Gabis große dunkle Augen sahen Ricardo unverwandt an.
„Nun erzähl schon... Was ist damals zwischen Dir, Deiner Mutter und Antonio geschehen?“
Ricardo atmete tief durch.
„Meine Mutter hat sich den geheimnisvollen dunklen Mächten verschrieben, weil sie mit der Kirche auf Kriegsfuß steht. Viele Jahre ließ sie uns in dem Glauben, unser Vater sei tot, bis wir durch Zufall erfuhren, dass er sie einst verlassen hatte... er hatte sie und ihre drei kleinen Kinder geopfert, um das Leben zu führen, dass er für seine Bestimmung hielt. Er widmete sich der Kirche und leitete als Priester lange Jahre eine kleine Kapelle in Mexiko. Vor drei Jahren starb er, ohne sich jemals wieder bei uns gemeldet zu haben. Das war ungefähr zu der Zeit, als Antonio ins Priesterseminar aufgenommen werden sollte. Mutter gefiel es nicht, dass Antonio sein Leben der Kirche weihen wollte, es erinnerte sie zu sehr daran, was ihr Mann ihr angetan hatte. „Gott hat mir den Mann genommen, meinen Sohn wird er mir nicht nehmen!“ pflegte sie konsequent zu sagen, wenn wir mit ihr darüber sprechen wollten.
Als wir noch zur Schule gingen, hatte sie angefangen, sich mit spirituellen Dingen zu beschäftigen. Irgendwann merkte sie wohl, dass vieles von dem, was sie vorhersagte, auch wirklich eintraf. Daraufhin redete sie sich ein, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen, mit denen sie der Macht Gottes trotzen könne. Sie richtete sich ihr kleines Atelier ein und begann, die Wahrsagerei professionell zu betreiben. Antonio gefiel das nicht, und die beiden gerieten oft in Streit über ihre verschiedenen Ansichten.
Dann eines Tages kam Antonio mit der Nachricht nach Hause, er hätte die Chance, ein Priesterseminar in Mexiko zu besuchen und sich so seinen Wunschtraum zu erfüllen. Ich muß zugeben, ich war nicht besonders begeistert von seinen Plänen, denn ich hielt meinen kleinen Bruder aufgrund seines Berufswunsches für einen Weichling. Ich selbst leistete zu der Zeit meinen Dienst bei der Polizei und hoffte auf baldige Beförderung zum Detektiv.
Als meine Mutter zu mir kam und mir sagte, ich solle ihr helfen, Antonio wieder auf die richtige Bahn zu lenken, war ich nicht sehr begeistert. Mutters Plan erschien mir absurd und irgendwie gemein, aber sie ließ nicht locker, und ich willigte schließlich ein, mitzuspielen.
Ich wollte nicht, dass mein Bruder Sunset Beach verlässt, deshalb versprach ich, bei passender Gelegenheit genau das zu tun, was ihr Plan erforderte.“
Gabi hatte aufmerksam zugehört und ließ kein Auge von Ricardos Gesicht, während er erzählte.
„Was war das für ein Plan?“ fragte sie in banger Erwartung.
Ricardo schloss für einen Moment die Augen und strich sich über die Stirn.
„Gabi, das ist alles Vergangenheit! Ich glaube nicht, dass...“
„Was für ein Plan, Ricardo?“ fragte sie mit Nachdruck in der Stimme.
„Du wirst mich dafür hassen...“
„Ich werde Dich hassen, wenn Du es mir nicht erzählst!“
Er sah auf die Uhr.
„Ich muß zum Dienst. Aber ich verspreche Dir, ich komme später wieder und werde Dir alles erzählen, was Du wissen willst.“
„Das hast Du ausgezeichnet gemacht!“ rief Gregory, als er am späten Nachmittag ins Hotel zurückkehrte. Er nickte voller Stolz. „Ganz meine Tochter!“
Caitlin, die nach ihrer Aktion mit der Teilhaberschaft im DEEP auf einen Riesenkrach gefasst gewesen war, sah erstaunt auf.
„Was meinst Du damit, Daddy?“
„Deine Mutter hat mir eben erzählt, Du hast diesen Cole Deschanel überredet, Dir seinen Anteil am DEEP zu verkaufen! Ein wirklich cleverer Schachzug! Auf diese Art ging das Ganze problemloser von statten als gedacht. Ich habe die eine Hälfte, Du die andere.“ Er blinzelte seiner Tochter verschwörerisch zu. „Ich werde das Gefühl nicht los, der Junge ist sehr angetan von Dir, sonst hätte er niemals in das Geschäft eingewilligt!“
Caitlin starrte ihren Vater an und nagte nervös an ihrer Unterlippe.
