Teil 24




Casey war auf dem Weg zur Klinik, um Rae von ihrer Spätschicht abzuholen. Er freute sich darauf sie wiederzusehen und mit ihr später am Strand entlang zum Surf Center zurückzubummeln. Er würde ihre Hand halten, den Arm um sie legen und ihr vielleicht endlich all die Dinge sagen, die ihm schon seit ihrer ersten Begegnung auf der Seele brannten... er hatte sich in sie verliebt, und er spürte, dass sie genauso fühlte, sie war nur noch nicht dazu bereit, das zuzugeben.
Es war schon ziemlich spät und Casey beeilte sich, um Rae nicht zu verpassen. Als er hinunter zum Pier kam, war es schon fast dunkel. Das letzte Tageslicht warf gespenstische Schatten auf den Strand und das fahle Licht der Laternen ließ die dicken Holzpfeiler der Seebrücke irgendwie bedrohlich erscheinen.
Casey war schon fast vorüber, als sich am Fuße der Treppe etwas bewegte. Er drehte sich um und sah jemanden dort hocken, eine Gestalt, die ihm bekannt vorkam.
Er blieb stehen und trat vorsichtig näher.
„Ist da wer?“
Die Gestalt erhob sich und trat aus dem Schatten.
„Mark?“ fragte Casey ungläubig. „Was tust Du hier?“
„Casey...“ Marks Stimme zitterte und klang total fremd, „gut, dass Du da bist, es ist etwas Furchtbares passiert...“
Erst jetzt gewahrte Casey die reglose, zusammengekrümmte Gestalt, die dort lag.
„Was zum Teufel...“ Er wollte sich hinunterbeugen, um zu sehen, was dem dort Liegenden fehlte, doch Mark hielt ihn zurück.
„Du kannst ihm nicht mehr helfen, Casey“ murmelte er, „er ist tot.“



„Das Essen war wirklich phantastisch“ schwärmte Meg, als sie später mit Ben Hand in Hand das Grenadines verließ. „Ich würde mir gerne noch ein wenig die Beine vertreten, denn ich habe das Gefühl, ich müßte gleich platzen!“
„Ja, das Dessert war eindeutig zuviel.“ bestätigte Ben stöhnend. „Ich hoffe, Du hast Dich bei unserem Geschäftsessen nicht allzu sehr gelangweilt?“
„Nein, im Gegenteil, es war sehr interessant. Und die Leute vom Forscherteam sind wirklich nett und wirken sehr kompetent, was ihre Arbeit angeht.“ antwortete Meg.
„Ja, ich denke, wir haben die richtige Wahl getroffen.“ nickte Ben.
„Und dieser Antonio Torres ist wirklich der Bruder von Deiner... von Maria?“ fragte Meg neugierig. Ben lächelte nachdenklich.
„Du wirst es kaum glauben, aber er wollte damals unbedingt Priester werden. Ich erinnere mich genau, wie entsetzt sein älterer Bruder Ricardo und seine Mutter darüber waren. Ständig versuchten die beiden, ihm sein Vorhaben auszureden. Maria war die einzige in der Familie, die seine Entscheidung akzeptierte. Als er dann ein Priesterseminar erfolgreich abgeschlossen und endlich einen Studienplatz ein Theologiestudent in San Francisko bekommen hatte, muß irgend etwas vorgefallen sein, wobei Madame Carmen und Ricardo ihre Finger im Spiel hatten, um ihn entgültig von seinem Berufswunsch abzubringen. Daraufhin kehrte er seiner Familie und Sunset Beach den Rücken und war seitdem spurlos verschwunden.“
„Es muß schon etwas ziemlich Schlimmes gewesen sein, wenn er sich von seiner Mutter und seinen Geschwistern losgesagt hat.“ überlegte Meg. „Immerhin sind vier Jahre eine sehr lange Zeit.“
Ben zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung, Maria hat nie darüber gesprochen. Aber es tat ihr ziemlich weh, dass ihr jüngerer Bruder von hier fortgegangen war, denn die beiden hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Aber nicht einmal ihr hat er damals gesagt, wohin er ging. Na ja, wer weiß...“ Ben sah Meg lächelnd von der Seite an, „vielleicht versöhnt sich die Familie Torres nun wieder, denn was auch damals passiert sein mag, im Grunde haben sie Antonio mit ihrem Verhalten sogar einen Gefallen getan.“
„Ach ja?“ entgegnete Meg etwas skeptisch. „Wie meinst Du das?“
„Nun, wenn er wirklich Priester geworden wäre, dann hätte er mit Sicherheit nicht geheiratet und seine hübsche Frau vielleicht niemals kennengelernt! Außerdem habe ich den Eindruck, dass ihm sein jetziger Job ziemlich gut gefällt.“
Meg nickte.
