Teil 59


 
CASTILLO CORPORATIONS in Caracas (Venezuela)


Die Vorstandsmitglieder von CASTILLO CORPORATIONS in der Metropole Caracas in Venezuela drängten mit angespannten Gesichtern in den Sitzungssaal und nahmen an der langen Tafel Platz.
Cynthia, die persönliche Assistentin der kürzlich auf tragische Weise verstorbenen Firmenchefin Joanna Castillo betrat den Raum als Letzte. Die knapp dreißigjährige, dunkelhaarige Schönheit im lindgrünen, maßgeschneiderten Kostüm sah sich kurz um und begrüßte einige Mitglieder der Firmenleitung mit einem kurzen Kopfnicken, bevor sie sich ebenfalls setzte. Während ihre dunklen Augen, deren genauen Farbton man auf Anhieb nicht zu definieren vermochte, in den Gesichtern der Anwesenden zu lesen versuchten, vermied sie es gleichzeitig, ans Ende der Tafel zu sehen, von wo aus sie der leere Chefsessel Joannas wie ein Symbol anzustarren schien...

Cynthia war eine Frau, die wusste, was sie wollte.
So lange sie denken konnte, war sie in dieser Firma tätig, sie hatte sich durch Fleiß, aber auch durch Hartnäckigkeit und gesunden Egoismus hochgearbeitet, bis sie endlich ihr Ziel erreicht hatte. Als persönliche Assistentin und sogenannte rechte Hand der Chefin war sie für Joanna Castillo unentbehrlich geworden, hatte Zugang zu allen Transaktionen der Firma und fungierte zugleich als enge Beraterin für ihre Arbeitgeberin. Sie erwies sich als äußerst clever und hatte ein sicheres Gespür für gute, lohnenswerte Geschäfte.
Joanna, die ihre Firma mit eiserner Hand führte und sich durch ihre berühmt- berüchtigte Kompromisslosigkeit in der Geschäftswelt nicht nur einen Namen, sondern auch etliche Feinde gemacht hatte, konnte auf ihre Chefsekretärin nicht mehr verzichten.
Cynthia sah ihre Zukunft gesichert.
Bis... Sie schluckte bitter, nun ja, bis zu jenem Tag vor knapp einer Woche, als ihre kompromisslose Arbeitgeberin ganz entgegen ihren Gewohnheiten betrunken in ihr Auto gestiegen und frontal gegen den nächsten Baum geknallt war.
Nicht einmal mit dem Tod hatte sich Joanna auf einen Kompromiss eingelassen, sie starb noch an der Unfallstelle.
Für Cynthia die schlimmste Nachricht seit dem Flugzeugabsturz ihrer Eltern vor fünfzehn Jahren.
Alle ihre ehrgeizigen Pläne zerplatzten wie Seifenblasen.
Sie konnte nicht glauben, dass Joanna tot war, und dass diese Top- Firma von heute auf morgen in die Hände eines Mannes fallen sollte, von dem keiner wusste, wer er war und woher er kam... Joannas Ehemann.

Joanna war seit zwanzig Jahren Witwe gewesen. An neuen Beziehungen schien sie nicht interessiert zu sein, sie lebte ausschließlich für ihre Firma.
Dann plötzlich, vor ein paar Wochen, begann sie sich auffallend zu verändern. Sie gestand Cynthia, sie habe einen Mann kennengelernt, der sie total faszinierte. Doch sie nannte weder seinen Namen, noch verriet sie, woher er kam. Verliebt wie ein Teenager begann sie ihre Firmengeschäfte zu vernachlässigen und verbrachte die meiste Zeit mit Shopping, Wellness und dem geheimnisvollen Mann ihrer Träume. Drei Wochen später heiratete sie ihren „Mr. Unbekannt“, wie er in der Firma hinter vorgehaltener Hand genannt wurde.
Es gab keine Feier, keine Hochzeitsreise. Joanna brauchte das alles nicht. Sie blühte auch ohne all diese Dinge förmlich auf und kam eigentlich nur noch ins Büro, um die von Cynthia geregelten Geschäfte abzusegnen und zu unterzeichnen.
An dem Tag, als Cynthia beschloss, sie endlich zu fragen, wie sie sich die Zukunft der Firma vorstellte, starb Joanna mit nur 53 Jahren.
Sie hinterließ ihrem frischangetrauten Ehemann alles, ihr Vermögen und ihre Firma, während ihre beiden erwachsenen Töchter nur den Pflichtteil der Erbschaft erhielten.
Heute nun war der große Tag. Heute würde „Mr. Unbekannt“ seine Erbschaft antreten...

