Teil 39

 

 

Das Abendessen zog sich mühsam in die Länge. Gabi ertappte Madame Carmen immer wieder dabei, wie diese sie heimlich musterte. Die Blicke aus ihren dunklen unergründlichen Augen waren irgendwie forschend und von einer argwöhnischen Neugier, dass die junge Frau fast eine Gänsehaut davon bekam. Sie schaute mehrmals heimlich zu ihrem Mann hinüber,

in der Hoffnung, ihm würde vielleicht etwas einfallen, um diesen „familiären“ Abend sinnvoll zu verkürzen. Bereits seit einer Dreiviertelstunde hockten sie nun mit Madame Carmen und Maria in dem kleinen Wohnzimmer um den Tisch herum, aber ein richtiges Gespräch war bisher nicht zustande gekommen. Das lag vielleicht daran, dass Madame Carmen Gabi nie direkt ansprach, sondern sich vornehmlich mit Antonio unterhielt, wobei sie ihm mehr oder weniger geschickt und wie zufällig die verschiedensten Fragen stellte, die eigentlich ihre neue Schwiegertochter betrafen. Gabi merkte sehr wohl, dass ihn das ärgerte, und dementsprechend knapp fielen auch seine Antworten aus. Irgendwann war ihm dann der Kragen geplatzt.

„Mama, meine Frau heißt Gabriella, oder auch Gabi, ganz wie Du möchtest, und sie sitzt hier neben mir, also frag sie doch selbst, wenn Du etwas wissen möchtest!“

Peinlich berührt hatte sich Gabi nach dieser Bemerkung über ihren Teller gebeugt, während Carmen sich beleidigt räusperte und von da an die Unterhaltung mit Maria suchte. Allerdings schien die heute auch nicht sonderlich gesprächig zu sein.

 

Als irgendwann in den darauffolgenden Minuten ein Wagen vor dem Haus hielt, horchte Carmen auf.

„Oh, ich glaube, das ist Ricardo!“ rief sie erfreut. „Maria, bitte hole Deinem Bruder noch ein Gedeck, er ist sicher hungrig!“

Maria erhob sich und ging in die Küche.

Gabi hörte, wie sich kurz darauf ein Schlüssel im Schloss drehte, dann stand Ricardo in der Tür. Er sah erschöpft aus.

„Hallo alle zusammen!“ grüßte er in die Runde.

„Komm mein Junge, setz Dich zu uns und iß erst einmal etwas!“ meinte seine Mutter und lächelte wohlwollend, während Maria einen Teller und Besteck brachte.

„Hi Bruderherz!“ Sie maß ihn mit einem erstaunten Blick. „Du siehst aus wie ein geprügelter Hund!“

„Maria!“ mahnte Madame Carmen, und Gabi hätte um ein Haar laut gelacht.

„Tja, daran hat Dein Exmann einen entscheidenden Anteil, meine Liebe.“ erwiderte Ricardo und rieb sich das Kinn.

„Was?“ rief Maria ungläubig. „Willst Du damit sagen, Ben und Du, Ihr habt Euch geprügelt?“

„Nein, ganz so war es nicht.“ Ricardo warf Gabi einen flüchtigen Blick zu, bevor er sich Antonio und Maria zuwandte. „Ben hat heute einen ziemlich schweren Tag gehabt. Derek hatte Meg entführt...“

„Habt Ihr sie gefunden?“ fragte Maria schnell.

Ihr Bruder nickte.

„Ja. Aber leider etwas zu spät.“

„Was… soll das heißen?“ Maria starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

„Derek hat ihr eine Überdosis eines starken Beruhigungsmittels gespritzt, und als Dr. Robinson versuchte, sie mit einem Gegenmittel zu stabilisieren, ist sie ins Koma gefallen.“

„Dios mio …!“ Madame Carmen bekreuzigte sich. „Ich hatte heute schon den ganzen Tag so ein seltsames Gefühl!“

„Es ist ein sogenanntes leichtes Koma, wie der Arzt uns mitteilte“ erklärte Ricardo, ohne auf die Bemerkung seiner Mutter einzugehen, „sie kann jederzeit wieder aufwachen, aber es kann auch sein, dass sie zu schwach ist und gar nicht wieder munter wird.“

„Meine Güte, das ist hart!“ sagte Antonio leise und schüttelte den Kopf. „Ben muß doch außer sich sein vor Sorge!“

Ricardo nickte.

„Und ich bin schuld daran, dass es soweit gekommen ist.“ erwiderte er und rieb sich seine schmerzenden Schläfen.

