Teil  20

 

„Schaut mal, wen ich Euch hier zur Unterstützung mitgebracht habe!“ rief Virginia und kam mit Maria zum Thresen herüber. „Unsere Künstlerin hat sich bereiterklärt, Euch zu helfen und die Wand hinter der Bar so zu gestalten, wie Meg es vorgeschlagen hat.“

„Super!“ meinte Cole und reichte Maria die Hand.

„Cole Deschanel, freut mich sehr, Sie kennenzulernen! Vielen Dank, dass Sie uns helfen wollen. Wir können momentan jede Hilfe gebrauchen, vor allem von einer begabten Künstlerin!“

Maria lächelte geschmeichelt.

„Keine Ursache, das mache ich doch gerne. Ich hoffe nur, Virginia hat nicht so maßlos übertrieben, was meine sogenannten künstlerischen Fähigkeiten angeht. Ich male nur in meiner Freizeit, als Hobby und zur Entspannung.“ sagte sie bescheiden.

Cole erwiderte ihr Lächeln und fügte charmant hinzu:

„Ich bin vollkommen sicher, Virginia hat genau die richtige Auswahl getroffen. Möchten Sie einen Kaffee?“

„Gerne.“ Maria setzte sich auf einen der Barhocker und schaute fast schüchtern in die Runde. Als sie Meg erblickte, zog ein Lächeln des Wiedererkennens über ihr Gesicht.

„Hallo... Meg, richtig? Schön, dass wir uns nochmal wiedersehen.“

„Ja, freut mich auch.“ antwortete Meg etwas zurückhaltend.

„Ihr beide kennt Euch schon?“ wunderte sich Cole.

Maria nickte.

„Meg hat einen hervorragenden Geschmack, was Mode, Farben und Eleganz betrifft. Sie hat mir neulich wirklich sehr geholfen.“

„Ach was, das war doch kaum der Rede wert.“ wehrte Meg schnell ab und warf Casey einen bedeutungsvollen Blick zu. Er wußte genau, von welchem Vorfall die Rede war und grinste.

Tess, der nicht entgangen war, dass Cole von dieser Malerin, wie sie Maria insgeheim nannte, ziemlich angetan zu sein schien, goß eine Tasse Kaffee ein und schob sie ihr über den Tresen.

„Bitteschön. Bedienen Sie sich. Und danke, dass Sie Cole und mir helfen wollen. Ich bin übrigens Tess, Coles Partnerin.“

„Meine Geschäftspartnerin!“ ergänzte er sofort, was ihm einen äußerst giftigen Blick aus Tess` grünen Augen einbrachte. Maria verkniff sich ein Lachen. Stattdessen nippte sie an ihrem Kaffee und wandte sich wieder an Meg.

„Vielleicht könnten Sie mir nachher ausführlich beschreiben, wie Sie sich die Gestaltung der Wandseite vorstellen. Ich mache mir eine Skizze dazu, und wenn Sie dann damit einverstanden sind, werde ich beginnen. Virginia sagte mir, dass Tess und Cole das Deep schon am Wochenende eröffnen wollen, da muß ich mich sputen, dass ich rechtzeitig fertig werde.“

„Okay.“ antwortete Meg und stand auf. „Trinken Sie in Ruhe ihren Kaffee und sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie anfangen möchten.“ Sie ging hinüber zu Vanessa, die sich seit Virginias Erscheinen wieder verstärkt mit dem Abreißen der alten Tapeten beschäftigte.

„Warum hast Du Dich so schnell verkrümelt?“ fragte sie leise. Vanessa schnaufte und verdrehte die Augen.

„Ich kann diese Reporterin nicht ausstehen! Als sie reinkam, fragte sie mich als erstes ganz scheinheilig, ob Michael auch da sei. Dabei weiß sie garantiert genau, dass er um diese Zeit am Strand arbeitet. Ich bin mir ganz sicher, sie hat es auf ihn abgesehen!... Und Du? Wie fühlst Du Dich, wenn Du Dich mit Bens Ex- Frau in einem Raum befindest?“

Meg zuckte die Schultern.

