Teil 37

 

 

Tess hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihr schwanken.

„Was hast Du eben gesagt?“

Derek ließ sie los und zuckte nur lächelnd die Schultern, während er sich in einen der schweren Sessel fallen ließ und die langen Beine lässig ausstreckte.

„Ich habe sie nicht entführt, sie ist ganz freiwillig hier, weil sie mit mir zusammensein möchte.“ Er sah, wie Tess ihn total fassungslos anstarrte. „Es tut mir leid, wenn Du den Eindruck hattest, dass sich zwischen uns beiden etwas entwickeln könnte…“ meinte er fast entschuldigend, „aber Meg und ich, wir lieben uns, seit wir uns das erste Mal getroffen haben. Sie hat nur nicht gewusst, wie sie es Ben sagen soll. Du musst wissen, mein Bruder kann sehr besitzergreifend sein, und sehr jähzornig. Du hast ja letztens im Surf Center selbst erlebt, wie er auf mich losgegangen ist.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause, ließ aber Tess nicht aus den Augen. „Meg hatte Angst vor seiner Reaktion, wenn sie ihm von uns erzählen würde, deshalb rief sie mich an, und ich habe sie dann in der Hütte in den Bergen abgeholt und hier hergebracht, damit er sie nicht findet. Die Ärmste war völlig fertig…“

Tess schüttelte ungläubig den Kopf.

„Das kann ich nicht glauben, das kann doch unmöglich wahr sein!“ murmelte sie total geschockt.

Derek stand wieder auf und ging erneut zu ihr hinüber.

„Tut mir wirklich leid, dass Du es so erfahren musst. Wenn wir uns unter anderen Umständen kennengelernt hätten, wäre aus uns beiden ganz sicher was geworden, meine Schöne. Aber Meg bedeutet mir wirklich viel, und wir werden so bald wie möglich zusammen von hier weggehen.“ Er sah die Zweifel und die Fassungslosigkeit über das eben Gehörte in ihrem Gesicht. Erneut schüttelte sie den Kopf.

„Glaubst Du mir etwa nicht, Tess?“ fragte Derek scheinheilig und wies auf die Treppe, die nach oben führte. „Du kannst nachsehen, wenn Du möchtest! Sie ist im Schlafzimmer. Aber bitte sei leise, im Moment schläft sie nämlich fest. Wie gesagt, sie war ziemlich erschöpft von unserer Flucht. Aber es geht ihr gut. Na komm, Du solltest Dich selbst davon überzeugen!“

Tess zögerte, aber schließlich überwog die Sorge um ihre Freundin, und sie ging langsam auf die Treppe zu.

„Geh schon vor, es ist das Zimmer links neben dem Aufgang.“ sagte Derek plötzlich. „Ich komm gleich nach.“ Mit diesen Worten verschwand er in der Küche.

 

Mechanisch stieg Tess die Treppen hoch. Sie fühlte sich völlig überrumpelt und konnte kaum glauben, was sie da eben gehört hatte. Derek und Meg… ein Liebespaar? Hatte Meg sie nicht mehrmals eindringlich vor Derek gewarnt?

Langsam nahm sie Stufe für Stufe und stand schließlich vor besagter Zimmertür. Vorsichtig schob sie diese auf.

„Meg?“

Sie lag zusammengerollt auf dem Bett, in Jeans und Wollpulli, und schien wirklich fest zu schlafen. Tess wagte kaum zu atmen, zu groß war die Überraschung, Meg tatsächlich hier vorzufinden. Sekundenlang starrte sie ihre Freundin von der Tür aus an, dann trat sie näher an das Bett heran.

„Ich muß sie wecken!“ sagte sie entschlossen zu sich selbst. „Das, was Derek mir eben erzählt hat, will ich von ihr persönlich hören!“

In diesem Augenblick hörte sie leise Schritte hinter sich, doch ehe sie wusste, wie ihr geschah, packte Derek sie von hinten und drückte ihr ein mit Chloroform getränktes Tuch kraftvoll auf Mund und Nase.