Cynthia atmete tief durch, während das aufgeregte Gemurmel der anwesenden Vorstandsmitglieder an ihren Ohren vorbeiplätscherte.
Joannas neuer Ehemann und frischgebackener Witwer hatte diese Sitzung kurzfristig für heute einberufen, um sich als neuer Besitzer von CASTILLO CORPORATIONS vorzustellen und sich mit der Firma vertraut zu machen.
Voller banger Erwartung sahen alle immer wieder auf die Uhr.
Wer... und vor allem, was würde sie erwarten?

Als er den Raum betrat, war es augenblicklich still.
Alle Augen richteten sich auf den hochgewachsenen schlanken Mann im dunklen Anzug.
Ihn schien das nicht zu stören, im Gegenteil. Der Blick aus seinen dunklen Augen verlangte geradezu danach, dass jeder hier im Raum ihm uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkte. Mit einer beispiellosen Selbstsicherheit durchquerte er den Raum und blieb hinter Joannas Chefsessel stehen, während er langsam und genüsslich in die Runde blickte.
Cynthia hielt für einen Augenblick die Luft an, als sich ihr Blicke für Bruchteile von Sekunden kreuzten.
Oh ja... jetzt konnte sie Joanna Castillo verstehen!


„Guten Tag, Herrschaften.“
Mr. Castillos wohltönende Stimme klang ruhig und sicher durch den Raum, während er wie selbstverständlich in Joannas Sessel Platz nahm. „Ich denke, ich brauche mich Ihnen nicht extra vorzustellen. Sie haben mich ja ohnehin alle schon mit Ungeduld erwartet.“ Er machte eine kleine Pause und ließ seine Augen von einem zum anderen wandern.
„Meine... leider so plötzlich verstorbene Frau hat mir diese Firma mit allem was dazugehört hinterlassen. Ich werde also CASTILLO CORPORATIONS ab sofort leiten. Dabei hoffe ich auf tatkräftige Unterstützung von Ihrer Seite, meine Damen und Herren.“
Er räusperte sich und strich sich übers Kinn, eine Geste, die auf die Zuhörer wirkte, als denke er angestrengt nach. „Joanna hat die Firma ausgezeichnet geführt, das muss man ihr lassen. Trotzdem...“ Wieder folgte eine bedeutungsvolle Pause, und Cynthia schien es, als wurden seine Augen noch einen Schein dunkler, als er die folgenden Worte aussprach: „Es wird in der nächsten Zeit einige tiefgreifende Veränderungen geben. Es liegt an Ihnen, ob Sie mich dabei unterstützen oder lieber ab sofort eigene Wege gehen wollen. Allerdings erwarte ich, dass Sie sich sofort entscheiden, sagen wir, bis heute Abend. Jeder Einzelne hat die Möglichkeit zu gehen oder zu bleiben, es liegt ganz bei Ihnen. Irgendwelche Fragen dazu?“


