Teil  22

 

 

„Ach da haben wir sie ja.“ Zufrieden klappte Derek das Telefonverzeichnis wieder zu und wählte die Nummer, die er eben gefunden hatte. Bereits nach dem zweiten Rufzeichen meldete sich eine Männerstimme.

„Ja bitte?“

„Casey?“ fragte Derek vorsichtig.

„Ja... wer spricht denn dort?“

„Ich bin es, Ben.“

„Oh, hallo Ben, was gibt’s denn?“

„Tja, ob ich vielleicht mal die Frau meines Herzens sprechen könnte?“

Casey lachte.

„Die Frau Deines Herzens...“ wiederholte er, „das hört sich gut an! Ich werd mal sehen, ob ich da was für Dich tun kann! Augenblick...“

Derek hörte, wie Casey das Telefon hinlegte und dann, aus einiger Entfernung klangen endlich die Worte, auf die er die ganze Zeit gewartet hatte.

„Meg... Telefon!“

Er grinste zufrieden. „Na also, wer sagt`s denn!“ dachte er, als auch schon ihre Stimme am anderen Ende der Leitung erklang.

„Ben?“

„Hallo Meg, mein Schatz, schön, dass Du da bist. Ich würde Dich gern nachher sehen. Wollen wir uns am Strand treffen? Am Lifeguard- Turm bei Sonnenuntergang?“

„Am Strand?“ Sie schien überrascht.

„Na ja, wir können uns auch irgendwo anders treffen, wenn Du möchtest.“ lenkte Derek schnell ein.

„Nein, kein Problem“ erwiderte Meg. „Ich werde da sein. Was hast Du denn vor?“ fragte sie neugierig.

Ein undefinierbares Lächeln zog über Dereks Gesicht, ein Lächeln, das Meg zum Glück nicht sehen konnte, als er mit samtweicher Stimme antwortete:

„Nichts Bestimmtes, ich möchte nur ein wenig mit Dir allein sein. Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag.“

„Ich freue mich auch, Dich zu sehen, Ben.“ antwortete sie. „Bis nachher also. Bye.“

 

Nachdenklich legte Meg auf.

„Alles in Ordnung?“ fragte Mark, der gerade aus der Küche kam.

„Ja...“ nickte sie, „alles okay. Ich hab mich nur gerade gewundert, weshalb Ben  nicht herkommt, um mich abzuholen, sondern mich am Strand treffen will.“

Mark lachte.

„Vielleicht findet er es so romantischer!“

„Tja, mag sein.“ sagte sie und verscheuchte schnell alle Zweifel. „Und wo willst Du so eilig hin?“

„Zu Tiffany“ antwortete Mark. „Irgend etwas scheint heute im Waffelshop vorgefallen zu sein, etwas, worüber sie bisher nicht reden wollte. Ich hoffe, sie hat sich inzwischen etwas beruhigt und erzählt mir, was los war.“

„Na dann, bis später.“ meinte Meg und klopfte ihm im Vorbeigehen freundschaftlich auf die Schulter. „Ich muß mich jetzt um mein Outfit kümmern, damit ich nachher wenigstens ein bisschen mit der Schönheit des Sonnenunterganges konkurrieren kann.“

„Da brauchst Du Dich nicht allzu sehr zu mühen, Ben hat sowieso nur Augen für Dich!“ lachte Mark und zwinkerte ihr zu, bevor er die Tür hinter sich schloß.

 

 

 

Ben hatte nach seiner Rückkehr aus den Bergen noch einmal im Büro vorbeigeschaut. Es war eine Menge Arbeit liegengeblieben, und um Ronda einen halbwegs pünktlichen Feierabend zu ermöglichen, blieb er und versuchte noch ein wenig Ordnung in die zahlreichen Papiere auf seinem Schreibtisch zu bringen. Insgeheim gestand er sich ein, dass das nur ein Vorwand vor sich selbst war, um die dringend notwendige Aussprache mit Meg noch etwas hinauszuschieben, da er nicht voraussehen konnte, wie sie darauf reagieren würde, wenn sie erfuhr, in wessen Bett er heute morgen erwacht war...

