TEIL 64

 

Bens Haus

Ben glaubte sich verhört zu haben.

„Du willst Deine Anteile verkaufen?“ fragte er und zog ungläubig die Stirn in Falten. „Annie, das ist das Erbe Deines Vaters!“

 „Schönes Erbe... Wie soll ich von diesen blöden Anteilen leben, wenn ich nicht einmal mein Essen und meine Miete davon bezahlen kann! Von meiner Handyrechnung ganz zu schweigen!“ Mit einer wegwerfenden Handbewegung lehnte sie sich zurück und zog eine Schnute. „Nein, ich pfeife auf die Anteile an der Liberty. Du kannst sie haben.“

Ben musste an sein letztes Gespräch mit seinem langjährigen Geschäftspartner denken und schüttelte lachend den Kopf.

„So verlockend der Gedanke auch ist, Gregorys Gesicht zu sehen, wenn ich plötzlich die Stimmenmehrheit in der Firma hätte... nein Annie, ich kann Dir Deine Anteile nicht abkaufen!“

„Kannst Du nicht oder willst Du nicht?“

„Beides.“ Er stand auf und lehnte sich an die Brüstung der Veranda. „Gregory würde nie zulassen, dass ich alle Entscheidungen allein fälle. Also würde es pausenlos Krieg zwischen uns geben, und das ist so ziemlich das letzte, was ich gebrauchen kann. So wie es jetzt ist, so finde ich es gut. Drei gleichberechtigte Partner, die über jede wichtige Angelegenheit gemeinsam abstimmen. Außerdem habe ich erst kürzlich sehr viel Geld in ein anderes Projekt gesteckt, so dass ich mir momentan sowieso nicht leisten könnte, Dir einen angemessenen Preis für Deine Anteile zu zahlen.“ Er sah ihr betroffenes Gesicht und lächelte. „Allerdings kann ich Dir gerne etwas leihen, wenigstens so lange, bis die Firma wieder Gewinn abwirft.“

„Verdammt!“ Annie sprang auf, ballte die Fäuste und begann, auf der Veranda auf und ab zu laufen. „Damit Du es weißt, Dein werter Geschäftspartner denkt nicht mal halb so nobel wie Du, er hätte meine Stimmanteile sofort gekauft! Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken... Aber dieser Bastard bekommt sie nicht! Niemals!“ Sie blieb stehen und funkelte Ben wütend an. „Aber von Dir hätte ich mehr Verständnis erwartet! Du sagst immer, dass ich auf Dich zählen kann, wenn ich Probleme habe... und bei der ersten Gelegenheit, das zu beweisen, lässt Du mich hängen!“

„Annie, ich habe Dir doch eben angeboten...“

„Ach vergiss es!“ fauchte sie. „Du willst mir Geld leihen? Darauf kann ich verzichten, ich will keine Almosen, nicht einmal von Dir. Ich werde mir jemanden suchen, der mir wirklich hilft!“

Um sich einen schnellen und halbwegs damenhaften Abgang zu gewährleisten, stieg sie diesmal nicht über die Brüstung, sondern drehte sich auf dem Absatz herum und marschierte

hoch erhobenen Hauptes durch Bens Wohnzimmer nach draußen.

Kopfschüttelnd sah er ihr nach und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Annie mit ihrem Dickkopf und ihrem unbändigen Temperament... eine äußerst explosive Kombination!

Nun, er war sich sicher, noch einmal in Ruhe mit ihr über die Sache reden zu können. Spätestens, wenn man ihr Handy gesperrt und ihr den Strom abgestellt hatte...

 

Nachdem Ben die Veranda ebenfalls verlassen hatte, löste sich unauffällig eine Gestalt aus dem Schatten der Mauer neben dem Haus und verschwand blitzschnell zwischen den die Strandhäuser seitlich einrahmenden Büschen... Anscheinend hatte irgend Jemanden das Gespräch zwischen Annie und Ben eben sehr interessiert.

