Ein paar Tage waren inzwischen vergangen. Für Ben und seine Freunde endlose Stunden des Wartens, des Bangens und des Hoffens, Meg möge endlich wieder erwachen, aber nichts tat sich. Ihr Zustand war bislang unverändert.
Ben vergrub sich regelrecht in Arbeit, und in jeder freien Minute war er in der Klinik zu finden, wo er oft stundenlang an Megs Krankenbett saß.
Inzwischen hatte er auch mit ihren Eltern telefoniert. Er wollte sie nicht allzu sehr beunruhigen und hatte ihnen nur erzählt, dass Meg sich nach einem kleinen Unfall noch einige Zeit ausruhen müsse, und das war ja im weitesten Sinne noch nicht einmal gelogen.
Natürlich waren Hank und Joan Cummings beunruhigt gewesen, aber Ben hatte ihnen versichert, dass sich Meg bald bei ihnen melden würde. Doch nun lag sie noch immer im Tiefschlaf, und er begann sich zu fragen, ob es nicht besser sei, ihre Familie zu bitten, herzukommen und vielleicht auf diese Art zu versuchen, sie aus dem Koma zurückzuholen.
Dr. Robinson befürwortete die Idee, und Ben sprach mit Gregory darüber. Dieser zeigte sich äußerst großzügig.
„Schick Ihnen den Privatjet rüber nach Kansas, dann kann sich Casey Mitchum gleich in seinen neuen Job einarbeiten.“ meinte er.
Überrascht sah Ben ihn an.
„Bis Kansas sind es über 3000 Meilen, und Du weißt so gut wie ich, dass er diese Strecke nicht allein fliegen darf.“
Ungehalten sah Gregory auf.
„Dann soll er sich in Gottes Namen einen Co- Piloten besorgen! Um was soll ich mich denn noch alles kümmern!“
Ben schluckte eine passende Antwort hinunter, um seinen Geschäftspartner nicht unnötig zu reizen und zuckte stattdessen nur mit den Schultern.
„Na schön, ich werde sehen, was ich machen kann.“ meinte er, verließ das Büro und fuhr hinaus zum Flughafen, wo Casey, seit Gregory ihn eingestellt hatte, meist zu finden war.
„Laß die Kiste nochmal gründlich durchchecken.“ meinte er, „bis Kansas ist es kein Katzensprung. Vom Flughafen aus nimmst Du Dir einen Mietwagen und holst Megs Eltern auf der Ranch ab. Du wirst es schon finden, musst Dich halt durchfragen.“ Er übergab Casey die nötigen Papiere. „Allerdings brauchst Du einen Co-Piloten. Das könnte ein Problem werden.“
Casey schüttelte den Kopf.
„Keine Sorge, ich hab da schon eine Idee.“
„Schön.“ Ben klopfte ihm auf die Schulter. „Ruf mich bitte an, sobald Du in Ludlow angekommen bist.“
Casey nickte.
„Geht klar. Ich starte gleich morgen früh.“ Er strich sich durch sein widerspenstiges, blondes Haar und sah Ben fragend an. „Meinst Du, es bringt was, wenn Megs Eltern hier herkommen und sie so sehen?“
Ben zuckte die Schultern.
„Ich weiß es nicht. Aber es ist eine Möglichkeit, und wir müssen ganz einfach jede Chance nutzen, damit sie wieder aufwacht.“
Als Ben ins Büro zurückkehrte, beendete Gregory gerade lautstark ein Telefonat.
Ben warf Elisabeth einen fragenden Blick zu, doch die verzog nur das Gesicht.
„Der Staatsanwalt...“ flüsterte sie. „Die beiden haben sich furchtbar angeschrien.“
Nichts Gutes ahnend betrat Ben das Büro seines Geschäftspartners.
Gregory schnaufte wütend.
„Dieser arrogante, inkompetente Bürokrat!“ wetterte er los. „Er will mir eins auswischen, nur deshalb tut er das. Er weiß genau, dass er sonst keine Chance gegen mich hat!“
Ben grinste.
