PARADISE ISLAND
Meg wachte auf, als Bens Handy klingelte.
Während er sich knurrend aufrappelte und den Anruf entgegennahm, dachte sie
sofort wieder an Maria. War sie am anderen Ende der Leitung?
Gespannt lauschte sie.
Nein, es schien seine Sekretärin zu sein, die ihm anscheinend
etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Beruhigt legte Meg den Kopf zurück in die
Kissen.
„Sagen Sie ihm, ich bin in einer Stunde da.“ beendete Ben das Gespräch und
drehte sich zu Meg um.
„Es tut mir leid...“ sagte er und beugte sich herunter, um sie
zu küssen. Meg schlang ihre Arme um seinen Hals. „Musst Du ins Büro?“
Er nickte bedauernd.
„Ich hatte eigentlich vor, den Vormittag mit Dir zusammen zu
verbringen. Am liebsten gleich hier.“ meinte er und zwinkerte ihr zu. „Leider
ist im Büro etwas dazwischengekommen. Gregory ist heute und morgen tagsüber
geschäftlich unterwegs und Elisabeth sagte mir eben, ein wichtiger Kunde hätte
sich kurzfristig angemeldet. Er käme extra aus San Remo nach Sunset Beach, um
mit mir zu sprechen. Es geht um die Ferienanlage...“
„Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen, Ben.“ erwiderte Meg lächelnd. „Dann
fahren wir eben sofort zurück.“
Ben schüttelte den Kopf.
„Ich hab eine viel bessere Idee. Warum bleibst Du nicht hier
und machst Dir einen schönen Tag, und ich komme am späten Nachmittag wieder
her. Dann haben wir noch den ganzen Abend und die ganze Nacht! Wie findest Du
das?“
„Das hört sich sehr gut an, Mr. Evans!“ schnurrte Meg und zog ihn zu sich
herunter. Ihre Lippen fanden sich zu einem leidenschaftlichen Kuss.
Nur widerwillig löste sich Ben schließlich aus Megs Armen.
„Wenn ich jetzt nicht verschwinde, sind alle guten Vorsätze dahin!“ lachte er. „Dann werde ich keinen Cent mehr verdienen, die LC meldet Konkurs an, und wir dürfen diese schöne Insel nie wieder betreten!“
„Oh nein... Dann solltest Du Dich besser beeilen!“ schmunzelte
Meg und sah ihm glücklich lächelnd nach, wie er eilig im Badezimmer
verschwand.
Huntington Memorial
Als Caitlin die Augen aufschlug, sah sie als erstes das besorgte Gesicht ihrer
Mutter.
„Mom...“ murmelte sie mit heiserer Stimme.
Olivia entfuhr ein Seufzer der Erleichterung, als sie bemerkte, dass Caitlin aufgewacht war und sie erkannt hatte.
„Caitlin, Schätzchen!“ flüsterte sie und streichelte überglücklich die Wange ihrer Tochter.
„Wo bin ich? Was ... was ist denn passiert?“
Caitlin versuchte sich aufzurichten, doch der
Sauerstoffschlauch, der noch in ihrer Nase steckte, der Zugang in ihrer
Armvene und die grässlichen Kopfschmerzen, die sie verspürte, hinderten sie
zunächst daran.
„Bitte bleib liegen, Schätzchen“ bat Olivia eindringlich und drückte sie sanft
in die Kissen zurück. „Du hattest einen Unfall und bist im Krankenhaus. Ich
werde Dr. Carter gleich rufen lassen, damit er weiß, dass Du munter bist.“
Caitlins Augen verengten sich ungläubig.
„Einen Unfall?“
Olivia nickte.
„Ja, Du hast Dir den Kopf verletzt und warst eine Weile besinnungslos. Erinnerst Du Dich?“
Caitlin schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Nein...“ Angestrengt überlegte sie, was passiert war.
Sie war im Wohnzimmer gewesen und hatte auf jemanden gewartet... natürlich! Tim hatte sie in der Hotelsuite besucht und...
