Teil 36

 

 

Als Ben aus dem Dorf zurückkam, war im Haus nach wie vor alles still. Wahrscheinlich schlief Meg noch.

Er begann zunächst, die eingekauften Lebensmittel in die Küche zu tragen.

Plötzlich stutzte er. Die Tür zum angrenzenden Schlafraum stand einen Spalt breit offen, was bedeutete, dass Meg wohl in der Zwischenzeit aufgewesen war. Leise ging er hinüber und spähte ins Zimmer.

Das Bett war leer.

„Meg?“ rief er und klopfte vorsichtig an die Badezimmertür, bevor er eintrat.

Sie war nicht da.

Mit einem Mal ergriff ihn Panik, er stürzte zum Schrank und riss ihn auf.

Ihre Sachen waren allesamt weg…

Mit einem tiefen Seufzen ließ er sich aufs Bett fallen.

„Mein Gott, was hab ich nur getan! Ich wollte Dir doch nur die Wahrheit sagen, Meg! Und nun habe ich Dich damit vertrieben!“ murmelte er verzweifelt und vergrub kopfschüttelnd das Gesicht in den Händen, doch nach ein paar Sekunden sprang er wieder auf.

Wenn Meg ihn wirklich hatte verlassen wollen, wie war sie dann von hier weggekommen? Sie hatte weder einen Wagen, noch gab es hier ein Taxi, und von ihren Freunden aus Sunset Beach hätte sie in so kurzer Zeit auch keiner abholen können! Sollte sie einfach losgelaufen sein? Nein, Meg war zwar sehr emotional, aber nicht lebensmüde. Sie kannte diese Gegend nicht, bis zur Gebirgsstrasse, auf der sie gekommen waren, war es ein Fußmarsch von über einer Stunde und außerdem hatte er ihr gesagt, dass hier höchst selten ein Auto entlangfuhr.

Trotzdem rannte er nach draußen, sprang in seinen Wagen und raste kurzentschlossen den schmalen Weg bis zur Strasse, aber von Meg war weit und breit keine Spur zu sehen.

Ben überlegte fieberhaft, während er zurück zur Hütte fuhr.

Es passte einfach nicht zu ihr, dass sie ihn trotz aller Enttäuschung einfach ohne ein Wort des Abschieds hier sitzen ließ.

Ein Zettel, ein Brief… Vielleicht hatte er ja etwas übersehen?

Er eilte wieder ins Haus und sah sich um. In der Küche lag nichts, und auch im Schlafzimmer war nichts zu entdecken, was nach einer Nachricht aussah. Dafür fiel ihm dieser eigentümlich strenge Geruch auf, den er vorhin zwar wahrgenommen aber nicht weiter beachtet hatte. Irgendwie roch es im Schlafraum nach Krankenhaus…

Während er sich nach irgend einem Anhaltspunkt für Megs Verschwinden umsah, entdeckte er ein zerknautschtes Tuch, das zwischen den Kissen lag. War das ein Halstuch, das sie vergessen hatte?

Ben griff danach und betrachtete es, als ihm ein beißender Geruch in die Nase stieg – Chloroform!

Schlagartig wurde ihm klar, dass Meg ihn gar nicht verlassen hatte…

Sie war entführt worden!

Diese Erkenntnis in ihrer ganzen Tragweite traf ihn so unerwartet, dass seine Knie nachgaben und er sich erst einmal setzen mußte. Wer zum Teufel…

Es war, als ob in seinem Kopf eine rote Lampe aufleuchtete. In seinen Augen konnte es nur ein einziger Mensch fertig bringen, herauszufinden, wohin er mit Meg gefahren war, und nur einer setzte alles daran, ihm das Liebste zu nehmen, was er besaß, skrupellos und gemein, ohne Rücksicht auf Verluste... sein Bruder Derek.

 

 

 

Ricardo wollte gerade das Revier verlassen, als Ben hereingestürmt kam.

„Du musst mir helfen!“ sagte er ohne große Vorrede und schob seinen ehemaligen Schwager wieder zurück in dessen Büro.

„Hey, Moment mal, Ben, was ist denn los! Ich habe gleich einen Termin, Du kannst hier nicht einfach…“ protestierte der Detectiv und hob abwehrend seine Hände. Ben schloss die Tür hinter sich und sah ihn mit ernstem Gesicht an.