Die Stille, die darauf folgte, wirkte erdrückend.
Schließlich meldete sich Mr.Benson aus der Finanzabteilung zu Wort. Der beleibte Mittvierziger hatte vor Aufregung hektische rote Flecke auf den Wangen.
„Was verstehen Sie unter tiefgreifenden Veränderungen, Mr. Castillo?“ fragte er. „Welcher Art werden diese Veränderungen sein?“
„Nun, CASTILLO CORPORATIONS hat bisher Immobilien landesweit angeboten, aufgekauft und verkauft. Ab sofort werden wir expandieren und größere Geschäfte im Ausland tätigen.“
„An welches Land dachten Sie vorrangig?“
„An die USA“ erwiderte Mr. Castillo ohne zu zögern, was ein allgemeines erstauntes Gemurmel hervorrief.
„Haben Sie damit ein Problem?“ fragte er. Seine Stimme klang zwar leicht amüsiert, doch Cynthias feines Gehör vermeinte deutlich einen drohenden Unterton herausgehört zu haben.
Benson biss sich auf die Lippen.
„Mrs. Castillo lehnte Geschäfte mit den Staaten ab. Sie waren ihr zu... groß.“
Der neue Boss lachte abfällig.
„Zu groß? Nun, ich kann Ihnen versichern, mein Lieber, mir sind sie nicht zu groß, im Gegenteil. Unsere Firma hat das Potenzial, eine der Mächtigsten auf diesem Kontinent zu werden. Ich beabsichtige beispielsweise in absehbarer Zeit eine der größten Immobilienfirmen an der kalifornischen Südwestküste aufzukaufen.“
Benson nickte nur sprachlos und setzte sich langsam wieder hin.
„Was Sie betrifft, meine Damen und Herren...“ fuhr Castillo unbeirrt fort, „so möchte ich Ihnen noch einmal nahe legen, dass ich für meine künftigen Vorhaben Mitarbeiter benötige, die dynamisch, flexibel, einsatzfreudig und vor allen Dingen unbedingt loyal sind. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, den erwartet in unserer Firma eine glanzvolle Zukunft. Diejenigen, die uns lieber verlassen wollen, können sich ihre Papiere anschließend ohne große Umstände aus der Personalabteilung holen. Das gilt übrigens für alle Mitarbeiter, egal, welches Amt sie hier innehaben.“ Er holte tief Luft. „Noch weitere Fragen?“


Wieder breitete sich Stille aus. Diesmal meldete sich niemand mehr zu Wort, und es schien fast so, als vage kaum jemand zu atmen.
Mr. Castillo ließ seine Augen noch einmal durch den Raum wandern. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich von seinem Platz erhob.
„Dann danke ich für die Zeit, die Sie mir gewidmet haben, meine Herrschaften. Auf gute Zusammenarbeit!“

 

Cynthia hatte ihn die ganze Zeit über mit unverhohlener Neugier beobachtet.
Das war er also... Joannas geheimnisvoller Ehemann! Sie musste ihn geradezu angebetet haben, obwohl er bestimmt gute zwanzig Jahre jünger war als sie. Sie hatte ihn Hals über Kopf geheiratet, ohne Ansprüche, ohne Ehevertrag, ohne irgend eine Absicherung. Dieser Leichtsinn passte überhaupt nicht zu der kühlen und berechnenden Geschäftsfrau...
Und er?
Cynthia schluckte. Er war so wahnsinnig attraktiv, er bewegte sich auf eine Art, die sie beeindruckte, und sie ahnte, dass ein Blick aus seinen dunklen Augen eine Frau sehr wohl um den Verstand bringen konnte.
Aber was hatte ihn an Joanna fasziniert? Gut, sie war für ihr Alter sicher nicht unattraktiv gewesen, aber ihr Äußeres war eher von herber Schönheit und mit ihrer etwas direkten, manchmal sogar beleidigenden Art hatte sie die Männer regelrecht in die Flucht geschlagen als sie anzuziehen. Außerdem hätte sie vom Alter her gut und gerne seine Mutter sein können.
Dann war er vielleicht auf ihr Vermögen scharf gewesen?
Aber... er hatte ja nicht wissen können, dass...
Oder vielleicht doch?
Cynthia erschrak bei dem Gedanken. Sie wusste, der heutige Tag würde alles verändern.
Würde sie bleiben? Und wenn ja, zu welchen Bedingungen?
In diesem Moment traf sie ein Blick aus Mr. Castillos dunklen Augen.
Diese Augen... gefährlich, wie die einer Raubkatze... und genauso faszinierend.
Sie verursachten ihr ein seltsames Kribbeln auf der Haut, doch sie hielt seinem Blick tapfer stand.
Wieder umspielte ein kurzes Lächeln seine Lippen. Doch seine Augen lächelten nicht.
„Sieh Dich vor“ schienen sie zu sagen, „ich weiß, was Du denkst!“
Schnell erhob sie sich und wollte den Raum hinter den anderen verlassen.


„Cynthia?“
Seine Stimme ließ sie zusammenfahren. Langsam drehte sie sich um.
„Ja, Mr. Castillo?“
Er trat dicht an sie heran und sah sie prüfend an.
„Sie sind doch Cynthia, hab ich recht? Joanna hat viel von Ihnen gesprochen. Sie mochte Sie sehr.“
„Danke.“ Cynthia rang sich ein Lächeln ab. „Ich habe wirklich gern für Ihre verstorbene Frau gearbeitet, Sir.“
Er nickte, ohne sie aus den Augen zu lassen.
„Ich erwarte Sie in einer halben Stunde in Joannas ehemaligem Büro.“ erwiderte er dann. Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, drehte er sich um und ging hinaus.


