Teil 32

 

 

Olivia saß auf dem Beifahrersitz ihres Sportwagens und starrte schweigend geradeaus. Während Caitlin den Wagen die kurvenreiche Küstenstrasse entlang steuerte, ließ sie selbst den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren und dachte an den Streit, den sie mit ihrer Tochter später in Sallys Apartment gehabt hatte.

 

Die ganze Zeit im Fahrstuhl hatte Caitlin kein Wort gesprochen. Mit zusammengepressten Lippen starrte sie vor sich hin, und egal, wie sehr sich Olivia auch bemühte, es trat keine Regung in das hübsche Gesicht ihrer Tochter. Als sich jedoch die Tür von Sallys Suite hinter ihnen schloss, fuhr sie herum und funkelte Olivia wütend an.

„Das ist ja wohl das Letzte, Mum!“ fauchte sie. „Du haust einfach von zu Hause ab und lässt Daddy allein. Glaubst Du wirklich, du bist die Einzige, die Probleme hat?“

„Nein, Schätzchen, das siehst Du völlig falsch!“ versuchte sich Olivia zu rechtfertigen, doch Caitlin hörte gar nicht hin.

„Daddy hat auch Probleme, aber er läuft wenigstens nicht davor weg!“ rief sie anklagend und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. „Er hat sich solche Sorgen um Dich gemacht! Und ich komme hierher und muß mit ansehen, wie Du zu irgend so einem Galan ins Auto steigst!“

„Caitlin, das war nicht so, wie es aussah…“

„Natürlich nicht…“ lachte Caitlin spöttisch, „ich wette, es war sogar noch schlimmer! Ich hab Euch beobachtet, in der Bar, als Ihr miteinander getanzt habt! Gib doch zu, die nächste Station wäre sein Bett gewesen!“

„Caitlin!“ schrie Olivia ihre Tochter warnend an. „Hör auf, solche Dinge zu sagen!“

„Weil Du sie nicht hören willst? Oh nein, Mum, deswegen werde ich nicht schweigen. Ich werde nicht mehr mit zusehen, wie Ihr Euch gegenseitig fertigmacht, Du und Daddy! Lieber ziehe ich zu Hause aus.“

Olivia sah, wie die Mundwinkel ihrer Tochter verdächtig zitterten und ging auf sie zu. Vorsichtig berührte sie ihre Schulter.

„Caitlin, Du bist wütend, das kann ich ja verstehen. Aber glaub mir, Du siehst das völlig falsch.“ Sie überlegte kurz. „Woher wusstest Du eigentlich, wo ich bin?“

„Von Tante Sally.“ erwiderte Caitlin knapp. „Sie hat mich angerufen. Anscheinend hat sie sich auch Sorgen um Dich gemacht.“

„Oh…“ brachte Olivia nur heraus und schwor sich insgeheim, die Freundin deswegen später zur Rede zu stellen.

„Wie auch immer“ meinte Caitlin und streifte die Hand ihrer Mutter mit einer energischen Bewegung ab, „ich werde morgen nach Sunset Beach zurückfahren. Du hast die Wahl, zwischen diesem Mr. Forrester und den Menschen, denen Du wirklich was bedeutest, Deiner Familie. Ich werde Dir die Entscheidung bestimmt nicht abnehmen, Du musst selbst wissen, was Du tust. Gute Nacht.“ Sie wandte sich um und rauschte hinaus.

An der Tür wäre sie fast mit Sally zusammengeprallt. Mit erstauntem Gesicht machte die Ältere Platz und schaute Caitlin kopfschüttelnd nach.

„Deine Tochter sah aus, als hättet Ihr eine recht anregende Diskussion geführt!“ bemerkte sie trocken und schloss die Tür. Olivia funkelte sie wütend an.

„Sally… wie konntest Du nur!“

„Wie konnte ich… was?“ fragte Sally und zog die bleistiftdünnen Brauen in die Höhe.

