TEIL 50

Die Finalfolge vor der Sommerpause

 

Bei den Strandhöhlen

Ein letztes Mal kontrollierte Jude an diesem Tag die Gänge der Nordhöhle, die in wenigen Minuten gesprengt werden sollte. Die Sprengladungen waren bereits von dem dafür verantwortlichen Spezialteam angebracht worden.

„Schade“ dachte Jude und musterte wehmütig den im Licht seiner Taschenlampe schimmernden Fels, der die Geheimnisse vergangener Jahrhunderte, ja vielleicht sogar Jahrtausende in sich barg. „Wieder ein Stück Naturgestein, dass den Bauplänen eines ehrgeizigen Unternehmers zum Opfer fällt.“

 

Er war inzwischen fast am Ende des engen Ganges angekommen, als sein Messgerät, das er am Gürtel trug, plötzlich anschlug. Nur ein kurzer Ton, dann war es wieder still.

Erstaunt nahm er das Gerät mit Hilfe seiner Taschenlampe in Augenschein und hielt es prüfend in alle Richtungen.

Da! Ganz am Ende des Ganges schlug der Zeiger minimal aus, kaum wahrnehmbar, aber immerhin, es war eine Bewegung auf der Scala zu verzeichnen.

„Das gibt’s doch gar nicht!“ murmelte Jude kopfschüttelnd und suchte weiter mit dem Gerät die Felswände ab. Sie hatten doch alles bereits vermessen und bisher nichts Verdächtiges feststellen können! Und nun das...

Wieder schlug der Zeiger kurz aus.

Vielleicht ein kleiner Hohlraum hinter dem Gestein?

Jude sah genauer nach. Aber alles war fest und wies keinerlei Risse auf, nichts deutete in irgend einer Weise darauf hin, dass es hier Veränderungen gegeben hatte.

Nicht in den letzten hundert Jahren!

Andererseits galt das Gerät als äußerst zuverlässig. Oder hatte Antonio es nicht ordnungsgemäß benutzt? In letzter Zeit wirkte er irgendwie zerstreut und abwesend...

Aber Jude war nicht der Mensch, der einem Kollegen Unzulänglichkeiten vorwarf, ohne Gewissheit zu haben. Er würde die Sache erst einmal nachprüfen.

 

„Mister Cavanough, bitte beeilen Sie sich!“ ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Sprengmeisters durch sein Sprechfunkgerät. „Wir müssen unseren Zeitplan einhalten!“

Jude drückte auf den Sprechknopf.

„Einen Moment noch, ich bin gleich da.“

Er schaltete das Suchgerät aus und machte sich auf den Rückweg.

Die Männer würden mit der Sprengung warten müssen, bis Gewissheit darüber herrschte, ob sich hinter dem Felsen vielleicht doch noch ein Hohlraum befand.

 

 

 

Im Gerichtssaal

Der Richter klopfte mit seinem schweren Holzhammer auf den massiven Eichentisch, hinter dem das Hohe Gericht auf einem breiten Podest Platz genommen hatte.

„Ruhe im Saal!“ Er nickte in Richtung des Anklägers. „Herr Staatsanwalt, darf ich um Ihr Abschlussplädoyer bitten?“

 

James T. Baker stand auf.

„Natürlich, Euer Ehren!“

Langsam, sich seiner einschüchternden Wirkung voll bewusst, schlenderte er hinüber zur Bank des Angeklagten und seines Verteidigers. Er schien Mark und Gregory mit seinen Blicken förmlich zu durchbohren.

„Dieser Mann, meine Damen und Herren Geschworenen“ begann er mit lauter Stimme, während er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Angeklagten wies, „ist in meinen Augen der typische Wolf im Schafspelz, mag er momentan noch so unschuldig dreinschauen.

Ich blicke inzwischen auf stolze 25 Jahre Berufserfahrung zurück, in denen ich viel erlebt habe. Und ich habe sie alle kennengelernt, die Eiskalten, die Unbelehrbaren, die Gewalttätigen, die geistig Unzurechnungsfähigen und die sogenannten Unschuldsengel. In meinen Augen sind letztere die Schlimmsten von allen. Aber ich habe gelernt, mich nicht mehr täuschen zu lassen. Jeder von ihnen entwickelt seine ganz spezielle Taktik, um den Hals noch aus der Schlinge zu ziehen, wenn es brenzlig wird, und dieser hier...“  wieder zeigte sein Finger, einem angespitzten Dolch gleich, in Marks Richtung, „versucht uns allen gerade das Trugbild zu vermitteln, er könne ja sowieso keiner Fliege etwas zu leide tun. Aber er hat getötet, hat brutal das Leben eines Menschen ausgelöscht, hat einem jungen Mädchen den Vater genommen!“

 

Entrüstet wollte Tiffany aufspringen, doch Michael und Elaine hielten sie im letzten Augenblick zurück.

„Bleib ruhig, Kleine“ raunte Michael. „Der blufft doch nur, will Mark aus der Reserve locken!“

 

James T. Baker hatte die Bewegung im Publikum sehr wohl bemerkt und grinste hämisch.

„Unbeherrscht und aggressiv... eine gefährliche, oft sogar tödliche Mischung, wie dieser Fall beweist. Und es war kein Totschlag oder Unfall mit Todesfolge, nein, werte Geschworene, es war kaltblütiger berechneter Mord.“ Selbstzufrieden nickte Baker und maß Mark wieder mit seinen giftigen Blicken, bevor er sich zur Geschworenenbank umwandte.

„Er wartete, bis das Opfer zu betrunken war, um sich zu wehren und lauerte ihm dann auf, um ihm durch brutale Schläge für immer zu beseitigen. Und warum? Weil dieser Mann, Roger Thorne, ein besorgter Familienvater, nach Sunset Beach gekommen war, um seine minderjährige Tochter nach Hause zu holen, in den sicheren Schoß der eigenen Familie, weg von dem schlechten Einfluss zwielichtiger Freunde, zu denen vor allem auch der Angeklagte selbst gehört.“

 

„Das kann doch nicht wahr sein!“ murmelte Vanessa kopfschüttelnd und griff nach Michaels Hand. „Halt mich fest, sonst springe ich diesem Bastard in sein verlogenes Gesicht!“

Michael nickte.

„Wie dieser Mann Staatsanwalt geworden ist, das wird mir ewig ein Rätsel bleiben!“

 

Zitternd saß Mark auf der Anklagebank und krampfte seine schweißnassen Hände nervös ineinander. Während Bakers bissige Worte an ihm vorbeiplätscherten, ohne dass er ihren Sinn noch richtig erfasste, hatte er das Gefühl, als würde soeben sein schlimmster Albtraum Wirklichkeit werden, und die Blicke, die der Staatsanwalt ihm zuwarf, taten ihm fast körperlich weh.

Hilfesuchend sah er zu Gregory hinüber. Der jedoch lehnte lässig in seiner Bank und grinste spöttisch, als würde er das, was Baker an ungeheuerlichen Anschuldigungen vorbrachte, überhaupt nicht ernstnehmen. Lächelnd nickte er Mark zu und bedeutete ihm, ruhig zu bleiben.

Tief in seinem Inneren jedoch kochte er vor Wut.

Baker war drauf und dran, diesen Prozess zu gewinnen. Das wäre eine Katastrophe für Mark, aber noch schlimmer würde es ihn selber treffen und seinen bisher tadellosen Ruf als Anwalt, denn er galt für viele Leute als unbesiegbar vor Gericht. Er hatte bisher alle freibekommen, ohne Ausnahme.

Kurz gesagt, er war brillant.

Nun, gut möglich, das diese Ära mit der heutigen Verhandlung beendet werden würde...