„Meg ist entführt worden!“

„Was sagst Du da?“ Ricardo glaubte sich verhört zu haben, doch Ben nickte nur bestätigend.

„Wir waren für ein paar Tage in meiner Hütte oben in den Bergen.“ erklärte er atemlos. „Meg hatte sich mittags etwas hingelegt, und ich bin noch mal los, um im Dorf ein paar Lebensmittel einzukaufen. Als ich zurückkam, war sie weg, und mit ihr all ihre Sachen. Nur das hier…“ er hielt Ricardo das immer noch stark riechende Tuch unter die Nase, „hab ich im Schlafzimmer gefunden.“

Ricardo sah Ben etwas zweifelnd an und schnupperte dann an dem Tuch.

„Chloroform“ stellte er fachmännisch fest.

„Man hat sie damit betäubt und entführt!“ mutmaßte Ben, doch Ricardo schüttelte den Kopf.

„Wer sollte denn so was tun?“ meinte er skeptisch. „Meg hat doch hier keine Feinde, soweit ich weiß.“ Er setzte sich auf die Schreibtischkante. „Entschuldige, Ben, aber das Ganze ist mir etwas weit hergeholt. Kann es nicht vielleicht eher sein, dass Ihr einen kleinen Streit hattet und sie Dich verlassen hat?“

„Nein!“ rief Ben erbost. „Das hätte sie nie getan, sie wäre ja gar nicht von dort oben weggekommen! Und außerdem… dieser Lappen da“ er wies auf das Tuch, „beweist ja wohl, das etwas nicht stimmt!“

Ricardo sah ihn nachdenklich an.

„Hast Du einen Verdacht, der uns weiterhelfen könnte?“

„Allerdings“ schnaufte Ben, „Meg hat zwar keine Feinde, aber ich habe einen, und dem traue ich alles zu, denn er hasst mich und hat mir bereits vor zwei Jahren aus purer Bosheit das Liebste genommen, das ich besaß…“

„Deine Frau… meine Schwester…“ ergänzte Ricardo plötzlich ganz spontan und nickte. „Du meinst Deinen Bruder, hab ich recht? Du glaubst, Derek hat Meg entführt!“

„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es, Ricardo.“ erwiderte Ben mit ernster Miene. „Was ich leider nicht weiß, ist, wo sich dieser Bastard zur Zeit aufhält. Und deshalb bin ich hier. Du musst mir helfen, ihn schnell zu finden, bevor er Meg was antut. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihr was passiert!“

Ricardo nickte.

„Wahrscheinlich hast Du recht.“ meinte er und überlegte kurz. „Und Du hast keine Ahnung, wo er sein könnte?“

Ben schüttelte den Kopf.

„In der letzten Zeit hat er sich häufig hier in Sunset Beach herumgetrieben. Ich nehme an, er hat hier irgendwo eine Wohnung oder gar ein Apartment gemietet, vielleicht sogar ein Haus.“

„Okay“ Ricardo nahm den Hörer und drückte eine Taste.

„Spencer? Ist Chief Harris in ihrem Büro? Danke, ich geh selbst rüber. In ein paar Minuten brauche ich ein paar Leute für einen Einsatz. Haltet Euch bereit.“

Er legte auf und sah Ben an.

„Ich werde mit meiner Chefin reden und hoffe, sie gibt ihr Okay. Am besten ich fahre zuerst rüber ins Deep, und Du fragst im Surf Center nach, vielleicht weiß ja jemand, wo Derek sich aufhält. Ruiz und Spencer könnten sich derweil bei den umliegenden Vermietern umhören, ob jemand, auf den Dereks Beschreibung passt, in der letzten Zeit eine Wohnung gemietet hat.“

Ben nickte.

„Dann los, Ricardo! Wir müssen uns beeilen, bevor…“

„Schon gut“ Ricardo legte ihm seine Hand auf die Schulter. „Wir werden sie finden!“

 

 

 

Wie Ben bereits befürchtete, hatte sich Meg bei ihren Freunden im Surf Center nicht gemeldet. Und natürlich wusste auch niemand, wo Derek zu finden war. Casey, Mark und Vanessa waren natürlich in größter Sorge und boten Ben sofort ihre Hilfe an. Zuerst schauten sie gemeinsam bei Michael vorbei, der seinen Dienst auf dem Rettungsturm machte, aber er konnte ihnen auch nicht mehr sagen. So beschlossen sie, bei Rae in der Klinik, in Elaines Waffelshop und anschließend im Deep nachzufragen, vielleicht hatten ja Elaine, Cole und Tess oder irgend jemand anderes etwas gehört.