„Du?“ fragte Carmen entsetzt. „Wieso Du?“

„Hätte ich gleich reagiert, so wie Ben es wollte, und nicht so lange gezögert, dann hätten wir Derek vielleicht noch daran hindern können, Meg die Spritze zu geben. Aber nein… “ er schüttelte von Selbstvorwürfen gequält den Kopf, „ich hatte nur meine dämlichen Vorschriften im Kopf, und dadurch ist wertvolle Zeit vergangen.“

„Mach Dich nicht verrückt“  versuchte ihn Antonio zu beruhigen, „das konntest Du doch nicht ahnen.“

„Was ist mit Derek?“ fragte Maria, was ihr sofort einen giftigen Blick ihrer Mutter einbrachte.

„Habt Ihr ihn verhaftet?“

„Wir haben ihn verfolgt, aber auf dem Highway 24 ist er mit dem Wagen von der Strasse abgekommen und über die Klippen gestürzt. Wir haben ihn zwar noch nicht gefunden, gehen aber davon aus, dass er tot ist.“

Gabi legte ihre Hand auf Antonios Arm.

„Entschuldige mich bitte einen Moment, ich gehe mich etwas frischmachen.“ Schnell stand sie auf und verschwand im Bad. Dort verschloss sie die Tür und lehnte sich aufatmend an die kühle Wand. Es tat ihr leid, was sie gerade über Ben und Meg gehört hatte, aber die beiden waren eigentlich noch Fremde für sie, und ihre eigenen Gefühle und Gedanken beschäftigten sie momentan viel mehr.

Sie fragte sich, warum Madame Carmen darauf bestanden hatte, dass sie mit Antonio zusammen hier wohnen sollte. Nun gut, er war ihr Sohn, aber sie behandelte Gabi die ganze Zeit mit einer Kälte und Ignoranz, dass sie sich wie ein unerwünschter Eindringling vorkam. Zu Anfang hatte sie sich damit beruhigt, dass seine Mutter sich erst mit dem Gedanken anfreunden musste, dass ihr jüngster Sohn in der Zwischenzeit glücklich verheiratet war, aber allmählich kamen ihr Zweifel.

Und dann war da noch Ricardo…

Immer wenn er auftauchte, überkam sie ein seltsames Gefühl der Unruhe. Sie fand ihn klug, charmant und überaus attraktiv, aber diese Eigenschaften besaß Antonio schließlich auch, und dafür liebte sie ihn. Nein, da war noch etwas anderes, auf irgend eine seltsame Art und Weise berührte sie Ricardos ganzes Wesen, wie er sprach, sich bewegte, selbst, wenn er sie nur kurz ansah, begann ihr Herz jedes Mal schneller zu schlagen. Das machte ihr Angst.

Sie musste mit Antonio reden, sie fühlte sich hier nicht wohl, und die Arbeit in den Höhlen würde immerhin noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht stimmte er zu, wieder ins Hotel zu ziehen.

Während sie noch darüber nachdachte, wie sie ihren Mann davon überzeugen konnte, hörte sie plötzlich leise Stimmen, die deutlich von draußen durch das einen Spaltbreit geöffnete Fenster drangen.

 

 

 

Keiner außer Madame Carmen hatte bemerkt, wie Maria leise das Zimmer verließ. Dem wachsamen Auge der Wahrsagerin war jedoch der gespannte Gesichtsausdruck Marias nicht entgangen. Sie glaubte zu wissen, wie sich ihre Tochter fühlte. Während Antonio und Ricardo noch über die Geschehnisse des Tages diskutierten, stand sie auf und folgte Maria nach draußen.

Sie fand ihre Tochter auf der Bank vor dem Haus und setzte sich lächelnd zu ihr.

„Ich weiß, woran Du denkst!“

„Ach ja?“ Es schien, als sei Maria nicht allzu erfreut über die Störung. Carmen legte ihre Hand auf ihren Arm.