Diese Vorstellung gefiel Gregory nicht. Ganz und gar nicht!

 

 

 

SB Police Department

„Ricardo, Du musst mir helfen!“ platzte Ben atemlos in Detektiv Torres Dienstzimmer. „Wir brauchen einen Durchsuchungsbefehl!“

„Langsam Ben!“

Ricardo schob den Bericht beiseite, an dem er gerade schrieb. „Um was geht es überhaupt?“

„Um den einzigen glaubwürdigen Beweis für Marks Unschuld!“ erwiderte Ben ungeduldig. „Und wenn wir uns nicht beeilen, ist die Verhandlung zu Ende und Mark zu Unrecht verurteilt! Also los, ich erzähle Dir alles auf dem Weg zum Büro Deiner Chefin. Komm schon!“

 

 

 

Im Keller des DEEP

Tess und Cole hatten soeben eine neue Weinlieferung fürs DEEP entgegengenommen und begannen, die Flaschen im Keller einzusortieren.

„Dieser alte Krempel hier stört mich!“ schimpfte Tess und deutete auf die eingestaubten Kerzenhalter, Gläschen und Flaschen, die dort auf einem der Regale standen. „Hornalter Tischschmuck! Warum werfen wir das Zeug nicht raus, das braucht doch keiner mehr!“

Cole grinste und gab ihr einen Kuss.

„Vielleicht ist es wertvoll und wir sollten es in den Antiquitätenladen schaffen!“ meinte er augenzwinkernd.

„So wie das alte Sofa im Büro?“ platzte Tess heraus. Cole lachte schelmisch und zog sie zu sich heran.

„Davon willst Du Dich trennen?“ fragte er mit dem Gedanken an letzte Nacht überrascht.  „Ist das Dein Ernst? Also... ich finde es ganz bequem!“

Ein Lächeln zog über ihr hübsches Gesicht und ihre grünen Augen funkelten ihn aufreizend an.

„Okay...“ schnurrte sie und küsste ihn spielerisch auf Nasenspitze, Wangen und Mund, bevor sie ihn wieder energisch von sich schob. „Aber den Kram da im Regal werfe ich jetzt raus! Und dieses hässlichen alten Bretter auch!“

Cole hob ergeben die Hände.

„Okay, mein Schatz, wenn es Dich glücklich macht, dann entfernen wir alles, was sich vor dieser Wand befindet und bauen ein neues Weinregal!“

„Fein!“ strahlte Tess und begann voller Tatendrang, alles, was sie störte, in eine große Kiste zu werfen. Cole seufzte lächelnd.

„Ich suche Werkzeug heraus, um die Dübel vom Regal aus der Wand zu schrauben.“ erklärte er und ging nach oben, um das Benötigte zu holen.

Als er nach ein paar Minuten wieder nach unten kam, stand Tess fassungslos vor der Wand.

„Cole. Sieh doch!“

 

 

 

Bei den Strandhöhlen

„Unmöglich, Mr. Cavanough!“ Entschieden schüttelte der Sprengmeister den Kopf. „Wir arbeiten hier nach einem strengen Zeitplan, und der schreibt uns vor, diese Sprengung in den nächsten 15 min durchzuführen! Außerdem ist Mr. Richards heute den ganzen Tag außer Haus, wie mir seine Sekretärin eben bestätigte, und sein Geschäftspartner Mr. Evans ist auch nicht zu erreichen!“

„Aber verstehen Sie denn nicht...“ versuchte Jude den Mann zu überzeugen, „es könnte durchaus sein, dass sich hinter dem Felsen doch noch ein Hohlraum befindet, so dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht einschätzen können, wie viel der Gesteinsmassen bei der Sprengung zusätzlich einstürzen könnten. Der halbe Felsen kann uns wegrutschen!“

Der Sprengmeister zeigte sich unbeeindruckt.

„Das ist doch nur falscher Alarm, Mister!“ knurrte er mit einem Blick zur Uhr. „Sie hatten ausreichend Zeit, um alles genau zu untersuchen, lassen Sie uns jetzt gefälligst unsere Arbeit tun! Schließlich verlässt sich Mr. Richards darauf, dass wir seinen Terminplan einhalten.“

 

Hilfesuchend sah Jude sich um. Keine Spur von Antonio.

Wo blieb der Kerl bloß?

In diesem Moment bog Gabis Jeep in die Baustelle ein. Mit zwei Schritten war Jude bei ihr.

„Gabi, wo ist Dein Mann?“

Sie stieg aus und zuckte hilflos die Schultern.

„Keine Ahnung, ich habe ihn selbst eben gesucht und dachte, er sei bereits hier.“ Sie sah sich erstaunt um und konnte förmlich die Spannung fühlen, die in der Luft lag. „Was ist denn los, Jude?“

„Antonio hat im hinteren Teil dieser Höhle Vermessungen durchgeführt, während ich mich um die Gesteinsproben gekümmert habe.“ erklärte Jude. „Er muss dabei was übersehen haben.“

Gabi zog ungläubig die Stirn in Falten.

„Was vergessen?... Antonio? Ja aber...“

Jude nickte.

„Ich weiß was Du sagen willst, er ist normalerweise gewissenhafter als wir beide zusammen. Trotzdem zeigt das Messgerät am Ende des Ganges einen Hohlraum an, es ist zwar nur eine schwache Anzeige auf der Scala, aber der Zeiger schlägt aus... definitiv!“

Gabi strich sich über ihre Augen.

„Er hat sich ziemlich verändert in letzter Zeit, findest Du nicht auch?“ fragte sie leise.

„Wer?“ für einen Moment war Jude etwas irritiert, doch dann begriff er und nickte. „Du meinst Antonio. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Habt Ihr Probleme?“

„Nein... überhaupt nicht.“ erwiderte Gabi. „Ich kann mir sein merkwürdiges Verhalten auch nicht erklären. Aber es macht mir Angst.“

 

 

 

Im Keller des DEEP

Tess hatte die eingestaubten Regalbretter weggezerrt und dabei die alte Tapete zerrissen. Holzlatten, dicht nebeneinander genagelt, wurden sichtbar.

„Was wohl dahinter ist?“

„Das haben wir gleich!“

Cole nahm den Hammer und schlug mehrmals kräftig gegen eine der Latten, bis diese herunterfiel. Es folgte die zweite und die dritte, und dann kamen schlecht zusammengebaute, rote Ziegel zum Vorschein.

„Noch eine Wand.“ stellte Tess enttäuscht fest.

Cole lachte über ihr langes Gesicht.

„Was hast Du denn erwartet?“ erkundigte er sich schelmisch. „Einen versteckten Schatz?“

„Natürlich nicht...“  Tess klopfte sich den Staub von den Sachen, „aber vielleicht...“

„Vielleicht was?“

„Na ja, der Typ, der uns das DEEP verkauft hat, erzählte immerhin was davon, dass hier früher eine verruchte Seeräuberkneipe gewesen sein soll, in der sich Piraten und Schmuggler heimlich trafen! Kann doch sein, dass sie einen Geheimgang hatten!“

Cole sah Tess einen Moment lang verdutzt an, dann zog er sie prustend in seine Arme.

„Liebling, ich mache Dir einen Vorschlag! Ab sofort verbringst Du Deine Abende mit mir, anstatt zu viele Kriminalromane zu lesen!“

 

 

 

Sunset Beach, “Mountain- Beach- Street”

Die Tinte, mit der Chief Harris den Durchsuchungsbefehl unterschrieben hatte, war noch nicht ganz getrocknet, als Ricardo, Ben und Officer Spencer mit Blaulicht und Sirene vom Hof der Polizeistation fuhren.