„Wie wäre es, wenn Du mir erstmal erklärst, um wen oder um was es überhaupt geht?“
„James T. Baker, unser ehrenwerter Staatsanwalt hier in Sunset Beach gibt sich die Ehre!“ Gregory begann, erbost im Zimmer auf und ab zu laufen. „Dieser Aasgeier nutzt seine Position schamlos aus, um mir eine reinzuwürgen! Und das ganze nur, weil wir in der Vergangenheit ein paar mal aneinandergeraten sind und ich ihm seine Grenzen gezeigt habe!“
„Also, dass Baker und Du nicht gerade die besten Freunde seid, ist ja allgemein bekannt.“ stimmte Ben zu. „Was hat er sich denn diesmal Besonderes ausgedacht, dass es Dich derart auf die Palme bringt?“
Gregory blieb stehen und blitzte Ben wütend an.
„Er hat es tatsächlich geschafft, dass der Prozess gegen Mark schon morgen beginnt.“
„Was?“ Ben glaubte sich verhört zu haben. „Ist denn die Beweisaufnahme schon abgeschlossen?“
„Von meiner Seite noch nicht.“ erwiderte Gregory erbost. „Ich habe bereits mit dem zuständigen Richter Rücksprache gehalten, aber Baker war anscheinend schneller und hat den Alten buchstäblich um den Finger gewickelt. Die beiden sind sich einig, ich hätte genügend Zeit gehabt, die nötigen Beweise für die Unschuld meines Mandanten zu sammeln und mich auf den Prozess gründlich vorzubereiten.“ Er griff sich an die Stirn. „Dabei interessiert es die Herren einen feuchten Dreck, was mir privat in der Zwischenzeit alles passiert ist.“
„Und natürlich bist Du noch nicht soweit, um Mark souverän rauszuboxen?“ stellte Ben beunruhigt fest. Gregory schüttelte den Kopf.
„Natürlich nicht, und das weiß dieser Bastard ganz genau! Er hätte ja sonst mit seiner lächerlichen Anklage gegen Mark überhaupt keine Chance. Aber so habe ich nur Caitlins Zeugenaussage und bestenfalls noch die Loyalitätsaussagen von verschiedenen Leuten, mit denen Mark befreundet ist.“
„Was ist mit der Aussage, die dieser Tim Truman gemacht hat?“ erkundigte sich Ben. Gregory winkte resigniert ab.
„Kannst Du vergessen. Das, was er ausgesagt hat, war nichtssagend und widersprüchlich, das wird uns nichts weiterhelfen. Im Gegenteil, wenn er vor Gericht so herumstottert, wie bei Ricardo auf dem Revier, schadet er Mark mehr, als er ihm nützt. Ich habe nicht vor, ihn als Zeugen aufzurufen. Baker würde ihn im Zeugenstand mit Begeisterung zerpflücken. Ich sage Dir, der würde Mark nur zu gerne diesen Mord anhängen und ihn mit der Höchststrafe in die Todeszelle schicken, nur um mir eins auszuwischen und mich wie einen kompletten Idioten dastehen zu lassen!“
Ratlos trat Ben ans Fenster und starrte hinaus.
„Und was nun?“
Gregory lachte böse.
„Ich weiß zwar noch nicht ganz, wie, aber ich werde ihm die Suppe versalzen. Notfalls muss ich mir diesen Tim nochmal vorknöpfen.“
„Hält der sich immer noch in der Stadt auf?“ erkundigte sich Ben und fragte sich insgeheim, ob Gregory wusste, dass es sich bei dem jungen Mann um Megs Exverlobten handelte.
„Tja, da brauche ich nur meine Tochter zu fragen, sie scheint sich ziemlich gut mit ihm zu verstehen. Immerhin waren die beiden ja in besagter Nacht zusammen.“
„Dann kennt Caitlin ihn also ziemlich gut?“
Gregory atmete tief durch.
„Ich hab keine Ahnung. Früher wusste ich ganz genau, was in meiner Familie vor sich geht, aber momentan darf man nicht einmal fragen, ob sie gesund sind, ohne das der ganze Verein gleich eine unrechtmäßige Einmischung dahinter vermutet und zu rebellieren beginnt!“
Ben musste lachen.