„Schlaf schön, mein Engel!“ hörte sie ihn wie aus weiter Ferne sagen, während sie noch versuchte, sich zu wehren. Aber ihre Kräfte erstarben schnell. Sie sah für einen Bruchteil von Sekunden sein hämisches Grinsen, dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank bewusstlos zu Boden.

Derek fing sie auf und trug sie in die kleine Abstellkammer am Ende des Flures, wo er sie auf eine Liege bettete. Mit schnellen Bewegungen fesselte er ihre Fuß- und Handgelenke und klebte ihr ein Pflaster auf den Mund.

Sein Lächeln war eiskalt, als er einen Moment lang verharrte und auf sie hinunterblickte.

„Eigentlich schade…“ sagte er mit einem gewissen Bedauern, dann drehte er sich um, ging hinaus und verschloss die Tür.

Als er das Schlafzimmer wieder betrat, war Meg gerade dabei, aufzuwachen.

 

 

 

Sie hatte eine Stimme gehört, zuerst war sie weit weg und rief ihren Namen, dann schien sie näher zu kommen. Die Stimme kam ihr bekannt vor, aber dann war da ein Stöhnen, als sei jemand in Gefahr, und Meg begriff, dass sie geschlafen und wohl nur geträumt hatte.

Sie versuchte die Augen zu öffnen, doch ihre Lider waren schwer wie Blei, und als es ihr endlich doch gelang, blendete das Tageslicht sie schmerzlich. Sie blinzelte krampfhaft und zwang sich, die Augen offen zu halten. Mühsam versuchte sie sich aufzurichten, doch ihr Kopf war wie aus Watte und das Zimmer begann sich zu drehen, so dass sie aufgab und sich zurück in die weichen Kissen fallen ließ.

Das war der Moment, als jemand den Raum betrat.

Meg blinzelte wieder, als sie merkte, wie Derjenige sich neben sie auf die Bettkante setzte und stellte erleichtert fest, dass es Ben war.

„Ben…“ sagte sie leise, und ihr schien, als würde ihre Stimme auch von weither kommen, „was ist mit mir?“

Er strich ihr liebevoll über die Stirn und lächelte.

„Alles in Ordnung, Liebling. Du hast nur geschlafen. Du warst sehr müde.“

Sie versuchte wieder, sich aufzurichten. Er stützte sie und reichte ihr ein Glas Wasser, das auf dem Nachtisch stand.

„Trink das, dann wird es gleich besser.“

Gierig trank sie. Als er ihr das Glas wieder abnahm, sah sie sich irritiert um. Ihre Augen hatten sich inzwischen etwas an das Licht gewöhnt, aber ihr Kopf weigerte sich beharrlich, das, was sie sah, einzuordnen.

„Ben, wo sind wir hier?“

„Erinnerst Du Dich nicht?“ fragte er und sah sie aufmerksam an.

Meg griff sich an die Stirn und begann, ihre Schläfen zu massieren.

„Ich weiß nicht… ich fühle mich so… benebelt! Meine Güte, ich muß wirklich fest geschlafen haben…“ Ihre Augen suchten sein Gesicht. „Ja… jetzt erinnere ich mich, wir waren in der Hütte in den Bergen…wir haben über irgendetwas gestritten“ Sie überlegte angestrengt, „Du wolltest ins Dorf, um einzukaufen, und ich hatte mich etwas hingelegt… und dann…“ Plötzlich wurden ihre Augen groß und rund, „oh mein Gott, dann war da jemand im Zimmer und hat mich angegriffen!“ rief sie entsetzt. „Ben, das habe ich doch nicht geträumt, oder?“

Er hatte sie die ganze Zeit über unverwandt angeschaut. Jetzt zog ein Lächeln über sein Gesicht, jenes kalte Lächeln, dass sie sofort wieder erschaudern ließ. Sie erstarrte und drückte ihre Hand auf den Mund.