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Krankenzimmer und
ein junger Arzt kam herein, gefolgt von einer Krankenschwester, die sich
sofort daran machte, die Werte auf Caitlins Monitor abzulesen und in eine
Tabelle einzutragen.
„Miss Richards?“ Der Arzt trat an ihr Bett und nickte ihr freundlich zu. „Ich
bin Doktor Carter, Ihr behandelnder Arzt im Huntington Memorial, wo wir Sie
nach Ihrem Unfall hingebracht haben. Sie waren einige Zeit ohne Bewusstsein.“
informierte er sie und griff nach ihrem Handgelenk, um den Puls zu
kontrollieren. „Schön, dass Sie nun wieder unter uns weilen! Wie fühlen Sie
sich?“
„Mein Kopf tut höllisch weh.“ erwiderte Caitlin. „Was ist denn passiert,
Doktor?“
„Ich hatte gehofft, dass könnten Sie mir erzählen.“ meinte er lächelnd und gab
die Pulsfrequenz an die Schwester weiter, die sie sorgfältig notierte.
„Ich weiß nicht...“ stöhnte Caitlin, „in meinem Kopf geht noch alles ein
bisschen durcheinander.“ Sie befingerte ihre Stirn und entdeckte den Verband.
„Ist es schlimm?“
„Sie haben eine Platzwunde am Hinterkopf, die genäht werden musste.“ erklärte
Dr. Carter. „Wenn Sie sich etwas erholt haben, werden wir ein Schädel -CT
machen, um sicher zu gehen, dass Sie keine inneren Verletzungen davongetragen
haben. Bisher weist aber alles daraufhin, dass es sich bei Ihnen lediglich um
eine leichte Gehirnerschütterung handelt. Also machen Sie sich keine allzu
großen Sorgen, das wird schon wieder...“
Caitlin lächelte und fühlte sich etwas erleichtert. Zu diesem
jungen Arzt hatte sie sofort Vertrauen. Er sah nicht nur sehr gut aus, er
hatte so einen sympathischen, beruhigenden Ausdruck in den Augen, der jedem
Patienten das Gefühl vermittelte, er befände sich bei ihm in den besten
Händen.
„Sind Sie neu hier?“ fragte sie trotz ihrer heftigen Kopfschmerzen neugierig.
„Ich habe Sie noch nie gesehen, weder hier noch im Sunset Beach Medical
Center!“
John Carter nickte.
„Ich bin nur eine Weile zur Vertretung hier, um einen Engpass in der Klinik zu überbrücken. Normalerweise praktiziere ich am California Hospital Medical Center in Los Angeles in der...“
„Doktor?“ unterbrach ihn die Schwester und wies auf die Tür,
„draußen wartet ein gewisser Detektiv Torres, der unbedingt mit der Patientin
sprechen möchte.“
Missbilligend schüttelte John Carter den Kopf.
„Miss Richards ist eben erst erwacht und noch sehr schwach.“ erklärte er. „Der Detektiv soll später wiederkommen.“
„Ricardo?“ rief Caitlin erstaunt und packte den Arzt am Ärmel.
„Bitte, er soll hereinkommen, es macht mir nichts aus.“ Sie sah Dr. Carters
besorgten Blick und lächelte. „Ich werde mich auch ganz bestimmt nicht
aufregen, versprochen!“
„Na gut“ gab Carter nach und wandte sich an die Schwester. „Schicken Sie ihn
herein.“
Paradise Island
Meg stand am Steg und sah Bens Boot nach, bis es hinter der nächsten Bucht
verschwunden war. Sie atmete tief durch.
Allein auf einer Insel... seiner Insel!
Es war noch immer ein merkwürdiges Gefühl für sie, plötzlich in Luxus zu leben und verwöhnt zu werden. Etwas Vergleichbares hatte sie nie kennengelernt. Immerhin war sie auf einer Farm aufgewachsen, und dort musste man sich jeden Ansatz von Luxus hart erarbeiten.