„Ähm... Dad... ich glaube, Mum hat da etwas nicht ganz richtig verstanden...“
Gregory lachte.
„Wie dem auch sei, ich werde Dir gleich morgen die Summe, die Du ihm für seine Anteile gezahlt hast, auf Dein Konto zurücküberweisen.“ fuhr er unbeirrt fort. „Caitlin, mein Schatz, ich habe große Pläne mit dem DEEP. Ich werde diesen schäbigen Laden völlig umkrempeln. Das wird eine Attraktion für alle zahlungskräftigen Kunden an der Südwestküste!“
Er nahm seinen Aktenkoffer und wollte hinüber in sein Arbeitszimmer, doch Caitlin hielt ihn zurück.
„Daddy? Bitte warte einen Augenblick...“ Sie stand langsam auf und wappnete sich insgeheim voller innerer Anspannung auf die Szene, die sie eigentlich schon vorhin erwartet hatte. „Du brauchst mir das Geld nicht zurückzuzahlen, ich habe mein eigenes Geld ausgegeben. Und ich habe es nicht dazu verwendet, Coles Anteile zu kaufen.“
Gregory stutzte und zog die Stirn in Falten.
„Hast Du nicht? Wie darf ich das verstehen?“
Caitlin holte tief Luft und straffte die Schultern, während sie ihrem Vater den Umschlag reichte, den sie die ganze Zeit schon in der Hand hielt.
„Hier ist das Geld, das Cole Dir für Tess` Anteil am DEEP schuldet.“
„Waaas? Woher hat er das, zum Teufel?“ fauchte Gregory, der die Zusammenhänge immer noch nicht ganz begriff, ungläubig.
„Von mir. Ich bin Coles neue Teilhaberin. Wir werden das DEEP zusammen weiterführen.“
Casey, Rae, Michael, Vanessa, Mark, Cole, Meg und Ben saßen am Abend in gemütlicher Runde in der Wohnstube des Surf Center und planten gemeinsam Bens und Megs Verlobungsfeier, die am übernächsten Tag im DEEP stattfinden sollte. Cole hatte Wein spendiert und seinen erstaunten Mitbewohnern erzählt, dass er dank Caitlins Hilfe das DEEP nun doch behalten könne, was natürlich allgemeinen Jubel hervorrief. Einzig Ben zog bedenklich die Stirn in Falten, denn er kannte seinen Geschäftspartner Gregory Richards besser und wusste, dass dieser nicht so ohne Weiteres aufgeben würde.
„Arme Cait!“ flüsterte er Meg zu, die neben ihm auf dem Sofa saß, „er wird sie in Stücke reißen, wenn er erfährt, was sie getan hat!“
„Aber sie ist seine Tochter!“ meinte Meg. „So schlimm wird es nicht werden...“
„Du kennst Gregory nicht.“ erwiderte Ben und lächelte mitleidig. „Ich möchte lieber nicht in ihrer Haut stecken.“
Gabi hatte tagsüber mit Jude weiter an den Höhlen gearbeitet, doch ohne Antonios Hilfe kamen sie nur langsam voran. Außerdem merkte Jude sehr schnell, dass es seiner Kollegin heute nicht sehr gut ging. Sie wirkte blass und geistesabwesend und schien die ganze Zeit über irgend etwas nachzugrübeln. Jude hatte sie schließlich am Nachmittag nach Hause geschickt und beschlossen, in Los Angeles um Verstärkung zu bitten, damit der Zeitplan bis zur Freigabe der Höhlen trotzdem eingehalten werden konnte. Er ahnte bereits, dass mit Antonio in der nächsten Zeit sicherlich nicht mehr zu rechnen sei, und auch Gabi schien auf Grund des merkwürdigen Verhaltens ihres Ehemannes mit ihrer Kraft am Ende zu sein.
In ihrer Hotelsuite hatte Gabi geduscht und sich umgezogen, als Ricardo wie versprochen nach Dienstschluss wieder im SUNSET INN erschien.
