Teil 45

 

Ben fuhr herum und starrte auf Meg.

Das war keine Halluzination... sie hatte die Augen geöffnet und ließ sie sekundenlang etwas desorientiert im Zimmer herumwandern. Ihre Stimme war nur ein Flüstern.

„Was ist passiert?“

Mit zwei Schritten war Ben bei ihr.

„Meg...“ Er berührte vorsichtig mit seinen Fingerspitzen ihre Wange, so als hätte er Angst, sie würde die Augen sofort wieder schließen und er hätte sich alles nur eingebildet, aber sie sah ihn an und lächelte unsicher.

Zärtlich nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände.

„Du bist tatsächlich aufgewacht... oh Gott, Meg, ich bin ja so froh!“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Du hast ziemlich lange geschlafen, mein Schatz, und allmählich haben wir uns alle Sorgen um Dich gemacht.“ erklärte er vorsichtig, da sie ihn etwas verständnislos anblickte.

„Wo bin ich denn hier?“

„Du bist im Krankenhaus.“ Ben lächelte. „Ich glaube, ich sollte jetzt nach Dr. Robinson klingeln, er wird sich ganz sicher ebenso freuen, dass Du aufgewacht bist.“

Während er den Notschalter über dem Bett betätigte, ließ er kein Auge von ihr, aus Angst, sie könnte einfach wieder einschlafen. Er strich ihr übers Haar und war einfach nur glücklich sie wiederzuhaben.

 

Später, als Dr. Robinson seine Patientin eingehend untersucht und Ben mehrmals versichert hatte, dass nun wirklich keine Gefahr mehr für Megs Leben bestünde, saß er wieder an ihrem Bett und hielt ihre Hand.

„Sie sollten trotzdem nicht mehr allzu lange bleiben, Ben“ mahnte Dr. Robinson, bevor er das Krankenzimmer wieder verließ, „Ihre Freundin braucht noch sehr viel Ruhe.“

„Wenn das wahr ist, was Sie mir erzählt haben, Doktor, dann habe ich doch in den letzten Tagen mehr als genug geschlafen!“ lächelte Meg.

„Trotzdem sollten Sie alles langsam angehen.“ erwiderte Tyus und zwinkerte ihr zu. „Schön, Sie wieder bei uns zu haben, junge Dame!“

 

„Und wie fühlst Du Dich?“ fragte Ben, als sie wieder allein waren.

„Müde...“ antwortete Meg, und sie mussten beide lachen.

„Weißt Du,“ sagte sie leise, „ich kann gar nicht glauben, dass ich fast eine ganze Woche hier gelegen haben soll.“ Sie überlegte einen Moment. „Aber meine Beine fühlen sich schwer wie Blei an, und ich kann mich erinnern, dass ich geträumt habe. Ich habe im Traum Deine Stimme gehört, und die von Casey und von Vanessa, und noch andere, und ich habe von meiner Mutter geträumt und von zu Hause. Sogar von meiner jüngeren Schwester...“

„Du hast nicht geträumt, Meg.“ sagte Ben lächelnd.

„Nein?“ erstaunt sah sie ihn an. „Du meinst, sie waren wirklich alle hier?“

Er nickte.

„Du hast viele Freunde in Sunset Beach. Sie haben Dich alle besucht und mit Dir geredet, während Du geschlafen hast, in der Hoffnung, dass Du dann wieder aufwachst.“

Meg zog nachdenklich die Stirn in Falten.

„Ich habe gar nicht wirklich geträumt?“ Plötzlich hellte sich ihr Gesicht wieder auf. „Willst Du damit sagen, sie sind auch da... Mum und Sara?“

Wieder nickte er.

„Ja Meg, die beiden sind hier. Aber es ist mitten in der Nacht, und ich möchte sie nicht wecken. Ich rufe sie morgen früh an und sage ihnen, dass Du munter bist. Dann werden sie Dich gleich besuchen kommen.“

„Oh Ben!“ Freudig streckte sie ihm die Arme entgegen und er beugte sich hinunter, damit sie ihn umarmen konnte. „Danke...“ flüsterte sie, und dann fanden sich ihre Lippen zu einem langen sehnsüchtigen Kuss, der Ben all die furchtbaren sorgenvollen Stunden der letzten Tage vergessen ließ.

 

Plötzlich löste sie sich von ihm und sah ihn mit großen Augen an.

„Derek!“ sagte sie erschrocken, „Wo ist er?“

Ben schluckte.

„Er kann Dir nicht mehr wehtun, Meg, nie mehr... Er ist tot.“

„Tot?“ Verständnislos starrte sie ihn an und Ben erzählte ihr kurz, was geschehen war.

Sie nickte und atmete tief durch.

