Teil 23
„He, aufwachen! Los, nun mach schon, schwing Deinen Hintern aus den Federn!“
Ungeduldig rüttelte Eddi Tim an der Schulter.
„Was ist los?“ knurrte der nur und drehte sich auf die andere Seite. Eddi trat
wütend gegen das Bettgestell, so dass Tim erschrocken hochfuhr. Verwirrt starrte
er den Eindringling an.
„Was machst Du hier? Wie kommst Du in mein Hotelzimmer?“ fragte er erstaunt und
fasste sich sofort stöhnend an die Stirn. „Mann, brummt mir der Schädel!“
„Tja, saufen wie die Großen, und nichts vertragen können!“ höhnte Eddi und zog
ihm mit einem Ruck die Decke weg. „Die Zimmertür war offen, deshalb bin ich
hier. Und ich hab gute Neuigkeiten. Heut abend ist er dran.“
„Wer?“ fragte Tim begriffsstutzig.
„Mitchum, wer denn sonst, Du Leuchte!“
Tim stand auf und wankte, sich immer noch den Kopf haltend, zum Bad hinüber.
„Nie wieder trinke ich Tequilla!“ murmelte er und knallte die Tür zu.
Eddi sah sich schnell um. Auf dem Nachttisch gewahrte er Tims Brieftasche. Mit
flinken Fingern öffnete und durchsuchte er sie. Er fand zwei Einhundert-
Dollarscheine, von denen er den einen schnell in seiner Hosentasche verschwinden
ließ. Zufrieden grinsend setzte er sich danach in den Sessel, legte die Beine
auf dem Tisch und wartete, bis Tim aus dem Badezimmer kam..
„Na endlich.“ knurrte er. „Gehts denn wieder?“
„Nicht wirklich.“ stöhnte Tim. „Also ich kann heute niemandem eine Lektion
erteilen, ohne selbst dabei in die Knie zu gehen. Laß uns das Ganze auf ein
anderes Mal verschieben, okay?“
Eddi sprang auf.
„Wer hat denn gesagt, dass wir uns selbst die Finger schmutzig machen müssen?
Ein paar Kumpels von mir sind ganz heiß drauf, mal wieder jemanden ordentlich
aufzumischen. Für ein paar Dollar tun die alles.“
Tim sah ihn skeptisch an.
„Ich weiß nicht...“
„Nun komm schon, rück ein bisschen was Bares raus, wir legen zusammen und ich
erledige den Rest. Er hat Dich geschlagen, und vor Deiner Braut blamiert, schon
vergessen?“
Zögernd nahm Tim seine Brieftasche und suchte darin herum.
„Ich hätte wetten können...“ murmelte er und schüttelte den Kopf.
„Irgendwas nicht in Ordnung?“ fragte Eddi scheinheilig.
„Nein, alles okay. Wieviel brauchst Du?“
„Hundert müßten reichen.“ Eddi zog den gestohlenen Schein aus seiner Hosentasche
und wedelte damit vor Tims Nase herum. „Und von mir die andere Hälfte.“
„Zweihundert Dollar? Hey Mann, die sollen ihn doch nicht umbringen, nur ein paar
Schläge verpassen!“
„Tja, das sind Profis, auf die kannst Du Dich verlassen. Da kriegst Du was
geboten für Dein Geld!“ lachte Eddi und schnappte sich Tims Geldschein. „Kommst
Du mit?“
„Ich bleib lieber hier, mir brummt der Schädel.“ meinte der nur verdrossen und
warf sich wieder aufs Bett. „Erzähl mir morgen, wie es gelaufen ist.“
„Okay, ganz wie Du willst.“
Mit einem verschlagenen Grinsen verließ Eddi das Hotelzimmer und zog die Tür
hinter sich ins Schloß.
Leise Musik spielte im Grenadines, die Dekoration und das Publikum in diesem
Nobelrestaurant waren vom Feinsten.
Meg sah sich staunend um, als sie mit Ben eintrat. Sofort eilte einer der
Kellner im Smoking auf sie zu und begrüßte beide überaus zuvorkommend, bevor er
sie zum Firmentisch der Liberty Corporation begleitete.