„Du glaubst, wenn dieses Mädchen stirbt, dann gehört er wieder Dir!“

„Mutter!“ rief Maria entsetzt. „Wie kannst Du so etwas sagen! So etwas würde ich mir niemals wünschen!“ sie versuchte sich zu beruhigen und schlug einen versöhnlicheren Ton an. „Du musst wissen, es fällt mir immer noch schwer, in Meg eine Rivalin zu sehen, sie ist so nett…“

„Nett!“ wiederholte Carmen abfällig. „Sie stielt Dir Deinen Ehemann. Was ist daran nett?“

„Mama…“ Maria schüttelte genervt den Kopf, „so einfach ist das nicht. Sie hat mir Ben nicht gestohlen, ich habe ihn verlassen, erinnerst Du Dich? Und außerdem sind wir geschieden. Meg hat im Grunde überhaupt keine Schuld an meiner ganzen Misere.“ Sie senkte den Kopf und fügte leise hinzu: „Trotzdem tut es weh, die beiden zusammen zu sehen.“

„Dann behalte Deine Gefühle für Dich und kämpfe um ihn!“ erwiderte Carmen gereizt. „Jetzt ist eine gute Gelegenheit, ihn zu trösten. Glaub mir, kein Mann ist so verletzlich wie in dem Augenblick, wo er um etwas Geliebtes Angst haben muss.“

„Glaubst Du wirklich?“ fragte Maria zweifelnd. Carmen nickte weise.

„Ich bin fest davon überzeugt, Ben wird sich schneller, als Du denkst wieder an die schönen Zeiten mit Dir erinnern, und wenn dieses Mädchen irgendwann aufwachen sollte, dann wird er natürlich froh darüber sein, aber mehr auch nicht.“ Sie stand auf. „Übrigens, Du siehst etwas blass aus, mein Kind. Dieser Derek hat Dir wirklich mehr geschadet, als wir alle vermutet haben.“

Maria seufzte.

„Oh ja, mehr als Du jemals erfahren wirst.“ dachte sie und verspürte eine eigenartige Trauer tief in ihrem Inneren. Vor ein paar Minuten hatte sie von ihrem Bruder erfahren, dass der Vater ihres Babys wahrscheinlich tot war…“

 

 

 

Gabi hatte dem Gespräch der beiden Frauen angespannt gelauscht. Als sie merkte, dass Madame Carmen sich anschickte, zurück ins Haus zu gehen, verließ sie schnell das Badezimmer und setzte sich wieder zu Antonio und Ricardo an den Tisch, doch ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um das eben Gehörte.

Maria wollte Ben zurück, um jeden Preis. Und ihre Mutter unterstützte sie dabei, ja, sie ging noch viel weiter, sie wünschte Meg den Tod, damit der Platz an Bens Seite für ihre Tochter wieder frei war! Diese Frau war doch wirklich nicht zu überbieten!

Spontan griff Gabi unter dem Tisch nach Antonios Hand. Er unterbrach sein Gespräch mit seinem Bruder und sah sie erstaunt an.

„Du siehst etwas blass aus.“ stellte er besorgt fest.

Gabi nickte.

„Etwas frische Luft würde mir bestimmt nicht schaden.“ erwiderte sie mit einem kurzen Blick auf Madame Carmen, die eben wieder das Zimmer betrat. „Bitte, können wir nicht noch einen Strandspatziergang machen?“

Antonio erhob sich und legte den Arm um sie.

„Eine gute Idee. Wellen, Strand, Sonnenuntergang und die Frau meiner Träume… „ lachte er, „lass uns gehen!“

 

„Sie ist nicht gut für ihn.“ sagte Carmen, als die beiden das Haus verlassen hatten.

Ricardo verdrehte genervt die Augen.

„Jetzt lass ihn doch in Ruhe, Mama! Wenn es nach Dir geht, ist keine Frau gut genug für ihn!“ Er sah ihren abwesenden durchdringenden Blick, den er nur zu gut kannte, und es klang fast wie eine Drohung, als er mit ernster Stimme hinzufügte: „Misch Dich nicht in sein Leben ein, Mama, nicht schon wieder!“

 

 

 

Draußen dämmerte es bereits ein neuer Morgen.

Ben saß neben Megs Krankenbett und streichelte unablässig ihre Hand. Immer wieder wanderte sein Blick über ihr blasses Gesicht. Sie sah aus, als würde sie wirklich nur friedlich schlafen und jeden Moment ihre Augen öffnen.

Ben schluckte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er hatte seit Stunden nichts gegessen und getrunken, aber er verspürte weder Hunger noch Durst. Dr. Robinsons gutgemeinte Ratschläge, er solle doch, nachdem er die ganze Nacht lang hier gesessen hatte, erst einmal nach Hause gehen und sich ein wenig ausruhen, schien er gar nicht wahrzunehmen.

Der Arzt bemühte sich sehr um Meg, schaute aller halben Stunden herein und kontrollierte ihre Vitalwerte. Jedesmal sah Ben ihn erwartungsvoll an, in der Hoffnung, er könne ihm etwas Neues sagen, doch Tyus schüttelte nur den Kopf.

