Teil  21

 

 

In Gedanken versunken ging Derek den Weg zurück zum Highway, wo er seinen Wagen abgestellt hatte. Dies heute sollte eigentlich nur eine Stippvisite in Sunset Beach sein, denn er vermutete, dass sich Maria nach ihrem plötzlichen Verschwinden hierher zurückgezogen hatte. Er lachte verächtlich.

Natürlich war seine Vermutung wieder einmal richtig gewesen, sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Sie war hier, in ihrer alten Heimatstadt, wo auch sonst. Bens kleine brave Ehefrau war einfach nicht clever genug, ihm zu entkommen...

Nicht, dass er sie zurückhaben wollte, oh nein, im Grunde war er froh, sie endlich loszusein, mit ihren ewigen Eifersuchtszenen und Nörgeleien war sie ihm gehörig auf die Nerven gefallen. Aber dennoch - sie hatte ihn verlassen, und das gefiel ihm nicht. Keine Frau verließ Derek Evans einfach so, es sei denn, er machte den ersten Schritt und trennte sich von ihr, keinesfalls umgekehrt, das ließ sein Ego nicht zu.

Nun gut, er würde sie aufsuchen, und ihr gehörig auf den Zahn fühlen, um irgendwie

herauszubekommen, ob sie sich wirklich wieder Chancen auf seinen Bruder ausmalte. Aber wie er Ben kannte, wollte der sie nicht zurück, nicht nach allem, was geschehen war. Außerdem hatte er ja eine neue Freundin...

Noch ein Grund mehr, für eine Weile in der Stadt zu bleiben.

Die Kleine war zu süß, die hatte etwas an sich, das ihn irgendwie berührte. Wenn er an die Begegnung vorhin am Strand dachte, ihre Augen, ihre Lippen und ihr weiches Haar... Oh ja, die konnte ihm gefährlich werden! Und sie gehörte zu Ben... das gab der Sache erst die richtige Würze!

„Zeit für ein neues Abenteuer, alter Junge!“ sagte er grinsend, stieg in seinen Wagen und machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft.

 

 

 

„Misses Richards!“

Beunruhigt rang Rose die Hände. „Was soll ich denn Mister Richards sagen, wo Sie sind, wenn er nach Hause kommt?“

Olivia, die mit einem kleinen Koffer in der Hand die Treppe herunterkam, blieb kurz stehen und sah die Haushälterin beruhigend an.

„Keine Sorge, Rose“ sagte sie lächelnd, „ich werde nicht lange weg sein. Vielleicht ein paar Tage. Ich besuche nur eine alte Freundin. Oben in meinem Zimmer liegt ein Brief für Mister Richards. Machen Sie sich bitte keine Sorgen, er wird es verstehen.“

„Ja aber...“ Rose wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie konnte Olivia schließlich nicht zwingen, hierzubleiben, aber sie fürchtete die Wut des Hausherrn, wenn er später vom Büro kommen und erfahren würde, dass seine Frau mit unbekanntem Ziel verreist war.

„Auf wiedersehen.“ Olivia nickte ihr noch einmal zu und verschwand nach draußen, wo bereits ein Taxi auf sie wartete.

Kaum war die Tür ins Schloß gefallen, eilte Rose zum Telefon und wählte die Nummer der Liberty Corporation.

„Hallo Elisabeth“ rief sie aufgeregt in den Hörer, „ich muß unbedingt Mister Richards sprechen. Es ist sehr wichtig!“

Elisabeth teilte ihr mit, dass Gregory das Büro vor einiger Zeit verlassen hatte, um zur Baustelle hinauszufahren.

„Wir erwarten ihn erst am späten Nachmittag zurück. Soll ich etwas ausrichten?“

„Nein danke, schon gut.“ sagte Rose und legte seufzend auf.

Tja... Gregory nicht erreichbar, Caitlin wer weiß wo und Sean in der Schule... Das war „höhere Gewalt“, da konnte sie momentan gar nichts tun.

 

 

 

Olivia lehnte sich zufrieden in die weichen Polster des Taxis, das Sunset Beach gerade verließ und auf den Highway Richtung Los Angeles abbog.

Sie freute sich auf das Wiedersehen mit ihrer alten Freundin Sally, die sie schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit kannte, und die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Sally lebte in L.A. und besaß eine Modefirma, die „Spectra- Fashions“, ein Familienunternehmen, dass sie bisher mit eiserner Hand durch alle Höhen und Tiefen der Modebranche manövriert hatte. Sally war eine starke Persönlichkeit, die schon immer genau wußte, was sie wollte, und Olivia hoffte, von ihr ein paar gute Ratschläge unter Freundinnen zu erhalten, wie sie ihr Leben einigermaßen wieder in den Griff bekommen konnte.

