Teil 33

 

 

Zögernd betrat Tim das Police- Department und sah sich einen Moment lang prüfend um. Dieses mulmige Gefühl in der Magengegend, dass ihn in den letzten Tagen ständig begleitete, verstärkte sich beim Anblick der Männer in Uniform, und am liebsten wäre er sofort wieder gegangen, doch der diensthabende Officer hinter dem Empfangstresen hatte ihn bereits entdeckt.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte er sofort und sah Tim abwartend an.

„Na ja… ich… ich wollte zu Detektiv Torres.“ erwiderte dieser und trat vorsichtig näher.

Der Officer nickte geschäftig.

„In welcher Angelegenheit?“ erkundigte er sich pflichtgemäß und nahm einen Notizblock zur Hand. Tim biss sich nervös auf die Lippen.

„Tja also… es geht um diesen… Unfall am Strand…“

Der Officer blickte erstaunt hoch.

„Unfall? Welcher Unfall?“

„Dieser Mann, der am Pier gefunden wurde…“

„Ach so, Sie meinen die Mordsache.“ verbesserte der Beamte und zog die Augenbrauen hoch. „Sind Sie ein Zeuge?“

Tim nickte. Sein Mund fühlte sich plötzlich an, als sei er ausgetrocknet.

„Einen Moment…“ Der Officer nahm den Telefonhörer und wählte eine Nummer. „Ricardo? Hier ist jemand für Dich, der im Mordfall Thorne aussagen möchte… Okay, geht klar.“ Er wandte sich wieder an Tim. „Er ist gleich für Sie da.“

Ein paar Sekunden später öffnete sich am Ende des Raumes eine Tür und Detektiv Torres kam heraus. Er trug eine verwaschene Jeans und ein helles Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbogen aufgerollt hatte, darüber das Halfter, in dem die Dienstwaffe steckte. Sein schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn. Er war nicht sehr groß, hatte aber eine äußerst athletische, durchtrainierte Figur und ein attraktives Äußeres. Seine dunklen Augen fixierten Tim aufmerksam. Er trat auf ihn zu und reichte ihm mit einem fragenden Blick die Hand.

„Ricardo Torres. Was kann ich für Sie tun, Mister…“

„Truman“ beeilte sich Tim zu sagen, „Tim Truman. Ich will eine Aussage machen.“

Ricardo wies mit einer kurzen einladenden Bewegung in Richtung seines Büros.

„Bitte, kommen Sie mit.“

Sich unbehaglich umsehend, folgte ihm Tim.

 

„Also“ meinte Ricardo, nachdem er die Tür geschlossen und Tim einen Platz vor seinem Schreibtisch angeboten hatte, „Spencer sagte mir am Telefon, Sie hätten in der Mordnacht irgendetwas beobachtet, ist das richtig?“

„Na ja… also… nicht direkt“ stotterte Tim. Ricardo zog fragend die Stirn in Falten und lehnte sich zurück.

„Entspannen Sie sich, Mr. Truman“ sagte er freundlich, aber bestimmt. „Erzählen Sie mir einfach der Reihe nach, was Sie beobachtet bzw. gehört haben.“

„Eigentlich nicht sehr viel.“ erwiderte Tim. „Im Grunde kann ich auch nur das wiederholen, was Ihnen Caitlin Richards bereits zu Protokoll gegeben hat.“

Ricardo beugte sich interessiert vor.

„Sie waren mit Caitlin zusammen, als sie diese Männer am Strand gesehen hat?“

Tim nickte.

„Ja, Sir.“

Ricardo stand auf, kam hinter seinem Schreibtisch hervor und setzte sich vor Tim auf die Tischkante.

