Teil 58
Am nächsten Tag
Surf Center
„Es tut mir leid, Cole. Ich konnte einfach nicht anders.“
Tess stand in der Tür zu seinem Zimmer im Surf Center und wagte
nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Ich habe Dir gesagt, dass dieses Geld eine
Chance für mich ist, auch ein paar meiner Träume zu realisieren. Und genau das
werde ich tun.“
Cole nickte. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dachte, nur seine
Wangenmuskeln zuckten verdächtig, als er leise sagte:
„Das war` s dann also mit uns. Jetzt weiß ich ja, was Dir unsere gemeinsamen
Träume wert waren, Tess. Ganz genau 250 000 Dollar! “
„Cole...“ Tess trat mit flehender Miene einen Schritt auf ihn zu, doch er hob
nur abwehrend die Hand.
„Was willst Du noch?“ fragte er wütender, als er eigentlich beabsichtigt
hatte. „Du hast nicht nur die Hälfte vom DEEP verkauft, sondern auch unsere
Freundschaft und ... unsere Liebe.“ Er vergrub die Hände tief in den
Hosentaschen und schüttelte verständnislos den Kopf, während er langsam im
Zimmer auf und ab ging.
„Was willst Du unseren Freunden sagen? Aber sicher hast Du schon gepackt und
wirst verschwinden, bevor es jemand bemerkt und Dir dumme Fragen stellt.
Genauso wie Du Dich jetzt auch aus meinem Leben stielst!“ Er blieb stehen und
sah sie an. „Wo willst Du überhaupt hin?“
„Nach Hause, nach New York.“ erwiderte sie leise.
Cole lachte bitter.
„Siehst Du, das ist der Unterschied zwischen uns, Tess. Du sprichst von New
York, wenn Du Dein Zuhause meinst, aber ich bin hier zu Hause, in
Sunset Beach.“
Sie sahen sich beide an und Cole besann sich. So sollten sie vielleicht doch
nicht auseinandergehen. Er trat auf sie zu und reichte ihr die Hand.
„Leb wohl, Tess. Es tut weh, Dich gehen zu sehen, aber Du willst es so, und
ich muss es akzeptieren, auch wenn es mir schwerfällt. Ich wünsche Dir von
Herzen, dass Du findest, wonach Du suchst. Pass gut auf Dich auf!“
Er verließ hastig das Zimmer, rannte die Treppe hinunter und schlug die Tür
hinter sich zu. Keiner sollte die Tränen sehen, die in seinen Augen brannten.
Es würde weitergehen, auch ohne Tess, irgendwie...
Penthouse Suite der Familie Richards im SUNSET INN
„Miss Richards, ein Mister Deschanel ist hier und verlangt dringend Ihren Vater zu sprechen!“ klang die Stimme des Sicherheitsdienstes durch die Sprechanlage.
Caitlin verzog missbilligend das Gesicht.
„Sagen Sie ihm, wenn es sich um etwas Geschäftliches handeln sollte, dann möchte er an das Büro in der LC wenden, mein Vater wird in ca. einer Stunde dort sein.“
„Er meint, es sei privat und wirklich sehr dringend!“
„Einen Moment...“ Caitlin rappelte sich von der Couch hoch und griff an ihre Stirn, weil ihr sofort wieder etwas schwindlig war. Die Kopfschmerzen machten ihr immer noch ziemlich zu schaffen. Sie ging hinüber zum Arbeitszimmer ihres Vaters und klopfte an.
„Daddy?“
Gregory sah erstaunt hoch.
„Caitlin, Du solltest doch liegen bleiben!“
„Ja, aber Roger hat eben gemeldet, dass Dich jemand dringend sprechen möchte.“
Gregory schüttelte ärgerlich den Kopf und geleitete seine Tochter zurück zu ihrem gemütlichen Krankenlager.
„Ist dieser Trottel vom Sicherheitsdienst denn nicht in der Lage, auch mal jemanden abzuweisen?“ knurrte er. „Wer etwas von mir will, soll gefälligst die Geschäftszeiten in der Firma nutzen!“
„Er meinte, es sei privat... Ein Mister De... verflixt, jetzt hab ich den Namen vergessen!“
„De... Deschanel?“ Gregorys Gesicht hellte sich sofort auf, als Caitlin nickte.
