Teil 43
Ben arbeitete sich gerade mühselig durch einige liegengebliebene Akten, als Gregory hereingestürmt kam. Seinem grimmigen Gesichtsausdruck und der Art nach zu schließen, wie er seinen noblen Lederaktenkoffer auf den Tisch knallte, schien der erste Tag der Verhandlung nicht allzu gut gelaufen zu sein.
Ben musterte ihn beunruhigt, stand dann auf und goss ihm einen Cognac ein, wohlwissend, dass sein Partner den jetzt wohl brauchen konnte.
„Na los, erzähl schon!“ forderte er ihn auf, „was ist schiefgelaufen?“
Gregory stürzte den Drink in einem Zug hinunter.
„So ziemlich alles!“ schnaufte er und begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. „Dieser Baker lässt nichts unversucht, Mark den Mord anzuhängen. Und zu allem Unglück hat auch noch unvorhergesehener Weise Richter Callaghan den Vorsitz übernommen!“
„Callaghan...“ überlegte Ben laut, „ist das nicht der, den Du damals, als er noch Staatsanwalt von Santa Monica war, in diesem Sensationsprozess ausgebootet hast? Als es um den Prostituiertenmord ging?“
Gregory verdrehte die Augen.
„Ich hab ihn nicht ausgebootet!“ protestierte er. „Ich hab ihm nur in einem privaten Gespräch unter vier Augen seine Inkompetenz und seine eigenen Schwächen vor Augen geführt!“ Er lachte leise. „Was kann ich dafür, wenn ich zufällig rausfinde, dass der Kerl in demselben Bordell verkehrte, wie die Ermordete!“
Ben grinste.
„Ja, ich erinnere mich. Du hast ihn mit diesem Wissen schlichtweg erpresst...“
„Erpresst! Was für ein gewöhnliches Wort! Er war einfach in diesem Fall voreingenommen und fehl am Platz. Das hat er ja dann auch eingesehen und den Fall abgegeben.“
„Ja“ Ben nickte und seine Lippen umspielte ein bitterer Zug, „und nun ist seine Stunde gekommen, Dir das heimzuzahlen. Leider auf Marks Kosten...“
Gregory machte eine unwirsche Handbewegung.
„Nun warte erst mal ab. Noch ist nicht aller Tage Abend!“
„Was war mit Caitlins Zeugenaussage?“ erkundigte sich Ben vorsichtig.
„Abgeschmettert. Baker, dieser Mistkerl, hat meine Tochter im Zeugenstand regelrecht zerpflückt. Er unterstellte ihr sogar, sie hätte Douglas` Namen nur auf meinen Rat hin genannt, um meinem ehemaligen Geschäftspartner eins reinzuwürgen!“
„Warum solltest Du?“ meinte Ben erstaunt. „Ihr habt Euch in bestem Einvernehmen getrennt!“
Gregory schnaufte böse.
„Es passt mir angeblich nicht, dass seine Tochter jetzt ihre habgierigen Klauen mit in der Firma hat! Keine Ahnung, wie er darauf kommt.“
„Wie dem auch sei...“ Ben massierte sich angespannt seine schmerzenden Schläfen, „dann hast Du ja immer noch die Aussage von diesem Tim Truman.“
„Mh“ brummte Gregory wenig begeistert, „davon verspreche ich mir, um es mal vorsichtig auszudrücken, auch nicht allzu viel. Im Vernehmungsprotokoll steht, dass er sich nicht erinnern kann, auch nur einen einzigen Namen in jener Nacht gehört zu haben.“ Er nahm die Flasche und goss sich einen neuen Drink ein, den er ebenso hastig trank wie den ersten. „Wir brauchen was Greifbares, jemand, der bezeugt, dass er alles gesehen hat... ach verdammt, ich geh jetzt nach Hause und versuche, den Kopf etwas frei zu bekommen, dann sehen wir weiter.“ Er nahm seinen Aktenkoffer. „Gibt es sonst noch was Wichtiges?“
Ben nickte.
„Für unser Ferienprojekt sind Bewerbungen verschiedener Promotionfirmen eingetroffen, und einige Unternehmen wollen schon vorab Verträge abschließen. Sie versprechen sich eine hohe Publicity, wenn sie sich nach Fertigstellung des Projekts hier den Kunden präsentieren können.“
„Stimmt, und uns bringt es zusätzliche Einnahmen.“ nickte Gregory. „Gut“ er holte tief Luft, „überprüf die Antragsteller und mach Termine für verschiedene Gespräche. Was wir brauchen, ist eine wirklich gute Werbefirma. Dann ein paar Bewerber aus der Gastronomie, gehobene Klasse natürlich, aber erschwinglich für die Kunden, vielleicht auch was aus der Modebranche, mit gewissen Präsentationen, die zahlungsfreudige Kunden anziehen und uns die Aufmerksamkeit der Medien garantieren. Wenn Du Dir bei irgend einem Bewerber nicht sicher bist, frag mich, ansonsten lass mich damit in nächster Zeit möglichst in Ruhe, ich muss sehen, dass ich den Prozess gewinne. Ach übrigens...“ er zog die Stirn in Falten, „wie geht es Meg?“
„Ihr Zustand ist unverändert.“ erwiderte Ben, und die bloße Erwähnung ihres Namens verursachte ihm eine regelrechten Stich ins Herz. „Sobald ich hier fertig bin, gehe ich wieder zu ihr in die Klinik.“
Gregory nickte.
