Mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen betrat Del Douglas das Hauptgebäude von Carter Electronics in der japanischen Hauptstadt und steuerte siegessicher auf einen der Fahrstühle zu. Während er nach oben fuhr, ging er noch einmal haargenau seinen Plan durch. Es würde klappen, diesmal würde er diesen arroganten Schnösel von Geschäftsführer ohne „Wenn“ und „Aber“ in die Tasche stecken...
Seine Hand umfasste den Griff des ledernen Aktenkoffers so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Hier war alles drin, was er brauchte, alle manipulierten Daten, die es ihm möglich machen würden, die Firma im Handstreich für bankrott erklären zu lassen und den Alten in L.A. damit fertig zumachen. Bis Carter etwas dagegen zu tun vermochte, würde es schon zu spät sein. Er würde einlenken müssen oder alles verlieren, und so wie Del ihn einschätzte, würde der lieber sterben, als sich mit ihm zu arrangieren.
Del lachte böse. Das sollte ihm nur recht sein...
Von hier aus würde es dann nur noch eine Kleinigkeit sein, Carter Electronics ganz zu übernehmen, denn dieser Teil der weltweit expandierten Firma war das Herzstück des ganzen, Tokio brachte den größten Umsatz und tätigte die besten Geschäfte.
Jetzt galt es, die Unterschrift des jungen, von Carter so geschätzten und als überaus loyal geltenden Geschäftsführers unter die entsprechenden Papiere zu bringen, dann war der Rest nur noch Formsache.
Bisher hatte dieser Wei Lee Young sich beharrlich geweigert, auf eine Zusammenarbeit mit ihm auch nur im Entferntesten einzugehen, aber das würde sich in wenigen Augenblicken ändern. Man musste nur die richtigen „Argumente“ finden... Und Del Douglas war der festen Überzeugung, sie gefunden zu haben.
Der Lift zeigte an, dass die Etage erreicht war, in der die Firmenleitung saß.
Er räusperte sich, rückte seine Krawatte zurecht und stieg aus.
Die Empfangsdame, eine überaus hübsche, junge Japanerin, sah ihm vom Empfangstresen aus erwartungsvoll entgegen.
„Was kann ich für Sie tun, Sir?“ fragte sie höflich in einwandfreiem Englisch.
Del musterte sie eingehend. Bei seinem letzten Besuch hatte eine andere hier gesessen. Oder doch nicht? Diese Japaner sahen irgendwie alle gleich aus!
`Frag mich das in einer Stunde noch mal, Schätzchen!` dachte er und grinste anzüglich.
„Ich bin mit Mr. Young verabredet.“
„Einen Augenblick, Mr. ...“ Die junge Frau sah ihn abwartend an.
„Douglas. Del Douglas“ säuselte Del, „den Namen sollten Sie sich gut merken!“
Unbeirrt sah die Empfangsdame in ihren Terminkalender.
„Sind Sie sicher, dass dieser Termin für heute vereinbart war, Sir?“ fragte sie höflich. „Ich habe hier gar keinen...“
„Dann haben Sie ganz einfach schlampig gearbeitet, meine Liebe.“ erklärte Del und seine Augen blitzten angriffslustig, während sein Tonfall weiter verbindlich freundlich blieb. „Würden Sie mich jetzt anmelden?“
Ohne auf seine Beleidigung einzugehen, wollte die junge Sekretärin die Sprechanlage betätigen, doch Del fasste blitzschnell über den Tresen und hielt ihre Hand fest.
„Nicht nötig... ich hab es mir anders überlegt, ich finde den Weg allein!“
„Ja aber, Mr. ...“ Sie sprang auf und wollte ihn zurückhalten, als sich die Tür öffnete und Wei Lee Young mit einer Akte in der Hand aus seinem Büro trat. Er war schlank und tadellos gekleidet, doch sein freundliches Lächeln verschwand angesichts des ungebetenen Gastes sofort.
„Was geht hier vor?“
Die Sekretärin atmete tief durch.
„Er behauptet, er hätte einen Termin mit Ihnen vereinbart!“
„Genauso ist es, Mr. Young.“ grinste Del und zog ein Foto aus seiner Jackentasche, dass er dem Geschäftsführer reichte. „Wir haben sogar einen ziemlich dringenden Termin.“
Wei Lee Young wurde zwar angesichts des Fotos sofort einen Schein blasser, bewahrte jedoch die für einen Japaner in jeder Lebenslage so geschätzte Haltung.