Zu Bens Überraschung war Gregory zwar bereits anwesend, aber an seiner Seite saß
nicht Olivia, sondern seine Tochter Caitlin.
Als er Ben und Meg sah, erhob sich Gregory galant von seinem Stuhl und begrüßte
sie freundlich.
„Miss Cummings, ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen.“ meinte er
charmant und rückte ihr aufmerksam den Stuhl neben Caitlin zurecht. „Darf ich
Ihnen meine Tochter vorstellen?... Caitlin, das ist Meg Cummings, eine sehr gute
Freundin von Ben, wenn man das so sagen darf.“
Die beiden jungen Frauen nickten sich freundlich zu. Dann wanderten Megs Augen
zu den anderen Leuten am Tisch, die Gregory ebenfalls vorstellte.
„Antonio und Gabi Torres von unserem Archäologenteam, auf dessen Hilfe und
Unterstützung wir schon sehnsüchtig gewartet haben.“ sagte er mit einem Lächeln,
von dem Ben genau wußte, dass es falsch war. Nur zu gut erinnerte er sich daran,
wie sich sein Geschäftspartner gegen den Einsatz eines Höhlenforscherteams
gesträubt hatte.
„Heuchler!“ dachte er amüsiert und reichte allen Anwesenden die Hand, während
man sich am Tisch darauf einigte, sich gegenseitig beim Vornamen zu nennen. Bei
Antonio stutzte Ben, und auch der junge Mann starrte ihn einen Moment lang
ungläubig an, doch dann lächelte er.
„Ben Evans, so sieht man sich wieder.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass es Dich jemals wieder nach Sunset Beach
zurückzieht, Antonio.“ erwiderte Ben und nahm neben Meg Platz.
„Ihr kennt Euch?“ fragte Gregory erstaunt.
Ben lachte.
„Aber natürlich, und Du müßtest ihn eigentlich auch noch kennen. Antonio Torres,
der Bruder von Ricardo und Maria. Mein ehemaliger Schwager, Gregory!“
Dem fiel es wie Schuppen von den Augen.
„Aber natürlich! Wie konnte ich nur so dumm sein!“ rief er und griff sich an die
Stirn. „Meine Güte, ich verband den Namen Torres nur mit Ricardo und Madame
Carmen, Ihrer Mutter. An Maria und Sie hab ich dabei überhaupt nicht gedacht. Es
ist ja auch schon eine ganze Weile her, seitdem Sie Sunset Beach damals
verlassen haben.“
Antonio nickte. „Ja, ziemlich genau vier Jahre.“
„Und was sagt Ihre Mutter, dass Sie endlich wieder hier sind?“
„Sie weiß es noch gar nicht.“ erwiderte er mit einem kurzen Seitenblick auf
seine junge Frau, die dem Gespräch aufmerksam folgte. „Ich werde sie morgen erst
aufsuchen und ihr bei der Gelegenheit meine Frau vorstellen.“
„Sie kennen Ihre Schwiegermutter noch gar nicht?“ wandte sich Ben erstaunt an
Antonios Ehefrau. Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, bisher noch nicht.“
„Dann sollten Sie sich in acht nehmen, Gabi“ schmunzelte Caitlin, „ich weiß
nicht, ob Antonio Ihnen erzählt hat, dass Carmen Torres eine sehr bekannte
Wahrsagerin ist, auf deren Voraussagen viele Leute in dieser Stadt großen Wert
legen. Ein Blick in die Kristallkugel, und Ihre gesamte Zukunft liegt offen auf
dem Tisch!“
Alle am Tisch lachten, auch wenn Gabis Lächeln etwas gequält und unsicher
wirkte. Meg hatte sofort den Eindruck, dass die junge Frau der ersten Begegnung
mit ihrer Schwiegermutter nicht sehr optimistisch entgegensah, und obwohl sie
selbst Madame Carmen noch gar nicht kannte, verspürte sie irgendwie Mitleid mit
Gabi Torres. Heimlich betrachtete sie Antonios Gesicht. Viel Ähnlichkeit mit
Maria konnte sie nicht entdecken, aber er war mindestens so gutaussehend wie
seine Schwester. Warum war er wohl vor so langer Zeit von Sunset Beach
weggegangen? Hatte Maria damit zu tun?