Die rasante Fahrt ging die Ocean Avenue hinunter, bis ans Ende der Strandpromenade. Von dort aus bogen sie in eine schmale Gasse, die sonst nur vom Strand aus zu sehen war, und die von den Einwohnern „Mountain Beach Street“ genannt wurde, weil sie direkt in den Highway einmündete, der hinauf in die Berge führte. Dort standen die letzten Strandhäuser von Sunset Beach, und der Streifenwagen hielt genau vor dem Haus, in das Derek Meg vor gut einer Woche entführt hatte.

Ben sprang aus dem Wagen und lief, gefolgt von Ricardo und Spencer, zum Eingang hinüber.

Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, als er vor der Tür stand, denn schlimme Erinnerungen kamen wieder hoch. Ricardo schien es ähnlich zu gehen, denn er warf Ben einen vielsagenden Blick zu, bevor er auf den Klingelknopf drückte.

 

„Polizei! Öffnen Sie die Tür!“ rief er laut.

Im Haus rührte sich nichts.

„Sicherlich ist niemand da.“ vermutete Spencer. „So schnell werden sie das Haus nicht weitervermietet haben!“

„Hoffentlich!“ erwiderte Ben, und der Gedanke, der Brief mit Dereks Zeugenaussage könnte nicht mehr da sein, wo Meg ihn versteckt hatte, machte ihm Angst.

„Los, brich die Tür auf, Ricardo!“ drängte er, „denk an Mark, wir haben keine Zeit zu verlieren!“

„Geht zur Seite!“ Spencer zog seine Waffe und wollte gerade auf das Türschloss zielen, als die Tür langsam und vorsichtig geöffnet wurde.

 

 

 

Im Gerichtssaal

„...und aus den bereits mehrfach benannten Gründen, hohes Gericht und meine Damen und Herren Geschworenen, plädiere ich hiermit dafür, meinen Mandanten umgehend vom Vorwurf des Mordes an Roger Thorne freizusprechen.“

 

Gregory hatte sein Abschlussplädoyer beendet und nickte Mark aufmunternd zu, während er sich wieder setzte. Er hatte sein ganzes Können und alle Taktik, über die er verfügte, in seine Rede eingebracht, aber diesmal war er sich nicht sicher, ob es reichen würde und ob er wirklich überzeugend genug gewesen war.

„War das alles, Herr Kollege?“ raunte ihm nun auch noch zu allem Überfluss der Herr Staatsanwalt im Vorbeigehen spöttisch zu.

Gregory ignorierte ihn.

„Jetzt sind Sie dran, Mark!“ raunte er seinem Mandanten leise zu. „Denken Sie daran, was wir besprochen haben!“

Mark nickte und versuchte, seiner Aufregung Herr zu werden, als der Richter abermals mit seinem Holzhammer auf die Tischplatte schlug.

„Angeklagter...“ wandte er sich an Mark und maß ihn mit strengem Blick. „Sie haben als Letzter dass Wort. Möchten Sie dem Gericht und den hier anwesenden Geschworenen noch etwas zu Ihrer Verteidigung sagen?“

„Ja Euer Ehren!“ Mark stand auf und räusperte sich verlegen. Seine Stimme klang brüchig und seine Kehle fühlte sich an, als sei sie ausgetrocknet. „Hohes Gericht... werte Geschworene... was hier passiert, ist wie ein schlimmer Albtraum für mich, denn ich habe nichts von dem getan, wessen man mich hier beschuldigt.“

Er machte eine kleine Pause und sah zur Geschworenenbank hinüber, da Gregory ihm geraten hatte, Blickkontakt mit den Geschworenen zu halten.

„Es ist wahr, ich war an diesem Abend wütend auf Tiffanys Vater, immerhin hatte er sie gemein verprügelt und ihr gedroht, sie gegen ihren Willen von Sunset Beach wegzubringen. Wo sie dann gelandet wäre, hat sie Ihnen bereits in ihrer Aussage selbst erzählt. Aber ich hatte niemals vor, Roger Thorne zu töten, ich kannte ihn ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal persönlich!“

Er atmete tief durch.

„Ich war also an jenem Abend am Strand, ich wollte in Ruhe über alles nachdenken und den Kopf ein wenig freibekommen, und plötzlich lag dort jemand unter dem Pier... ich wollte noch helfen, aber der Mann war bereits tot. Erst durch die Polizei erfuhr ich, um wen es sich bei dem Toten handelte.“

Er drehte sich zu Tiffany um und ihre Blicke trafen sich. „Ich hätte Deinen Dad niemals töten können, wenn er auch noch so grausam und gemein zu Dir war, aber trotz alledem war er Dein Vater!“

Tiffany nickte mit Tränen in den Augen, und Mark wandte sich wieder den Geschworenen zu.

Seine Stimme war jetzt klar, und sie klang eindringlich und entschieden:

 

„Hiermit sage ich es noch einmal in aller Offenheit, und ich hoffe, Sie alle hier im Saal erkennen die Wahrheit, ich habe Roger Thorne nicht ermordet. Ich bin unschuldig!“

 

 

 

Surf Center

„Wie fühlst du Dich?“ fragte Casey besorgt, als er sah, dass Rae bereits wieder in der Küche herumhantierte.

„Es geht mir gut“ erwiderte sie lächelnd, „allerdings ist es etwas umständlich, Küchenarbeit mit einer Hand zu verrichten!“ Sie trug den Arm der verletzten Schulter in einer Schlinge, was sie natürlich bei allem, was sie tat, erheblich behinderte.

Casey trat schnell hinzu und nahm ihr die schwere Salatschüssel ab.

„Lass mich das machen. Setz Dich einfach hin und sag mir, was Du gerne essen möchtest. Ich werde Dich ein bisschen verwöhnen!“

Rae lachte kopfschüttelnd.

„Du wirst mich so sehr verwöhnen, dass ich ein Hausmädchen brauche, wenn ich wieder gesund bin!“

Casey sah sie nachdenklich an.

„Ein Hausmädchen, oder...“

„Was meinst Du?“ fragte Rae irritiert, doch er biss sich auf die Lippen.

„Ich muss kurz weg!“ sagte er dann hastig und griff nach dem Autoschlüssel, der neben dem Wandtelefon am Haken hing.

„Ja aber... ich dachte, Du hilfst mir dabei, das Essen vorzubereiten!“ rief Rae etwas enttäuscht. Er lachte und küsste sie schnell im Vorübergehen auf die Wange.

„Ich bin gleich zurück, Rae! Lauf mir in der Zwischenzeit bloß nicht weg!“

 

 

 

Sunset Beach, “Mountain- Beach- Street”

Die junge Frau, die verängstigt hinter der nur einen spaltbreit geöffneten Haustür herauslugte, war etwa Mitte Zwanzig und trug ein kleines Kind auf ihrem Arm, das die Männer mit großen Augen anstarrte.

„Was wollen Sie?“ fragte die Frau und drückte das Kind angesichts der Waffe, die Spencer in der Hand hielt, schützend an sich.

Ben trat vor.

„Entschuldigen Sie, Miss...“

„Lara Cassidy.“ stellte sie sich hastig vor, ohne die Augen von der Waffe zu lassen. „Wir sind vorgestern erst hier eingezogen und haben bestimmt keinen Ärger mit der Polizei!“

„Spencer, nimm endlich die Waffe runter!“ knurrte Ricardo seinen Kollegen an und wandte sich dann freundlich an die junge Frau.

„Aus diesem Grund sind wir auch nicht hier, Mrs. Cassidy.“ Hastig holte er seine Dienstmarke hervor und hielt sie ihr hin. „In diesem Haus befindet sich unter Umständen ein wichtiges Beweismittel, dass wir im Prozess um einen Mordfall benötigen. Würden Sie uns bitte helfen, und uns hereinlassen?“

„Oh mein Gott, ein Mordfall?“ rief sie erschrocken. „In diesem Haus?“

Das Kind fing, beunruhigt durch ihren lauten Tonfall, an zu weinen, doch sie beruhigte es schnell. Ricardo strich ihm über die goldblonden Locken.

