Ben trat gerade unter der Dusche vor, als es an der Tür läutete. Er schlang sich ein Handtuch um die Hüften und ging hinunter um zu öffnen.
Annie stand draußen, einen eleganten Morgenmantel nachlässig über ihr Negligè geworfen und starrte ihn an.
„Ben... wieso bist Du da?“ fragte sie verwundert. „Ich dachte, Du wolltest verreisen?“
„Wenn Du das dachtest, was willst Du dann bei mir?“ entgegnete Ben und trat zur Seite, um sie einzulassen.
„Na ja, ich bemerkte Deine offene Verandatür und wollte eben mal nachsehen, ob alles in Ordnung ist.“ meinte sie und humpelte an ihm vorbei ins Zimmer. „Hätte ja auch ein Einbrecher sein können!“
„Und den hättest Du dann mit Deinem Gipsfuß in die Flucht geschlagen.“ Es war das erste Mal seit langem, dass Ben lächelte.
Annie grinste.
„Na komm, erzähl schon, wieso bist Du zu Hause? Ist Dir Dein Paradiesvögelchen davongeflogen?“ Als sie sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte, verstummte sie erschrocken. „Ben, was hast Du? Ist etwas passiert?“
„Derek hatte Meg entführt.“ erwiderte er leise. „Und als er merkte, dass wir ihm auf den Fersen waren, hat er ihr einfach eine Überdosis eines starken Beruhigungsmittels gespritzt und sie in seinem Haus zurückgelassen. Jetzt liegt sie in der Klinik...“
Annie starrte ihn mit offenem Mund an.
„Wie... wie geht es ihr?“ fragte sie, nachdem sie sich wieder etwas gefasst hatte. „Sie wird doch wieder gesund, oder?“
Ben presste die Lippen zusammen.
„Sie haben ihr ein Gegenmittel gegeben, und danach ist sie ins Koma gefallen...“
„Oh nein!“ Annie stöhnte auf. „Oh Ben, es tut mir so leid!“ Sie lief, so schnell sie es mit ihrem verletzten Fuß vermochte, auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Ben ließ es geschehen, zumal er merkte, dass Annie es ehrlich meinte. Es tat ihm gut, sich zur Abwechslung auch einmal an jemanden anlehnen zu können.
Annie löste sich von ihm und sah ihn an.
„Was meinen die Ärzte?“
Ben zuckte die Schultern.
„Sie können auch nichts Genaues sagen.“ Er atmete tief durch. „Entschuldige mich, Annie, ich muß mich anziehen. Ich will so schnell wie möglich in die Klinik zurück.“
Sie nickte.
„Okay, ich verschwinde schon.“ Sie wies auf die Veranda. „Wenn Du nichts dagegen hast, nehme ich gleich die Abkürzung.“
Sie traten beide hinaus, und Annie drehte sich noch einmal zu Ben um. Sie legte ihre Hände auf seine nackte Brust, doch diesmal war es eine rein freundschaftliche Geste. „Bitte sag mir, falls ich Dir irgendwie helfen kann.“ bat sie. „Ich bin Deine Freundin, vergiss das nicht.“
„Das weiß ich, Annie. Danke.“
Er sah ihr nach, wie sie hinüber zu ihrer Wohnung lief.
Während er wieder zurück ins Zimmer ging und die Verandatür hinter sich schloss, begann sein Handy zu klingeln.
„Ben Evans?“
„Ben... na endlich!“ hörte er Gregorys aufgeregte Stimme. „Ich versuche seit gestern verzweifelt, Dich zu erreichen.“
„Was gibt es denn so Dringendes?“ fragte Ben ohne großes Interesse.
Gregory schnaufte hörbar am anderen Ende der Leitung.