„Ja, das stimmt, zumindest wirkte er sehr zufrieden und glücklich.“ Sie atmete tief ein, während sie langsam die Strandpromenade entlangschlenderten. „Dann ist ja die Familie Torres endlich wieder vereint.“
Ben warf ihr einen prüfenden Blick zu. Ihre letzte Bemerkung hatte etwas sarkastisch geklungen und erinnerte ihn schmerzhaft daran, was er sich heute, als er von der Hütte in den Bergen nach Hause fuhr, fest vorgenommen hatte: keine Geheimnisse sollten zwischen ihnen stehen, Meg hatte die Wahrheit verdient...
Er mußte ihr von der letzten Nacht erzählen, dieser merkwürdigen Nacht bei Maria, an die er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte.
Aber was auch immer dort passiert war, es war für ihn ohne jede Bedeutung. Er würde nicht zulassen, dass das, was passiert war, eine wundervolle neue Beziehung zerstören würde, noch bevor diese richtig begonnen hatte.
Unwillkürlich legte er seinen Arm fester um Megs Schultern. Sie blieben stehen, er zog sie dicht zu sich heran und sah ihr in die Augen.
„Du bist eine wundervolle Frau, Meg. Ich liebe Dich! Ich glaube, ich hab das schon gewußt, als ich Dich zum ersten Mal sah, damals im Flugzeug!“
Meg schaute ihn mit großen Augen an, und an ihrem Blick und ihrem Lächeln konnte er deutlich erkennen, wie glücklich sie war. Er streichelte liebevoll über ihre Wange und küßte sie zärtlich, bevor sie schweigend und engumschlungen weitergingen.
Als sie in stillem Einvernehmen zur Seebrücke abbogen, jenem Ort, wo sie einander zum ersten Mal so nah gewesen waren, faßte sich Ben ein Herz.
„Meg... ich muß Dir noch etwas sagen...“

In diesem Augenblick bemerkten sie die beiden Streifenwagen, die mit eingeschaltetem Blaulicht in ziemlich rasantem Tempo unten am Pier entlangfuhren und am Fuße der Treppen, die zur Brücke hinaufführten, anhielten. Polizisten sprangen heraus und begannen sofort, alles abzusperren.
„Was ist denn da los?“ fragte Meg neugierig. Auch Ben reckte den Hals.
„Keine Ahnung, da muß irgend etwas passiert sein, fürchte ich. Dort hinten kommt auch noch ein Krankenwagen!“
Zögernd traten sie näher.
„Hey, dort sind ja Casey und Mark...“ Meg hatte die beiden entdeckt und winkte ihnen zu. „Casey, hallo!“
„Bleiben Sie bitte zurück!“ Einer der Polizisten verstellte ihnen den Weg. „Sie dürfen den Tatort nicht betreten!“
Ben und Meg sahen sich erstaunt an.
„Den Tatort? Was meinen Sie?“ fragte Ben beunruhigt. „Was ist denn hier los?“
„Darüber darf ich keine Auskunft geben.“ entgegnete der Polizist, als hinter ihnen ein Zivildienstwagen des Police Departements mit quietschenden Reifen hielt.
Ein dunkelhaariger, gutaussehender Detective um die Dreißig sprang heraus und kam eilig näher.
„Hallo Ben!“ grüßte er im Vorbeigehen flüchtig.
„Ricardo...“ Ben nickte ihm seinerseits zu.
Der mit „Ricardo“ Angesprochene wandte sich sofort an den Polizisten, der immer noch die Absperrung bewachte.
„Wo ist er, Spence?“
„Liegt dort hinten.“ antwortete dieser. „Aber den Krankenwagen hättet Ihr euch sparen können, der Kerl ist hinüber.“
Ricardo klopfte seinem Kollegen auf die Schulter, während er die Absperrung passierte.
„Du kennst die Vorschriften, Spencer, der Herr Staatsanwalt beliebt zu entscheiden, wann jemand tot ist und wann nicht, gemeinsam mit dem diensthabenden Notarzt. Also werden wir brav auf die beiden warten.“
Officer Spencer zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Von mir aus...“ Er zeigte in die Richtung, wo sich Casey und Mark befanden. „Der Tatverdächtige steht dort drüben. Lopez nimmt gerade seine Personalien auf.“
Ben und Meg sahen einander entsetzt an.
