„Was tust Du hier?“
Ricardo fuhr erschrocken hoch und packte Gabis Handgelenk.
„Auh... lass los, Du tust mir weh!“ Mit einem entschiedenen Ruck befreite sie sich aus seinem Griff und wich sofort einen Schritt zurück.
Ricardo fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er brauchte einen Augenblick, um seine Gedanken zu ordnen. Eben hatte er noch von ihm geträumt, und nun stand sie plötzlich mitten in der Nacht hier vor seinem Bett.
„Gabi.... ist etwas passiert?“
Sie rieb sich ihr Handgelenk und schüttelte den Kopf.
„Unten ist ein Freund von Dir, der Deine Hilfe braucht. Ich wollte nicht das ganze Haus aufwecken, deshalb bin ich raufgekommen. Ich habe angeklopft, aber Du hast ziemlich fest geschlafen. Hast Du schlecht geträumt?“
`Im Gegenteil!` dachte Ricardo, während er die Decke zurückschlug und sich auf die Bettkante setzte. „Nein, ich habe nichts geträumt.“ sagte er hastig.
Verstohlen betrachtete Gabi seinen nackten, muskulösen Oberkörper, schlug aber schnell die Augen nieder, als sie merkte, dass auch er sie ansah.
„Wer kann denn das sein, mitten in der Nacht?“ murmelte Ricardo, mehr zu sich selbst, während er seinen Blick kaum von seiner Schwägerin abwenden konnte. Sie trug einen dünnen Morgenmantel über ihrem Nachthemd, und ihr langes Haar fiel ihr wie ein seidiger Vorhang über die Schultern. Selbst im fahlen Mondlicht übte sie diesen gewissen Zauber auf ihn aus, der ihm jedes Mal, wenn er sie sah, ein Kribbeln unter der Haut verursachte.
„Casey...“ antwortete Gabi, die ebenfalls seinen Blick bemerkte, rasch. „Er ist sehr aufgeregt. Du solltest mitkommen und Dir anhören, was er zu sagen hat.“
„Casey?“ Erstaunt sprang Ricardo auf. „Also dann muss es wirklich wichtig sein!“
Gabi nickte und wandte sich verlegen ab, als er hastig seine Jeans von der Stuhllehne angelte und über seine Shorts zog.
„Gehen wir.“ sagte er leise und folgte ihr nach unten.
George Carter starrte fassungslos auf den Hörer in seiner Hand.
Wei Lee Young – der Mann, dem er vertraut hatte wie einem Sohn – ein gemeiner Betrüger?
Das konnte doch nicht wahr sein!
George war zwar sein Leben lang ein harter Geschäftsmann, aber in seinem Inneren war er gutmütig und gerecht, und auf eine Eigenschaft hatte er sich bisher stets verlassen können, auf seine hervorragende Menschenkenntnis. Und die sagte ihm, dass er sich keinesfalls in Wei Lee so sehr getäuscht haben konnte. Wenn der Junge in Tokio wirklich mit seinem Geld und seinen Firmenanteilen so eiskalt spekuliert hätte, wie er ihn eben am Telefon hatte glauben lassen, warum zum Teufel sollte er ihn dann auch noch anrufen? Ein anderer wäre mit dem Geld auf und davon, über alle Berge... Nein, George war sich sicher, hier stimmte irgend etwas nicht.
Kurzentschlossen griff er zum Telefon und wählte die Nummer seines Anwaltes und engsten Vertrauten Roger Miles. Während er wartete, dass Roger sich meldete, kramte er aus seiner Schreibtischlade eine Päckchen seiner starken Herztabletten hervor. In seiner Brust machte sich ein dumpfer Schmerz bemerkbar, ein Zeichen für seine innere Aufregung.
„Bleib ruhig, alter Junge, was es auch ist, wir werden es klären!“ murmelte er und nahm das Medikament mit einem kräftigen Schluck Wasser, als er auch schon Miles Stimme am anderen Ende der Leitung hörte.
„Kannst Du bitte sofort zu mir rüberkommen?“ rief George ohne große Vorrede. „Beeil Dich, Roger, es ist wirklich sehr wichtig. Es geht wieder einmal um Tokio!“
Nach dem Gespräch mit Roger Miles griff George Carter abermals zum Telefon.
Mit grimmiger Miene schlug er eine geheime Akte auf, die sonst gut verborgen in seinem Safe lag. Entschlossen wählte er die darin befindliche Telefonnummer.
Binnen Sekunden kam die Verbindung zustande. Das folgende Gespräch war kurz, aber präzise.
Zufrieden legte George wieder auf und wechselte mit Roger einen vielsagenden Blick.