Ganz in Gedanken versunken starrte er auf die Akte vor sich, als sich die Fahrstuhltür öffnete und Gregory ins Büro trat.

„Ben! Gut, dass Du da bist!“ rief er erleichtert. „Wir haben heute abend noch einen dringenden Termin wahrzunehmen.“

„Wir?“ fragte Ben erstaunt. „Was gibt es denn?“

„Ich habe unser Archäologenteam zum Abendessen ins Grenadines eingeladen, auf Geschäftskosten, versteht sich.“ erklärte Gregory mit wichtiger Miene. „Ich dachte, es sei vielleicht ganz gut, wenn wir diese Leute ein bisschen auf unserer Seite haben, damit sie eventuell hier und da bei ihren Messungen und Gutachten ein Auge zu unseren Gunsten zudrücken!“

„Und was hat Dein kleines Bestechungsmanöver mit mir zu tun?“ fragte Ben und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Nun“ Gregory räusperte sich umständlich, „es wäre schön, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit auch gleich kennen lernen würden. Natürlich kannst Du eine Begleiterin mitbringen, nur verschone mich heute mit Annie!“

„Wieso?“ fragte Ben belustigt. „Hat sie Dich etwa wieder geärgert?“

Gregory winkte genervt ab und ließ sich in einen der Besuchersessel fallen.

„Hör bloß auf! Zuerst knurrte sie unsere Gäste unflätig an, kaum dass diese einen Fuß durch die Tür gesetzt hatten, anschließend glänzte sie wieder durch völlige Inkompetenz, sobald sie ihren Mund aufmachte, und dann hatte sie auch noch ein total beschmutztes Kostüm an und mußte sich erst umziehen gehen.“

„Was?“ fragte Ben und zog erstaunt die Stirn in Falten. „Die ersten beiden Sachen passen ja zu Annie, aber ein beschmutztes Kostüm? Ist sie gegen die Kaimauer gelaufen?“

„Wohl eher umgedreht, jemand scheint gegen sie gelaufen zu sein... Sie hatte zwei total schmutzige Handabdrücke auf ihrer Kehrseite!“

„Oh...“ Nun mußte Ben doch laut lachen. Gregory grinste und lockerte seine Krawatte.

„Dieser Mister Cavanough fand das mindestens genauso lustig wie Du.“ bemerkte er. „Er ist übrigens gerade mit Annie auf dem Weg in die Notaufnahme, nachdem sie sich auf dem Pfad zu den Höhlen auch noch den Knöchel verletzt hat und nicht mehr auftreten konnte.“

Ben schüttelte fassungslos den Kopf.

„Scheint ja ein interessanter Tag gewesen zu sein.“ stellte er fest.

„Ja, das kann man sagen.“ nickte Gregory und musterte Ben aufmerksam. „Darf ich fragen, wo Du die ganze Zeit gesteckt hat?“

„Ich mußte dringend etwas erledigen.“ erwiderte Ben ohne zu zögern. „Wann findet das Abendessen im Grenadines statt?“ wechselte er schnell das Thema.

Gregory erhob sich.

„Ich dachte, gegen 19.00 Uhr. Bitte sei pünktlich. Und wie gesagt...“

„Ja, ich bringe eine Begleitung mit, und nein, es wird ganz bestimmt nicht Annie sein.“ fiel ihm Ben lächelnd ins Wort.

„Gut.“ Zufrieden machte sich Gregory auf den Heimweg.

Ben sah auf die Uhr.

Wenn er Meg noch rechtzeitig zu dem Abendessen abholen wollte, dann mußte er sich beeilen. Schnell packte er seine Sachen zusammen und verließ das Büro.

 

 

 

„Livvy, meine Liebe!“

Sally Spectra breitete die Arme aus und kam mit einer trotz ihrer äußerst fülligen Gestalt erstaunlichen Wendigkeit auf die Jugendfreundin zugeeilt. Voller Freude drückte sie Olivia an ihre Brust. „Endlich bist Du da! Du ahnst ja nicht, wie ich mich freue, Dich endlich wiederzusehen! Komm rein, Schätzchen, fühl Dich wie zu Hause!“

Olivia trat in Sallys geräumige und großzügig eingerichtete Penthouse- Suite, während ein Page mit ihrem Koffer dienstbeflissen vorauseilte.