„Es tut mir leid für Dich, mein Freund, aber Du musst Deinen Urlaub sofort abbrechen! Ich brauche Dich umgehend hier in der Firma, in den letzten 48 Stunden ist eine Menge passiert, und ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Also beweg Deinen Hintern gefälligst sofort hierher!“
Jude hatte wie immer in den letzten Tagen bei Elaine das Frühstück geholt und war auf dem Weg zu Annie, um sie mit Kaffee und frischen Croissants zu erfreuen. Überrascht blieb er stehen, als er sie plötzlich zusammen mit Ben Evans auf dessen Veranda stehen sah.
Ihr kupferrotes Haar leuchtete in der Morgensonne. Sie trug einen dünnen Morgenmantel, und soweit er das sehen konnte, hatte Ben nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen, während sie ihm zärtlich ihre Hände auf seine nackte Brust legte...
Das Ganze sah aus wie der Abschied nach einer Liebesnacht!
Jude trat etwas in den Schatten des Hauses, um nicht gesehen zu werden. Ein Gefühl der Enttäuschung machte sich in seinem Inneren breit. So war das also, während alle glaubten, sie hätte nur stets erfolglos für ihren attraktiven Nachbarn und Firmenteilhaber geschwärmt, hatten die beiden ein heimliches Verhältnis!
Er wartete, bis Annie in ihrer Wohnung verschwunden war, und klingelte dann an ihrer Tür.
Sie öffnete ihm Sekunden später und lächelte erfreut.
„Guten Morgen, Jude!“
Wortlos reichte er ihr die Tüte mit dem Frühstück. Erstaunt sah sie ihn an.
„Kommst Du nicht rein und machst uns Kaffee?“
„Tut mir leid, Annie, ich muss zur Arbeit.“ erwiderte er knapp. „Aber ich bin überzeugt, Du wirst Dir sicher inzwischen allein zu helfen wissen.“
Erstaunt blickte Casey auf, als sich die Tür zu Megs Krankenzimmer leise öffnete.
„Was wollen Sie denn hier?“ fragte er ungehalten, nachdem er Tim erkannt hatte.
Der trat zögernd näher.
„Ich habe von Mark erfahren, was Meg passiert ist.“ sagte er leise. „Ich konnte nicht anders, ich musste sie sehen.“ Er warf Casey einen kurzen Blick zu, bevor er an Megs Bett trat. „Wie geht es ihr?“
Seinem ersten Impuls folgend wollte Casey Tim hinauswerfen, doch er hörte die ehrliche Besorgnis in dessen Stimme und besann sich.
„Unverändert.“ erwiderte er. „Der Arzt sagt, wir müssen abwarten.“
Tim schluckte und sah in Megs blasses Gesicht.
„Sie sieht aus, als würde sie nur schlafen und jeden Moment wieder aufwachen.“ flüsterte er.
Casey nickte.
„In gewisser Weise ist es ja auch so.“
Tim zögerte kurz, dann streichelte er ganz vorsichtig über Megs Wange.
„Es tut mir so leid, dass mit uns alles so schiefgelaufen ist.“ sagte er leise. „Ich wünsche mir von ganzem Herzen, ich könnte die Zeit zurückdrehen und irgendwie wieder gutmachen, was ich damals getan habe. Ich war so dumm...“
Casey räusperte sich und stand auf.
„Ich werde Sie einen Moment allein lassen und mir einen Kaffee holen.“ sagte er diplomatisch und verließ das Zimmer. Tim lächelte dankbar und setzte sich an Megs Krankenbett, während er ihre Hand nahm.
„Wir beide waren so glücklich, damals in Kansas, weißt Du noch?“ sagte er in sanftem Ton. „Wir waren so jung und unbeschwert, als wir mit der Highschool fertig waren, und wir haben geglaubt, uns gehört die Welt. Ich dachte, ich hätte Dich für immer, Meg, ich war so fest davon überzeugt, dass ich irgendwann unsere Beziehung nicht mehr richtig zu schätzen wußte... Das werde ich mir nie verzeihen!“ Er wischte sich mit dem Handrücken über seine brennenden Augen. „Heute hätte ich beinahe aufgegeben und Sunset Beach verlassen. Aber jetzt nicht mehr. Ich bleibe hier, und ich werde warten, bis Du wieder richtig gesund bist. Dann gehen wir zusammen dahin zurück, wo wir beide hingehören, nach Ludlow, und alles wird so werden, wie es begann, nur noch besser und schöner, ich verspreche es Dir...“
„Wer zum Teufel sind Sie?“ erklang eine Stimme hinter ihm.