Eigenartig, wohin sie auch kam, überall schien Bens Ex- Frau gegenwärtig zu
sein, ob persönlich oder im Gespräch, und irgendwie fühlte sich Meg dabei
unbehaglich. Als hätte Ben ihre Gedanken gespürt, griff er unauffällig nach
ihrer Hand und beugte sich zu ihr herüber.
„Gefällt es Dir hier?“
„Ja“ nickte sie und lächelte, „ein phantastisches Restaurant.“
Gregory erhob sein Glas.
„Auf unser Ferienprojekt und eine gute Zusammenarbeit!“
Nachdem sie getrunken hatten, winkte er dem Kellner.
„Sie können das Essen jetzt servieren.“
Ungeduldig stand Derek am Pier neben der Seebrücke und sah zum wiederholten Male
auf seine Uhr.
„Verdammt, wo bleibt sie denn nur so lange!“ dachte er gereizt. Die Sonne stand
schon ziemlich tief und würde bald hinter dem Horizont verschwunden sein... Das
Meer zeigte sich währenddessen in den schönsten Farben. Überall am Strand
blieben die Menschen stehen, um diesem einmaligen Spektakel zuzusehen, dass sich
zwar jeden Abend wiederholte, aber dennoch nie das selbe zu sein schien. Doch
Derek hatte dafür keinen Blick. Immer wieder blickte er sich suchend um, aber
die, auf die er so ungeduldig wartete, tauchte nicht auf.
„Vielleicht hat sie mich missverstanden und wartet oben auf mich.“ dachte er
schließlich und eilte mit langen Schritten die Stufen hinauf. Auf der Brücke
waren um diese Zeit Scharen von Urlaubern unterwegs, aber auch hier konnte er
Meg nirgends entdecken. Er setzte sich auf eine der Bänke und wartete. Er sah
wirklich ungewöhnlich attraktiv aus, schlank und sportlich, in seiner schwarzen
Hose und dem gleichfarbigen Hemd, dessen Ärmel er lässig aufgekrempelt hatte.
Einige Touristinnen bedachten ihn im Vorübergehen mit schmachtenden Blicken,
doch er beachtete sie nicht.
„Warum kommt sie nicht wie verabredet her...“ grübelte er. „Ahnte sie vielleicht
irgend etwas? Hatte er sie verunsichert?“ Von einer Frau versetzt zu werden, war
er nicht gewohnt.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden und Meg immer noch nicht zu sehen
war, stand er auf und ging hinüber zum Geländer. Er starrte mißmutig auf die
Wellen, die unablässig gegen die dicken Holzstreben unter der Brücke schlugen.
„Tja alter Junge, das war wohl nichts!“ dachte er und warf die rote Rose, die er
die ganze Zeit schon in der Hand hielt, frustriert ins Wasser hinunter. Dann
schlenderte er zurück zum Strand, kletterte hinauf in die Dünen und setzte sich
dort in den Sand. Von da aus konnte man den ganzen Pier und einen Teil der
Seebrücke überblicken, ohne selbst sofort entdeckt zu werden. Sollte Meg doch
noch hier auftauchen, würde er sie sofort sehen. Er riß einen Grashalm ab und
begann gedankenversunken darauf herumzukauen.
„Du entkommst mir nicht, Meg, ich krieg Dich schon noch.“ knurrte er und grinste
zuversichtlich.
„Du kannst Dir nicht vorstellen, wie er ist, wenn er was getrunken hat! Er ist
so unglaublich bösartig und gemein...“ schluchzte Tiffany. Mark hielt sie im Arm
und strich beruhigend über ihr blondes Haar. Seit einer halben Stunde saßen sie
beide dicht aneinandergekuschelt in Tiffanys kleinem Zimmer. Nach und nach hatte
sie ihm alles erzählt, was heute Mittag vorgefallen war. Sie barg ihren Kopf an
seiner Brust, während sie mit einer Hand einen Beutel Eis auf ihr blau
angelaufenes Auge drückte.