Sie dachte mit etwas Wehmut im Herzen an ihr Elternhaus, Mom`s liebevoll gepflegten Gemüsegarten, die Pferdekoppeln und die unendliche Weite der Felder, und wenn der Wind dort über Getreideähren und Maispflanzen strich und sie sanft hin und her wiegte. Als Kind hatte sie manchmal einfach dagesessen, die Augen geschlossen und sich vorgestellt, es sei das Rauschen des Meeres, das sie hörte.
Und nun lebte sie tatsächlich am Meer... mit Ben, dem Mann, den sie liebte. Ja, sie war unendlich glücklich hier, und trotzdem... in Augenblicken wie diesem drang manchmal ein leises Gefühl von Heimweh wie ein winziger bitterer Wermutstropfen in ihr Gemüt.
Kansas... irgendwann würde sie mit Ben hinfliegen und ihm alles zeigen, den Platz ihrer Kindheit und frühesten Jugend. Und er würde verstehen, warum sie so gern daran zurückdachte, dessen war sie sich sicher.
„Guten Morgen, Seniorita Meg!“
Evitas fröhliche Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah, wie die Haushälterin den schmalen Pfad zwischen den Orleanderbüschen entlanggewatschelt kam.
„Ist Senior Ben weggefahren?“
Meg nickte.
„So so“ schnaufte Evita, blieb neben ihr stehen und stemmte ihre Fäuste in die breiten Hüften. „Und da lässt er seine schöne Seniorita hier einfach allein zurück! Eine Schande!“
„Er kommt am Nachmittag zurück.“ erwiderte Meg und schmunzelte. „Außerdem bin ich doch nicht allein... Sie sind da, und Vincent!“
„Da haben Sie recht.“ Evita nahm Meg kurzentschlossen beim Arm. „Kommen Sie! Ich mache uns eine richtig gute Tasse Tee, wir setzen uns eine Weile auf die Terrasse hinter unserer bescheidenen Hütte, und Sie erzählen mir etwas von sich. Einverstanden?“
„Das hört sich toll an.“ Bereitwillig folgte Meg der älteren Dame zu deren kleinem Häuschen am Fuße der Villa.
Hier wirkte alles absolut natürlich und ursprünglich. Vor der
Hütte gab es einen alten Brunnen, der zu Megs Überraschung noch richtig
funktionierte. Das Dach der Terrasse war mit wildem Wein bewachsen und bot so
einen natürlichen Schutz gegen die Sonne. Das Ganze wirkte einladend und
gemütlich.
Evitas Gemüsegarten neben dem Haus weckte sofort Megs Aufmerksamkeit.
„Kennen Sie sich damit aus?“ fragte die Haushälterin etwas ungläubig, als sie
mit dem Teetablett aus der Küche kam und ihren Gast inmitten der Kräuterbeete
fand.
Meg lachte.
„Ein wenig schon. Früher habe ich meiner Mutter oft bei der
Gartenarbeit geholfen.“
„Davon müssen Sie mir unbedingt erzählen!“ meinte Evita neugierig, während sie
den Tee eingoss. Sie setzten sich an den schweren runden Eichentisch, und
Evita hörte aufmerksam zu, wie Meg von ihrer Heimat Kansas und ihrem
Elternhaus berichtete.
Nach einer Weile seufzte sie.
„Ich habe leider keine Tochter, die mir bei der Gartenarbeit
hilft. Manchmal zwickt es mir mächtig im Kreuz, dann hilft mir Vincent und
nimmt mir die Arbeit ab.“
„Haben Sie gar keine Kinder?“ fragte Meg.
„Doch, einen Sohn. Aber er ist erwachsen und studiert seit zwei Jahren in San Francisco Geologie.“ erklärte Evita nicht ohne Stolz. Dann wurden ihre Augen traurig. „Aber er hat jetzt eine Freundin dort, und wir sehen uns nur noch sehr selten. Er fehlt mir.“
Meg legte ihr mitfühlend die Hand auf den Arm.
„Das kann ich verstehen. Meiner Mom und meinem Dad geht es genauso. Sie
mussten sich erst langsam daran gewöhnen, dass ich erwachsen bin und nicht
mehr zu Hause lebe. Im Gegensatz zu meiner jüngeren Schwester Sara. Sie
beneidet mich um meine „Freiheit“, wie sie es nennt.“
Plötzlich lächelte sie.