„Es ist schon gut, May Ling“ nickte er seiner Vorzimmerdame verbindlich zu und wandte sich wieder an seinen Besucher. „Bitte, Mr. Douglas, folgen Sie mir in mein Büro.“
Casey hatte Joan und Sara gleich vom Flughafen aus zur Klinik gebracht, wo sie sich mit Ben treffen wollten. Joan hatte es abgelehnt, zuerst ins Hotel zu fahren, sie wollte sofort zu ihrer Tochter, um zu sehen, wie schlimm die Sache wirklich war. Irgendwie weigerte sich ihr Verstand zu akzeptieren, dass Meg in einer Art Koma lag und sie nicht mit jenem freudigen Lächeln begrüßen würde, dass der ganzen Familie so vertraut war, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Joan schluckte und schwor sich stark zu sein, für sich und für Sara, die das alles sowieso irgendwie viel leichter nahm. Den halben Flug hindurch hatte sie mit diesem Casey geschwatzt, und obwohl der junge Mann ihr ebenfalls sehr sympathisch war, schien es ihr doch schon fast peinlich, wie Sara ihn anhimmelte. Nun, sie kannte das etwas impulsive Wesen ihrer Jüngsten, wenn sie Casey ein paar Tage nicht sah, würde diese Schwärmerei sich gewiss schnell wieder legen.
Mit vor banger Erwartung auf das nun Kommende zitternden Knien stieg Joan aus dem Auto, bedankte sich bei Casey, der ihr hilfreich die Hand reichte und ging auf den Klinikeingang zu. Sara folgte ihr.
„Joan, Sara...“ Casey wies höflich auf den schlanken, dunkelhaarigen Mann, der ihnen ein paar Schritte entgegenkam, „darf ich vorstellen, das ist Ben Evans. Ben...“ wandte er sich an seinen Freund, „Joan Cummings, Megs Mutter, und Sara, ihre Schwester.“
Ben reichte beiden die Hand.
„Herzlich willkommen in Sunset Beach, Mrs. Cummings, auch wenn die Umstände Ihres Besuches leider nicht sehr erfreulich sind. Hallo Sara.“ sagte er freundlich.
Während Sara ihn mit unverhohlener Neugier betrachtete und man ihr deutlich ansehen konnte, dass seine ganze Erscheinung sie zu beeindrucken schien, brachte Joan ein mühsames Lächeln zustande.
„Guten Tag, Mr. Evans. Meg hat mir schon viel von Ihnen erzählt.“
Er nickte.
„Sie erzählt auch oft von Ihnen und von ihrer Heimat Kansas.“ erwiderte er höflich. „Bitte nennen Sie mich Ben.“ Er wandte sich kurz an Casey. „Ich danke Dir, dass Du die beiden gut hergebracht hast. Mach jetzt Feierabend, ich kümmere mich um alles Weitere.“
„In Ordnung, Ben.“ erwiderte Casey und schenkte Joan ein aufmunterndes Lächeln. „Ich wünsche Ihnen viel Glück, vielleicht bringt Ihr Besuch den erhofften Erfolg und Meg wacht endlich wieder auf. Ich werde morgen herkommen und schauen, wie es ihr geht. Wir sehen uns sicher noch.“
Joan nickte.
„Vielen Dank, Casey.“
„Musst Du wirklich schon gehen?“ fragte Sara und sah Casey enttäuscht.
Joan holte schon Luft, um ihre Tochter zurechtzuweisen, doch Ben kam ihr zuvor.
„Casey wird bestimmt schon zu Hause erwartet.“ meinte er und zwinkerte seinem Freund zu, während er den beiden Damen die Tür zur Empfangshalle öffnete. „Kommen Sie bitte. Ich bringe Sie jetzt zu Meg.“
Frohgelaunt schloss Casey die Tür zum Surf Center auf.
„Hallo, jemand zu Hause?“ rief er, bekam jedoch keine Antwort. Sicher waren alle anderen ausgeflogen, aber Rae musste da sein, ihre Handtasche und zwei dicke Einkauftüten standen auf dem Tisch. „Rae, Liebling! Ich bin wieder da! Ist das Essen fertig?“
Er grinste und lauschte gespannt, aus welcher Ecke des Hauses wohl ein bissiger Kommentar auf seine Bemerkung ertönen würde, aber nichts dergleichen geschah. Alles blieb still.