Er trat an die Sprechanlage und drückte den Knopf.
„Roger?“
„Ja, Sir?“
„Bitte schicken Sie Mister Deschanel herauf!“ Er drehte sich zu Caitlin um, die ihn erstaunt musterte. Mit einem selbstsicheren Grinsen rückte er ihr die Kissen zurecht. „Caitlin, mein Schatz, Dein Vater erreicht doch fast immer, was er will!“
„Wie meinst Du das?“ fragte sie neugierig.
„Ich habe in eine äußerst ertragreiche Sache investiert. Die eine Hälfte gehört mir bereits, und dieser junge Mann, der gleich hier erscheinen wird, präsentiert mir nun gleich die andere Hälfte auf einem goldenen Tablett.“
Caitlin zog erstaunt die Augenbrauen hoch, als sich auch schon die Tür des Aufzuges öffnete und Cole ins Zimmer trat.
„Mister Richards...“ nickte er Gregory etwas zögernd zu. Der trat ihm jedoch sogleich hocherfreut entgegen und schüttelte ihm die Hand.
„Cole... ich darf Sie doch Cole nennen... Ich freue mich sehr, dass Sie heute hergekommen sind, und glauben sie mir, ich weiß Ihr Entgegenkommen sehr zu schätzen! Bitte... treten Sie näher, mein Freund!“
Etwas überrumpelt von Gregorys Begrüßung lächelte Cole und registrierte gleich darauf erstaunt, dass sie nicht allein waren. Die junge Frau, die dort auf der Couch in den Kissen lehnte und ihm interessiert entgegen blickte, hatte er schon irgendwo flüchtig gesehen. Vielleicht im DEEP?
Auf jeden Fall war sie außergewöhnlich hübsch, wenn auch etwas blass um die Nase...
Gregory war Coles Blick gefolgt und lächelte.
„Cole, darf ich Ihnen meine Tochter Caitlin vorstellen? Sie hatte leider einen kleinen Unfall und muß sich noch etwas schonen.“
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Richards.“ sagte Cole und reichte ihr die Hand. Sie hatte wunderschöne leuchtend blaue Augen, das konnte er deutlich sehen, als sie zu ihm aufblickte und ihm freundlich zunickte. Einen Moment länger als nötig verharrte er und sah sie an, bevor er sich von ihrem Anblick losriss und sich wieder dem Hausherrn zuwandte.
„Gregory, der Grund, warum ich hergekommen bin...“
„Lassen Sie uns das bitte in meinem Arbeitszimmer besprechen“ unterbrach Gregory ihn ruhig, aber bestimmt und wies ihm den Weg. „Caitlin braucht noch sehr viel Ruhe, und ich möchte sie nicht unnötig mit meinen Angelegenheiten belasten.“
„Entschuldigung“ murmelte Cole und warf noch einen Blick in Caitlins Richtung, gerade rechtzeitig, um den Ausdruck in ihrem Gesicht einzufangen, der ehrliches Bedauern darüber zeigte, dass er sie schon wieder verlassen musste.
Kaum hatte sich die Tür hinter den beiden Männern geschlossen, da schwang Caitlin die Beine von der Couch und stand auf.
„Autsch...“ Ihr Kopf signalisierte ihr sofort, dass sie etwas zu schnell reagiert hatte, doch sie ignorierte ihren Kopfschmerz und das lästige Schwindelgefühl und lief hinüber zur Tür, die in den angrenzenden Flur führte, der diesen Raum vom Arbeitszimmer ihres Vaters trennte. Erleichtert bemerkte sie, dass Gregorys Tür nur ahngelehnt war. Sie schlich sich auf Zehenspitzen heran und lauschte heimlich, was ihr Vater mit diesem überaus interessanten, gutaussehenden Mann zu besprechen hatte...
Surf Center
„Ich fasse es nicht!“ Mit einem Aufschrei der Begeisterung fiel Vanessa Meg um den Hals. „Ich gratuliere Dir, Süße, und ich wünsche Dir alles Glück dieser Welt!“
„Danke Vanessa!“ lachte Meg. “Ich kann es selbst noch nicht fassen… Der Ausflug mit Ben, die herrliche Insel und dann sein Heiratsantrag bei Sonnenuntergang... das war... so unbeschreiblich romantisch!“
Vanessa nickte mit Tränen in den Augen.
