„Verdammt nochmal, wo stecken die nur alle, wenn man in dieser gottverlassenen Bude mal jemanden braucht!“ fluchte Annie wenig damenhaft, als es an der Wohnungstür Sturm klingelte. Jemand schien es sehr eilig zu haben und läutete ununterbrochen weiter, während sie unbeholfen und unsicher auf ihrem Gehgips zur Tür humpelte. „Daddy auf Geschäftsreise, Bette wer weiß wo... zum Schreien ist das! Ja, ja... ich bin doch schon da, verflixt!“
Sie riß die Tür wütend auf und sah mitten in Judes grinsendes Gesicht.
„Guten Morgen, ich bringe das Frühstück, gnädige Frau!“ meinte er und marschierte wie selbstverständlich an ihr vorbei in die Wohnung.
„He, halt... Sie kennen sich doch in der Küche gar nicht aus!“ protestierte Annie und humpelte ihm, so schnell sie konnte, hinterher.
„Sie aber auch nicht, wie mir scheint!“ bemerkte Jude sarkastisch mit einem Blick auf den schmutzigen Abwasch und die leeren Pappbehälter vom Lieferservice, die überall herumstanden. „Was ist denn hier passiert?“ fragte er grinsend. „Ein Terroranschlag? Oder hat sich die Putzfrau überraschend krankgemeldet?“
„Klugscheißer!“ zischte Annie. „Haben Sie schon mal auf einem Bein stehend den Aufwasch gemacht?“
„Den Gips haben Sie doch erst seit gestern.“ erwiderte er ungerührt. „Wollen Sie mir etwa erzählen, das hier stammt alles von letzter Nacht?“
„Ich will Ihnen gar nichts erzählen, ich will, dass Sie wieder verschwinden!“ keifte Annie wütend. „Ich hab Sie nicht gebeten, herzukommen, und das blöde Frühstück können Sie gleich wieder mitnehmen!“
„Okay“ Jude stellte die beiden Tüten auf dem einzig freien Platz neben der Spüle ab und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. „Zwei Möglichkeiten, Annie Douglas, entweder ich mache jetzt einen schönen heißen duftenden Kaffee, und wir lassen uns die frischen Crossaints anschließend draussen auf Ihrer Veranda schmecken, oder...“
„Oder was?“ fragte Annie lauernd.
„Oder Sie können mich ganz einfach mal gewaltig gerne haben, Miss Dickkopf, dann geh ich nämlich und frühstücke bei der netten Dame im Waffelshop, wo ich gerade herkomme, und Sie können selber zum Bäcker humpeln und sich was holen, denn in dem Müllhaufen hier...“ er machte eine weitausholende Bewegung, „...werden Sie sicher nichts Essbares finden!“
Annie holte tief Luft und schnaufte. Momentan kämpfte ihr Stolz gegen ihr Hungergefühl, aber schließlich gewann ihr Magen, in dem es bereits kräftig rumorte.
„Worauf warten Sie denn noch? Der Kaffee steht dort oben links im Schrank!“
Mit diesen Worten drehte sie sich um und humpelte so hoheitsvoll, wie es ihre Situation überhaupt zuließ, zur Tür hinaus in Richtung Veranda. Jude sah ihr kopfschüttelnd nach und grinste, bevor er damit begann, das Chaos in der Küche notdürftig zu beseitigen, während langsam ein verführerischer Kaffeeduft durchs Haus zog.
Gregory saß in seinem Büro über seinen Unterlagen und versuchte sich bei allem Ärger, den er wegen Olivia verspürte, auf seine Arbeit zu konzentrieren. Am Vormittag war er kurz bei Mark im Gefängnis gewesen, und dieser hatte ihm erzählt, er erinnere sich daran, gestern abend unten am Pier zwei Schatten gesehen zu haben, die schnell vom Tatort verschwunden waren, als er die Leiche von Tiffanys Vater unter der Brücke fand.