„Wie konntest Du Caitlin anrufen und ihr sagen, wo ich bin!“

„Aber wieso denn nicht, Livvy?“ erwiderte Sally in harmlosem Plauderton. „Schließlich konnte ich Dich doch nicht in Dein Unglück rennen lassen! Ich bin immerhin Deine beste Freundin!“

„Dann benimm Dich gefälligst auch so!“ fauchte Olivia ungehalten.

„Wow“ entfuhr es Sally, wobei sie mit den Händen wedelte, als hätte sie sich diese eben verbrannt. „Was sind wir heute abend gut gelaunt!“ Sie betrachtete Olivia mit einem Kopfschütteln. „Hör zu, Livvy. Ich kenne Eric Forrester schon sehr lange, und genauso lange geht es mit seiner Ehe rauf und runter, aber keine…“ sie hob den Zeigefinger, „hörst Du, keine andere Frau würde ihm je mehr bedeuten als seine Stefanie. Die beiden schlagen und vertragen sich wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang, und alles andere sind für ihn nur flüchtige Affären. Wenn Du Dich in Deiner jetzigen Verfassung mit so einem Mann einlässt, dann schickt er Dich unter Garantie noch viel weiter ins Tal der Tränen.“

Olivia sah sie mutlos an.

„Und was soll ich Deiner Meinung nach jetzt tun?“

Sally grinste und zwinkerte ihr zu.

„Du schläfst Dich erst einmal richtig aus, und morgen früh packst Du Deine Sachen, steigst zu Caitlin ins Auto und fährst mit ihr zurück. Dann gibst Du Deinem Nichtsnutz von Ehemann noch eine allerletzte Chance, und wenn er die nicht nutzt, weißt Du ja, wo Du die gute alte Sally findest!“

 

„Vielleicht sollte ich Daddy anrufen und ihm sagen, dass wir auf dem Heimweg sind.“ holte Caitlin ihre Mutter aus ihren Gedanken. Sie fuhr auf den Randstreifen und stoppte den Wagen. Mit einem kurzen Seitenblick auf Olivia, die wortlos ihr vom Fahrtwind verwehtes Haar ordnete, kramte sie ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer ihres Vaters in dessen Büro.

 

 

 

Gregory saß hinter dem schweren Eichenschreibtisch in seinem Büro und hatte den Kopf  in den Händen vergraben. Als Elisabeth ihn über die Sprechanlage besorgt fragte, ob sie irgendetwas für ihn tun könne, lehnte er widerwillig ab.

„Danke Liz. Ich bin auch momentan für niemanden zu sprechen, weder telefonisch noch persönlich. Es sei denn, die Männer vom Brandschutzdezernat oder die Polizei haben Fragen bzw. Neuigkeiten irgendwelcher Art.“ sagte er entschieden und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Und falls meine Tochter sich meldet, stellen Sie den Anruf sofort durch!“

„In Ordnung, Mr. Richards!“ erwiderte Elisabeth, und nach einem kurzen Knacken in der Leitung der Sprechanlage war es wieder still im Zimmer.

Gregory starrte vor sich hin. Seine Gedanken wanderten zurück zu letzter Nacht.

 