Sie öffnete ihm die Tür und wies wortlos auf das Sofa, auf dem er am Vormittag schon gesessen hatte. Ihr langes schwarzes Haar war noch feucht, doch sie strich es nur achtlos zurück, als sie ihm gegenüber Platz nahm und ihn erwartungsvoll anschaute. Sie sah müde und übernächtigt aus und ihre dunklen Augen wirkten in ihrem zarten, blassen Gesicht noch größer als sonst.
Ricardo ertappte sich bei dem Gedanken, dass er sie viel lieber beschützend in die Arme genommen hätte, als ihr zu erzählen, was so lange Zeit in seiner Familie hartnäckig totgeschwiegen worden war. Aber er wusste, er hatte keine Wahl. Gabi war Antonios Ehefrau, und sie verdiente es, endlich die Wahrheit zu erfahren.
„Unser Plan stand fest. Wir mussten nur noch auf eine günstige Gelegenheit warten, ihn in die Tat umzusetzen.“ Ricardo atmete tief durch, und Gabi merkte deutlich, dass es ihm noch immer schwer fiel, über seine damaligen Verfehlungen zu sprechen.
„Wußte Deine Schwester von Eurem Plan?“ fragte sie.
Ricardo zuckte mit den Schultern.
„Maria war zu der Zeit schon mit Ben verheiratet. Sie war verliebt und glücklich und kümmerte sich nicht weiter darum, was zu Hause geschah. Als Mutter einmal mit ihr darüber reden wollte, lachte sie nur und meinte, wir sollten Antonio seinen Weg gehen lassen. Jeder hätte die Chance verdient, sein Glück auf seine Weise zu finden. Aber Mutter wollte nichts davon wissen.“
„Und dann?“
„Eines Nachts nahmen Ruiz und ich einige Kerle aus dem Drogenmilieu fest, die an einer Tankstelle randaliert hatten. Dabei war auch ein junges Mädchen. Wir fanden eine geringe Menge Marihuana bei ihr und nahmen sie mit aufs Revier. Sie weinte und flehte, wir sollten sie gehen lassen. Sie war noch minderjährig und hatte panische Angst vor ihren Eltern, denn sie stammte aus gutem Hause. Ruiz meinte noch zu mir, sie täte ihm leid und er würde sie am liebsten laufen lassen. Ich sagte ihm, vielleicht würde ich das ja tun, bevor meine Ablösung einträfe. So schöpfte er auch keinen Verdacht, als sie später weg war.
Ich wartete, bis er seine Schicht beendet hatte und ließ das Mädchen hinauf in Chief Harris Büro bringen. Sie schien mir genau die Richtige für Mutters Plan zu sein. Ich sagte ihr, wenn sie genau das tun würde, was ich von ihr verlangte, würde es keine Anzeige geben.“
„Und was sollte sie tun?“
Ricardo rieb sich das Genick.
„Können wir morgen weiterreden?“
„Nein.“ erwiderte Gabi mit eisiger Stimme.
Ergeben hob er die Hände.
„Okay... also weiter...“
„Wann wollt Ihr beide eigentlich Eure Verlobung endlich offiziell bekannt geben?“ wandte sich Mark an Casey und Rae. „Ich meine, wo Ihr doch sowieso vorhabt, auch irgendwann in nächster Zeit zu heiraten, solltet Ihr das bald tun!“
„Eben...“ pflichtete Michael bei und grinste. „Ich hab` mich neulich bei Elaine schon zweimal fast verquatscht deswegen!“
Alle lachten und Casey blinzelte Rae zu.
„Was hälst Du von übermorgen, Schatz? Ich meine... falls Ben und Meg nichts dagegen haben.“
Ben lachte.
„Wieso sollten wir?“
„Na ja, immerhin ist das Eure Party! Kann doch sein, dass Ihr das Privileg, Euch zu verloben, an diesem Tag allein genießen wollt!“
„Nein, wir würden uns riesig freuen, wenn Ihr die Gelegenheit nutzt und ebenfalls allen zeigt, dass Ihr in Zukunft zusammengehört!“
„Prima!“ lachte Cole. „Noch jemand, der es nicht erwarten kann, sich fest zu binden?“
„Nein...“ beeilte sich Michael zu sagen, „wir anderen gucken erstmal, ob das auch wirklich funktioniert!“
„Feigling!“ neckte ihn Casey und zwinkerte Vanessa zu. „Sieh Dich vor, Michael, wenn Du zu lange zögerst, werden Dir vielleicht die schönsten Mädchen vor der Nase weggeschnappt!“
„Keine Angst“ erwiderte Michael schlagfertig und legte in einem Anflug von Kühnheit den Arm um Vanessas Schultern. „Auf die, an denen mir was liegt, passe ich schon auf!“
„Maria?“ Zum wiederholten Male klopfte Madame Carmen an die Wohnungstür ihrer Tochter. „Mach doch bitte die Tür auf, ich weiß, dass Du da bist!“
Beunruhigt lauschte sie.
