TEIL 60

 

 

Im DEEP

Cole saß ganz allein im DEEP, schrieb die Abrechnung und sah die Bestellungen für das Wochenende durch. Eigentlich nutzte er für so etwas sein komfortables Büro oben über der Bar, aber heute hatte er es vorgezogen, sich wie ein Gast an einen der Tische zu setzen. Vor ihm stand ein Glas mit Wein und daneben brannte eine Kerze, als hätte er etwas zu feiern. In gewissem Sinne war es auch so...

Er feierte heute für sich allein seinen Abschied vom DEEP.

Bens Verlobungsparty mit Meg morgen Abend würde die letzte Feier sein, die er als Besitzer dieser Bar erleben durfte.

Anfang nächster Woche war der Zahlungstermin fällig, den Gregory Richards ihm gesetzt hatte, um ihm seinen Anteil zurückzuzahlen, doch die Banken weigerten sich, Cole einen Kredit zu geben, da ihm angeblich die nötigen Sicherheiten fehlten.

Leihen wollte er sich nichts, dazu war er einfach zu stolz. Lieber würde er den Laden schließen. Schlimm war nur, dass dann der Weg für Gregory frei war, das DEEP zu erwerben, denn für ihn spielte ja Geld keine Rolle. Er würde wieder einmal bekommen, was er wollte, und für den Verlierer hätte er nicht mal ein müdes Lächeln übrig.

Das wollte Cole sich nicht antun. Er würde gehen, weg von hier, weg aus Sunset Beach... Aber bereits der Gedanke daran tat ihm weh.

Seufzend wandte er sich wieder seiner Abrechnung zu, als es draußen an der Eingangstür klopfte.

„Wir haben geschlossen!“ rief er missmutig und nahm einen Schluck Wein.

Nachdenklich drehte er das Glas in seinen Fingern und betrachtete eingehend, wie die goldschimmernde Flüssigkeit sich darin bewegte.

„Auf Dich, Tess...“ murmelte er, „und darauf, dass Du es geschafft hast, mir meinen Traum zu zerstören, bevor er richtig angefangen hatte!“

Es klopfte abermals laut und vernehmlich.

Unsanft stellte Cole das Glas auf den Tisch, stand auf und ging die Stufen hoch.

„Zum Teufel, ich will heute niemanden sehen!“ rief er erbost und riss die Tür auf.

Vor ihm stand Caitlin.

 

 

Bens Haus

Maria ging schnellen Schrittes die Ocean Avenue hinunter. Vor Bens Haus blieb sie stehen und zögerte einen Augenblick.

Heute würde sie Ben sagen, dass sie ein Baby erwartete... er musste es endlich wissen, sonst wäre am Ende ihr schöner Plan in Gefahr. Sie war gespannt auf seine Reaktion, und zugleich fürchtete sie sich davor. Was würde er dazu sagen, wenn sie ihm eröffnete, dass er Vater würde? Für den Ben, den sie kannte, gäbe es in diesem Falle keine Diskussion... er würde uneingeschränkt zu ihr stehen. Schließlich hatte er sich immer Kinder gewünscht.

Aber Ben hatte sich verändert... sie hatte ihn verändert, Meg, seine neue Liebe aus Kansas.

Eigenartigerweise empfand Maria ihr gegenüber gewisse Skrupel, denn Meg war keine Person, die man hassen konnte. Sie war eine liebenswerte, freundliche und sanftmütige junge Frau, und die beiden schienen einander wirklich zu lieben.

Nun würde sie mit ihrer Lüge vielleicht diese Liebe für immer zerstören.

Wollte sie das?

Maria versuchte vergeblich den Kloß hinunterzuwürgen, der in ihrem Hals festzustecken schien. Sie war kein hinterhältiger Mensch, sie hatte nur leider in der Vergangenheit ein paar falsche Entscheidungen getroffen, die ihr Leben in unvorhergesehene Bahnen lenkten. Aber sie liebte Ben noch immer, mehr denn je. Und sie wollte ihn wiederhaben. Außerdem musste sie an ihre Zukunft denken, und an die des ungeborenen Kindes.