„Wir müssen abwarten, Ben, viel mehr können wir nicht tun. Aber wenn Sie schon hier sind, dann sollten Sie mit ihr reden, vielleicht kann Meg Sie in ihrem Unterbewusstsein hören. Einige Komapatienten konnten sich hinterher, als sie aufwachten, daran erinnern, dass sie die Stimmen ihrer Lieben gehört hätten.“ Er lächelte, als er Bens ungläubigen Blick sah. „Eine englische Patientin, die sehr lange in tiefem Koma lag, hat sogar hinterher ein Buch darüber geschrieben. Sie konnte die Menschen um sich herum wahrnehmen, sich aber sehr lange Zeit nicht bemerkbar machen. Sie beschrieb ihren Zustand ungefähr so, als würde sie sich mühsam vom Grund des Ozeans wieder hinauf ans Tageslicht kämpfen. Wenn Sie mit Meg reden, helfen Sie ihr vielleicht dabei, dasselbe zu tun.“

Wieder allein im Zimmer strich Ben nachdenklich über Megs Haar.

„Ich weiß nicht, ob Du mich wirklich hören kannst, Liebling“ begann er vorsichtig und leise, „ich liebe Dich, Meg, und es tut mir so unendlich leid, was ich Dir gesagt habe, ich weiß, dass ich Dich damit verletzt habe. Und ich hätte wissen müssen, dass Derek nicht aufgeben würde, ich hätte Dich vor ihm schützen müssen...“ Er schloss für einen Moment die Augen. „Aber er wird uns nicht mehr wehtun, Meg, nie mehr... Du wirst wieder gesund, daran werde ich ganz fest glauben! Wach auf, komm zu mir zurück, bitte, mit uns hat doch alles erst angefangen...“

„Ben?“

Erschrocken fuhr er herum, als er die Stimme hinter sich hörte.

Casey stand in der Tür.

„Darf ich reinkommen?“

Ben nickte zerstreut und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

„Hallo Casey, entschuldige, ich war ganz in Gedanken.“

Casey trat näher und schaute mit ernstem Gesicht auf Meg. Dann legte er Ben mit freundschaftlicher Geste die Hand auf die Schulter.

„Das wird schon wieder. Sie schläft sich nur gesund. Glaub mir, Ben, Meg wirkt zwar zart und zerbrechlich, aber ich kenne sie schon ein bisschen länger als Du. Sie ist eine Kämpfernatur, manchmal so stur wie ein Muli, und wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hat, dann schafft sie das meistens auch. Stimmt doch, Meg, oder?“ Er beugte sich herunter und küsste sie auf die Wange. „Komm schon Mädchen, lass den alten Ben nicht so lange alleine!“

Beb lächelte.

„Dr. Robinson meinte, ich soll mit ihr reden.“

„Ja klar, das hat mir Rae auch eben gesagt. Deshalb bin ich hier. Ich halte jetzt mit Meg einen kleinen Plausch, während Du nach Hause gehst, Dich duschst und umziehst und erst einmal frühstückst. Es wäre auch nicht verkehrt, wenn Du versuchen würdest, mal eine Stunde zu schlafen. Danach kannst Du ja von mir aus wieder herkommen, aber jetzt will ich mit Meg allein reden... vertraulich. Also raus mit Dir!“

 

 

 

Nach einer schlaflosen Nacht stand Tim schon sehr zeitig auf, duschte und zog sich an.

„Ich muss hier raus“ überlegte er panisch, „raus aus diesem billigen Hotelzimmer, vielleicht sogar raus aus Sunset Beach, mit oder ohne Meg! So kann es nicht weitergehen, wenn ich nicht endlich mein Leben wieder in den Griff bekomme, werde ich noch verrückt!“

Er zerrte seine Reisetasche aus dem Schrank und begann, seine Sachen wahllos hineinzuwerfen, als plötzlich jemand anklopfte.

Tim hielt inne und starrte auf die Tür. Wer konnte das sein, so früh am Morgen?

Das bedeutete bestimmt nichts Gutes... Vielleicht stand Connors schon mit seinen beiden Schlägern draußen?

Er spürte, wie sich seine Nackenhaare bei dieser Vorstellung sträubten.

Ein wiederholtes, lauteres Klopfen ließ ihn erneut zusammenzucken. Er sah zum Fenster hinüber. Ja, das wäre ein Fluchtweg...