„Befangen.“ gestand sie. „Maria ist viel zu nett, als dass man sie hassen könnte. Außerdem weiß sie nicht, dass Ben und ich... na ja, dass wir uns kennen!“

Vanessa zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch.

„Und Du möchtest, dass das auch so bleibt, hab ich recht?“

„Ja, zumindest im Moment.“ bat Meg.

„Klar“ nickte Vanessa, „ich werde es ihr bestimmt nicht auf die Nase binden!“

 

 

 

Maria machte sich mit Feuereifer an die Arbeit. Nach Megs Beschreibung entstand im Handumdrehen auf ihrer Staffelei eine sehr schöne, eindrucksvolle Skizze.

„Und, was meinen Sie?“ fragte sie, als sie fertig war.

„Sehr schön!“ urteilte Meg, die nebenbei eifrig Gläser und Tassen polierte. „Genauso hab ich mir das vorgestellt. Ich glaube, wenn Sie das an der Wand auch so hinkriegen, werden sich die Gäste wie verrückt um die Bar drängeln...“

Maria lachte.

„Wie gefällt es Ihnen eigentlich in Sunset Beach?“ fragte sie interessiert, während sie ihre Malutensilien auspackte und mit einigen Punkten die Einteilung der Wand markierte.

„Eine sehr schöne Stadt...“ erwiderte Meg. „mit einer äußerst verheißungsvollen Legende.“

„Oh ja, da haben Sie recht. Glauben Sie an solche romantischen Sachen?“

„Ja, manchmal schon.“

Maria warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Ich auch. Deshalb hat es mich wahrscheinlich auch wieder hierher zurückgezogen. Ich liebe Sunset Beach! Meine Mutter und mein Bruder leben hier, und ich habe mir eine Wohnung am Ocean Drive gemietet, mein eigenes kleines Reich.“

„Das freut mich für Sie.“ antwortete Meg trocken.

„Bei mir hat die Legende übrigens vor Jahren funktioniert“ fuhr Maria fort, „ich traf damals bei Sonnenuntergang am Strand tatsächlich den Richtigen. Er war meine erste große Liebe.“

„Ben!“ dachte Meg und schluckte.

„Was ist daraus geworden?“ fragte sie vorsichtig.

„Wir haben uns getrennt.“ antwortete Maria und rührte ihre Farben um. „Aber momentan erlebe ich die Liebe wieder neu.“ Ihre Augen nahmen einen eigenartigen Glanz an, der Meg zutiefst verunsicherte.

„Und... darf man fragen, wer der Glückliche ist?“ fragte sie gespannt. Maria lachte fröhlich.

„Natürlich dürfen Sie fragen. Ich kenne ihn schon ziemlich lange, wir waren zwar eine Zeitlang getrennt, aber ich liebe ihn nur um so mehr. Er ist mein Ex- Mann, meine erste große Liebe, von der ich vorhin sprach.“

Es gab einen Knall, der für einen Moment alle verstummen ließ.

Meg hatte die Tasse, die sie gerade mit dem Tuch bearbeitete, fallen lassen. Klirrend zersprang sie in tausend Stücke.

Casey lachte.

„Jawohl, richtig Meg! Wirf die anderen gleich hinterher! Scherben bringen Glück, und das können wir gebrauchen... Außerdem ist dieses Dekor so hässlich, das muß weg!“

Während die anderen übermütig lachten, rang sich Meg ein müdes Lächeln ab und bückte sich schnell, um die Scherben zusammenzukehren. So fiel es keinem auf, wie blass sie geworden war.

„Wenn wir mit den Vorbereitungen soweit fertig sind, werde ich erst einmal eine kleine Pause machen.“ meinte sie, nickte Maria kurz zu und eilte hinaus. Vanessa folgte ihr auf dem Fuße.

„Alles in Ordnung mit Dir?“ fragte sie besorgt. Meg nickte.

„Ja, ist schon okay. Bei Farbgeruch wird mir immer etwas mulmig. Ich werde mir ein bisschen die Beine vertreten, dann geht es schon wieder.“ beruhigte sie die Freundin.

„Soll ich mitkommen?“ bot diese vorsichtshalber an.