„Es tut mir leid, Ben.“ sagte sie leise. „Schließlich war er Dein Bruder.“

Ben schüttelte den Kopf.

„Es braucht Dir nicht leidzutun, wirklich nicht.“ erwiderte er hart. „Für das, was er Dir angetan hat, hätte ich ihn eigenhändig getötet. Aber das hat sich ja nun erledigt.“

Nachdenklich strich Meg mit ihren Fingerspitzen über Bens Hand.

„Ich erinnere mich, wir haben gestritten, bevor Derek auftauchte. Über Maria...“ sagte sie und sah, wie Ben erschrocken die Luft anhielt.

„Meg, ich...“

Sie legte ihre Finger auf seine Lippen.

„Bitte tu mir einen Gefallen!“

In banger Erwartung sah er sie an.

„Ja?“

„Lass uns das Ganze vergessen, Ben, und bitte lass uns nie wieder darüber reden. Einverstanden?“

Und ob er das war!

Er nickte nur stumm und küsste sie erleichtert und unendlich glücklich, immer und immer wieder, bis sie lachend nach Luft rang.

„Meg...“ flüsterte er, „ich liebe Dich so sehr... Lass mich bitte nie mehr allein!“

 

 

 

„Was wollen Sie von mir, Mr. Douglas?“ fragte Wei Lee Young und musterte seinen Besucher abweisend, nachdem sich die Bürotür hinter den beiden geschlossen hatte.

„Ich möchte, dass Sie mir Ihre nicht unbeträchtlichen Stimmanteile an Carter Electronics überschreiben, Mr. Young.“ erwiderte Del in einem Plauderton, als würde er den Geschäftführer der Firma eben zu einem unverbindlichen Abendessen einladen. „Und zwar sofort.“

„Wie bitte?“ Wei Lee glaubte sich verhört zu haben, doch Del hatte dieses unnachahmliche hämische Grinsen auf dem Gesicht, das ihm sagte, dass seine Ohren ganz in Ordnung waren.

„Sie haben mich richtig verstanden, ich will Ihre Stimmanteile. Ich habe die notwendigen Überschreibungsurkunden schon dabei. Es fehlt nur noch Ihre Unterschrift.“ Er musterte sein Gegenüber und kostete es aus, den sonst so  beherrschten jungen Mann nun anscheinend doch überrascht zu haben.

„Warum sollte ich Ihnen meine Stimmanteile überschreiben, Mr. Douglas?“ fragte Wei Lee unsicher und schien zu ahnen, dass nichts Gutes folgen würde.

„Ganz einfach, mein Lieber...“ Del ging betont lässig um den Schreibtisch herum und setzte sich in Wei Lees Ledersessel. Genüsslich streckte er die Beine aus. „Weil Sie der Gegenleistung, die ich Ihnen dafür biete, mit Sicherheit nicht wiederstehen werden!“

Er griff zum Telefon.

„Hallo meine Schöne“ sagte er anzüglich, als die Sekretärin sich meldete, „Mr. Young möchte ein Gespräch in die Vereinigten Staaten führen, bitte schalten Sie die Leitung frei... Danke, Schätzchen!“

Während er Wei Lee, der zumindest äußerlich noch einigermaßen ruhig sein Treiben beobachtete, frech zuzwinkerte, wählte er eine Nummer.

Nach ein paar endlos erscheinenden Sekunden wurde am anderen Ende der Leitung abgenommen.

„Hallo Partner!“ rief Del gespielt freundlich, „alles klar bei Dir?“ Er lauschte und nickte kurz, die Antwort schien ihn zu freuen. „Gut, dann werde ich jetzt meinen Freund hier mal ans Telefon bitten...“

Mit einer einladenden Bewegung hielt er Wei Lee den Hörer entgegen, während er die Lautsprechertaste drückte. „Bitteschön, Mr. Young, hier möchte Sie dringend jemand sprechen...“

Zögernd und nichts Gutes ahnend griff Wei Lee nach dem Telefon und lauschte angespannt.

„Hallo? Hier spricht Wei Lee Young, Geschäftsführer bei Carter Electronics Tokio... wer ist denn dort?“

Es knackte ein paar mal in der Leitung, dann hörte er eine aufgeregte Frauenstimme und glaubte augenblicklich, das Blut müsse ihm in den Adern gefrieren.

„Wei Lee?... oh mein Gott, Wei Lee, bist Du das? Hier ist Rae...“

„Rae!“ rief er aufgeregt und umkrampfte den Hörer, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. „Rae, was... was hat das zu bedeuten? Wo bist Du?“

„Ich weiß es nicht, Wei Lee“ schluchzte Rae. „Ich werde hier von irgend welchen Leuten gefangengehalten. Sie haben mich entführt... Hilf mir, Wei Lee!“

 

Del lehnte sich grinsend zurück.