„Wissen Sie was, Evita? Sie bringen mir eine Schürze und dann helfe ich Ihnen im Garten!“
„Oh nein nein...“ Fast erschrocken sah die Haushälterin Meg an. „Das geht doch nicht... Sie werden sich Ihre schönen Hände ruinieren! Und was wird Senior Ben dazu sagen?“
Meg lachte.
„Die Hände kann man nach der Arbeit waschen. Außerdem vergeht die Zeit bis zum Nachmittag so viel schneller! Und was Ben betrifft, der hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich seiner „Mama Evita“ ein bisschen helfe!“
Sunset Beach Medical Center
“Sie machen gute Fortschritte, Miss Douglas. Aber Sie müssen auch etwas Geduld
haben und dürfen den Fuß nicht gleich allzu sehr belasten. Nur immer leicht
bewegen. Alles braucht seine Zeit.“ meinte die junge Physiotherapeutin und
begleitete Annie zur Tür. „Wir sehen uns dann morgen wieder.“
„Ja ja...“ maulte Annie missmutig, als sich die Tür hinter ihr geschlossen
hatte. „Die ist bestimmt noch nie wochenlang mit so einem Klumpfuß
herumgerannt!“
Der Gips war zwar ab, aber so richtig konnte sich Annie noch
nicht über ihre wiedergewonnene Beinfreiheit freuen. Alles ging ihr zu langsam
voran, und außerdem beschäftigte sie die Sache mit Marias Schwangerschaft viel
zu sehr, als dass sie sich auf andere Dinge zu konzentrieren vermochte.
Ob Ben schon von dem Baby wusste? Und wenn ja, was würde er tun? Vielleicht
würde er sich dann endlich von dieser Meg trennen!
„Aber nein“... sie verzog das Gesicht, das konnte in diesem
Falle auch nicht die Lösung sein, denn dann würde Ben wieder mit Maria
zusammenkommen, und das war so ungefähr das Letzte, was Annie wollte! Dann
schon eher Meg...
Sie seufzte bedrückt, doch dann kam ihr plötzlich eine Idee. Sie würde jetzt
ihren Fuß schön leicht bewegen, genau wie die Physio- Tante gesagt hatte, und
zwar würde sie ihn in Richtung der Liberty Corporation bewegen, in Bens Büro!
„Ich werde herausfinden, ob Maria bereits mit ihm gesprochen hat.“
Entschlossen lief sie los, doch sie hatte die Rechnung ohne den noch
geschwächten Fuß gemacht. Oh, das ging noch gar nicht gut...
„Rufen Sie mir bitte ein Taxi!“ befahl sie mit zusammengebissenen Zähnen der
Schwester am Empfangstresen und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Ich warte.“
Huntington Memorial
„Kannst Du Dich erinnern, was gestern Abend passiert ist, Caitlin?“ fragte
Ricardo und sah sie aufmerksam an. „Du sagst, Du hattest Besuch von Deinem
Freund Tim.“
Sie nickte.
„Ja, das stimmt. Tim und ich hatten uns eine Weile nicht
gesehen, und als mir der Sicherheitsdienst meldete, dass er da sei, hab ich
ihn heraufgebeten.“
Ricardo nickte.
„Und dann?“
Caitlin überlegte angestrengt. Dann warf sie einen kurzen Blick auf Dr. Carter und ihre Mutter, die gespannt neben dem Bett saß.
„Könnte ich bitte mit Ricardo einen Augenblick allein
sprechen?“ bat sie.
Der Arzt sah sie bedenklich an.
„Fühlen Sie sich dazu stark genug?“
Sie nickte.
„Okay, aber nur ein paar Minuten.“ Dr. Carter nahm Olivias Arm. „Kommen Sie, Misses Richards, lassen wir die beiden einen Moment allein.“
Olivias Blick verriet nur allzu deutlich, dass sie ihre Tochter ungern verließ. Widerstrebend folgte sie Dr. Carter nach draußen.