„Du bist gar nicht Ben…“ Ihre Stimme erstarb zu einem entsetzten Flüstern. „Derek!“

 

 

 

„Erinnerst Du Dich an unser kleines Gespräch neulich am Strand? Ich hatte Dir doch einen Vorschlag gemacht, Meg!“ sagte er lauernd. „Du konntest Dich nicht entscheiden, deshalb hab ich für Dich entschieden. Ich hab schon Flüge nach Europa für uns beide gebucht. Wo willst Du zuerst hin? Paris, Rom, Madrid… ich werde Dir jeden Wunsch erfüllen!“

„Das kann nicht wahr sein…“ Verzweifelt versuchte Meg das eben Gehörte zu ordnen. Langsam wurde ihr Kopf wieder klarer, begann aber gleichzeitig ziemlich zu schmerzen. In einem ersten Reflex versuchte sie aufzuspringen, aber sie war noch viel zu schwach und benommen, als das sie eine Chance gehabt hätte. Mit einer Hand hielt er sie lässig fest und zwang sie zurück in die Kissen. Sie drehte den Kopf und sah eine Spritze auf dem Nachtisch liegen, daneben eine Flasche mit irgend einem Serum.

„Du Bastard!“ stöhnte sie. „Was zum Teufel hast Du mir da gegeben?“

Wieder dieses eiskalte Grinsen, das sie fast um den Verstand brachte.

„Derek, Du bist verrückt, wenn Du glaubst, dass Du damit durchkommst!“ fauchte sie. „Ben wird nach mir suchen und dann gnade Dir Gott!“

Er lachte.

„Der gute Ben… Er wird garantiert nicht nach Dir suchen. Er wird nämlich ganz einfach glauben, dass Du davongelaufen bist, weil Du nicht ertragen konntest, was er Dir erzählt hat, bei Eurem niedlichen kleinen Picknick im Wald!“

„Woher weißt Du…“ begann Meg, doch dann begriff sie. „Du hast uns da draußen beobachtet, die ganze Zeit! Ich konnte es fühlen, doch Ben hat mir nicht geglaubt!“

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Derek, warum tust Du das? Kannst Du uns nicht einfach in Ruhe lassen?“

„Er betrügt Dich, Meg.“ erwiderte Derek ernst. „Maria braucht nur mit dem kleinen Finger zu schnippen, und schon hat sie ihn wieder! Das wird immer so sein, glaub mir!“ Er lachte. „Die beiden haben mir wirklich einen Riesengefallen getan. Sieh den Tatsache ins Auge, Meg, ich bin der Mann, der Dich liebt, nicht Ben!“

Er hob die Hand und wollte ihre Wange streicheln, doch sie schlug seine Hand weg, wie schon vor ein paar Tagen am Strand.

„Ich hasse Dich, Derek! Fass mich bloß nicht an!“

Er stutzte, doch dann fasste er ihre Handgelenke und drückte sie in die Kissen. Langsam beugte er sich hinunter und gab ihr einen Kuss. Sie versuchte sich verzweifelt zu wehren, hatte aber keine Chance.

Dann sah er sie ernst an.

„Und ich liebe Dich! Besser, Du gewöhnst Dich daran.“ Er ließ sie abrupt los, nahm die Spritze und das Serum vom Nachtisch und ging zur Tür. „Ich hole Dir etwas zu essen.“ sagte er freundlich, aber bestimmt. „Es wäre gut für Dich, wenn Du brav liegen bleibst. Ansonsten müsste ich Dich leider wieder ruhigstellen…“ Er zwinkerte ihr zu, winkte kurz, aber sehr bedeutungsvoll mit der Spritze und ging hinaus.

Meg hörte, wie sich der Schlüssel von außen im Schloss drehte, dann war es still im Zimmer.