Sie straffte die Schultern und öffnete entschlossen die Gartenpforte. Ben müßte um diese Zeit noch zu Hause sein, er ging gewöhnlich nicht früher ins Büro.

Als sie vor der Haustür stand und gerade auf den Klingelknopf drücken wollte, spürte sie, wie jemand von hinten an sie herantrat und ihr die Hand auf die Schulter legte.

„Wohin des Weges?“ fragte eine lauernde Stimme.

Maria fuhr herum und sah in drohend funkelnde, grüne Augen...

 

 

Im DEEP

„Was tun Sie denn hier? Hat Ihr Vater Sie geschickt, um sich an meinem Untergang zu weiden?“ fragte Cole sarkastisch und musterte Caitlin etwas argwöhnisch.

„Mein Vater weiß gar nicht, dass ich hier bin.“ erwiderte sie selbstbewusst. „Und wenn, würde das auch nichts ändern. Darf ich reinkommen?“

Wortlos trat Cole beiseite und ließ sie ein.

Caitlin blieb auf dem unteren Absatz der Treppe stehen und blickte sich um, als sähe sie alles zum ersten Mal.

„Sie haben viel erreicht, Cole.“ meinte sie anerkennend. „Und Sie haben das DEEP wieder zu dem gemacht, was es früher war.“ Sie wandte sich um und sah ihn mit ihren blauen Augen an. „Als Kind habe ich hinter dieser Bar immer etwas Geheimnisvolles vermutet. Die Tiefe...“

Sie lachte. „Können Sie sich vorstellen, dass ich wirklich mal geglaubt habe, die Bar läge unter dem Meer?“

Wider Willens musste Cole schmunzeln.

„Was man als Kind so für Träume hat...“ Er ging an ihr vorbei und blieb dann mitten im Raum stehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. „Ich bin in Dallas aufgewachsen, unter den Cowboys sozusagen, und ich habe immer davon geträumt, wie es wäre, einen richtigen Saloon zu führen, so wie im Western, mit Revolverhelden, finsteren Typen und wilden Schießereien... Und natürlich einer wunderschönen Sängerin...“ Ihre blauen Augen, die ihn unverwandt anblickten, irritierten ihn. „Tja, in gewissem Sinne habe ich hier meinen Traum verwirklicht, zumindest fast. Aber nun ist er ausgeträumt. Spätestens Ende nächster Woche gehört das DEEP jemand anderem.“

Caitlin hob die Augenbrauen und lächelte geheimnisvoll.

„Da wäre ich mir nicht so sicher...“

 

 

Bens Haus

„Was willst Du denn hier?“ fragte Maria teils erschrocken, teils verärgert, als sie erkannte, wer da so plötzlich hinter ihr stand.

„Das selbe könnte ich Dich fragen, meine Liebe!“ erwiderte Annie mit boshaftem Blick. „Warum schleichst Du schon wieder um Bens Haus?“

„Ich schleiche überhaupt nicht, ich stehe vor der Haustür, wie sich das gehört. Wenn hier einer schleicht, dann bist Du das!“ entrüstete sich Maria und schüttelte Annies Hand wie ein lästiges Insekt von ihrer Schulter. „Bereits, als ich noch mit Ben verheiratet war, bist Du uns ständig auf die Nerven gegangen... die aufdringliche Nachbarin, die bei jeder Gelegenheit stören musste. Ich merke, es hat sich nichts daran geändert!“

„Oh doch, es hat sich etwas ganz Entscheidendes geändert“ meinte Annie gedehnt und verschränkte siegessicher die Arme vor der Brust, „Du bist nämlich nicht mehr mit Ben verheiratet, und da ich auf sein Haus aufpasse, wenn er nicht da ist, würde ich Dir raten, gleich wieder zu verschwinden!“ 

„Ha...“ Maria lachte verächtlich, „kleine Annie... werd` endlich erwachsen! Wenn ich Ben sprechen will, frage ich Dich als Allerletzte um Erlaubnis!“

Damit drehte sie ihrer Rivalin demonstrativ den Rücken zu und drückte mit Nachdruck auf den Klingelknopf.