„Stellen Sie`s dort drüben ab, Bob. Danke.“ Die Hausherrin reichte ihm ein Trinkgeld, worauf der junge Mann sich mit einer knappen Verbeugung eilends verabschiedete und hinauseilte.

„Komm, setz Dich doch, Livvy.“ Sally wies auf das große gemütlich aussehende Ledersofa. „Möchtest Du einen Drink?“

Olivia nahm Platz und lehnte dankend ab.

„Ich nehme noch Medikamente, ich darf nichts Alkoholisches trinken.“

„Medikamente?“ fragte Sally aufmerksam. „Bist Du etwa krank?“

„Nein“ erwiderte Olivia zögernd, „ich hatte kürzlich... eine Fehlgeburt, und da...“

„Oh...“ Sally setzte sich neben Olivia und faßte erschrocken nach deren Hand. „Das tut mir so leid für Dich, Livvy! Wie ist es denn dazu gekommen?“

„Ich bin... die Treppe hinuntergefallen.“

„Mein Gott, wenn ich mir vorstelle, was Du durchgemacht hast!“ Voller Mitleid in den Augen sah Sally ihre Freundin an. Dann verfinsterte sich ihre Miene. „Und was sagt Gregory dazu?“

Olivia zwang sich zu einem Lächeln.

„Nun ja, er war natürlich auch sehr betroffen...“

Sally warf den Kopf zurück und lachte geringschätzig.

„Oh ja, natürlich! Betroffen... ich wüßte nicht, was Gregory Richards wirklich betroffen machen könnte, außer, es schnappt ihm einer ein lukratives Geschäft vor der Nase weg und das Geld wird knapp!“ meinte sie wütend.

Olivia verdrehte die Augen.

„Sally, bitte!“

„Na ja, Du weißt doch, ich kann ihn nicht ausstehen, diesen hinterhältigen, geldgierigen Rechtsverdreher! Aber glaub mir, Du hast was besseres verdient, Livvy, Du hättest sie alle haben können, aber nein... Du verliebst dich in diesen arroganten, herrschsüchtigen Tyrannen!“ Sally schüttelte ihre dunkle Lockenmähne, die ihr ungebändigt bis auf die Schultern fiel, und ihr ohnehin schon rundes Gesicht noch breiter wirken ließ. Sie hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie Olivias Ehemann nicht leiden mochte, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, denn er war ebenfalls kein Fan von der Jugendfreundin seiner Frau. Was ihn offensichtlich störte, war Sallys vorlautes Mundwerk und ihre provozierende Art, gelegentlich auch unangenehme Dinge laut auszusprechen.

Sie wunderte sich, dass Gregory Olivia einfach so hatte fahren lassen, Es sei denn, er wußte gar nicht, dass seine Frau hier war!

„Was sagt denn Gregory zu Deiner kleinen Reise nach L.A.? Läßt er mich gar nicht grüßen?“ forschte sie mit einem Grinsen um die rotgeschminkten Lippen. Die Antwort überraschte sie kein bisschen.

„Ich hab ihm nicht gesagt, wohin ich fahre.“

„So so“ Sally lehnte sich amüsiert zurück. „Also Ärger im Paradies?“

„Nein... ja...“ Olivia kämpfte mit sich. Nervös strich sie sich über die Stirn. „Ich glaube, ich brauche jetzt doch einen Drink!“ brachte sie schließlich hervor. „Und ich brauche Deinen Rat, Sally. Als Frau und als gute Freundin!“

 

 

 

„Und Sie haben keine Ahnung, wo sie sein könnte, Rose?“ fragte Caitlin gerade in dem Augenblick, als Gregory vom Büro nach Hause kam und die Tür öffnete. Erstaunt sah er in die besorgten Gesichter der beiden Frauen.

„Was gibt’s denn?“ fragte er neugierig. „Wo könnte wer sein?“

Caitlin biß sich auf die Lippen, während Rose nervös die Hände ineinanderknetete.

