „jedenfalls gehören Sie nun auch offiziell zum Mitchum- Fanclub. Genauso wie ich.“ Er biss grimmig die Zähne zusammen, als er an den Vorfall vor zwei Tagen vor Annies Haustür dachte. „Ich habe nämlich auch noch eine Rechnung mit ihm offen.“

„Ach ja?“ Tim hielt sich immer noch sein lädiertes Kinn und tat, als interessiere ihn die Sache nicht weiter. „Na meinetwegen, das ist Ihre Sache, ich jedenfalls pflege meine Rechnungen immer so bald wie möglich zu bezahlen.“

„Genau wie ich.“ meinte Eddi. „Wir sollten uns zusammentun, dann bekommt er seine Quittung und ein paar Extra- Zinsen obendrein. Was halten Sie davon?“

„Nicht viel.“ knurrte Tim argwöhnisch. „Wer sagt mir, dass Sie mich nicht auch reinlegen wollen?“

Eddi zuckte gleichgültig die Schultern.

„Warum sollte ich? Ich meine, was hätte ich davon, Sie in eine Falle zu locken? Ich will dem Kerl nur endlich den Denkzettel verpassen, den er verdient, weil er sich ständig in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Und zu zweit macht die Sache doch viel mehr Spass!“

Tim fuhr sich mit den Fingern durch sein kurzes blondes Haar.

„Also gut, warum nicht!“ stimmte er schließlich zu.

„Dann sollten wir die Angelegenheit vielleicht bei einem Drink besprechen!“ meinte Eddi begeistert und klopfte Tim einladend auf die Schulter. „Kommen Sie, Freund, ich geb` einen aus.“ Mit einer Kopfbewegung wies er auf das Deep. „Aber nicht in dieser Spielunke, gehen wir woanders hin, wo es gemütlicher ist.“

Tim warf noch einen letzten finsteren Blick auf die verschlossene Eingangstür der Bar und folgte dann Eddi Connors die Strasse hinunter.

 

 

 

Seufzend ließ sich Meg auf einem der Barhocker nieder und nickte Tess dankend zu, die ihr eine Tasse Kaffee eingegossen hatte. Casey setzte sich neben sie und betrachtete sie prüfend.

„Wirklich alles in Ordnung mit Dir?“

Sie nickte und lächelte verkrampft.

„Ist schon okay, Casey, danke nochmal, dass Du mir geholfen hast. Normalerweise war Tim immer ein ganz netter Kerl, nie hinterhältig oder gemein, bis auf die Sache... na ja, Du weißt schon.“

Er nickte.

„Ich dachte, Du bist nach dieser ganzen Zeit drüber weg.“ meinte er stirnrunzelnd.

„Das bin ich auch, aber die Art und Weise, wie er da so siegessicher vor mir stand und meinte, es sei doch alles nur ein... Mißverständnis gewesen... Ich hätte ihn erwürgen können! Hoffentlich verschwindet er so bald wie möglich wieder aus der Stadt, damit ich ihm nicht dauernd begegnen muß.“

„Das hoffe ich auch, für Dich.“ antwortete Casey und rührte in seinem Kaffeepott. „Ach übrigens, Ben hat vorhin im Surf Center angerufen und wollte Dich sprechen.“

Meg sah ihn mit großen Augen an.

„Und, hast Du ihm gesagt, wo er mich findet?“ fragte sie hoffnungsvoll.

„Ja, aber er hatte es total eilig und meinte nur, er müsse zu einem dringenden Termin nach Santa Monica und wisse nicht genau, wann er zurückkäme. Ich soll Dich grüßen und er meldet sich, wenn er wieder da ist.“

„Mehr hat er nicht gesagt?“ Enttäuschung klang in ihrer Stimme. Bedauernd schüttelte Casey den Kopf.

