Unruhig lief Cynthia in ihrem Hotelzimmer auf und ab. Sie war es nicht gewohnt, untätig herumzusitzen. Diese Warterei machte sie verrückt. Derek hatte sich seit Stunden nicht blicken lassen.
Ob man ihn am Ende vielleicht verhaftet hatte?
Der Gedanke verstärkte ihre Unruhe zusehends. Sie musste unwillkürlich daran denken, was er ihr erzählt hatte, nachdem sie vom Flughafen ins Hotel gefahren waren.
Derek hatte einen Zwillingsbruder...
Cynthia war äußerst erstaunt gewesen, das zu hören. Besonders aber überraschte sie die Tatsache, dass die Brüder, die sich laut Dereks Aussage aufs Haar glichen, einander überhaupt nicht nahe standen. Mehr noch, die beiden konnten anscheinend charakterlich gar nicht gegensätzlicher sein, und sie hassten sich aus tiefstem Herzen.
Ben Evans... so war der Name von Dereks Bruder, schien ein abgrundtief böser Mensch zu sein, verschlagen, heimtückisch und rachsüchtig von Kindesbeinen an. Er hatte Derek um alles betrogen, sein Erbe, seine Firmenanteile, und er hatte nicht einmal vor der Frau Halt gemacht, die Derek liebte... Meg Cummings.
Derek hatte ihr anvertraut, dass er und Meg damals heiraten wollten. Sein Bruder hatte sie jedoch entführt und, als sie sich weigerte, seine Liebe zu erwidern, sogar versucht sie zu töten.
Armer Derek! So lange hatte er geglaubt, Meg sei tot...
„Man kann sich leicht in Ben täuschen.“ hatte Derek versucht seinen Bruder zu beschreiben. „Er versteht es meisterhaft, seinen wahren Charakter zu verbergen. Nach außen hin zeigt er sich als freundlicher und loyaler Mensch, aber in Wahrheit ist er ein eiskalter gerissener Geschäftsmann, der vor nichts zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen. Ich musste damals aus Sunset Beach fliehen, weil er mir die Entführung und den angeblichen Mord an Meg so geschickt in die Schuhe geschoben hat, dass ich keine Chance mehr hatte, das Gegenteil zu beweisen. Also tauchte ich erst einmal unter und begann mir im Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Das alles ist jetzt Monate her, und die Zeit ist gekommen, Rache zu nehmen. Weiß der Teufel, was Ben Meg erzählt hat, damit sie ihn heiratet, aber ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um diese Heirat zu verhindern. Dazu brauche ich Ihre Hilfe, Cynthia! Leider stehe ich seit dieser Sache noch immer auf der Fahndungsliste der Kalifornischen Polizei, und solange ich meine Unschuld nicht beweisen kann, muss ich mich verstecken. Sind Sie bereit, mir zu helfen?“
Er hatte sie mit seinen dunklen nachtblauen Augen wieder auf diese besondere Art angesehen, die ihr jedes Mal das Blut schneller durch die Arterien trieb, wenn ihre Blicke sich begegneten.
„Was wird geschehen, wenn Meg wieder frei ist?“ hatte sie atemlos gefragt und Derek damit ein bedeutungsvolles Lächeln entlockt. Er legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie mit sanftem Druck, ihn anzusehen.
„Ich liebe Meg nicht mehr, wenn es das ist, was Sie interessiert, Cynthia. Es gibt in meinem Leben mittlerweile sehr viel interessantere Frauen als Meg Cummings. Aber ich möchte die Frau, die mir einmal so viel bedeutet hat, davor bewahren, den schlimmsten Fehler ihres Lebens zu begehen, das bin ich ihr schuldig. Also.. was ist? Kann ich mit Ihrer Hilfe rechnen?“
Cynthia hatte nur noch stumm genickt.
„Ja, ich werde Ihnen helfen.“ murmelte sie mit belegter Stimme, hilflos gefangen in seinem Blick.
Er hatte gelächelt, sich ein wenig vorgebeugt und sie geküsst. Nein... eigentlich war es kein richtiger Kuss gewesen, in Wahrheit hatte er nur sanft ihre Lippen gestreift und kurz darauf wortlos das Zimmer verlassen.
Cynthia seufzte.
Da stand sie nun, in einem Hotelzimmer weit weg von Caracas, in einer fremden Stadt, mit einem einfältigen Lächeln im Gesicht, verliebt wie ein Teenager... Joanna Castillos ehrgeizige clevere Chefsekretärin, die sich über solche Dinge immer irgendwie erhaben gefühlt hatte.