„Geht schon vor“ bat Ben, „ich habe noch eine andere Idee.“

Er sprang in seinen Wagen und fuhr zum Ocean Drive.

Ungeduldig klopfte er an Marias Tür. Er hatte Glück, nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, öffnete sie die Tür.

„Ben?“ fragte sie erstaunt. „Was tust Du hier?“

„Du musst mir helfen, Maria.“ bat er eindringlich. „Meg ist verschwunden, und ich bin ziemlich sicher, dass Derek sie entführt hat!“

„Derek? Ja aber…“

„Bitte Maria, denk nach! Weißt Du, ob er hier irgendwo in Sunset Beach oder der näheren Umgebung ein Haus oder eine Wohnung gemietet hat? Jeder Hinweis ist wichtig!“

Maria starrte ihn nachdenklich an.

„Ich fürchte, da kann ich Dir nicht helfen, Ben.“ sagte sie, etwas zögernd, wie ihm schien. „Ich weiß zwar, dass er sich seit einiger Zeit wieder hier irgendwo aufhält, aber ich bin ihm möglichst aus dem Weg gegangen. Ich möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben.“

Ben nickte mit zusammengepressten Lippen. Maria sah ihn an, und fast hätte sie so etwas wie Mitleid empfunden. Er mußte Meg wirklich sehr lieben, denn die Angst um sie stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Na gut, dann werde ich weitersuchen.“ sagte er leise und wandte sich ab. „`Wiedersehen, Maria!“

„Ben?“ rief sie ihm spontan nach und brachte ein krampfhaftes Lächeln zustande, als er sich umdrehte. „Tut mir echt leid für Dich, dass Du das durchmachen musst.“

Er nickte nur stumm und eilte davon.

Maria sah ihm nach, bis er verschwunden war.

„…dass Du das schon wieder durchmachen musst.“ ergänzte sie in Gedanken und ertappte sich dabei, wie sie Derek heimlich dankte, dass er ihr mit seiner Aktion, Meg zu entführen, so gute Karten in die Hände spielte.

 

 

 

Ricardo und Ben kamen zugleich im Deep an. Die Bar war um diese Zeit offiziell noch geschlossen, und Cole, der gerade die Listen mit den Bestellungen durchging, sah erstaunt hoch, als er die beiden Besucher bemerkte.

„Ben?“ fragte er ungläubig. „Was tust Du denn hier? Wolltest Du nicht mit Meg an irgendeinem geheimnisvollen Ort ein paar Tage Urlaub genießen?“

„Tja“ Ben verzog das Gesicht, „anscheinend war dieser Ort für jemanden nicht geheimnisvoll genug!“

„Wie meinst Du das?“

„Ich bin auf der Suche nach meinem Bruder. Hast Du ihn heute oder in den letzten zwei Tagen gesehen?“

Tess, die gerade paar Weinflaschen aus dem Keller holte, hörte Bens Stimme und lief schnell die Treppe hinauf, um zu sehen, was da los war. Als sie jedoch mitbekam, dass die Rede von Derek war, hielt sie schlagartig inne und versteckte sich hinter der Tür, von wo aus sie jedes Wort mitbekam.

„Derek?“ Cole sah Ben erstaunt an. „Nein, der war nicht hier. Wieso suchst Du nach ihm? Ich dachte immer, Ihr zwei steht Euch nicht besonders nah!“

Ben wollte etwas erwidern, doch Ricardo legte ihm die Hand auf die Schulter, was wohl bedeuten sollte, dass er jede Aufregung vermeiden solle.

„Wir haben allen Grund zu der Annahme, dass Derek Evans Meg entführt hat.“ erklärte er mit ernstem Gesicht. „Leider wissen wir nicht, wo er sich aufhält und fragen deshalb überall herum. Vielleicht hat ihn ja jemand gesehen oder weiß, wo er wohnt.“

„Tut mir leid…“ meinte Cole, und man sah ihm deutlich an, wie überrascht er von dem eben Gehörten war. „Wie gesagt, ich habe ihn nicht gesehen, und ehrlich gesagt, ist mir das auch ganz recht. Ich mag ihn nicht.“ Er warf Ben einen entschuldigenden Blick zu. „… ist nicht persönlich gemeint.“

„Schon gut“ erwiderte Ben, „ich kann das verstehen.“ Er sah sich kurz um. „Wo ist Tess? Vielleicht kann sie uns ja weiterhelfen!“

„Sie ist…“ Cole drehte sich um und wollte gerade in Richtung Keller weisen, als Tess schnell hinter der Tür hervortrat.