 

 

Das Haus der Familie Torres

„Du musst es ihm endlich sagen!“

Ungehalten sprang Madame Carmen auf und begann nervös im Zimmer auf und ab zu gehen. „Er hat ein Recht zu erfahren, dass er Vater wird! Oder willst Du am Ende das Kind allein großziehen? ...Maria!“ Sie blieb vor ihr stehen und packte sie an den Schultern, als wolle sie ihre Tochter wachrütteln, während sie ihr eindringlich in die Augen sah. „Du liebst ihn doch, und wenn er erfährt, dass Du ein Baby von ihm erwartest, dann wird er die andere Frau vergessen und zu Dir zurückkehren!“

„Nein das wird er nicht!“ Maria vermochte dem Blick ihrer Mutter nicht Stand zu halten und verdrehte genervt die Augen, während sie sich unwillig deren Griff entzog und ans Fenster trat. „Hör endlich auf damit!“ Sie starrte hinaus in den Sonnenuntergang und wünschte sich plötzlich ganz weit weg, irgendwohin, wo sie niemand finden konnte, und wo sie mit ihrem Schmerz allein war.

Hätte sie bloß nichts von dem Baby gesagt...

 

Zwei Tage war es inzwischen her, dass Carmen an jenem Abend zufällig bei den Felsen aufgetaucht war und sie mit ihrem Rufen aus den trüben Gedanken herausgeholt hatte.

Maria vermochte im Nachhinein nicht mehr genau zu sagen, was passiert wäre, wenn sie noch länger allein dort oben gestanden hätte. Sie wusste nur, dass sie niemanden sehen wollte, seitdem Annie ihr mit triumphierendem Lächeln verkündet hatte, dass Ben diese Meg Cummings heiraten würde... Deshalb hatte sie vermutlich, ohne sich dessen bewusst zu sein, diesen Platz aufgesucht, der einmal vor langer Zeit  Bens und ihr Lieblingsplatz gewesen war.

Wie im Trance hatte sie dagestanden und auf die tosende Brandung unter sich gestarrt, auf die Wellen, die an den scharfen Felsen aufschlugen und schäumend zerschellten. Noch nie zuvor hatte sie solch eine angsteinflössende Leere in sich gespürt, während sie dort oben stand und das Leben ihr plötzlich so sinnlos vorkam.

Sie fand sich an jenem Abend weinend in den Armen ihrer Mutter wieder, die sie vom Strand her gesehen hatte und schweratmend hinaufgeeilt kam, um das Schlimmste zu verhindern. Und in diesen schwachen Minuten der Verzweiflung hatte Maria ihrem Herzen Luft gemacht und sich ihren Schmerz von der Seele geredet. Nur das letzte, dunkelste Geheimnis behielt sie für sich: Es war nicht Bens Kind, dass sie in sich trug, sondern Dereks. Aber Derek war tot...

Sie war nur froh, dass ihre Mutter nicht die ganze Wahrheit kannte. Diese Wahrheit musste sie tief in ihrem Herzen verschließen, für immer! Niemand durfte sie jemals erfahren!

 

Die beiden Frauen sahen erschrocken auf, als sich draußen ein Schlüssel im Türschloss drehte.

Sekunden später betrat Ricardo das gemütliche Wohnzimmer und sah erstaunt von einer zur anderen.

„Was ist denn mit Euch los? Ist was passiert?“

„Nein“ beeilte Maria sich zu sagen. „Wir haben uns nur unterhalten.“

„Ah ja...“ Ricardo nickte. Er kannte diese Art Unterhaltung mit seiner Mutter, die meist in einen Streit ausuferte. Und er kannte diesen Blick von ihr, wenn jemand nicht der selben Meinung war wie sie. Wenn das der Fall war, suchte man möglichst schnell das Weite.

„Ist das Abendessen schon fertig?“ fragte er gespielt fröhlich. „Ich habe einen Riesenhunger!“

„Ich mach schnell etwas zurecht.“ erbot sich Maria, erleichtert, eine Ablenkung zu haben und eilte hinaus.