„Mark?“ rief Ben. „Was hat Mark mit der Sache zu tun? Ricardo... komm schon, was ist hier eigentlich los?“
Der Detective bedeutete ihm mit einer knappen Handbewegung, sich einen Augenblick zu gedulden und ging hinüber zu Mark und Casey. Er redete mit ihnen, machte sich ein paar Notizen und sah sich einige Papiere an, die Officer Lopez ihm reichte.
Inzwischen hatten sich auch einige Schaulustige versammelt, die in gebührendem Abstand neugierig das Geschehen beobachteten.
Nach ein paar Minuten, die den Wartenden wie eine Ewigkeit erschienen, kam Ricardo Torres wieder zu Ben und Meg herüber.
Bedenklich schüttelte er den Kopf.
„Ricardo... nun rede schon endlich, was ist hier los?“ fragte Ben äußerst beunruhigt.
„Tja, ich fürchte, es sieht nicht besonders gut aus für Mark.“ meinte Ricardo. „Es ist jemand ermordet worden, und Mark hat ihn angeblich hier gefunden. Leider gibt es dafür keine Zeugen!“
„Aber... warum zum Teufel sollte denn Mark so etwas tun?“ rief Ben aufgebracht. „Du kennst ihn doch, und Du weißt so gut wie ich, dass er keiner Fliege etwas zu leide tun könnte!“
„Einer Fliege nicht, aber dem dort schon!“ erwiderte Ricardo und deutete mit dem Daumen in Richtung des Toten. „Wir haben gerade seine Papiere gecheckt. Sein Name ist Roger Thorne, er ist der Vater von Marks Freundin Tiffany.“
„Ja und? Ich verstehe nicht, was das beweisen soll!“ widersprach Ben.
„Nun, das hätte ich auch gedacht, aber vor fünf Minuten waren Elaine und diese kleine Thorne bei mir auf dem Revier. Sie haben mir erzählt, dass dieser Kerl dort seine Tochter verprügelt und damit gedroht hat, sie gewaltsam wieder mit nach Hause zu nehmen, und dass Mark daraufhin losgestürzt sei, um ihn zu finden. Glaub mir, Ben, die beiden Ladys hatten verdammt große Angst, dass die beiden Männer aneinandergeraten könnten.“ Ricardo lachte bitter. „Und wie man sieht, war diese Sorge ja durchaus begründet!“
„Oh mein Gott“ Meg drückte Bens Arm voller Angst, „Nein, das kann nicht sein, das war bestimmt nicht Mark!“
Ben schüttelte entschieden den Kopf.
„Ein dummer Zufall, Ricardo, weiter nichts! Glaub mir, ich kenne Mark schon so lange, der geht nicht einfach los und bringt einen Menschen um!“
Ricardo holte tief Luft und strich sich über seine Stirn.
„Erzähl das mal dem zuständigen Haftrichter.“ Er legte seine Hand auf Bens Schulter. „Ich weiß, dass Mark Wolper ein guter Freund von Dir ist. Und ich weiß auch, dass er kein gewalttätiger Mensch ist... aber leider spricht momentan alles gegen ihn.“
„Was kann ich tun?“ fragte Ben und sah Ricardo Torres eindringlich an. Der hob die Schultern und wies auf den Staatsanwalt, der soeben mit seinem Gefolge aus einem der Autos hinter ihnen stieg.
„Besorg Mark einen guten Anwalt... einen wirklich guten, er wird ihn brauchen!“





Sally hatte Olivia am Abend in eines der exquisiten Nobelrestaurants geführt, in denen sie regelmäßig verkehrte. Während sie sich beide durch die Speisekarte schlemmten, ohne einmal auf Figur und Kalorien zu achten, schwelgten sie in alten Zeiten, scherzten und lachten ausgelassen.
„Ganz gleich, welcher Art Deine Probleme sind, heute lassen wir sie zu Hause und lösen sie morgen!“ hatte Sally vorgeschlagen. Olivia war nur zu gern auf dieses Angebot eingegangen, sie wollte einfach nur raus aus ihrem alten Trott, sie wollte einen Abend lang so tun, als sei ihre Welt in bester Ordnung.
Als sie gerade überlegten, welches Dessert sie wählen sollten, ging ein elegant gekleideter, gutaussehender Mann vorbei, stutzte einen Moment und blieb dann an ihrem Tisch stehen.