„Du hast es verdient, glücklich zu sein.“ Wieder umarmten sich die Freundinnen.
„Gibt’s was zu feiern?“ fragte Casey neugierig und stellte das Surfbrett ab, das er unter dem Arm trug. Hinter ihm betrat Michael das Haus und reckte ebenfalls neugierig den Hals.
„He Leute, haben wir was verpasst?“
Vanessa grinste übermütig und warf Meg einen vielsagenden Blick zu.
„Darf ich es Ihnen sagen? Ich platze sonst!“
Meg lachte.
„Aber klar, es ist kein Geheimnis!“
Michael und Casey blickten einander fragend an und traten neugierig näher.
„Also... spannt uns nicht auf die Folter! Was ist los?“
Vanessa warf sich in die Brust, wie ein Regierungssprecher, der sogleich weltverändernde Neuigkeiten verkünden würde.
„Ben und Meg werden heiraten!“
Casey verzog das Gesicht.
„Das ist mir schon klar, seit die beiden sich das erste Mal begegnet sind.“
„Spielverderber!“ maulte Vanessa und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps. „Ich meine doch, sie werden sehr bald heiraten. Ben hat Meg einen Heiratsantrag gemacht, auf seiner Insel...“
„Insel?“ Wieder schaute Michael Casey verwundert an. „Hab ich was verpasst?“
„Ich werde es euch erklären...“ erbarmte sich Meg, doch Vanessa fiel ihr sofort ins Wort.
„Zuerst müsst Ihr Euch diesen wunderschönen, phantastischen, märchenhaften Ring ansehen, den er ihr geschenkt hat!“ schwärmte sie und packte Megs Hand. „Schaut her... ist das nicht ein Traum?“ Sie verdrehte die Augen. „Haaach, ich wünschte, mir würde irgendwann so etwas passieren!“
Michael sah sie fast erschrocken an, räusperte sich dann verlegen und grinste.
Casey zog Meg in seine Arme und umarmte sie lachend. Dann sah er sie an und sein Gesicht wurde ernst.
„Hey... ich wünsche Dir alles Glück der Welt, Baby! Ich habe Ben gesagt, Du bist was Besonderes, und wenn er das jemals vergessen sollte, dann bekommt er es mit mir zu tun!“
„Danke Casey...“
Meg schluckte nun auch ein paar Tränen der Rührung hinunter, als Michael sie ebenfalls umarmte.
„Ich kann es kaum erwarten, Mark, Rae und den anderen die Neuigkeit zu erzählen!“ jubelte Vanessa übermütig und zwinkerte Casey zu. „Dann könnt Ihr ja gleich eine Doppelhochzeit feiern!“
Casey lachte.
„Wenn wir noch ein bisschen warten, kommen vielleicht noch mehr Paare dazu!“ meinte er mit einem vielsagenden Blick auf seinen Freund Michael.
„Ich... ähm... ich muß zur Arbeit!“ erwiderte der schnell und grinste verlegen. „Bis später, Leute!“
Draußen vor der Tür atmete er tief durch.
Oh ja, er war begeistert von Vanessa und total verliebt, aber wenn er noch länger mit dieser liebeskranken Bande in einem Raum blieb, dann würden die ihn doch glatt festnageln!
Er lachte über sich selbst und machte sich kopfschüttelnd auf den Weg zum Strand.
„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten, Cole? Oder einen Drink?“ fragte Gregory und lächelte zuvorkommend, nachdem die beiden Männer sich gesetzt hatten.
Cole verzog das Gesicht.
„Danke, nicht nötig. Was ich Ihnen zu sagen habe, wird ohnehin nicht lange dauern.“
Erwartungsvoll blickte Gregory ihn an.
„Nun, ich höre...“
„Ich will nicht unnötig um die Sache herumreden. Ich werde das DEEP nicht verkaufen. Weder Ihnen, noch sonst irgend Jemandem“
Gregory schluckte, versuchte jedoch, sich als äußerst cleverer Geschäftsmann seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Statt dessen räusperte er sich und strich sich nachdenklich übers Kinn.
