TEIL 53

 

 

Penthouse Suite der Familie Richards im SUNSET INN

 

Caitlin stöhnte.

Seit Stunden versuchte sie sich auf ihre Studienunterlagen zur bevorstehenden Klausur zu konzentrieren, doch ihr ging einfach zuviel im Kopf herum, um sich auch nur einen Bruchteil dessen zu merken, was für diese schriftliche Prüfung wichtig war.

Und dann dieses verflixte Telefon nebenan...

Unaufhörlich klingelte es im Arbeitszimmer ihres Vaters in der Penthouse Suite des Sunset Inn, die vorübergehend ihr Zuhause ersetzte, nachdem das prächtige Anwesen der Richards vor ein paar Wochen durch einen feigen Brandanschlag so gut wie ganz vernichtet worden war.

Caitlin lächelte nachdenklich.

So schmerzlich der Verlust ihres Elternhauses für sie auch gewesen war, um so mehr freute sie sich auf die neue Villa, die ihr Vater bauen ließ und die in Rekordzeit fertig sein würde, nachdem Gregory die besten Firmen für dieses Projekt engagiert hatte.

Größer und schöner als die alte würde sie sein. Darin konnte Caitlin den gesamten Westflügel der oberen Etage ihr eigen nennen, und sie durfte dann hoffentlich endlich ihre lang entbehrte Privatsphäre genießen...

Das Klingeln des Telefons riss sie erneut aus ihren Gedanken.

Rosa hatte ihren freien Tag und anscheinend war der Anrufbeantworter mal wieder nicht geschaltet.

Seufzend klappte Caitlin ihre Unterlagen zu und ging hinüber, um den hartnäckigen Anrufer an Gregorys Büro in der Liberty Corporation zu verweisen.

 

Eine Männerstimme war am anderen Ende, und der Anrufer behauptete, Mr. Richards hätte ihn ausdrücklich gebeten, ihn nur auf seinem Privatanschluss anzurufen.

„Nun, das mag ja sein, aber mein Vater ist den ganzen Tag außer Haus.“ erklärte Caitlin so geduldig wie möglich. „Nein, tut mir leid, Sir, wenn er nicht an sein Handy geht, kann ich Ihnen auch nicht helfen. Sicher hat er eine wichtige Besprechung und will momentan nicht gestört werden. Möchten Sie ihm eine Nachricht hinterlassen?... Ja, einen Augenblick, ich suche nur schnell einen Stift...“

Eilig zog Caitlin die oberste Schublade auf und kramte nach etwas Schreibbarem. Dabei fiel ihr eine dieser kleinen Kassetten in die Hände, die in den Anrufbeantworter gehörten. Darauf stand mit roter Schrift ein Name, der augenblicklich ihre Neugier weckte:

„Eddie Connors“

 

Caitlin stutzte überrascht. Das war doch der Kerl, der Dr. Chang entführt hatte und dabei kürzlich ums Leben gekommen war! Was hatte denn ihr Vater mit diesem Kriminellen zu tun?

Schnell notierte sie sich die Telefonnummer des hartnäckigen Anrufers und legte auf.

Gedankenverloren betrachtete sie die Kassette in ihrer Hand. Sofort begann ihr Gewissen Alarm zu schlagen. Noch nie hatte sie in den Unterlagen oder Sachen ihres Vaters herumgeschnüffelt!

Eddie Connors... war er vielleicht ein Klient von Gregory gewesen? Damals, als das mit Dr. Chang passiert war, und sie die Schlagzeilen von Eddies Tod in der Zeitung las, hatte sie ihn gefragt, was genau passiert sei, aber er hatte nur abgewinkt und gemeint, Connors sei ein primitiver Schurke gewesen, der mit der Entführung der Ärztin von irgend jemandem Geld erpressen wollte.

Erpressung... hatte Connors vielleicht auch versucht, ihren Vater mit irgend etwas zu erpressen?