Ricardo atmete sichtlich auf, als sich die Tür hinter ihnen schloss.
„Du warst also mit Tim allein im Wohnzimmer.“ stellte er fest
und setzte sich auf den Stuhl neben Caitlins Bett. „Worüber habt Ihr Euch
unterhalten?“
Caitlins Gedanken überschlugen sich.
Sie konnte Tim jetzt alles heimzahlen, wenn sie wollte. Ein Wort von ihr und
der ganze Schwindel um ihn, Eddie Connors und den Mord am Strand würde
auffliegen.
Doch wem nützte das jetzt noch?
Eddie war tot, ebenso wie dieser Roger Thorne. Eddies Handlanger hatten sich
garantiert längst nach Mexiko abgesetzt, und sie selbst mochte nicht zu einer
feigen Verräterin werden. Das widerstrebte ihr zutiefst.
Ricardo deutete ihr Schweigen falsch.
„Hör zu, Caitlin, falls Tim Dich angegriffen hat und Du ihn jetzt nur schützen
willst, muss ich Dir sagen, dass wir ihn leider ohne offizielle Anklage und
ohne Beweise nach vierundzwanzig Stunden sowieso wieder aus der Haft entlassen
müssen.“
„Tim ist im Gefängnis?“ rief Caitlin erstaunt.
Ricardo nickte.
„Ja, aber eben nicht mehr lange, wenn Du mir nicht sagst, was passiert ist.“
Nervös kaute Caitlin auf ihrer Unterlippe herum.
„Okay“ sagte sie schließlich, „ich werde aussagen, was passiert ist, aber ich
möchte vorher mit Tim sprechen. Ist das möglich?“
Erstaunt nickte Ricardo.
„Natürlich, ich lasse ihn herbringen. Aber.. bist Du Dir sicher, dass Du ihn
wirklich sehen willst?“
„Ja, ganz sicher, Ricardo.“ erwiderte Caitlin und sah Ricardo nach, wie er den
Raum verließ.
Ein finsteres Lächeln zog über ihr hübsches Gesicht und ihre Augen waren
dunkel vor verhaltenem Zorn.
„Du hast mit meinen Gefühlen gespielt und mich belogen, Tim Truman...“ sagte
sie leise, „Du hast Dich einen Dreck darum gekümmert, was mit anderen Leuten
passiert. Du bist schuld, dass unser Haus abgebrannt ist und man mir nach dem
Leben trachtete... Jetzt werde ich den Spieß umdrehen! Ich werde dafür sorgen,
dass Du für immer aus meinem Leben und aus Sunset Beach verschwindest!“
LIBERTY CORPORATION
Als Annie im Vorzimmer zu Bens und Gregorys Büroräumen aus dem Lift stieg, saß
Elisabeth nicht auf ihrem Platz. „Bin gleich zurück“ stand auf einem kleinen
Schild auf ihrem Schreibtisch.
Neugierig trat Annie näher. Als Firmen- Teilhaberin gewährte ihr der
Sicherheitsdienst natürlich ungehinderten Zugang zu den Büros, auch wenn diese
nicht besetzt waren.
Sie trat an den Schreibtisch und inspizierte die Notizen der Chefsekretärin.
Ein Mr. Duncan aus San Remo hatte seinen Termin für den Vormittag auf den
Nachmittag verschoben und wollte noch einmal anrufen. Einige andere Notizen
schienen eher uninteressant, doch hier... „11 Uhr Treffen zum Lunch im
GRENADINES mit Misses Evans“ Annie kniff die Augen zusammen und sah auf die
Uhr. Dann war Ben jetzt mit Maria zusammen? Um Gottes Willen!
„Was fällt Ihnen ein, hier in meinen Unterlagen herumzuschnüffeln, Miss
Douglas?“
Elisabeth trat aus dem Lift, die Hände empört in die Hüften gestützt. „Nehmen
Sie gefälligst Ihre Finger von meinem Schreibtisch!“
Annie fuhr erschrocken herum, hatte sich jedoch erstaunlich schnell wieder im
Griff.