Seit der Fehlgeburt fühlte sie sich nur noch leer und ausgebrannt, mißverstanden und zu tiefst verletzt durch ihren eigenen Ehemann. Ihre Ehe mit Gregory hatte schon lange tiefe Risse in dem Mauerwerk, dass nach außen hin so stark und unzerstörbar schien, aber ihr fehlte einfach der Mut, ihn zu verlassen, denn im Grunde ihres Herzens liebte sie ihn immer noch.

„Sally wußte schon immer, was richtig und was falsch ist“ sagte sie sich, „bestimmt hat sie auch diesmal eine Idee, wie ich mit dieser Situation am besten fertig werde.“

 

 

 

Derek hatte ein kleines Strandhaus etwas außerhalb der Stadt gemietet. Zufrieden holte er seine Koffer aus dem Wagen und richtete sich binnen kurzer Zeit häuslich ein. Der letzte Gewinn im Casino von Miami Beach hatte sich gelohnt, die beträchtliche Summe gestattete ihm, seinen gewohnten großzügigen Lebenswandel noch einige Zeit weiterzuführen. Das er das Geld nicht ganz legal gewonnen hatte, störte ihn wenig. Wer sich betrügen ließ, war schließlich selber schuld...

Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er vor der Tür des Hauses und schaute zufrieden aufs Meer hinaus. Ein leichter Wind, der würzig nach Sommer, Salz und wilden Wellen duftete, wehte herüber und spielte mit den Strähnen seines dunklen Haares, die ihm lässig in die Stirn fielen. Er trug sein Haar wie Ben, und überhaupt schien er das absolute Ebenbild seines Bruders zu sein, zumindest äußerlich waren die beiden noch nie zu unterscheiden gewesen. Nur wer die Zwillingsbrüder ganz genau kannte, konnte um Dereks Mundwinkel zuweilen eine Art zynisches, fast bösartiges Lächeln entdecken, das tief aus seinem Herzen zu kommen schien. Dazu trat gelegentlich ein äußerst gefährliches Funkeln in seine dunkelblauen Augen, das zumeist nichts Gutes verhieß.

Das Leben war ein Spiel für ihn, eine Art persönliches Abenteuer, und wenn es darum ging, ein gewisses Ziel zu verfolgen, kannte er keine Skrupel und war gefährlich wie ein Raubtier auf Beutezug.

Er blickte auf die Uhr. Es war bereits Nachmittag. Zeit, etwas zu unternehmen.

Zuerst galt es, den Namen dieser jungen Frau herauszufinden, schließlich hatte er ihr versprochen, sie anzurufen. Was hatte sie gesagt? Sie sei im Deep, und später im Surf Center...  Was zum Teufel war das Surf Center?

Nun, das würde er schnell in Erfahrung bringen. Wozu gab es Elaines Waffelshop?

Und danach würde er Maria noch einen kleinen Besuch abstatten...in ihrer neuen Wohnung am Ocean Drive! Es war fast zu einfach...

 

 

 

Annie, diesmal in Jeans und Bluse, kam etwas verspätet auf der Baustelle an, was ihr sofort einen wütenden Blick Gregorys einbrachte.

„Wie schön, dass Du es vor dem Dunkelwerden doch noch geschafft hast.“ knurrte er und wandte sich an die drei Archäologen, die sich inzwischen interessiert umsahen. „Hier entlang bitte.“

Während sie ihm alle zu den nahegelegenen Felsen folgten, gesellte sich Jude wie zufällig an Annies Seite.

„Sexy Outfit“ bemerkte er trocken und wies grinsend auf ihre Jeans. „Und passend für unsere Arbeit.“

Unsere Arbeit?“ erwiderte Annie erstaunt und legte ihre ganze Betonung in das erste Wort. „Glauben Sie mir, Mister Cavao....“

Cavanough“ half er amüsiert aus. „Jude für Sie, Annie!“

„Wenn Sie glauben, ich arbeite mit Ihnen und laufe vielleicht noch mit der Schaufel hinter Ihnen her...“ wetterte Annie unbeirrt weiter.

„Interessante Vorstellung!“ lachte Jude. Sie warf ihm einen wütenden Blick zu, ließ ihn einfach stehen und ging einen Schritt schneller, um dem Gespräch zwischen Gregory und dem Ehepaar Torres zu folgen. Leider achtete sie dabei nicht auf das unwegsame Gelände, stolperte über eine Wurzel und knickte so unglücklich mit dem Fuß um, dass sie strauchelte und mit Sicherheit hingefallen wäre, hätte Jude sie nicht geistesgegenwärtig aufgefangen.