„Die notwendigen Schritte sind eingeleitet.“ sagte er ernst. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr!“
Cole ließ die letzten Gäste aus dem Deep und verabschiedete Vanessa, die stundenlang fleißig mit gekellnert hatte.
„Und Du willst wirklich nicht auf uns warten, damit wir zusammen nach Hause gehen?“ fragte er noch einmal besorgt.
Vanessa schüttelte verschmitzt lächelnd ihre Lockenmähne.
„Nein, wirklich nicht, Cole. Michael wartet auf mich. Ich bin zwar müde, aber nicht so sehr, als dass ich etwas gegen einen kleinen Spatziergang zu zweit einzuwenden hätte, so schön romantisch bei Mondenschein am Pier entlang...“ Sie verdrehte schwärmerisch die Augen und Cole lachte.
„Viel Spaß, Vanessa! Das hast Du Dir verdient!“
Die beiden wünschten sich eine gute Nacht und er schloss die Tür ab.
„Meine Güte, das war ein Abend!“ stöhnte er und ging müde die Treppen wieder hinunter, als plötzlich das Licht ausging.
„Was zum Henker...“ knurrte Cole genervt und wäre fast gestolpert, als plötzlich ein sanftes Licht den Raum ein wenig erhellte und ein romantischer Song ertönte. Tess trat hinter dem Mischpult hervor und kam langsam auf ihn zu, einen seltsamen Glanz in ihren grünen Augen. Sie hatte ihre Servierschürze abgelegt und trug nun ein im Lichtschein funkelndes knappes Minikleid mit dünnen Trägern, das Cole noch nie an ihr gesehen hatte, und das ihre tolle Figur hervorragend zur Geltung brachte. Ihr Haar, dass bis vor wenigen Minuten zu einem praktischen Haarknoten hochgesteckt gewesen war, fiel ihr nun lose und seidig glänzend über die Schultern.
„Schenkst Du mir diesen Tanz?“ fragte sie leise, als sie unmittelbar vor ihm stand.
Ihr Anblick und der zarte Duft ihres Parfüms raubten ihm fast den Verstand, und seine Müdigkeit war im nächsten Augenblick verflogen.
„Du schaffst es doch immer wieder mich zu überraschen!“ lächelte er, wobei auf seine Wangen diese zwei verführerischen Grübchen erschienen, die Tess so an ihm gefielen.
Er nahm sie in seine Arme, und sie begannen sich beide sacht im gleichen Rhythmus zum Takt der Musik zu bewegen. Tess legte ihren Kopf an Coles Schulter, während seine Hände zärtlich über ihren Rücken streichelten.
Irgendwann war der Song zu Ende, doch die beiden schienen es gar nicht zu bemerken. Sie tanzten weiter engumschlungen, bis Cole plötzlich ganz leise Tess` Namen sagte. Langsam hob sie den Kopf und sah ihn erwartungsvoll an.
„Woher hast Du bloß diese Augen?“ flüsterte er, und ihre Blicke versanken ineinander. „Ich habe noch niemals vorher in meinem Leben so herrliche grüne Augen gesehen!“
Ihre Lippen fanden sich zu einem innigen Kuss, der zärtlich und zugleich voller Leidenschaft war. Tess stöhnte leise und spürte, wie ihre Knie vor Erregung zu zittern begannen. Sie klammerte sich an Cole, der sie ganz plötzlich hochhob und zur Treppe trug, die hinauf ins Büro führte.
„Was hast Du vor?“ fragte sie überflüssigerweise. Wieder erschienen die Grübchen auf seinen Wangen.
„Seit wir das Deep besitzen, habe ich mich über diese breite Couch im Büro geärgert, weil sie soviel Platz wegnimmt.“ meinte er verschmitzt, während er Tess mühelos die Stufen hinauftrug. „jetzt bin ich froh, dass wir sie haben...“
Gabi, Casey und Ricardo saßen in der kleinen Küche, nachdem Gabi einen starken Kaffee gekocht hatte.
„Offiziell kann ich nach so kurzer Zeit noch keine Fahndung einleiten.“ sagte Ricardo bedauernd, als Casey ihm berichtet hatte, was er wusste. „Rae ist eine erwachsene Frau und kann auch mal ein paar Stunden wegbleiben, ohne sich abzumelden.“
Casey fuhr sich nervös durch sein widerspenstiges blondes Haar.
„Das weiß ich schon von Deinen Kollegen auf dem Revier, deshalb bin ich ja auch nicht offiziell hier, sondern als Dein Freund, der Deine Hilfe braucht.“ meinte er leicht genervt. „Ricardo, glaub mir, da stimmt was nicht. Das passt nicht zu Rae, einfach ihr Auto am Ende der Stadt abzustellen und zu verschwinden. Sie hätte sich gemeldet, wenn alles in Ordnung wäre.“
Ricardo nickte mit nachdenklichem Blick..