Nachdenklich drehte sie die Kassette in ihren Händen und zögerte noch, doch dann siegte die Neugier. Kurzentschlossen schob sie das Teil in den Anrufbeantworter und lauschte gespannt.

Bereits nach den ersten Worten nahm ihr Gesicht einen ungläubigen Ausdruck an.

Diese Stimme kannte sie doch irgendwoher...

Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag, und es schien ihr, als würde ihr das Blut in den Adern gefrieren.

 

Natürlich...!

Der anonyme Telefonanruf in Tims Hotelzimmer!

Diese Stimme, die ihr kalte Schauer über den Rücken gejagt hatte, würde sie unter Hunderten wiedererkennen.

Das war... Eddie Connors!

Aber was hatte er mit Tim zu tun? Warum nannte er ihn einen gemeinen Verräter und sprach ihn gleichzeitig mit  „Partner“ an?

Caitlin hatte den genauen Wortlaut immer noch im Gedächtnis: „DAFÜR WIRST DU BITTER BEZAHLEN; PARTNER...“ „WIR RECHNEN NOCH MITEINANDER AB...“

Ganz sicher... es war Eddie Connors Stimme, die sie damals gehört hatte.

 

Zutiefst beunruhigt schaltete sie das Gerät ab und legte die Kassette zurück in die Schublade.

Tim hatte sich seit jenem Vormittag, als sie zu ihm ins Hotel gekommen war und sie beinahe miteinander geschlafen hatten, nicht wieder gemeldet. Er schien wie vom Erdboden verschwunden zu sein, und Caitlin fragte sich, ob er sich überhaupt noch in Sunset Beach aufhielt. Irgend etwas musste geschehen sein, etwas Schwerwiegendes.

Etwas, was nach ihren neusten Erkenntnissen ganz sicher mit Eddie Connors zu tun hatte.

Sobald Tim hier irgendwann wieder aufkreuzen sollte, und sie war sich sicher, dass er das tun würde, musste sie unbedingt herausfinden, was es war.

Sie hatte da so eine Idee...

 

 

 

Pazifik Coast Highway

 

Tim war bester Laune, als er seinen Mietwagen über die Küstenstrasse lenkte.

Vor ein paar Stunden war seine Maschine aus Kansas in L.A. gelandet, und nach einigen kurzen Besorgungen fuhr er nun schnurstracks Richtung Süden, zurück nach Sunset Beach, zurück zu Meg. Und zu Caitlin...

Er grinste und pfiff übermütig einen Song mit, der aus dem Autoradio tönte.

Eddie Connors war tot! Die beste Nachricht seines Lebens!

Nun konnte ihm nichts mehr geschehen. Klar, es war überaus feige gewesen, einfach abzuhauen und Caitlin total im Ungewissen zu lassen. Sicher hatte sie ihn überall gesucht und sich große Sorgen gemacht, und bestimmt schmollte sie wegen seines Verschwindens, aber das würde sich in Anbetracht des prächtigen Rosenstraußes, der neben ihm auf dem Beifahrersitz lag, bestimmt schnell geben. Er würde eine richtig schöne Zeit mit ihr verbringen.

Aber er durfte dabei den eigentlichen Grund seines Hierseins nicht aus den Augen verlieren. Dieses Mal wollte er alles richtig machen. Er wollte Meg zurückhaben, mit allen Mitteln, und wenn es erst soweit war, dass er es geschafft hatte, sie mit diesem Ben Evans zu entzweien, dann würde er mit ihr zurückkehren nach Ludlow, sie würden heiraten, wie es geplant gewesen war, und Sunset Beach würde nur noch eine Erinnerung für sie beide sein. Zugegeben, für Meg eine eher bittere Erinnerung, aber für ihn dank Caitlin eine überaus  reizvolle...

Er war gespannt, wie es Meg ging. Ob sie nach ihrer Entführung durch diesen verrückten Evans- Bruder schon wieder aus dem Koma erwacht war?