„Ein netter Junge!“

„Ein Mädchen“ verbesserte sie und trat zur Seite, um die Männer einzulassen. „Ihr Name ist Jo Ann!“

„Hallo Jo Ann!“ sagten Ben und Ricardo gleichzeitig und traten ins Haus.

Erstaunt sahen sie sich um.

„Was ist denn hier passiert?“ fragte Ben in böser Vorahnung. „Das Haus war doch möbliert!“

„Ja, von oben bis unten.“ nickte Lara. „Aber meinem Mann und mir haben diese alten Möbel nicht gefallen, man weiß ja nie, wer da vorher gewohnt hat...“

Ben getraute sich kaum die Frage auszusprechen, die ihnen allen dreien unter den Nägeln brannte.

„Und... wo sind diese alten Möbel jetzt?“

„Der Vermieter hat sie gestern früh abholen lassen. Er meinte, ihm gefallen sie auch nicht...“

„Haben Sie seine Adresse?“

„Einen Moment...“ Lara übergab ihre kleine Tochter kurzentschlossen Officer Spencer. „Bleib einen Augenblick bei dem netten Onkel, Mami ist gleich zurück!“

 

Spencer stand mit dem Kind auf dem Arm entgeistert da und machte ein Gesicht, als hätte ihm jemand eine tickende Zeitbombe übergeben. Zu allem Überfluss fing die Kleine auch noch an, herzzerreißend zu brüllen.

Trotz dem Ernst der Lage feixte Ricardo.

„Tja Spenc, da musst Du wohl noch ein wenig üben!“

Hilflos begann Spencer, das schreiende Kind in seinen Armen zu schaukeln, als Lara zu seiner großen Erleichterung schon wieder aus der Küche zurückkam. In der Hand hielt sie einen Zettel.

„Hier ist die Adresse.“ Sie wandte sich um und nahm ihre Tochter aus Spencers Armen.

„Ist ja gut, meine Kleine!“ Ihr Blick fiel auf seine Uniform, und sie stöhnte erschrocken auf. „Officer... oh, das tut mir leid... das ist mir jetzt wirklich peinlich....!“

„Was denn?“ Spencer sah irritiert an sich herunter und bemerkte erst jetzt den großen nassen Fleck, der sich auf der Jacke über seiner Brust und seinem Bauch ausbreitete. Entsetzt verzog er das Gesicht. „Ja aber... trägt sie denn keine Windeln?“

„Nein“ erwiderte Lara nicht ohne einen gewissen Stolz, „Normalerweise ist sie sauber!“

 

„Was sagt Ihr dazu?“

Hilflos sah Spencer Ben und Ricardo an und wies auf seine durchnässte Uniform, als sie zurück zum Einsatzwagen gingen.

„Du riechst etwas streng!“ bemerkte Ben trocken und Ricardo lachte.

„Wir setzen Dich auf dem Weg zu diesem Makler auf dem Revier ab. Da kannst Du Dich duschen und umziehen. Ben und ich kommen allein klar!“

Spencer nickte betreten.

„Beeilt Euch bloß!“ meinte er. „Hoffentlich hat dieser Geldhai die Möbel aus Dereks Haus nicht schon verscheuert!“

 

 

 

SB Medical Center

Meg massierte ihre Beine und machte hartnäckig die Übungen zur Muskelkräftigung, welche ihr die Physiotherapeutin gezeigt hatte. Sie wollte so schnell wie möglich wieder zu Kräften kommen, um die Klinik recht bald verlassen zu können. Nach Hause...

Sie hielt inne und hing für einen Augenblick ihren Gedanken nach.

Zu Hause... Wo war das eigentlich?

Eigenartig, sie verband nicht Kansas mit diesem Begriff, jedenfalls nicht mehr.

Ihre Kinder und Jugendzeit auf der elterlichen Ranch war unwiderruflich vorbei, es war eine herrliche, zumeist unbeschwerte Zeit gewesen, aber dieser Lebensabschnitt war beendet gewesen, als sie sich von Tim getrennt hatte und fortgegangen war.

Sunset Beach, das war ihr neues Zuhause! Hier lebten ihre neuen Freunde, und hier hatte sie ihre große Liebe gefunden... Ben.

Meg lächelte still vor sich hin. Das Wort „zu Hause“, das war Ben für sie, wo er war, da wollte sie sein, das war ihr plötzlich so klar wie nie zuvor.

 

„Du solltest Dich nicht überanstrengen, mein Kind!“ riss die besorgte Stimme ihrer Mutter sie aus ihren Gedanken. Joan kam mit zwei Bechern voll Orangensaft herein und reichte Meg den einen davon. „Den hab ich aus der Kantine unten, der ist frisch gepresst!“

„Danke Mum.“ Meg setzte sich in ihrem Bett auf. „Wo hast Du denn Sara gelassen?“

„Oh, sie wollte sich ein wenig umsehen und vielleicht einen kleinen Stadtbummel machen.“ erwiderte Joan. „Ich habe ihr gesagt, das wäre schon in Ordnung, Du hättest bestimmt nichts dagegen.“

„Aber Mum, Ihr beide braucht doch wirklich nicht den ganzen Tag an meinem Bett zu sitzen!“ lachte Meg. „Es geht mir gut, glaub mir! Du solltest Dir auch etwas die Beine vertreten.“

„Nein, dazu ist später immer noch Zeit!“ widersprach Joan energisch. „Ich bleibe wenigstens so lange hier bei Dir, bis Ben zurück ist.“

Meg sah zur Uhr.

„Hoffentlich hat er inzwischen den Brief gefunden und ist damit auf dem Weg zu Mark!“

Joan nickte.

„Er wird es schon schaffen, rechtzeitig dort zu sein, mach Dir keine Sorgen!“

 

 

 

SB Mainstreet

Ungeduldig klopfte Ben gegen die Bürotür des kleinen Maklerbüros, dessen Adresse ihnen Lara vor ein paar Minuten gegeben hatte.

Nach einer Weile, die ihm und Ricardo wie eine Ewigkeit erschien, öffnete ein etwas älterer, kahlköpfiger Mann die Tür. Er trug einen Anzug, der ihm vielleicht früher einmal gut gepasst hatte. Jetzt allerdings wirkte er etwas speckig und spannte über der ziemlich fülligen Gestalt seines Besitzers.

„Tut mir leid, meine Herren, aber wir haben bereits geschlossen.“ sagte er abweisend, während er die beiden mit seinen kleinen wieselartigen grauen Augen argwöhnisch musterte.

„Mister Parker?“ fragte Ricardo der Form halber und hielt ihm, als er zögernd nickte, seine Dienstmarke unter die Nase.

„Sunset Beach Police Departement, Detektiv Torres.“ stellte er sich routinemäßig vor und erreichte zumindest, dass der Mann respektvoll einen Schritt zurücktrat.

„Polizei?“ fragte er umständlich und kniff nervös die Augen zusammen.