„Hoppla“ sagte er locker und hielt sie fester, als ihr lieb war. Sein Gesicht war ihrem plötzlich ganz nahe, als er leise fragte: „Haben Sie sich wehgetan?“

„Nein!“ antwortete sie verunsichert. Dieser Mann verursachte ihr Herzklopfen, und das war nicht gut... so schnell wie möglich löste sie sich aus seinen Armen und versuchte von ihm wegzukommen, doch schon der erste Schritt entlockte ihr einen kläglichen Schmerzensschrei.

„Au, verdammt!“

Sofort war Jude wieder bei ihr und stützte sie. Die anderen drehten sich erstaunt um.

„Annie, was ist denn jetzt schon wieder los?“ rief  Gregory ungehalten.

„Sie ist umgeknickt“ informierte ihn Jude. „Ich vermute, der Knöchel ist verstaucht...“

„Quatsch“ erwiderte Annie, „nur einen Moment, dann geht es schon wieder!“

Während Gregory entnervt mit den Augen rollte und seine Begleiter entschuldigend ansah, hatte Jude sich hingekniet und befühlte fachmännisch Annies Fußgelenk, was einen weiteres schmerzhaftes Aufstöhnen ihrerseits zur Folge hatte.

„Hören Sie auf, Sie Volltrottel, das tut höllisch weh!“

„Tja, das sieht nicht gut aus, Leute!“ stellte Jude ungerührt fest, stand auf und fasste Annie, die hilflos auf einem Bein dastand, um die Taille. „Das muß dringend geröntgt werden! Ich glaube, es ist besser, ich bringe Ihre Mitarbeiterin ins Krankenhaus!“

„Nein!“ protestierte Annie.

Gregory nickte zerknirscht.

„Sehr freundlich von Ihnen, Jude. Sie können gleich den Firmenjeep benutzen, der drüben auf der Baustelle steht.“ Er reichte ihm den Schlüssel und fuhr dann mit einem Blick zur Uhr fort: „Ich glaube, wir sollten die Besichtigung der Höhlen auf morgen früh verschieben. Dann können Sie in aller Ruhe Ihr Gepäck ins Hotel bringen und sich noch ein wenig in der Stadt umsehen. Für heute abend möchte ich Sie dann zu einem gemeinsamen Abendessen ins Grenadines einladen. Ich hoffe, bis dahin wird mein Geschäftspartner zurücksein, so dass Sie ihn auch kennenlernen werden.“

Gabi und Antonio nickten dankend, während Jude Annie einfach auf die Arme nahm, als wäre sie leicht wie eine Feder und sie trotz ihres Protestes hinüber zum Jeep trug.

„Wer gibt Ihnen eigentlich das Recht, sich hier so aufzuspielen!“ fauchte sie und hämmerte wütend gegen seine Schulter. „Was wissen Sie denn, was mit meinem Knöchel los ist! Schließlich sind Sie doch kein Arzt, sondern nur ein... ein...“

„Ja?“ fragte Jude belustigt.

„Maulwurf!“ zischte sie. Er lachte und setzte sie vor dem Jeep ab, während er den Wagen aufschloß.

„Glauben Sie mir, Annie, ich hab schon so viele Knochen ausgegraben und untersucht, ich weiß, wann was kaputt ist und wann nicht. Außerdem, was soll an einem Knöchel von einem Urmenschen oder einem Minisaurier anders sein als an Ihrem?“

Annie holte tief Luft, um ihm die passende Antwort zu geben, aber er bugsierte sie unbeirrt auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu.

„Na dann mal los.“ meinte er nur, als er kurz darauf auf dem Fahrersitz Platz nahm und den Motor anließ. „Wo bitteschön geht’s zur städtischen Notaufnahme?“

 

 

 

Elaine hatte sich nach den Ereignissen von heute Mittag noch nicht wieder richtig erholt. Sie machte sich Sorgen um Tiffany, denn nachdem dieser brutale, widerliche Kerl, der behauptete, ihr Vater zu sein, endlich verschwunden war, hatte das junge Mädchen ihr unter Tränen berichtet, was sie jahrelang zu Hause hatte erdulden müssen, dann war sie schluchzend zusammengebrochen und erklärte, sie würde lieber sterben, als zu ihren Eltern zurückzugehen. Elaine hatte schweigend zugehört und ihr versprochen, sie würde sie nicht im Stich lassen, aber seit sie das Zimmer verlassen hatte, war Tiffany nicht wieder unten aufgetaucht. Sie hatte sich eingeschlossen und wollte nicht einmal Mark sehen, der vor einer Stunde hiergewesen war, um nach ihr zu sehen, nachdem sie nicht wie vereinbart am Strand

aufgetaucht war. Verstört hatte er Elaine gefragt, was denn los sei, aber sie hatte ihn gebeten, mit Tiffany selbst zu sprechen, sobald diese dazu bereit sei.