„Nun mal der Reihe nach.“ sagte er freundlich. „Caitlin hat ausgesagt, sie sei an diesem Abend allein am Strand gewesen. Aber wenn ich Sie richtig verstehe, waren Sie bei ihr!“

„Ja, wir waren zusammen“ gab Tim zu, „das sollte nur keiner wissen, besonders ihr Vater nicht. Aber als ich erfuhr, dass sie diese Aussage gemacht und sich damit ziemlich in Gefahr gebracht hat, da dachte ich, es sei besser, gleich herzukommen.“

„Ah ja…“ Ricardo nickte. „Eine gute Entscheidung. Und Sie haben die Männer auch gesehen. Können Sie sie beschreiben?“

„Na ja, nicht so richtig.“ antwortete Tim vage. „Es war ja dunkel…“

„Mh“ machte Ricardo nachdenklich. „Caitlin hat uns allerdings eine ziemlich detaillierte Beschreibung abgeben können.“

„Ich… sehe im Dunkeln nicht besonders gut.“ sagte Tim schnell und kam sich absolut idiotisch vor. Ricardo lächelte.

„Und weiter?“

„Es waren zwei Männer, und sie haben sich über den Mord am Strand unterhalten. Irgend etwas war dabei wohl schiefgelaufen, und der eine meinte, es sei vielleicht besser, erst einmal zu verschwinden, bis Gras über die Sache gewachsen wäre. Aber der andere hat darüber nur gelacht und gemeint, es würde sowieso keiner rauskriegen, was passiert sei.“ erzählte Tim in einem Atemzug und sah Officer Torres dann abwartend an. Der blickte etwas skeptisch drein.

„Ist das alles, was Sie gehört haben, Mr. Truman?“

Tim nickte unsicher.

„Keine Namen? Haben sich die beiden nicht vielleicht während des Gespräches gegenseitig mit ihren Namen angesprochen?“

Tim zuckte mit den Schultern.

„Ich kann mich nicht erinnern.“

Ricardo holte tief Luft.

„Wir fahnden in dieser Sache nach einem gewissen Ramon Rodrigez und nach Scotti Crimes.“ versuchte er Tim auf die Sprünge zu helfen. „Klingelt es da irgendwie bei Ihnen, wenn Sie diese Namen hören?“

Tim fühlte sich in die Enge getrieben.

„Ja, ich glaube, sie haben sich so genannt, Ramon und Scotti. Jetzt erinnere ich mich.“

„Na, das ist doch immerhin schon ein Anfang.“ meinte Ricardo, stand auf und setzte sich wieder in seinen Sessel. Er begann sich einige Notizen zu machen. Dann blickte er hoch und sah Tim mit seinen dunklen Augen prüfend an.

„Hatten Sie im Laufe des Gespräches, das Sie heimlich mitgehört haben, den Eindruck, dass die beiden Männer über einen oder mehrere Auftraggeber sprachen? Sind dabei irgendwelche Namen gefallen?“

Tim schluckte und schüttelte dann den Kopf.

„Sie sprachen davon, dass das Ganze ein bedauerlicher Unfall gewesen sei, und dass es ja nur ein gut bezahlter Job war, den sie ausgeführt hätten. Aber Namen haben sie keine genannt.“

Ricardo nickte nachdenklich.

„Ein gut bezahlter Job…“ wiederholte er, mehr zu sich selbst. Dann sah er Tim wieder an. „Wissen Sie, wenn wir die Namen der Auftraggeber hätten, wären wir ein entscheidendes Stück weiter.“

„Tut mir leid, Sir, ich kann Ihnen da nicht helfen.“

„Schade“ meinte Ricardo und schrieb sich noch einiges auf. Dann reichte er Tim das Blatt. „Das ist Ihr Aussageprotokoll, Mr. Truman. Bitte lesen Sie sich alles in Ruhe durch und unterschreiben Sie.“

 

Als Ricardo ihn zur Tür begleitete, atmete Tim sichtbar auf. Dann fiel ihm noch etwas ein.

„Detektiv, ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber gestern der Brand in Mr. Richards Haus…“

„Ja?“ fragte Ricardo gespannt.

„Also das war kein Zufall, das war Brandstiftung. Ich habe zwei Leute wegrennen sehen, nachdem sie einen brennenden Gegenstand in eines der Zimmer geschleudert hatten.“

Erstaunt sah Ricardo ihn an.