Bis er vor kurzem überraschend in ihr Leben getreten war. Derek Castillo...
Sie erhoffte sich inzwischen mehr von ihrem neuen Boss, als sie momentan zuzugeben bereit war. Viel mehr... Nun, sie würde schon dafür sorgen, dass er sein offensichtliches Interesse an ihr nicht verlor. So schnell konnte ihr keine andere Frau das Wasser reichen!
Aber jetzt galt es erst einmal, der Gerechtigkeit Genüge zu tun und Rache zu nehmen an Dereks skrupellosem Zwillingsbruder Ben. Sie und ihr Boss waren auf dem besten Wege dazu. Der Anfang war gemacht...
Sie sah zum hundertsten Mal auf die Uhr. Wo blieb er bloß?
Dereks Weg führte ihn durch die ganze Stadt. Er besuchte alle Plätze, die er kannte und sah sich überall aufmerksam um. Viel hatte sich während seiner Abwesenheit nicht verändert.
Und das Wichtigste: bisher hatte ihn niemand wieder erkannt.
In Elaines Waffelshop bestellte er sich schließlich einen Kaffee.
Er wählte einen Platz am Fenster, von wo aus er alles gut überblicken konnte. Das kleine Lokal war am Nachmittag nur mäßig besucht. Ein paar von den Gästen kannte er flüchtig vom Sehen.
Und dann erschien Elaine.
Derek nippte an seinem Kaffee und ließ sie nicht aus den Augen. Der Besuch bei Elaine Stevens war für ihn so eine Art Generalprobe. Würde sie ihn in seiner Verkleidung wieder erkennen?
Als sie in seine Richtung sah, hob er die Hand.
Mit ihrem Notizblock kam sie an seinen Tisch.
„Sie haben einen Wunsch, Sir?“
Er nickte.
„Ja, ich würde Sie gerne etwas fragen. Sie kennen doch die Stadt sicher genau?“
Elaine nickte.
„Natürlich. Ich bin hier geboren, und wenn Sie Fragen zu Sunset Beach haben, ganz gleich, welcher Art, dann sind Sie bei mir genau richtig!“ erwiderte sie liebenswürdig.
Derek nickte und forschte in ihrem Blick. Kein Zeichen des Widererkennens... Das war gut.
Er lächelte.
„Tja, ich mache ein paar Tage Urlaub in diesem zauberhaften Ort und würde gerne wissen, wo man hier einen netten Abend verbringen kann. Ein paar Leute kennen lernen, vielleicht ein wenig Musik und einen Drink... eine Bar oder so. Gibt es hier so etwas?“
„Aber ja, da kann ich Ihnen das DEEP empfehlen, Sir. Das ist die angesagteste Bar in der Stadt. Dort treffen Sie Leute jeden Alters, und Musik gibt es auch. Das wird Ihnen bestimmt gefallen.“
„Und wo finde ich das DEEP?“
„Das ist ganz einfach. Gehen Sie die Ocean Avenue bis zum Ende, dort kommen Sie an ein Gebäude aus roten Backsteinen. Es erinnert von außen ein bisschen an eine alte Fabrik, aber keine Angst, die Bar ist modern und wirklich schön. Sie wird von jungen Leuten geführt, die sie vor nicht allzu langer Zeit erst neu renoviert haben.“
„Das klingt interessant.“ nickte Derek und erhob sich. Er reichte Elaine einen Geldschein und winkte lächelnd ab, als sie ihm das Wechselgeld herausgeben wollte. „Vielen Dank für den Kaffee. Er war wirklich gut. Wir sehen uns bestimmt in den nächsten Tagen noch.“
Zufrieden verließ er den Waffelshop. Man sagte Elaine eine gute Menschenkenntnis und ein untrügliches Gespür für alle möglichen Dinge nach. Wenn sie ihn in seiner Maskerade nicht erkannt hatte, dann dürfte er in diesem Aufzug hier weitestgehend sicher sein.
Er schloss für einen Moment die Augen und rieb sich die Stirn. Diese verdammten Kontaktlinsen waren ihm ungewohnt und drückten. Aber egal, so lange würde er sie sowieso nicht tragen müssen, genauso wie diese lästige Perücke und den Bart. Bald würde er wieder ganz der Alte sein... Mister Derek Evans.
Elaine sah dem Fremden nach, als er das Lokal verließ.
Irgendetwas an ihm kam ihr bekannt, ja auf irgendeine geheimnisvolle Weise sogar vertraut vor.