„Sally!“ sagte er liebenswürdig und nickte ihr freundlich zu. „Ich wollte Ihnen noch zu Ihrer gelungenen Modenschau von gestern gratulieren!“
Sally zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Sie... gratulieren mir? Was sagt man dazu!“
„Nun, es schadet ja nichts, wenn man der Konkurrenz auch einmal seine Anerkennung ausspricht, damit sie nicht ganz die Mut verliert.“ erwiderte er mit einem charmanten, aber etwas sarkastischen Lächeln.
„Wie überaus freundlich...“ knurrte Sally. Der Mann lachte, wobei sich kleine Fältchen in seinen Augenwinkeln bildeten, die ihn noch attraktiver erscheinen ließen, genauso wie sein schon leicht ergrautes Haar und die braunen Augen, die Olivia interessiert musterten. Sie schätzte ihn auf etwas über Fünfzig. In seinem dunklen, maßgeschneiderten Anzug machte er eine tadellose Figur.
„Sally...“ meinte er mit einem Augenzwinkern, „dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass ich verschiedene der Modelle schonmal irgendwo gesehen habe!“
„Das hätten sie wohl gerne!“ polterte Sally los. „Oh nein, Eric...kommen Sie mir ja nicht so!“
Der mit „Eric“ Angesprochene antwortete ihr mit einem verbindlichen Lächeln.
„Nun, wie dem auch sei,“ meinte er, und seine Augen suchten wieder Olivias Blick, „wollen Sie mir nicht endlich Ihre charmante Begleiterin vorstellen?“
Wenig begeistert kam Sally seiner Bitte nach.
„Olivia Richards, eine sehr gute Freundin von mir... Eric Forrester, der Besitzer von „Forrester Creations“, einer eher unbedeutenden Modefirma, der seit Jahren vergeblich versucht, neben „Spectra Fashions“ auf dem internationalen Modemarkt bestehen zu können:“ erklärte sie mit honigsüßer Stimme und grinste Eric kampflustig an.
Der tat so, als hätte er diese letzte boshafte Bemerkung gar nicht gehört, sondern reichte Olivia die Hand.
„Es freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Richards.“ sagte er galant. Olivia errötete leicht.
„Freut mich ebenfalls.“ säuselte sie fast schüchtern. „Bitte nennen Sie mich Olivia.“
„Gerne, aber nur, wenn Sie Eric zu mir sagen.“
Sally verdrehte genervt die Augen. „Nein, Livvy, nicht den hier, bloß nicht den!“ dachte sie beunruhigt und trat der Freundin kräftig auf den Fuß.
„Au!“
„Etwas nicht in Ordnung?“ fragte Eric und ließ endlich ihre Hand los.
Olivia schenkte ihm ein verkrampftes Lächeln und Sally einen wütenden Blick.
„Nein, alles bestens, ich hab mich nur am Tischbein gestoßen.“
„Kommen Sie auch aus L.A.?“ fragte Eric interessiert.
„Nein, ich lebe in Sunset Beach.“ antwortete sie und überlegte, ob sie es wagen sollte, ihn einzuladen, sich zu ihnen zu setzen. Sicherheitshalber brachte sie ihre Beine aus Sallys Zugriffsbereich in Sicherheit, aber ihre Freundin zog es anscheinend vor, zunächst verbal weiterzukämpfen.
„Ja, dort lebt sie schon viele Jahre mit ihrer Familie, ihrem Mann, und den beiden reizenden Kinder...“ meinte sie im Plauderton, mit verschlagenem Grinsen. Eric schien das nicht zu beeindrucken.
„Sunset Beach...“ überlegte er laut, „dort soll doch in Kürze eine große, supermoderne Ferienanlage gebaut werden, eines der größten Projekte hier in der Umgebung!“
„Ja richtig“ kam Sally Olivia schnell zuvor, „und der Bauherr ist Livvys Ehemann höchstpersönlich!“
„Interessant.“ bemerkte Eric trocken, wobei er Olivia nicht aus den Augen ließ. „Ihr Mann ist wirklich zu beneiden. Ein solch gigantisches Projekt zu verwirklichen, davon können viele Geschäftsleute nur träumen. Und dazu noch so eine bezaubernde Ehefrau...“ er machte eine Pause und sah sie prüfend an, „ich hoffe, bei der vielen Arbeit bleibt ihm noch genügend Zeit für Sie?“
„Glauben Sie mir, das wollen Sie gar nicht wissen, Eric...“ warf Sally schnell ein und reichte ihm mit eindeutiger Geste die Hand. „Wir wollen Sie auch nicht länger aufhalten, ich bin sicher, Sie werden schon dringend erwartet. Also dann... schön, Sie getroffen zu haben, und noch einen schönen Tag!“
Eric sah zwar nicht so aus, als ob er momentan in Eile sein würde, denn seine Augen ruhten immer noch unverwandt auf Olivia, deren Wangen unter seinem aufmerksamen Blick ziemlich Farbe bekommen hatten, was sie noch attraktiver erscheinen ließ. Dennoch wollte er sich vor Sally keine Blöße geben und verabschiedete sich galant von den beiden Damen.