„Leider nicht, Meg.“ meinte er mitfühlend. „Aber dabei mußt Du Dir nichts denken. Ich würde sagen, das ist eine typische Reaktion von ihm.“

„Wie meinst Du das?“

„Na ja“ Casey suchte krampfhaft nach den richtigen Worten, „Wie soll ich sagen, er ist seit der Trennung von Maria keine feste Beziehung mehr eingegangen, es war so, als hätte er Angst davor, wieder verletzt zu werden. Aber mit Dir ist das anders, hab ich das Gefühl. Er interessiert sich wirklich für Dich und es scheint, als sei er richtig aufgetaut, seitdem er Dich kennt.“

„Und warum zieht er sich dann jetzt zurück?“

„Mit Euch beiden, das ging alles ziemlich schnell... Ich denke, er hat so eine Art Panik bekommen und muß sich erst über seine Gefühle klar werden.“

„Und Du bist sicher, das hat nichts damit zu tun, dass seine Ex- Frau plötzlich wieder aufgetaucht ist?“

„Nein, das glaube ich nicht. Ben hat ihr zwar lange nachgetrauert, aber ich glaube nicht, dass er wieder mit ihr leben will. Er vertraut ihr nicht mehr...“

„Aber vielleicht liebt er sie noch!“

„Dann hätte er Dir das gesagt, Meg. Glaub mir, ich kenne Ben schon so lange, er ist keiner von der Sorte, der einer Frau falsche Hoffnungen machen würde.“

„Ich hoffe, Du hast recht.“

Sie drehte den Kopf, als sie Stimmen von der Eingangstür her hörte. Als sie sah, wer da eintrat, griff sie erschrocken nach Caseys Arm.

„Wir haben Besuch.“ sagte sie leise und blickte bedeutungsvoll in die Richtung, aus der die Stimmen kamen. „Wenn man vom „Teufel“ spricht...“

Auf der Treppe standen die Reporterin Virginia und, mit ihrer Staffelei unter dem Arm, Maria Evans.

 

 

 

Nach ungefähr einer knappen Stunde Fahrt gelangte Ben zu einer kleinen, versteckt liegenden Hütte in den Bergen. Er stellte das Motorrad ab und kramte den Schlüssel hervor. Die Tür klemmte etwas und quietschte in den Angeln, als er sie öffnete. Drinnen roch es muffig, wie lange nicht gelüftet.

„Ich werde einiges auf Vordermann bringen müssen, nachdem ich fast zwei Jahr nicht hier oben war!“ dachte er, machte Licht und öffnete die Läden und die Fenster weit. „Na wenigstens funktioniert die Elektrik noch.“

Er sah sich um. Alles war noch genauso wie damals, als er es verlassen hatte, um ein neues Leben zu beginnen, damals, als er zwei einsame Wochen hier oben verbrachte, um über seine Trennung von Maria wegzukommen. Er hatte sich regelrecht hier versteckt, davongelaufen vor sich selbst, der ganzen Welt und seinen Problemen...

„Genauso wie jetzt!“ dachte er bitter. Als er die kleine Hütte im Bergwald damals selbst mit aufgebaut hatte, sollte das eigentlich ein heimliches Liebesnest für ihn und seine Frau sein, ein Ort, um ungestört das gemeinsame Glück genießen zu können. Aber dann war dieser Platz  plötzlich nur zu einer Zufluchtstätte geworden, um zu vergessen.

Er seufzte und wünschte sich sehnlichst, Meg wäre jetzt bei ihm.

Sein Blick wanderte von den einfachen aber schönen Holzschränken an der einen Seite der Holzwand über den rustikalen Tisch inmitten der gemütlichen Sitzecke bis hin zu den niedlichen Gewürzregalen über der Spüle, die Maria damals so gefallen hatten und die sie selbst bemalt hatte. Daneben die Tür zum Schlafraum... zögernd ging Ben hinüber und öffnete sie vorsichtig, so als fürchtete er, die Erinnerungen dahinter könnten über ihn herfallen wie wilde Tiere und ihn wieder quälen. Er trat ein und starrte auf das bequeme, breite Bett, die in hellen Pastellfarben gehaltene Tagesdecke und die dazu passenden Vorhänge an den Fenstern. Das Gemälde dort an der Wand hatte Maria gemalt, eine Landschaft im Sonnenuntergang, paradiesisch und schön, voller Melancholie, und inmitten der Blumen und des gleißenden Sonnenlichtes zwei Gestalten, die sich in den Armen hielten.