Irgend etwas musste geschehen sein, das konnte sie förmlich spüren. Maria war nicht zu ihrem abendlichen Besuch bei ihrer Mutter erschienen, und als Carmen vor etwa einer Stunde bei ihr angerufen hatte, meinte sie am Telefon nur kurz angebunden, sie wolle heute niemanden mehr sehen.
Das war ein schlechtes Zeichen. Madame Carmen ahnte, dass es ganz sicher um Ben ging, wenn ihre Tochter in so unglücklicher Stimmung war.
Abermals klopfte sie laut und vernehmlich, als plötzlich nebenan jemand die Tür zur Nachbarwohnung aufriss.
„Was soll denn dieser Lärm!“ Die ältere Dame mit den Lockenwicklern im Haar schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie ist nicht da, das merken Sie doch!“
„Entschuldigung!“ meinte Carmen schulbewusst. „Ich suche meine Tochter.“
„Das dachte ich mir schon.“ Die ältere Dame machte den Eindruck, als ob ihr hier im Haus bestimmt nichts entging. Argwöhnisch musterte sie Carmen Torres. „Sie sind also ihre Mutter...“
„Ja.“ Unangenehm berührt von den neugierigen Blicken wandte sie sich um und wollte gehen.
„Sie ist vor einer Weile weggegangen.“ meinte Marias Nachbarin mit gedehnter Stimme.
Carmen fuhr herum.
„Wissen Sie, wohin?“
„Woher soll ich das wissen? Glauben Sie vielleicht, ich spioniere meinen Nachbarn hinterher?“ Empört schnappte die Dame nach Luft.
„Nein, natürlich nicht...“ beeilte sich Carmen zu sagen, obwohl sie vom Gegenteil überzeugt war. „Ich dachte nur...“
„Ich habe zufällig gesehen, wie sie zum Strand runterging.“ fiel ihr Marias Nachbarin ins Wort. „... und sie sah nicht besonders glücklich aus!“
„Danke.“ Carmen ging zur Treppe.
„Eine so hübsche junge Frau... und immer nur allein! Das ist nicht gut...“ rief die Frau ihr noch nach.
„Wem sagen Sie das...“ murmelte Madame Carmen und verließ schnellen Schrittes das Haus.
Ricardo trank eine Schluck von dem Mineralwasser, das Gabi ihm gebracht hatte. Sein Hals fühlte sich trotzdem merkwürdig trocken an, während er weitersprach.
„Ich setzte das Mädchen in meinen Wagen und wartete dann auf Ruiz` Ablösung. Als der Kollege da war, sagte ich ihm, ich müsse dringend noch etwas erledigen. Dann fuhr ich mit der Kleinen hinunter nach Mexiko. Unterwegs erklärte ich ihr genau, was sie zu tun hätte, um einer Strafanzeige zu entgehen. Sie war ungeheuer froh darüber, dass sie noch einmal davonkommen würde.
Wir fuhren über die Grenze in den kleinen Ort, in dem in Kürze Antonios Priesterseminar stattfinden sollte. In der Kirche holten wir den Dekan buchstäblich aus seinem wohlverdienten Schlaf, und das Mädchen lieferte ihm die Vorstellung ihres Lebens, um ihre Haut zu retten. Herzerweichend schluchzend erzählte sie ihm, sie sei sechszehn und schwanger, und Antonio hätte ihr die Ehe versprochen. Nun wolle er unbedingt Priester werden, um im Schutz der Kirche seinen Verpflichtungen ihr gegenüber zu entgehen...“
Ricardo atmete tief durch.