Zusammen mit diesem jungen Mann – Tim - hatte er die gesamte obere Etage seiner Villa nach Caitlin abgesucht, doch erfolglos, sie war wie vom Erdboden verschwunden. Die Beamten der Feuerwehr hatten die beiden Männer gewaltsam aus dem Haus bringen müssen, da sie sich weigerten, die Suche abzubrechen, und erst, als die Feuerwehrleute selbst unter Einsatz ihres Lebens noch einmal alles durchsucht hatten und versicherten, dass sich wirklich niemand mehr in den Räumen befand, konnten die Löscharbeiten beginnen. Durch die Suche war jedoch wertvolle Zeit verstrichen, so dass das Feuer die Richards- Villa ziemlich übel zugerichtet hatte. Die obere Etage schien zwar noch intakt, war jedoch vom Löschwasser völlig ruiniert, während unten nur noch die Grundmauern standen, so dass der Chef des Brandschutzdezernates nach Ende des Einsatzes bedauernd erklärte, ein Abriss des Hauses werde wohl nicht zu vermeiden sein. Gregory hatte daraufhin später, als er die Ruine betreten durfte, den Safe geleert und die persönlichen Wertsachen in sein Bankschließfach gebracht, wo sie erst einmal sicher waren. Alles andere erledigten seine Leute für ihn, sie waren eben dabei, die wenigen Sachen, die noch einigermaßen zu verwenden waren, in eine der Lagerhallen der Firma zu bringen. Er selbst hatte vorerst die Penthouse- Suite im Sunset Inn für sich und seine Familie gebucht.

Zum Glück hielt sich Rose zur Zeit des Brandes nicht in ihrem Zimmer auf, sie hatte ihren freien Tag dazu genutzt, um ihrer Schwester in San Diego einen Besuch abzustatten. Gregory erwartete sie erst gegen Nachmittag zurück.

Stirnrunzelnd dachte er daran, wie er mit Tim hinter der Absperrung, die die Polizisten noch während des Feuers in aller Eile errichtet hatten, stand und hilflos mit ansehen musste, wie die Männer in ihren Schutzanzügen gegen die Flammen kämpften, die sich unaufhaltsam durch sein schönes Haus fraßen. Es dauerte eine Ewigkeit, aber dann nahm der Wasserstrahl dem Feuer allmählich die Luft, während dicker schwarzer Rauch in den nächtlichen Himmel stieg.

Gregory war wie betäubt gewesen.

„So, das wär`s, Leute, mehr können wir im Augenblick nicht tun!“ drang irgendwann die Stimme eines Feuerwehrmannes an sein Ohr.

Inzwischen war auch Detektiv Ricardo Torres vom örtlichen Polizeirevier eingetroffen und stellte ihm verschiedene Fragen, die er mehr oder weniger mechanisch beantwortete.

Ihn selbst beschäftigte momentan nur eine einzige Frage: Wo war Caitlin?

 

„Es ist ihr nichts passiert, Mr. Richards.“ sagte Tim leise und legte beschwichtigend seine Hand auf Gregorys Arm, als die Polizisten schließlich fort waren und nur eine Wache an der Brandstelle zurückgelassen hatten.

„Woher wollen Sie das wissen?“ fragte Gregory überrascht und sah Tim zum ersten Mal in dieser Nacht direkt an.

„Na ja… ich habe zwei Männer weglaufen sehen… aber sie waren allein, sie haben Cait nicht entführt… glauben Sie mir, sie muß irgendwo anders sein!“ stammelte Tim, wohlwissend, dass er soeben viel zu viel preisgegeben hatte. Aber es war zu spät.

Gregory schien plötzlich zu neuem Leben zu erwachen. Er packte Tim am Revers seiner Jacke.

„Raus mit der Sprache, Freundchen, was ist hier los? Was genau haben Sie gesehen?“

Tim geriet fast in Panik.

„Ich hab`… na ja, ich war…“

Gregory nickte grimmig.

„Jetzt verstehe ich!“ knurrte er feindselig und ließ Tim los. „Sie waren das, Sie sind in besagter Nacht mit Caitlin am Strand gewesen und haben diese Männer gesehen, die für den Mord verantwortlich sind!“ Er schnaufte verächtlich. „Aber anscheinend waren Sie zu feige, die Aussage meiner Tochter zu stützen! Stattdessen haben Sie sie lieber ins offene Messer laufen lassen!“

„Nein!“ rief Tim schnell, „Nein, Mr. Richards, so war es nicht, ganz ehrlich…bitte glauben Sie mir, ich… ich wusste doch gar nicht, dass Caitlin eine solche Aussage gemacht hat!“