„Das bestätigt meine Vermutung.“ sagte er schließlich und klopfte Tim dann freundschaftlich auf die Schulter. „Danke, Mr. Truman. Sie haben uns sehr geholfen. Übrigens… wo kann ich Sie erreichen?“ Er sah, wie Tim bei dieser Frage kurz zusammenzuckte und fügte schnell hinzu: „Nur für den Fall, dass sich noch Fragen ergeben.“

„Ich wohne zur Zeit im Seabreeze- Motel, Zimmer 14.“ erwiderte Tim, verabschiedete sich und verließ eiligen Schrittes das Revier.

 

Nachdenklich trat Ricardo zu seinem Kollegen an den Tresen.

„Und“ fragte Spencer gespannt, „was hattest Du für einen Eindruck? Irgendwelche Neuigkeiten in dem Fall?“

Ricardo verzog das Gesicht.

„Ich bin mir nicht sicher. Ehrlich gesagt weiß ich nicht so recht, was ich von ihm halten soll. Er verschweigt uns was. Und er hat vor irgend etwas Angst, oder vor irgend jemandem. Angeblich kann er sich nicht erinnern, auch nur einen Namen gehört zu haben, der uns weiterbringt.“

„Caitlin Richards hat uns sogar mehrere Namen genannt.“ bestätigte Spencer.

Ricardo nickte.

„Entweder er deckt jemanden… oder er war gar nicht dabei und will nur Caitlins Aussage stützen, um Mark zu helfen.“ mutmaßte er.

Spencer klopfte bedächtig mit seinem Stift auf die Tischplatte und warf seinem Vorgesetzten einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Oder er hängt selbst mit in der Sache drin…“

 

 

 

Del Douglas hielt sich nun schon eine ganze Weile in Tokio auf, aber seine Geschäfte waren bisher nicht so gelaufen, wie er es ursprünglich geplant hatte. Er war schon seit langem hinter Carter Electronics her und bereits vor einem knappen Jahr nahe daran gewesen, den in Japan gelegenen Hauptsitz der Firma für Computer und Software durch einige überaus unlautere, teils sogar kriminelle Methoden zu übernehmen. Aus diesem Grunde hatte er sich auch aus der Liberty Corporation zurückgezogen und Annie seine Anteile überschrieben, er brauchte in jeder Hinsicht völlige Handlungsfreiheit, und vor allem konnte er sich keine neugierigen Geschäftspartner leisten, die ihm bei seinen mysteriösen dunklen Geschäften über die Schulter sehen konnten. Del wollte endlich den Coup seines Lebens landen.

Doch er hatte George Carter unterschätzt.

Der Großunternehmer zog sich nicht, wie erwartet, nach dem tragischen Tod seiner Frau trauernd zurück und überließ den von Del eigens in die Firma eingeschleusten Geschäftsführern die uneingeschränkte Kontrolle, nein, er überwand entgegen allen Erwartungen sogar seine Flugangst und tauchte unerwartet in Tokio auf. Dort entdeckte er bei diversen Kontrollen der Geschäftsbücher größere durch Dels Leute mutwillig verursachte Unregelmäßigkeiten, die zwangsläufig zum Bankrott der Firma geführt hätten. Daraufhin feuerte er gnadenlos den gesamten Vorstand und ersetzte diese Positionen mit neuen Leuten, die er dafür gründlich überprüfen ließ. An die Spitze der Geschäftsleitung beorderte er einen jungen, dynamischen Wirtschaftsexperten aus China, Wie Lee Young, der sein uneingeschränktes Vertrauen besaß. Und dieser Mann war das Vertrauen wert, dass Carter in ihn setzte. Er führte das Unternehmen im Sinne seines Arbeitgebers mit eiserner Hand und erwies sich trotz seines noch recht jugendlichen Alters als kompetenter und cleverer, als Del Douglas erwartet hatte.

Bisher war es Del nicht gelungen, sich in irgend einer Weise in das Vertrauen des jungen Geschäftsführers einzuschleichen, und auch Drohungen jeglicher Art zeigten keinerlei Wirkung. Der gesamte Vorstand schützte Carters japanische Firma für Computer und Software wie eine Mauer vor äußeren Zugriffen, während die Geschäfte sowohl in Japan als auch weltweit so gut wie selten zuvor liefen.