„Ich weiß nicht, was Sie zu dieser Entscheidung veranlasst hat,...“ begann er langsam und sah Cole mit durchdringendem Blick an, „und ich hoffe, es ist kein plumper Versuch, den Preis noch in die Höhe zu treiben! Sie wissen, die Hälfte der Institution gehört mir bereits. Daran ist nichts mehr zu ändern...“
„Da wäre ich mir nicht so sicher.“ erwiderte Cole mit einer Selbstsicherheit, die Gregory überraschte. „Tess und ich waren gleichberechtigte Partner, so dass ich noch immer das Vorkaufsrecht für ihre Anteile am DEEP besitze.“ Er sah, wie Gregorys gespielte Überheblichkeit ins Wanken geriet und lächelte. „Vielleicht hätten Sie Tess fragen sollen, ob ein solcher Vertrag zwischen ihr und mir existiert. Nun...“ er zog einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts und reichte ihn Gregory, „hier steht es drin, schwarz auf weiß, wenn einer von uns aus was auch immer für Gründen aus dem Partnerschaftsvertrag aussteigt, hat der andere das Recht, vor allen anderen Interessenten die Anteile seines Partners zu erwerben.“
Gregory warf einen misstrauischen Blick auf das Papier und sah den notariellen Stempel mit Unterschrift darunter. Verdammt! Warum hatte das Miststück nicht erwähnt, das so ein Vertrag existierte!
Er knirschte innerlich wütend mit den Zähnen, doch sein Gesicht verzog sich in der gleichen Sekunde wieder zu einem undurchsichtigen Lächeln.
„Das muß ich Ihnen lassen, Cole, Sie haben an alles gedacht. Oder sagen wir... an fast alles... nur nicht daran, wo Sie soviel Geld herbekommen wollen, um Tess` Anteile zu übernehmen? Sie wissen, ich habe ihr allerhand dafür bezahlt!“
Cole zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln.
„Das ist Ihr Problem, Gregory. Immerhin sind Sie der Jurist von uns beiden, und Sie hätten wissen müssen, dass man erst nachfragt, ob gewisse Verträge existieren, bevor man ein solches Geschäft tätigt. Leider hat Ihnen Ihre eigene Überheblichkeit diesmal ein Bein gestellt. Ich nehme an, Sie sind davon ausgegangen, dass „Stümper“ wie wir gar nicht auf die Idee kommen würden, uns in irgend einer Weise abzusichern.“ Er lächelte. „Nun, dann habe ich Sie soeben eines Besseren belehrt.“
„Und was haben Sie jetzt vor?“ fragte Gregory angespannt.
„Da ich nicht an einer Partnerschaft mit Ihnen interessiert bin, lasse ich das Lokal schätzen und zahle Ihnen genau die Hälfte des tatsächlichen Wertes aus. Somit wäre dann die Sache aus der Welt.“
„Woher wollen Sie das Geld nehmen?“
„Das wiederum ist mein Problem, nicht Ihres.“
Gregory beugte sich etwas vor und kniff wütend die Augen zusammen.
„Freuen Sie sich nicht zu früh, Cole!“ fauchte er. „Es gibt Mittel und Wege...“
„Wollen Sie mir etwa drohen?“
„Nein, ich will nur versuchen, Sie umzustimmen. Das DEEP wird Ihnen kein Glück bringen. Sie werden sich verschulden bis an Ihr Lebensende!“
„Immer noch besser, als es Ihnen in den Rachen zu werfen! Sie sind verantwortlich dafür, dass Tess Sunset Beach verlassen hat, aber meinen Lebenstraum werden Sie mir nicht zerstören!“ Er stand auf, holte tief Luft und straffte die Schultern. „Einen schönen Tag noch, Mister Richards!“
Irgendwo in der Penthouse- Suite klappte eine Tür, kurz bevor Cole Gregorys Arbeitszimmer verließ und den Lift im Flur benutzte, um Caitlin nicht noch einmal zu begegnen.
Auf dem Weg nach unten überlegte er, wie es sein konnte, dass ein Mann wie Gregory Richards eine so schöne und obendrein nette Tochter hatte? Noch einen solchen Blick aus ihren blauen Augen hätte er jetzt nicht ertragen...