„Ich werde Dir helfen.“

Ricardo wollte schon hinterher, doch die gebieterische Stimme Madame Carmens hielt ihn zurück.

„Warte!“ Ihre Finger spielten nervös mit dem Amulett, das an einer zarten Goldkette um ihren Hals hing, und in dem sie die Bilder ihrer drei Kinder aufbewahrte. Ihre dunklen Augen, umrandet von vielen kleinen Fältchen, musterten ihn durchdringend. „Hast Du etwas von Antonio gehört?“

Ricardo schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nur, dass er gestern mit Gabi weggefahren ist. Vielleicht kommt er zur Vernunft, und die beiden versöhnen sich wieder.“ Obwohl er seinem Bruder das Beste wünschte, bereitete ihm dieser Gedanke erhebliches Unbehagen. Er hatte Gabi nicht wiedergesehen, seit er sie im Hotel besucht und ihr alles erzählt hatte, was damals zwischen Antonio und seiner Familie geschehen war. Vermutlich war sie ihm bewusst aus dem Weg gegangen und vergrub sich förmlich in ihrer Arbeit. Sie und Jude hatten in den letzten zwei Tagen von morgens bis abends an den Höhlen gearbeitet. Heute war noch ein weiterer Helfer dazugekommen, den sie aus LA angefordert hatten. Bald würde der Auftrag erledigt sein, und dann... Ricardo mochte nicht daran denken, dass Gabi bald von hier fortgehen würde. Aber was sollte sie noch in Sunset Beach, ohne Antonio... Er schluckte und legte den Arm um Madame Carmen. Erstaunt stellte er fest, dass seine Mutter zitterte.

„Er wird sich bestimmt bald melden, Mama.“ sagte er beruhigend. „Antonio ist erwachsen, er geht seinen eigenen Weg. Das tut er schon seit Jahren. Wir werden ihn diesmal nicht aufhalten.“

Madame Carmen nickte seufzend.

Ricardo hatte recht. Für Antonio konnte sie im Moment wirklich nichts tun. Aber sie würde stattdessen dafür sorgen, dass wenigstens ihre Tochter wieder glücklich wurde.

Jetzt gleich, sofort!

Sie straffte die Schultern und griff entschlossen nach ihrer Jacke, die im Flur hing.

„Esst allein zu Abend.“ sagte sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Ich habe noch etwas Dringendes zu erledigen!“

 

 

SUNSET INN

Auf Umwegen gelangte Derek zurück zum Hotel. Er betrat sein Zimmer und nahm als Erstes die lästige Perücke ab.  Aufatmend ließ er sich in den Sessel fallen und streckte die Beine aus.

Sunset Beach hatte ihn wieder!

Er war mehr als zufrieden mit seinem Ausflug. Niemand hatte ihn erkannt, selbst Elaine Stevens nicht. Er war Meg begegnet, hatte so dicht neben ihr gestanden, dass er sogar den zarten Duft ihres Parfüm wahrzunehmen geglaubt hatte. Und er hatte etwas Wichtiges erfahren, vorhin unter Bens Veranda... Annie wollte ihre Anteile loswerden, wenn das kein Zufall war! Und dann interessierte ihn natürlich brennend, was das für eine geheimnisvolle Investition sein könnte, von der sein Bruder gesprochen hatte. Irgend ein Projekt, das interessant genug wäre, um ihm zusätzlich damit zu schaden? Oder etwas Privates?

 

Das Klopfen an der Hotelzimmertür riss ihn aus seinen Gedanken.

„Derek, sind Sie da?“

Er stand auf und öffnete. Cynthia stand draußen, und mit einer einladenden Handbewegung bat er sie wortlos herein. Etwas zögernd ging sie an ihm vorbei ins Zimmer.