Del aber hatte zuviel in seine Pläne, Carter Electronics zu übernehmen, investiert, als das er jetzt aufgeben wollte. Und er hatte mit Hilfe seines Informanten Eddie Connors endlich einen verletzlichen Punkt im Leben Wie Lee Youngs gefunden… Diesen Trumpf würde er gnadenlos ausspielen, wenn es sein musste, bis zum bitteren Ende.

 

Er griff zum Telefon und wählte die Nummer von Eddie in Sunset Beach.

„Eddie? Na endlich erreiche ich Sie! ... Ist mir doch egal, ob Sie in Schwierigkeiten stecken, das ist doch bei Ihnen nichts Neues! ... Ich habe übermorgen einen Termin mit diesem Young in der Firma. Ich hoffe, dass er clever genug ist, auf meinen Vorschlag einzugehen, doch wenn nicht, möchte ich, dass Sie genau das tun, was wir besprochen haben. Haben Sie verstanden?

Gut, dann warten Sie auf meinen Anruf! … und Eddie… wenn Sie sich auch nur den kleinsten Fehler leisten, dann wird das mit Sicherheit Ihr letzter sein!“

Er legte auf und goß sich zufrieden einen Drink ein.

Mit einem teuflischen Grinsen hob er sein Glas.

„Auf meinen Plan! In ein paar Tagen gehört Carter Electronics so gut wie mir!“

 

 

 

Raes Schicht in der Klinik war fast zu Ende. Ein Patient, der nach einem Unfall mit großen Schmerzen und einem Nervenzusammenbruch eingeliefert worden war, wartete noch in seinem Krankenzimmer auf seine Beruhigungsspritze für die Nacht, dann konnte sie endlich ihren wohlverdienten Feierabend genießen.

Während sie die Flasche mit dem Serum aus dem Medizinschrank nahm und sorgfältig eine Spritze aufzog, fragte sie sich, was Casey wohl für diesen Abend geplant hatte. Insgeheim hoffte sie, dass er sie, wie auch immer diese Planung aussehen würde, vielleicht mit einbezog. Seit dem überraschenden Kuss im Weinkeller hatten sie nichts mehr miteinander unternommen, außer diesem einen Tanz zur Eröffnungsfeier im Deep. Wahrscheinlich wollte er sie nicht bedrängen, aber Rae mußte sich eingestehen, dass sie gegenüber weiteren charmanten Annäherungsversuchen seinerseits durchaus nicht abgeneigt wäre.

Lächelnd schraubte sie die Flasche wieder zu und wollte sie gerade in den Schrank zurückstellen, als sich plötzlich ihr Piepser meldete. Schnell legte sie die fertige Spritze neben der Serumflasche ab und verließ den Raum in Richtung Anmeldung.

„Was ist denn los, Trudi?“ fragte sie die diensthabende Schwester.

„Telefon für Sie, Dr. Chang.“ erwiderte diese und hielt ihr den Hörer entgegen. Rae nahm ihn ihr ab und meldete sich, doch der unbekannte Teilnehmer am anderen Ende hatte bereits aufgelegt.

„Eigenartig.“ meinte Rae und reichte den Hörer zurück.

Trudi zuckte die Schultern.

„War eine Männerstimme.“ sagte sie geheimnisvoll. „Und er wollte ausdrücklich nur mit Ihnen sprechen.“

Rae zog die Augenbrauen hoch.

„Na ja, wie auch immer, ich werde Mr. Greene jetzt noch seine Spritze verabreichen, dann ist Schluss für heute.“

Trudi nickte.

„Schönen Feierabend, Dr. Chang.“

 

Schnellen Schrittes betrat Rae das Arztzimmer und blieb erstaunt stehen.

Die Spritze und das Serum waren verschwunden.

 

 

 

Nachdem Meg endlich ausgepackt und alle Sachen verstaut hatte, beschloss sie, ihre leere Reisetasche oben auf den großen Kleiderschrank zu stellen. Leider stieß sie beim Nachhintenschieben der Tasche auf einen Widerstand, der ihr Vorhaben zunächst verhinderte.