Elaine konnte sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren und grübelte ständig vor sich hin, was sie tun könne, um Tiffany zu helfen. Sie schrak aus ihren Gedanken, als jemand am Tresen sie ansprach.

„Hallo Elaine, wie geht’s Dir heute?“

„Ben... entschuldige, ich hab Dich gar nicht reinkommen sehen!“ antwortete sie zerstreut, lächelte aber freundlich. „Schön, Dich zu sehen! Etwas ungewöhnlich zwar, um diese Zeit bist Du doch sonst immer im Büro!“

Derek lachte.

„Stimmt, aber heute hab ich mich davongemacht, weil ich einfach Lust auf einen richtig guten Kaffee hatte, einen, wie ihn nur meine Mutter kochen konnte, oder Du!“

Elaine lachte geschmeichelt und füllte sogleich eine Tasse mit dem frischen duftenden Gebräu.

„Heiß und schwarz, wie Du ihn magst!“

Derek nahm einen Schluck und unterdrückte mit Mühe ein Stöhnen. Schwarzer Kaffee... typisch Ben! Er selbst liebte es, ihn mit Milch und Zucker zu trinken. Und nun sollte es auch noch so aussehen, als genieße er dieses widerliche Zeug!

„Köstlich, Elaine. Genau, was ich jetzt brauche, um den Kopf wieder frei zu kriegen!“

„Sag mal ...“ begann er zögernd, „ich hab vorhin gerade überlegt, wie kommt eigentlich jemand auf die Idee, ein Haus „Surf Center“ zu nennen?“

Elaine blickte ihn verwundert an.

„Surf Center? Wie kommst Du darauf, Ben?“

„Na ja, der Name schwirrt mir heute schon den ganzen Tag im Kopf herum, weißt Du, was er zu bedeuten hat?“

„Na ja“ überlegte Elaine, „das solltest Du wohl besser Casey fragen, schließlich ist es sein Haus. Und soviel ich weiß, haben er und seine Freunde es so genannt, seit sie alle zusammen dort wohnen. Apropos... wie geht es denn einer gewissen jungen Dame, die auf dem besten Weg zu sein scheint, Dein Herz zu erobern?“ Sie zwinkerte ihm vertraulich zu. Derek lachte und zwinkerte zurück.

„Tja, ich werde sie nachher treffen, und da hoffe ich doch, dass es ihr ausgezeichnet geht!“

„Dann grüß sie doch bitte von mir. Ihr seid ein schönes Paar, Ihr beide!“ schwärmte Elaine. „Sie ist wirklich sehr nett!“

„Ja, das ist sie.“ antwortete Derek.

„Warum, verdammt nochmal, sagte sie nicht endlich den Namen von der Kleinen?“ dachte er genervt, während er mit Todesverachtung seinen Kaffee trank. Aber Elaine plauderte zwar mit ihm noch über dies und jenes, tat ihm jedoch nicht den Gefallen, Megs Namen zu erwähnen.

Mit einem mehr oder weniger gezwungenen Lächeln auf den Lippen und der Erkenntnis, dass nur ein Teil seines Planes funktioniert hatte, verließ Derek etwas später den Waffelshop.

Zumindest wußte er jetzt, dass mit dem Surf Center Casey Mitchums Haus gemeint war. Casey war Bens Freund, und bestimmt stand er im Telefonverzeichnis.

Derek war sich sicher, mit einem geschickten Telefonanruf würde er bestimmt schnell in Erfahrung bringen, auf welchen Namen seine neue Traumfrau hörte. Aber das mußte noch etwas warten. Zuerst wollte er noch einer alten Freundin einen Besuch abstatten...

Gut gelaunt machte er sich auf den Weg in Richtung Ocean Drive.

 

 

 

Maria war eben erst aus dem Deep zurückgekehrt und hatte ihre Farben und ihre Staffelei sorgsam in der kleinen Abstellkammer neben der Küche verstaut.

„Jetzt eine kühle Limonade und dann werde ich noch eine Weile zum Strand hinuntergehen.“ dachte sie gerade, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Maria öffnete und sofort flog ein Lächeln über ihr Gesicht. Er war da! Genau, wie sie es sich gewünscht hatte... Er liebte sie also doch noch...