Vorhin, als er auf dem Flughafen auf sein Gepäck gewartet hatte, schien es ihm für eine Sekunde, als habe er Meg mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gesehen, wie sie die Aussichtsplattform verließen. Aber er war sich sicher, dass seine Fantasie ihm nur einen üblen Streich gespielt hatte, denn die drei waren verschwunden, noch bevor er genauer hinschauen konnte.

 

Das Ortseingangsschild von Sunset Beach kam bereits in Sicht, und Tim bog vom Highway ab. Er beschloss, erst einmal zum SEABREEZE Motel zu fahren und sich dort wieder ein Zimmer zu nehmen. Wenn er es allerdings richtig anstellte und die kleine süße Caitlin noch ein bisschen um den Finger wickelte, dann würde sie ihn später vielleicht sogar eine Zeitlang in einem der Gästezimmer des schönen neuerbauten Richardshauses wohnen lassen... zumindest so lange, bis er die Beziehung zu ihr beenden und mit Meg nach Hause zurückkehren würde.

Tim lachte.

Der Himmel auf Erden bot sich ihm... Er brauchte nur zuzugreifen!

 

 

Im DEEP

 

Gregory betrat das DEEP und sah sich interessiert an.

Um diese Zeit waren noch nicht sehr viel Leute da, und Tess, die eben die jungen Leute an einem der Tische bedient hatte, bemerkte ihn sofort.

Freundlich lächelnd trat sie auf ihn zu.

„Mister Richards! Welch ein seltener Besucher in unserer bescheidenen Hütte! Möchten Sie an der Bar platznehmen oder erwarten Sie noch jemanden?“

Gregory musterte Tess kurz. Sie war sehr hübsch, das musste er zugeben, aber ihre kesse, fast provozierende Art missfiel ihm. Bei ihr wusste man nie auf Anhieb, ob sie etwas ernst meinte oder einen vielleicht nur auf den Arm nahm.

Nun, mit diesem kleinen Luder würde er schon fertig werden...

„Tja, meine Liebe, eigentlich wollte ich ja zu Ihnen und Ihrem Partner. Haben Sie kurz Zeit?“

„Oh“ Tess schien überrascht. „Cole ist momentan nicht da. Aber ich unterhalte mich natürlich gern mit Ihnen.“

Da war wieder dieses schwer zu deutende Lächeln, das ihn auf die Palme brachte.

Er mochte keine emanzipierten Frauen. Für Gregory musste eine Frau schön und intelligent sein, sich jedoch vor allem durch ein gewisses Maß an Gehorsam, vornehmer Zurückhaltung und Anpassungsfähigkeit auszeichnen. So wie Olivia lange Jahre gewesen war...

 

„Vanessa, kannst Du kurz für mich übernehmen?“ rief Tess mit einem kurzen Blick über die Schulter und unterbrach damit seine Gedanken. Mit einer einladenden Geste in Richtung der Treppe wandte sie sich wieder an Gregory. „Gehen wir hinauf ins Büro, Mister Richards, dort sind wir ungestört.“

„Würden Sie mich bitte beim Vornamen nennen, Tess?“ meinte er charmant, während er ihr nach oben folgte. „Wenn Sie „Mr. Richards“ sagen, komme ich mir uralt vor.“

„Das sind Sie aber nicht.“ lächelte Tess und öffnete die Tür. „Im Gegenteil, Sie sind ein sehr attraktiver Mann!“

`Miststück!` dachte Gregory, erwiderte jedoch ihr Lächeln.

Das Büro war geräumig und geschmackvoller eingerichtet, als er erwartet hatte. In Gedanken wog er bereits ab, was er so lassen könnte und was verändert werden müsste, wenn ihm diese Bar erst gehörte...

 

Er nahm in einem der schweren Clubsessel Platz.

„Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?“ fragte Tess und öffnete einen kleinen, aber reichhaltig gefüllten Barschrank.