„Er ist nicht da.“

Obwohl Maria Annies Gesicht in diesem Augenblick nicht sah, konnte sie förmlich deren  Grinsen fühlen. Langsam drehte sie sich wieder um.

„Und wo ist er?“

Annie grinste immer noch.

„Willst Du ihm vielleicht sagen, dass Du Dir einbildest, schwanger zu sein?“

„Ich bin schwanger!“

„Und Du meinst, das interessiert ihn?“

„Er ist der Vater!“

„Das musst Du erst einmal beweisen!“

Dir... muß ich gar nichts beweisen. Also... wo ist er?“

„Vielleicht bereitet er ja seine Verlobungsparty mit Meg vor?“ Mit Genugtuung sah Annie, wie Maria erblasste. „Die beiden heiraten nämlich in Kürze!“ fügte sie noch schnell hinzu und lächelte scheinheilig. „Hast Du das etwa nicht gewusst?“

 

 

Im DEEP

„Wie meinen Sie das?“ fragte Cole verwundert.

Caitlin sah hinüber zu dem Tisch, auf dem die Kerze flackerte.

„Können wir uns bitte einen Augenblick setzen? Ich verspreche, ich werde Ihre wertvolle Zeit nicht allzu lange in Anspruch nehmen.“

„Natürlich...“ Cole bot ihr einen Platz an und schob schnell seine Unterlagen beiseite. „Möchten Sie vielleicht auch ein Glas Wein?“

Sie blickte überrascht auf, nickte dann aber.

„Gerne.“

Während er ihr vom Tresen ein Glas holte, überlegte er fieberhaft, aus welchem Grund sie wohl hergekommen sein mochte. Ob doch vielleicht ihr Vater die Hände im Spiel hatte?

Nein, eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass eine junge Frau wie Caitlin sich dazu herablassen würde, für ihn zu spionieren. Warum auch?

Gregory wusste genau, dass er den Zahlungstermin nicht einhalten konnte, die Sache war doch schon so gut wie gelaufen.

Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und goss ihr ein.

„Worauf trinken wir, Miss Richards?“ fragte er förmlich.

„Zuerst darauf, dass Sie mich bei meinem Vornamen nennen. Ich lege keinen Wert auf irgendwelche Privilegien in dieser Stadt, nur weil ich zufällig zum Richards- Clan gehöre.“

„In Ordnung... Caitlin.“ Er lächelte, und auf seinen Wangen erschienen die zwei Grübchen, die sie fasziniert betrachtete. Er gefiel ihr, schon von dem Augenblick an, als er vor ein paar Tagen so unverhofft in ihrer Penthouse- Suite aufgetaucht war.

Cole riss sie aus ihren Gedanken, indem er das Glas hob.

„Trinken wir also auf den Untergang des DEEP und seine Wiederauferstehung als neuste Trophäe von Gregory Richards!“

Caitlin lächelte.

„Nein, trinken wir darauf, dass das DEEP so bleibt wie es ist. Mit allem, was dazugehört!“

Cole stellte sein Glas wieder ab und sah sie eindringlich an.

„Caitlin, darauf kann ich nicht trinken, denn es ist unmöglich, dass ich das DEEP behalte.

Ihr Vater hat meine Teilhaberin ausbezahlt, und um die Bar behalten zu können, müßte ich ihm die Hälfte der Summe des Schätzpreises in der nächsten Woche zurückzahlen. Doch das kann ich nicht. Keine Bank in Sunset Beach gibt mir Kredit.“

„Ich weiß.“ erwiderte Caitlin. „Im Vorstand der Banken sitzen lauter Geschäftsfreunde meines Vaters, und er hat allen untersagt, Ihnen Kredit zu gewähren.“

„Ah ja...“ Cole nickte. „Das hätte mir eigentlich klar sein müssen.“

„Wie dem auch sei...“ Caitlin lächelte versonnen, „Sie und Ihre Freunde haben so viel erreicht, weil einer für den anderen da war. Das macht wahre Freundschaft aus, und glauben Sie mir, ich habe Sie heimlich darum beneidet. Wenn man so reich ist, wie wir, ist es mitunter sehr schwer, zu erkennen, wer es ehrlich meint. Die meisten sind doch nur auf Geld aus.“