„Nein, geh nur wieder zu den anderen. Ich bin gleich zurück.“

Während Vanessa wieder im Deep verschwand, schlug Meg den Weg zum Wasser ein. Marias letzte Worte hallten in ihren Ohren wider und verursachten bei ihr ein Gefühl der Angst und Unsicherheit.

„Beruhige Dich, Meg!“ versuchte sie sich einzureden, während sie ziellos am Strand entlangging. „Noch ist nichts verloren. Zu so einer Sache gehören immer zwei.“

 

 

 

Zitternd beobachtete Tiffany, wie Elaine mit einer entschiedenen Bewegung das Gewehr durchlud.

„Glauben Sie mir, Mister... Das ist kein Scherz. Ich werde Sie nicht verfehlen, wenn Sie nicht sofort damit aufhören! Nehmen Sie Ihre Hände von ihr!“

Zögernd ließ Tiffanys Vater die Arme sinken und trat einen Schritt zurück. Mit abschätzendem Blick fixierte er die Frau an der Tür, deren entschlossene Miene keinen Zweifel daran ließ, dass sie ihn sofort in Fetzen schießen würde, wenn er noch einmal zuschlug.

„Hören Sie, Lady...“ begann er umständlich und hob abwehrend die Hände. Elaine winkte energisch mit dem Gewehrlauf.

„Gut so, lassen Sie Ihre Arme am besten gleich oben. Ich rate Ihnen, keine Dummheiten zu machen, ich bin ziemlich nervös, und mein Finger am Abzug auch.“ Sie sah kurz zu dem völlig verängstigten Mädchen hinüber. „Komm zu mir, Tiffany. Hab keine Angst, es kann Dir nichts mehr passieren!... Und nun zu Ihnen, raus mit der Sprache, wer sind Sie und was wollen Sie hier?“ wandte sie sich in energischem Tonfall an den fremden Mann, der noch immer unschlüssig auf der selben Stelle stand, die Arme halb erhoben.

„Mein Name ist Roger Thorne, ich bin...“

„Er ist mein Vater.“ flüsterte Tiffany, die sich hinter Elaine gestellt hatte. „Er wollte mich zwingen, mit ihm nach Hause zurückzugehen.“

Elaine nickte.

„Ich verstehe.“ Sie ließ den Mann keine Sekunde aus den Augen. „Sie wird nirgendwohin gehen, Mister Thorne, und Sie werden sie ganz sicher nie wieder schlagen! Das ist ja wohl das Letzte!“ Sie holte tief Luft. „Tiffany wohnt jetzt hier, dagegen können Sie nichts unternehmen. Lassen Sie sie in Ruhe und verschwinden Sie, anderenfalls hole ich sofort die Polizei.“

Roger Thorne begann hämisch zu grinsen.

„Das können Sie gerne tun, Lady, ich habe denen nämlich auch allerhand zu erzählen. Unter anderem, dass Sie meine minderjährige Tochter hier festhalten und mich widerrechtlich mit einer Waffe bedrohen und so daran hindern, mein Kind wieder nach Hause zu bringen, wo sie bis zu ihrer Volljährigkeit gesetzlich hingehört!“

Elaine schnappte nach Luft.

„Minderjährig? Das ist ein Scherz!“

Wieder dieses eiskalte Lachen.

„Das hätten Sie wohl gerne, was!“ Er schnaufte zufrieden. „Hat Ihnen das kleine Biest etwa erzählt, sie sei über 18? Das kann ich mir vorstellen, die lügt nämlich wie gedruckt! Los Tiffy, sag der netten Lady, wie alt Du wirklich bist!“

Tiffany klammerte sich an Elaines Arm.

„Ich hab es zu Hause nicht mehr ausgehalten, deshalb hab ich gelogen und mich älter gemacht.“ schluchzte sie leise.

„Und wie alt bist Du wirklich?“ fragte Elaine mit einem sehr unguten Gefühl im Magen.