„Derek?“ fragte sie und schaute Ben dabei an.

„Falsch geraten, Tess. Ich bin es, Ben.“

Sie schaffte es tatsächlich, total erstaunt auszusehen.

„Ja aber, ich dachte, Du und Meg, Ihr…“

„Hast Du Derek gesehen, Tess?“ unterbrach Ben sie ungeduldig. „Gestern, heute, irgendwann?“

Sie schüttelte heftig den Kopf, obwohl sie sich dabei ziemlich unwohl fühlte.

„Okay, danke.“ Ricardo reichte Cole seine Karte. „Bitte rufen Sie mich an, falls Sie ihn sehen  sollten.“

Cole nickte und Ricardo wandte sich an Ben.

„Wir fahren erst einmal zurück aufs Revier und hören, ob meine Leute inzwischen was rausgefunden haben.“

 

Als die beiden Männer die Bar verlassen hatten, sah Cole Tess prüfend an.

„Hast Du ihn wirklich nicht gesehen?“

„Nein!“ rief sie ungehalten, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Wangen sich unter ihrem leicht gebräunten Teint sofort einen Schein dunkler färbten. „Was ist hier eigentlich los, Cole?“

Während er ihr erzählte, was er eben erfahren hatte, überlegte sie fieberhaft, was sie als nächstes tun könnte.

Sie wusste ja inzwischen, wo Derek wohnte. Sollte sie ihn verraten?

Auf gar keinen Fall!

Erst mußte sie sich davon überzeugen, dass Bens Verdacht unbegründet war. Das Ganze klang in ihren Ohren viel zu absurd, als das sie es glauben konnte! Warum sollte Derek Meg entführen? Nein, das ergab für sie wirklich keinen Sinn.

„Wo willst Du denn hin?“ fragte Cole erstaunt, als er sah, wie Tess ihren Arbeitskittel auszog und nach ihrer Tasche griff.

„Ich… ich will zum Surf Center! Herausfinden, ob es schon etwas Neues gibt! Sorry Cole, aber ich muß wissen, ob es Meg gut geht!“

Er nickte nur und sah ihr sehr nachdenklich hinterher.

Kaum war sie verschwunden, da nahm er kurzentschlossen die Visitenkarte, die Ricardo ihm gegeben hatte und steckte sie in seine Brusttasche. Dann schloss er das Deep ab und folgte Tess unauffällig nach.

 

 

 

„Verdammt noch mal, Ricardo! Wir müssen doch irgendwas tun können!“

Gereizt lief Ben auf dem Flur des Polizeireviers auf und ab, die Hände in den Hosentaschen grimmig zu Fäusten geballt. „Während Du hier herumtelefonierst, könnte Meg in höchster  Lebensgefahr sein!“

Ricardo knallte den Hörer zurück auf die Telefonanlage.

„Hast Du vielleicht eine bessere Idee?“ beschwerte er sich lautstark. „Ich will doch auch nicht, dass ihr etwas geschieht, aber im Moment wird doch schon alles getan, was nötig ist, um Dereks derzeitigen Aufenthaltsort zu finden!“

„Wirklich alles?“ Ben schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Mein Gott, wenn ich den Kerl in die Finger bekomme…“ Er besann sich und fuhr sich nervös durchs Haar.

„Entschuldige, Ricardo, wenn wir uns hier gegenseitig anbrüllen, wird es auch nicht besser, aber ich glaube, ich werde gleich verrückt! Meg ist irgendwo da draußen… mit Derek!“

Ricardo nickte mitfühlend.

„Glaubst Du wirklich, er tut ihr was an?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich traue meinem Bruder alles zu, wirklich alles! Er hasst mich und er will mir wehtun. Und er weiß ganz genau, wie er das schafft…“

In diesem Augenblick klingelte Ricardos Handy.