Er fuhr erschrocken herum.
Hinter ihm stand Ben Evans und sah ihn mißtrauisch an.
Cole saß allein in der Küche des Surf Center, als Tess die Treppe herunterkam.
„Hast Du gut geschlafen?“ fragte er und bemerkte, dass sie sich immer noch ihren Ellenbogen hielt.
„Danke, es ging so.“ erwiderte sie und holte sich eine Tasse aus dem Schrank. „Ich hoffe, der Kaffee wird mir helfen, wieder einigermaßen klar zu denken.“
„Hast Du noch Schmerzen im Arm?“ fragte er besorgt, während er ihre Tasse füllte. „Du hättest es Dr. Robinson erzählen sollen, dass Du auf den Ellenbogen gestürzt bist!“
„Ach was, das ist nichts.“ wehrte Tess ab. „Viel schlimmer schmerzt es, dass ich mich so unglaublich dämlich benommen habe.“ Sie warf Cole einen entschuldigenden Blick zu, während sie neben ihm Platz nahm. „Ich schäme mich so! Laufe diesem blöden Kerl hinterher wie ein verliebter Teenager...“
„Tess!“ mahnte Cole und legte seinen Arm um ihre Schultern. „Das konntest Du doch nicht ahnen! Und immerhin hast Du uns dadurch zu Meg geführt. Sonst hätten wir sie vielleicht nie gefunden!“
„Ich hoffe nur, sie wird wieder gesund!“ Tess sah ihn mit großen Augen an. „Sie hat mich vor Derek gewarnt, Cole, aber ich wollte nicht auf sie hören.“
Cole lächelte.
„Auf mich hättest Du auch nicht gehört. Du hattest schon immer Deinen eigenen Kopf!“
Tess nahm einen Schluck Kaffee und blickte dann erstaunt auf.
„Auf Dich gehört? Ich dachte immer, es interessiert Dich gar nicht, was ich tue!“
„Oh doch, Tess, das tut es.“
„Ja klar, als Deine Geschäftspartnerin.“
„Nein, da irrst Du Dich. Vielleicht konnte ich es ja nicht so zeigen, aber Du hast mich schon immer interessiert!“
„Wie? Was soll das heißen?“
Cole zuckte die Schultern.
„Tja, wie soll ich es am besten sagen? Ich habe mich eigentlich schon in Deine grünen Augen verguckt, seit ich Dich zum ersten Mal gesehen habe. Aber Du warst so verbissen auf der Suche nach der großen Liebe, dass ich immer dachte, Du nimmst mich gar nicht wahr. Schließlich haben wir uns ja ständig gezofft...“ Er sah sie an und strich zart mit seinen Fingern über ihre Wange. „Aber gestern... da hatte ich wahnsinnige Angst um Dich! Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Dir ernsthaft was passiert wäre.“
„Cole...“ Tess starrte ihn sprachlos an. „Und ich habe immer angenommen, Du machst Dir nichts aus mir...“
„So kann man sich irren!“ Er lachte. „Ich hab Derek vom ersten Moment an gehasst, und ich hätte alles getan, um ihn von Dir fernzuhalten.“
„Alles? Was zum Beispiel?“
„Na ja“ er lächelte verschmitzt, „denk mal an unsere Eröffnungsfeier im Deep! Schließlich kann ich Dich ja nicht jedesmal im Keller einsperren, wenn Dir ein Mann zu nahe kommt!“
„Cole!“ rief Tess, mehr überrascht als empört. „Du warst das?“
Er nickte und grinste.
„Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir leid tut!“
„Das darf doch nicht wahr sein!“ rief Tess ungläubig.
Er grinste und die Grübchen auf seinen Wangen zogen sie magisch in ihren Bann.
„Verzeihst Du mir?“ fragte er schelmisch.
„Niemals! Es sei denn...“
„Was?“
„Es sei denn, Du küsst mich ... jetzt sofort!“
Ben schloss die Tür und trat näher, den ihm unbekannten Besucher nicht aus den Augen lassend. Tim stand auf und hob abwehrend beide Hände.
„Ich habe jedes Recht hier bei Meg zu sein. Ich bin...“
„Moment mal...“ unterbrach ihn Ben, „nach dem, was ich eben gehört habe, als ich hier hereinkam, glaube ich zu wissen, wer Sie sind. Und wenn das stimmt, dann haben Sie schon vor langer Zeit jedes Recht darauf verloren, bei Meg zu sein. Also Tim...“ Er holte tief Luft, „verschwinden Sie aus diesem Zimmer, und zwar ein bisschen plötzlich, bevor ich Sie eigenhändig hinauswerfe!“
„Ich denke nicht daran.“ Tim warf sich in die Brust und beäugte Ben argwöhnisch. „Wer sind Sie überhaupt, dass Sie mir hier Vorschriften machen wollen?“
„Ben Evans“ erwiderte Ben ungerührt, „Nicht, dass Sie das noch irgend etwas anginge, aber Meg gehört zu mir. Und soweit ich weiß, hat Sie ihren Exverlobten aus gutem Grund aus ihrem Leben gestrichen. Sie hätten sich den langen Weg von Kansas hierher sparen können. Also...“ er wies mit eindeutiger Geste auf die Tür, „raus!“
„Moment mal...“ widersprach Tim, „so geht das nicht, Mister...“
„Sie haben gehört, was er gesagt hat.“ ertönte Caseys Stimme hinter ihm. „Gehen Sie nach Hause, Tim. Sie können hier ohnehin nichts für Meg tun, und ich schätze, sie würde das auch nicht wollen, nach allem, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist. Also tun Sie ihr und sich selbst einen Gefallen und verschwinden Sie aus ihrem Leben!“
Wütend sah Tim von Ben zu Casey, aber er erkannte, dass er gegen diese beiden keine Chance hatte.
„Ich komme wieder.“ knurrte er und verließ schnellen Schrittes das Zimmer.
Ben sah Casey an.
„Woher weiß der Kerl, wo Meg sich aufhält? Sie wollte nicht, dass er sie findet.“
„Keine Ahnung.“ Casey zuckte die Schultern. „Aber er ist schon eine ganze Weile in Sunset Beach. Einmal hat er Meg im Deep aufgesucht, als wir dort renovierten. Sie hat sich ziemlich darüber aufgeregt und wollte, dass er verschwindet. Ich hab ihm damals eine verpasst.“
„Du?“ fragte Ben erstaunt, da er Casey eigentlich nur als gutmütigen, äußerst diplomatischen Typen kannte.
Casey strich sich verlegen übers Kinn.
„Das war ich ihm einfach schuldig!“
Sie sahen beide zu Meg hinüber.
„Noch keine Reaktion?“ erkundigte sich Ben.
Casey schüttelte den Kopf.
„Dr. Robinson will gleich nochmal nach ihr sehen.“ Er blickte auf seine Uhr. „Raes Schicht ist zu Ende. Sie war die ganze Nacht hier. Ich bringe sie nach Hause und schaue später nochmal rein.“
Er war schon an der Tür, als er fast mit Vanessa zusammengeprallt wäre.
„Hoppla“ sagte sie leise. „Wie geht’s der Patientin?“
Ben zuckte die Schultern.
„Leider noch nichts Neues.“
Vanessa setzte sich und sah Ben an.