„Erzählen Sie keine Märchen, junger Mann! Die erste Sensation in Sunset Beach war dieser Mord am Strand, und die zweite war die überraschende Zeugenaussage meiner Tochter, mit der sie meinen Mandanten schützen wollte.“ giftete Gregory ungehalten. „Ich gebe zu, das war reichlich unüberlegt von ihr, aber anstatt ihr beizustehen, sind Sie lieber erst einmal von der Bildfläche verschwunden. Hab ich recht?“

Tims Gehirn arbeitete auf Hochtouren.

Verdammt, er hatte sich wirklich mächtig in Schwierigkeiten gebracht und musste nun sehen, wie er wenigstens halbwegs unbeschadet aus diesem ganzen Schlamassel wieder herauskam.

Caitlins Vater war ein Fuchs, er würde es sofort durchschauen, wenn er jetzt einen Fehler machte.

„Hören Sie, Mr. Richards“ versuchte er Gregory zu beschwichtigen, „wir haben uns an diesem Abend heimlich am Strand getroffen, niemand sollte vorerst etwas von unserer Freundschaft erfahren, das wollte Ihre Tochter so. Und ich habe das respektiert, obwohl wir ja beide volljährig sind. Aber als ich gestern erfuhr, dass Cait auf dem Revier war und ausgesagt hat, um diesem Mark zu helfen, da bin ich sofort hergekommen.“

Gregory zog ungläubig die Augenbrauen zusammen.

„Und warum sind Sie nicht direkt zur Polizei gegangen?“

„Eben darüber wollte ich mit ihr reden.“ log Tim in seiner Not, „ich wusste doch nicht, ob es ihr recht ist, wenn alle erfahren, dass wir… ich meine…“

„Caitlin hat ihr Leben unüberlegt in höchste Gefahr gebracht, das sollte Ihnen klar sein.“ unterbrach ihn Gregory in strengem Tonfall und schien ihn mit seinen Blicken zu durchbohren. „Da dürfte wohl das kleinere Übel darin bestehen, zugeben zu müssen, dass Ihr beide ein heimliches Rendezvous hattet!“

„Ja… ähm, nein, natürlich nicht, Sir“ nickte Tim eifrig und dachte dabei mit Unbehagen an Meg und ihre Reaktion, wenn sie erfuhr, dass er sich so kurz nach seiner Ankunft in Sunset Beach schon heimlich mit anderen Frauen traf. Aber es half nichts, er konnte in seiner jetzigen Situation keine Rücksicht auf die Gefühle seiner Ex- Verlobten nehmen. Zuerst einmal galt es, seine eigene Haut zu retten. „Ich werde meine Aussage machen.“ sagte er, und fügte in Gedanken hinzu: „soweit ich es für mich selbst verantworten kann.“

Gregory nickte zufrieden und fuhr sich mit der Hand über die von dem immer noch in der Luft hängenden beißenden Rauch brennenden Augen.

„Und Sie haben vorhin, als Sie hierherkamen, diese Männer gesehen? Dieselben, die Sie am Strand belauscht haben?“

„Na ja, so genau auch wieder nicht, eigentlich habe ich nur zwei Gestalten weglaufen sehen, nachdem sie eine Fensterscheibe zerbrochen und etwas Brennendes ins Haus geworfen hatten. Ich vermutete nur, dass es diese beiden Männer gewesen sein könnten, vielleicht ein Racheakt…“ Er holte tief Luft. „Aber wie schon gesagt, wenn sie Caitlin entführt hätten, dann wäre mir das aufgefallen. Die zwei waren allein.“

„Okay.“ Gregory warf einen resignierten Blick auf sein ausgebranntes Haus. „Dann geben Sie das bitte mit zu Protokoll, wenn Sie nachher Ihre Aussage machen. Die Fahndung nach den beiden Kerlen läuft ja ohnehin schon auf Hochtouren. Hoffentlich werden sie bald geschnappt, dann erfahren wir vielleicht, wer die Drahtzieher der ganzen Aktion gewesen sind.“

Tim zuckte unmerklich zusammen.