L.A. International Airport
Tim betrat das Flughafengebäude und sah sich missmutig um. Erst vor ein paar
Tagen war er hier angekommen, voller Optimismus und mit großen Plänen, und nun
musste er sich eingestehen, dass alles ein riesengroßer Reinfall gewesen war
und er sich obendrein jede Chance auf ein zukünftiges Leben mit Meg verscherzt
hatte. Es blieb ihm nur noch eins... heimzufliegen nach Kansas und zu
versuchen, alles schnell zu vergessen, was hier geschehen war. Aber ob er das
konnte?
Er blickte zur Bar. Ein starker Drink würde zumindest manches erleichtern...
Eine Blondine, die seine Aufmerksamkeit erregte, saß mit dem Rücken zu ihm am
Tresen. Abschätzend betrachtete Tim sie, während er sein Gepäck aufnahm und
langsam hinüberschlenderte. Ob sie wohl von vorn genauso gut aussah wie von
hinten?
Plötzlich drehte sie den Kopf ein wenig zur Seite, so dass er ihr Profil
erkennen konnte. Ungläubig kniff er die Augen zusammen.
War das nicht diese Kleine aus dem DEEP, wie hieß sie doch gleich...
„Tess?“ sprach er sie ungläubig an.
Sie sah sich erstaunt um und taxierte ihn mit ihren grünen Augen einen
Augenblick, bevor ein leichtes Lächeln des Wiedererkennens über ihr hübsches
Gesicht huschte.
„Du bist... verflixt, ich hab Deinen Namen vergessen...“
„Tim“ erinnerte er sie, „Tim Truman. Wir kennen uns aus dem DEEP! Wenn ich
mich recht erinnere, gehört Dir der Laden!“
„Gehörte...“ verbesserte Tess und sah dabei nicht sehr glücklich aus.
„Zumindest die Hälfte davon.“
„Was ist passiert?“ fragte Tim interessiert. Sie zuckte die Schultern.
„Ich hab meine Hälfte verkauft. Nun fliege ich zurück in meine Heimatstadt New
York.“
„Oh!“ staunte Tim, „Ich dachte, Du und Cole Deschanel...“
„Ja, das war einmal.“ nickte Tess. „Aber das ist nun vorbei. Anscheinend
hatten wir zu unterschiedliche Auffassungen von Lebensglück.“ Sie sah Tim an.
„Und Du? Wo fliegst Du hin?“
„Nach Hause.“ erwiderte er. „Meine Pläne haben auch nicht so funktioniert wie
ich es gedacht hatte.“
„Na dann“ Tess hob ihr Glas, „willkommen im Club!“ Sie blinzelte ihm mit dem
ihr eigenen Galgenhumor zu. „Weist Du was, Tim, setz Dich zu mir und wir
erzählen uns gegenseitig, warum wir dieser legendären Sonnenuntergangsstadt
heute den Abschied geben!“
Eine Weile später wurde Tess` Flug nach New York aufgerufen. Sie rutschte von
ihrem Barhocker, warf die blonde Mähne zurück und reichte Tim die Hand.
„Na dann, mach` s gut, Tim, ich wünsche Dir viel Glück, was auch immer die
Zukunft Dir bringen mag!“
Sie drehte sich um und ging zielstrebig davon. Augenblicke später war sie in
der Menge verschwunden.
Tim starrte ihr nachdenklich hinterher.
Dann nahm er kurzentschlossen sein Gepäck und eilte zu einem der Flugschalter.
„Ich möchte einchecken.“ sagte er zu der Angestellten und reichte ihr seinen
Pass.
„Wohin soll` s denn gehen, junger Mann?“ fragte sie freundlich.
Tim sah sie an und lächelte.
„New York City.“
Meg betrat das kleines Zimmer, das vorerst noch ihr Zuhause
war, und stellte ihr Gepäck ab. Sie atmete erst einmal tief durch und ließ
sich dann aufs Bett fallen.
Das unsagbare Glücksgefühl, dass sie seit Bens Heiratsantrag ständig
verspürte, gab ihr das Gefühl zu schweben. Sie hätte es am liebsten laut
herausschreien mögen... Alle sollten wissen, dass sie bald Mrs. Ben Evans sein
würde!
Plötzlich fiel ihr etwas ein.
Aber natürlich! Da gab es ja noch Jemanden, dem sie die Neuigkeit unbedingt sofort mitteilen musste...