„Gerne.“ lächelte Gregory angenehm überrascht. „Ich nehme einen Martini.“

Er beobachtete sie, wie sie den Drink einschenkte. Sie hatte eine tolle Figur und ihre blonde Mähne war nur lose hochgesteckt. In dem dunkelgrünen kurzen Sommerkleid wirkte sie sehr sexy, und der Blick aus ihren grünen Augen verriet, dass sie sich dieser Wirkung auch voll bewusst war. Sie reichte Gregory das gefüllte Glas, setzte sich ihm gegenüber und schlug die langen schlanken Beine übereinander.

„Trinken Sie nichts, Tess?“ fragte er, doch sie schüttelte entschieden den Kopf.

„Ich trinke fast nie, und im Dienst schon gar nicht.“ Sie musterte ihn mit unverhohlener Neugier, während er einen Schluck von seinem Martini nahm und holte schließlich tief Luft.

„Also.. was kann ich für Sie tun, Mister... Ri.. ähm, Gregory?“

Gregory stellte das Glas auf dem kleinen runden Tisch ab und beugte sich etwas vor.

„Das ist einfach erklärt, und ich möchte auch nicht lange drum herum reden...“

„Okay“ nickte Tess mit der ihr eigenen Selbstsicherheit, „dann raus mit der Sprache!“

 

„Ich möchte, dass Sie und Ihr Partner mir das DEEP verkaufen!“

 

 

Bens Haus

 

Ben schloss die Tür auf und ließ Meg eintreten.

Sie betrat das große helle Wohnzimmer und sah sich um. Seit jener Sturmnacht damals, als sie nach Ben gesucht und schließlich total durchnässt vor seiner Tür gestanden hatte, war sie nicht mehr hier gewesen, aber sofort spürte sie wieder diese geheimnisvolle und gleichzeitig vertraute Atmosphäre, die bereits bei ihrem allerersten Besuch in Bens Haus von ihr Besitz ergriffen hatte.

Ben stellte ihre Sachen ab, die sie auf seine Bitte hin schnell im Surf Center zusammengepackt hatte. Er hatte ihr nichts von seinen Plänen verraten, sie wusste nur, dass sie beide den heutigen Abend und die Nacht nicht hier verbringen würden.

Ben öffnete weit die Verandatüren. Sofort spürte Meg den frischen Wind, der vom Meer herüberwehte. Sie trat hinaus und atmete tief durch.

„Setz Dich, Meg. Ruh Dich ein bisschen aus!“ sagte Ben und legte besorgt den Arm um ihre Schultern.

„Es geht mir gut“ widersprach sie lächelnd, „Du musst Dir keine Sorgen mehr machen!“

Ein Glücksgefühl durchströmte sie, als Ben sie zärtlich in die Arme nahm.

„Ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, Dich endlich wiederzuhaben!“ flüsterte er. „Ich liebe Dich, Meg, und ich hoffe, der heutige Abend wird unvergesslich für uns beide.“

Schelmisch blinzelte sie ihn an.

„Was hast Du vor, Ben Evans?“

„Das ist eine Überraschung!“ erwiderte er geheimnisvoll. „Ich will...“ fast hätte er gesagt, er wolle sie entführen. Erschrocken wurde ihm die Bedeutung dieser Worte klar, und er konnte sie eben noch herunterschlucken. „Ich will Dich heute ganz für mich!“

„Klingt gut!“ meinte Meg. „Einverstanden. Wohin gehen wir?“

„He, nicht so eilig!“ lachte Ben. „Ich muss auch erst noch ein paar Sachen holen. Mach es Dir auf der Couch gemütlich, ich bin gleich zurück.“

Als sie ins Zimmer zurücktraten, fiel Ben auf, dass der Anrufbeantworter blinkte.

„Ach... Meg! Würdest Du bitte die Gespräche abhören? Neben dem Telefon liegt ein Block für wichtige Notizen.“ rief er, während er bereits die Treppe hinauf eilte.

Meg ging zum Schreibtisch hinüber und drückte auf den Wiedergabeknopf.