Zum Teufel noch mal, wenn das geschah, dann war er geliefert. Dann konnte er sich gleich mit Connors und seinen Leuten zusammen in eine Zelle sperren lassen, und was die mit ihm anstellten, wenn sie herausbekamen, wer sie verpfiffen hatte, daran wagte er nicht einmal zu denken!

Er hatte plötzlich das Gefühl, die Luft werde ihm knapp.

Alles, aber auch alles war schiefgelaufen! Dabei war er doch nur von Kansas nach Sunset Beach gekommen, um Meg zurückzuholen…

 

Gregory erinnerte sich, dass irgendwann plötzlich Sean hinter ihnen gestanden hatte.

„Dad, was ist denn hier los? Was um alles in der Welt ist denn passiert?“ fragte er außer sich vor Sorge, während er fassungslos von einem zum anderen blickte.

„Vermutlich ein Brandanschlag.“ erwiderte Gregory knapp. „Und wo kommst Du jetzt her, mitten in der Nacht?“

„Ich war mit ein paar Freunden in South Bay, als irgendwer erzählte, in Sunset Beach sei ein Feuer ausgebrochen, in einer der Villen am Strand. Da bin ich sofort hergekommen… Geht es dir gut, Dad?“

„Natürlich geht es mir gut.“ antwortete Gregory etwas unwirsch, was Tim darauf schließen ließ, dass das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht das Beste zu sein schien. Für einen kurzen Augenblick empfand er Mitleid mit Sean. Es war bestimmt nicht einfach mit einem Vater wie Gregory…

„Wir haben nach Caitlin gesucht, nachdem das Feuer ausgebrochen war, konnten sie jedoch nirgends finden.“ erklärte er schnell.

Sean kniff ungläubig die Augen zusammen.

„Caitlin? Ihr sucht nach Caitlin? Ja aber… die ist doch nach L.A. gefahren, zu Tante Sally!“

„Waaas?“ Gregory fuhr herum. „Woher weißt Du das?“

Sean zuckte nur gleichgültig die Achseln.

„Na, weil sie es mir gesagt hat, kurz bevor ich aus dem Haus gegangen bin.“

Gregory packte seinen Sohn bei den Schultern.

„Was genau hat sie Dir gesagt, Sean? Wieso wollte sie nach L.A.?“ fragte er eindringlich.

Sean befreite sich unwillig aus dem Griff seines Vaters.

„Mach hier nicht gleich einen Aufstand, Dad!“ meinte er und zog sein Sweatshirt glatt. „Sie erhielt heute Nachmittag einen Anruf von Tante Sally und erfuhr, dass Mum sich dort aufhält. Genau weiß ich auch nicht, was Sally gesagt hat, aber Cait hatte es auf einmal furchtbar eilig. Sie wusste, wenn sie Dir davon erzählt hätte, würdest Du Dich nur wieder fürchterlich aufregen und ihr vielleicht verbieten, hinzufahren. Sie hat Dir also einen Zettel auf den Wohnstubentisch gelegt, dann ist sie mit Mums Wagen los.“ Sean stockte und griff sich plötzlich an die Stirn. „Ja klar, den Zettel konntest Du natürlich nicht finden, als es im Haus brannte! Kein Wunder, dass Du so in Sorge warst!“

Gregory atmete tief durch und ließ sich auf einen der Gartenstühle fallen. Der teure Stoffbezug war feucht vom Löschwasser, aber das interessierte ihn nicht.

