Teil 35

 

 

Mit einem Ruck fuhr Meg hoch und starrte Ben an.

„Du bist… was?“ fragte sie atemlos und hoffte von ganzem Herzen, sie hätte sich eben verhört.

Ben holte tief Luft und griff instinktiv nach ihrer Hand.

„Es ist nur so, dass ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern kann, ich hatte unerklärlicherweise einen totalen Blackout, und ich habe Maria auch gesagt, dass diese Nacht, was immer da geschehen ist, rein gar nichts zwischen uns ändern wird. Meg, bitte, Du musst mir glauben, Maria bedeutet mir nichts mehr… Es ist nicht so, wie es aussieht.“

Meg zog ihre Hand weg, als habe sie sich verbrannt und sprang blitzschnell auf die Beine.

„Für mich sieht es allerdings ziemlich eindeutig aus!“ rief sie, und Ben konnte erkennen, wie sie vor Wut und Enttäuschung zitterte. Schnell stand er auf und wollte sie in seine Arme nehmen, um sie zu beruhigen und ihr alles zu erklären, doch sie wich sofort zurück und sah ihn nur warnend an.

„Fass mich nicht an, Ben!“

„Meg, hör mir doch bitte zu…“

Fassungslos schüttelte sie den Kopf und trat noch weiter zurück.

„Also deshalb hat Maria im Deep herumerzählt, sie würde die große Liebe wieder ganz neu erleben, und als ich sie fragte, wer der Glückliche sei, sprach sie von Dir, ihrem Ex- Mann! Ich hab es nicht ernst genommen…“ Sie griff sich mit beiden Händen an die Schläfen. „Großer Gott, war ich naiv!“

Ben ließ seinen Arm, den er ihr entgegengestreckt hatte, resigniert sinken.

„Sie hat sich da etwas zusammengesponnen, denn ich hatte ihr schon an dem ersten Abend, als sie plötzlich bei mir aufgetaucht war, unmissverständlich erklärt, dass es zwischen uns ein für allemal aus ist.“

„Ja, aber anscheinend warst Du nicht gerade sehr überzeugend!“ meinte Meg sarkastisch. „Und dann lässt Du Dich von ihr einladen und bleibst gleich über Nacht!“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. „Warum, Ben? Warum hast Du mir nicht gleich davon erzählt?“ fragte sie anklagend. „Warum ausgerechnet hier, wo wir beide gerade eine so schöne Zeit haben?“

„Ich wollte es Dir erzählen, an dem Abend am Pier, erinnerst Du Dich? Als wir aus dem Grenadines kamen und der Mord am Strand geschehen war… Von da an hab ich ständig nach einer Gelegenheit gesucht, es Dir zu beichten.“

„Ah ja… ich weiß auch nicht, aber das alles kommt mir seltsam bekannt vor…“ sagte Meg bitter, drehte sich um und ging davon. Mit wenigen Schritten hatte Ben sie eingeholt und versuchte, sie festzuhalten, doch sie riss sich mit einer Kraft los, die er ihr gar nicht zugetraut hatte. „Laß mich einfach in Ruhe!“

Schnellen Schrittes lief sie den Weg zurück, den sie gekommen waren. Ben folgte ihr schweigend.

An der Hütte angekommen, legte er seine Hand auf ihren Arm.

„Meg, bitte lass uns reden!“

„Nein!“

„Was willst Du denn jetzt tun?“ fragte er vorsichtig, und sie hörte sehr wohl die Angst in seiner Stimme.

„Ich will einfach allein sein.“ sagte sie bestimmt und warf die Tür zum Schlafzimmer mit Nachdruck vor seiner Nase zu.

 

 

 

„Olivia, was tust Du denn da?“ fragte Gregory, total irritiert von ihrem Kuss. Schnell trat sie einen Schritt zurück.

„Entschuldige, ich wollte Dich nicht wecken.“

Gregory schlug das Laken zurück, mit dem er sich notdürftig zugedeckt hatte und rappelte sich auf.

„Ich werde erst einmal duschen gehen.“ meinte er etwas zerknirscht, mit einem Blick auf sein total zerknautschtes, weißes Hemd und seine dunkle Anzughose, die nicht viel besser aussah.

Er angelte nach seinem Jackett und der Krawatte, die er am Abend zuvor achtlos über die Sessellehne geworfen hatte und fuhr sich mit den Fingern der anderen Hand durch sein zerzaustes Haar.

Olivia begann plötzlich laut zu lachen. Erstaunt wandte Gregory sich um.

„Was ist so lustig?“

„Du!“ kicherte sie. „Du siehst so… menschlich aus!“

Er stutzte einen Moment und kam dann zurück. Kurz vor ihr blieb er stehen und sah sie mit  einem undefinierbaren Blick aus Missfallen und gleichzeitiger Bewunderung an.