„Natürlich werden Sie ihr helfen, Mr.Young, gar keine Frage! Sie lieben sie doch... und wenn Sie genau das tun, was ich von Ihnen erwarte, dann wird Ihrer Frau Doktor auch nichts geschehen!“

 

 

 

Gabi fand in dieser Nacht einfach keinen Schlaf. Ruhelos wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Schließlich stand sie auf, um sich in der Küche eine heiße Schokolade zu bereiten.

Während sie sich an den Tisch setzte, starrte sie auf die Schatten, die das matte Licht der Notbeleuchtung auf die Wände warf. Sie konnte sich selbst nicht erklären, was sie so verwirrte, aber seit sie hier mit Antonios Familie gemeinsam unter einem Dach wohnte, wurde sie diese innere Unruhe einfach nicht los. Es war, als stünde sie ständig unter Spannung. War es Madame Carmens distanzierte, ja schon fast ablehnende Art ihr gegenüber, oder war es die Tatsache, dass Antonio sich hier nach und nach ganz anders benahm als vorher? Oder lag es an Ricardo, der ihr, obwohl sie es hartnäckig zu ignorieren versuchte, immer wieder mit seinem bloßen Erscheinen Herzklopfen verursachte? Sie fand keine Antwort darauf. Gedankenverloren nippte sie an ihrer verlockend duftenden Schokolade, als es plötzlich leise ans Fenster klopfte.

Gabi fuhr erschrocken zusammen und sah zur Uhr. Es war bereits weit nach Mitternacht. Wer konnte das sein, um diese Zeit?

Etwas zögernd ging sie zum Fenster und schob die Gardine beiseite. Einen Augenblick lang überlegte sie angespannt, woher sie den jungen Mann, der draußen stand, kannte, doch dann fiel es ihr schlagartig ein. Casey... natürlich, sie hatte ihn auf der Eröffnungsparty im Deep  kennengelernt, als er hinter der Bar stand und Drinks für die Gäste mixte. Gabi hatte es zuerst gar nicht glauben wollen, als Antonio ihr damals erzählte, dass Casey eigentlich Pilot von Beruf sei und die ganz großen Jets fliegen durfte. Sie erinnerte sich, dass sie ihn auf Anhieb sympathisch fand, denn er hatte ein heiteres offenes Wesen...

Doch heute Nacht schien er nicht so glücklich zu sein. Er sah angespannt aus und wirkte aufgeregt, so dass sie schnell das Fenster öffnete.

„Casey... ist etwas passiert?“

Auch er schien einen Moment lang überlegt zu haben, wen er da vor sich hatte, doch dann zwang er sich zu einem kurzen Lächeln.

„Du bist... Gabi, Ricardos Schwägerin, stimmt`s?“

Sie nickte.

„Richtig. Aber was tust Du mitten in der Nacht hier?“

„Ich muss unbedingt Ricardo sprechen, es ist sehr wichtig. Ist er da?“

Gabi überlegte einen Moment.

„Ja, ich denke schon.“ meinte sie etwas zögernd, „Aber er schläft sicher bereits.“

Casey presste verlegen die Lippen zusammen und trat einen Schritt näher.

„Ich brauche seine Hilfe... ich weiß nicht, an wen ich mich sonst noch wenden kann. Meine...“ er stockte kurz und verbesserte sich dann, „...eine gute Freundin von mir, Dr. Rae Chang, ist verschwunden. Sie wurde am Abend zu einem Krankenbesuch gerufen und seitdem fehlt von ihr jede Spur. Auf dem Revier sagen sie, dass sie noch nichts unternehmen können, erst nach frühestens 48 Stunden, aber ich weiß, dass etwas passiert sein muss, sie verschwindet nicht einfach so, das ist nicht ihre Art. Ricardo hat Verbindungen, er kann bestimmt etwas tun!“

Gabi nickte.

„Warte einen Moment, Casey“ sagte sie entschlossen, „ich werde sehen, ob ich ihn wecken kann.“

Sie eilte den Flur entlang, die Treppe hoch und verharrte einen Augenblick vor der Tür zu Ricardos Zimmer. Ihr Herz klopfte laut, als sie vorsichtig anklopfte und lauschte. Drinnen rührte sich nichts. Sie klopfte noch einmal und rief leise seinen Namen, doch sie wollte keinen unnötigen Lärm machen, um die anderen nicht aufzuwecken. So nahm sie all ihren Mut zusammen und drückte langsam die Klinke herunter. Geräuschlos gab die Tür nach und sie betrat leise Ricardos Zimmer.