„Ich hab versucht, Sie anzurufen, Mister Richards, aber Sie waren nicht im Büro, und Ihre Sekretärin sagte mir...“ begann die Haushälterin mit zitternder Stimme, doch Caitlin legte ihr die Hand beruhigend auf den Arm.

„Schon gut, Rose, Sie können ja nichts dafür.“

Gregory zog die Augenbrauen zusammen. Ein ungutes Gefühl setzte sich sofort in seiner Magengegend fest.

„Wofür kann sie nichts?“ fragte er in scharfem Tonfall. „Caitlin, was ist hier los?“

„Mum ist weg.“ erklärte diese unumwunden und sah ihren Vater gespannt an. Der schüttelte verständnislos den Kopf.

„Weg? Was heißt das, sie ist weg?“

Caitlin zuckte die Schultern.

„Keine Ahnung, eben weg, verreist!“

„Wohin?“ Gregorys Blicke schienen sie zu durchbohren und wanderten weiter zu Rose. „Weshalb haben Sie sie denn nicht aufgehalten?“ herrschte er die Haushälterin an.

„Daddy!“ rief Caitlin vorwurfsvoll. „Was kann Rose dafür, wenn Mum einfach das Haus verlässt! Was hätte sie denn tun sollen?“

„Mich anrufen zum Beispiel!“

„Aber das habe ich doch getan, Mister Richards!“ versuchte sich Rose erneut zu verteidigen, doch Gregory winkte nur wütend ab.

„Ich bin immer zu erreichen, wenn etwas so wichtig ist!“ rief er und funkelte seine Angestellte böse an. Diese schlug aufgeregt die Augen nieder.

„Misses Richards sagte, sie wolle eine alte Freundin besuchen, und sie sei vielleicht nur ein paar Tage weg.“ antwortete sie leise. „Und sie sagte auch noch, dass sie oben einen Brief für Sie hingelegt hat, Mister Richards.“

Ohne zu antworten stürmte Gregory die Treppe hinauf, riß die Tür zum Schlafzimmer auf und sah sofort den weißen Umschlag auf der Kommode liegen. Mit fliegenden Fingern öffnete er ihn und entfaltete das darin liegende Blatt Papier, das wenige Zeilen in zierlicher Handschrift enthielt.

 

„Gregory! Ich werde ein paar Tage verreisen, zu einer Freundin. Ich brauche diese Zeit, um in Ruhe über alles nachzudenken und mir über unsere Ehe und die Gefühle, die uns beide noch verbinden, klar zu werden. Ich bin  nicht mehr dazu bereit, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört haben, zuviel ist geschehen. Bitte such nicht nach mir. Bis bald  Olivia“

 

Mit einem Aufstöhnen zerknüllte er den Brief in seiner Faust.

„Verdammt Olivia, wieso tust du mir das an!“ stieß er wütend hervor. Dann ging er zum Telefon und wählte eine Nummer.

„Wil..., ich möchte, dass Sie alles stehen und liegen lassen und etwas für mich erledigen... Finden Sie meine Frau, und zwar schnell!“

 

 

 

„Lassen Sie mich runter, ich kann alleine laufen!“ wetterte Annie, doch Jude ließ sich nicht beirren und trug sie in die Notaufnahme, wo er sie vorsichtig vor dem Empfangstresen absetzte.

„Nanu, Miss Douglas, Sie haben aber Glück!” meinte Trudi, die zuständige Schwester am Empfang mit amüsiertem Grinsen. „Endlich mal ein Kavalier, der Sie auf Händen trägt!“

„Lassen Sie gefälligst die blöden Scherze!“ giftete Annie zurück und stützte sich auf den Tresen. „Holen Sie lieber den diensthabenden Arzt!“

„Wollen Sie den auch nur beschimpfen oder haben Sie einen driftigen Grund für Ihren Besuch?“ fragte Trudi, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ.

„Zum Kaffee bin ich nicht hier.“ Annie sah Jude hilfesuchend an. „Na los, sagen Sie doch gefälligst auch mal was!“

Jude bedachte die strenge Schwester mit einem liebenswürdigen Lächeln.