„Mein Gott…“ stöhnte er, „was für ein Albtraum!“

Sean sah Tim betreten an, dann trat er auf seinen Vater zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Komm mit, Dad, wir übernachten im Sunset Inn, hier können wir sowieso im Moment nichts tun. Es ist ja zum Glück niemand von uns zu Schaden gekommen, das ist das Wichtigste. Alles andere ist zu ersetzen.“

Gregory nickte und erhob sich.

„Du hast recht, Sean.“ sagte er leise, doch seine Stimme klang seit langer Zeit einmal wieder etwas versöhnlich, „Caitlin ist nichts geschehen… ich bin so froh… komm, laß`uns gehen.“

Nach ein paar Schritten hielt er inne, drehte sich um und kam zurück.

„Danke für Ihre Hilfe, Tim.“ sagte er und bot ihm seine Hand, die Tim zögernd annahm. „Glauben Sie mir, ich weiß das sehr zu schätzen, was Sie für mich und meine Familie getan haben. Aber… jetzt gehen Sie zur Polizei und machen Ihre Aussage! Gute Nacht!“

Tim sah ihm nach, wie er mit Sean in seinen Wagen stieg und davonfuhr. Er spürte noch immer Gregorys Händedruck, der fest und ehrlich gewesen war, und plötzlich fühlte er sich noch elender als zuvor.

 

Gregory schreckte aus seinen Gedanken hoch, als die Wechselsprechanlage summte und Elisabeths Stimme ertönte.

„Mr. Richards, Ihre Tochter auf Leitung 1…!“

 

 

 

Ben war zufrieden.

Die Hütte sah phantastisch aus. Seine Leute hatten ganze Arbeit geleistet.

Die Zimmer waren frisch tapeziert und das Schlafzimmer auf seine Anweisung hin sogar neu möbliert worden. Alles wirkte hell und freundlich, an den blitzblanken Fenstern hingen zarte, duftige Vorhänge und auf dem Tisch in der kleinen Küche stand ein wunderschöner Strauß weißer Rosen, Megs Lieblingsblumen, die er extra bestellt hatte.

Aber was das Wichtigste war – nichts erinnerte mehr an Maria. Es war wie ein ganz neuer Anfang, und so sollte es ja auch sein.

Lächelnd beobachtete er Meg, die staunend die Einrichtung der Hütte inspizierte. Das kleine Häuschen auf der Lichtung im Wald schien wohl ganz nach ihrem Geschmack zu sein, denn ihre Augen strahlten wie die Sonne, deren Strahlen sich durch die Fensterscheiben brachen  und die vorderen Räume in goldenes Licht tauchten.

Bereits auf der Fahrt hierher, entlang der von Zypressen und Pinien eingesäumten Strasse, die sich durch die bewaldeten Hügel hinauf in die Berge schlängelte, war sie begeistert gewesen von der Schönheit der Natur und so voller Spannung und Vorfreude, wo Ben wohl mit ihr hinfahren würde, dass es ihm schwerfiel, ihr nicht vorher schon das Ziel des Ausfluges zu verraten.

 

„Ben, es ist so wundervoll hier!“ rief Meg schließlich und drehte sich zu ihm um. Sie legte ihre Arme um seinen Hals. „Du bist wundervoll!“ fügte sie mit diesem Lächeln hinzu, dass ihn schon von Anfang an so an ihr fasziniert hatte. Er strich ihr zärtlich übers Haar, das ihr in goldbraunen Locken über die Schultern fiel. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss.

„Mh… könnte ich davon noch etwas mehr haben?“ fragte Ben genießerisch.

Meg befreite sich schnell aus seiner Umarmung.

„Vielleicht später!“ meinte sie gespielt streng und lächelte schelmisch. „Jetzt holen wir erst einmal unser Gepäck herein, und ich hoffe, Du hast auch an ein paar Vorräte gedacht!“

Ben verzog das Gesicht.