„Siebzehn, seit einem halben Jahr...“

„Oh Gott, Tiffany!” stöhnte Elaine, doch als sie sah, dass Thorne Anstalten machte, sich zu bewegen, brachte sie das Gewehr sofort wieder in Anschlag. „Bleiben Sie gefälligst, wo Sie sind!“

„Und was wollen Sie jetzt tun?“ fragte er sichtlich amüsiert. „Sie können Tiffy nicht hierbehalten, ohne sich strafbar zu machen.“

„Das kann ich sehr wohl.“ antwortete Elaine mit fester Stimme. „Sie befinden sich hier in meinem Haus, in das Sie widerrechtlich eingedrungen sind. So etwas nennt man für gewöhnlich „Hausfriedensbruch“, und glauben Sie mir, der Chef des örtlichen Polizeidepartements versteht in solchen Sachen überhaupt keinen Spass. Noch dazu, wenn Sie meine Gäste tätlich angreifen! Und Tiffany ist mein Gast...“ Sie sah ihn grimmig an, „Also raus hier!“

Roger Thorne stutzte einen Moment.

„Das werden Sie mir büßen!“ fauchte er dann wütend und ging langsam zur Tür. Dort drehte er sich um und durchbohrte Tiffany und Elaine mit drohenden Blicken.

„Ich komme wieder, darauf könnt Ihr Euch verlassen! Bald, Tiffy, sehr bald...“

Und mit einem Knall flog die Tür hinter ihm zu.

 

 

 

Während in der Liberty Corporation die drei „Maulwürfe“ noch bei einer Tasse Kaffee in Gregorys Büro saßen, eilte Annie nach Hause, um sich umzuziehen und so die anstößigen Spuren auf ihrem Rockhinterteil zu beseitigen. Um abzukürzen, lief sie gleich am Strand entlang. Ihre Stöckelschuhe hatte sie vorsorglich ausgezogen.

So sehr sie sich auch bemühte, dieser Jude ging ihr nicht aus dem Kopf.

„Was für ein aufgeblasener, dämlicher Kerl!“ schimpfte sie in Gedanken, „Hält sich für Supermann, dieser Macho! Ich fasse es nicht! Wenn er nur nicht so wahnsinnig attraktiv wäre... Aber mit Ben war er natürlich überhaupt nicht zu vergleichen, überhaupt nicht...“

Auf einmal stutzte sie.

Wer kam ihr denn da ganz allein am Strand entgegengeschlendert?

„Verdammt, ich denke genüsslich an Ben, und wen muß ich erblicken? Seine ach so süße, neue Herzdame!“ knurrte sie angriffslustig. „Na warte, Früchtchen! Keine schnappt mir Ben ungestraft weg...“

Meg war total in Gedanken und hatte Annie gar nicht bemerkt. Um so erschrockener war sie, als diese sich plötzlich mit angriffslustigem Grinsen vor ihr aufbaute und ihr den Weg versperrte.

„Haben die Wandervögel heute Ausgang? Dann sollten Sie sich beeilen, Gänschen, weil ich Ihnen sonst die Federn rupfe!“

„Sie schon wieder!“ entgegnete Meg genervt und musterte Annie kritisch. „Sehr passendes Outfit für einen Strandbummel!“

„Tja, wenn ich angezogen wäre wie Sie, würde ich mich überhaupt nicht auf die Strasse wagen.“ giftete Annie mit einem geringschätzigen Blick auf Megs ausgewaschene Jeans und die blaukarierte Hemdbluse, die sie offen über einem weißen Top trug, sofort zurück.

Meg zuckte gleichgültig die Schultern.

„Nicht, dass Sie das etwas anginge, aber es gibt Leute, die arbeiten nebenbei ein bisschen, und dafür finde ich diese Kleidung sehr passend.“

Annie warf den Kopf zurück und ihre Augen blitzten angriffslustig.

„Arbeiten? Wohl an Ihrer neuen Wohnung im Ocean Drive?“

„Wo?“ fragte Meg und zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Annie lachte spöttisch.

„Jetzt tun Sie bloß nicht so unschuldig, Sie kleines Biest! Ich weiß genau, dass Ben die ganze Nacht bei Ihnen war, ich habe doch heute morgen sein Auto dort stehen sehen! Und erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, Ihr hättet die ganze Zeit über Bilder aufgehängt oder Steckdosen angeschraubt... ! Aber wenn Sie denken, Sie hätten es nun entgültig geschafft, ihn in Ihre Krallen zu bekommen, dann haben Sie sich gewaltig getäuscht, meine Liebe! Sie werden mich noch kennenlernen... Ben gehört mir, und bisher habe ich immer bekommen, was ich wollte! Sie...“ sie wies mit einem Finger geringschätzig auf ihre Rivalin, „Sie haben doch überhaupt nicht das Format, einen Mann wie ihn zu halten!“ Damit drehte sie sich schwungvoll auf der Ferse um und stolzierte siegessicher davon.