 

 

 

Es war ein langer, zermürbender Tag gewesen, der damit angefangen hatte, dass Ricardo dieses Desaster des ersten Prozesstages um den Mordfall Roger Thorne miterleben musste. Danach war seine Laune auf dem Gefrierpunkt, und dort blieb sie den ganzen Tag über, bis er am Abend müde und total erledigt nach Hause gekommen war. Eigentlich wollte er noch ins Deep auf ein Bier, dann jedoch entschied er sich, wenigstens einmal frühzeitig ins Bett zu gehen und sich richtig auszuschlafen. Aber anstatt im Schlaf Erholung zu finden, quälten ihn die ganze Zeit über eigenartige Träume, in deren Mittelpunkt jedes Mal eine junge Frau mit langem seidig glänzenden schwarzen Haar stand, in die er sich verliebte, die jedoch irgendwie immer unerreichbar schien...

Unruhig warf er sich in den Kissen herum und dann sah er sie wieder vor sich, ihre zarte Gestalt, das anmutige Gesicht und dieses Lächeln... sie kam auf ihn zu und er fasste nach ihrer Hand, doch wieder griff er ins Leere, er ging ihr nach, weiter und weiter, doch plötzlich stand er an einer Klippe hoch über dem Meer. Die Frau war verschwunden, aber er konnte nicht anhalten, fand keinen Halt und wusste, er würde nun abstürzen, hinunter in die reißende schwarze Flut... als er plötzlich ihre Hand auf seinem Arm spürte, sie hielt ihn fest und rief seinen Namen. Ricardo....“

 

„Ricardo, bitte wach auf!“

Das war kein Traum!

Er fuhr hoch und starrte ungläubig auf die Gestalt, die da im Mondlicht erhellten Zimmer vor seinem Bett stand und ihn aus großen Augen ansah... Gabi!

 

 

 

„Sie sind ein kluger Mann, Mr. Young!“ grinste Del Douglas, als Wei Lee die Papiere unterzeichnete, die er ihm sorgfältig vorbereitet auf den Schreibtisch gelegt hatte. „Genauso habe ich mir das vorgestellt.“

Wei Lee knallte den Stift auf die Tischplatte und funkelte ihn aus hasserfüllten dunklen Augen an.

„Sie werden damit nicht durchkommen. Mr. Carter wird niemals glauben, dass die Firma von heute auf morgen in den Konkurs geht. Noch viel weniger kauft er mir ab, dass ich meine Anteile an Carter Electronics verkauft habe! Er wird sofort merken, dass etwas nicht stimmt!“

Del lachte.

„Mein lieber junger Freund, ich bin kein Anfänger! Wenn ich etwas plane, dann plane ich es gründlich. Und glauben Sie mir, das hier“ er tippte mit dem Finger auf die unterzeichneten Verträge, „das habe ich sehr gründlich vorbereitet. Sie werden Ihren Boss jetzt anrufen und ihm erklären, dass Sie ein kleiner, scheinheiliger geldgieriger Bastard sind, der die Firma durch seine Spekulationen in den Sand gesetzt hat und nun seine Anteile verkauft, um den Kopf bei seinen Gläubigern aus der Schlinge zu ziehen. Formulieren Sie es bitte so, dass er es glaubt, denken Sie immer daran, das Wohl Ihrer reizenden Ex- Verlobten liegt allein in Ihren Händen, Wei Lee!“

Wei Lee presste die Lippen zusammen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

„Welche Garantie habe ich, dass Rae nichts geschieht?“

Del grinste.

„Keine... Vertrauen Sie mir einfach.“

„Ihnen vertrauen?“ rief Wei Lee und schien nun wirklich Mühe zu haben, nicht aus der Fassung zu geraten. Del nickte und hielt ihm den Telefonhörer auffordernd entgegen.

„Sie haben ja wohl keine andere Wahl. Machen Sie Ihre Sache gut und überzeugen Sie den Alten, dass diese Zweigfirma im schönen Tokio nicht länger ihm gehört, und dass er sich damit abfinden muss, ab jetzt einen...“ Er lächelte hinterhältig, „...nun, sagen wir, fast gleichberechtigten Partner hat. Falls mir Ihr kleines Gespräch mit George Carter gefällt, dann lasse ich Sie vielleicht nachher noch einmal mit Ihrer Freundin telefonieren, aber wenn nicht...“ er beugte sich drohend vor und das Lächeln verschwand augenblicklich von seinem Gesicht, während seine Augen den jungen Mann kalt und herzlos musterten und keinen Zweifel ließen an dem, was er sagte, „dann wird Dr. Rae Chang den nächsten Sonnenaufgang in Sunset Beach nicht mehr erleben!“