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht.“

Derek betrachtete sie einen Augenblick lang wohlgefällig. Sie sah phantastisch aus in ihrer champagnerfarbenen enganliegenden Shirtbluse und dem kurzen nachtblauen Kostümrock. Beides brachte ihre tadellose Figur hervorragend zur Geltung und weckte Ideen in Derek, die er sich eigentlich für später aufzuheben gedachte. Er trat ganz dicht an sie heran und sah ihr in die Augen.

„Ich liebe es, wenn eine so schöne Frau sich um mich sorgt!“ 

„Das ist nicht witzig!“

Cynthia schien wirklich verärgert und daher im Augenblick unempfänglich für seine Komplimente zu sein. „Sie wollten schon vor zwei Stunden zurück sein. Ich habe befürchtet, man hat Sie erkannt, oder verhaftet... meine Güte, Sie hätten mich wenigstens anrufen können, damit ich nicht unnötig...“

Er unterbrach ihren Redeschwall auf eine ihm eigene Weise, indem er ihre verführerischen Lippen überraschend mit einem Kuss verschloss. Diesmal war es nicht nur eine flüchtige Liebkosung... Er küsste sie intensiv und fordernd, mit einer Begierde, die ihr den Atem nahm. Sie fühlte, wie ihre Knie zu zittern begannen. Ihr ganzer Körper schien sofort auf diese Berührung zu reagieren, als sie sich instinktiv dicht an ihn presste, wie im Trance die Arme um seinen Hals legte und ihre Fingernägel genüsslich in seinem Haar vergrub, während sie seinen Kuss mit einer derartiger Leidenschaft erwiderte, die sie selbst überraschte. In diesem Augenblick hätte sie alles für ihn getan...

Seine nächste Reaktion kam genauso unerwartet wie die vorangegangene und wirkte wie ein eiskalter Guß auf das Feuer, das er soeben in Cynthia entfacht hatte. Er schob sie von sich und sah sie an.

„Das sollten wir unbedingt wiederholen!“ meinte er lächelnd. „Bald, Cynthia...“

Sie wankte leicht konnte nur benommen nicken.

Unbeirrt trat Derek zum Fenster, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.

„Ich muß nachher nochmal weg. Eine äußerst wichtige Sache.“

Cynthia stand noch immer da und rang vergeblich um ihre Fassung.

„Darf ich fragen, was Sie vorhaben?“ stammelte sie und bemühte sich, das Zittern in ihrer Stimme einigermaßen zu unterdrücken.

„Vorhin habe ich zufällig ein interessantes Gespräch zwischen Ben und seiner Nachbarin belauscht. Er scheint in der letzten Zeit eine größere Investition gemacht zu haben. Ich will wissen, welche. Heute Abend feiert der Bastard seine Verlobung mit Meg. Ich werde die Zeit nutzen und mich ein wenig in seinem Haus umsehen.“

Cynthia schluckte.

„Kann ich Ihnen dabei helfen?“

Derek drehte sich um und kam wieder auf sie zu. Er umfasste ihre Schultern und sah sie an. Der Blick aus seinen dunklen Augen ging ihr sofort wieder tief unter die Haut.

„Möchten Sie das denn?“

„Deshalb bin ich doch hier...“

Er nickte, ohne jedoch den Blick abzuwenden.

„Okay. Sie werden Annie Douglas kennenlernen. Sie ist besagte Nachbarin von Ben. Außerdem ist sie die dritte Teilhaberin der LIBERTY CORPORATION. Ich werde ein zufälliges Treffen arrangieren, und Sie freunden sich mit ihr an.“

Irritiert zog Cynthia die Augenbrauen zusammen.

„Anfreunden?“

Derek grinste.

„Nun gut, ich muß gestehen, mit Annie Douglas kann man sich eigentlich nicht anfreunden. Also sagen wir es so, Sie verwickeln die Dame in ein Gespräch, in dessen Verlauf Sie Ihre wahren Absichten durchblicken lassen.“

„Und welche Absichten sind das?“

Derek ließ Cynthia los und blickte kurz auf seine Armbanduhr.