„Tim, bist Du da? Mach doch bitte auf, ich bin es, Caitlin!“

Er schloss für Sekunden die Augen und atmete auf. Cait...

„Einen Moment, ich bin gleich da!“ rief er unendlich erleichtert und stopfte schnell die Tasche samt Sachen in den Schrank zurück. Dann öffnete er die Tür.

„Na Gott sei dank bist Du da!“ rief sie und küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange, bevor sie ins Zimmer trat und sich kurz umsah. „Hab ich Dich geweckt?“

„Nein, obwohl...“ Tim lächelte krampfhaft, „so früh am Morgen hatte ich eigentlich noch nicht mit Besuch gerechnet.“ Er wies auf den Sessel. „Setz Dich doch, Cait!“

Sie ignorierte seine Handbewegung und nahm auf dem Bett Platz.

„Tut mir leid, dass ich gestern nicht bei Dir vorbeigeschaut habe.“ sagte sie entschuldigend, während sich Tim etwas zögernd neben ihr niederließ. „Aber ich hatte so viel zu erledigen, nachdem fast alle meine Sachen in unserem Haus verbrannt sind. Zum Glück konnten noch einige persönliche Dinge gerettet werden, und ich hab versucht, mich in dem winzigen Zimmer in der Penthouse- Suite, die mein Vater für uns gemietet hat, einzurichten.“ Sie seufzte. „Es wird einige Zeit dauern, bis wir wieder ein richtiges Zuhause haben.“

Tim legte seinen Arm um ihre Schultern.

„Es tut mir so leid für Dich!“ sagte er aufrichtig. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“

„Ja...“ Caitlin nickte heftig, und Tim sah, dass Tränen in ihren Augen standen. „Halt mich einfach fest!“

Er nahm sie in die Arme und streichelte beruhigend über ihren Rücken.

„Es ist alles meine Schuld! Du würdest mich verfluchen, wenn Du wüsstest, auf was ich mich eingelassen hatte...“ dachte er und schluckte.

Nach ein paar Sekunden löste sich Caitlin aus seiner Umarmung und sah ihn mit großen Augen an.

„Daddy hat mir erzählt, dass Du bei der Polizei ausgesagt hast.“

Er nickte.

„Das war das Mindeste, was ich tun konnte.“

„Danke, Tim, das ist wirklich lieb von Dir! Und total mutig!“

Verlegen wandte er sich ab.

„Ach was... Wir wissen ja nicht einmal, ob`s was bringt.“

„Natürlich bringt es was!“ rief Caitlin überzeugt. „Aufgrund unserer Aussagen wird es mein Vater bestimmt schaffen, Marks Unschuld zu beweisen, sonst war doch alles, was geschehen ist, umsonst!“ Sie sah Tim an und lächelte. „Du bist ein Held!“

„Nein, das bin ich ganz bestimmt nicht...“

„Doch, das bist Du...“ flüsterte sie und ihr Gesicht war ihm plötzlich ganz nah, während sie begann ihn zärtlich zu küssen.

Tim wollte widersprechen, doch als er ihre weichen Lippen fühlte, konnte er gar nicht anders, er musste ihren Kuss zu erwidern. Sie umarmten sich und ihre Zärtlichkeiten wurden schnell leidenschaftlicher. Für einen Moment vergaß Tim alles, was ihn quälte, er spürte Caitlins Wärme, roch den zarten Duft ihres weichen Haares und schloss seine Augen, als ihre Lippen langsam über seinen Hals wanderten. Er stöhnte leise auf, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und suchte hungrig nach ihrem Mund, den sie ihm bereitwillig bot.

Sie begann, eilig die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, und während sich seine Hand unter ihr Shirt verirrte, fielen sie beide rückwärts auf das weiche Bett.

„Tim... ich muss Dir was sagen...“ flüsterte Caitlin irgendwann zwischen seinen Küssen, „Du musst wissen, ich habe noch nie... Du weißt schon, das ist das erste Mal, das ich... „

Das brachte ihn zur Besinnung.

Abrupt richtete er sich auf.

Nein, das durfte nicht sein! Er hatte schon zu viel falsch gemacht, und nun sollte er hier, in diesem schäbigen Hotelzimmer mit diesem wundervollen Mädchen... nein, auf keinen Fall, sie hatte etwas Besseres verdient als das!

Er sah ihren fragenden, fast erschrockenen Blick.