„Und das gefällt Dir?“

„Ja“ erwiderte Olivia leise und ihr Gesicht wurde ernst, „leider habe ich Dich in der letzten Zeit kaum noch so erlebt.“

„Und um Dich über diese Tatsache hinwegzutrösten, bist Du nach L.A. gefahren und hast Dich dem erstbesten supereleganten Schnösel an den Hals geworfen!“ erwiderte Gregory in abfälligem Ton. „Warum, Olivia, wenn Du es doch so menschlich liebst!“

„Ich habe mich niemandem an den Hals geworfen, merk Dir das!“ zischte Olivia und wollte schon davonlaufen, doch Gregory packte sie grob am Arm.

„Ich bin noch nicht fertig mit Dir!“  zischte er wütend.

„Aber ich mit Dir, nach allem, was Du mir ständig unterstellst!“ fauchte sie zurück und versuchte vergeblich, sich loszureißen. „Laß mich gefälligst los, Du tust mir weh!“

Sie rangen einen Moment lang miteinander, doch plötzlich merkten beide, wie nahe sie einander dadurch gekommen waren und hielten wie erstarrt inne. Ihre Lippen waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt und ihre Blicke tauchten ineinander und ließen sich nicht los, fast so, als sähen sie sich nach langer Zeit zu ersten Mal.

Sie standen beide da und rührten sich nicht, fast so, als hätten sie Angst, durch eine Bewegung den Zauber dieses Augenblickes zu zerstören.

Dann beugte sich Gregory vor und küsste Olivia.

Aufseufzend begann sie, seinen Kuss zu erwidern, während sie ihre Arme um seinen Hals schlang und ihre Hände hungrig über seinen Rücken wandern ließ. Er zog sie dicht zu sich heran, und als mit den immer intensiver werdenden Zärtlichkeiten auch der letzte Zweifel beseitigt schien, fielen sie beide in ungezügelter Leidenschaft übereinander her.

Sie liebten sich gleich auf dem Sofa, und es machte ihnen rein gar nichts aus, dass dieses Möbelstück eigentlich viel zu schmal und zu unbequem für Aktivitäten dieser Art war.

Olivia schloss die Augen und genoss jede Sekunde ihres überraschenden Zusammenseins, und es schien ihr, als hätte sie nach einer langen, trostlosen Zeit endlich wieder heimgefunden.

 

 

 

Rae war noch mit dem Abwasch des Frühstücksgeschirrs beschäftigt, als Casey mit der Sonntagszeitung hereinkam.

„Wow, hier steht heute ein Riesenartikel über die Eröffnungsfeier im Deep drin!“ rief  er erfreut und setzte sich an den Tisch. „Zwei ganze Seiten, mit Fotos, also Virginia hat sich wirklich große Mühe gegeben!“

Rae trocknete sich schnell die Hände am Geschirrtuch ab und setzte sich zu ihm.

„Zeig her… he, toll! Schau mal Casey, wir sind auch mit drauf!“

„Klar“ lachte er schelmisch, „die Prominenz ist immer mit auf den Fotos!“

„Angeber!“ grinste Rae und machte sich wieder an die Arbeit.

„Ich hab Dich damit gemeint, Frau Doktor, nicht mich!“ stellte Casey scherzhaft richtig.

„Na dann…“ konterte Rae mit einem Augenzwinkern, „… dann ist es ja gut.“

 

Casey tat so, als würde er die Zeitung lesen, doch in Wirklichkeit interessierte ihn etwas ganz anderes. Er beobachtete Rae, wie sie das Geschirr abtrocknete und in den Schrank stellte, und ihm fiel auf, dass sie bei allem, was sie tat, irgendwie nachdenklich wirkte.

 „Du siehst aus, als würde Dich etwas ziemlich beschäftigen.“ sagte er schließlich.

Erstaunt wandte Rae sich um, doch nach kurzem Überlegen nickte sie.

„Ja, Du hast Recht.“

„Möchtest Du darüber reden?“

Sie nickte erneut und setzte sich wieder zu ihm an den Tisch.

„Mir ist gestern in der Klinik eine etwas eigenartige Sache passiert.“ begann sie. „Ich wollte kurz vor Feierabend noch einem Patienten eine Beruhigungsspritze verabreichen, aber dann wurde ich ans Telefon gerufen, und als ich wieder zurückkam, war die Spritze weg.“

„Ja und? Hast Du es gemeldet?“

„Na ja, das wollte ich, aber als ich nachfragte, sagte man mir, dass Dr. Robinson den Patienten bereits versorgt hatte.“

„Na dann ist doch alles in Ordnung, oder nicht?“

Rae verzog das Gesicht.

„Ich weiß auch nicht… Normalerweise hat Tyus ein eigenes Medikamentenzimmer auf seiner Station, und es ist ungewöhnlich für ihn, dass er einfach eine bereits aufgezogene Spritze benutzt.“

Casey zuckte die Schultern.

„Vielleicht hat die Schwester sie ihm gebracht.“

„Ja, das ist schon eher möglich.“ Nach kurzem Überlegen blickte sie Casey dankbar an und lächelte. „Genauso wird es gewesen sein.“ Einigermaßen erleichtert erhob sie sich.

„Wo gehst Du hin?“ fragte Casey schnell.