Meg stand sprachlos da und starrte ihr nach.

 

 

 

„Ich möchte diesem Kerl so richtig eins auswischen!“ meinte Tim nach dem dritten Tequilla, den er mit dem Inhalt aus einer Dose Bier nachspülte.

„Ganz meine Meinung, Freund.“ grinste Eddi und winkte der Bedienung im Java Web. „Nochmal das selbe!“

„Aber wie fangen wir`s an, hä?“ überlegte Tim, dem der ungewohnte Alkoholgenuß langsam zu Kopfe stieg. „Wollen wir seine Freundin kittnappen?“

Eddi verschluckte sich an seinem Drink.

„Vielleicht später!“ beeilte er sich zu sagen und dachte an Del Douglas und seine finsteren Pläne, Rae Chang betreffend. „Zuerst mal würde ich eher ein paar schlagkräftige Argumente vorziehen, damit er sich nicht mehr in anderer Leute Angelegenheiten einmischt... wir müssen ihn dazu nur allein erwischen, am besten abends, wenn es dunkel ist und uns keiner erkennt.“

„Wir locken ihn irgendwo hin...“ lallte Tim und grinste die Bedienung, eine junge blonde Frau Mitte Zwanzig dümmlich an, was ihm einen mißbilligenden Blick ihrerseits einbrachte.

„Bei der hast Du keine Chance, Freund, die ist schon vergeben...“ lachte Eddi. Tim verzog nur das Gesicht.

„Das ist ein Grund, aber noch lange kein Hindernis!“ Er hob sein Glas. „Prost, und nenn mich nicht immer „Freund“, ich heiße Tim! Außerdem hab ich hier in der Stadt ganz andere Chancen als die da...“ Er stürzte das hochprozentige Getränk in Sekundenschnelle hinunter und schüttelte sich.

Eddi grinste. Der Bursche aus Kansas würde gleich unter dem Tisch liegen, der war ja überhaupt nichts gewohnt.

„Ich denke, Du willst Deine Verlobte wiederhaben?“ fragte er amüsiert.

„Meg?“ Tim winkte ab. „Kleinigkeit, die frißt mir bald wieder aus der Hand. Nein, ich meine eine andere, eine für Sonntags, Du verstehst?“ Er lachte anzüglich. „Ein echtes kalifornisches Mädchen vom Feinsten... sogar aus gutem Hause!“

„Wie heißt sie denn?“ Interessiert spitzte Eddi die Ohren und schob Tim unbemerkt seinen eigenen Tequilla hin.

„Caitlin... Richards“ lallte dieser und leerte das Glas mit einem Zug.

„Gregory Richards Tochter?“ flüsterte Eddi höchst erstaunt. “Wow, da hast Du ja einen ganz schön dicken Fisch an Land gezogen!“

„Wieso?“

„Die Richards sind unwahrscheinlich reich, und Caitlins Vater ist mit Abstand der einflussreichste und mächtigste Mann in Sunset Beach und Umgebung!“

„Aha...“ machte Tim und verdrehte die Augen. „Ich glaub, ich muß an die Luft...“

Eddi sprang auf und warf einen Geldschein auf den Tisch. Dieser Dummkopf hier konnte ihm wirklich von großem Nutzen sein, dessen war er sich sicher.

„Langsam, Freund, ich bring Dich noch ein Stück.“ lachte er, als er sah, wie Tim schwankte. „Sonst machst Du Dir noch einen Knoten in die Beine und landest irgendwo in der Fischsuppe!“

 

 

 

„Bens Auto stand heute morgen am Ocean Drive?“ überlegte Meg angestrengt, als sie nach der Begegnung mit Annie weiter den Strand entlanglief. „Was wollte er dort? Sein Büro liegt doch in entgegengesetzte Richtung...“

Aber Marias neue Wohnung befand sich in dieser Strasse! Und was, wenn er wirklich die Nacht dort verbracht hatte? Wenn er wieder mit seiner geschiedenen Frau zusammenleben wollte, so, wie sie es gesagt hatte? Bei diesem Gedanken schnürte sich Megs Kehle schmerzhaft zusammen.