„Sie muß sehr überzeugend gewesen sein. Als der Dekan sie zur Tür brachte, hatte er Tränen in den Augen. Am nächsten Tag wurde Antonio mit Schimpf und Schande aus der Kirchengemeinde entlassen. Man schenkte seinen Unschuldsbeteuerungen keinen Glauben, sondern mahnte ihn eindringlich, sich um seine junge Frau und sein ungeborenes Kind zu kümmern, anstatt mit einer Lüge im Herzen vor Gott zu treten...“
„Er wusste, wer ihm das eingebrockt hatte, nicht wahr?“
„Ja.“
„Und das Mädchen?“
„Schweigt bis heute. Ich glaube, sie wohnt gar nicht mehr hier.“
Gabi hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben und schwieg. Nach einer Weile hob sie den Kopf und blickte Ricardo an.
„Was Du getan hast, hat Dich nicht glücklich gemacht, habe ich recht?“
„Glaub mir, Gabi, ich habe es tausend mal bereut, und ich würde wer weiß was dafür geben, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte.“
„Das kannst Du.“
„Wie meinst Du das?“
„Fahr nach Mexiko und sag die Wahrheit.“
Während die anderen Bewohner munter durcheinanderschnatterten, zog Ben Meg in seinen Arm.
„Was hälst Du eigentlich davon, wenn Du nach der Party am Samstag zu mir ziehst?“ raunte er ihr zärtlich ins Ohr. „Ich will Dich endlich ganz für mich haben!“
Meg musterte ihn überrascht.
„Ich soll bei Dir einziehen?“
Ben lachte.
„Ist das so abwegig, wenn man verlobt ist und heiraten will?“
„Nein, ich dachte nur...“
„Was?“
Meg biss sich auf die Lippen. Sollte sie ihm wirklich sagen, was sie daran störte? Er hatte in diesem Haus mit seiner ersten Frau gelebt, sie waren dort glücklich gewesen, und nun war es fast so, als würde sie nur Marias Platz einnehmen...
Ben sah sie an und sein Lächeln verschwand.
„Ich weiß, was Du denkst.“ sagte er so leise, dass die anderen es nicht hörten. „Aber Du liegst falsch, Meg. Du bist kein Ersatz für etwas, was für immer vorbei ist. Ich liebe Dich und ich will mit Dir zusammen ganz neu anfangen.“ Er strich ihr liebevoll mit den Fingern über die Wange. „Ich möchte Dein liebes Gesicht sehen, wenn ich früh erwache, und ich möchte, dass Du da bist, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Die Vergangenheit spielt dabei keine Rolle mehr. Und was das Haus betrifft, ich habe es damals selbst mit aufgebaut, lange bevor Maria in mein Leben trat. Wenn Du bei mir einziehst, wirst Du dort nichts mehr finden, was Dich an sie erinnert. Ich werde alles dafür tun, dass es Dein Zuhause wird. Das verspreche ich Dir.“
Meg schaute ihn an und lächelte. Konnte es eine schönere Liebeserklärung geben, als diese?
„Ja, ich würde wirklich gerne bei Dir einziehen, Ben. Ich kann mir auch nichts Schöneres vorstellen, als morgens in Deinen Armen zu erwachen.“
Ihre Blicke verschmolzen ineinander und als sie sich küssten, vergaßen sie einen Augenblick lang, dass sie nicht allein waren.
Erst als Cole und Mark sich lautstark räusperten, schienen sie beide in die Wirklichkeit zurückzukehren.
„Jetzt aber Schluss mit dieser Schmuserei, man wird ja ganz neidisch!“ lachte Mark. „Laßt uns lieber auf das zweifache Glück anstoßen! Eine Doppelverlobung hat es im DEEP bestimmt noch nicht gegeben!”
Sie ließen frohgelaunt die Gläser klingen und tranken auf das bevorstehende Ereignis.
Meg sah in Bens Augen, und als sich ihr Blick mit seinem traf, waren ihre Ängste wegen Maria vergessen.
Zumindest für diesen Abend...
Carmen hatte kein gutes Gefühl, als sie schnellen Schrittes die Strandpromenade entlanglief und angestrengt nach ihrer Tochter Ausschau hielt. Irgend etwas war mit Maria nicht in Ordnung, das spürte sie schon seit einer ganzen Weile. Sie verbarg etwas vor ihr, ein Geheimnis, das ihr zu schaffen machte.