„Elisabeth... wieso sind Sie nicht auf Ihrem Platz?“ herrschte sie die
Chefsekretärin nun ihrerseits an. „Eben kam ein überaus wichtiges Gespräch für
Mister Evans, und sie können von Glück sagen, dass ich gerade hier war und es
angenommen habe!“
„Ein Gespräch?“ Elisabeth stutzte verwirrt und vergaß vor Aufregung die
bissige Bemerkung, die ihr auf der Zunge gelegen hatte. „Was für ein Gespräch
denn? Ich war nur eben schnell auf der Toilette, und da...“
„Ersparen Sie mir die Einzelheiten über Ihre Notdürfte, meine Liebe!“
unterbrach Annie sie herablassend. „Informieren Sie lieber Mister Evans, er
möchte sofort ins Büro kommen! Ein Mister Duncan aus San Remo hat angerufen,
er ist in einer halben Stunde hier. Es klang sehr wichtig...“
„Mister Duncan?“ rief Elisabeth entsetzt. „Aber ich dachte, der...“
Annies Augen blitzten ungeduldig.
„Werden Sie hier fürs Denken bezahlt oder für ordentliche Arbeit? Nun rufen
Sie Ben schon endlich an! Oder soll ich am Ende selbst mit diesem Mister
Duncan verhandeln?“
„Alles, bloß das nicht...“ murmelte Elisabeth, griff eiligst nach dem Hörer
und wählte mit zitternden Fingern die Nummer des GRENADINES...
GRENADINES
Zum wiederholten Male blickte Ben auf die Uhr. Er saß seit einer Viertelstunde
in Sunset Beachs bestem Restaurant, wo er sich mit Maria zum Lunch verabredet
hatte.
Als er heute Vormittag im Büro erschienen war, teilte Elisabeth ihm bedauernd
mit, dass der Klient aus L.A. telefonisch darum gebeten hatte, den Termin in
der LC auf den Nachmittag zu verschieben, da er leider in seiner Firma
aufgehalten worden war. Das passte Ben zwar nicht so gut in seinen Zeitplan,
aber er stimmte dennoch zu. Schließlich brauchte die Firma dringend Kunden,
die sich für die Anmietung von Geschäfts- und Büroräumen im neuen Ferienobjekt
interessierten. Also würde er wohl oder übel auf den Herrn warten müssen.
Während er noch diversen Papierkram erledigte, fiel ihm irgendwann Marias
Anruf ein. Was gab es wohl so Dringendes, dass sie ihn unbedingt sprechen
wollte?
Kurzentschlossen rief er sie an, doch sie weigerte sich beharrlich, am Telefon
mit ihm über ihr Anliegen zu reden. Also verabredeten sie sich im GRENADINES.
Nun wurde es aber allmählich Zeit, und er zweifelte allmählich daran, ob sie
auch wirklich hier erscheinen würde.
Wie auf Stichwort betrat Maria das noble Restaurant und wurde vom Chefkellner
zu Bens Tisch geleitet.
Sie trug ein zweiteiliges zart hellblaues Kleid, das ihr hervorragend stand.
Für einen kurzen Moment zog sie mit ihrer eleganten Erscheinung zahlreiche
bewundernde Blicke der anwesenden Gäste auf sich, als sie selbstbewusst den
Raum durchquerte.
Hellblau hatte schon immer gut zu ihr gepasst, schoss es Ben durch den Kopf,
während er sich kurz erhob und sie freundlich aber distanziert begrüßte.
„Hallo Maria, setz Dich doch bitte.“
Lächelnd nahm sie Platz.
„Danke für Deinen Anruf.“ sagte sie steif. Eine Fremdheit lag zwischen ihnen,
die ihr wehtat.
Während sie den Lunch bestellten, musterte sie ihn verstohlen. Er sah so gut
aus, so glücklich...
„Wie geht es Meg?“ fragte sie nach einer Weile, als er ihre Blicke zu bemerken
schien.