 

 

 

Verzweifelt sah sich Meg um, während sie auf wackligen Beinen, immer noch halb benommen von der Spritze, die Derek ihr gegeben hatte, durchs Zimmer wankte. Sie wusste selbst nicht genau, wonach sie suchte, irgendetwas, was sie zur Flucht benutzen könnte oder womit man vielleicht sogar Derek außer Gefecht zu setzen vermochte… Aber die Schränke waren alle leer, selbst im angrenzenden Badezimmer fand sie nichts Brauchbares. Nicht einmal ein Schlüssel steckte an der Tür. Das Fenster war verriegelt, der Riegel abmontiert.

Außerdem führte es nach hinten in den verwilderten Garten, von wo aus sie sowieso keiner sehen konnte. Resigniert ließ sich Meg wieder aufs Bett fallen. Sie saß in der Falle, Derek hatte an alles gedacht.

Während sie noch saß und grübelte, was sie tun könnte, kam er wieder herein, in der Hand einen Teller mit belegten Broten.

„Ah, es geht Dir besser!“ stellte er fest und betrachtete sie zufrieden. „Das ist gut so, denn wir fahren in spätestens einer halben Stunde hier los.“

„Ich werde niemals freiwillig mit Dir gehen!“ schrie Meg ihn verzweifelt an.

„Oh doch, das wirst Du, meine Liebe.“ erwiderte er mit kaltem Lächeln. „Du hast keine andere Wahl!“ Er wedelte bedeutungsvoll mit einem Briefumschlag vor ihrer Nase herum.

„Was ist das?“ fragte sie misstrauisch.

„Meine ausführliche, schriftliche Zeugenaussage, dass Mark Wolper unschuldig ist. Sozusagen sein Fahrschein in die Freiheit! Glaub mir, Meg, ohne diesen Brief wandert er direkt hinter Gitter, oder vielleicht sogar in die Todeszelle, wer weiß…“ Er musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Na, wie gefällt Dir das? Du wärst daran schuld. Außerdem… was hast Du zu verlieren, wenn Du mit mir kommst, Ben glaubt ohnehin, dass Du ihn aufgrund seines kleinen Geständnisses verlassen hast, und vielleicht ist ihm das sogar recht, dann kann er sich nämlich ohne Gewissensbisse wieder seiner Exfrau zuwenden!“

Meg presste krampfhaft die Lippen zusammen, um nicht laut loszuschreien.

„Du bist doch wirklich das Letzte!“ brachte sie zwischen den Zähnen hervor und drehte demonstrativ den Kopf zur Seite, als er sich neben sie auf die Bettkante setzte.

Derek umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihn wieder anzusehen.

„Mach es uns doch nicht so schwer!“ bat er mit samtweicher Stimme. „Glaub mir, wir werden viel Spass in Europa miteinander haben, ich lege Dir die Welt zu Füßen! Wir beide gehören einfach zusammen, Du und ich, spürst Du das denn nicht?“

„Nein!“ fauchte Meg.

Derek ließ sie los und stand abrupt auf.

„Wie dem auch sei… Du solltest jetzt etwas essen, damit Du wieder zu Kräften kommst. Dort auf dem Sessel liegen Sachen für Dich, die du auf der Reise tragen wirst. Ich habe alles andere zusammengepackt, in einer halben Stunde fahren wir los. Ich gehe davon aus, dass Du Dich so verhalten wirst, wie ich es von Dir erwarte!“ sagte er kalt und wandte sich um.

Meg überlegte fieberhaft, was sie noch tun könnte.

„Derek… warte!“ rief sie schnell. Erwartungsvoll drehte er sich um.

„Ich habe meinen Pass gar nicht dabei!“

Er lächelte.

„Dein Pass lautet auf den Namen Mrs. Derek Evans.“

Meg schloss für eine Sekunde die Augen. Dieser Mann war wirklich unberechenbar.

„Okay… ich werde Dir keine Schwierigkeiten machen“ beeilte sie sich zu sagen, „aber… ich will Deine Zeugenaussage vorher lesen! – Bitte!“ fügte sie schnell hinzu, als sie sah, dass er sie überrascht musterte.