„Wir haben da noch ein kleines Problem.“ sagte sie mit ernster Stimme. „Megs Eltern haben schon zweimal im Surf Center angerufen. Bisher konnte ich sie vertrösten, ich habe ihnen einfach gesagt, sie sei mit Dir weggefahren und habe ihr Handy vergessen mitzunehmen, aber irgendwann werden sie sicher misstrauisch werden. Meg hat öfter mit ihrer Mum telefoniert.“
Ben strich sich über die Stirn.
„Ich werde sie anrufen, sobald ich kann.“ entschied er.
Dr. Robinson betrat das Zimmer und nickte den Besuchern freundlich zu.
„Ben, Vanessa... leider muss ich Sie jetzt bitten, zu gehen. Ich möchte noch ein paar Untersuchungen bei Meg durchführen, vielleicht wissen wir danach mehr.“
Die beiden erhoben sich bereitwillig.
„Wie lange wird das dauern?“ fragte Ben.
„Schwer zu sagen, aber ein bis zwei Stunden bestimmt. Sie können am Nachmittag wieder herkommen.“
Ben nickte und beugte sich zu Meg hinunter.
„Bis nachher, Liebling.“ flüsterte er leise und küsste sie auf die Wange, bevor er mit Vanessa das Zimmer verließ.
„Was wirst Du jetzt tun?“ fragte sie. „Gehen wir was essen?“
„Nein, tut mir leid, aber Gregory wollte mich dringend sprechen.“ erklärte Ben. „Ich werde also in der Firma vorbeischauen.“
„Er arbeitet schon wieder?“ erkundigte sich Vanessa erstaunt. „Wow, wenn meine Villa abgebrannt wäre, dann könnte ich erstmal keinen klaren Gedanken fassen.“
Ben fuhr herum und starrte sie ungläubig an.
„Was hast Du eben gesagt? Gregorys Villa ist abgebrannt?“
Vanessa nickte heftig.
„Natürlich... entschuldige, das konntest Du ja nicht wissen. Die prächtige Richards- Villa, oder vielmehr, das, was davon übrig ist, muss nach einem Großbrand abgerissen werden.“
„Wie konnte denn das geschehen?“
„Man spricht von Brandstiftung, aber Genaueres weiß ich auch nicht. Angeblich soll das Ganze mit dem Mord am Strand zusammenhängen. Man vermutet einen Racheakt wegen der Zeugenaussage, die Gregorys Tochter in dem Zusammenhang gegen irgendwelche Männer gemacht hat.“
Ben hatte es plötzlich sehr eilig.
„Danke Vanessa.“ sagte er und ging schnellen Schrittes in Richtung Liberty Corporation davon.
Als Ben eintrat, war Gregory gerade mit irgend welchen Papieren beschäftigt. Unwillig schaute er hoch, doch als er seinen Geschäftspartner erkannte, hellte sich seine finstere Miene etwas auf.
„Das ging ja wirklich schnell. Bist Du aus Deinem Kurzurlaub hergeflogen oder was?“
Ben ließ sich in den Sessel fallen und streckte die Beine aus.
„Ich bin schon seit gestern da.“
„Was?“ Gregory warf ungehalten den Stift auf den Schreibtisch. „Und wieso hast Du Dich nicht gemeldet, verdammt?“
„Halt die Luft an.“ wehrte Ben ab. „Ich habe eben erst erfahren, was Dir passiert ist, und glaub mir, es tut mir sehr leid, dass Dein Haus abgebrannt ist. Aber andere Leute haben auch Sorgen...“
„Ach ja?“ erwiderte Gregory spöttisch. „Was zum Teufel nochmal könnte schlimmer sein, als wenn eine Millionen- Dollar- Villa in Schutt und Asche gelegt wird?“
„Die kann man wieder aufbauen.“ meinte Ben ungerührt. „Mit Deinen finanziellen Mitteln dürfte das doch kein Problem sein. Außerdem warst Du ja bestimmt ausreichend versichert.“ Er strich sich über die Stirn. „Mein Problem dagegen lässt sich mit Geld nicht lösen...“
Während Gregory ungläubig seinen Worten lauschte, erzählte ihm Ben, was geschehen war.