„Sie hat heute einen schlechten Tag.“ sagte er vertraulich mit einer bedeutungsvollen Kopfbewegung zu Annie hinüber. Trudi nickte.

„Das merkt man.“

„Auf jeden Fall sollte sich dringend ein Arzt den linken Knöchel von Miss Douglas ansehen. Sie ist umgeknickt und hat Schmerzen.“

„Einen Moment“ Trudi betätigte die Sprechanlage. „Dr. Chang bitte in die Empfangshalle, ein Notfall. Dr. Chang bitte!“ Dann wies sie auf die Stühle in der Wartenische gegenüber. „Bitte nehmen Sie doch so lange dort Platz, die Frau Doktor wird gleich nach Ihnen sehen.“

„Vielen Dank!“ erwiderte Jude charmant und bot Annie den Arm. „Darf ich bitten?“

Notgedrungenerweise mußte sie das Angebot annehmen, allein konnte sie keinen Schritt mehr tun. Mißmutig humpelte sie mit seiner Hilfe zu den Sitzgelegenheiten.

Eine paar Sekunden später erschien Rae bei Trudi am Empfang. Die Schwester deutete auf die Wartenden und Rae kam herüber und stellte sich vor.

„Darf ich mir den Knöchel ansehen?“ fragte sie höflich und kniete sich vor Annie hin, während sie ihr vorsichtig den Schuh vom Fuß streifte.

„Au verdammt, passen Sie doch auf!“ knurrte diese mit zusammengebissenen Zähnen. Unbeirrt befühlte Rae das Fußgelenk und nickte.

„Das muß geröntgt werden.“ Sie drehte sich zu Trudi um. „Einen Rollstuhl für Miss Douglas. Bringen Sie die Patientin bitte zum Röntgen in Raum 2.“

„Soll ich hier auf Sie warten, Annie?“ fragte Jude.

„Nein... ja, wenn Sie unbedingt wollen!“ Es passte ihr zwar überhaupt nicht, dass sie momentan auf ihn angewiesen war, aber was sollte sie tun? Auf einem Fuß konnte sie schlecht nach Hause humpeln, da war es schon besser, ihn noch eine Weile zu ertragen. Wenn er nur nicht so überheblich grinsen würde!

„Sie können ja in der Zwischenzeit das Personal hier mit Ihrem unwiderstehlichen Charme bezaubern, bis ich zurückbin.“ knurrte sie feindsehlig, während eine freundliche Lehrschwester ihr in den Rollstuhl half.

„Eine gute Idee, Annie.“ gab Jude schlagfertig zurück und lächelte die Schwester an, die sein Lachen prompt erwiderte. „Bis dann, Miss Ungeschick!“

 

 

 

Mit klopfendem Herzen kam Ben eine Stunde später im Surf Center an. Sein schlechtes Gewissen verursachte ihm immer noch ein ungutes Gefühl, aber andererseits freute er sich, Meg endlich wiederzusehen. Er würde sie zum Essen ausführen und dann in Ruhe mit ihr über alles reden. Es sollte keine Geheimnisse zwischen ihnen geben.

Meg öffnete und sah ihn mit erstaunten Augen an.

„Ben! Ich dachte, wir... Hast Du es Dir anders überlegt?“

„Anders überlegt?“ Irritiert sah er sie an, doch sie lachte und gab ihm einen Kuß.

„Ist doch egal, Hauptsache, Du bist da. Komm rein!“

Sie nahm seine Hand, und er folgte ihr ins Wohnzimmer.

„Eigentlich  hatte ich mir den Abend etwas anders vorgestellt“ meinte er entschuldigend, während er sie zärtlich in seine Arme zog, „aber Gregory hat kurzfristig ein Geschäftsessen im Grenadines geplant, an dem ich unbedingt teilnehmen muß. Hast Du Lust, mit mir dorthin zu gehen?“

„Wieviel Zeit hab ich denn noch, um  mich entsprechend zurechtzumachen?“ fragte sie schelmisch.

„Genügend.“ erwiderte Ben. „Und für einen Kuß ist auch noch Zeit.“

Meg lachte.