„Keine Sorge, Sir.“ sagte Ben schnell, als hätte er Angst, Mr. Parker könnte ihnen die Tür vor der Nase zuwerfen, bevor sie ihm ihre wichtigen Fragen stellen konnten. „Es geht um das Haus in der „Mountain- Beach“ erklärte er in freundlichem Ton. „Dort ist doch gestern ein Ehepaar mit einem kleinen Kind eingezogen...“

„Ja“ nickte Parker eifrig, „Mister und Misses Cassidy... so steht es jedenfalls auf dem Mietvertrag. Stimmt was nicht mit den Leuten?“

„Nein“ wehrte Ricardo ab, „alles in bester Ordnung. Was uns interessiert, wo sind die Möbel, die in dem Haus gestanden haben, bevor die Cassidys sie gestern gebeten haben, das Mobiliar zu entsorgen.“

„Die Möbel?“ Man konnte deutlich sehen, wie Parker erleichtert die Luft einsog. „Der alte Plunder, was wollen Sie denn damit?“

Ricardo und Ben sahen ihn erwartungsvoll an.

„Wo sind die Möbel jetzt, Mr. Parker? Sie würden uns wirklich sehr bei einer polizeilichen Untersuchung helfen...“

„Ja, natürlich, ich helfe gerne.“ grinste der Dicke. „Wie gesagt, ich bin ein gutmütiger Mensch, ein echter Menschenfreund, und wenn jemandem das Mobiliar nicht gefällt, dann bedarf es keiner Frage, dann wird es ausgetauscht...“

Ricardo und Ben warfen einander einen genervten Blick zu.

„Mr. Parker“ mahnte Ben mit eiserner Selbstbeherrschung und betonte jedes Wort, „wo sind die Möbel?“

„Im Obdachlosenheim drüben in Huntington, Sir.“ erwiderte Parker diensteifrig. „Ich dachte, das sei eine noble Geste, ich habe sie den Obdachlosen geschenkt!“

 

 

 

Sunset Beach, Ocean Avenue

Sara war nicht einfach nur so durch die Stadt gebummelt, wie ihre Mutter vermutete, nein, sie hatte ein ganz bestimmtes Ziel… das Surf Center. Sie wollte den Mann besuchen, der einen ziemlich großen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, seitdem er vor drei Tagen so unverhofft auf der Ranch ihrer Eltern in Kansas aufgetaucht war. Casey ging ihr nicht mehr aus dem Sinn, und je mehr sie über ihn nachdachte, desto sicherer war sie sich, auch in seinen Augen ein gewisses Leuchten entdeckt zu haben, wenn er in ihrer Nähe war und sich mit ihr unterhielt.

Sicher war er nur zu schüchtern oder auch einfach nur zu beschäftigt, sie im Sunset Inn oder in der Klinik bei Meg zu besuchen. Also beschloss Sara, den Spieß umzudrehen und Casey im Surf Center einen Überraschungsbesuch abzustatten.

Sie bog in die Ocean Avenue ein, die sich parallel zur Strandpromenade bis hinunter zum Pier erstreckte. Staunend betrachtete sie die kleinen und größeren Strandhäuser. Jedes sah anders aus, aber die meisten besaßen einen großen Balkon in Richtung Meer.

„Herrlich“ dachte Sara und stellte sich vor, mit Casey von einem dieser Balkons aus den Sonnenuntergang zu beobachten, verliebt in seine starken Arme gekuschelt...

 

„Suchen Sie jemanden, Miss?“ fragte ein alter Mann, der seinen Spatziergang machte.

Sara nickte.

„Ocean Avenue 1499.“ antwortete sie schnell. Der Mann wies mit seinem Krückstock geradeaus.

„Noch ein kleines Stück die Strasse runter bis zum nächsten Abzweig, Miss. Das Eckhaus mit der Sonne über dem Eingang!“

„Vielen Dank!“ erwiderte Sara strahlend und lief weiter, als sie ein alter klappriger Chevy überholte und eben dort mit quietschenden Bremsen hielt, wo der alte Mann ihr den Standort des Surf Center beschrieben hatte. Ein Mann stieg aus und eilte mit einem großen Blumenstrauß ins Haus.

Saras Herz machte einen unkontrollierten Hopser.

Casey!

Sie hatte ihn sofort erkannt und beschleunigte automatisch ihren Schritt.

Er war zu Hause! Und er hatte Blumen dabei!

Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Bestimmt hatte er vor, sie zu besuchen und hatte sich extra dafür die Blumen besorgt...

Lächelnd, beschwingt und mit wippendem Pferdeschwanz steuerte Sara auf den Eingang mit der leuchtend gelben Sonne zu.

 

 

 

Surf Center

Als Casey in die Küche kam, fand er Rae in angeregtem Gespräch mit Michael und Vanessa vor. Die beiden hatten die Zeit bis zur entgültigen Urteilsverkündung genutzt, um Rae und Casey wie versprochen Bericht zu erstatten.

„Hey Leute, wie sieht`s aus?“ fragte Casey interessiert.

Michael zuckte mit den Schultern.

„Schwer zu sagen, Mann. Gregorys Plädoyer war gut, wie man es von ihm gewöhnt ist, und Marks abschließende Worte gingen einem ziemlich unter die Haut, aber der Staatsanwalt hat sich genauso sehr ins Zeug gelegt und mit allen Mitteln versucht, die Geschworenen auf seine Seite zu ziehen.“

„In einer Stunde werden sie das Urteil verkünden.“ fügte Vanessa hinzu. „Wir müssen langsam wieder los.“ wandte sie sich an Michael. Der nickte.

„Also dann, wollen wir das Beste hoffen!“ sagte er und klopfte Casey auf die Schulter. „Und Du pass gut auf Rae auf, sie sollte noch nicht in der Küche herumturnen!“

„Wem sagst Du das“ gab Casey zurück und grinste, „Du kennst doch unsere Frau Doktor, die ist so stur wie ein Muli, wenn`s drauf ankommt!“

„Na warte!“ lachte Rae und drohte ihm mit ihrem gesunden Arm.

 

 

Sara wollte eben anklopfen, als Michael und Vanessa aus der Haustür traten.

„Hallo“ sagte Sara freundlich, „ich wollte zu Casey Mitchum. Wohnt der hier?“

„Ja, da sind Sie genau richtig.“ erwiderte Michael und hielt ihr die Tür auf. „Gehen Sie die drei Stufen runter, dann geradeaus, er ist in der Küche.“

„Vielen Dank.“ erwiderte Sara und trat zögernd ein, während Michael und Vanessa zu ihrem Termin eilten.

 

Richtig, aus dem Raum dort hinten drangen Stimmen. Das musste die Küche sein.

Erwartungsvoll ging Sara darauf zu, als sie sah, dass die Tür einen Spalt breit offenstand.

Nun waren die Stimmen deutlich zu verstehen.

Sie erkannte Casey, die andere Stimme gehörte einer Frau. Vielleicht eine der Mitbewohnerinnen?

Neugierig trat Sara näher...

 

 

 

Bei den Strandhöhlen

„Ich glaube es nicht!“

Jude schirmte mit der Hand die Augen gegen die Sonne ab, die ihn blendete. „Täusche ich mich, oder ist das Antonio, der dort seelenruhig auf uns zukommt?“

Gabi folgte seinem Blick. Tatsächlich, ihr Man kam am Strand entlang auf sie zugeschlendert, als hätte er alle Zeit der Welt für sich gepachtet.

„Antonio, was soll denn das?“ fuhr Jude ihn ungehalten an. „Wir warten alle auf Dich! Wo zum Teufel treibst Du Dich die ganze Zeit herum?“

Antonio sah ihn erstaunt an.

„Ich bin spatzierengegangen. Ist was Wichtiges?“

Jude schnaufte wütend und verdrehte fassungslos die Augen.