„Vor einigen Tagen hat Ben fast genau das selbe zu mir gesagt, als er in mein Büro gestürmt kam und nach Meg suchte. Und er hatte recht...“ Er presste mit einem bitteren Lächeln die Lippen zusammen und Gabi spürte, dass ihn die Sache immer noch sehr beschäftigte.
„Ich habe Ben nicht so recht geglaubt und viel zu lange gezögert, obwohl ich ihn gut kenne und genau weiß, dass er nicht umsonst so reagiert. Meg hätte das fast mit ihrem Leben bezahlt. Den Fehler mache ich nicht noch einmal.“
Er stand auf.
„Wohin gehst Du?“ fragte Gabi erstaunt.
„Ich bin gleich zurück.“ erwiderte Ricardo. „Ich muss nur schnell ein paar Anrufe erledigen, vielleicht sind wir danach etwas schlauer.“
Während Casey und Gabi einander fragend ansahen, verschwand Ricardo im Nebenzimmer.
Eine ganze Weile hörten sie ihn eifrig mit jemandem diskutieren, dann war es still. Irgendwann nach endlosen Minuten führte er noch ein Gespräch, dann kam er wieder heraus.
„Du hattest recht, Casey“ sagte er ernst. „Es ist wirklich etwas nicht in Ordnung.“
Casey sprang auf.
„Was ist passiert?“
„Ich habe einen Informanten beim FBI. Die haben da eine etwas größere Sachen am Laufen. Das Sunset Beach Police Departement ist nicht informiert worden, damit sich niemand einmischt, zumindest nicht offiziell.“
„Was heißt das?“
„Das heißt, dass ich weiß, wo Rae vermutlich ist. Wir nehmen meinen Wagen. Schließlich bin ich ja nicht im Dienst!“
„Moment mal!“ rief Gabi und lief ihnen bis zur Tür nach. „Wohin wollt Ihr denn jetzt?“
„Nach Santa Monica!”
Del fühlte sich sicher und kostete seinen Erfolg voll aus. Wei Lee hatte die Verträge widerstandslos unterzeichnet, die er ihm vorgelegt hatte. Somit war Del Douglas der neue Eigentümer eines nicht unbeträchtlichen Aktienpaketes der Firma Carter Electronics. Er grinste siegessicher und musterte Wei Lee, der abwartend vor dem großen Panoramafenster stand, von wo aus er einen herrlichen Blick über die japanische Millionenstadt hatte.
„Sie müssen Ihre Exverlobte noch ziemlich gerne haben, Mr. Young.“ bemerkte er mit einem gewissen Spott in der Stimme, „wenn Sie bereit sind, für sie alles aufzugeben.“
Wie Lee dreht sich langsam zu ihm um und sein Gesicht verriet mit keinem Zug, was er dachte.
„Das werden Sie niemals verstehen, Mr. Douglas, denn solche Gefühle sind Menschen wie Ihnen fremd.“ sagte er ruhig. „Kann ich jetzt bitte mit Rae sprechen?“
„Nein“ bellte Del wütend, denn die Bemerkung hatte ihn wider Willens ziemlich getroffen. „Zuerst möchte ich eine Vorstandssitzung einberufen, damit Sie mich den Mitgliedern der Firmenleitung offiziell vorstellen und ihnen gleichzeitig verkünden, dass es diese Zweigfirma nicht mehr gibt und somit ihre Tätigkeit bei Carter Electronics mit dem heutigen Tag beendet ist. Es sei denn...“ er grinste überlegen, „die Herrschaften wollen ab sofort für mich arbeiten!“
Wie Lee atmete tief durch, um sich unter Kontrolle zu behalten. Dieser Mann war unglaublich...
„Tut mir leid, Mr. Douglas“ sagte er betont ruhig, „aber es sind nicht alle im Haus. Manche von ihnen sind im Außendienst oder haben...“
„Dann rufen Sie sie an, verdammt!“ brüllte Del dazwischen und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Dieser asiatische Yuppie mit seiner unerschütterlichen Ruhe brachte ihn langsam aus der Fassung. Aber nein, er durfte sich nicht provozieren lassen, schließlich war er kurz vor seinem Ziel...
„Okay“ meinte er, holte tief Luft und schluckte sein Verlangen, Wie Lee seine Faust mitten ins Gesicht zu schlagen, hinunter. Stattdessen grinste er wieder. „Ein paar Leute werden ja da sein, das sollte reichen. Lassen Sie Ihr Vorzimmermäuschen bekannt geben, dass ich alle in einer halben Stunde im Sitzungszimmer zu sehen wünsche.“
Wie Lee griff zum Telefon und begann auf japanisch mit seiner Sekretärin zu reden. Mit einem Satz war Del bei ihm und hatte plötzlich seine Waffe in der Hand. Er hielt sie dem jungen Mann an die Schläfe.