Sie machte eine kurze, bedeutungsvolle Pause, bevor sie weitersprach. „Ich bin öfter hier vorbeigegangen, zu der Zeit, als Sie mit Ihren Freunden das DEEP renoviert haben, und ich habe mir mehr als einmal gewünscht, dazuzugehören.“

„Warum sind Sie nicht einfach reingekommen?“

„So mutig bin ich nun auch wieder nicht...“

„Aber mutig genug, heute Abend hierher zu kommen!“

„Ja... denn heute bietet sich vielleicht die Chance für mich, meinen Traum zu verwirklichen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich möchte Ihre Teilhaberin werden, Cole. Als Gegenleistung dafür biete ich Ihnen den Anteil, den Sie meinem Vater schulden.“

 

 

Bens Haus

Maria starrte Annie an, als käme sie aus einer anderen Welt.

„Nein, das habe ich nicht gewusst...“ murmelte sie fassungslos. „Und ich glaube das auch nicht. Du.. Du willst mir damit doch nur wehtun!“

Annie lachte höhnisch.

„Hör mal, soviel bist Du mir nun auch nicht wert, dass ich hier irgendwelche Märchen erfinde! Die beiden haben sich vor ein paar Tagen verlobt, auf Bens romantischer Insel. Du solltest mal Megs Verlobungsring sehen! Ein unvergleichlich schönes Stück, hat er eigens für sie anfertigen lassen. Und am Samstag feiern sie beide im DEEP ihre große Verlobungsparty! ... Maria?“

Mit gespieltem Erstaunen blickte sie Bens Exfrau an.

Maria stand einen Moment lang nur unbeweglich da und starrte wortlos vor sich hin.

„Das kann nicht sein...“ murmelte sie kaum hörbar. Dann wandte sie sich ab und lief schnellen Schrittes die Strasse hinunter, gerade so, als sei sie auf der Flucht vor irgend etwas.

„Einen schönen Tag noch, meine Liebe!“ rief Annie ihr spöttisch nach und rieb sich zufrieden die Hände. „Diese Runde geht eindeutig an mich!“

 

Plötzlich fiel ihr etwas ein und sie sah erschrocken auf die Uhr.

„Ach Du lieber Himmel, die Vorstandssitzung in der LC!“ Die hatte sie im Eifer des Gefechtes vollkommen vergessen. Das würde garantiert Ärger geben... zumindest mit Gregory! „Keine Panik, Annie...“ meinte sie zu sich selbst, während sie sich eilig auf den Weg in die Firma machte, „diese Mission hier war wichtiger als das blöde Meeting!“

 

 

Im DEEP

Cole starrte Caitlin sprachlos an.

Dann lehnte er sich zurück und begann zu lachen.

„Was ist an meinem Vorschlag so lustig?“

„Entschuldigen Sie bitte, Caitlin, aber ich stelle mir eben das Gesicht Ihres Vaters vor, wenn er erfährt, dass seine eigene Tochter ihn boykottiert!“

„Ich boykottiere meinen Vater nicht“ erwiderte sie entrüstet, „ich will nur endlich einmal etwas tun, was er nicht vorbestimmt hat. Mein ganzes Leben lang hat er mir den Weg geebnet, nach seinen Regel wohlbemerkt, aber diesmal nicht!“

Cole betrachtete sie nachdenklich.

„Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, was da auf Sie zukäme, Caitlin?“

Sie schluckte.

„Ich glaube schon.“

„Ach wirklich?“ Cole zog skeptisch die Stirn in Falten. „Sie hätten praktisch kaum noch Freizeit. Arbeiten bis in die Nacht... die Gäste bedienen, sich vielleicht auch noch von ihnen anpöbeln lassen, schwere Tabletts schleppen, saubermachen, den Schreibkram, die Bestellungen...“

„Okay okay...“ Caitlin hob abwehrend die Hände und stand abrupt auf. „Ich sehe schon, Sie wollen gar nicht, dass ich Ihnen helfe. Anscheinend denken sie, die verwöhnte Richards- Göre braucht nur ein neues Spielzeug, weil ihr langweilig ist! Vielen Dank, dann suche ich mir eben etwas anderes, wo ich mich nützlich machen kann.“ Sie wandte sich mit verletzter Mine zum Gehen, doch Cole war mit zwei Schritten bei ihr und ergriff ihren Arm.