„Du hast es wirklich nicht leicht, mein Lieber!“ Er überlegte kurz. „Ich mach Dir einen Vorschlag... ich kümmere mich in den nächsten Tagen hier um alles, dann kannst Du Dich voll auf den bevorstehenden Prozess konzentrieren und eine perfekte Verteidigungsstrategie für Mark ausarbeiten.“
Überraschenderweise stimmte Gregory sofort zu.
„Tu das, ich weiß ja, dass ich mich auf Dich verlassen kann.“
Ben nickte.
„Allerdings.“ Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal um, bevor er den Raum verließ.
„Gregory? Du musst es schaffen, Du musst Mark freibekommen. Wir wissen alle nur zu gut, dass er nicht getan hat, wofür sie ihn anklagen! Gib Dein Bestes!“
Rae machte große Augen.
„Du fliegst nach Kansas? Das ist aber... weit entfernt!“
Casey grinste.
„Ist das ein Problem für Dich?“
Sie drehte sich schnell weg und beschäftigte sich intensiv weiter mit dem Salat, den sie zum Abendessen zubereitete.
„Nein. Überhaupt nicht! Wieso sollte es!“
„Okay“ Er trat unbemerkt näher an sie heran. „Dann ist es ja auch nicht so schlimm, wenn ich mal zwei Wochen nicht da bin.“
„Waaas?“ Sie fuhr herum, musste aber erschrocken feststellen, dass er direkt vor ihr stand. Seine blauen Augen musterten sie amüsiert.
„Reingefallen, Doktor Chang!“ lachte er schelmisch. „Ich bleibe nur einen Tag... oder besser gesagt, eine Nacht weg. Kommst Du solange ohne mich aus?“
Verlegen und wütend zugleich versetzte Rae ihm einen kräftigen Stoß gegen seine Brust, so dass er zwei Schritte zurückgehen musste. Schnell verließ sie den „Gefahrenbereich“ und begann etwas hektisch, den Tisch zu decken.
„Du bist unmöglich, Casey!“ meinte sie missbilligend.
„Ich weiß...“ stimmte er überraschenderweise scheinbar reumütig zu. „Aber das passiert mir immer nur in Deiner Nähe!“
„Dann sollten wir uns vielleicht besser in Zukunft aus dem Weg gehen.“ konterte sie, aber ihr Blick verriet ihm, dass dies alles andere als ernst gemeint war. Er legte einfach die Arme um ihre schmale Taille und zwang sie auf diese Art, ihn anzusehen. Ohne auf ihren Widerstand zu achten, meinte er:
„Weißt Du, Rae, solche ernsten Themen sollte man wirklich nicht in der Küche bereden!“
Sie zog die Augenbrauen in die Höhe und gab es endlich auf, sich aus seiner Umarmung befreien zu wollen.
„Und... wo sollten wir sonst reden?“ fragte sie zögernd.
Casey zwinkerte ihr zu.
„Das Abendessen läuft nicht weg. Komm mit...“ Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich fort, die Treppe hinauf.
„Wo... wo willst Du denn hin?“ rief Rae lachend.
„In mein Schlafzimmer!“ erwiderte er, als sei dies ganz selbstverständlich.
„Waaas?“ Nun brachte er sie schon zum zweiten Mal in kürzester Zeit aus der Fassung. Sie blieb wie angewurzelt stehen.
„Meine Güte!“ Casey verdrehte die Augen. „Das manche Frauen aber auch alles falsch verstehen müssen! Los, komm mit, es ist nicht, was Du denkst!“
„Woher weiß er, was ich denke...“ murmelte Rae irritiert und folgte ihm misstrauisch. Sie durchquerten sein Zimmer und traten hinaus auf den Balkon.
„Voilà Mademoiselle!“
Mit weit ausholender Armbewegung wies Casey hinaus auf das Meer, in dessen Wellen sich die untergehende Sonne in den schönsten Farben spiegelte und den Horizont in ein leuchtendes Gemälde verwandelte, wie es kein Maler schöner hätte darstellen können.
Fasziniert blickten sie auf dieses Schauspiel der Natur, und diesmal störte es Rae überhaupt nicht, dass Casey dabei seinen Arm sanft um ihre Schultern legte.
„Das ist so romantisch“ flüsterte sie und lehnte sich aufseufzend an ihn. So standen sie eine Weile und ließen diesen herrlichen Sonnenuntergang einfach auf sich wirken.