„Also gut“ stimmte er nach kurzem Zögern schließlich zu und reichte ihr den Umschlag. „Damit Du siehst, dass ich nicht bluffe. Sobald wir am Flughafen eingecheckt haben, schicke ich den Brief an die Staatsanwaltschaft von Sunset Beach ab. Und noch was, Meg…" Er machte eine Pause und sah sie eindringlich an. „Falls Du vorhast, mich reinzulegen, vergiß es!

Die Spritze befindet sich in meiner Jackentasche, ich werde sie benutzen, wenn Du mich dazu zwingst, und zwar so schnell, dass es garantiert keiner mitbekommt. Und es wäre doch jammerschade, wenn meine arme kleine Frau plötzlich ohne Grund zusammenbricht und kein Arzt der Welt ihr noch helfen kann!“

 

 

 

Als Meg wieder allein war, öffnete sie mit zitternden Fingern den Umschlag und las, was Derek geschrieben hatte. Überrascht stellte sie fest, dass er sein Wort gehalten hatte. Tatsächlich würde der Brief Mark voll entlasten… falls Derek vorhatte, ihn wirklich abzuschicken, woran sie berechtigte Zweifel hegte.

Meg stieg wieder aus dem Bett, ignorierte ihre immer noch weichen Knie und begann, die Schubladen noch einmal systematisch zu durchsuchen. Irgendwo hatte sie doch vorhin… ah ja, da war es, ein Blatt mit einer Bauanleitung darauf, das wohl versehentlich vergessen worden war.

„Na also!“ Meg faltete das Blatt und steckte es in den Umschlag, den sie anschließend gut sichtbar auf den Nachtisch legte. Dereks Schreiben schob sie sorgfältig unter die Matratze des Bettes und hoffte inständig, dass er nichts von dem Austausch merken würde. Mehr konnte sie im Moment nicht tun, aber sie hoffte von Herzen darauf, dass sich später während der Fahrt oder am Flughafen doch noch eine Gelegenheit zur Flucht bieten würde.

 

Als sie wenig später Dereks Schritte auf der Treppe hörte, legte sie sich schnell wieder aufs Bett und tat so, als sei sie eingeschlafen.

In diesem Augenblick begann es unten an der Haustür zu klingeln.

 

 

 

Tess kam langsam wieder zu sich. Allmählich, Stück für Stück erinnerte sie sich, was geschehen war, und ihre missliche Lage wurde ihr voll bewusst. Panisch blickte sie sich in dem dunklen, stickigen Raum um. Es gab nur ein winziges, rundes Bodenfenster, das notdürftig mit irgendeinem Stoffrest verhängt war. Es roch muffig nach alten, eingestaubten Sachen.

Mühsam versuchte Tess sich aufzurichten. Ihre Fesseln hinderten sie daran, größere Bewegungen zu machen. Trotzdem versuchte sie von der Liege aufzustehen, doch sie verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach auf die Dielen.

„Mmmm….“ Ein stechender Schmerz im Ellenbogen nahm ihr fast die Luft. Sie blieb einen Augenblick lang liegen und versuchte, ruhig durch die Nase zu atmen, bis der Schmerz etwas abgeklungen war.

Noch während sie überlegte, was sie tun könnte, um sich von den Fesseln zu befreien, hörte sie plötzlich ganz deutlich die Türklingel unten schellen…

 

 

 

Cole schaute sich unruhig um. Wo blieb Ricardo nur so lange? Und warum kam Tess nicht wieder? Was zum Teufel machte sie so ewig lange dort drin bei diesem Kerl, der vielleicht schon Meg in seiner Gewalt hatte!

Rastlos lief er hin und her, sah immer wieder zum Haus hinüber und vergewisserte sich, dass er selbst von dort aus nicht gesehen werden konnte. Ihm war ganz schlecht bei dem Gedanken, dass Tess vielleicht irgendetwas geschah… Er hatte den Ausdruck in Bens Augen gesehen, als der vorhin über seinen Bruder sprach. Er traute Derek alles zu.