„Caitlin...“ Er sah sie prüfend an, „Ist Ihr Angebot wirklich ernst gemeint? Ich kann es mir nämlich nicht leisten, dass Sie aus einer Laune heraus hier einsteigen und ein paar Tage später vielleicht alles wieder hinwerfen, weil es Ihnen zu viel wird!“

Ihre blauen Augen hielten seinem Blick stand .

„Mir war noch nie im Leben etwas so ernst!“

„Und Sie tun das nicht nur, um Ihrem Vater eins auszuwischen?“

Caitlin straffte die Schultern.

„Nein. Wie ich schon sagte, mein Angebot hat nichts mit meinem Vater zu tun. Allerdings... abgesehen davon, dass es mir Spaß machen würde, hier zu arbeiten und die Bar gemeinsam mit Ihnen zu leiten, finde ich es auch nicht richtig, was er mit Ihnen macht. Soviel ich weiß, will er ein Nobelrestaurant aus dem DEEP machen. Das kann ich nicht zulassen. Diese Bar ist ein Treffpunkt für alle möglichen einfachen Leute, egal ob jünger oder älter. Die Privilegierten sollen doch ins GRENADINES gehen! Außerdem gehören Sie hierher, Cole, und nicht irgendwelche Lakaien meines Vaters!“ Sie holte tief Luft und sah ihn an.

Jetzt war alles gesagt.

„Das wird Ärger geben...“ murmelte Cole.

„Haben Sie Angst?“ fragte Caitlin und blitzte ihn herausfordernd an.

„Ja...“ erwiderte er überraschend ehrlich. Sie wollte sich bereits wieder abwenden und gehen, als er plötzlich hinzufügte: „Aber was soll`s, ein bisschen Nervenkitzel ist immer gut. Okay, ich bin einverstanden!“

Caitlin fuhr herum und strahlte ihn an. Dann trat sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

„Sie werden das nicht bereuen, Cole!“

„Das hoffe ich.“

 

Als sie gegangen war, setzte er sich an den Tisch.

Ihre Stimme klang ihm noch immer im Ohr:  „Sie werden das nicht bereuen...“

Er rieb sich nachdenklich über die Stirn.

„Da bin ich mir allerdings gar nicht so sicher...“

 

 

CASTILLO CORPORATIONS in Caracas (Venezuela)

Zufrieden blickte Derek auf die Firmen- Abrechnungen der letzten Tage, die Cynthia ihm eben vorgelegt hatte. Sie erzielten Gewinn, und das nicht mal schlecht!

Derek grinste.

Sämtliche Geschäfte liefen hervorragend, und das, obwohl er bislang nicht einen Finger krumm gemacht hatte. Nur wenige Mitarbeiter hatten nach seiner ersten Vorstandssitzung die Firma verlassen, alle anderen arbeiteten weiter wie bisher. Aber jeder einzelne hier hatte einen Riesenrespekt vor dem neuen Boss und gab sich die größte Mühe, dessen Wohlgefallen zu finden. Keiner von ihnen kam auf den Gedanken, dass Derek Castillo in Wahrheit  nicht viel von der Branche verstand. Eigentlich war das auch egal, er hatte einerseits das nötige Kapital, um andere für sich denken zu lassen, und auf der anderen Seite besaß er in Cynthia eine rechte Hand, die sich bestens auskannte und jede Unregelmäßigkeit oder Zuwiderhandlung sofort bemerken würde. Also konnte er sich vorerst beruhigt zurücklehnen und seinen neu erworbenen Wohlstand genießen.

Vorerst... Er kniff verschwörerisch die Augen zusammen. Es war noch zu früh, zum großen Schlag auszuholen. Aber seine Stunde würde kommen, und dann würde Sunset Beach ihm zu Füßen liegen und sein verhasster Zwillingsbruder würde sich wünschen, nie geboren zu sein...