Es tat Carmen weh mit anzusehen, wie unglücklich ihre früher so lebensfrohe Tochter war, seit sie Ben damals wegen seines Zwillingsbruders verlassen hatte. Sie wusste, dass Maria Ben noch immer liebte, und sie empfand es als ungerechte Strafe, dass er ihre Liebe nicht mehr zu erwidern schien. Ben Evans war damals von Marias spontanem Entschluss, mit Derek aus Sunset Beach wegzugehen, sehr verletzt gewesen, aber Carmen war zutiefst überzeugt davon, dass nur sein Stolz ihn daran hinderte, zu ihr zurückzukehren und ihr diesen Fehltritt zu verzeihen, weil er sie insgeheim immer noch genauso begehrte wie früher.
Carmen seufzte.
Sie war inzwischen am Ende der Strandpromenade angelangt und blieb schweratmend vom schnellen Laufen stehen. Die Sonne war bereits am Horizont verschwunden und es begann zu dämmern.
Wo war Maria hingegangen?
Der Strand war menschenleer, nur ein Pärchen spazierte Hand in Hand an ihr vorbei am Wasser entlang.
Ratlos sah sie sich ein letztes Mal um und wollte schon umkehren, als sie hörte, wie der Mann zu seiner Begleiterin sagte:
„Schau mal, da oben! Ob das nicht gefährlich ist, so nah am Abgrund zu stehen?“
Unwillkürlich wanderte ihr Blick hinauf zu den Klippen, als ihr plötzlich der Atem stockte.
Kein Zweifel, dort oben stand eine Frau... unbeweglich, wie eine Statue, direkt am Rand der steilen Felsen, die aus der tosenden Brandung ragten.
Carmen brauchte keine Brille und kein Fernglas, um zu wissen, wer dort oben stand.
Sie verließ sich, wie so oft in ihrem Leben, nur auf ihr Gefühl, und ihre Eingeweide zogen sich vor unbändiger Angst schmerzhaft zusammen, als sie aus voller Kraft und Verzweiflung den Namen ihrer Tochter in den Wind hinausschrie.
„Maria ...!“
Während alle fröhlich miteinander anstießen, klingelte es plötzlich.
„Erwartet Ihr noch jemanden?“ fragte Cole in die Runde und stand auf.
Gespannt schauten alle auf die Tür, als er öffnete.
Draußen stand Caitlin.
„Hey, das ist ja eine nette Überraschung! Leute, meine neue Geschäftspartnerin ist da!“ rief Cole griff nach ihrer Hand. „Komm rein, Caitlin, wir feiern gerade ein wenig den Erhalt des DEEP und die bevorstehende Verlobungsparty am Samstag.“
„Oh, nach Feiern ist mir nicht so recht zumute.“ erwiderte sie leise und entzog ihm zögernd ihre Hand. „Vielleicht hätte ich nicht herkommen sollen!“
Erst jetzt bemerkte Cole die beiden Koffer, die neben ihr standen.
„Was ist passiert?“
Sie wischte trotzig eine Träne weg, die ihr über die Wange lief.
„Ich bin hergekommen, weil ich fragen wollte, ob Ihr vielleicht noch ein Zimmer frei habt. Mein Vater hat mich rausgeworfen!“
Für einen Augenblick herrschte betretene Stille, als Cole mit Caitlin das Zimmer betrat. Sie hatten alle gehört, was die junge Frau gesagt hatte und waren einfach nur sprachlos. Einzig Ben, der seinen Geschäftspartner zu gut kannte, um sich über dessen Reaktion auf den spontanen Entschluss seiner Tochter zu wundern, stand auf und nahm Caitlin in den Arm.
„Komm, setz Dich zu uns. Ich bin sicher, wir werden eine Lösung finden. Morgen rede ich mit Deinem Vater ein ernstes Wort.“
„Nein!“ Trotzig streckte Caitlin das Kinn vor. „Bitte tu das nicht, Ben. Das ist eine Sache zwischen ihm und mir, und ich möchte nicht, dass sich jemand einmischt. Auf gar keinen Fall.“
Ben zuckte resigniert die Schultern.
„Okay, wie Du willst, ich werde mich raushalten. Aber lass es mich wissen, wenn ich etwas für Dich tun kann.“
Caitlin nickte ihm dankbar zu.