„Er ist spatzierengegangen! Ich glaube es nicht!“ Er trat auf Antonio zu und funkelte ihn böse an. „Wir haben hier einen Auftrag zu erfüllen, falls Du das vergessen hast! Die erste Höhle soll heute gesprengt werden, und bei der Abnahme vor wenigen Minuten muss ich plötzlich feststellen, dass mein Kollege anscheinend schlampig gearbeitet hat!“

„Jude!“ rief Gabi energisch dazwischen, „wie kannst Du nur so etwas behaupten!“

„Entschuldige bitte, Gabi, aber wie würdest Du es nennen, wenn Dein Mann anscheinend nicht einmal in der Lage ist, einfaches Messgerät ordnungsgemäß abzulesen!“

„Was willst Du damit sagen?“ fragte Antonio verunsichert.

Jude atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Er spürte, dass irgend etwas mit Antonio nicht stimmte, er war nicht mehr wie sonst, und bevor nicht klar war, was ihn bedrückte, wollte er ihn nicht noch zusätzlich mit Vorwürfen belasten, mochten sie auch noch so berechtigt sein.

„Also gut, ich werde es Dir erklären.“ meinte er etwas versöhnlicher und begann, seinem Freund und Kollegen  von seiner Abschlussbegehung und dem anschlagenden Messgerät am Ende des Höhlenganges zu berichten.

 

Sie waren alle drei so ins Gespräch vertieft, dass keiner von ihnen bemerkte, wie der Sprengmeister sich heimlich zurückzog. Er schloss die Absperrung, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich keiner der Anwesenden mehr im unmittelbaren Gefahrenbereich befand.

Auf die ansehnliche Geldsumme, die sein Auftraggeber ihm persönlich im Falle termingerechter Sprengung auf sein Privatkonto überweisen würde, wollte er unter keinen Umständen verzichten, nur weil einer dieser Archäologen übervorsichtig war und hier Panik verbreitete. Der konnte ihm erzählen, was er wollte, er würde jetzt handeln!

Entschlossen hob er die Hand und gab seinen Leuten ein Zeichen, während er ihnen durch sein Sprechfunkgerät einen eindeutigen Befehl erteilte.

 

 

 

Huntington Beach

Ricardo konnte sich nicht erinnern, jemals mit seinem Dienstwagen so schnell gefahren zu sein. Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und konnte den Wagen in dieser Geschwindigkeit kaum in den Kurven halten. Eine riesige Staubwolke hinter sich aufwirbelnd, hielten sie schließlich vor dem Obdachlosenheim am Ende der kleinen Stadt.

„Glaubst Du, der Brief ist noch da?“ fragte Ricardo atemlos, während sie schnellen Schrittes zum Eingang liefen. „Wenn Meg ihn nur unter die Matratzen geschoben hat, dann ist er sicher rausgefallen, als sie die Betten transportiert haben!“

„Du bist wirklich der geborene Optimist!“ erwiderte Ben sarkastisch und sah sich in der kleinen Vorhalle suchend um. „Hallo, jemand da?“

 

„Was wollen Sie?“

Eine mürrisch aussehende, ältere Mexikanerin in einer viel zu großen Kittelschürze und unordentlich aufgestecktem schwarzen Haar, kam ihnen aus einem der Räume entgegen. „Wirr öffnen erst geggen abend, jetzt ist derr Palast geschlossen!“

„Wir wollen ja auch nicht hier übernachten, Seniora.“ erwiderte Ricardo und zückte erneut seinen Dienstausweis. „Sunset Beach Police Dep...“ weiter kam er nicht, denn die Mexikanerin, aller Wahrscheinlichkeit nach hier als Putzfrau beschäftigt, hob sofort abwehrend beide Hände und trat schnell ein paar Schritte zurück.

„Oh no no no no Senior, nix Policia, ich errliche Arbeit in Kalifornia, nix illegal, bitte Senior, muss sorgen für kleine Kinderr und Mann sein krank, nix können zallen Medizin für Doktorre, wenn ich nix habben arbeit...“

„Hey, ganz ruhig, Seniora!“ rief Ricardo laut, um ihren Redeschwall zu unterbrechen. „Wir sind nicht wegen Ihnen hier, wir suchen die Möbel, die gestern hierher geliefert wurden.“

Die Mexikanerin unterbrach augenblicklich ihr Gezeter und sah die beiden Männer ausgesprochen dumm an.

„Möbbel, hier? Nix neue Möbbel, alles alt, schlechte Zimmerr...“

„Herrjeh!“ entfuhr es Ricardo und er verdrehte die Augen. „Seniora, po ver wor, denken Sie nach, gestern Mittag, ein großes Auto mit alten Möbeln“ er machte eine weit ausholende Armbewegung, „alte Schränke, Tische, Betten...“

„Wir suchen die Betten!“ ergänzte Ben schnell, und die Frau guckte noch einfältiger drein.

„Betten...“ wiederholte sie verständnislos, als die beiden Männer eifrig nickten.

„Nu, komen mit...“ Sie setzte sich zögernd in Bewegung und bedeutete den beiden, ihr zu folgen. „Betten...“ murmelte sie kopfschüttelnd, „Policia suchen Betten!“

Ben und Ricardo sahen sich grinsend an und folgten ihr. Sie führte die Männer in den Flur, auf dem sich die Zimmer für die Obdachlosen befanden, die zum Glück um diese Zeit noch leerstanden.

„Bitte, Mister Policia, gucken an, ob finden richtige Möbbel... und Betten!“

Ben seufzte.

„Sieht ganz danach aus, als müssten wir die berühmte Nadel im Heuhaufen suchen. Wühlen wir uns also durch die Betten des Obdachlosenheimes!“

Die beiden krempelten die Ärmel hoch und machten sich unter den argwöhnischen Blicken der mexikanischen Putzfrau an die Arbeit.

 

 

 

Surf Center

„Ich muss mit Dir reden, Rae.“ begann Casey etwas umständlich. „Setz Dich doch mal hin.“

„Okay“ nickte sie, „wenn das Essen fertig ist. Gibst Du mir mal die Teller da oben aus der Anrichte?“

„Geht nicht.“ erwiderte Casey, der beide Hände dazu benötigte, die Blumen hinter seinem Rücken zu verbergen. „Setz Dich bitte!“

Rae hielt mit ihrer Arbeit inne und betrachtete ihn erstaunt.

„Was ist denn los mit Dir? Und... was versteckst Du da die ganze Zeit?“

Er stöhnte nur scherzhaft über ihre Neugier und grinste etwas unbeholfen.

„Es ist eine Überraschung für Dich, aber wenn Du so weiter bohrst, dann kannst Du sie vergessen. Also los, hinsetzen und Augen schließen!“

Rae musterte ihn fragend, doch sie war natürlich erpicht darauf, zu erfahren, was er vorhatte. Sie nahm auf der Küchenbank Platz und schloss die Augen.

„Ich warne Dich“ meinte sie schmunzelnd, „ich hasse Frösche, Klapperschlangen und Insekten, also komm mir nicht mit so was!“

„Keine Sorge!“ lachte Casey, und sie hörte ihn nebenbei mit irgend welchem Papier rascheln. „Ich will Dich ganz bestimmt nicht vergraulen.“

 

Rae saß still da und wartete mit geschlossenen Augen. Nein, schummeln würde sie nicht, dann verdarb sie sich ja die ganze Freude. Angestrengt überlegte sie, was Casey sich wohl für sie ausgedacht hatte. Er war so aufmerksam und liebevoll zu ihr, und sie musste sich eingestehen, dass ihr das über alle Maßen gefiel.  Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn er sie jetzt einfach in den Arm genommen und geküsst hätte.

 

Ihr Herz machte plötzlich unkontrollierte Sprünge, als sie seine leise Stimme dicht an ihrem Ohr hörte.

„Du darfst die Augen jetzt aufmachen!“

Sie blinzelte.

„Casey!“

Sie blickte genau in einen herrlichen Strauss roter Rosen, deren zarter betörender Duft ihr sofort in die Nase stieg. „Sind die schön!“

„Nicht halb so schön wie Du.“ erwiderte er, und erst jetzt bemerkte Rae, dass er vor ihr niederkniete.