„Tu das.“ Er öffnete die Tür. „Bis morgen, Ben.“
„Um Gottes Willen, mein armes Kind!“ rief Joan entsetzt, als Megs Familie später vollzählig mit Casey und Peter am Abendbrotstisch saß. Mister und Misses Cummings waren kurz nach Saras Attacke auf die ihr unbekannten Besucher auf der Farm eingetroffen, nachdem sie noch schnell einige Vorräte im Ort eingekauft hatten.
„Reg Dich nicht auf, Mum“ grummelte Sara mit vollem Mund, „Meg ist nicht aus Watte, die wird schon wieder!“ Sie nahm ihrer Mutter übel, dass diese ihr nicht erzählt hatte, dass sie Besuch aus Sunset Beach erwarteten und sie sich deshalb vorhin so unsterblich vor diesem äußerst attraktiven jungen Mann blamiert hatte. Was mochte der nun von ihr denken?
Joan holte tief Luft, um ihre Tochter zurechtzuweisen, doch Casey lächelte ihr beruhigend zu.
„Sara hat recht, Mrs. Cummings, Meg ist eine Kämpfernatur!“
Joan lächelte geschmeichelt.
„Ja, das ist sie.“ erwiderte sie mit glänzenden Augen. „Diese Eigenschaft hat sie von ihrem Vater.“ Sie nickte ihrem Mann bestätigend zu. Sara verdrehte genervt die Augen und wandte sich wieder an Casey.
„Erzählen Sie doch ein bisschen mehr von Sunset Beach!“ forderte sie ihn auf. „Wohnen Sie wirklich mit meiner Schwester unter einem Dach?“
Casey lachte.
„Ja, das stimmt.“ Er bemerkte Joans forschenden Blick und korrigierte schnell: „Genaugenommen teilen wir uns das Haus unter mehreren Personen. Meg hat Ihnen ja sicher davon erzählt.“
„Ja, das hat sie in der Tat.“ nickte Joan. „Aber soweit ich mich erinnern kann, ist das Ihr Haus, Mister Mitchum.“
„Casey“ verbesserte er lächelnd, „bitte nennen Sie mich Casey, und das ist mein Freund Peter.“
Nachdem man sich auf die weniger förmliche Anrede geeinigt hatte, erzählte Casey ausführlich von seinen Mitbewohnern und dem Leben in Sunset Beach. Die Cummings hörten aufmerksam zu, und er bemerkte, dass Sara förmlich an seinen Lippen hing.
Jetzt, nachdem sie sich geduscht und umgezogen hatte, sah er erst, wie hübsch sie eigentlich war, obwohl sie auf den ersten Blick mit ihrer Schwester nicht allzu viel Ähnlichkeit zu haben schien. Nur die Augenpartie war die gleiche, sie hatte außergewöhnlich strahlende, blaue Augen, die ihn mit unverhohlener Neugier musterten. Er schätzte sie auf höchstens Zwanzig, aber die Art, wie sie zuweilen die schön geschwungenen Lippen verzog und energisch das Kinn vorstreckte, zeugte davon, dass sie sich sehr wohl im Leben durchzusetzen wusste.
Ihr schulterlanges, blondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der bei jeder Kopfbewegung lustig auf und ab wippte. Sie trug Jeans und eine karierte Bluse, die ihre schlanke, aber durchaus frauliche Figur sehr vorteilhaft betonte.
„Und wie ist ihr Freund so, dieser... wie heißt er doch gleich...Ben?“ forschte sie unbeirrt weiter, obwohl ihrer Mutter diese neugierige Fragerei peinlich zu sein schien.
„Ben Evans?“ Casey lachte. “er ist schlank, dunkelhaarig und sehr attraktiv, wenn es das ist, was Sie interessiert, Sara.” Er wandte sich an Hank und Joan. „Ben ist einer meiner besten Freunde, seit er vor einigen Jahren aus England in unsere Stadt gezogen ist. Er ist Teilhaber der Liberty Corporation, einer sehr erfolgreichen Immobilienfirma.“
Hank nickte.