„In meiner Sprache, wenn ich bitten darf.“
Gehorsam wiederholte Wie Lee das Gewünschte auf englisch und legte dann auf.
„Gut.“ Del ließ die Waffe sinken, „und damit uns bis dahin nicht langweilig wird, werden Sie bitte so nett sein und mir den Safe da drüben jetzt öffnen.“
„Nein.“ sagte Wie Lee entschieden. „Das werde ich nicht tun. Erst will ich mit Rae sprechen um sicher zu sein, dass es ihr gut geht.“
„Es geht ihr gut.“ zischte Del wütend. „Zumindest so lange, wie Sie tun, was ich Ihnen sage.“
Wie Lee setzte sich demonstrativ hinter seinen Schreibtisch und straffte die Schultern.
„Ich habe bisher alles getan, was Sie verlangt haben. Den Safe werde ich aber erst öffnen, wenn ich mit Rae gesprochen habe!“
Del spürte, wie kalte Wut in ihm hochstieg. Er trat hinter Wie Lee und drückte ihm erneut seine Waffe an die Schläfe.
„Öffnen Sie den Safe!“
„Nein!“
Del entsicherte drohend seine Waffe.
In diesem Moment wurde mit einem ohrenbetäubenden Knall die Tür eingetreten und ein bis auf die Zähne bewaffnetes vier Mann starkes Sonderkommando stürmte das Büro. Die vermummten Männer mit Schutzhelm und schußsicheren Westen gingen sofort in Stellung und zielten auf Del.
Einer brüllte einen Befehl auf Japanisch, und da Del vor Schreck wie versteinert dastand und sich nicht rührte, erklärte Wei Lee mit gezwungen ruhiger Stimme:
„Er sagt, Sie sollen die Waffe weglegen. Ich an Ihrer Stelle würde es tun, Mr. Douglas!“
„Das könnte Euch so passen!“ erwiderte Del und drückte Wei Lee die Pistole nur noch fester an den Kopf.
„Geben Sie auf!“ rief einer der Männer nun auf englisch. „Wir schießen sonst!“
In Dels Kopf überschlugen sich die Gedanken. Alles hatte er bedacht, doch mit einem Einsatzkommando der Polizei hatte er nicht gerechnet. Anscheinend hatte es Wei Lee, dieser Bastard, irgendwie geschafft, ihn zu verraten! Nun war es zu spät... Nein, er würde nicht ins Gefängnis gehen, nicht hier... es war zu Ende...
„Schießt doch!“ provozierte er die bewaffneten Männer, die abwartend ihre Waffen in Anschlag hielten. „Na los!“
Ein letztes Mal zog dieses hinterhältige eiskalte Lächeln über sein Gesicht.
Das hier hatte das Geschäft seines Lebens werden sollen...
„Für Dich, Annie...“ dachte er, „für Dich habe ich das alles getan, meine Kleine, ich habe den Tod von George Carters Frau inszeniert und hätte es beinahe geschafft, dass der Alte ihr gefolgt wäre. Ich habe fast seine Firma gehabt, die ich schon immer haben wollte... Bye bye, Annie, Du warst eine gute Tochter, und auch, wenn Du es nicht glaubst, ich habe Dich immer geliebt! Bye bye, Bette, pass ein bisschen auf meine Kleine auf, altes Mädchen...“
Er holte tief Luft.
„Okay, Gentlemen!“ rief er laut und straffte die Schultern, „ich habe das Spiel verloren. Nun tut mir einen Gefallen - erschießt mich, denn ich will nicht in Euren dreckigen Knast!“ Er lachte wie irre. „Was denn, Ihr wollt nicht? - Nun gut, ich werde Euch einen Grund liefern...“
Er beugte sich vor, die Waffe immer noch an Wei Lees Schläfe.
„Bye bye Mr. Young, es war nett, Geschäfte mit Ihnen zu machen… wir sehen uns in der Hölle!”
Sein Finger zuckte am Abzug und ein lauter trockener Knall durchbrach die Stille.
Wei Lee war auf der Stelle tot. Sein letzter Gedanke galt Rae...
Nur Bruchteile von Sekunden später feuerten die Männer der Spezialeinheit zurück.
Die Kugeln trafen Del und schleuderten ihn durch den halben Raum, bis vor das große Panoramafenster mit dem phantastischen Blick auf die Skyline von Tokio.
Er spürte nicht einmal mehr, wie er auf dem teuren Parkettboden aufschlug...