Gedankenversunken stand er da und starrte das Bild an. Nach einer Weile trat er entschieden darauf zu, nahm es ab und schob es hinter den Kleiderschrank.

„Schluß damit, ich muß hier renovieren!“ knurrte er, machte kehrt und warf die Tür hinter sich zu. „Und nicht nur hier, mein ganzes Leben sollte renoviert werden!“

Draußen blieb er stehen und atmete tief die klare Waldluft ein.

„Meg würde es hier sicher gefallen!“ sagte er sich leise und nachdenklich, „sie ist so einfühlsam und naturverbunden, ich glaube, sie wäre gern hier. Aber wird sie mir verzeihen, was letzte Nacht geschehen ist? Schließlich hatte sie bereits eine herbe Enttäuschung hinter sich...“

Er setzte sich auf einen der beiden Baumstümpfe vor der Hütte und kaute selbstvergessen auf einem Grashalm, während seine Gedanken zurückwanderten zu letzter Nacht. Warum nur konnte er sich an überhaupt nichts mehr erinnern? Was war losgewesen mit ihm, dass er sich dazu hinreißen ließ, mit Maria zu schlafen? Hatte er seine Gefühle für sie wirklich nur verdrängt?

Nein! Dazu kannte er sich zu gut, er hatte sich ernsthaft in Meg verliebt und wußte genau, dass daraus mehr werden würde, wenn er es nur zuließ. Und er wollte es zulassen, mehr als alles andere...

Er sprang auf, verschloß Fenster und Tür zur Hütte und holte sein Motorrad. Es war dumm gewesen, davonzulaufen!

Plötzlich wußte er, was er zu tun hatte.

 

 

 

Gut  gelaunt, eine Melodie vor sich hinsummend, räumte Tiffany in der Küche des Waffelshops Teller und Tassen aus dem Geschirrspüler in die großen Schränke. Seit zwei Tagen war Elaines Küchenhilfe krank, und Tiffany hatte von sich aus diesen Teil der Arbeit mit übernommen. Es machte sie stolz, zu wissen, dass sie gebraucht wurde und heimlich Elaines dankbare Blicke zu sehen.

Die beiden Frauen verstanden sich vom ersten Moment an sehr gut, es war, als würden sie sich schon eine Ewigkeit kennen. Tiffanys Befürchtungen, Elaine könnte sich vielleicht zu sehr in ihr Privatleben einmischen oder sie bevormunden wollen, hatten sich als völlig unbegründet erwiesen. Im Gegenteil, immer öfter verspürte Tiffany das Bedürfnis, Elaine etwas über die Schatten ihrer Vergangenheit, die sie noch immer bis in ihre Träume verfolgten und quälten, anzuvertrauen. Sie hatte bisher all diese schlimmen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend tief in ihrer Erinnerung vergraben wollen, aber vielleicht war es gut, endlich mit jemandem darüber zu reden, jemand wie Elaine, liebenswürdig, verständnisvoll und stark zugleich.

„Ich wünschte, sie wäre meine Mutter, dann hätte ich bestimmt eine wunderschöne Kindheit gehabt, so wie Paula, ihre Tochter.“ überlegte sie, als sie nach der Arbeit die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstieg und die Tür aufschloß. Sie warf einen Blick auf Spike, der sich friedlich schlafend in seinem neuen Hundekörbchen zusammengerollt hatte. Der kleine Hund blickte nur kurz auf, als sie hereinkam, legte dann zufrieden sein Köpfchen auf die Pfoten zurück und schlief weiter.

„Langschläfer!“ lachte Tiffany, „Du hast es gut!“

Sie streifte ihre Schuhe von den Füßen, streckte sich auf dem Bett aus und sah auf die Uhr.