Sie kramte ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Ranch in Ludlow.
„Cummings?“ meldete sich Sekunden später ihre Mutter.
„Mum... hier ist Meg!“
„Meg, mein Schatz! Wie geht es Dir?“
Sie hörte die ehrliche Freude in Joans Stimme und lächelte.
„Es geht mir phantastisch, Mum! Ich bin so unsagbar glücklich!“
„Das freut mich für Dich, mein Schatz. Warst Du mit Ben verreist? Ich hatte im Surf Center angerufen, und Vanessa sagte mir, Ihr wärt für zwei Tage weggefahren.“
„Ja.. ja, wir waren auf Paradise Island, das ist Bens Insel, die er gekauft hat.“
„Eine Insel?“ fragte Joan ungläubig. „Sagtest Du eben, Ben hat eine Insel gekauft?“
Meg lachte.
„Ja Mum, eine absolut traumhafte kleine Insel, gleich gegenüber vom Santa Monica Bay.“
„Kaum zu glauben...“
„Und dort werden wir auch unsere Hochzeit feiern!“
„Eure...“ Anscheinend hatte es Joan die Sprache verschlagen, denn es war mit einem Mal still am anderen Ende der Leitung.
„Mum? Bist Du noch da?“ fragte Meg vorsichtig. Die Antwort war zunächst ein kurzes Schluchzen. Dann schien Joan sich etwas gefasst zu haben.
„Meg... willst Du damit sagen, dass Ben...“
„Ja!“ fiel Meg ihrer Mutter jubelnd ins Wort. „Ja, Ben hat mir gestern einen Heiratsantrag gemacht, und Du solltest den Ring sehen, den er mir geschenkt hat... oh Mum, es ist alles wie ein schöner Traum!“
„Hank, Sara...“ hörte sie ihre Mutter am anderen Ende der Leitung rufen, „kommt schnell her, es gibt phantastische Neuigkeiten! Meg und Ben werden heiraten!“
Es folgten liebevolle Gratulationen ihres Vaters, nachdem Joan ihrem Mann gnädigerweise kurz den Hörer übergeben hatte, der ihm jedoch Sekunden später von seiner jüngsten Tochter förmlich wieder entrissen wurde.
„Meg... das ist ja Wahnsinn! Wann steigt die Verlobungsfeier?... Am Wochenende? Hey, dann muß ich mir was einfallen lassen, wie ich die Herrschaften hier davon überzeugen kann, dass ich unbedingt dabei sein muß! Meine Güte, Schwesterchen, Ihr legt ja ein ganz schönes Tempo vor.. bist Du etwa schwanger?“
Meg hörte, wie Joan ihre Jüngste wegen der letzten Bemerkung scharf zurechtwies.
„Meg, ich muß aufhören, Mum flippt gerade aus!“ rief Sara lachend und übergab wieder an ihre Mutter.
„Tja, an Deiner Verlobungsfeier werden wir leider nicht teilnehmen können, mein Schatz, aber das ist ja ohnehin mehr was für jüngere Leute! Steht der Hochzeitstermin denn schon fest?“
„Nein, aber allzu lange wollen wir nicht damit warten.“ verriet Meg. „Vielleicht an Weihnachten.“
„Oh, das würde gut passen, dann könnte sich auch Dein Vater auf der Farm auch mal für eine Weile loseisen!“
Sie schwatzten noch über dies und jenes, als Joan plötzlich mit besorgter Stimme fragte:
„Und wie geht es Dir gesundheitlich, Meg? Ich meine, nach dieser schrecklichen Sache mit... Bens Bruder...“
„Es geht mir gut, Mum.“ erwiderte Meg und nickte wie zu ihrer eigenen Überzeugung. „Derek wird niemandem mehr etwas antun.“
„Ja, Ihr habt gesagt, er sei tot... aber ich weiß auch nicht, ich habe so ein komisches Gefühl, wenn ich daran denke. Immerhin haben sie ihn nach seinem Unfall nirgends gefunden.
Du solltest auf jeden Fall vorsichtig sein, Kind!“
„Mum... mach Dir bitte keine Sorgen. Derek ist tot, da bin ich ganz sicher! Er kann keinem von uns jemals wieder Schaden zufügen. Weder Ben, noch mir, noch sonst irgendwem...