„Weißt Du was, Rae?“ sagte Casey plötzlich leise. „Wenn Meg wieder gesund ist, dann fahren wir alle mit dem Boot hinaus, einfach der Sonne entgegen...“
Sie nickte.
„Du vermisst sie sehr, stimmts?“
„Wir vermissen sie alle. Vor allem Ben. Er wirkt so verloren, so unglücklich...“ Casey starrte aufs Meer hinaus. „Wenn ich mir vorstelle, dass...“
„Schsch...“ Rae legte einfach einen Finger auf seinen Mund. Er sah sie erstaunt an und wusste plötzlich, dass sie genauso fühlte wie er. Einer inneren Eingebung folgend ging er ins Zimmer, öffnete eine der Schubkästen und nahm etwas heraus.
„Schließ die Augen!“ sagte er lächelnd, als er wieder zu Rae auf die kleine Veranda trat.
Irritiert zog sie die Stirn in Falten.
„Was soll denn das werden, Casey?“
„Wart`s ab. Schließ die Augen!“
„Okay...“ Immer noch etwas zögernd tat Rae schließlich, was er verlangte. „Was tust Du denn da?“ fragte sie unsicher, als sie fühlte, wie er sie leicht im Nacken berührte.
„Jetzt kannst Du sie wieder aufmachen.“
Rae sah erstaunt, dass es ein dünnes goldenes Kettchen war, das er ihr um den Hals gelegt hatte. Daran war ein Anhänger, klein, rund und von strahlend blauem, in zartem Gold eingefassten Glas, in dessen Mitte ein winziger schwarzer Punkt zu erkennen war.
„Casey...“ flüsterte sie erstaunt, „was ist das?“
„Der Anhänger ist ein Glücksbringer.“ erklärte Casey. „Meine Mutter hat ihn mir von einer Reise in die Türkei mitgebracht. Die Menschen dort nennen dieses Symbol das „Auge Allahs“, ihres Gottes, den sie verehren. Sie glauben, wenn sie diesen Anhänger tragen, beschützt er sie in allen Lebenslagen.“ Er strich Rae mit seinen Fingerspitzen vorsichtig über die Wange. „Ich möchte, dass Du ihn trägst, und dass er von jetzt an immer ein wachsames Auge auf Dich hat!“
Sie sahen einander an, und während die untergehende Sonne ihre Gesichter in ihr geheimnisvolles, zauberhaftes Licht hüllte, fanden sich ihre Lippen endlich zu einem langen unendlich zärtlichen Kuss.
Caitlin stand am Fenster und starrte gedankenverloren hinaus. Der geheimnisvolle Telefonanruf vor ein paar Tagen in Tims Hotelzimmer ging ihr einfach nicht aus dem Sinn. Sie hatte noch lange, nachdem der unbekannte Anrufer aufgelegt hatte, dagestanden und fassungslos den Hörer angestarrt. Die Worte, so drohend und voller Hass, hallten noch immer in ihrem Kopf nach und verursachten ihr eine Gänsehaut. Wer war das gewesen, und vor allem, was hatte er gewollt? Was konnte Tim Schlimmes getan haben, dass dieser Unbekannte solche Drohungen gegen ihn aussprach? „DU ELENDER VERRÄTER...“ Wen hatte Tim verraten? Die Stimme des Mannes hatte wütend und gefährlich ernst geklungen, das war kein Spaß gewesen, und Caitlin hatte, während er sprach, das Gefühl gehabt, als ob ein eiskalter Hauch ihren Nacken streifte. „DAFÜR WIRST DU BITTER BEZAHLEN; PARTNER...“
Partner? Wessen Partner? Caitlin schüttelte verständnislos den Kopf.
„WIR RECHNEN NOCH MITEINANDER AB...“
Sie hatte Tim seit jenem Morgen nicht wieder gesehen, und sie wollte ihm auch nicht hinterherlaufen, also hatte sie sich verbissen auf ihre Studienaufgaben gestürzt, aber sie musste bald erkennen, dass dies nichts an ihrem Problem änderte.
„Ich muss Tim finden und ihm von dem Anruf erzählen“ beschloss Caitlin. „bevor ihm irgend etwas Schreckliches passiert!“
Eddie Connors saß in seinem schäbigen Sessel, die Beine auf dem Tisch, schlürfte einen Kaffee und grinste böse vor sich hin.