„Was... was tust Du denn da?“

Casey legte die Rosen auf Raes Knie und ergriff dann ihre Hände.

„Ich möchte Dich etwas fragen.“

 

Rae hatte das Gefühl, als drehte sich in diesem Moment die ganze Welt nur um sie beide. Im Grunde ihres Herzens ahnte sie bereits, was er ihr sagen würde, aber sie wollte es hören, jedes Wort davon genießen.

„Ja?“ fragte sie leise und erwartungsvoll.

Casey schluckte, und der Blick aus seinen blauen Augen war ernst und doch voller Wärme und Zärtlichkeit.

„Wir beide kennen uns zwar erst kurze Zeit, aber die paar Wochen haben gereicht, um mir zu beweisen, dass es die berühmte Liebe auf den ersten Blick gibt. Ich liebe Dich, Rae Chang, von dem Moment an, als Du mir damals hier die Tür vor der Nase zugeschlagen hast, weil Du niemand Fremden ins Haus lassen wolltest! Du bist klug, wunderschön, Du bist mutig und Du kannst mit mir streiten, dass die Fetzen fliegen... kurz gesagt, Du bist genau die Frau, mit der ich mein Leben teilen möchte, und deshalb frage ich Dich jetzt und hier: Rae, möchtest Du mich heiraten?“

 

Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an, unfähig sich zu rühren.

Dann plötzlich rollte eine Träne über ihr Gesicht.

„Hey... nicht doch...“ flüsterte Casey und strich mit seinen Fingerspitzen vorsichtig über ihre Wange, etwas verunsichert darüber, dass sie jetzt weinte. „Du musst ja nicht sofort antworten... ich meine, wenn Du noch Zeit brauchst...“ stotterte er etwas unbeholfen, doch Rae lachte mit einem Mal unter Tränen und fiel ihm um den Hals.

„Aber natürlich will ich Dich heiraten, Casey!“ rief sie und strahlte vor Glück. „Ich kann mir nichts schöneres vorstellen, als Deine Frau zu werden!“

„Ist das wahr?“ Nun strahlte auch Casey, denn sie nickte heftig.

„Aber ja...!“

„Und es ist nicht zu überstürzt für Dich?“ fragte er vorsichtig. „Ich meine, ich hab ja noch nicht mal einen Ring für Dich... aber gleich morgen gehen wir und suchen den Schönsten für Dich aus!“

„Ich brauche keinen Ring, um zu wissen, dass Du mich liebst, Casey. Ich empfinde ja das selbe für Dich, schon seit langem!“ sagte sie ernst.

Casey nickte.

„Ich bin so unendlich glücklich!“ flüsterte er leise. „Erinnerst Du Dich, als ich Dir sagte, wenn Meg wieder gesund ist, dann mieten wir eine Yacht und segeln hinaus. Wir werden mit ihnen unsere Verlobung feiern, draußen auf dem Meer, bei Sonnenuntergang, Kerzenschein und einem tollen Festmahl! Ich glaube, die beiden können am besten verstehen, wie das ist, wenn sich zwei Menschen auf den ersten Blick ineinander verlieben. Sie haben es ja selbst erlebt!“

„Ja, Du hast recht.“ erwiderte Rae und lächelte.

 

Sie sahen sich beide an. Ihre Blicke tauchten ineinander und hielten sich fest.

Als ihre Lippen sich zärtlich berührten, schien es ihnen so, als ob die Zeit für einen Moment lang stillstehen würde. Sie hielten sich in den Armen und küssten sich voller glühender Leidenschaft, als wollten sie sich nie mehr loslassen.

 

Keiner von beiden bemerkte Sara, die an der halb geöffneten Küchentür stand und das glückliche Paar fassungslos anstarrte, bevor sie sich abrupt abwandte und schluchzend davonlief.

 

 

 

Bei den Strandhöhlen

Antonio blickte einen Moment lang betreten zu Boden.

„Es tut mir wirklich leid, Jude. Als ich den hinteren Teil der Höhle untersucht habe, stellte ich fest, dass die Batterie des Suchgerätes nachließ. Daraufhin habe ich es ausgeschalten und den Rest des Ganges erst einmal ohne technische Hilfsmittel abgesucht. Als ich dann herauskam, bin ich sofort zur anderen Höhle hinüber, um Gabi bei den Gesteinsproben zu helfen und habe die Batterie darüber völlig vergessen.“

„Die habe ich gestern gewechselt, als ich merkte, dass sie leer war.“ nickte Gabi.

„Wie kann man nur so etwas vergessen!“ Verständnislos schüttelte Jude den Kopf. „Meine Güte, Antonio, was ist nur in den letzten Tagen mit Dir los? Du bist doch sonst absolut zuverlässig!“

„Lass ihn in Ruhe, Jude!“ verteidigte Gabi ihren Ehemann wieder. „Wir werden den Rest des Tages nutzen, um die besagte Stelle genau zu untersuchen. Dann können die Männer eben erst morgen früh sprengen!“

„Lass gut sein, Gabi.“ meinte Antonio und nahm Jude das Messgerät aus der Hand. „Ich werde hineingehen und meine Arbeit ordnungsgemäß zu Ende bringen. Allein!“ er zögerte kurz und sah die beiden einen Moment nachdenklich an. „Aber vorher muss ich Euch noch etwas Wichtiges sagen...“

 

In diesem Moment ertönte ein lautes Signalhorn.

Erschrocken fuhren Jude, Gabi und Antonio herum.

Jude begriff als Erster.

„Das gibt es doch nicht!“ entfuhr es ihm und er stürzte hinüber zur Absperrung. „Sofort abbrechen! Sie dürfen nicht sprengen!“

„Bleiben Sie zurück, Sir!“ rief ihm einer der Arbeiter aufgeregt zu, doch Jude war nicht zu halten. Er durchbrach die Absperrung und rannte am Höhleneingang vorbei in Richtung des Bauwagens, vor dem der Sprengmeister mit seinen Leuten stand.

„Aufhören!“ schrie er, so laut er konnte, „das ist lebensgefährlich!“

Sein Schrei ging teilweise unter in dem ohrenbetäubenden Knall der Explosion, der den mächtigen Felsen erschütterte.

Mit angsteinflößendem Donnergrollen sackte die unterirdische Höhle in sich zusammen, riss Gesteinsbrocken aus dem Fels und hüllte alles ringsum in eine riesige graue Staubwolke aus Sand, Geröll und herumfliegendem Gestein ein.

Für Sekunden bebte die Erde unter Judes Füßen. Dann spürte er plötzlich einen harten Schlag gegen seinen Kopf.

 

Er hörte nicht mehr die entsetzten Schreie der jungen rothaarigen Frau, die mit einer blonden Dame einen Strandspatziergang gemacht hatte und neugierig an der Absperrung stehengeblieben war.

Um ihn herum wurde alles schwarz, und er fiel in eine bodenlose Tiefe...

 

 

 

Im Keller des DEEP

„Ach komm schon, Cole, ich möchte wissen, was sich hinter dieser Wand verbirgt!“ bettelte Tess neugierig. „Irgend etwas muss doch da sein!“

„Ja natürlich... Felsen!“ erwiderte Cole und seufzte. „Aber gut, Du gibst ja doch nicht eher Ruhe, bist Du es genau weißt!“

Er nahm das Brecheisen, dass er von oben mitgebracht hatte und begann mit kräftigen Schlägen gegen die brüchig aussehende Ziegelwand vorzugehen. Die Steine gaben sehr schnell nach, zerbröckelten und fielen hintenüber ins Dunkel.

