Teil 25

 

 

„Mark, ich verhafte Dich wegen des dringenden Verdachtes, Roger Thorne ermordet zu haben.“ sagte Ricardo Torres mit ernstem Gesicht, und man merkte deutlich, dass es ihm schwerfiel, diese Worte auszusprechen. Während Officer Spencer die Handschellen herausholte, um sie dem Verhafteten pflichtgemäß anzulegen, begann Ricardo, Mark seine Rechte vorzutragen.

„Du hast das Recht zu schweigen, anderenfalls kann und wird alles, was Du sagst, gegen Dich  verwendet werden. Du hast das Recht auf einen Anwalt...“

Von den Umstehenden nahm keiner bewußt die Worte wahr, die er sagte, ebenso wenig wie Mark selbst, der fassungslos auf seine Handgelenke starrte, um die sich die Handschellen mit einem metallischen Klicken schlossen. Dann hob er den Kopf und sah zuerst Casey, Rae und Meg an. Anschließend suchten seine Augen Bens Blick, und er schüttelte leicht den Kopf, als könne er nicht begreifen, was hier mit ihm geschah. Dieser Mann, den er angeblich ermordet haben sollte, war laut Aussagen der Polizei Tiffanys Vater, und er hatte ihn noch nie vorher gesehen.

„Ich war es nicht, Ben, bitte glaub mir, ich hab das nicht getan!“ sagte er leise.

„Das weiß ich, Mark.“ erwiderte Ben und nickte ihm beruhigend zu. „Keine Sorge, Mark, ich werde Dir helfen. Verlass Dich drauf.“

„Wir lassen Dich nicht im Stich.“ fügte Casey ernst hinzu. „Kopf hoch, Mark!“

Ricardo legte Mark seine Hand auf die Schulter.

„Na komm, Junge, wir müssen los.“ Im Vorübergehen blickte er Ben bedeutungsvoll an. „Besorg ihm schnellstens einen Anwalt, ich werde versuchen, das Verhör durch den Staatsanwalt so lange wie möglich hinauszuzögern.“

Ben nickte.

„Alles klar.“

Als der Dienstwagen der Polizei mit Mark davongefahren war, sahen sich die Freunde einen Moment lang schweigend an.

„Gibt es einen Zeugen dafür, dass Mark den Toten nur gefunden hat?“ fragte Ben schließlich.

Casey schüttelte den Kopf.

„Das wäre zu schön, um wahr zu sein, aber hier war keine Menschenseele zu sehen, als ich vorbeikam. Mark hockte neben dem Toten und kam sofort ganz aufgeregt zu mir rüber, als er mich sah und meinte, hier sei etwas Furchtbares passiert.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht war es gar kein Mord...“

„Auf jeden Fall sah sein Gesicht aus, als hätte ihn jemand ziemlich mit der Faust traktiert.“ erwiderte Rae. „Aber gestorben ist er allem Anschein nach an einem Genickbruch. Genaueres wird die Gerichtsmedizin herausfinden, ich werde versuchen, morgen früh sofort genauere Informationen zu bekommen.“

„Gut.“ Casey legte behutsam seinen Arm um sie. „Du mußt zurück in die Klinik, Rae. Schreib in Ruhe Deinen Bericht und warte dort auf mich. Ich werde im Revier vorbeischauen und hole Dich später ab. Ich möchte nicht, dass Dir auch noch was passiert.“

Zu jeder anderen Zeit hätte Rae seine Fürsorge als Bevormundung zurückgewiesen, aber momentan nickte sie nur und stieg in den Krankenwagen.

„Wenn Du zum Revier gehst, würdest Du dann bitte vorher Meg nach Hause bringen, Casey?“ bat Ben. „Ich werde sofort Gregory aufsuchen und mit ihm reden, ich bin sicher, er übernimmt Marks Verteidigung.“

Meg sah Ben mit großen Augen an.

„Gregory Richards ist Anwalt?“

„Ja“ nickte Ben, „Er ist der Beste.“

 

Nachdem die Leiche von Roger Thorne abgeholt und die Polizeiabsperrung aufgehoben worden war, kehrte wieder Ruhe am Fuße der Seebrücke ein. Die Leute von der Spurensicherung waren mit ihrer Arbeit fertig und die schaulustige Meute hatte sich verzogen.

Inzwischen hatte sich die Nacht wie ein schwarzer Mantel über den Strand gesenkt.

Im fahlen Schein des Mondes und der Laternen auf der Brücke löste sich unbemerkt ein Schatten aus den Dünen und bewegte sich Richtung Strandpromenade.