Aber was?
Waren es seine braunen Augen, seine ruhige Wohltönende Stimme oder die Art, wie er sich bewegte?
Oder nur eine zufällige Ähnlichkeit?
Aber mit wem?
Während sie noch dastand und grübelte, war der fremde Besucher längst aus ihrem Blickfeld verschwunden.
Ben saß auf der Veranda seines Hauses und blickte hinaus aufs Meer. Die Sonne stand bereits ziemlich tief und kündigte mit ihren letzten wärmenden Strahlen den beginnenden Abend an. Ein Abend, auf den er sich besonders freute. Dieser Abend sollte nur ihm und Meg gehören. Heute auf der Party im DEEP wollten sie allen verkünden, dass sie beide ihren Lebensweg in Zukunft gemeinsam gehen würden, zuerst als Verlobte und in nicht allzu langer Zeit als Mann und Frau.
Ben schloss lächelnd die Augen, lehnte sich entspannt zurück und ließ noch einmal die letzten Wochen Revue passieren, diese vielen unvergleichlich schönen Augenblicke, die ihm Meg seit ihrer ersten Begegnung hoch über den Wolken geschenkt hatte.
Er sah in Gedanken ganz deutlich vor sich, wie sie damals im Flugzeug die Passagiere begrüßt hatte und sich dabei ihre Blicke zum ersten Mal begegnet waren. Es war wie Magie gewesen, vor allem, als sie wenig später gemeinsam im Cockpit gestanden und diesen unvergleichlich herrlichen Sonnenuntergang erlebt hatten. Ja, er hatte damals schon ganz deutlich gespürt, dass diese junge Frau Gefühle in ihm weckte, die er längst verloren glaubte.
Und dann das unverhoffte Wiedersehen in Sunset Beach... er war seinem Freund Casey heute noch zutiefst dankbar, dass er ein wenig „Schicksal“ gespielt hatte. Als er damals an der Tür zum Surf Center anklopfte und Meg ihm öffnete, da hatte er in ihren Augen all das gesehen, was er in diesem Moment selbst fühlte, freudige Überraschung, tiefe Zuneigung und ein Gefühl der Erleichterung, sich wieder gefunden zu haben. An diesem Abend hatte er sie zum ersten Mal geküsst...
„Ben? Hallo, bist Du da? Ich muss Dich unbedingt sprechen!“
Annies Stimme vom Nachbarbalkon war wie eine kalte Dusche, die Ben abrupt aus seinen romantischen Erinnerungen holte.
„Annie...“ Er richtete sich auf und versuchte nicht allzu unfreundlich dreinzublicken, als sie gleich über die Brüstung stieg und sich wie selbstverständlich neben ihm in den Korbsessel fallen ließ.
„Gar nicht so einfach, Dich mal hier zu erwischen.“ meinte sie und streckte ihre langen sonnengebräunten Beine aus. Da wo der Gips gesessen hatte, war die Haut noch deutlich blasser, was aussah, als würde sie eine Socke tragen.
„Wie geht es Deinem Fuß?“ fragte Ben und grinste. „Ich bin sicher, Deine Physiotherapeutin wäre entsetzt, wenn sie wüsste, dass Du schon wieder über Balkonbrüstungen steigst!“
Annie verdrehte die Augen.
„Wenn es nach ihr ginge, würde ich noch immer wie ein einjähriges Kind hier herumtapsen.“
„Sie weiß, was gut für Dich ist.“ gab Ben zu bedenken.
Annie lachte laut auf.
„Du machst wohl Scherze! Woher soll dieses Lämmchen wissen, was gut für mich ist?“
Sie seufzte und verzog das Gesicht. „Aber ehrlich gesagt weiß ich das momentan selbst nicht so genau.“
„Und was hast Du so Wichtiges auf dem Herzen?“
„Ich wollte Dich fragen, ob du Meg heute zu Hause lassen und mich an ihrer Stelle mit zu Deiner Verlobungsparty ins DEEP nehmen kannst!“ platzte sie heraus und fing wieder an zu lachen, als sie Bens verdutztes Gesicht sah. „Entspann Dich!“ rief sie und legte ihm versöhnlich ihre Hand auf den Arm. „Das war nur ein Scherz! Wenn Du dieses Weizenkörnchen aus Kansas unbedingt heiraten willst, nur zu! Ich werde Dir nicht mehr im Weg stehen!“
Ben zog ungläubig die Stirn in Falten.