Sie stieg auf einen Hocker, um nachzusehen, um was für ein Hindernis es sich handelte und entdeckte zu ihrer Überraschung ein gerahmtes Gemälde, das dort lag.

Vorsichtig nahm sie es herunter und betrachtete es neugierig.

Das Gemälde zeigte eine paradiesisch anmutende Landschaft im Sonnenuntergang und inmitten der Blumen und des gleißenden Sonnenlichtes zwei Gestalten, die sich verliebt in den Armen hielten.

Meg stand da und starrte wie gebannt auf das Kunstwerk. Sie war gefangen von der einfachen und doch so wirkungsvollen Schönheit dieses Bildes. Wer auch immer das hier gemalt hatte, es war dem Künstler gelungen, einen gefühlvollen Augenblick der Ewigkeit einzufangen und ihn auf der Leinwand festzuhalten. Sie vermeinte die wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne förmlich auf ihrer Haut zu spüren und das Säuseln des Sommerwindes zu hören, der leicht über die Wiese strich und die Blumen sanft bewegte. In Gedanken sah sie sich mit Ben dort stehen, Arm in Arm, und er blickte sie an, voller Zärtlichkeit…

„Meg?“

Erschrocken schaute sie auf. Ben stand in der Tür und beobachtete sie fragend.

„Was tust Du da?“

„Ich habe… das hier oben auf dem Schrank gefunden.“ sagte sie begeistert und hielt ihm das Bild entgegen. „Es ist wunderschön. Weißt Du, von wem es stammt?“

Ben starrte auf das Gemälde, als sei es ein Teil aus einer anderen Welt.

„Von Maria.“ sagte er leise, fast abweisend und wie zu sich selbst. Dann aber fasste er sich schnell wieder und lächelte etwas krampfhaft. „Entschuldige bitte, Meg. Ich weiß nicht, warum das immer noch hier ist, eigentlich sollte alles weg sein, was…“

„…was uns an sie erinnert?“ vollendete Meg den Satz und schüttelte dann den Kopf, während sie auf Ben zuging und ihm liebevoll ihre Hand auf den Arm legte. „Ben, Du brauchst Dich dafür nicht zu entschuldigen, Maria hat einmal zu Deinem Leben gehört, und sie wird immer ein Teil Deiner Vergangenheit bleiben. Was ist so schlimm daran?“

Ben sah sie nachdenklich an. Dann nahm er das Bild, betrachtete es einen Augenblick und stellte es weg.

„Weißt Du, Meg, dieser Teil meines Lebens hat nicht sehr schön geendet, und deshalb möchte ich ihn vergessen. Ich werde Maria das Bild zuschicken lassen, es gehört ihr.“

„Ja, vielleicht hast Du recht.“ erwiderte Meg. „Allerdings…“

„Was?“ fragte Ben.

„Als sie uns im Deep zusammen sah, hatte ich den Eindruck, als hätte sie, was Dich betrifft, noch nicht so ganz mit der Vergangenheit abgeschlossen. Kann es sein, dass sie bereut, was sie getan hat?“

Ben zog die Stirn in Falten.

„Mag sein, dass sie das tut, aber es interessiert mich nicht mehr.“ Er sah Meg prüfend an. „Hat sie irgendetwas zu Dir gesagt?“

„Na ja, es schien mir, als wäre sie ziemlich getroffen von der Tatsache, Dich mit einer anderen Frau zusammen zu sehen. Bis dahin kannte ich sie nur als nett und freundlich, aber an diesem Abend… ich weiß nicht, sie hat so eine eigenartige Bemerkung gemacht.“

„Hat sie Dich beleidigt?“

„Nein“ lächelte Meg, „so etwas ist wohl eher Annies Spezialität. Nein, aber sie hat mir irgendwie übelgenommen, dass ich ihr nichts von uns beiden erzählt hatte. Ich hab ihr daraufhin erklärt, dass das für sie keine Rolle mehr spielen dürfte, nachdem nun jeder von Euch sein eigenes Leben führt, aber sie meinte, so einfach sei das nicht. Ich wusste nicht, wie sie das meint, aber sie lachte nur und sagte, ich solle Dich danach fragen…“ Meg sah Ben abwartend an. „Weißt Du, was sie damit gemeint hat?“

Sein Gesicht verdüsterte sich schlagartig.