„Torres?... Wer ist dort? ... Cole! Ja, was gibt’s denn? … Wo genau sind Sie im Moment? … Okay…“ eilig begann er, etwas auf seinen Block zu schreiben, „rühren Sie sich nicht von der Stelle, wir sind in ein paar Minuten da!“ Er schaltete das Handy ab und griff nach seiner Jacke. „Wir haben ihn!“ rief er Ben, der ihn erwartungsvoll ansah, zu. „Los, wir nehmen meinen Wagen!“

 

 

 

So schnell sie ihre Füße tragen konnten, lief Tess am Strand entlang bis zu dem Haus, wo sie Derek am Morgen gesehen hatte. Ihre Hoffnung, ihn hier anzutreffen, verringerte sich zusehends, als sie bemerkte, dass sein Auto nicht dastand.

Sich vorsichtig umschauend ging sie trotzdem auf die Haustür zu und drückte kurz entschlossen auf den Klingelknopf.

Im Haus blieb es zunächst still. Tess klingelte noch einmal und klopfte sicherheitshalber noch kräftig an die Tür.

„Wo bist Du?“ flüsterte sie leise vor sich hin. „Komm schon, Derek, ich muß unbedingt wissen, was hier los ist!“

Als sich immer noch nichts tat, zuckte sie resigniert die Schultern. Enttäuscht und zutiefst verunsichert durch das, was sie im Deep gehört hatte, wollte sie schon gehen, als sich hinter ihr plötzlich leise die Tür öffnete. Derek, in Blue Jeans und dunklem Hemd, trat heraus und maß sie mit einem äußerst erstaunten Blick. „Was für eine nette Überraschung! Darf ich fragen, was Du hier tust?“

„Derek…“ Ohne, dass sie es hätte erklären können, fühlte sich Tess mit einem Mal seltsam befangen. War es die Art, wie er sie ansah, sein selbstbewusstes Lächeln oder die Tatsache, dass sie ja eigentlich ohne Einladung hier vor seiner Wohnungstür stand? „Ich… ich habe Dich kürzlich hier gesehen, und … na ja“ Sie atmete tief durch, um ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen, „Du hast Dich nach der Eröffnungsparty im Deep nicht mehr gemeldet…“

„Und da dachtest Du, Du könntest mich mal besuchen?“ Er grinste, und sein Blick wanderte von ihrem Gesicht bis hinunter zu ihren Fußspitzen und wieder zurück. „Nette Idee, aber ich muß Dir sagen, dass es im Moment leider etwas unpassend ist. Vielleicht ein anderes Mal?“

Tess schluckte zunächst etwas enttäuscht, doch dann fiel ihr der eigentliche Grund ihres Kommens ein.

„Ich muß dringend mit Dir reden!“ sagte sie schnell und trat einen Schritt auf ihn zu. „Es ist wirklich wichtig!“

Abwartend sah er sie an und machte immer noch keinerlei Anstalten, sie hereinzubitten.

Tess schaute sich schnell um, ob auch niemand sie von der Strasse aus beobachten oder gar belauschen könnte.

„Hör zu…“ sagte sie leise, und Derek hörte die Aufregung in ihrer Stimme, „Ben und Ricardo behaupten, Du hättest Meg entführt! Die Polizei von Sunset Beach sucht bereits nach Dir…“ Sie schüttelte den Kopf. „Derek, ich glaube kein Wort von dem, was sie erzählt haben, und ehrlich gesagt kann ich mir auch nicht erklären, wie sie auf eine derart absurde Idee kommen!“

Einen winzigen Moment lang verdüsterte sich Dereks Miene, doch er hatte sich erstaunlich schnell wieder unter Kontrolle. Während er die Stirn in Falten zog, trat er einen Schritt beiseite und forderte Tess durch eine einladende Handbewegung auf einzutreten.

Zögernd trat sie in das geräumige Wohnzimmer, das auf den ersten Blick hell und freundlich, aber dennoch irgendwie unpersönlich wirkte, und sah sich verstohlen um. Es schien niemand dazusein, und sie atmete innerlich auf. Erwartungsvoll drehte sie sich nach Derek um, gespannt darauf, wie er wohl auf Bens Anschuldigungen reagieren würde.

Er schloss die Tür, trat dicht an Tess heran und umfasste ihre Schultern, während er sie mit seinen tiefblauen Augen ansah.

„Tja, ich weiß nicht so recht, wie ich es Dir sagen soll… So unrecht haben Deine Freunde gar nicht. Meg ist nämlich wirklich hier bei mir…“