Tim Truman aus Kansas... Dieser blutige Anfänger, er würde zittern nach seinem Anruf, und er hatte allen Grund dazu, denn er würde ihn lehren, dass man seine Kumpane niemals verriet, noch dazu an die Bullen, das war doch wirklich das Letzte! Natürlich hatten sie ihn sofort befragt, nachdem Gregory Richards dämliches Töchterlein ihren großen Mund nicht halten konnte und ihnen seinen Namen nannte, den sie angeblich in dem Gespräch zwischen Ramon und Scotti gehört hatte, aber Eddie war mit allen Wassern gewaschen und hatte sich natürlich ein Alibi verschafft, das sie ihm, zumindest für den Augenblick, glauben mussten.
Eddie kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf.
Wieso hatte Tim geredet? Er war ziemlich naiv, aber doch nicht so sehr, dass er Eddies Warnung nicht ernstgenommen haben könnte... Es sei denn, jemand hatte ihn dafür bezahlt! Aber wenn das der Fall war, dann wollte er einen fürstlichen Anteil, das war gewiss, ansonsten...
Während Eddie noch darüber nachdachte, wie er mit Tim abrechnen würde, begann das Telefon zu klingeln.
„Ein R- Gespräch aus Übersee!“ informierte ihn die unverbindlich freundliche Stimme einer Dame am anderen Ende der Leitung, „übernehmen Sie die Kosten, Sir?“
„Ja, verbinden Sie.“ knurrte Eddie unfreundlich und trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Das konnte nur Del Douglas aus Tokio sein. Nun ließ ihn dieser Bastard auch noch seine Telefonate bezahlen!
Als er nach ein paar Sekunden die Stimme von seinem Boss vernahm, gab er sich jedoch gespielt freundlich.
„Hallo Del, wie geht’s Ihnen? Wie laufen die Geschäfte?“ Er lauschte aufmerksam in den Hörer und seine Miene verfinsterte sich zusehends. „Verdammt!“ brachte er schließlich zwischen den Zähnen hervor. „Das kann ich unmöglich allein durchziehen, Del, ich brauche mindestens zwei Leute an meiner Seite, und Sie wissen ja, Ramon und Scotti sind untergetaucht... nein, ich wüsste auch niemanden, der so vertrauenswürdig wäre... außerdem ist es viel zu riskant...“ Del schien ihn ungeduldig zu unterbrechen, denn Eddie rollte genervt mit den Augen. „Vielleicht sollten wir noch warten...“ Er hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg, um dem wütenden Gebrüll zu entgehen. „Nein, ich will den Preis nicht in die Höhe treiben, Del... Okay, auf Ihre Verantwortung!“ Er atmete tief durch. „Wann? Morgen Abend... ja, ich tue, was ich kann... natürlich.“
Als er auflegte, war seine gute Laune dahin. Er hatte kein gutes Gefühl bei diesem Auftrag, nein, wirklich nicht!
Seit Tagen hatte Annie darauf gewartet, dass Jude noch einmal bei ihr auftauchen und sich vielleicht sogar für sein reichlich merkwürdiges Benehmen an jenem Morgen entschuldigen würde, aber nichts dergleichen geschah. Er ließ sich nicht blicken.
Sie humpelte auf die Veranda und blickte neugierig über die Brüstung zum angrenzenden Nachbarhaus. Ben war auch noch nicht heimgekommen, drüben war alles still.
Schließlich hielt es Annie nicht mehr in dem leeren Haus aus. Sie rief sich ein Taxi und fuhr zum Sunset Memorial. Dort erfragte sie bei der Schwester das Krankenzimmer von Meg Cummings.
Sie zögerte einen Moment, doch dann klopfte sie leise an und trat ein.
Meg lag in ihrem Bett, und Annie musste sich widerwillig eingestehen, dass die junge Frau selbst nach einer Woche Koma noch immer diese Natürlichkeit und Anmut besaß, um die sie sie von Anfang an glühend beneidet hatte.
Ben saß neben dem Bett und Annie sah, dass sein Kopf am Bettgestell neben Megs Kopf lehnte. Er schlief.