„Ben!“ rief sie glücklich und trat beiseite, um ihn einzulassen. Er trat in die Wohnung, und sie schloß die Tür. „Ben, ich freue mich, dass Du da bist.“

„Ach ja wirklich?“ entgegnete er, während sich sein freundlicher Gesichtsausdruck schlagartig veränderte. „Eigenartig Maria, ich hätte nicht erwartet, dass Du Dich freuen würdest, mich zu sehen.“

Sie sah ihn einen Moment lang erstaunt an, dann weiteten sich ihre Augen erschrocken.

„Derek...“ stieß sie hervor und trat instinktiv einen Schritt zurück. „Was willst Du hier?“

Er lachte höhnisch.

„Sehen, wie es Dir geht, meine Liebe. Schließlich bist Du auf und davon, ohne Dich zu verabschieden. Und glaub mir...“ Er trat dicht an sie heran und legte einen Finger unter ihr Kinn, „so etwas mag ich gar nicht so gerne!“

Maria presste wütend die Lippen zusammen und stieß ihn von sich weg.

„Verschwinde, Derek! Ich bin Dir keine Rechenschaft schuldig, schließlich sind wir nicht verheiratet! Mich wundert sowieso, dass Du überhaupt bemerkt hast, dass ich nicht mehr da war.“

Er maß sie mit amüsierten Blicken.

„Willst Du mir nicht erst einmal einen Drink anbieten?“ fragte er, ohne auf ihre Vorwürfe einzugehen. Ungeniert sah er sich um und öffnete eine Tür.

„Die gute Stube, sieh mal einer an, wie bei Muttern!“ lästerte er. „Du hast Dich aber schnell häuslich eingerichtet. Warum wohnst Du eigentlich nicht wieder bei Ben?“ Er sah, wie sie empört Luft holte, um etwas zu erwidern, doch er ließ sie gar nicht zu Wort kommen.

„Ach ja, ich weiß schon, der gute Ben nimmt ja nichts Gebrauchtes zurück...“

„Du gemeiner...“ Mit einem Wutschrei ging Maria auf ihn los, doch er hielt sie sich mit einer lässigen Armbewegung vom Leib.

„Na na, immer schön ruhig bleiben, Schätzchen!“ Ungerührt ging er ein paar Schritte weiter und öffnete die nächste Tür.

„Ah, das Schlafzimmer. Interessant!“

„Derek, verschwinde endlich! Du hast kein Recht, hier einfach so hereinzuplatzen!“

Er lehnte sich in den Türrahmen und sah sie herausfordernd an.

„Haben Deine Reize denn gewirkt, letzte Nacht? Hast Du den armen Ben so richtig eingewickelt? Oder hat er Dich noch rechtzeitig durchschaut?“

Maria starrte ihn fassungslos an. Wie war das möglich? Woher wußte Derek von ihrer Nacht mit Ben? Niemand konnte davon wissen... oder doch?

„Was willst Du damit sagen?“ fragte sie unsicher. Derek lachte laut, ein Lachen, das böse und arrogant klang, und das sie aus tiefstem Herzen hasste.

„Komm schon, Schätzchen“ meinte er grinsend, „Du und ich, wir beide wissen doch genau, was Du vorhast. Du bist damals aus dem goldenen Käfig geflohen, und nun möchtest Du zu gerne wieder dahin zurück. Nur hat Dir Ben leider die Tür verschlossen...“

„Du weißt nicht, was Du redest!“ fauchte Maria.

„Oh doch, das weiß ich.“ meinte er mit einem tiefgründigen Lächeln. „Aber keine Angst, ich werde Dir bei Deinen Plänen nicht im Wege stehen.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und trat wieder dicht auf sie zu. „Jedenfalls nicht, solange sich die Sache zu meinem Vorteil entwickelt...“

„Heißt das... Du hast vor, in der Stadt zu bleiben?“ fragte Maria mit zitternden Lippen.

„Sunset Beach ist nach wie vor ein interessantes Plätzchen...“ grinste er, „ja, ich denke, ich werde eine Weile bleiben!“

 

Als Derek gegangen war, stand Maria lange Zeit am Fenster und starrte aufs Meer hinaus. Ihre Hand strich gedankenverloren über ihren Bauch.

„Du hast gerade Deinem Vater gegenübergestanden, mein Kleines.“ sagte sie leise, „aber das wird unser Geheimnis bleiben. Ich werde dafür sorgen, dass Du einen besseren als ihn bekommst, einen viel besseren.“