„Ist das Dein Ernst? Du findest Dich damit ab, dass ich Meg heirate?“
Sie zuckte nur die Schultern.
„Klar, es hätte schlimmer kommen können! Solange es die kleine Meg ist, die Du liebst, und nicht Deine verkommene Ex- Frau, soll es mir recht sein!“
„Na dann ist es ja gut.“ Ben lehnte sich wieder zurück. „Also Annie, das war doch noch nicht alles. Was hast Du nun wirklich auf dem Herzen?“
Meg und Rae waren unterwegs, um die letzten Besorgungen für die abendliche Party im DEEP zu erledigen. Die beiden lachten und waren bester Laune, als sie an jener kleinen Boutique vorbeikamen, in der Meg damals Maria zum ersten Mal begegnet war.
„Oh... warte mal, das ist aber hübsch!“ Rae blieb vor dem Schaufenster stehen, weil sie irgendetwas Interessantes entdeckt hatte. „Siehst Du das Blaue dort?“ rief sie begeistert. „Das muss ich mir unbedingt genauer ansehen. Kommst Du mit?“
In diesem Augenblick klingelte Megs Handy.
„Geh schon vor, ich bin gleich da.“ erwiderte sie und suchte in ihrer Tasche nach dem Telefon.
„Hallo?“
„Spreche ich mit Meg Cummings?“
„Ja, wer ist denn dort?“
„Hier spricht Roger Miles. Erinnern Sie sich an mich, Miss Cummings?“
Meg überlegte keinen Augenblick.
„Aber natürlich! Sie sind Mister Carters Anwalt!“ Ihr Gesicht verdunkelte sich, als sie daran dachte, wie krank der ältere Herr gewesen war. „Wie geht es ihm?“
„Es geht ihm den Umständen entsprechend gut, und jetzt, da er nicht mehr in Gefahr ist, möchte er Sie gerne wieder sehen und von Ihnen persönlich hören, wie es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist.“
„Er muss keine Angst mehr um sein Leben haben, Mister Miles?“
„Nun ja,“ der Anwalt räusperte sich, „zumindest nicht in Bezug auf diese Leute, die ihn bedrohten. Diese Sache ist ausgestanden.“
„Das sind ja hervorragende Nachrichten, Sir.“ rief Meg erleichtert. „Dann darf ich Mr. Carter vielleicht endlich persönlich anrufen?“
„Das wird nicht nötig sein. Er hat mich beauftragt, Sie nach Los Angeles einzuladen.“
„Er lädt mich ein?“
„Ja, wenn Sie nichts dagegen haben?“
„Aber nein, im Gegenteil! Ich würde mich wirklich sehr freuen, ihn wieder zu sehen und ihm endlich persönlich für sein großzügiges Geschenk zu danken, das Sie mir damals in seinem Namen überbracht haben.“
Sie konnte in Gedanken förmlich sehen, wie Roger Miles lächelte.
„Konnten Sie denn das Geld schon verwenden?“
Meg dachte an Ben und ihre Zukunft mit ihm und lächelte nun ebenfalls.
„Nein, ich bin noch unschlüssig, was das Medizinstudium betrifft. Ich bin momentan mit meinem Leben so zufrieden, wie noch nie, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich überhaupt noch studieren möchte.“
„Klingt so, als hätten Sie das große Los gezogen.“
„Oh ja, das könnte man so sagen, Mister Miles. Ich habe den Mann meines Lebens kennen gelernt und möchte ihn keine Sekunde mehr missen.“
„Das kann ich gut verstehen. Aber ich hoffe, Sie nehmen wenigstens Mister Carters Einladung an?“
„Natürlich, sehr gerne. Ich freue mich darauf, ihn wieder zu sehen!“
„Gut. Passt Ihnen morgen Nachmittag?“
„Ja... morgen passt mir gut. Geben Sie mir die Adresse?“
„Das ist nicht nötig. Mr. Carter schickt Ihnen den Helikopter. Sagen wir so gegen
16 Uhr auf dem zentralen Landeplatz von Sunset Beach .“
„Wow...“
Roger Miles lachte.
„Ich vermute, das war eine Zustimmung?“
Meg lachte.
„Ja... ja natürlich!“
„Ach, Miss Cummings...“
“Ja?”
“Bitte bringen Sie den geheimnisvollen Mann Ihres Herzens doch einfach mit. Ich bin sicher, Mister Carter würde sich freuen, ihn kennen zu lernen!“
Als das Gespräch beendet war, atmete Meg erst einmal tief durch.