„Ich finde das total mutig, was Du getan hast.“ meinte Vanessa, und die anderen nickten anerkennend. „Sicher wird sich Dein Vater das ganze noch einmal in Ruhe überlegen.“
„Nein, das wird er nicht.“ widersprach Caitlin und ließ sich neben Meg auf dem Sofa nieder. „Egal ob Familie oder Geschäftspartner. Er steht immer zu seinem Wort.“ Sie drehte sich zu Cole um, der etwas betreten dastand. „Und ich stehe zu meinem... Du kannst Dich darauf verlassen, Cole!“
„Ich weiß nicht recht...“ Man merkte ihm deutlich an, dass ihm nicht ganz wohl in seiner Haut war. „Vielleicht sollten wir die ganze Sache besser vergessen. Ich möchte Dich nicht in Schwierigkeiten bringen, Caitlin!“
„In diese Schwierigkeiten habe ich mich selbst gebracht.“ erwiderte sie mit fester Stimme. „Und ich bin froh, dass ich es getan habe. Also was ist... habt Ihr noch ein Bett für mich frei?“
„Sie kann doch in das Zimmer von Tess ziehen!“ schlug Mark vor und sah Casey fragend an. Der nickte zustimmend.
„Klar, das Zimmer ist frei. Allerdings ist es nur eine ganz einfache Bleibe...“
Caitlin lächelte tapfer.
„Wunderbar... mehr brauche ich auch nicht. Ich bin nicht so verwöhnt, wie Ihr glaubt. Mit einem Dach über dem Kopf und einem Bett, in dem ich schlafen kann, bin ich schon zufrieden.“
Michael grinste.
„Warte nur, bis Du morgens zum ersten Mal ewig am Badezimmer angestanden hast, dann wirst Du Deine Meinung sehr schnell ändern!“
Caitlin ließ sich von dem fröhlichen Lachen der anderen anstecken, und ihr wurde ganz warm ums Herz, als Cole ihr plötzlich seine Hand reichte.
„Danke Caitlin, Du ahnst gar nicht, wieviel es mir bedeutet, dass ich das DEEP behalten kann. Das werde ich Dir nie vergessen!“
Ungeduldig blickte Cynthia auf die Uhr. Wo blieb er bloß? Die Maschine aus Caracas war bereits vor einer Viertelstunde gelandet, aber von ihrem Boss war weit und breit nichts zu sehen. Ob er vielleicht einen anderen Flug genommen hatte?
Sie erinnerte sich an das Telefonat, dass sie heute Vormittag mit ihm geführt hatte. Seine Reaktion auf die Neuigkeiten, die der Pfarrer ihr auf dem Friedhof mitgeteilt hatte, fiel etwas anders aus, als erwartet, und seitdem grübelte sie darüber nach, in welcher Beziehung Derek zu dieser jungen Frau gestanden hatte... Meg Cummings - war sie für ihn wirklich nur eine alte Bekannte gewesen? Sie konnte es kaum glauben, nachdem er am Telefon sofort gemeint hatte, er würde den nächstmöglichen Flug buchen und hierher nach Sunset Beach kommen, und sie solle ihn in LA am Flughafen erwarten.
Und nun stand sie hier und blickte sich immer wieder suchend um. Anscheinend hatte er die angegebene Maschine doch nicht mehr rechtzeitig erreicht. Sie wollte schon aufgeben und ins Hotel zurückfahren, da sie wusste, dass der nächste Flug aus Caracas erst spät in der Nacht hier ankam, als sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter legte und ihr eine wohlbekannte Stimme ins Ohr raunte:
„Hallo Cynthia! Schön, Sie zu sehen.“
Sie drehte sich um und stutzte.
„Derek?“
Der Mann, der da vor ihr stand, war kaum wiederzuerkennen. Er trug eine dunkelblonde Perücke und einen Oberlippenbart, und nur sein Lächeln und seine Stimme verrieten ihr, dass sie nicht das Opfer ihrer eigenen Sinnestäuschung war.
„Was soll denn das? Wieso diese Maskerade?“ fragte sie irritiert.
„Scht...“ Er legte seinen Finger vertraulich auf ihre Lippen, „Haben Sie etwas Geduld, Cynthia. Ich werde Ihnen auf der Fahrt nach Sunset Beach alles erklären.“ Sein unwiderstehliches Lächeln und der Arm, der sich wie selbst verständlich um ihre schmale Taille legte, verursachten sofort wieder dieses Kribbeln auf ihrer Haut, wie immer, wenn sie in seiner Nähe war. Wortlos nickte sie, als er sein Gepäck aufnahm und ihr den Weg wies. „Lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Gehen wir.“
Es war schon spät, als im Surf Center endlich Ruhe einkehrte. Die Bewohner hatten noch eine ganze Weile zusammengesessen und anschließend geholfen, Caitlins Sachen in Tess` ehemaliges Zimmer zu bringen, bevor sie sich gegenseitig eine guter Nacht wünschten und zu Bett gingen.