 

 

 

Als Ben bei Gregory eintraf, war dieser gerade dabei, seinem angestauten Frust über Olivias heimliches Verschwinden Luft zu machen, indem er mit Wil Barnes telefonierte und sich lautstark beschwerte, dass sein privater Detektiv noch immer keine konkreten Hinweise über ihren derzeitigen Aufenthaltsort vorzuweisen hatte.

Rose bat Ben höflich herein und verschwand sofort wieder diskret in der Küche. Heute war es wohl besser, dem Hausherrn nicht mehr allzu oft unter die Augen zu treten.

„Dann bewegen Sie gefälligst Ihren Hintern und bringen Sie mir Ergebnisse, mit denen ich etwas anfangen kann, Barnes, ansonsten können Sie ab morgen im Grenadines Teller waschen, Sie Versager!“ bellte Gregory in den Hörer und bedeutete Ben nebenbei, er solle auf dem Sofa Platz nehmen. Ben setzte sich mit einem mitleidigen Grinsen für den armen Menschen am anderen Ende der Leitung, der sich diese wüsten Beschimpfungen anhören mußte.

„Das interessiert mich nicht im geringsten!“ wütete Gregory weiter, „morgen früh will ich Resultate sehen, ansonsten war das der letzte Auftrag, den Sie in dieser Stadt bekommen haben! Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt.“ Er knallte den Hörer auf und drehte sich zu Ben um. „Nicht zu fassen! Jetzt sind vier Stunden vergangen, und der Kerl hat überhaupt nichts Brauchbares herausgefunden.“

„Wil Barnes?“ fragte Ben mit hochgezogenen Augenbrauen. „Arbeitet dieser schmierige Schnüffler immer noch für Dich?“

„Na ja, hin und wieder. Er nimmt es mit der Auswahl seiner Methoden nicht so genau, das gefällt mir an ihm.“ gab Gregory unwillig zu. „Und in diesem Fall brauche ich schnell ein Ergebnis, sehr schnell.“ Er ging zur Bar hinüber. „Auch einen Drink, Ben?“

Dieser nickte.

„Gerne, ich kann jetzt einen vertragen.“ Er beobachtete Gregory aus den Augenwinkeln heraus und fragte scheinbar gleichgültig: „Was ist das für ein Auftrag, der so wichtig ist, dass Du Dich deswegen so aufregst?“

Gregory kam mit den Gläsern herüber, reichte ihm eines davon und setzte sich.

„Olivia ist weg.“ sagte er knapp und nippte an seinem Drink. Erstaunt sah Ben ihn an.

„Was heißt... weg?“

„Verreißt, abgehauen, verschwunden, keine Ahnung! Als ich vom Büro nach Hause kam, sagte mir Rose, sie sei mit einem Koffer in ein Taxi gestiegen und hätte mir ausrichten lassen, sie sei bei einer Freundin.“

„Habt Ihr Euch gestritten?“

„Ach was, dazu war überhaupt keine Gelegenheit! Seitdem sie aus der Klinik zurück war, ist sie sofort ins Gästezimmer gezogen und hat kaum noch ein Wort mit mir gesprochen. So ein Theater um nichts...“

„Hey“ Ben sah seinen Geschäftspartner und Freund mißbilligend an. „Eine Fehlgeburt kann man ja nun nicht gerade als „Nichts“ bezeichnen! Laß Ihr einfach etwas Zeit, sie kriegt sich schon wieder ein. In ein paar Tagen ist sie wieder da.“

„Ach was“ wehrte Gregory ab, „so einen Zirkus dulde ich nicht in meinem Haus! Was sollen denn die Leute denken... und unsere Kinder!“

„Die Leute haben Dich doch noch nie interessiert, und was Deine Kinder betrifft, die sind erwachsen.“ schmunzelte Ben. Gregory stürzte seinen Drink mit einem Schluck hinter und atmete tief durch.

„Vielleicht hast Du ja recht. Ich lasse mich nur nicht allzugern zum Narren machen.“ Er blickte Ben fragend an.

„Was ist eigentlich mit Dir los? Was machst Du um diese Zeit noch hier? Ich dachte, Du schwebst mit Deiner Kleinen schon lange im siebten Himmel!“

„Schön wär`s“ grinste Ben und stellte sein Glas weg, „aber ich bin hergekommen, weil ich dringend Deine Hilfe brauche.“

„Um was geht es denn?“ fragte Gregory interessiert.