Sie trat vorsichtig näher und betrachtete sein schlafendes Gesicht. Er wirkte erschöpft und übernächtigt, und Annie verspürte plötzlich tiefes Mitleid mit dem Mann, mit dem sie seit Jahren eine Freundschaft verband, die sie sehr schätzte, obwohl ihre einseitige, unerfüllte Liebe zu ihm sie oft schmerzte. Sie hob den Arm und wollte ihm zärtlich übers Haar streichen, doch als sie sah, dass er liebevoll Megs Hand in seiner hielt, zuckte sie zurück und nickte resigniert. Ein bitterer Zug umspielte ihre vollen roten Lippen.
„Er wird Dir niemals gehören, Poopsie!“ hörte sie in Gedanken die Stimme ihrer Tante Bette, die es immer gut mit ihr meinte und deren mütterliche Ratschläge sie vermisste, seit diese verreist war. Annie trat zurück und nickte gedankenverloren.
„Sie hat recht, Ben, Du wirst mir nie gehören.“ murmelte sie. Erstaunt stellte sie fest, dass ihr diese Erkenntnis bei weitem nicht mehr so weh tat wie früher. Seit einiger Zeit gelang es ihr sogar, Ben hin und wieder für ein paar Stunden aus ihrem Kopf zu verbannen, ihre Gedanken kreisten nicht mehr ständig nur um ihn. Manchmal vergaß sie ihn sogar ganz. Das waren die Momente, wo sie mit Jude zusammen war.
Jude... Annie seufzte kaum hörbar. Um nichts in der Welt würde sie zugeben, dass er ihr fehlte, nur, weil sie ihn mal ein paar Tage nicht gesehen hatte! Nein, soweit war sie noch lange nicht...
Vorsichtig, um mit ihrem Gipsfuß keinen Lärm zu machen, wollte sich Annie zurückziehen. Sie war fast an der Tür, als Ben aufschreckte.
„Annie?“ fragte er ungläubig und blinzelte gegen das Licht. „Was tust Du hier?“
Verlegen nestelte sie an ihrer winzigen Umhängetasche herum.
„Ich... ich wollte nur mal sehen, wie es Dir geht... und Meg natürlich!“
„Natürlich!“ Wider willens musste Ben grinsen. „Ihr beide steht Euch ja auch ziemlich nahe!“
„Du tust mir unrecht!“ schmollte Annie. „Auch wenn ich Meg nicht besonders gut leiden kann, tut es mir trotzdem leid, was ihr passiert ist.“ Sie drehte sich um und wollte gehen.
„Schon gut, Annie. Warte, ich begleite Dich.“ meinte Ben versöhnlich und erhob sich. Er strich Meg zärtlich übers Haar und küsste sie auf die Stirn. „Bis morgen früh, mein Liebling.“
„Glaubst Du, sie kann Dich hören?“ fragte Annie ungläubig.
Ben nickte.
„Ich hoffe es.“
Meg träumte von Wasser, viel Wasser, unendlich viel... Es hüllte sie ein und gab ihr ein Gefühl der Sicherheit. Sie ließ sich darin treiben, mal hinauf zum Licht, dann hinab in die Tiefe, aber sie berührte weder den Grund des Ozeans noch gelang es ihr, bis an die Oberfläche vorzudringen, sie bewegte sich schwerelos irgendwo dazwischen, so als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie zur Sonne wollte oder zurück ins Dunkel, wo sie keiner finden konnte.
Manchmal hörte sie leise Stimmen, aber um sie herum war niemand da, nur die sanften Wellen, die sie trugen, sie streichelten und wie blaugraue Nebel schützend einhüllten.
Sie fühlte sich seltsam wach und gleichzeitig doch nicht wach, und wenn die Stimmen im nirgendwo verebbten, war alles unheimlich still. Manchmal schien der Nebel sich in gleißendes Licht zu verwandeln, das sie blendete und sich dann allmählich wieder verdunkelte, so als wolle es sie beschützen.
Und manchmal sah sie im Geist sein Gesicht... aber sie konnte es nicht erreichen, so sehr sie sich auch bemühte, sie schwamm wie gegen einen Strom, und irgendwann erlahmten ihre Kräfte und sie ließ sich willenlos zurücktreiben...