„Darf ich Sie zu unserer Modenschau morgen...“ wagte er einen letzten Versuch, Olivia wiederzusehen, aber Sally fiel ihm sofort ins Wort:
„Also wirklich, Eric, so schlecht ist der Geschmack meiner Freundin nun auch wieder nicht!“
„Sally!“ mahnte Olivia, der die Bemerkung sichtlich unangenehm war. Sally zuckte mit unschuldigem Augenaufschlag die Schultern.
„Ja glaubst Du allen Ernstes, ich lasse Dich auf die Modenschau der Konkurrenz gehen, meine Liebe?“
Eric lachte charmant, nickte ihnen noch einmal freundlich zu und verschwand.
Olivia sah ihm nachdenklich nach.
„Ein äußerst interessanter Mann!“ sagte sie, mehr zu sich selbst.
Sally nickte mit verklärtem Blick.
„Oh ja, das ist er in der Tat!“
Erstaunt sah Olivia die Freundin an.
„Ich hab gedacht, Du magst ihn nicht!“
„Offiziell ist das so.“ bestätigte diese und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Weinglas. „Aber insgeheim...“ sie verdrehte die Augen, „insgeheim schwärme ich für Eric Forrester, seitdem ich ihn kenne!“
Olivia hob vielsagend ihre linke Augenbraue, eine ihrer typischen Gesten , mit denen sie ihr Erstaunen ausdrückte.
„Na ja“ meinte Sally, „aber wer den alten Drachen kennt, der allmächtig über ihn wacht und herrscht...“
„Wer?“ fragte Olivia irritiert. Sally lachte.
„Königin Stephanie, seine geschiedene Frau und die Mutter seiner erwachsenen Söhne und Töchter. Er hat dann übrigens noch zwei halbwüchsige Gören, aber die entstammen einer Affäre mit seiner derzeitigen Schwiegertochter!“
Olivia schluckte und winkte ab.
„Genug, ich will nichts weiter hören! Ich bin hierher gekommen, um mit Dir über meine eigenen Probleme zu reden, von denen anderer Leute will ich im Augenblick nichts hören!“ Mit einem Seitenblick in die Richtung, in die Eric Forrester vor ein paar Minuten verschwunden war, fügte sie hinzu: „Vorerst zumindest nicht!“



Rae freute sich auf den Feierabend. Wenn sie nur daran dachte, dass Casey sie nach ihrer Schicht hier abholen würde, klopfte ihr Herz gleich doppelt so schnell.
„Sei nicht albern!“ dachte sie beunruhigt über ihre Gefühle, aber dennoch mußte sie lächeln. Das Gefühl war gar nicht so verkehrt, und wenn vielerorts behauptet wurde, es gelänge einem einfach alles, wenn man verliebt sei, so mußte wohl was dran sein. Seit Caseys Anruf war ihr die Arbeit viel leichter von der Hand gegangen, sie war fröhlich und ausgeglichen, und selbst eine übel gelaunte Annie Douglas, der sie aufgrund eines Bänderrisses für die nächsten Wochen einen Gehgips hatte verpassen müssen, konnte ihre Laune nicht verderben.
„Also dann, jetzt kommt der angenehme Teil des Abends!“ sagte sie zu sich selbst und hängte ihren Kittel in den Schrank, als Stacy, Dr. Robinsons Sprechstundenhilfe aufgeregt hereingestürzt kam.