„Darüber sprechen wir später. Ich werde jetzt duschen und mich dann auf den Weg zu Bens Haus machen.“

Cynthia wollte etwas erwidern, doch er war bereits an der Tür und hielt sie ihr auf.

„Bis morgen.“ Als sie zögernd an ihm vorbeiging, war ihr deutlich anzumerken, in welchem Zwiespalt der Gefühle sie sich momentan befand.

Ein wissendes Lächeln umspielte Dereks Mundwinkel.

„Cynthia? Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich weiß das sehr zu schätzen, und ... ich werde mich zu gegebener Zeit ganz sicher bei Ihnen revanchieren!“

 

 

LIBERTY CORPORATION

Gregory rauchte der Kopf.

Er saß in seinem Büro über seinen Unterlagen und rechnete zum hundertsten Mal ohne nennenswerten Erfolg. Er konnte es drehen, wie er wollte, er kam nicht aus den roten Zahlen, in die er sich und die Firma durch seine unlauteren Spekulationen hineinmanövriert hatte. Noch hatte Ben davon nichts mitbekommen, aber spätestens, wenn es daran ging, einige Firmen für ihre Arbeiten an der Ferienanlage auszubezahlen, würde es ihm auffallen... Verdammt! Gregory strich sich nervös über die in Falten gelegte Stirn.

Annies Anteile hätte er liebend gerne gehabt, dafür wäre er sogar bereit gewesen, sein privates Kapital einzusetzen. Aber dieses Früchtchen hatte ihn eiskalt abblitzen lassen, obwohl sie jetzt schon kaum noch einen Cent in der Tasche hatte und mit Sicherheit im nächsten Monat nicht mehr wusste, wovon sie ihre Miete bezahlen sollte. Aber nein, sie saß stolz auf ihren Firmenanteilen bis zum bitteren Ende... Ganz der Vater! Zur Hölle mit Dir und Deiner Brut, Del Douglas!

Und dann dieses Archäologenteam...  Durch die von ihm selbst veranlasste voreilige Sprengung der ersten Höhle und die darauf folgende unerwartete Freilegung eines Verbindungsganges, der bis in die Mainstreet reichte und das DEEP mit dem Strand verband, verzögerte sich nun alles noch viel mehr. Wer weiß, was noch alles geschehen wäre, wenn diese Leute wüssten, dass es einstmals noch eine vierte Höhle gab...

Er grinste böse.

Wenigstens das hatte er rechtzeitig zu verhindern gewusst! Aber das half ihm auch nicht aus seinen derzeitigen finanziellen Schwierigkeiten.

Wenn er doch nur das DEEP bekommen hätte! Dann wäre ihm über kurz oder lang ein hundertprozentiger Gewinn sicher gewesen, aber ausgerechnet seine eigene Tochter musste sich in die Sache einmischen und ihm buchstäblich in den Rücken fallen!

In Erinnerung an diesen rabenschwarzen Tag warf er gereizt den Stift auf den Schreibtisch und lehnte sich zurück.

Oh, er war so unsagbar wütend gewesen, als sie ihm mitteilte, dass sie ab sofort mit Cole die Bar führen werde. Alle seine Pläne hatte sie damit durchkreuzt, und nicht einmal Olivia konnte etwas dagegen tun, als er seiner Tochter kurzentschlossen die Tür wies. Natürlich tat ihm seine impulsive Entscheidung zwei Minuten später schon wieder leid, aber das würde er niemals zugeben. Er war sich jedoch ziemlich sicher, dass Caitlin ohnehin sehr bald die Nase voll haben würde von ihrem neuen Leben als Kellnerin, und wenn sie dann reuevoll vor seiner Tür stand, würde er ihr natürlich hoheitsvoll vergeben... und das DEEP zu seinen Konditionen übernehmen.

Aber das musste bald geschehen, ihm lief die Zeit davon.