„Du hast nie viel von Deinem Bruder erzählt.“ meinte er schließlich. „Und als er damals mit Maria durchbrannte, dachte ich, okay, er ist ein Mistkerl, aber so schlimm kann er auch wieder nicht sein, denn zu einer Sache wie dieser gehören immer zwei, aber das hier...“ er schüttelte fassungslos den Kopf, „meine Güte, Ben, er muss Dich ja wirklich gehasst haben! Er hat wirklich versucht, Meg zu töten, nur damit Du sie nicht haben kannst! Unvorstellbar...!“ Er kniff die Augen zusammen. „Was hat Torres gesagt? Ist Derek tot?“
Ben zuckte die Schultern.
„Vermutlich. Aber bisher haben sie seine Leiche nicht gefunden.“
„Die Strömung unterhalb der Klippen südlich von hier ist ziemlich stark.“ gab Gregory zu bedenken. „Vielleicht werden sie ihn niemals finden.“
„Dann werde ich auch niemals vor ihm sicher sein.“ murmelte Ben gedankenverloren. Sein Geschäftspartner musterte ihn irritiert.
„Wie meinst Du das?“
Ben sah ihn an.
„Solange ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe, dass Derek tot ist, solange muß ich damit rechnen, dass er irgendwann wieder in meinem Leben auftaucht.“
Pietro Santiego war mit seinem alten klapprigen Pick up auf dem Weg zurück nach Mexiko.
Zufrieden pfiff er ein Liedchen vor sich hin. Er hatte Mühe, um das überlaute Scheppern des Motors zu übertönen, doch das konnte ihm die Laune nicht verderben. Der Tag war gut gelaufen für den alten Händler, er hatte alle seine Hühner auf dem Markt in Huntington zu einem guten Preis verkauft. Jetzt freute er sich auf ein einfaches Abendessen und einen doppelten Tequilla hinter der Grenze in Juanitas Drive In. Noch ein Stündchen, dann war er fast zu Hause...
Plötzlich sah er im Gegenlicht der untergehenden Sonne etwas auf der Strasse liegen.
Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Das war doch... da lag jemand!
Pietro trat fluchend auf die Bremse, und sein Pick up kam unmittelbar vor der reglos auf dem Asphalt liegenden Gestalt schnaufend und tuckernd zum Stehen. Der alte Mann starrte kurz durch die Windschutzscheibe und kletterte dann aus dem Wagen.
„Da brat mir doch einer`nen Wüstenfuchs...“ murmelte er und schlurfte um den Bug des Pick up herum. Tatsächlich, dort lag ein Mann, mit dem Gesicht nach unten, und rührte sich nicht.
„Senjor? He, arriva... Senior! Mister!” versuchte er ihn anzusprechen, doch als der Daliegende sich nicht rührte, schob er seinen alten, zerbeulten Hut zurück und kratzte sich ratlos am Kopf. „Der wird doch hoffentlich nicht...“ brummte er und bückte sich, um nachzusehen, ob der Mann tot oder noch am Leben war.
In diesem Moment fuhr der Fremde herum und packte ihn mit eiserner Faust.
Pietro blieb die Luft weg und bevor er auch nur den leisesten Ton von sich geben konnte, traf ihn etwas Schweres, Hartes am Kopf. Sofort schwanden ihm die Sinne, er verdrehte die Augen und es wurde Nacht um ihn herum...
Er spürte nicht mehr, wie seine Taschen durchsucht und er danach eine Böschung neben der Strasse hinuntergerollt wurde, und er konnte auch nicht sehen, wie sein Pick up mit aufheulendem Motor in Richtung der mexikanischen Grenze davonrollte, eine dichte Staubwolke hinter sich zurücklassend.