Gregory strich sich über die Stirn und schnaufte. Zu dumm, dass Mark auf keine weiteren Einzelheiten geachtet hatte, wie sollte er als sein Anwalt aus solchen vagen Behauptungen eine wirksame Verteidigungsstrategie aufbauen!
Aber noch war es nicht soweit, erst mußte die Staatsanwaltschaft offiziell Anklage erheben, und so lange der Obduktionsbefund nicht vorlag, würden die Herren sich ohnehin zurückhalten.
Also blieb noch etwas Zeit, und die wollte Gregory unbedingt nutzen, um den riesigen Schuldenberg, der die Firma seit Baubeginn der Ferienanlage belastete, etwas zu verringern. Der größte Dorn im Auge war ihm dieses Archäologenteam, dessen Forschungs- und Sicherungsarbeiten an und in den Höhlen ein wahres Vermögen kosten würde.
Seit Tagen grübelte er, wie man diese Ausgaben um einige tausend Dollar senken könnte, ohne dass es jemand bemerkte, vor allem Ben nicht, der von Anfang an aus Sicherheitsgründen auf diese Überprüfungen der Höhlen bestanden hatte.
Gestern abend war ihm plötzlich die rettende Idee gekommen. Ein scheinheiliges Lächeln umspielte seine Lippen, als er den Knopf der Sprechanlage betätigte.
„Elisabeth... kommen Sie bitte einen Moment herein!“
Ein paar Sekunden später erschien seine persönliche Assistentin, bewaffnet mit Stift und Schreibblock in seinem Büro.
„Was kann ich für Sie tun, Mr. Richards?“
„Elisabeth“ sagte er gedehnt, „Hat Ben oder irgend jemand anders von der Firma in letzter Zeit Einsicht in die Baupläne genommen, die den Abschnitt um die Höhlen betreffen?“
Elisabeth überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.
„Nein, Sir, nicht dass ich wüßte. Die Pläne liegen im Wandschrank, und den Schlüssel verwahre ich, also wenn jemand sie hätte haben wollen, dann wüßte ich das.“
Gregory lächelte zufrieden.
„Ausgezeichnet. Würden Sie mir die Pläne bitte hereinbringen?“
„Natürlich, einen Moment bitte.“ Mit einer erstaunlichen Wendigkeit, die man ihr bei ihrer etwas fülligen Figur gar nicht zugetraut hätte, verschwand Elisabeth aus dem Büro und kehrte eine halbe Minute später mit den gewünschten Unterlagen zurück. Gemeinsam mit Gregory suchte sie die richtigen Zeichnungen heraus und breitete sie vor ihm auf dem Schreibtisch aus.
„Sehen Sie, hier befindet sich der Eingang zur nördlichsten Höhle, diese Markierungen bezeichnen den bisher angenommenen Verlauf des unterirdischen Gangsystems, das verbunden ist mit den anderen beiden südlich gelegenen Höhlensystemen, und dann ist da noch weiter südlich eine kleinere Grotte, von der allerdings nur vermutet wird, dass von da aus weitere Gänge in die Felsen hineinführen.“ erklärte sie fachkundig.
Gregory nickte.
„Danke Elisabeth. Bitte sorgen Sie dafür, dass ich nicht gestört werde.“
„Wollen Sie denn heute gar nichts zu Mittag essen?“ fragte seine Sekretärin mit einem Blick zur Uhr erstaunt.
„Nein, ich habe noch zu arbeiten und werde später etwas essen. Machen Sie nur ruhig Ihre Mittagspause, damit Sie zurück sind, wenn ich mich mit unserem Forscherteam in zwei Stunden an den Höhlen treffe.“
„In Ordnung, Sir.“ Elisabeth nickte kurz und eilte hinaus.
Gregorys Blicke wanderten über die Zeichnungen und sein Gesicht hellte sich merklich auf.
Kurzentschlossen nahm er den Plan, auf dem die südlichste Grotte eingezeichnet war, rollte ihn zusammen und steckte ihn in seine Tasche.