„Um Mord.“

„Was?“

„Du kennst Mark Wolper? Er wird beschuldigt, einen Mann am Strand ermordet zu haben. Aber er war es nicht, das weiß ich genau, ich kenne Mark, er tut keinem etwas. Ich möchte, dass Du mit mir zum Polizeirevier fährst und Dir die Sache anhörst. Und dann hilf ihm bitte, er hat sonst keine Chance.“

Gregory sah Ben ernst an.

„Mord in Sunset Beach? Wow, das hatten wir lange nicht mehr.“ Er stand auf. „Natürlich helfe ich Deinem Freund. Ich geh nur schnell nach oben und sage Caitlin und Sean bescheid, und dann kannst Du mir auf dem Weg zum Revier genau erzählen, was passiert ist.“

Ben atmete erleichtert auf.

Gregory war zwar privat und geschäftlich mitunter rücksichtslos und ohne Skrupel, aber als Strafverteidiger absolut clever und brillant.

Wenn einer Mark aus dieser Misere herausholen konnte, dann er.

 

 

 

Kaum war Gregory aus dem Haus, huschte Caitlin ans Telefon und wählte eilig eine Nummer.

„Hallo Tim? Hier ist Caitlin. Wo warst Du denn heute den ganzen Tag?... ah, geschäftlich unterwegs... nein, ich hab auf Dich gewartet im Java Web, dort waren wir doch verabredet... ach was, ist nicht so schlimm...“ sie lauschte gespannt in den Hörer. Dann zog ein strahlendes Lächeln über ihr hübsches Gesicht. „Jetzt gleich?“ fragte sie scheinbar überrascht. „Also ich weiß nicht, Tim... na gut, eine halbe Stunde könnte ich weg, mein Dad ist noch unterwegs... okay, dann in ein paar Minuten unten am Strand vor unserem Haus. Bis gleich!“

„Ein heimliches Rendezvous, Schwesterchen?“ erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum. Ihr jüngerer Bruder lehnte lässig am Türrahmen und grinste breit. Anscheinend hatte er alles mit angehört.

„Sean!“ rief sie ungehalten, „Mußt Du mich so erschrecken? Was tust Du denn hier?“

Amüsiert trat er näher. Er war schlank und nicht sehr groß, ein gutaussehender junger Mann von neunzehn Jahren mit modisch geschnittenem Haar und blauen Augen, die Caitlin neugierig musterten.

„Ich wohne hier, schon vergessen?“ zog er sie auf.

Caitlin verdrehte die Augen und lachte.

„Es ist unhöflich, Telefongespräche anderer Leute mit anzuhören.“ belehrte sie ihn scherzhaft.

„Unhöflich, aber interessant.“ entgegnete er schelmisch. „Ein neuer Freund, Cait?“

Sie nickte bedeutungsvoll lächelnd.

„Jemand, den ich kenne?“ bohrte Sean weiter.

„Nein, er ist nicht von hier. Er kommt aus Kansas, ein total süßer Typ!“ schwärmte Caitlin. „Ich werde ihn gleich am Strand treffen.“

Sean zwinkerte ihr zu.

„Na dann laß Dich nicht aufhalten, Schwesterchen.“ grinste er und fügte mit verschwörerischer Mine hinzu: „Laß die Verandatür einen Spalt offen, damit Du nachher wieder reinkannst. Und falls Dad eher zurück sein sollte, dann sage ich, Du schläfst schon!“

Caitlin strahlte.

„Danke, kleiner Bruder!“

„Keine Ursache. Wozu hat man Blutsverwandte!“ meinte er cool und sah ihr nach, wie sie schnell über die Veranda in der Dunkelheit verschwand.

 

 

 

Meg saß allein in der Küche des Surf Center, nachdem Casey sie nach Hause gebracht hatte und gleich weiter zum Polizeirevier geeilt war. Michael, Vanessa, Cole und Tess schienen noch immer im Deep zu sein.

„Was für ein Tag!“ seufzte sie und stützte den Kopf auf ihre Hand, während sie in Gedanken die letzten Stunden Revue passieren ließ.

Was für eine schreckliche Geschichte, ein Mensch hatte gewaltsam sein Leben verloren, und Mark sollte daran schuld sein? Auf gar keinen Fall, dachte sie, Ricardo Torres mußte sich irren...

Ricardo... Marias älterer Bruder. Welch ein Zufall, ständig war sie heute irgend einem Mitglied dieser Familie begegnet, zuerst Maria im Deep, dann hatte sie Antonio im Grenadines kennengelernt und vorhin am Strand Ricardo... hoffentlich ging das nicht so weiter!

Sie atmete tief durch. Das sollte so ein schöner Abend mit Ben werden... Irgend etwas hatte er ihr vorhin am Strand noch erzählen wollen. Aber was es auch gewesen sein mochte, die Lust auf Romantik war ihr auf Grund der jüngsten Vorkommnisse erst einmal gründlich vergangen.