George Carter... Über den ganzen ereignisreichen Wochen, die hinter ihr lagen, hatte sie ihn völlig vergessen. Ihn... das Studium... und die beträchtliche Geldsumme, die er ihr geschenkt hatte, und die immer noch unangetastet in einem Schließfach auf der Bank deponiert war. Sie hatte noch nicht einmal Ben davon erzählt, es war einfach nie die Gelegenheit gewesen.
Er würde nicht schlecht staunen, wenn er erfuhr, was der Zwischenfall im Flugzeug damals für angenehme Konsequenzen nach sich zog... Aber er würde den alten Mann mögen, genau wie sie, dessen war sie sich sicher...
Sie steckte ihr Handy zurück in die Tasche und wollte Rae in die Boutique folgen. Als sie sich spontan umdrehte, wäre sie beinahe mit einem unbekannten Mann zusammengestoßen.
„Entschuldigung...“ murmelte sie erschrocken und blickte einen Bruchteil von Sekunden in zwei braune Augen, die ihr irgendwie bekannt vorkamen. Aber nein, ihr Gefühl musste sie täuschen, diesen Mann hatte sie nie vorher gesehen. Sie lächelte flüchtig, bevor sie sich an dem Unbekannten vorbei schob und in dem kleinen Geschäft verschwand.
Derek blieb lächelnd stehen.
„Seine“ Meg... so schön und faszinierend wie damals, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte.
Und so unerreichbar.
Er hatte sie vorhin sofort gesehen, als sie mit dieser Ärztin die Mainstreet entlang bummelte. Seitdem beobachtete er sie. Als sie telefonierte, hatte er sich langsam der Stelle genähert, an der sie stehen geblieben war. Er tat so, als würde er interessiert die Schaufensterauslagen betrachten, doch ihm entging keine Bewegung von ihr. Zwar konnte er nur Bruchstücke dessen verstehen, was sie sagte, doch er hörte ihre Stimme und ihr Lachen und zu seiner eigenen Überraschung spürte er plötzlich ein unbändiges Gefühl der Erleichterung darüber, dass sie am Leben war.
Während er da stand und Meg beobachtete, begann noch etwas anderes, Altbekanntes von ihm Besitz zu ergreifen: der brennende Hass auf seinen Bruder, denn ihn liebte diese wunderbare Frau, und Derek schwor sich erneut, sie ihm wegzunehmen.
Aber diesmal für immer...
Annie rutschte leicht unbehaglich in ihrem Korbsessel hin und her und begann nervös an ihrer Unterlippe zu nagen.
„Tja also... eigentlich bin ich geschäftlich hier.“
„So?“ Ben konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Annie, die so gut wie gar nichts vom Geschäft verstand, mit ihm zu bereden hatte. „Willst du Dich bei mir über Gregory beschweren?“
„Nein, es geht nicht um Gregory. Es geht um... mich. Ich befinde mich... nun, sagen wir mal, in einer etwas prekären finanziellen Lage.“
Ben nickte.
„Was bei Deinem Lebensstil ehrlich gesagt kein Wunder ist. Immerhin hat Dein Vater Dir kein allzu großes Vermögen hinterlassen...“
Annie schnaufte verächtlich.
„Del hat mir überhaupt kein Vermögen hinterlassen. Weiß der Teufel, mit welchem Flittchen er sein Geld durchgebracht hat, falls er überhaupt noch welches besaß. Aber zumindest hat er zu Lebzeiten alle anfallenden Rechnungen bezahlt.“
„Tja, und die Firma wirft momentan durch die Investitionen ins Ferienprojekt auch keinen Gewinn ab.“ spann Ben den Faden weiter. „Und nun bist Du pleite, stimmt’s?“
„Ja.“ Annie atmete tief durch. „Genauso ist es. Und darum bin ich hier.“
„Okay“ Ben lächelte, „ich kann Dir gerne was leihen, aber Du solltest vielleicht versuchen, Dir eine Arbeit zu suchen, wenigstens so lange, bis das Ferienzentrum fertig gestellt ist und Gewinne abwirft.“
„Ich will mir kein Geld von dir leihen, Ben.“ erwiderte Annie. „Ich will Dir was verkaufen, falls Du interessiert bist.“
Ben hob erstaunt die Augenbrauen.
„Du willst... was?“ Er musste lachen. „Vielen Dank, Annie, aber ich brauche Deinen Schmuck nicht, und auch keinen Gebrauchtwagen...“
„Und wie wäre es mit meinen Anteilen an der LIBERTY CORPORATION?“