„So, das verschwindet erst einmal in meinem Privatsafe, und wenn die Sache abgeschlossen ist, wird keinem auffallen, dass es da noch eine kleine unbedeutende Höhle gab, deren zusätzliche Erforschung uns nochmal soviel kosten würde, wie die Arbeit an den anderen drei Höhlen zusammen.“ Er grinste zufrieden. „Ein nettes Sümmchen, das wir uns sparen können...“
Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
„Ich möchte, dass wir uns in einer halben Stunde südlich der Baustelle treffen.“ sagte er ohne große Vorrede. „Ich habe einen Auftrag für Sie.“
Pünktlich zur verabredeten Zeit wartete einer der von Gregory eigens eingestellten Vorarbeiter am verabredeten Treffpunkt.
„Hat Sie jemand gesehen?“ fragte Gregory kurz angebunden. Der Mann schüttelte den Kopf.
„Sind alle in der Mittagspause, Sir.“
„Ausgezeichnet.“ Gregory sah sich kurz um. „Also passen Sie auf. Etwa 150m weiter drüben, ziemlich am Ende unseres Baustellenterrains, finden Sie versteckt zwischen den Felsspalten den schmalen Eingang zu einer kleinen unscheinbaren Höhle, gerade mal so breit, dass sich ein Mensch hindurchzwängen kann. Ich möchte, dass Sie sich heute nach Feierabend einen der mit Steinen und Kies beladenen LKWs schnappen und dorthinfahren. Schütten Sie den Eingang der Höhle zu, so dass sie von außen nicht mehr zu sehen ist. Haben Sie verstanden?“
Der Mann nickte eifrig, den Blick gierig auf den dicken Umschlag gerichtet, den Gregory im reichte.
„Natürlich Sir, wird erledigt.“
Gregory maß ihn mit einem letzten warnenden Blick.
„Sorgen Sie dafür, dass Sie niemand beobachtet, und niemand soll hinterher vermuten, dass sich dort zwischen den Felsen jemals ein Eingang befand.“
„Sie können sich auf mich verlassen, Mr. Richards, wie immer.“ antwortete der Mann und stieg wieder in seinen Jeep. Mit aufheulendem Motor jagte er den Strand entlang davon, eine Staubwolke hinter sich zurücklassend.
Gregory grinste und klopfte sich den Staub von seinem makellosen Anzug, bevor er selbst in seinen glänzenden schwarzen Firmenwagen stieg und zur Liberty Corporation zurückfuhr.
„Was soll das heißen, Du weißt, was geschehen ist?“ fragte Tim beunruhigt. „Hast Du herausbekommen, wen die beiden Kerle letzte Nacht um die Ecke gebracht haben?“
Caitlin schüttelte den Kopf.
„Nein, das nicht, aber ein Freund von mir sitzt wegen dieser Sache unschuldig hinter Gittern und bekommt wahrscheinlich eine Mordanklage an den Hals, wenn nicht ganz schnell jemand das Gegenteil beweist!“ Sie wickelte nervös eine Strähne ihres blonden Haares um den Zeigefinger und sah Tim eindringlich an. „Er ist jemand, der garantiert niemanden umbringt, weder vorsätzlich noch aus Versehen, und mein Dad wird seine Verteidigung übernehmen, falls es zur Anklage kommt.“
Tim biß sich auf die Lippen.
„Was heißt falls?“ fragte er heiser.
„Falls sich nicht noch jemand meldet, der beweisen kann, nämlich, dass Mark unschuldig ist, so wie wir beide, Tim!“ Caitlin legte ihre Hand auf seinen Arm. „Wir müssen ihm helfen! Wir haben doch beide gehört, was diese beiden Schlägertypen erzählt haben und wer ihnen höchstwahrscheinlich den Auftrag dazu gab, und wir wissen sogar die Namen der Kerle, der eine heißt Ramon, und der andere, warte.... Scotti, ja genau! Ich würde sie sofort wiedererkennen! Du etwa nicht?“
„Pst... nicht so laut, Caitlin!“ warnte Tim und legte den Finger an die Lippen, während er sich vorsichtig umsah. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. In was für einen Schlamassel hatte er sich da nur hineinziehen lassen!