„Vorräte?“ wiederholte er scheinbar erschrocken. „Die habe ich ja völlig vergessen!“

„Na, wenn das so ist“ ging Meg auf seinen Tonfall ein, „dann lassen wir eben unsere Sachen im Wagen und sammeln stattdessen ein paar Beeren zum Abendessen!“

Sie lachten beide übermütig und begannen, die mitgebrachten Taschen aus dem Auto in die Hütte zu tragen.

„War das alles?“ fragte Meg schließlich, als sie etwas außer Atem wieder hinausgelaufen kam. Ben grinste.

„Noch nicht ganz…“ meinte er, und ehe sie sich versah, nahm er sie auf seine Arme und trug sie über die Schwelle hinein ins Haus. „Willkommen in meiner bescheidenen Hütte, schöne Fremde!“ sagte er feierlich, während er eine Rose aus der Vase angelte und sie ihr reichte. „Ich hoffe, Du hälst es hier ein paar Tage mit mir aus, fernab jeder Zivilisation, ohne  jeglichen Luxus und Komfort!“

Meg sah ihn lächelnd an.

„Wir haben Licht und fließendes Wasser…“

„Kaltes und heißes Wasser, und ein Kamin ist auch da. Er funktioniert sogar!“ fügte Ben stolz hinzu.

Meg legte wieder die Arme um seinen Hals.

„… und Du bist da“ ergänzte sie bedeutungsvoll. „Ich glaube, ich bin mit der Situation hier vollkommen zufrieden!“

Ihre Blicke tauchten ineinander und ließen sich nicht los.

Vorsichtig, so als sei es zerbrechlich, nahm Ben Megs Gesicht zwischen seine Hände und begann zärtlich ihre weichen Lippen zu küssen. Als er spürte, dass sie seinen Kuss erwiderte, zog er sie nah zu sich heran.

„Du bringst meinen ganzen schönen Plan durcheinander!“ raunte er ihr ins Ohr. „Eigentlich wollte ich jetzt für uns kochen, aber wenn das hier so weitergeht…“

„Ich bin überhaupt nicht hungrig!“ flüsterte Meg zurück und kniff ihn zärtlich in die Seite. Ben lachte und nahm sie erneut schwungvoll auf seine Arme.

„Na wenn das so ist…“ meinte er, während er sie nach nebenan ins Schlafzimmer trug, „dann bleibt eben die Küche vorerst kalt!“

 

Meg schloss die Augen.

Während Bens Hände ihren Körper streichelten und seine Lippen ihre Haut liebkosten, dachte sie für einen winzigen Augenblick an den vergangenen Tag zurück. Sunset Beach und Dereks gemeiner Erpressungsversuch schienen ihr mit einem Mal unendlich weit weg zu sein, fern jeder Realität und ohne eine Gefahr für sie und ihre Gefühle für Ben, der sie so unendlich glücklich sein ließ. Dieser Mann mit seinen ausdrucksstarken tiefblauen Augen und dem kraftvollen, außergewöhnlich attraktiven Aussehen brachte sie mit seiner Liebe und Zärtlichkeit fast um den Verstand. Sie gab sich ganz in seine Hand, ließ sich fallen und bedenkenlos von ihren intensiven Gefühlen überwältigen.

„Ist Dir kalt?“ fragte Ben viel später, als sie beide atemlos nebeneinander lagen.

Meg kuschelte sich wohlig in seine Arme.

„In Deiner Nähe ist mir niemals kalt.“

Ben streichelte ihr Haar.

„So glücklich war ich nicht mehr, seit…“ Er unterbrach sich und sah sie lächelnd an. „…jedenfalls seit einer Ewigkeit nicht mehr.“

Meg erwiderte seinen Blick.

„Ich war noch niemals in meinem Leben so glücklich, Ben.“ sagte sie ernst.

Gerührt über ihre Ehrlichkeit küsste er sie.

„Das wird sich auch nicht ändern, Liebling!“ flüsterte er und zog sie ganz dicht zu sich heran. „Dafür werde ich sorgen.“