Noch eine halbe Stunde, dann begann Marks Mittagspause auf dem Liveguardturm. Sie hatten sich beide am Strand verabredet, wie immer in den letzten Tagen. Tiffany liebte es, wenn sie mit ihm zusammen barfuß am Wasser entlang bummelte und Spike ihnen freudig bellend um die Füße tollte. Gestern hatte Mark irgendwann einfach ihre Hand genommen, und sie fand es schön, dass alle dachten, sie beide seien ein Liebespaar. Zum Abschied hatte er ihr dann sogar einen Kuß auf die Wange gegeben, und Tiffany mußte sich eingestehen, dass sie es kaum erwarten konnte, ihn heute wiederzusehen.

Sie schloß die Augen und wäre fast eingeschlafen, als jemand laut und heftig anklopfte. Erschrocken fuhr sie hoch.

Spike stand mit gesträubtem Fell vor seinem Korb und knurrte.

„Ganz ruhig, Kleiner...“ meinte Tiffany und stand auf. „Mark, bist Du das?“ fragte sie, öffnete die Tür und erstarrte.

Vor ihr stand mit einem bösen Grinsen auf dem Gesicht der Grund ihrer immer wiederkehrenden, quälenden Alpträume - ihr Vater.

 

 

„Na sieh mal einer an, Tiffy!“ meinte er mit sarkastischem Unterton, schob sie einfach zur Seite und trat ins Zimmer. Er trug eine abgewetzte Jeansjacke, ausgebeulte, dreckige Jeans und roch nach abgestandenem Zigarettenrauch und Alkohol.

„Daddy...“ stammelte Tiffany zu Tode erschrocken und klammerte sich hilfesuchend an den Türrahmen. „Was tust Du hier... und ... wie hast Du... mich gefunden?“

„Tja, das war gar nicht so einfach, und es hat mich eine Menge Zeit und Geld gekostet, herauszufinden, wo Du kleines Miststück Dich verkrümelt hast. Aber jetzt hab ich Dich ja gefunden...“ Er ließ sich in den Sessel fallen und streckte die Beine von sich. Spike umkreiste ihn  und kläffte ihn dabei wütend an. „Weg, Du blödes Vieh!“ rief er bösartig und trat nach dem Hund.

„Laß ihn in Ruhe!“ Tiffany sprang hinzu und nahm Spike schützend in den Arm. Sie zitterte mindestens ebenso wie er, als sie atemlos fragte: „Was hast Du jetzt vor?“

Ein hämisches Lachen war die Antwort.

„Gute Frage... Was meinst Du wohl, was ich jetzt vorhabe?“

Mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, schnellte er aus dem Sessel hoch und packte Tiffany derart grob an den Schultern, dass sie Spike vor Schreck fallen ließ. Der kleine Hund versteckte sich sofort in seinem Körbchen und schaute mit angstvollen Augen über den Rand.

„Du wirst ohne großes Theater mit mir nach Hause kommen, wo Du hingehörst, aber vorher solltest Du erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel beziehen für die Frechheit, einfach abzuhauen!“ brachte er knurrend zwischen den Zähnen hervor. Seine Hände hielten sie wie Schraubstöcke und taten ihr weh, und von seinem Atem, der nach billigem Fusel und Bier stank, wurde ihr ganz schlecht.

„Daddy, bitte nicht...“ flehte sie, als sie der erste Schlag erbarmungslos ins Gesicht traf. Mit einem Aufschrei flog sie rückwärts gegen die Wand hinter ihr und kauerte sich dort wimmernd zusammen, die Hände schützend über den Kopf haltend. Doch mit zwei Schritten war er bei ihr und zog sie brutal wieder hoch.

„Nein!“ schrie Tiffany und versuchte sich zu wehren, aber sie hatte gegen seine grenzenlose Wut keine Chance.

„Das hättest Du Dir früher überlegen sollen, Du Herumtreiberin, ich werde Dir das Streunen ein für allemal austreiben,... wen hast Du eigentlich vorhin erwartet, Du... “ fauchte er und hob die Hand zum nächsten Schlag, als plötzlich eine gebieterische Stimme erklang:

„Sie sollten sich genau überlegen, ob Sie nochmal zuschlagen! Es könnte Sie teuer zu stehen kommen!“

Er hielt inne und fuhr herum.

In der Tür stand Elaine, und Tiffanys Vater starrte genau in den Lauf einer Schrotflinte, die sie drohend in Anschlag hielt.