Ginge er zur Polizei, so wie Caitlin es vorhatte, und die beiden Schläger würden gefaßt, dann konnte er sicher sein, dass die auspackten, um ihre Haut zu retten, und er zweifelte auch nicht eine Sekunde daran, dass Eddi Connors ihn ohne zu zögern als seinen Komplizen in der Sache mit sich in den Abgrund riß, wenn es brenzlig für ihn werden sollte... Dann war er geliefert und genauso mitschuldig an einem Mord wie die anderen.
Er spürte, wie sich auf seiner Stirn bereits kleine Schweißperlen bildeten.
„Nein, Cait, das dürfen wir nicht tun!“
„Wieso?“ fragte sie erstaunt.
„Nun... weil... Dein Vater würde erfahren, dass wir uns heimlich getroffen haben, und dann dürfen wir uns vielleicht nicht mehr sehen....“
„Tim“ unterbrach ihn Caitlin, „mein Vater ist momentan das kleinste Problem. Schließlich bin ich volljährig und kann mich treffen, mit wem ich will. Aber hier geht es um viel mehr... ein Mensch ist umgebracht worden!“
„Ja schon...“ Tim wischte sich nervös mit dem Handrücken über die Stirn. „Aber vielleicht war es gar kein Mord“ versuchte er einzuwenden, „sondern nur ein dummer Unfall...“
Caitlin schüttelte verständnislos den Kopf.
„Wie kannst Du sowas sagen? Unfall oder nicht, der Mann ist tot! Und wir sind vielleicht die Einzigen, die Mark vor dem Gefängnis retten können, die Einzigen, die wissen, was geschehen ist und wer das zu verantworten hat!“ Sie atmete tief durch und sah Tim fest in die Augen. „Ich werde mit meinem Vater sprechen und dann zur Polizei gehen.“
Als sie Anstalten machte, sich zu erheben, faßte Tim blitzschnell nach ihrer Hand.
„Cait, bleib hier, das darfst Du nicht!“
Irritiert über seinen Ausbruch setzte sie sich wieder.
Tim sah sich erneut kurz um, doch niemand schien Notiz von ihnen zu nehmen. Eddi Connors hatte sich vorn an den Tresen gesetzt und warf nur ab und zu einen neugierigen Blick zu ihnen herüber.
„Was ist denn los mit Dir?“ fragte Caitlin ungehalten und entzog ihm unwillig ihre Hand. „Warum bist Du dagegen, dass wir einem Unschuldigen helfen?“
„Weil...“ er suchte krampfhaft nach den richtigen Worten, um sich nicht zu verraten, „weil... ich Angst um Dich habe!“
„Um mich?“ Caitlin zog ungläubig die Augenbrauen zusammen. Tim nickte.
„Hör zu...“ er beugte sich etwas näher zu ihr herüber, „wenn diese Männer gesucht werden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie herausfinden, wer sie verpfiffen hat.“ flüsterte er. „Und selbst, wenn die Polizei die beiden schnappt und einsperrt, wird Connors sich dafür zu rächen versuchen!“
Caitlin biß sich auf die Lippen und überlegte einen Moment. Daran hatte sie bisher noch nicht gedacht. Dann aber siegte ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn.
„Das Risiko muß ich eingehen.“ entgegnete sie bestimmt. „Ich bin überzeugt davon, Mark würde genau das gleiche auch für mich tun!“ Plötzlich zog ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Weißt Du was? Wir könnten ja der Polizei Connors Namen gleich mit nennen, dann wird auch er verhaftet...“
„...und reißt mich mit!“ dachte Tim panisch und schluckte.
„Nein Caitlin, da mache ich nicht mit, das ist viel zu gefährlich!“ versuchte er sie noch einmal umzustimmen, doch sie hatte sich entschieden.