„Eins verstehe ich nicht“ meinte Mark nach einer Weile, „wieso will er Dich
unbedingt wieder nach Hause holen, anstatt froh zu sein, wenn ein Esser weniger
der Familie zur Last fällt und Deine Eltern sowieso jeden Cent für ihre
Trinkerei ausgeben! So, wie sie Dich behandelt haben, könnte es Ihnen im Grunde
doch egal sein, was aus Dir wird!“
Tiffany löste sich aus Marks Armen und sah ihn mit großen Augen an.
„Es gibt einen Grund dafür.“
„Und welchen?“ fragte Mark gespannt, doch Tiffany schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht darüber reden.“
Mark faßte sacht ihre Schultern und zwang sie, ihn anzusehen.
„Bitte Tiff, vertrau mir! Nur so kann ich Dir helfen. Erzähl mir, was passiert
ist!“
Tiffany starrte auf die gegenüberliegende Zimmerwand und schien mit ihren
Gedanken meilenweit weg zu sein. Leise, ganz leise begann sie zu erzählen:
„Die Prügel, das Chaos zu Hause und die endlosen Zankereien meiner Eltern hätte
ich ja vielleicht noch bis zu meiner Volljährigkeit ertragen können... Aber dann
starb die Schwester meiner Mutter. Die beiden haben sich nie verstanden, aber
aus irgend einem Grund vererbte sie meiner Mutter alles, was sie besaß... ein
Bordell. Mein Vater war hell begeistert und witterte sofort die Chance, das
große Geld zu verdienen. Leider hatte er keine Ahnung vom Geschäft, und binnen
weniger Wochen hatte er fast alles in den Sand gesetzt. Die Mädchen weigerten
sich, weiter für ihn zu arbeiten und liefen ihm davon. Und so kam er auf die
Idee, dass ich... na ja, Du weißt schon, ich sollte... für die Familie
anschaffen gehen... Und genau das ist der Grund, weshalb ich überhaupt
weggelaufen bin...und warum er mich unbedingt zurückholen will.“
Mark sprang auf.
„Dieses Schwein!“ schrie er. „Wenn ich ihn finde, bringe ich ihn um!“
Wutentbrannt stürzte er zur Tür. Tiffany lief ihm nach. Zitternd griff sie nach
seiner Hand.
„Was hast Du vor? Bitte bleib hier!“
Er nahm sie in den Arm und sah ihr in die Augen.
„Du bist hier sicher, Tiff. Und ich verspreche Dir, Du brauchst nie wieder Angst
vor Deinem Vater zu haben. Ich werde mit ihm reden und er wird die Stadt
verlassen,... ohne Dich, dafür werde ich sorgen!“ Damit drehte er sich um und
ging hinaus.
„Mark, wo willst Du hin?“ rief ihm Tiffany entsetzt hinterher. „Mit meinem Vater
kann man nicht vernünftig reden! Bitte, bleib hier!“ Doch er hörte sie schon
nicht mehr.
Roger Thorne hatte in einer kleinen verräucherten Hafenkneipe seinen Ärger über
Tiffany und den unerwarteten Auftritt ihrer mütterlichen Freundin mit reichlich
billigem Whisky hinuntergespült.
„Ich werde jetzt hingehen und meine missratene Tochter dort herausholen. Dieses
Miststück von einer Wirtin wird mich nicht daran hindern!“ knurrte er, während
er das letzte Glas in einem Zug leerte. Er schob dem Barkeeper einen
zerknitterten Schein über die Theke und wankte hinaus. Draussen sah er sich
unsicher um. Es war inzwischen schon fast dunkel und sein vom Alkohol benebeltes
Gehirn ließ nicht mehr zu, dass er sich an den richtigen Weg erinnerte.
„Am Strand entlang ist gut...“ lallte er vor sich hin, „dieses Haus, dieser
Waffelshop, der war nicht weit davon entfernt... also los!“ Er tappte unterhalb
der Dünen am Wasser entlang, in Richtung Pier. Langsam wurde sein Kopf etwas
klarer.
„Diese komische Brücke da... hicks... da muss ich durch, dahinter muß es
sein.... Na warte, Tiffy... hicks... morgen bist Du wieder da, wo Du hingehörst,
Du dämliches Gör!“
Als er unter der Seebrücke mit ihren dicken Holzpfeilern entlangging, hatte er
sich an die frische, klare Luft gewöhnt und sein Gang verriet kaum noch, dass er
fast mehr Alkohol als Blut in den Adern hatte. Wie mechanisch setzte er einen
Fuß vor den anderen, während seine Augen unablässig geradeaus stierten und er
nur von dem einen Gedanken angetrieben wurde, seine Tochter gewaltsam nach Hause
zu holen.