 

Die erste Nachricht war von Gregory, der Ben mitteilte, dass er, sobald er wieder im Büro war, einen wichtigen Geschäftspartner zurückrufen sollte. Meg notierte sich die Nummer.

Der zweite Anruf war von einer Maklerin, die Ben mitteilte, dass sie die Papiere für den Verkauf fertig hätte und ihm zuschicken würde. Auch das schrieb Meg auf den Notizblock.

Beim letzten Anruf jedoch fiel ihr fast der Stift aus der Hand...

 

Es war eindeutig Marias Stimme, die auf dem Band ertönte. Sie klang ziemlich aufgeregt.

„Hallo Ben, wo steckst Du bloß? Ich habe schon mehrfach versucht Dich zu erreichen! Es gibt da etwas, das ich unbedingt mit Dir besprechen muss! Bitte ruf mich sofort an, sobald Du zurück bist, es ist wirklich sehr wichtig!“

 

Meg starrte auf den Anrufbeantworter, der sich inzwischen wieder abgeschaltet hatte.

Was wollte Maria von Ben? Ging dieser Alptraum etwa schon wieder los? Wieso konnte diese Frau keine Ruhe geben?

 

„So, wir können los!“ hörte sie plötzlich Bens Stimme dicht hinter sich. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie überhaupt nicht gehört hatte, wie er die Treppe herunter gekommen war. Erschrocken fuhr sie herum.

„Meg, was ist denn los?“ fragte Ben erschrocken. „Du siehst aus, als hättest Du einen Geist gesehen!“

„So ungefähr...“ murmelte Meg und versuchte sich mühsam zu fassen. „Die Geister der Vergangenheit, Ben. Deine Exfrau will Dich sprechen.“

„Maria?“ fragte Ben erstaunt. „Hat sie eine Nachricht hinterlassen?“

„Nur, dass sie schon mehrmals versucht hat, Dich zu erreichen und etwas sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen hätte.“ erwiderte Meg und beobachtete aufmerksam seine Reaktion. „Du sollst sie sofort zurückrufen.“

Bens Gesicht blieb ausdruckslos.

„Darauf kann sie lange warten.“ knurrte er, während er die übrigen Notizen auf dem Zettel las. Als er anschließend aufblickte, sah er Megs besorgtes Gesicht und zog sie lächelnd in seine Arme. Er bemerkte ihren leichten Widerstand und sah ihr in die Augen.

„Hör zu, dieser Abend gehört nur Dir und mir. Nichts ist mir wichtiger als Du, mein Liebling. Ich werde heute bestimmt niemanden mehr zurückrufen, schon gar nicht meine Exfrau.“

Zärtlich strich er ihr übers Haar. „Glaub mir, Maria bedeutet mir wirklich nichts mehr.“

Meg nickte nur stumm und befreite sich aus seiner Umarmung.

„Okay“ sagte sie und atmete tief durch, „lass uns gehen!“

„Moment...“

Ben fasste nach ihrer Hand und zog sie erneut zu sich heran. „Nicht so schnell!“

„Was ist?“ fragte sie blinzelnd. Ben grinste.

„Ohne einen Kuss von Dir tue ich keinen einzigen Schritt!“

 

 

Im DEEP

 

„Wie bitte?“ Tess glaubte sich verhört zu haben. „Sie wollen... was?“

„Sie haben richtig gehört, meine Liebe. Ich möchte diese Bar kaufen. Nennen Sie mir Ihren Preis!“

„Moment...“ Tess hob abwehrend beide Hände. Sein Angebot überraschte sie wirklich. Damit hätte sie nicht gerechnet. „Was wollen Sie denn mit einer Tanzbar?“

„Nun, sagen wir mal, ich brauche eine geeignete Lokalität für meine Firma, und das DEEP erfüllt alle Voraussetzungen dafür.“

„So so... tut es das...“ murmelte Tess nachdenklich. Während sie äußerlich völlig ruhig wirkte, spürte sie, wie eine zunehmende innere Unruhe langsam von ihr Besitz ergriff.