„Du bist ein erbärmlicher Feigling, Tim!“ zischte sie wütend und sprang auf. „Du läßt es lieber zu, dass ein völlig unschuldiger Mensch des Mordes angeklagt und vielleicht verurteilt wird, nur um ja kein Risiko einzugehen!“ Sie ging drei Schritte um den Tisch herum auf ihn zu und beugte sich zu ihm herunter. „Weißt du was, Tim? Dann mache ich es eben allein!“
Für einen Moment saß Tim wie gelähmt auf seinem Platz, unfähig sich zu rühren, und starrte Caitlin nach, wie sie den Waffelshop verließ. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken wie wild durcheinander.
„Na Freund, Ärger mit Deiner Kleinen?“ holte ihn Eddis spöttische Stimme zurück in die Wirklichkeit. Er blickte hoch und sah dessen lauernden Blick auf sich ruhen.
„Setz Dich, Connors.“ sagte er tonlos. „Wir werden bald beide Ärger haben, und zwar sehr viel mehr, als uns lieb ist, das kannst Du mir glauben!“
Meg hatte zu Mittag für die Surf Center Bewohner einen leckeren Gemüseauflauf zubereitet, und erledigte gerade den Abwasch, als jemand an der Tür klingelte.
„Warte, ich mach auf!“ rief Rae, die sich eben für ihre Schicht in der Klinik zurechtmachte.
Die anderen waren bereits wieder im Deep, wo die Arbeiten recht gut vorangingen.
Meg war froh, heute den Küchendienst übernommen zu haben, so mußte sie wenigstens nicht dauernd Maria begegnen. Sie konnte sich selbst nicht recht erklären, wieso, aber immer wenn sie sich in der Nähe von Bens Ex- Frau befand, ergriff sie eine seltsame Unruhe, obwohl Maria sehr nett zu ihr war. Nun, sie vermutete, wenn Mrs. Torres Evans erst einmal mitbekam, dass sie Bens neue Freundin war, würde sich das sicher ändern...
„Hallo mein Schatz!“ raunte ihr plötzlich eine vertraute Stimme ins Ohr und zwei starke Arme umfingen sie.
„Ben!“ rief sie überrascht.
„Ich hoffe, ich habe Dich nicht erschreckt, Deine Mitbewohnerin hat mich reingelassen.“ sagte er und küßte sie zärtlich auf die Wange. Sie drehte sich zu ihm um und dachte plötzlich wieder an ihr Gespräch mit ihm heute morgen, dass sie seitdem unablässig beschäftigte. Sofort kamen wieder Zweifel in ihr hoch. Stand sie wirklich Ben gegenüber, oder ... Derek?
„Was tust Du denn um diese Zeit hier?“ fragte sie erstaunt. „Müsstest Du nicht im Büro sein?“
„Ich hab mir den Rest des Tages freigenommen, um ein bisschen Zeit mit Dir zu verbringen.“ erwiderte er. „Ich hoffe, Du hast nichts dagegen?“
„Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin froh, dass Du da bist. Ich bin hier gleich fertig.“ Sie stellte schnell einen fertigen Stapel Teller in den Schrank.
„Ist Vanessa schon weg?“ fragte sie scheinbar beiläufig.
„Ja, sie sagte mir, wo ich Dich finden würde und meinte, sie müsse gleich los.“ antwortete er. Meg nickte nur und polierte emsig die Gläser aus, ohne sich umzudrehen.
„Was... wollen wir denn nachher unternehmen?“ fragte sie und versuchte, ihre Stimme möglichst unbeschwert klingen zu lassen, obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Er war nicht Ben... Ben hätte Rae nicht mit Vanessa verwechselt... oder irrte sie sich?
Sie mußte Gewissheit haben!
„Ich dachte, wir gehen hinunter zum Hafen, mieten uns ein Boot und fahren ein Stück hinaus, genießen Sonne, Wind und Wellen, wo uns keiner stört...“ vernahm sie seine Stimme.