Zum hundertsten Mal seit der letzten fünf Minuten sah er auf die Uhr.

„Ich werde hinübergehen und sehen, wo Tess so lange bleibt!“ entschloss er sich schließlich, doch glücklicherweise bog genau in diesem Augenblick Ricardos Wagen um die Ecke. Ihm folgte eine weitere Zivilstreife, in der noch zwei seiner Kollegen saßen. Die beiden Autos hielten ein Stück entfernt von Dereks Haus, so dass er sie vom Fenster aus nicht sehen konnte.

Ricardo und Ben stiegen aus und winkten Cole zu sich heran.

„Gibt es inzwischen etwas Neues?“ fragte Ricardo. Cole schüttelte aufgeregt den Kopf.

„Wird Zeit, dass Ihr endlich aufkreuzt! Tess ist immer noch da drin, also tut was! Ich hab wirklich Angst, dass ihr was passiert!“

„Ganz ruhig, Mann.“ meinte Ricardo und wandte sich an Ben. „Du bleibst mit Cole hier. Wenn Derek Dich sieht, weiß er sofort, was los ist. Ich werde hinübergehen und klingeln.“

Während Ben nur kurz zustimmend nickte, sah Cole Ricardo verständnislos an.

„Sie wollen wirklich ohne Verstärkung dort hineingehen?“

Ricardo legte ihm die Hand kurz auf die Schulter.

„Ganz ruhig, Cole. Erstens wissen wir noch gar nicht, ob sich unser Verdacht gegen ihn überhaupt bestätigt, und zum anderen ist Derek Evans auch kein Übermensch. Ich werde schon mit ihm fertig, wenn es sein muß.“ Er drehte sich zu dem anderen Wagen um und gab seinen beiden Kollegen ein Zeichen. „Notfalls können Ruiz und Spencer mir ja Deckung geben!“

Er sprach sich kurz mit den beiden Kollegen ab und ging dann hinüber zum Hauseingang.

Ben wollte ihm folgen, doch Cole hielt ihn fest.

„Hey, was hast Du vor?“

„Bleib Du hier…“ erwiderte Ben, pirschte sich von der Seite her an das Haus heran und ging  neben der Haustür an der Wand in Deckung. Von hier aus konnte er genau hören, was gesprochen wurde, falls es überhaupt zu einem Gespräch kam.

Ricardo hatte bereits mehrmals den Klingelknopf gedrückt, als er Ben bemerkte.

„Verschwinde!“ zischte er wütend, doch bevor er etwas unternehmen konnte, wurde die Tür vorsichtig geöffnet.

 

 

 

„Derek?“ fragte Ricardo und zückte der Form halber seinen Dienstausweis.

„Detektiv Ricardo Torres, Marias großer Bruder!“ Derek grinste. „Was verschafft mir denn diese Ehre?“

Ricardo musterte ihn aufmerksam.

„Wo warst Du heute in den Mittagsstunden?“

„Warum sollte ich Dir das sagen?“ meinte Derek abweisend. „Liegt was gegen mich vor?“

„Wir haben einen Hinweis bekommen, dass Du jemanden in Deinem Haus versteckt hälst, Derek.“ sagte er ernst. Und dieser „Jemand“ soll nicht ganz freiwillig hier sein.“

„Ach ja?“ Er lachte abfällig. „Es ist doch immer wieder erstaunlich, auf was für absurde Ideen die Leute so kommen. Darf ich fragen, wem ich dieses böse Gerücht zu verdanken habe?“

„Falls es sich nur um ein Gerücht handelt, um so besser für Dich.“ erwiderte Ricardo, ohne weiter auf Dereks letzte Frage einzugehen. „Dann hast Du sicher nichts dagegen, wenn ich einen Augenblick reinkomme und mich vergewissere, dass es keinen Grund gibt, Dir zu misstrauen.“

Derek verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Seine dunklen Augen musterten Ricardo drohend.