Ein Klopfen an der Tür riß sie aus ihren Gedanken. Sie sprang auf und öffnete.

„Ben!“ rief sie erstaunt, „wolltest Du nicht zu Gregory?“

Er sah sie irritiert an. 

„Gregory?“ 

„Na ja, ich denke, er soll Marks Verteidigung übernehmen, falls es zur Anklage kommt!“ meinte Meg verwundert, worauf Ben sofort einlenkte.

„Ach so.... ja natürlich... entschuldige Liebling, ich war mit meinen Gedanken schon wieder nur bei Dir!“

Er trat ein, schloß die Tür und nahm sie zärtlich in den Arm.

„Du siehst heute wieder besonders hübsch aus, Meg.“ flüsterte er und strich ihr übers Haar. „Komm, laß uns in Dein Zimmer gehen!“ 

Verblüfft sah sie ihn an. 

„Ben... ich weiß nicht, wie kannst Du jetzt an so etwas denken... ich meine, die Sache mit Mark und dem Mord, ich bin völlig durcheinander!“

Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie nachdenklich. Dann lächelte er entschuldigend.

„Ja, Du hast natürlich recht. Wie dumm von mir, aber ich kann nichts dafür, Du raubst mir völlig den Verstand! Weißt Du was, ich hab eine Idee... laß uns ein paar Tage verreisen, nur Du und ich, rüber nach Catalina vielleicht, oder nach Hawaii, wohin Du möchtest. Gleich morgen!“

„Morgen?“ Total erstaunt suchte sie seinen Blick. Was war nur in ihn gefahren?

„Ben, es wäre wundervoll, wenn wir beide ein paar Tage wegfahren würden, aber warum so schnell? Da ist doch die Sache mit Mark, er braucht Dich jetzt, Du bist sein Freund, Du kannst ihn nicht einfach im Stich lassen! Und dann haben wir noch so viel im Deep zu tun, übermorgen ist doch schon die Eröffnungsparty... obwohl, ohne Mark werden wir bestimmt nicht feiern, wenn er bis dahin nicht raus ist, müssen wir es wohl verschieben.“

Ben atmete hörbar ein und ließ die Hände sinken.

„Na gut.“ meinte er und man merkte ihm seine Enttäuschung deutlich an, „dann eben ein anderes Mal. Nächste Woche vielleicht?“

Meg lächelte.

„Ja, das klingt gut. Bis dahin hat sich bestimmt vieles geklärt.“

Während Ben sie zum Abschied küßte, hatte sie wieder dieses eigenartige Gefühl, als ob sie plötzlich ein Fremder in den Armen hielt. Irritiert löste sie sich aus seiner Umarmung.

„Gute Nacht, Ben. Wir sehen uns morgen.“ sagte sie mit etwas Nachdruck in der Stimme, obwohl sie deutlich spürte, dass er sie noch gar nicht loslassen wollte. Sie trat einen Schritt zurück und lächelte entschuldigend. „Sei mir bitte nicht böse, aber es sind so schreckliche Dinge geschehen heute abend, ich möchte noch ein bisschen allein sein.“

Ben zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln.

„Natürlich, das ist doch verständlich. Ich ruf Dich morgen an. Gute Nacht.“

 

Meg sah ihm nach, als er in der Dunkelheit verschwand. Sie spürte den angenehm kühlen Abendwind und bekam plötzlich eine Gänsehaut, obwohl ihr eigentlich überhaupt nicht kalt war. Schnell drehte sie sich um und verschloß die Tür hinter sich.

 

Derek war hinter der nächsten Hausecke stehengeblieben. Er ärgerte sich, dass auch sein zweiter Versuch, Meg für sich zu gewinnen, fehlgeschlagen war.

Ob sie etwas ahnte?

Auf jeden Fall würde er sehr vorsichtig sein, denn die Kleine war nicht dumm...

Ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte Zeit, viel Zeit, und bisher hatte er jede bekommen, die er haben wollte. Warum sollte es bei Meg anders sein?

 

 

 

Caitlin und Tim saßen engumschlungen im weichen Dünengras und küssten sich voller Hingabe.