Vielleicht war das der Grund dafür, dass er sich nicht meldete?

Sie atmete tief durch und bemerkte, dass sie fast an den Felsen angelangt war, vor denen sie kürzlich alle am Lagerfeuer gesessen hatten.

Das war ein so phantastischer Abend gewesen! Und danach, der Spaziergang mit Ben am nächtlichen Strand, dieses unbeschreiblich schöne Gefühl, als er plötzlich ihre Hand ergriffen hatte...

Meg lächelte versonnen und strich sich ganz in Gedanken das Haar aus der Stirn. Auf einmal bemerkte sie, dass dort auf den Steinen vor den Felsen jemand saß und sie beobachtete.

Das war doch...

„Ben!“ rief sie überrascht und winkte ihm voller Freude zu.

Er starrte zu ihr herüber, stand dann auf und kam langsam näher. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein zögerndes Lächeln ab.

Meg lief auf ihn zu und strahlte ihn an. Als er daraufhin die Arme ausbreitete, stürzte sie sich ohne zu zögern hinein und barg den Kopf an seiner Brust.

„Ben... ich hab Dich schon vermißt!“ flüsterte sie glücklich. Er hielt sie fest, und als sie zu ihm aufblickte, schaute er sie einen Moment lang an, als sähe er sie zum ersten Mal. Dann aber beugte er sich vor und küßte sie, zuerst ganz zart und vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher, so dass sie kaum Luft bekam.

„Meine Güte...“ schoß es ihr durch den Kopf, als sie sich atemlos von ihm löste, „er muß mich wirklich vermißt haben!“

Sie sahen sich einen Augenblick lang stumm in die Augen, dann suchten seine Lippen wieder nach ihrem Mund.

„Ben... warte...“ bat sie, doch seine Lippen fuhren seitlich über ihre Wangen bis hinunter zu ihrem Hals.

„Mh... davon kann ich gar nicht genug bekommen!“ flüsterte er. „Komm her...“

„Ben, hör auf, wir müssen reden!“

„Müssen wir? Ich hätte da einen ganz anderen Vorschlag!“

„Ben!“

Er hob ergeben die Hände und trat einen Schritt zurück.

„Okay, schon gut. Also, worüber willst Du mit mir reden?“

„Über Dich und Maria!“

„Maria?“ Erstaunt hob er die Augenbrauen. Meg sah ihn prüfend an.

„Warst Du bei ihr? Habt Ihr die letzte Nacht zusammen verbracht?“

Ben starrte sie einen Moment lang erstaunt an. Dann lachte er.

„Nein, natürlich nicht! Wer zum Teufel hat Dir denn solchen Blödsinn erzählt?“

„Maria selbst... und Annie Douglas!“

Er schien einen Moment zu überlegen.

„So?“ meinte er dann und wich ihrem Blick für einen Moment aus. „Und was genau haben diese beiden Damen behauptet?“

„Maria meinte, sie erlebt zur Zeit die große Liebe wieder neu, und der Glückliche wärst Du, Ihr Ex- Mann.“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Und dann habe ich Annie vor ein paar Minuten am Strand getroffen, und sie erzählte irgend etwas von einer Wohnung am Ocean Drive, wo angeblich Dein Auto heute morgen gestanden hätte, sie glaubte wohl, ich würde dort wohnen und Du hättest die Nacht bei mir verbracht... sie hat mich gewarnt, ich solle die Finger von Dir lassen!“

„Interessant...“ meinte Ben nur und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Nun, das solltest Du wirklich nicht so ernst nehmen. Ich vermute, Maria will Dich damit nur eifersüchtig machen und sich wichtig tun, und was Annie Douglas betrifft, das Luder lügt doch sowieso wie gedruckt!“