„Dr. Chang, eben ist ein Notfall eingegangen! Ein Mann wurde schwer verletzt am Pier gefunden, vielleicht ist er sogar tot, die Polizei braucht unbedingt einen Notarzt vor Ort...“ Mit einem Blick auf den Kittel, den Rae in der Hand hielt, fügte sie entschuldigend hinzu: „Tut mir wirklich leid, Ihnen den Feierabend zu verderben, aber Dr. Robinson ist soeben selbst zu einem Notfall gerufen worden... ein Baby, das einfach nicht die Zeit abwarten konnte...“
„Schon gut, Stacy, ich bin sofort da.“ Schnell zog Rae ihren Arztkittel wieder an und kämpfte mit der Enttäuschung, die sich in ihrem Inneren ausbreitete. Aber nur einen Moment, dann siegte das Pflichtbewusstsein. Sie griff nach ihrer Notfalltasche und folgte Stacy hinaus.
Draußen wartete bereits der Notarztwagen auf sie. Mit aufheulender Sirene lenkte der Sanitäter das Fahrzeug in Richtung Seebrücke.



Eddi hatte es sich gerade mit der dritten Dose Bier in seinem schmuddeligen Fernsehsessel gemütlich gemacht und wartete auf den Anruf von Dels Handlangern Ramon und Scotti. Mit einem fiesen Grinsen dachte er daran, wie die beiden wohl jetzt gerade Casey Mitchum unten am Pier seine wohlverdiente Lektion erteilen würden. Hoffentlich hatte der nette Casey einen guten Zahnarzt...
Er verzog schmerzlich das Gesicht, als er daran dachte, wie die beiden „Muskelpakete“ ihn damals hier in seiner Wohnung in Dels Beisein zusammengeschlagen hatten, oh nein, wo die hinlangten, tat es garantiert noch lange weh. Und für Geld würden diese Männer noch ganz was anderes tun...
In diesem Augenblick klopfte jemand laut an die Tür.
Mißmutig über die Störung schlurfte er hinüber und öffnete. Vor ihm standen Paul und Scotti. Sie wirkten etwas gehetzt und traten unaufgefordert ein, während sie ihn unsanft beiseite schoben.
„He, was soll das? Ich hoffe, es ist alles erledigt, so wie ich das wollte, Jungs!“ knurrte Eddi wenig erfreut.
„Halts Maul und mach die Tür zu!“ bellte Scotti, ließ sich in Eddis Sessel fallen und setzte die geöffnete Bierdose gierig an die Lippen, während Ramon zum Fenster hinüberging und neugierig durch die Gardine nach draußen spähte.
Beunruhigt sah Eddi von einem zum anderen, gab der Tür einen Tritt, so dass sie krachend ins Schloß fiel und kam zögernd näher.
„Was ist los?“ fragte er scheinbar locker, um seine plötzliche innere Anspannung zu überspielen, „hat Mitchum schon sein Rendezvous mit seiner kleinen Ärztin... im Gipsbett?“
„Na ja, nicht ganz...“ Ramon beobachtete immer noch die Strasse, während er das sagte. „Es hat einen ... kleinen Zwischenfall gegeben.“
„Was soll das heißen?“ rief Eddi erschrocken. „Nun sagt schon, was ist los? Hat er Euch erkannt?“
Die beiden Schläger sahen sich vielsagend an.
„Keine Ahnung, ob er uns erkannt hat. Ist nicht von Bedeutung.“ knurrte Scotti und rülpste von dem Bier. Eddi platzte der Kragen.
„Hey, Ihr Blindgänger, wenn Ihrs vermasselt habt, könnt Ihr was erleben! Dann will ich meine Kohle zurück!“
„Das kannst Du vergessen, Kumpel.“ meinte Scotti ungerührt. „Wenn es hart auf hart kommt, mußt Du noch was draufzahlen, damit wir Deinen Namen da raushalten. Der Typ war nämlich längst nicht so sportlich, wie Du gesagt hast. Bei dem hätte die Hälfte gereicht, ist gleich beim ersten Schlag umgefallen wie`n Kartoffelsack und mit dem Kopf irgendwo drangeknallt...“
Eddi winkte ab.
„Ist doch egal, hauptsache, er erkennt Euch später nicht wieder und zeigt Euch an!“
„Nee“ grunzte Ramon und drehte sich mit zusammengekniffenen Augen zu ihm um, „Casey Mitchum zeigt garantiert niemanden mehr an...“
„Was soll das heißen?“ fragte Eddi, doch dann begriff er schlagartig, was geschehen war. „Verdammt, wollt Ihr damit sagen...“ seine Stimme erstarb zu einem entsetzten Flüstern. Die finsteren Blicke der beiden Männer bestätigten seine schlimmsten Befürchtungen, Sekunden bevor Scotti es aussprach:
„Casey Mitchum ist tot!”