Er merkte nicht, wie sich hinter ihm plötzlich aus der Dunkelheit zwei Gestalten
aus dem Schatten der Brückenpfeiler lösten und zielstrebig auf ihn zukamen. Fast
lautlos und wie aus dem Nichts tauchten sie links und rechts neben ihm auf.
Erschrocken sah er hoch. Starke Arme ergriffen ihn und zogen ihn blitzschnell
aus dem fahlen Lichtschein der Strandlaternen in die Dunkelheit.
„He, was zum ...“ begann er zu protestieren, als ihn auch schon der erste Schlag
traf, unerwartet und hammerhart. Mit einem Röcheln sackte er in die Knie, doch
schon der nächste gnadenlose Schlag hob ihn wieder hoch. Er taumelte rückwärts,
und während er nach hinten fiel, hatte er plötzlich das Gefühl, irgend etwas
Gewaltiges hieb mit übermächtiger Wucht auf seinen Hinterkopf und schien diesen
zu zersprengen. Bruchteile von Sekunden später war ewige Nacht um ihn herum...
Meg hatte nach dem Essen den Waschraum aufgesucht, um sich etwas frischzumachen,
als die Tür aufging und Caitlin hereinkam. Mit einem Lächeln setzte sie sich
neben Meg vor den großen, über die gesamte Wand reichenden Spiegel, zog einen
Kamm aus ihrer Tasche und begann ihr langes blondes Haar zu ordnen.
„Ein schöner Abend, finden Sie nicht auch?“ fragte sie und warf Meg einen
fragenden Blick zu. Diese nickte.
„Ja, Ihr Vater ist ein guter Gastgeber.“
„Das stimmt“ seufzte Caitlin, „trotzdem hätte ich den Abend lieber mit meinem
neuen Freund verbracht, als hier herumzusitzen und mir die Geschäftsgespräche
anzuhören!“
„Begleiten Sie Ihren Vater öfter zu solchen Anlässen?“ erkundigte sich Meg.
Caitlin schüttelte den Kopf.
„Nein, zum Glück nicht, aber heute mußte ich meine Mum vertreten. Sie ist...
verhindert.“ erklärte sie hastig. Dann ließ sie den Kamm sinken und sah Meg
interessiert an.
„Sie sind sehr hübsch.“ sagte sie geradezu. „Darf ich Sie etwas fragen?“
Meg lächelte. Ihr gefiel Caitlins offene, ehrliche Art.
„Natürlich, nur zu.“
„Wo haben Sie Ben kennengelernt?“
„8000 Meilen über dem Meer, auf einem Flug von Tokio nach Los Angeles.“
Caitlin sah überrascht aus.
„Saßen Sie neben ihm?“
„Ich war Flugbegleiterin bei Blue Sky Airlines.“ erklärte Meg. „Es war unser
letzter Flug, bevor die Gesellschaft pleite ging.“
„Dann war es also Liebe auf den ersten Blick?“ rief Caitlin fasziniert. „Wie
romantisch! Das hätte ich von Ben zuletzt erwartet!“
„Wieso?“ fragte Meg erstaunt.
„Na ja“ Caitlin rutschte etwas nervös auf ihrem Stuhl hin und her, „er und ...
Maria, seine Ex- Frau, sie waren damals so verliebt, ein richtiges Traumpaar,
ich war ja fast noch ein Kind, als die beiden heirateten, und ich hab sie immer
heimlich beneidet und insgeheim gehofft, dass ich auch mal einen Mann finde, der
mich so bedingungslos liebt... Aber als sie ihn dann verlassen hat, da war Ben
total verändert. Daddy sagte immer, er wird nie mehr eine Frau so lieben wie
Maria...“ Erschrocken hielt sie inne und sah sie Meg schuldbewußt an.
„Entschuldigen Sie bitte, ich hätte das vielleicht nicht sagen sollen...das war
dumm von mir.“
Obwohl Meg diese unbedachten Worte getroffen hatten, ließ sie sich nichts
anmerken, denn sie wußte, dass Caitlin ihr nicht wehtun wollte.