Er starrte auf die Zeichnung, die vor ihm auf dem Tisch lag. Noch zwei Höhlen mussten gesprengt werden...

 

Das Summen der Wechselsprechanlage holte ihn aus seinen Gedanken.

„Was gibt es, Elisabeth?“

„Mister Cavanough ist hier und möchte Sie dringend sprechen.“

Gregory schnaufte. Der hatte ihm gerade noch gefehlt!

„Schicken Sie ihn herein, Elisabeth.“ sagte er so freundlich wie möglich und erhob sich kurz, als Jude den Raum betrat und ihm die Hand reichte.

„Gregory, entschuldigen Sie bitte die Störung...“

„Setzen Sie sich, Jude. Was führt Sie her? Gibt es Probleme?“

„Das kann man wohl sagen.“ Jude holte einen alten abgegriffenen Plan aus seiner Westentasche und breitete ihn auf dem Tisch aus. Es war der gleiche offizielle Plan, der auch auf Gregorys Schreibtisch lag.

„Wir haben den durch die Sprengung freigelegten Gang zum DEEP überprüft und festgestellt, dass die Höhlen möglicherweise tief im Felsen miteinander verbunden waren. Im Laufe der Jahre sind die Gänge vermutlich teilweise durch die verschiedensten Einflüsse verschüttet worden, aber trotz allem handelt es sich hier um Schwachstellen im Gestein, die bei einer weiteren Sprengung verheerende Auswirkungen haben könnten.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Nun, die Natur ist gewaltig und unberechenbar. Wir brauchen noch etwas Zeit, um alles genaustens zu überprüfen. Außerdem müsste ich während unserer Arbeiten die mittlere Höhle provisorisch abstützen, um zu verhindern, dass meine Mitarbeiter sich unnötig einer Gefahr aussetzen.“

Gregory horchte auf.

„Wollen Sie damit andeuten, das Ganze könnte jederzeit zusammenrutschen?“

„Das wäre durchaus möglich.“

 

Gregorys Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Es war ihm nicht anzusehen, was er wirklich dachte, als er schließlich aufblickte und Jude mit ernster Miene eindringlich ansah.

„Ich möchte, dass Sie alles tun, was nötig ist, um einer Gefahr vorzubeugen! Niemand soll unnötig sein Leben aufs Spiel setzen!“ Er erhob sich und bedeutete damit, dass das Gespräch für ihn abgeschlossen war. Lächelnd reichte er Jude die Hand. „Sparen Sie nicht an den nötigen Mitteln. Tun Sie, was getan werden muß, um die Sicherheit zu gewährleisten. Ich stehe voll hinter Ihnen. Und falls es Probleme gibt, so lassen Sie mich das wissen!“

Jude wirkte zwar etwas überrascht über dieses schnell Zugeständnis seines derzeitigen Auftraggebers, aber gleichzeitig war er erleichtert, dass ihm in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten zu drohen schienen.

„In Ordnung Sir.“ nickte er und verabschiedete sich.

Er war bereits an der Tür, als Gregory noch etwas einfiel.

„Wann glauben Sie, könnten Sie frühestens mit den Sicherheitsvorkehrungen beginnen?“ fragte er interessiert.

Jude überlegte kurz.

„Ich werde zuerst das nötige Material von unserer Firma in LA anfordern müssen.“ erwiderte er. „Aber ich denke, ab morgen Mittag kann es losgehen. Ich weiß ja, das jeder Tag für Sie zählt.“

Gregory nickte.

„So ist es, mein Freund, so ist es...“ murmelte er und grinste breit, als sich die Tür hinter Jude geschlossen hatte. Der junge Mann hatte ihm soeben, ohne es zu ahnen, einen Riesengefallen erwiesen.

Wie hatte er vorhin so schön gesagt? Die Natur sei gewaltig und unberechenbar?

Nun, wenn man es geschickt anstellen würde, könnte genau das die Lösung all der Probleme sein, die Gregory momentan das Leben schwer machten...

Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer, die nur er kannte.