„Meg scheint ihn sehr zu mögen.“
„Ja, bei den beiden war es wohl die berühmte Liebe auf den ersten Blick“ stimmte Casey zu, „und das auch noch 8000 Meter über dem Meer, sozusagen zwischen Himmel und Erde.“
„Wie romantisch!“ Wieder bekam Joan feuchte Augen.
Sara räusperte sich energisch.
„Und nun sollen wir versuchen, Meg aus dem Koma zu erwecken?“
„Ja, ein Versuch ist es wert. Megs Ärzte sind der Meinung, wenn sie die Stimmen vertrauter Menschen hört, könnte das sehr hilfreich sein.“
Peter, der bisher geschwiegen hatte, nickte.
„Unsere Maschine steht in Kansas City, und wir dachten, wir könnten Sie morgen nach Sunset Beach fliegen.“
Hank und Joan tauschten einen vielsagenden Blick.
„Also da gibt es ein Problem...“ begann Hank zögernd, „verstehen Sie mich bitte nicht falsch, meine Herren, ich liebe meine Tochter sehr und mache mir die allergrößten Sorgen um Meg, aber wir sind hier auf einer Ranch, die bewirtschaftet werden muss, mit einer Viehherde und einem Stall voller Pferde. Und es ist Erntezeit. Ich kann im Augenblick unmöglich hier weg, auch wenn ich das noch so gern möchte. Unsere gesamte Existent hängt daran, dass dieses Anwesen funktioniert. Aber meine Frau könnte natürlich...“
„Auf jeden Fall werde ich mit nach Sunset Beach kommen!“ fiel ihm Joan hastig ins Wort. „Ich bin morgen früh reisefertig.“
„Und ich werde Dich begleiten.“ fügte Sara wie selbstverständlich hinzu.
„Du?“ Joan ließ das Besteck, das sie in den Händen hielt, sinken. „Auf keinen Fall, Sara! Du wirst Deinem Vater auf der Ranch helfen, außerdem hast Du Vorlesungen, die Du nicht versäumen darfst!“
„Ach was...“ Sara sprang auf. „Daddy hat seine Hilfsarbeiter, die ihm während der Ernte hier zur Hand gehen.“ Sie trat zu ihrem Vater und legte die Arme um seinen Hals. „Nicht wahr, Daddy?“
Hank lächelte.
„Du kannst Deine Mutter ruhig begleiten, vielleicht hilft es Meg, wenn sie Eure Stimmen hört und spürt, dass Ihr beide ihr beisteht. Außerdem hast Du doch sowieso Semesterferien!“
„Stimmt!“ grinste Sara, bevor ihre Mutter etwas erwidern konnte. „Ich geh nach oben und packe meine Sachen! Spätestens morgen Abend sind wir bei Meg!“
Den ganzen nächsten Tag lang hatte Rae sich auf Caseys Rückkehr gefreut. Der Gedanke an ihn schien sie regelrecht zu beflügeln, und wenn sie sich unbeobachtet fühlte, sah sie sich in Gedanken wieder Arm in Arm mit ihm auf seinem kleinen Balkon stehen, wo sie gemeinsam die untergehenden Sonne betrachtet und sich zum ersten Mal geküsst hatten, und wo sie sich in diesen Momenten so unendlich nah gewesen waren, wie noch nie zuvor, seit sie sich kannten. Ein verträumtes Lächeln glitt über ihr Gesicht, während ihre Fingerspitzen den kleinen runden Glücksanhänger an ihrer Halskette berührten, den ihr Casey geschenkt hatte.
Nach Dienstschluss fuhr sie zum Supermarkt und kaufte alles für ein gemütliches Abendessen zu zweit ein. Sie würde ein leckeres Chop Suey zubereiten, genau wie Casey es so gerne mochte.
Mit zwei vollgepackten Einkauftüten im Arm stand sie schließlich vor dem Surf Center und kramte mühevoll ihren Schlüssel hervor, nachdem auf ihr Klingeln niemand öffnete.
„Na prima“ murrte sie und schloss umständlich die Tür auf, „wieder einmal alle ausgeflogen!“
In diesem Moment begann auch noch das Telefon zu läuten.
Hastig gab Rae der Tür einen Tritt, stellte ihre Einkäufe schnell auf den Wohnzimmertisch und nahm erwartungsvoll den Hörer ab, in der Hoffnung, Casey würde sich bereits vom Flughafen melden.
Am anderen Ende der Leitung jedoch ertönte eine ihr unbekannte, aufgeregte Männerstimme.
„Dr. Chang? Oh Gott sei dank, dass ich Sie erreiche! Ich habe ihre Privatnummer im Telefonbuch meiner Frau gefunden, nachdem man mir in der Klinik sagte, Sie hätten schon Dienstschluss!“
Rae zog erstaunt die Augenbrauen zusammen.