Meg brachte Ben zur Haustür.
„Was ist?“ fragte sie erstaunt, als er sich auf der Schwelle nach ihr umdrehte und ein vielsagendes Lächeln über sein Gesicht zog..
„Ich musste eben an etwas denken, was ich zu gerne nochmal erleben würde.“
„So... und was wäre das?“
„Unsere erste Nacht hier im Surf Center. Diese Stunden werden mir unvergesslich bleiben!“
Meg lachte.
„Ja, mir auch. Vor allem das Bild, als Du vom Sessel gefallen bist!“ Sie sah ihn an und blinzelte ihm schelmisch zu. „So wie es aussieht, werde ich nicht mehr allzu lange hier wohnen. Also Ben Evans, falls Du unbedingt noch eine Nacht auf diesen heimtückischen Sesseln verbringen möchtest, dann solltest Du vielleicht ganz schnell mit raufkommen!“
Ben betrachtete sie einen Moment lang mit einem unendlich liebevollen Blick. Dann nahm er sie in den Arm und gab ihr einen Kuss, bevor er leise die Tür wieder schloss und ihr nach oben folgte.
Alles war wie damals... Sie hatten beide noch eine Weile auf der kleinen Veranda gestanden und die herrliche Aussicht bewundert. Als sie danach jedoch eng aneinandergekuschelt ins Zimmer zurücktraten, löste sich Meg plötzlich aus Bens Armen, ging zum Schrank und holte eine Decke, die sie ihm reichte.
„Was soll denn das werden?“ fragte er verständnislos.
Meg zuckte die Schultern und versuchte mühsam ein Lachen zu unterdrücken.
„Du wolltest alles noch einmal so erleben wie damals.“ erwiderte sie und wies auf die Sessel. „Bitteschön!“
„Das ist nicht Dein Ernst, oder?“
„Und ob...“ Sie grinste. „Gute Nacht, mein Schatz. Schlaf gut!“
Binnen weniger Sekunden war sie in ihr Bett gehuscht und hatte das Licht gelöscht. Sie hörte Ben noch eine Weile rumoren, während er mit einem unterdrückten Fluchen mühsam versuchte, die beiden Sessel zu einem Nachtlager umzufunktionieren.
Dann war alles still.
„Meg?“
„Ja?“
„Kommt jetzt nicht allmählich die Stelle, wo Du mir anbietest, mit in Deinem Bett zu schlafen?“
„Nein, erst nachdem Du vom Sessel gefallen bist!“
„Das kannst Du unmöglich ernst meinen...!“ Er seufzte. „Also schön, wenn es unbedingt sein muß...“
Es gab einen Rums, einen dumpfen Aufprall, begleitet von einem unterdrückten Stöhnen.
Dann war es wieder still.
„Ben?“ Meg lauschte zuerst belustigt, doch als er nicht antwortete, richtete sie sich auf und tastete beunruhigt nach der Nachttischlampe.
„Ben? Hast Du Dir wehgetan?“
Er lag zwischen den zwei Sesseln und rührte sich nicht.
Sie sprang aus dem Bett und kniete sich besorgt neben ihn.
„Ben, sag doch was!“
In diesem Augenblick umfingen sie zwei starke Arme und zogen sie zu sich herunter.
„Ich liebe Dich!“ flüsterte er lachend.
Empört über seinen Scherz, aber gleichzeitig erleichtert, dass ihm nichts geschehen war, boxte sie ihn in die Seite. „Du hast mich erschreckt! Mach das nie wieder, Ben Evans!“
„Versprochen!“ raunte er und suchte sehnsüchtig ihre Lippen, als es plötzlich draußen heftig an die Tür klopfte.
„He, Meg!“ hörten sie Caseys besorgte Stimme. „Was war das eben für ein Krach? Ist irgendwas passiert?“
Ben und Meg sahen einander verschwörerisch lächelnd an und antworteten beide zugleich:
„Nein... noch nicht!“
Damit endet die Story aus dem SUNSET PARADISE für dieses Jahr.
Ich bedanke mich bei meinen Lesern für ihr Interesse an der Story und verspreche, dass es im nächsten Jahr mit neuen Folgen weitergeht.