„Kein Problem, Ben hat mir von Maria erzählt. Und ich habe sie auch schon
kennengelernt, sie ist nett.“
„Maria? Sie ist wieder hier, in Sunset Beach?“ Caitlin blieb glatt der Mund
offen stehen.
Meg lachte.
„Ja, soviel ich weiß, lebt sie wieder hier.“ Sie stand auf. „Ich glaube, wir
sollten langsam wieder hineingehen.“
Caitlin nickte und erhob sich ebenfalls. Beim Hinausgehen griff sie spontan nach
Megs Arm.
„Meg... Sie und Ben, Sie beide passen wirklich gut zusammen, und wie er Sie
immerzu ansieht... Wissen Sie, mein Dad irrt sich selten, aber in dem Fall hatte
er unrecht, ich glaube, Ben ist wahnsinnig verliebt in Sie!“
Wutentbrannt verließ Mark den Waffelshop und lief am Strand entlang Richtung
Surf Center. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Konnten Eltern
ihren Kindern so etwas antun? Arme Tiff, kein Wunder, dass sie weggelaufen war!
Mit dem Wunsch, Roger Thorne zu finden und den widerlichen Kerl irgendwie zur
Rechenschaft zu ziehen, war er vor einer halben Stunde total überstürzt
aufgebrochen, aber mittlerweile schien ihm dieser Gedanke ziemlich absurd. Er
wußte ja noch nicht einmal, wie Tiffanys Dad überhaupt aussah, ganz zu schweigen
davon, wo dieser sich momentan aufhielt.
Er blieb stehen und überlegte, ob er stattdessen zurückgehen und Tiff vielleicht
irgendwohin bringen sollte, wo Roger Thorne sie nicht finden konnte. Aber wohin?
Wieder ins Surf Center? Dort war kein Platz, und außerdem würde er sie dort
sicher genauso aufstöbern wie er das im Waffelshop geschafft hatte.
„Verdammt...“ Er stand da und wußte nicht, was er tun sollte.
Ben fiel ihm ein, sein Freund und Beschützer, der ihm damals geholfen hatte, als
er, genau wie Tiffany, mit siebzehn Jahren nach Sunset Beach kam, allein, ohne
einen Cent in der Tasche und auf der Flucht vor den Leuten, die ihn um jeden
Preis zurück in das Waisenhaus bringen wollten, in dem er fast seine gesamte
trostlose Kindheit verbracht hatte. Ben hatte ihn bei sich aufgenommen und ihm
einen Job im Java Web besorgt, er hatte sich sogar für ihn verbürgt, als ihn das
Jugendamt schließlich doch ausfindig gemacht hatte. Durch Ben lernte er Casey
kennen, der ihm ein Zimmer in seinem Haus anbot. Mark lächelte. Er hatte
niemandem vertraut, als er herkam, und hatte Menschen gefunden, die ihm halfen
und heute seine besten Freunde waren. Er hatte etwas aus sich gemacht, nicht
zuletzt, um diese Freunde nicht zu enttäuschen und sich selbst zu beweisen, dass
er sein Leben in den Griff bekam... Tiffany würde das auch schaffen, und er
würde ihr dabei helfen. Sie verdiente diese Chance, genau wie er vor fünf
Jahren...
Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und ging langsam weiter. Er mußte mit
jemandem reden, vielleicht hatten ja Casey oder Michael eine Idee, wie man Tiff
helfen könnte. Oder er würde Ben um Hilfe bitten.
Kurz vor dem Pier, als er gerade in Richtung Strandpromenade abbiegen wollte,
sah er zwei Gestalten unter der Brücke, die dunklen Schatten gleich zwischen den
Holzpfeilern in der Dämmerung verschwanden.
„Sicher Landstreicher, die nach einer Schlafgelegenheit suchen.“ dachte er und
wollte schon weitergehen, als er etwas hinter der Treppe am Fuße der Brücke
liegen sah. Neugierig trat er näher heran – und erstarrte.
Da lag ein Mann, reglos und merkwürdig zusammengekrümmt und Mark blickte in
leere, tote Augen...