Was wollte dieser Mann? Worauf lief dieses Gespräch hinaus? Tess war noch nicht allzu lange in Sunset Beach, doch sie hatte sich umgehört.

Gregory Richards war ein Fuchs, gerissen und gefährlich. Warum wollte er plötzlich unbedingt das DEEP kaufen? Diese Bar gab es schon seit Ewigkeiten, und die ehemaligen Besitzer hätten Freudensprünge gemacht, ein Kaufangebot von einem Mann wie Richards zu erhalten. Aber nein, ausgerechnet jetzt zeigte er Interesse, wo der Laden so gut lief wie nie zuvor...

„Wir haben das DEEP gerade erst neu renoviert, es wäre schade, wenn...“ begann sie zögernd, doch Gregory unterbrach sie sogleich: „Keine Sorge, die Kosten für die Renovierung werde ich natürlich in mein Angebot mit einrechnen.“

Sie sah ihn an und dachte unwillkürlich an eine gefährliche Giftschlange. Oh ja, er lächelte überaus freundlich und charmant, doch es waren seine Augen, die ihr einen Schauer über den Rücken jagten. Sie blieben kalt und berechnend. Er zog sein Scheckheft aus der Innentasche seiner Jacke und zückte einen teuer aussehenden Stift. In aller Ruhe schrieb er eine Zahl auf den Scheck und sah Tess dann wieder an.

„Hier ist mein Angebot.“

„Einen Dollar?“ rief Tess ärgerlich. „Soll das ein Scherz sein, oder was?“

Gregory schob ihr den Scheck und den Stift über den Tisch.

„Kein Scherz. Sie bestimmen die Anzahl der Nullen hinter dieser Ziffer, Tess.“ sagte er langsam und bedeutungsvoll. Sein Lächeln vertiefte sich, als ihren Gesichtsausdruck sah. Zumindest für den Augenblick war ihre Selbstsicherheit dahin. Er lehnte sich in dem Sessel zurück und führte langsam sein Glas wieder an die Lippen, ohne sie dabei jedoch aus den Augen zu lassen.

Tess schluckte und starrte ungläubig auf den Scheck vor sich. Sie sollte.. was? Kaum zu glauben! Sie hatte nie viel Geld besessen und musste in Gedanken nachrechnen, wie viele Nullen welche Summe ergaben.

Unsicher sah sie ihn an.

„Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?“

Gregory drehte das Glas abwartend in der Hand.

„Wenn es um irgendwelche Geschäfte geht, scherze ich nicht, meine Liebe. Also... „ Er wies auf den Scheck. „Nur zu.“

„Okay“ sagte Tess und starrte wie im Trance auf das Stück Papier vor sich, das vielleicht ihre ganze Zukunft verändern konnte. Ihre und Coles...

 

„Vier Nullen?“

Gregory schüttelte missbilligend den Kopf.

„Vier? Also ich muss schon sagen... ich hätte mehr Geschäftssinn von Ihnen erwartet, Tess.“

Wie meinte er das? Hatte sie den Bogen überspannt? War eine fünfstellige Zahl zu unverschämt?

Okay, soviel hatten sie nicht für die Übernahme des DEEP bezahlen müssen, und die Renovierungskosten hatten sich auch in gewissen Grenzen gehalten, aber immerhin...

„Ich... ich würde doch ganz gern erst einmal mit meinem Partner über die Angelegenheit sprechen.“ sagte sie hastig und schob den Scheck von sich weg, als hätte sie plötzlich Angst davor. Gregory grinste, beugte sich wieder vor und nahm den Stift. Ben sollte ihm später nicht vorwerfen, er hätte dessen sogenannte Freunde in irgend einer Weise übers Ohr gehauen. Außerdem würde er die Summe, die er für den Kauf des DEEP ausgab, bald wieder doppelt und dreifach zurückbekommen, wenn der Laden hier erst einmal lief. Und er würde laufen, dessen war er sich sicher...