„Tim...“ nach einer kleinen Ewigkeit löste sich Caitlin zögernd aus seinen Armen. „Ich muß zurück, ich möchte nicht, dass mein Dad...“

„Schsch...“ Tim legte seinen Finger sacht auf ihren Mund, „er ist ganz bestimmt noch nicht zu Hause, wir haben noch viel Zeit!“

„Nein, ich...“ wollte sie widersprechen, doch er verschloß ihre Lippen mit einem weiteren zärtlichen Kuß, der schnell immer leidenschaftlicher wurde, während sie sich beide nach hinten ins Gras fallen ließen. Mit Sicherheit hätte ihre zärtliche Umarmung noch viel länger gedauert, doch plötzlich hörten sie fremde Stimmen vom Strand, ganz in ihrer Nähe.

„Glaub mir, am besten wäre es, wenn wir uns schnell absetzen.“ drang die eine Stimme deutlich an ihr Ohr. „Wir nehmen die Kohle und verschwinden.“

„Erbärmlicher Feigling!“ zischte die andere Stimme wütend, „was soll der Blödsinn! Wir gehen nirgendwohin!“

Tim und Caitlin sahen sich erschrocken an. Sie hoben beide ganz langsam und vorsichtig die Köpfe und versuchten durch das hohe Gras zwischen den Dünen einen Blick auf die Personen zu werfen, die sich nur wenige Meter von ihnen entfernt unterhielten. Im fahlen Licht der Strandlaternen war nicht allzuviel zu erkennen, aber Tim sah, dass die Männer ziemlich kräftig gebaut waren. Der etwas Größere von ihnen  trug einen Bart und hatte eine Stirnglatze, während der andere wie ein Mexikaner aussah. Sie wirkten beide sehr angespannt und es war offensichtlich, dass sie unerwünschten Zuhörern sicherlich nicht freundlich gesinnt sein würden.

„Hör zu, Ramon“ ließ sich der Größere vernehmen, „der Job bei Douglas ist zu gut bezahlt, als das ich den einfach sausen lasse, nur weil Du die Hosen voll hast. Keiner kann uns was nachweisen, und Connors liefert uns notfalls ein Alibi!“

„Bist Du sicher, dass uns diese Ratte nicht verpfeift, nur um seine Haut zu retten?“ fragte der Mexikaner unsicher.

„Klar, denn wenn er das tut, ist er tot!“ bellte sein Komplize.

Tim bedeutete Caitlin vorsichtig, sich zu ducken, denn er befürchtete massiven Ärger, wenn die beiden sie hier entdecken würden. Angespannt lauschten sie weiter.

„Ich kann mir nicht helfen, Scotti, aber die Sache gefällt mir nicht, ganz und gar nicht...“ unkte der andere wieder, worauf der mit „Scotti“ Angesprochene ihn ziemlich unsanft am Kragen packte und dicht zu sich heranzog.

„Halt endlich die Luft an, Du Spinner!“ fauchte er. „Douglas darf nie erfahren, dass wir ab und zu zweigleisig fahren, sonst sind wir den Job los! Ich sag es Dir zum letzten Mal: das Ganze war ein bedauerlicher Unfall, und keiner kann uns etwas nachweisen, weil wir zu der Zeit, als der Mord geschah, offiziell gar nicht am Strand waren!“ Er ließ den Mexikaner abrupt los, so dass dieser ein paar Schritte nach hinten taumelte. „Also krieg Dich gefälligst wieder ein! Wir sind hier sicher, basta!“

„Ist ja gut...“ maulte dieser unwillig und zog sein Hemd wieder glatt. „Ich könnte noch einen Drink vertragen. Kommst Du mit?“

„Klar“ grunzte der Größere, „das ist das erste vernünftige Wort, das ich heute aus Deinem Mund höre. Laß uns gehen, Du bezahlst!“

„Wieso ich? Du bist dran...“ hörten Caitlin und Cole den Mexikaner noch sagen, während die Männer sich bereits entfernten.

„Was war das denn?“ flüsterte Caitlin, nachdem die beiden außer Sichtweite waren und richtete sich zögernd auf. Auch Tim setzte sich und atmete tief durch.

„Ich weiß zwar nicht, wer diese Kerle waren“ meinte er leise, „aber es ging hier eindeutig um Mord.“

„Ja, und ich hab deutlich gehört, dass Eddi Connors der Auftraggeber war!“ erwiderte Caitlin aufgeregt. „Der ist ja in Sunset Beach bekannt dafür, dass er seine Finger in jedem schmutzigen Geschäft mit drin hat!“

Die Dunkelheit, die in den Dünen herrschte, verhinderte, dass sie sehen konnte, wie Tims Gesichtsausdruck sich plötzlich veränderte. Schlagartig wurde ihm klar, was er eben gehört hatte, und während er schreckensbleich und wie erstarrt dasaß, hatte er das Gefühl, sein Herzschlag würde gleich aussetzen...