„Schon möglich...“ überlegte Meg. „Aber aus welchem Grund sollte Maria mich eifersüchtig machen wollen? Sie weiß doch noch gar nichts von uns! Und warum sollte Annie behaupten, sie hätte heute morgen Dein Auto unten am Ocean Drive stehen sehen? Maria hat dort eine Wohnung, nicht ich!“

„Schön für sie. Davon wußte ich bisher noch gar nichts. Aber wie dem auch sei, für meinen Wagen gibt es eine einfache Erklärung: Er ist mir gestern abend, als ich von einem Geschäftstermin nach Hause fuhr, am Ocean Drive kaputtgegangen. Der Motor streikte und ich konnte keinen Meter mehr fahren. Deshalb hab ich ihn stehengelassen und bin nach Hause gelaufen.“ Er sah ihr skeptisches Gesicht und nahm ihre Hände. „Was soll denn das, vertraust Du mir denn gar nicht?“

„Doch, natürlich... es ist nur...“ sie blickte nervös zu Boden. Er trat dicht an sie heran, hob mit einem Finger sacht ihr Kinn und zwang sie auf diese Art, ihn anzusehen.

„Glaub mir, ich will weder Maria noch sonst irgendwen! Ich will nur Dich!“

Meg sah ihm in die Augen und lächelte.

„Ben, ist das wirklich wahr?“

„Natürlich ist das wahr!“ Er zog sie in seine Arme und sie kuschelte sich erleichtert an ihn.

Ben küßte sie, und sie erwiderte seinen Kuß. Aber sie konnte sich dem Gefühl nicht so hingeben wie sonst, irgend etwas war heute anders. Lag es daran, wie er sie ansah und sie im Arm hielt, oder war es die Art, wie er sie küßte, sie vermochte es nicht zu erklären.

„Casey hat sicher recht, mit uns ging alles ziemlich schnell, und vielleicht bringt Ben das genauso durcheinander wie mich...“ beruhigte sie sich in Gedanken, als sie sich von ihm löste.

„Ich muß zurück ins Deep, die anderen warten auf mich.“ sagte sie. „Cole und Tess wollen die Bar am Wochenende bereits eröffnen, und bis dahin gibt es noch eine Menge zu tun.“

Ben strich ihr übers Haar.

„Geh nur, ich werde noch ein bisschen am Strand entlang laufen, bevor ich nach Hause zurückkehre.“

„Sehen wir uns später?“ fragte Meg hoffnungsvoll.

„Ich hab noch ziemlich viel zu tun, aber wenn Du mir sagst, wo ich Dich telefonisch erreichen kann, dann rufe ich Dich nachher an.“ versprach er. Etwas enttäuscht nickte Meg.

„Okay, ich bin noch bis zum Nachmittag im Deep und danach wie immer im Surf Center.“

Sie winkte ihm zum Abschied noch einmal zu und ging eiligen Schrittes den Weg zurück.

„Eigenartig...“ dachte sie, „wieso geht Ben am Strand spazieren? Hatte er Casey am Telefon nicht etwas von einem wichtigen Termin irgendwo außerhalb von Sunset Beach erzählt? Und er hat überhaupt nicht danach gefragt, woher ich Maria kenne!“

„...glaub mir, ich will weder Maria noch sonst irgendwen! Ich will nur Dich...“ klang ihr seine Stimme noch im Ohr.

„Ich sollte einfach abwarten!“ sagte sie sich mit einem Anflug von Optimismus, „Ich glaube, Ben liebt mich wirklich!“

 

„Ben“ sah ihr nach, wie sie am Strand entlang davonging.

„Wow, mein Bruder ist wirklich ein Glückspilz!“ meinte er kopfschüttelnd zu sich selbst. „Die tollsten Frauen fliegen auf ihn... und landen schließlich bei mir!“ Ein hinterhältiges  Grinsen überzog sein attraktives Gesicht, und seine blauen Augen wurden noch eine Spur dunkler, als er nachdenklich hinzufügte: „Aber die hier, die könnte mir wirklich gefallen! Danke Ben, dass Du die für mich gefunden hast!“

Und mit einem heimtückischen Lachen verschwand Derek Evans auf dem Weg zwischen den Felsen, der zum anderen Ende der Stadt zurückführte.