„Ich habe sehr wohl etwas dagegen, dass Du hier herumschnüffeln willst, nur weil irgend so ein Spinner sich einbildet, er könnte mir was anhängen.“

„Derek, ich erledige doch nur meinen Job.“ versuchte Ricardo einzulenken. „Ich schau mich kurz um und bin in ein paar Minuten wieder verschwunden.“

Derek schüttelte ungerührt den Kopf.

„Nicht ohne Durchsuchungsbefehl, Detektiv Torres. Hast Du einen vorzuweisen?“

„Noch nicht.“

„Dann komm wieder, wenn Du Deine Hausaufgaben gemacht hast. Sonst noch was?“

„Eine junge Frau ist dabei beobachtet worden, wie sie vor einer halben Stunde Dein Haus betreten hat. Tess Marin…“

Derek grinste ungerührt.

„Tess… das ist doch die kleine Süße aus dem Deep, blonde Haare und grüne Augen, wirklich niedlich, ich glaube, wenn sie hier wäre, hätte ich das ganz sicher bemerkt, aber leider bin ich wohl nicht ihr Typ, denn sie ist nicht bei mir aufgekreuzt, wirklich schade…“

„Derek, hör auf, mich für dumm zu verkaufen!“ warnte Ricardo ungehalten.

„Oh Verzeihung, Detektiv…“ Dereks Grinsen verschwand schlagartig und er maß Ricardo mit einem giftigen Blick. „Vielleicht solltest Du in einem der Nachbarhäuser nachfragen! Die Hütten hier sehen doch alle gleich aus. Bei mir ist sie jedenfalls nicht!“

„Sicher?“

„Ich sag es Dir jetzt zum letzten Mal: bei mir war und ist niemand! Und nun lass mich in Ruhe, Ricardo und jag Deine Verbrecher woanders.“ Damit drehte er sich um und knallte die Tür hinter sich zu.

 

 

 

„Verdammt!“

Ben sprang aus seinem Versteck, doch es war bereits zu spät, die Tür war verschlossen.

„Gratuliere!“ fauchte er Ricardo wütend an, „das war wirklich äußerst professionell!“

„Ben, beruhige Dich!“

Ricardo zog ihn ein Stück von der Tür weg, so dass Derek, falls er von drinnen lauschte, sie nicht hören konnte. „Was hätte ich denn tun sollen? Ich habe meine Vorschriften, mir sind die Hände gebunden ohne offiziellen Durchsuchungsbefehl!“

„Ich pfeife auf Deine Vorschriften! Meg ist da drin, das weiß ich ganz genau, und sie braucht mich! Ich kann förmlich spüren, dass sie in Gefahr ist!“

„Wir werden das Haus bewachen…“

„Ach vergiss es!“

 

 

 

Derek hörte die Stimme seines Bruders draußen vor der Tür.

In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er verspielt hatte. Ben hatte sein Spiel durchschaut, und er hatte schneller reagiert als gedacht.

Derek kannte seinen Bruder genau, er war sich sicher, wenn Ben einmal wusste, dass er hier drin war, würde er sich nicht aufhalten lassen. Zum Teufel! Alles, was er so exakt geplant hatte, war aus… Oder doch nicht?

Derek überlegte fieberhaft. Er mußte sehen, dass wenigstens er hier noch mit heiler Haut davonkam. Meg konnte er nicht mitnehmen, das war zu aufwendig, denn sie würde sich wehren, wenn sie mitbekam, dass Ben und die Polizei vor der Tür standen.

Aber allein hatte er eine Chance. Sein Gepäck war im Wagen, und der Mustang stand startbereit vor dem Hinterausgang…

Plötzlich überzog ein teuflisches Grinsen sein Gesicht.

Ja, er würde Meg zurücklassen, aber nicht so, wie Ben sich das wünschte. Sein Bruder sollte sie trotzdem nicht zurückbekommen…

Er griff nach der Spritze und dem Serum in seiner Jackentasche und stieg eilig die Stufen hinauf zum Schlafzimmer.