Cynthia holte tief Luft, um ihre Beklemmungen loszuwerden, bevor sie die Klinke zu Joannas Büro herunterdrückte... Falsch, jetzt war es sein Büro, und somit war es nicht mehr das vertraute Terrain, das sie betrat. Im Gegenteil...
„Er wird mich nicht feuern“ dachte sie und straffte die Schultern, „dafür kenne ich mich in der Firma viel zu gut aus. Er braucht mich!“
Mit diesem Gedanken trat sie ein und lächelte mit gut gespielter Selbstsicherheit.
Er erhob sich aus einem der Clubsessel und sah ihr entgegen.
„Cynthia! Sie sind auf die Minute pünktlich, das gefällt mir!“ Er wies auf den anderen Sessel. „Bitte, nehmen Sie Platz.“
Sie setzte sich ihm gegenüber und schlug die langen schlanken Beine gekonnt übereinander, so dass ihr ohnehin schon kurzer Kostümrock noch etwas höher rutschte.
Er bemerkte es und lächelte wohlwollend.
„Sie waren also die ganze Zeit über die persönliche Assistentin meiner verstorbenen Frau?“
„Ja, Sir.“
„Was für eine Verschwendung!“
Für einen Augenblick war sie verunsichert.
„Wie... meinen Sie das?“
„Also ehrlich, es kann kein solches Vergnügen sein, jahrelang für die alte Schachtel zu arbeiten und ihre Launen ertragen zu müssen. Wie haben Sie das nur ausgehalten?“
Alte Schachtel?

Cynthia schluckte. Also hatte er sich doch wegen ihres Vermögens an sie herangemacht...
Ihre Loyalität zwang sie, Joanna wenigstens ein bisschen zu verteidigen.
„Zugegeben, sie konnte etwas... anstrengend sein, aber sie war immer gerecht. Sie hat mich gut behandelt.“
„Nun“ Sein Blick ruhte noch immer auf ihren Schenkeln, „ich werde Sie auch gut behandeln. Werden Sie bleiben?“
„Ja, natürlich, Mr. Castillo.“ sagte sie so ruhig wie möglich und lächelte plötzlich.
„Was ist?“
„Ich habe gerade daran gedacht, dass ich jahrelang Mrs. Castillo gesagt habe. Ich muss mich erst an die neue Anrede gewöhnen.“ Sie fasste sich ein Herz. „Darf ich Sie etwas fragen, Sir?“
„Nur zu...“
„Weshalb haben Sie den Namen Ihrer Frau angenommen? Ich meine... ich will nicht indiskret erscheinen, aber hierzulande ist es eher ungewöhnlich, dass der Mann den Namen seiner Frau annimmt.“
Hatte sie sich getäuscht, oder war während ihre Frage ein kurzer Schatten über sein Gesicht gehuscht? Aber nein... er lächelte schon wieder.
„Tja, was soll ich sagen...“ Er stand auf und ging zur Bar hinüber, wo er zwei Gläser mit Champagner füllte. „Mein Name bzw. der meines Vaters war mir seit meiner frühesten Jugend verhasst, und die Heirat mit Joanna war eine gute Gelegenheit, das zu ändern. Außerdem hat der Name Castillo bereits einen guten Ruf in der Geschäftswelt.“
Er kam auf sie zu und reichte ihr mit bedeutungsvollem Lächeln ein Glas. „Auf eine gute Zusammenarbeit, Cynthia.“
Er trank einen Schluck, ohne sie jedoch aus den Augen zu lassen.
Diese Augen... dunkel, geheimnisvoll und... gefährlich. Cynthia fühlte einen leichten Schauer über ihren Rücken laufen.
Aber sie musste sich insgeheim eingestehen, dass ihr das nicht unangenehm war. Im Gegenteil...
„Ach... Cynthia?“ Seine Stimme, leise, freundlich, aber bestimmt, holte sie aus ihren Gedanken. „Bitte nennen Sie mich in Zukunft nicht mehr „Mr. Castillo“. Mein Vorname ist Derek.“