„Sie sollten als Geschäftsfrau lernen, sich niemals unter Ihrem Wert zu verkaufen.“ sagte er ruhig und bestimmt. Dann schrieb er die Anzahl der Nullstellen in die vorgegebene Zeile und Tess konnte nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken.

Er schrieb tatsächlich noch eine Null mehr...

 

„So“ Gregory reichte ihr den Scheck, „das ist mein Angebot. Sprechen Sie mit Ihrem Partner und sagen Sie mir bis morgen Abend bescheid, wie Sie sich beide entschieden haben.“

Tess starrte ihn mit offenem Mund an, als er sich erhob und zur Tür ging.

„Vergessen Sie nicht, Tess. Morgen Abend. Einen schönen Tag noch...“

 

 

Sunset Beach Yachthafen

 

Ben lenkte den Wagen zum Yachthafen hinunter. Erstaunt registrierte Meg, dass er dort auf einen der Parkplätze fuhr und den Motor abstellte. Er stieg aus und öffnete Meg galant die Tür.

„Bitteschön, Miss Cummings, wir sind da.“

Sie stieg aus und sah sich um.

„Was hast Du vor Ben?“ fragte sie neugierig. „Fahren wir mit der „Sunrise“?“

Lächelnd schüttelte Ben den Kopf.

„Nein, die „Sunrise“ ist es diesmal nicht. Du solltest Deine Jacke anziehen, es wird etwas frisch auf unserem kleinen Ausflug!“

Er nahm die Taschen aus dem Wagen und nickte Meg aufmunternd zu. „Aber bei den Booten sind wir richtig!“

An einem der weiter hinten liegenden Bootsstege wartete ein älterer Mann auf sie.

„Hallo Mister Evans“ begrüßte er Ben freundlich, „schön, Sie zu sehen!“

„Hallo Quint!“ Lachend klopfte Ben ihm auf die Schulter. „Alles klar?“

„Natürlich. Genauso, wie Sie gesagt haben.“ Er reichte Ben einen Schlüsselbund. „Ich komme eben von drüben, alles ist vorbereitet, wie Sie es wünschen. Ich denke, Sie werden zufrieden sein.“

Er nickte Meg freundlich zu, verabschiedete sich und ging davon.

 

„Prima. Dann kann`s ja losgehen.“ Ben reichte Meg die Hand. „Bist Du bereit?“

„So bereit, wie man nur sein kann, wenn man nicht weiß, wo es hingeht.“ erwiderte sie etwas zögernd.

Ben lachte und wies auf ein weißes, schnittiges Kabinenmotorboot, das schaukelnd auf den Wellen am Bootssteg lag.

„Das ist die „Delphin“, mein Boot.“

„Dein...“ Meg riss erstaunt die Augen auf. „Seit wann besitzt Du ein Boot?“

„Seit ungefähr zwei Wochen.“ erwiderte er, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. „Wir brauchen es, um dorthin zu kommen, wo wir den heutigen Abend verbringen werden.“

Er half Meg an Bord.

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll...“ Meg sah ihn an und in ihren Augen spiegelte sich das Licht der untergehenden Sonne. „Du schaffst es immer wieder, mich zu überraschen.“

Er nahm sie lachend in die Arme, küsste sie und flüsterte ihr zärtlich zu:

„Warte nur ab, das ist erst der Anfang!“

 

Kurz darauf startete er das Boot.

Der schneeweiße Bug erhob sich durch die Kraft des Motorenantriebs halb aus dem Wasser und teilte in rasantem Tempo die Wellen, die wie ein endloser, mit unzähligen Diamanten überschütteter glitzernder Teppich im Licht des Sonnenunterganges funkelten. Hinter sich ließ die „Delphin“ einen langen Schweif schäumenden Wassers zurück. Wenig später war sie bereits hinter der nächsten Bucht verschwunden.