„Danke, es geht ihr gut.“ erwiderte er und sah sie prüfend an. „Aber Du
wolltest mich sicherlich nicht so dringend sprechen, um Dich nach Megs
Befinden zu erkundigen?“
„Nein... natürlich nicht.“ Maria lächelte verlegen. „Ich wollte... na ja...“
Sie druckste herum und rührte dabei nervös mit dem Strohhalm in ihrem
Milchshake, den der Kellner soeben serviert hatte. „Ich wollte Dir sagen, dass
es mir leid tut, was mit uns geschehen ist, Ben. Ich würde gerne alle meine
dummen Fehler wieder gutmachen.“
„Dazu ist es leider zu spät.“ sagte Ben ernst. „Ich habe Dir schon einmal
gesagt, dass ich Dir nicht mehr böse bin, dass Du mich damals verlassen hast,
aber seitdem ist viel geschehen und unsere Wege haben sich nun mal getrennt.“
„Nein...“ fiel sie ihm ins Wort. „immerhin haben wir vor nicht allzu langer
Zeit eine Nacht zusammen verbracht. Das hat mir gezeigt, wieviel Du in
Wirklichkeit noch für mich empfindest, Ben! Wir sollten das, was wir
füreinander fühlen, nicht länger ignorieren!“
„Hier ignoriert nur einer etwas, nämlich Du!“ antwortete Ben leise, aber
bestimmt. „Als Du damals mit Derek bei Nacht und Nebel verschwunden bist, war
ich zutiefst verletzt und habe Dir lange nachgetrauert. Aber seit ich Meg
kennen gelernt habe, sind meine Gefühle für Dich nicht mehr die selben wie
früher. Was auch immer in dieser Nacht zwischen uns geschehen ist, tut mir
leid, mehr nicht. Ich liebe Dich nicht mehr.“
Maria senkte den Kopf und biss sich auf die Lippen. Eine Träne rollte über
ihre Wange.
Ben sah es und berührte in einer mitfühlenden Geste ihre Hand, die auf dem
Tisch lag.
„Du wirst immer ein Teil meines Lebens sein, Maria, aber dieser
Lebensabschnitt, der uns miteinander verband, ist für mich abgeschlossen. Und
das sollte er für Dich auch sein...“
Sie blickte auf und sah ihn trotzig an.
„So einfach ist das aber nicht.“
Ben ignorierte ihre Bemerkung und blickte auf die Uhr.
„Ist das alles, was Du mit mir bereden wolltest?“
„Nein...“ Maria zögerte und rührte weiter in ihrem Milchshake. „da wäre noch
eine wichtige Kleinigkeit.“
In diesem Augenblick klingelte Bens Handy.
Er zog es aus der Tasche seines Sakkos und warf einen Blick aufs Display.
„Entschuldige mich bitte einen Moment“ sagte er zu Maria und nahm das Handy
ans Ohr. „Elisabeth? Nein, keine Ursache.. ich höre!“ Sein Gesicht hellte sich
auf. „Ah ja.. natürlich, wunderbar! Ich bin sofort da!“
Er legte auf uns winkte dem Kellner.
„Tut mir leid, Maria“ wandte er sich entschuldigend an seine Exfrau, „wir
müssen unser Gespräch auf ein andermal verschieben. Man erwartet mich dringend
in der Firma.“ Er beugte sich etwas vor. „Was wolltest Du mir eigentlich so
überaus Wichtiges sagen?“
Sie sah ihn verunsichert an.
„Ach nichts, wir reden später darüber.“ sagte sie dann entschlossen, da er
wirklich sehr in Eile zu sein schien. „Ich rufe Dich an.“
Ben nickte.
„In Ordnung.“ Er wandte sich an den Kellner, der auf seinen Wink hin an den
Tisch herangetreten war. „Setzen Sie alles auf meine Rechnung.“ Er stand auf
und reichte Maria die Hand.
„Nimm es nicht so schwer. Dein Leben geht weiter, auch ohne mich.“
Als er fort war, nippte sie an ihrem Shake und lächelte.
„Du hast recht, mein Lieber, mein Leben wird weitergehen, aber mit Dir,
und mit unserem Baby.“