„Na also, ich wusste doch, dass dahinter ein Hohlraum ist!“ frohlockte Tess. „Warte, ich hole eine Lampe!“

Sie war schon halb auf der Treppe, als ein eigenartiges Geräusch sie innehalten ließ.

Es war wie eine kurze Erschütterung, dann ein dumpfes, unterirdisches Grollen, das schnell näher kam.

 

Sekunden später erreichte eine Druckwelle aus Sand und losem Gestein die Wand des Kellers, die Cole soeben einreißen wollte.

Die Steine wurden mit ungeheurer Kraft nach innen in den Raum gedrückt und begruben Cole unter sich...

 

 

 

SB Medical Center

Meg richtete sich erschrocken in ihrem Bett auf. Die Detonation war bis in die Klinik zu spüren gewesen. Der Monitor über ihrem Bett schlug sofort Alarm, obwohl Meg seit einer Stunde gar nicht mehr daran angeschlossen war.

„Was war das?“ fragte Joan die herbeieilende Schwester, die das piepsende Gerät abstellte.

„Ich glaube, sie haben eine der Felsenhöhlen gesprengt.“ erwiderte sie und lachte. „Ein kleiner Knall... und schon spielen unsere teuren hochsensiblen Geräte total verrückt!“

 

„Schade um die Höhlen...“ wandte sich Meg wehmütig an ihre Mutter, als die Schwester das Zimmer wieder verlassen hatte, „ich bin zwar noch nicht lange hier, aber ich liebe dieses herrliche Panorama unten am Strand. Der Ozean und die Felsen,  bezaubernde Natur, stark und unbezwingbar!“

„Aber wenn ich das vorhin richtig verstanden habe, dann hat Dein Freund mit dieser Firma ebenso seinen Anteil daran!“ meinte Joan missbilligend.

„Ja, das stimmt schon“ lenkte Meg ein, „aber es ging nicht anders, die Sprengungen sind dringend erforderlich, damit dieses Ferienprojekt gebaut werden kann. Und von dem profitiert die Stadt, vielleicht lebt sie sogar eines Tages davon.“

 

Sie seufzte und hörte, wie draußen einer der Rettungswagen mit aufjaulenden Sirenen vom Hof fuhr. Zum hundertsten Mal an diesem Tag wanderte ihr Blick zur Uhr.

„Hoffentlich findet Ben den Brief rechtzeitig, um Mark vor einer Verurteilung zu bewahren!“

Joan sah ihre Tochter mit einem nachdenklichen Lächeln an.

„Es hat sich nichts geändert.“ stellte sie fest.

„Was meinst Du?“ fragte Meg erstaunt.

„Nun, Du hast schon früher alles für Deine Freunde getan. Wenn jemand von ihnen in Not war, dann kannte Deine Hilfsbereitschaft keine Grenzen! Das habe ich immer an Dir geschätzt.“

„Wozu hat man Freunde, Mum!“ erwiderte Meg. „Wenn ich nicht noch so schwach in den Knien wäre, dann hätte ich Ben begleitet!“

„Du liebst ihn sehr, nicht wahr?“ fragte ihre Mutter leise.

Meg nickte.

 

Sie legte den Kopf zurück in die weichen Kissen und dachte an die unvergesslichen zärtlichen Augenblicke mit Ben, an ihre erste Begegnung im Flugzeug, dann das unverhoffte Wiedersehen vor Caseys Haus, an ihren ersten Kuss draußen am Ende des Piers, an ihre erste gemeinsame Nacht in dem kleinen Zimmer im Surf Center, an Bens streichelnde Hände, sein Lächeln und seine heißen Küsse, an den Ausflug mit der weißen Yacht, mit der sie beide in den Sonnenuntergang gesegelt waren und an die gemeinsamen Stunden in Bens Haus,  und ein wohliger Schauer durchfuhr sie.

Bald, sehr bald würde alles wieder so sein... und dann hoffentlich für immer!

 

 

 

Im Gerichtssaal

„Bitte erheben Sie sich von Ihren Plätzen!“

Während alle Anwesenden der Aufforderung des Gerichtsdieners folgten, nahmen die Geschworenen und die Herren in ihren schwarzen Roben um Richter Callaghan Platz.

Nachdem sich alle wieder gesetzt und endlich wieder Ruhe im Gerichtssaal eingekehrt war, sah der Richter zur Geschworenenbank hinüber.

„Nun, meine Damen und Herren Geschworenen, darf ich fragen, ob Sie in der Strafsache „Der Staat Kalifornien gegen Mark Wolper“ zu einem einhelligen Urteil gekommen sind?“

Einer der Geschworenen erhob sich.

„Ja, das sind wir, Euer Ehren.“ sagte er mit fester Stimme und reichte dem Gerichtsdiener einen zusammengefalteten Zettel, den dieser an Richter Callaghan übergab.

Der Richter setzte seine Brille auf, entfaltete umständlich das Blatt Papier und las, was dort stand.

Mark saß da und verfolgte die Szene mit angehaltenem Atem.

Die Sekunden, bis Richter Callaghan aufsah und die Brille wieder abnahm, erschienen ihm wie eine Ewigkeit.

 

„Ich werde jetzt das Urteil verkünden. Angeklagter, erheben Sie sich bitte.“

Mit zitternden Knien stand Mark auf. Gregory erhob sich ebenfalls von seinem Platz und nickte seinem Mandanten aufmunternd zu.

Der Richter räusperte sich.

„Mark Wolper, hiermit erkläre ich Sie des Mordes an...“

 

An der Tür zum Gerichtssaal entstand plötzlich irgend ein Tumult, so dass Callaghan abbrach und ungehalten mit seinem Holzhammer auf den Tisch schlug.

„Ruhe im Gerichtssaal!“

Einer der Sicherheitsbeamten, die vor der Tür postiert waren, kam eilig durch den Gang nach vorn und flüsterte ihm aufgeregt etwas zu.

„... neues Beweismaterial... Detektiv Torres... Justizirrtum...“ Mark konnte nur Bruchteile dessen verstehen, was dort zwischen den Männern geflüstert wurde.

„Was ist los?“ raunte er Gregory aufgeregt zu. Der zuckte mit den Schultern und trat entschieden hinter seinem Tisch hervor.

„Euer Ehren, falls dieses Vorkommnis in irgend einer Weise mit meinem Mandanten zu tun hat, so verlange ich, umgehend...“ begann er, doch Richter Callaghan hob mit sichtlich verärgertem Gesicht die Hand und bedeutete ihm wie auch dem Staatsanwalt, nach vorn an den Richtertisch zu kommen.

Atemlos verfolgten alle Anwesenden die Szene.

Die drei Männer diskutierten im Flüsterton miteinander, und man jeder, der Gregory kannte, bemerkte, wie er binnen Sekunden seine altbewährte Sicherheit zurückgewann und mit überlegenem Grinsen seine Forderungen stellte, während James T. Baker verzweifelt zu versuchen schien, eine eventuelle Wende im Prozessgeschehen zu verhindern.

Schließlich erhob sich der Richter und bat energisch um Ruhe im Saal.

Augenblicklich trat absolute Stille ein.

 

„Ich habe soeben erfahren, dass neues, brisantes Beweismaterial aufgetaucht ist, das diesen Urteilsspruch unter den gegebenen Umständen erst einmal außer Kraft setzen dürfte.“ verkündete Richter Callaghan. „Ich unterbreche daher die Verhandlung, um einen wichtigen zusätzlichen Sachverhalt zu klären und bitte die Geschworenen sowie die Herren Staatsanwalt und Verteidiger, mir unverzüglich in mein Büro zu folgen.“

 

Eine halbe Stunde später wurde Mark von dem Mord an Roger Thorne in allen Anklagepunkten freigesprochen.