„Und wie kann ich Ihnen helfen, Mister...“
„Smith, Antony Smith!” erwiderte der Anrufer hastig. „Meine Frau... sie ist Patientin von Ihnen...“
`Smith` überlegte Rae angestrengt, das war ein sehr häufig vorkommender Name, doch ihr fiel keine Patientin ein, an die sie sich momentan erinnern konnte. Die panische Stimme des Mannes am Telefon riss sie aus ihren Gedanken.
„Dr. Chang, bitte... Sie müssen mir helfen, meine Frau ist die Treppe hinuntergestürzt, sie hat große Schmerzen und kann sich nicht bewegen... oh bitte, kommen Sie schnell!“
„Haben Sie die Ambulanz verständigt?“ fragte Rae pflichtbewusst.
„Nein... noch nicht, meine Frau will nur von Ihnen behandelt werden...“
„Okay“ Rae griff nach Stift und Notizblock. „Wo sind Sie, Mister Smith?“
„Huntington Street 11a, das Haus am Ende der Strasse! Bitte beeilen Sie sich, ich glaube, meine Frau wird ohnmächtig!“
„Ich bin in fünf Minuten da!“
Rae warf einen letzten bedauernden Blick auf ihre Einkaufstüten, dann nahm sie ihren Autoschlüssel. Huntington Street... das war am entgegengesetzten Ende der Stadt!
`Na gut, ich werde den Notarztwagen von unterwegs anrufen, dann kann ich mir in der Zeit, bis sie ankommen, schon selbst ein Bild von dem Zustand der Patientin machen!` überlegte sie, während sie in ihren Wagen sprang und eilig losfuhr.
Trudi nahm Raes Anruf entgegen.
`Eigenartig!` dachte sie, während sie die Ambulanz ausrief. Ein Mister Smith hat vorhin hier angerufen und gefragt, ob Dr. Chang noch Dienst hätte, und als sie ihm mitteilte, dass Rae bereits nach Hause gegangen sei, hatte der Anrufer einfach aufgelegt. Warum hatte er nicht gleich den Notdienst verständigt, wenn es so dringend war?
„Merkwürdige Leute gibt es...“ Trudi schüttelte missbilligend den Kopf und widmete sich weiter ihren Aufgaben.
Mit quietschenden Reifen hielt Rae wenig später am Ende der etwas abgelegenen Huntington Street. Die Strasse war menschenleer, und eigenartigerweise erwartete sie niemand vor besagtem letzten Haus, um sie einzuweisen.
Rae stieg aus und ging auf das Grundstück 11a zu. Es sah verlassen aus, nichts rührte sich.
„Wirklich eine einladende Gegend!“ murmelte Rae angesichts des total verwilderten Gartens, in dem das Unkraut und wild wucherndes Gestrüpp den Blick auf eventuell vorhandene Nachbarschaft gänzlich unmöglich machte. Hier war sie noch nie zuvor gewesen.
Das Gartentor stand offen und der kaputte Zaun sah aus, als würde er gleich in sich zusammenfallen. An der Tür war kein Namensschild.
„Mister Smith?“ rief Rae laut und vernehmlich, während sie kräftig an die Eingangstür klopfte. Knarrend gab die unverschlossenen Tür nach.
Rae zögerte. Sollte sie einfach hineingehen? Oder doch lieber auf ihre Kollegen vom Notdienst warten? Unsicher sah sie sich um.
Aber vielleicht ging es Misses Smith ja mittlerweile so schlecht, dass ihr Mann sie nicht alleine lassen wollte!
Das Pflichtbewusstsein der jungen Ärztin siegte schließlich über ihre Zweifel. Noch einmal rief sie Mister Smith` Namen, dann betrat sie, sich vorsichtig umsehend, das Haus.
Drinnen war es dunkel, es roch alt und muffig, wie lange nicht gelüftet oder... wie unbewohnt! Die Dielen knarrten unter Raes Füßen, und sie erschrak fürchterlich, als kurz vor ihr ein winziger Schatten vorbeihuschte. Eine Maus!
`Vielleicht bin ich hier doch auf dem falschen Grundstück!` überlegte Rae und atmete tief durch, um sich von dem Schreck zu erholen.
„Mister Smith? Wo sind Sie? Bitte antworten Sie doch!“
Hinter ihr knarrten die Dielen erneut.
„Ich bin hier, Dr. Chang!“
Rae fuhr herum, doch bevor sie den Mann erkennen konnte, der da im Gegenlicht der halb geöffneten Tür stand, traf sie etwas Schweres, Eisenhartes am Kopf, und sie sank bewusstlos zu Boden...