„Rae?“ Er ging nach oben, klopfte an ihre Zimmertür und stellte erstaunt fest, dass auch hier niemand war. Sollte sie noch mal weggegangen sein? Vielleicht ein Notfall in der Klinik?
Er nahm das Telefon und rief Trudi an.
„Ist Rae noch im Dienst?“
„Sie wurde vor etwa einer Stunde zu einem Notfall gerufen.“ erwiderte die Schwester. „Sie hat selbst noch den Notarztwagen angefordert.“
„Und wie lange wird das noch dauern?“ erkundigte er sich.
„Schwer zu sagen...“ überlegte Trudi. „Oh, warte Casey, der Wagen kommt eben rein.“
Casey lauschte angespannt in den Hörer und hörte Trudi mit den Sanitätern diskutieren, bevor sie ihm schließlich mitteilte: „Das ist komisch, die Männer sagen, sie sind zu der angegebenen Adresse gefahren, aber Rae war nicht da. Es war auch niemand zu finden, der einen Notfall gemeldet hatte.“
„Ist sie nicht auf ihrem Handy zu erreichen?“ fragte Casey verwundert.
„Nein, anscheinend ist es abgeschaltet.“
„Vielleicht habt Ihr Euch nur bei der Adresse verhört.“ vermutete Casey, „und Rae wartet ganz woanders auf den Einsatzwagen!“
„Das haben die Sanitäter auch erst gedacht, aber eigenartigerweise steht ihr eigener Wagen dort vor dem Haus. Und er ist nicht einmal abgeschlossen!“
Casey konnte förmlich spüren, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Hier stimmte etwas nicht! Rae war viel zu gewissenhaft, als das sie sich im Notfall eine Anschrift nicht genau merken würde und noch dazu ihren Wagen unverschlossen irgendwo herumstehen zu lassen.
„Gib mir die Adresse, Trudi!“ rief er und griff nach seinem Autoschlüssel.
Ben hatte dafür gesorgt, dass Joan Cummings und ihre Tochter ein erstklassiges Hotelzimmer im Sunset Inn bewohnten. Nach dem Besuch bei Meg brachte er die beiden dorthin und aß mit ihnen im Hotelrestaurant zu Abend. Allerdings schien keiner von ihnen den richtigen Appetit zu haben. Joan zeigte sich zwar höflich und Ben war ihr vom ersten Augenblick an äußerst sympathisch, aber sie konnte nicht verbergen, welche Enttäuschung und Niedergeschlagenheit sofort von ihr Besitz ergriffen hatte, nachdem sie Meg in ihrem Krankenbett hatte liegen sehen.
„Was hast Du denn erwartet, Mum?“ schalt Sara sie schließlich, „Dachtest Du, wenn sie Deine Stimme hört, springt sie auf, als sei nichts gewesen?“
„Ich weiß auch nicht“ seufzte Joan, „ich muss zugeben, dass ich mir gewünscht habe, sie würde die Augen aufschlagen, wenn sie uns hört.“
„Das wird bestimmt bald der Fall sein, Joan.“ versuchte Ben ihr Mut zu machen, obwohl er selbst einen gewissen Zuspruch dringend nötig gehabt hätte. „Dr. Robinson ist der Meinung, das es ganz plötzlich geschehen kann, das Meg wieder aufwacht. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.“
Joan schluchzte plötzlich auf und griff nach ihrem Taschentuch.
„Und wenn... wenn sie uns nun gar nicht erkennt? Ich meine, wer weiß, welche Auswirkungen dieses Zeug hatte, das man ihr gespritzt hat!“
„Mum!“ Sara legte ihrer Mutter beruhigend die Hand auf den Arm. „Beruhige Dich doch bitte!“
Joan schnäuzte sich geräuschvoll und blickte Ben verlegen an.