„Es tut mir leid, Caitlin, aber... das kann ich nicht... nicht hier!“

„Aber warum?“ fragte sie erstaunt. „Liegt es an mir?“

„Nein... nein, Du bist so süß...“ stammelte er und begann sich hastig sein Hemd wieder zuzuknöpfen, „aber das erste Mal sollte etwas ganz Besonderes sein, verstehst Du...“

„Ja aber...“ begann Caitlin verständnislos, doch Tim war schon aufgesprungen und fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar. „Ich werde ein Stück laufen... allein... ich muss erstmal meinen Kopf freibekommen. Bitte sei mir nicht böse... Wir sehen uns später, ja?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, riss er die Tür auf und stürzte hinaus.

Caitlin starrte ihm in einem Wirrwarr von Gefühlen fassungslos hinterher.

 

 

 

Atemlos ließ sich Tim in den Sand fallen. Er wusste nicht, wie weit er gelaufen war, doch als er sich schließlich schweratmend umschaute, sah er hinter sich die Felsen und die ersten Absperrungen der Liberty Baustelle.

Er strich sich über seine schweißnasse Stirn und starrte aufs Meer hinaus.

„Ich nehme den nächsten Flieger...“ dachte er resigniert. „es hat keinen Sinn mehr hierzubleiben, es ist alles so verfahren!“

„Noch ein Frühaufsteher am Strand?“ hörte er plötzlich eine Stimme neben sich und fuhr erschrocken hoch. Da stand ein sympathisch aussehender junger Man in Shorts und T- Shirt und streckte ihm freundlich lächelnd die Hand entgegen. „Nach Caitlins Beschreibung musst Du Tim sein! Ich bin Mark... Mark Wolper!“

Tim erhob sich hastig und schüttelte Marks Hand.

„Tim Truman.“ stellte er sich seinerseits vor. „Freut mich, Dich kennenzulernen, Mark!“

„Ja, mich auch, vor allem, weil ich Dir und Caitlin ziemlich viel zu verdanken habe.“

„Ach was, ich hab doch nur gesagt, was ich zufällig gehört bzw. gesehen habe. Nicht der Rede wert.“ erwiderte Tim bescheiden. „Ich hoffe nur, es nützt Dir im Prozess auch etwas.“

Mark nickte.

„Ganz sicher. Außerdem habe ich ja Caitlins Vater als Strafverteidiger an meiner Seite. Er ist der Beste, und wenn er es nicht schafft, mich freizubekommen, dann schafft es auch kein anderer.“

„Hey, denk positiv!“ meinte Tim, obwohl er diese Ermutigung selbst gut gebraucht hätte.

„Das tue ich.“ erwiderte Mark und sah ihn forschend an. „Casey hat mir erzählt, Du bist der Exfreund von Meg...“

Tim nickte.

„Ja, ihretwegen bin ich eigentlich nach Sunset Beach gekommen.“

Mark presste die Lippen zusammen.

„Tut mir echt leid, was mit ihr passiert ist. Aber ich bin sicher, sie wird wieder gesund.“

Tim starrte ihn an.

„Was?“

Mark erschrak sichtlich.

„Sag bloß, Du weißt es noch gar nicht?“

Tim schüttelte den Kopf und sein Herz krampfte sich in seiner Brust angstvoll zusammen.

„Was ist passiert? Sag schon... was ist mit Meg?“

 

 

 

Caitlin saß minutenlang reglos auf dem zerwühlten Bett und starrte vor sich hin. Sie war enttäuscht und frustriert, dass Tim sie hier einfach so verlassen hatte, und die enorme Anspannung der letzten Tage gewann die Oberhand, so dass sie hemmungslos zu weinen begann. Irgendwann stand sie auf, wischte sich die Tränen ab und ordnete notdürftig Kleidung und Frisur vor dem Spiegel, als plötzlich das Telefon auf dem Nachttisch zu läuten begann.

Caitlin zögerte einen Moment, doch dann nahm sie in der Hoffnung, es sei vielleicht Tim, den Hörer langsam ab. Bevor sie sich jedoch melden konnte, ertönte eine wütende Männerstimme am anderen Ende der Leitung:

 

„Du elender Verräter! Ich hoffe, es ist Dir klar, dass Du mit Deiner Aussage den größten Fehler Deines Lebens gemacht hast! Dafür wirst Du bitter bezahlen, Partner... Momentan habe ich andere Pläne, aber ich verspreche Dir, wir beide rechnen noch miteinander ab, und dann wirst Du Dir wünschen, niemals einen Fuß in diese Stadt gesetzt zu haben!“

Ein leises Klicken und die Leitung war tot...