„Lass uns ein anderes Mal darüber reden, okay?“ sagte er etwas hastig. „Ich werde mich draußen erst einmal um Holz für das Kaminfeuer kümmern, abends wird es hier oben ziemlich kühl.“ Abrupt wendete er sich ab und verließ die Hütte.

Meg blieb zurück und sah ihm erstaunt nach.

 

 

 

Maria lief gedankenverloren am Strand entlang. Die Sonne stand schon ziemlich tief und färbte den Himmel um sich herum bereits in verschiedenen Rottönen, als wolle sie das bevorstehende Naturschauspiel für alle sichtbar einleiten. Doch Maria hatte keinen Blick für die Schönheit dieses Tages, der sich dem Ende zuneigte. Ihre Gedanken wanderten in die Vergangenheit, zurück zu einer Zeit voll von Liebe und Zärtlichkeit, einer Zeit mit Ben…

Sie ging bis zum Ende des Strandes, wo die Ocean Avenue und die Promenade endeten.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie allein war, ließ sie sich aufseufzend auf eine Bank fallen und starrte aufs Meer hinaus.

„Ich muß aufhören, ständig darüber nachzudenken, wie alles einmal war!“ schalt sie sich selber, „das ist selbstzerstörerisch und völlig unnütz, diese Zeit kommt nicht wieder.“

Aber auch wenn sie versuchte, sich einzureden, dass man die Vergangenheit am besten ruhen ließ, so kam sie doch nicht davon los. Die Sehnsucht nach Ben schien sie zu beherrschen wie eine unsichtbare, übermächtige Kraft.

Seitdem sie wusste, dass es eine neue Frau in seinem Leben gab, war alles nur noch schlimmer. Er hatte so glücklich ausgesehen, gestern im Deep, so verliebt… oh ja, sie konnte sich an dieses zärtliche Lächeln noch genau erinnern, nur galt es jetzt nicht mehr ihr, sondern Meg…

Maria schüttelte resigniert den Kopf.

Sie hätte Meg gestern abend am liebsten mit bloßen Händen erwürgt, so groß war ihre Wut auf die neue Frau an Bens Seite gewesen. Ausgerechnet Meg Cummings! Mit jeder anderen hätte sie sofort den Kampf aufgenommen, aber musste es ausgerechnet diese liebenswerte, nette Person sein, die sie schon fast als ihre Freundin betrachtet hatte! Es war zum Verzweifeln.

Das war kein Strohfeuer, was Ben mit Meg verband, das spürte Maria ganz deutlich. Das war Liebe… Meg hatte so eine besondere Art an sich, die sie unwahrscheinlich sympathisch machte, so dass die meisten Leute, die ihr begegneten, sie auf Anhieb mochten. Und das machte die Sache kompliziert. Ab sofort befand sich Maria in einem wahren Zwiespalt der Gefühle. Sie hatte Meg wirklich gerne, aber seit gestern hasste sie die junge Frau zugleich aus tiefstem Herzen. Doch war sie auch stark genug, um sie zu bekämpfen?

Maria legte die Hand auf ihren Bauch. Sie dachte daran, wie ihre Mutter ihr die Zukunft aus den Karten gelesen hatte, an dem Tag, als sie wieder nach Sunset Beach zurückgekommen war, und Ben sie weggeschickt hatte.

Etwas Unerwartetes tritt in Dein Leben. Ob diese Veränderung gut oder schlecht ist, liegt daran, wie Du selbst damit umgehst. Wenn Du diese Sache geschickt zu Deinem Vorteil nutzen kannst, dürfte Deinem Lebensglück nichts mehr im Wege stehen.“

 

„Mein Baby braucht einen Vater, und ich brauche Ben!“ sagte sie plötzlich fest entschlossen. „Was zählen Sympathie und Freundschaft, wenn es um die Zukunft meines Kindes geht!“

Sie stand auf und atmete tief durch. Sie hatte sich entschieden.

Sie würde um Ben kämpfen, ohne Skrupel, und wenn es sein musste, mit allen Mitteln.