„Entschuldigen Sie, das ich die Fassung verloren habe, aber mein Mann und ich... wir lieben Meg und Sara über alles!“
Ben nickte mit zusammengepressten Lippen, bevor er leise sagte:
„Ich liebe Meg auch, Joan, das können Sie mir glauben. Ich liebe sie von ganzem Herzen, und genauso sehr hasse ich meinen Bruder für das, was er getan hat.“
Als Rae wieder zu sich kam, war es um sie herum stockfinster. Ihr Kopf schmerzte höllisch und sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Angestrengt versuchte sie sich zu orientieren, als sie in einem Anflug von Panik plötzlich bemerkte, dass ihre Hände gefesselt und ihre Augen mit irgend etwas verbunden waren. Auch über ihrem Mund klebte etwas. Allmählich fiel ihr alles wieder ein, der Notruf, ihre Fahrt in die Huntington- Street und wie sie dieses merkwürdige alte Haus betreten hatte. Und dann hatte sie irgend etwas am Kopf getroffen...
„Oh Gott!“ dachte Rae entsetzt, „Jemand hat mich dort überfallen!“ Sie versuchte sich zu bewegen, doch das war unmöglich.
„Sie an, unsere Prinzessin ist munter!“ hörte sie mit einem Mal eine Männerstimme, dann klappte eine Autotür und der Motor eines Fahrzeugs wurde angelassen. Rae begriff, dass sie sich auf dem Rücksitz irgend eines Autos befand. Sie stöhnte laut auf und wand sich verzweifelt, doch die Fesseln waren zu fest, um irgend etwas tun zu können.
„Das würde ich schön bleiben lassen.“ erklang wieder die fremde Stimme. „Verhalten Sie sich ruhig, Dr.Chang, dann wird Ihnen nichts geschehen. Wir machen nur einen kleinen Ausflug.“ Ein kurzes Anrucken signalisierte ihr, dass sich der Wagen in Bewegung setzte.
Zitternd versuchte sie, ihre panische Angst unter Kontrolle zu bringen, indem sie tief durch die Nase ein- und ausatmete.
Wer war dieser Fremde und was wollte er von ihr? Hatte er sie zu diesem Haus gelockt, um sie zu entführen? Aber warum? Sie war weder vermögend noch in irgend einer Weise einflussreich, ums Geld konnte es also nicht gehen. Oder brauchte jemand, der aus irgend welchen Gründen nicht erkannt werden wollte, vielleicht einen Arzt?
Rae schluckte. Was es auch war, sie konnte nur hoffen, dass sie nicht in die Hände eines unberechenbaren Psychopathen gefallen war.
Unwillkürlich dachte sie an Meg. Sie musste sich wohl genauso hilflos gefühlt haben, als Derek sie entführt hatte.
„Casey, hilf mir!“ flehte sie in Gedanken, während sie spürte, wie das Auto aus einem holprigen Weg abbog und dann auf einer glatten Strasse schnell beschleunigte.
Nach dem Essen fuhr Ben noch einmal in der Klinik vorbei. Er hatte einfach das Bedürfnis, noch eine Weile bei Meg zu sein, an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu halten.
Zärtlich strich er über ihre Wange und legte traurig seinen Kopf neben ihren auf das Kissen. Während seine Gedanken zurückwanderten zu jenem Tag, an dem er sie kennengelernt hatte, schlief er ein.
Er schreckte hoch, kurz bevor eine Schwester hereinkam um nach Meg zu sehen. Ben starrte sie benommen an.
„Ich glaube, sie hat sich eben bewegt!“ sagte er und blickte auf Megs Hand, die reglos in seiner lag. Die Schwester lächelte mitleidig.
„Sie haben geträumt, Mr. Evans.“ sagte sie.
„Nein, bestimmt nicht.“ beharrte Ben. „Ich habe es genau gespürt, eine Sekunde bevor Sie eben hereinkamen.“
„Das sind mitunter kurze Reflexe.“ versuchte die Schwester ihm zu erklären. „Ein Muskelzucken vielleicht. Aber wenn Sie möchten, werde ich natürlich Dr. Robinson rufen.“
Ben schüttelte resigniert den Kopf.
„Nein, nicht nötig. Danke.“
Die Schwester nickte ihm freundlich zu.
„Gehen Sie nach Hause und versuchen Sie auch ein wenig zu schlafen.“ sagte sie, bevor sie das Zimmer verließ.
Ben stand auf.
„Ich glaube, ich habe tatsächlich schon leichte Wahnvorstellungen.“ murmelte er. „Vielleicht sollte ich den Rat der Schwester befolgen und wirklich etwas schlafen.“ Er beugte sich hinunter und küsste Meg liebevoll auf die Wange. „Gute Nacht, Liebling.“
Er war schon fast an der Tür, als hinter ihm eine leise Stimme erklang.