 

Cynthia kam herein und brachte ihm seinen Kaffee.

Wohlwollend blickte er auf ihre langen schlanken Beine. Ihr Lächeln verriet, dass sie sich ihrer Wirkung auf ihn voll bewusst war. Allerdings hatte ihr neuer Boss bisher keinen einzigen Annäherungsversuch gestartet, was sie irgendwie ein wenig enttäuschte. Aber da war dieses prickelnde Gefühl unter der Haut, jedes Mal wenn sie sein Büro betrat. Sie konnte förmlich spüren, wie er sie mit seinen Blicken verschlang, bis sie den Raum wieder verließ...

 

Derek lächelte amüsiert. Er wusste, dass Cynthia ihm längst verfallen war, auch wenn sie die Unnahbare und Kühle spielte. Immerhin kannte er sich mit Frauen aus und war sich sicher, ein Wort von ihm würde genügen und sie wäre mehr als nur seine persönliche Assistentin. Doch als seine Geliebte würde sie sich vielleicht mehr erhoffen als nur loyal und verlässlich für ihn zu arbeiten, und das wollte er vermeiden. Sowie es im Augenblick war, so war es gut.

 

Außerdem machte es gerade den gewissen Reiz aus, ein wenig mit ihren Gefühlen zu spielen und sie noch hinzuhalten. Etwas, das leicht zu haben war, hatte ihn nie sonderlich interessiert. Höchstens zu materiellen Zwecken, so wie seine liebe Ehefrau Joanna, Gott hab `sie selig... Aber Frauen, um die man kämpfen musste, das war die Herausforderung, die er brauchte. Hatte er sie, langweilten sie ihn jedoch sehr schnell. So wie einstmals Maria.

Allerdings, eine hatte es in der Vergangenheit gegeben...

Dereks Augen verengten sich.

Meg Cummings... Zu schade, dass sie sterben musste! Sie war genau nach seinem Geschmack gewesen! Doch sie war tot, gestorben an einer Überdosis... Daran war nur Ben schuld! Er würde ihn dafür büßen lassen!

 

Mit Nachdruck drückte er auf den Knopf der Wechselsprechanlage.

„Cynthia?“

„Ja Sir?“

„Kommen Sie sofort in mein Büro!“

Fünf Sekunden später war sie da.

„Was kann ich für Sie tun, Derek?“

Wortlos reichte er ihr einen Scheck.

„Überweisen Sie dieses Geld hier auf Ihr Privatkonto!“

Cynthia starrte auf den Scheck und angesichts der Summe die darauf stand, verschlug es ihr zunächst die Sprache.

„A.. aber.. wofür ist das?“ stammelte sie fassungslos.

Derek lachte.

„Ich möchte, dass Sie auf Ihren Namen Aktien kaufen.“

Cynthia riss die Augen auf.

„Aktien? Wessen Aktien?“

Er schrieb einen Namen auf und gab ihr den Zettel.

„Von dieser Firma. Sie kaufen sie alle.“ Er sah sie eindringlich an. „Alle, die derzeit auf dem Markt sind.“

Sie schluckte.

„Ja Sir. Wann?“

„Sofort, wenn das Geld auf Ihrem Konto ist.“

 

Cynthia hatte ein gutes Gespür für seine Launen entwickelt. Allerdings spürte sie ebenfalls, wie sie langsam aber sicher davon abhängig zu werden drohte. Lächelte er sie an oder machte ihr ein Kompliment, schienen ihr Flügel zu wachsen. War er wortkarg und schlechtgelaunt, schlug sich das sofort auf ihre Verfassung nieder. So wie jetzt...

Sie hätte noch eine Menge Fragen zu seinem Auftrag gehabt, aber sie wusste genau, wann es besser war, zu schweigen und einfach zu tun, was er sagte.

„In Ordnung.“ erwiderte sie deshalb nur und wollte hinausgehen, als er sie zurückrief.

„Cynthia?“

Sie drehte sich um und sah ihn erwartungsvoll an.

„Sie werden in Kürze verreisen.“

„Darf ich fragen, wohin, Sir?“

Er lächelte.

„Nach Sunset Beach in Kalifornien!“