„Ich muß erst zu Mittag in der Klinik sein. Also werde ich noch ein wenig zum Strand gehen und die Sonne genießen.“

Casey sprang auf.

„Gute Idee! Was dagegen, wenn ich Dich begleite?“

Zu seiner Überraschung sah sie ihn strahlend an.

„Nein, im Gegenteil!“ erklärte sie und lief eilig die Treppe hinauf. „Ich hol nur eben meine Sachen!“

 

 

 

Ohne richtig zu wissen, was sie tat, zog Meg ihre Sachen aus und drehte die Dusche auf. Zugleich mit dem Wasser begannen die Tränen hemmungslos zu laufen, Tränen der Wut und Enttäuschung, aber auch der Angst um ihre Liebe zu Ben. Sie war so glücklich gewesen, hatte sich bei ihm so unendlich geborgen gefühlt, und nun das…

Nach all dem, was sie damals in Kansas mit Tim erleben mußte, hatte sie sich geschworen, sie würde es nie wieder zulassen, dass ein Mann ihr so wehtat.

Aber was war, wenn Ben die Wahrheit gesagt hatte, wenn er sich wirklich nicht daran erinnerte, was geschehen war, als er bei Maria war? Vielleicht hatte sie ihm ja was ins Essen gemischt oder so…

„Ach was, so ein kompletter Unsinn!“ schalt sie sich. Andererseits mußte sie sich eingestehen, dass er so ehrlich gewesen war, ihr von sich aus alles einzugestehen. Er wollte und konnte sie nicht belügen, und das unterschied ihn doch ganz erheblich von Tim!

Meg war total durcheinander.

Als sie später aus dem winzigen Badezimmer in den Schlafraum zurückkam, hätte sie nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen können, ob sie kalt oder heiß geduscht hatte.

Zitternd nahm sie eine Hose und einen Pullover aus dem Schrank, zog beides an und rollte sich auf dem Bett zusammen.

Für den Moment wollte sie nur noch schlafen, und vergessen…

 

 

 

Ben wusste nicht, was er tun sollte.

Obwohl er alles andere als Hunger verspürte, begann er, eine kräftige Hühnersuppe zu kochen. Meg mußte sich beruhigen und etwas essen, vielleicht konnten sie danach noch einmal in Ruhe miteinander reden.

Während er in der Küche hantierte, sah er immer wieder hinüber zur Schlafzimmertür und hoffte inständig, dass sie nicht vielleicht ihre Sachen packen und ihn auffordern würde, sie heimzufahren. Aber im Schlafzimmer blieb es still.

Als die Suppe fertig war, hielt er es vor Unruhe nicht mehr aus, er mußte nachsehen, wie es Meg inzwischen ging. Leise öffnete er die Tür.

Sie lag zusammengerollt auf dem Bett und drehte ihm den Rücken zu, so dass er nicht sehen konnte, ob sie schlief.

„Meg? Ich habe für uns gekocht. Möchtest Du etwas essen?“ fragte er leise, doch es kam keine Antwort. Er trat vorsichtig ans Bett heran, deckte sie behutsam mit einer Wolldecke zu und strich ihr liebevoll übers Haar. „Na gut, dann schlaf noch ein wenig, Liebling.“ flüsterte er, obwohl er sich nicht sicher war, ob sie ihn hörte. „Ich fahre kurz ins nächste Dorf und hole uns noch ein paar Vorräte.“

Als auch jetzt keine Reaktion kam, wandte er sich um und schloss leise die Tür hinter sich.

 

 

 

Meg lag da und presste die Lippen aufeinander. Mühsam unterdrückte sie das Schluchzen, das ihr die Kehle schmerzhaft zusammenschnürte. Als Ben ihr übers Haar streichelte, hätte sie am liebsten nach seiner Hand gefasst und sie nie wieder losgelassen, sie wollte seine Wärme spüren und den  zärtlichen Ausdruck in seinen Augen sehen, doch ihr verletzter Stolz hinderte sie daran, auch nur eine Bewegung in seine Richtung zu machen.

Sie schloss ihre Augen, in denen erneut Tränen brannten und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf.

 

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so gelegen und geschlafen hatte, aber von irgendeinem merkwürdigen Geräusch, das von draußen aus der Küche zu kommen schien, wurde sie mit einem Mal hellwach.

„Er ist zurück.“ dachte sie mit einer gewissen Erleichterung, und ihr Herz schlug sogleich schneller, als sie hörte, wie sich die Tür zum Schlafraum leise öffnete.

„Ben?“

Sie richtete sich auf und wollte sich gerade umdrehen, als sie neben sich plötzlich eine Bewegung spürte und ihr unmittelbar darauffolgend etwas Weiches, Stoffartiges fest aufs Gesicht gedrückt wurde. Panisch versuchte sie sich zu wehren und es wegzuschieben, doch ihr Angreifer war stärker. Während ihr der typische beißende Geruch von Chloroform in die Nase fuhr und ihr den Atem nahm, sah sie für Bruchteile von Sekunden Bens Gesicht, bevor sie in tiefe Bewusstlosigkeit versank…