„Den gibt es, wenn ich fertig bin. Warte hier!“ Sie war schon am Treppenabsatz, als ihr noch etwas einfiel. „Wird Annie Douglas auch dasein? Ich frage nur wegen der Wahl meiner Kleidung, Abendgarderobe oder Kampfanzug?“

„Laß den Kampfanzug im Schrank, sie wird nicht dabeisein!“ antwortete Ben amüsiert. „Und mach Dir nicht soviel Mühe, Du siehst jetzt schon bezaubernd aus!“

Sie zwinkerte ihm zu und verschwand nach oben.

Ben blätterte in einem Magazin, das auf dem Tisch lag. Anscheinend war niemand weiter zu Hause, oder die anderen hielten sich derzeit oben in ihren Zimmern auf, denn im Surf Center herrschte momentan absolute Ruhe. Trotzdem war er derart in seine eigenen Gedanken vertieft, dass er gar nicht wahrnahm, wie Meg die Treppe wieder herunterkam. Erst als sie vor ihm stand, blickte er erstaunt auf.

„Wow, Du siehst umwerfend aus!“ stellte er begeistert fest und sprang auf. Meg strahlte ihn an. Sie hatte ihr Haar aufgesteckt und trug einen eleganten nachtblauen Hosenanzug aus fließendem Stoff, darunter ein kunstvoll besticktes, weißes Seidentop.

„Können wir gehen?“ fragte sie lächelnd. Ben schüttelte den Kopf und trat dicht an sie heran.

„Nicht, bevor ich den versprochenen Kuß bekommen habe! Der letzte liegt schon so weit zurück!“

„So lange ist das doch noch gar nicht her!“ widersprach Meg und dachte an ihre Begegnung heute am Strand, doch Ben schien sie gar nicht zu hören. Als sie Sekunden später seine Lippen auf den ihren spürte, war ihr, als ob sie schwebte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuß mit Hingabe und Zärtlichkeit. Vergessen war dieses eigenartige fremde Gefühl, dass sie bei ihrer Begegnung heute Mittag beschlichen hatte. Sie küssten sich innig und voller Leidenschaft und wollten gar nicht aufhören, als sich plötzlich ein Schlüssel im Schloß drehte und Casey hereinkam.

„Laßt Euch nicht stören, Leute!“ rief er lachend und verschwand in der Küche. Meg löste sich sanft aus Bens Umarmung und sah auf die Uhr.

„Es ist Zeit.“ sagte sie. Ben nickte.

„Ja ich glaube, wir müssen los.“ meinte er bedauernd. „Aber ich verspreche Dir, wir bleiben nicht sehr lange, und dann gehört der Rest des Abends nur uns beiden!“

Verliebt und eng umschlungen verließen sie das Haus.

 

 

Casey öffnete weit das Küchenfenster und atmete tief die würzige Seeluft ein, die vom Strand hereinströmte. Er nahm den Telefonhörer ab und wählte die Nummer der Klinik.

„Sunset Memorial, Notaufnahme“ meldete sich eine resolute Frauenstimme.

„Hallo Trudi, hier ist Casey. Dürfte ich wohl Rae kurz sprechen?“

„Hallo Casey, das tut mir leid, aber sie ist gerade mit einem Notfall beschäftigt. Das wird einen Moment dauern, fürchte ich.“ antwortete Trudi bedauernd. „Soll ich was ausrichten?“

„Ja, bitte sag ihr, ich hole sie nach der Spätschicht gegen 22.00 Uhr in der Klinik ab. Und... nur für den Fall, dass ich mich etwas verspäte, ich gehe unten am Strand entlang.“

„Okay, schon notiert.“ rief die Schwester fröhlich. „Ich sag es ihr, sobald sie rauskommt.“

„Danke Trudi, Du bist ein Schatz!“

Casey legte auf und lachte. „Der Abend gehört uns, Rae!“ meinte er und klatschte zuversichtlich in die Hände, während er die Küche verließ.

Er bemerkte nicht mehr, wie Eddi Connors Gesicht am offenen Fenster erschien. Anscheinend hatte er von draußen heimlich alles mitgehört.

„Wenn Du Dich da mal nur nicht irrst, mein Freund!“ knurrte er mit hinterhältigem Grinsen und verschwand.