„Hört sich gut an.“ sagte sie und drehte sich zu ihm um. „Ich werd` mich schnell umziehen gehen, machst Du das hier eben noch für mich fertig?“ Sie drückte ihm das Geschirrtuch in die Hand und wies auf den Besteckkasten. „Bin gleich zurück.“
Verdutzt sah Ben ihr nach und machte sich widerwillig und etwas umständlich daran, die Messer und Gabeln abzutrocknen, während Meg die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufeilte.
Oben angekommen schloß sie die Tür hinter sich und nahm ihr Handy. Mit fliegenden Fingern wählte sie Bens Nummer in der Firma.
„Liberty Corporation, Ronda am Apparat, was kann ich für Sie tun?“ meldete sich seine Sekretärin.
„Ronda... hier ist Meg Cummings... sagen Sie, ist Ben zur Zeit im Büro?“
„Einen Augenblick, Miss Cummings, ich verbinde Sie.“ erwiderte Ronda. Es ertönte ein Knacken in der Leitung, und Megs Bauchmuskeln krampften sich sekundenlang schmerzhaft zusammen, als sie ihre Vorahnung bestätigt sah und Bens Stimme erklang.
„Meg, was für eine nette Überraschung! Was hast Du denn auf dem Herzen?“
„Ich... ich weiß auch nicht“ stotterte sie, denn schlagartig wurde ihr klar, was passieren würde, wenn Ben jetzt erfuhr, dass Derek unten im Surf Center in der Küche stand. „Ich wollte einfach mal Deine Stimme hören, und... Dich fragen, ob ich Dich vielleicht nachher abholen soll, wir könnten dann was essen gehen oder so...“ Sie verdrehte die Augen. Bestimmt hörte sie sich idiotisch an mit ihrem Gestammel!
Ben lachte.
„Eine tolle Idee! Ich bin in zwei Stunden hier fertig. Wir schauen bei Mark vorbei, und dann gehört der Abend uns beiden, das heißt, wenn Du nichts besseres vorhast!“
„Nein... ähm, das heißt, ja, ich freu mich... also bis nachher, Ben!“ Schnell legte sie auf.
Mit zusammengepressten Lippen starrte sie auf das Telefon in ihrer Hand.
Derek Evans... Er stand unten und versuchte gerade eines seiner hinterhältigen Spielchen mit ihr zu spielen!
„Na warte, mein Freund, nicht mit mir!“ dachte sie wütend, ging hinaus und warf mit lautem Knall die Tür hinter sich zu.
Ben hielt den Telefonhörer noch in der Hand und wunderte sich.
Er freute sich über Megs Anruf, aber irgendwie hatte sie anders geklungen als sonst, aufgeregt, durcheinander... so, als ob sie eigentlich aus einem ganz anderen Grund angerufen hätte...
„Aus einem anderen Grund?“ sagte er zu sich selbst, „Aber warum sollte sie...“ Einer inneren Eingebung folgend drückte er auf die Wechselsprechanlage.
„Ronda, was hat Meg gesagt, als sie anrief?“
„Nichts weiter, Mr. Evans“ erwiderte Ronda, „sie hat nur gefragt, ob Sie in Ihrem Büro sind!“
„Derek...“ schoß es ihm urplötzlich durch den Kopf. „Er ist bei ihr, und sie wollte wissen, ob ich es bin!“
Er sprang auf und stürmte aus dem Büro.
Langsam, mit unheilvoll zusammengezogenen Augenbrauen, ging Meg die Treppe hinunter.
Derek stand mit dem Rücken zu ihr in der Küche und sortierte eben das letzte Besteck ein.
„So, fertig.“ sagte er erleichtert und drehte sich um. „Da bist Du ja, Liebling.“
Er bemerkte ihren Gesichtsausdruck.
„Was ist denn los?“ fragte er mit unschuldigem Lächeln. Meg sah ihn unverwandt an, bevor sie gefährlich leise sagte:
„Du hast genau zehn Sekunden Zeit, um aus diesem Haus und aus meinem Leben zu verschwinden, Derek Evans!“