TEIL 66
„Lass uns tanzen...“
Liebevoll nahm Ben Megs Hand und führte sie zur Tanzfläche, als aus den Lautsprechern der Musikanlage der Song „Stay with me“ erklang.
Meg legte ihren Kopf an Bens Schulter und schloss die Augen, während er sie zu der einfühlsamen Melodie in den Armen hielt, und seine Hände zärtlich über ihren Rücken strichen.
Auch Rae und Casey tanzten zu diesem Song. Eng aneinander geschmiegt bewegten sie sich zum Klang der Musik.
Sie bemerkten nicht einmal, wie der DJ die Beleuchtung herunterdrehte und die anderen Gäste die Tanzfläche verließen.
Erst als der letzte Ton verklungen war, hob Rae den Kopf und sah erstaunt, dass alle Anwesenden am Rand der Tanzfläche Aufstellung genommen hatten und ihre Gläser in den Händen hielten.
„Was ist denn jetzt los?“ flüsterte sie erschrocken. Auch Casey, Ben und Meg sahen sich verwundert um.
Cole kam mit einem Tablett voller gefüllter Champagnergläser auf die beiden Paare zu.
„Wir möchten gemeinsam mit Euch anstoßen, auf diesen bedeutungsvollen Abend!“ sagte er feierlich. „Auf Eure Verlobung, und auf Eure gemeinsame Zukunft. Möge sich alles so entwickeln, wie Ihr es Euch wünscht! Ben...“ Er hob sein Glas in seine Richtung, „Auf Dich und die bezaubernde Meg, die Du den Junggesellen dieser Stadt einfach vor der Nase weggeschnappt hast...“ Während alle ringsum lachten, wandte er sich an Casey: „Und auf Dich, Pilot Mitchum, mögest Du mit Deiner Rae noch unzählige Höhenflüge erleben! Und falls es doch einmal zu einer Bruchlandung kommen sollte, kann sie Dich ja verarzten!“
Wieder brandete Gelächter auf und gemeinsam mit Cole, Caitlin und den beiden frisch verlobten Paaren hoben alle ihr Glas.
„Auf Euch! Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung!“
„Sekunde mal... ohne uns läuft hier überhaupt nichts!“ erklang plötzlich eine atemlose Stimme durch die darauf folgende sekundenlange Stille.
Alle drehten erstaunt die Köpfe.
Sara Cummings stand auf der Treppe vom Eingang, unmittelbar gefolgt von Mark, und grinste schelmisch in die Runde. „Hey Meg, was soll denn das, Du hast doch früher keine Party gegeben, ohne dass Deine kleine Schwester dabei war!“
Meg brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass es sich hier nicht um eine Sinnestäuschung handelte.
„Sara?“ fragte sie vorsichtig und kniff ungläubig die Augen zusammen. Als sie diese wieder öffnete und ihre Schwester langsam auf sich zukommen sah, breitete sie lachend die Arme aus. „Sara! Ich glaube es nicht..., wie kommst Du denn hier her?“
Sara warf sich übermütig in Megs Arme.
„Ich freue mich so sehr, Dich zu sehen! Ist mir die Überraschung gelungen?“
„Voll und ganz...“ Meg löste sich aus Saras Umarmung und betrachtete einen Moment lang das strahlende Gesicht ihrer jüngeren Schwester. „Meine Güte... wann bist Du denn angekommen?“
„Vor einer halben Stunde!“ sprudelte Sara los. „Ich habe mir vom Flughafen ein Taxi genommen. Zum Glück kam Mark gerade nach Hause, sonst hätte ich ja nicht einmal meine Koffer abstellen können...“
„Koffer?“ fragte Meg erstaunt. „Bleibst Du länger hier?“
Sara nickte heftig.
„Ja, ich bleibe länger.“ Sie schluckte und sah Meg mit feierlicher Miene an. „Ich habe beschlossen, für die nächste Zeit in Sunset Beach zu leben!“
„Das gibt’s doch nicht...“ Fassungslos blickte Meg abwechselnd von Sara zu Ben, der die Szene schmunzelnd beobachtete. „Und... was ist mit Deinem Studium? Und was sagen Mom und Dad dazu? Sara... Du bist doch nicht etwa abgehauen?“ Als sie keine Antwort erhielt, griff sie sich aufstöhnend an die Stirn. „Mein Gott, das glaube ich nicht! Was um alles in der Welt hast Du Dir denn dabei gedacht?“
Ben sah, wie Saras Mundwinkel nervös zu zucken begannen und legte Meg beruhigend seine Hand auf den Arm.
„Immer der Reihe nach. Jetzt hol doch Deiner Schwester erst mal eine Erfrischung, sie ist ja noch ganz durcheinander!“
Hastig nickte Meg.
„Ja... vielleicht hast Du recht...“ Ihre Augen suchten Saras Blick. „Ich bin sofort zurück. Und dann reden wir erst einmal!“ meinte sie mit leicht drohendem Unterton in der Stimme und lief hinüber zur Bar, während sich Ben an Sara wandte.
„Hallo“ sagte er freundlich, „schön, dass Du bei unserer kleinen Feier dabei sein kannst! Komm, setz Dich erst einmal zu uns, dann können wir uns in Ruhe über alles unterhalten.“
Mit dankbarem Blick folgte Sara ihm an den Tisch.
„Was ist los?“ fragte Caitlin erstaunt, als Meg zu ihr an die Bar kam. „Freust du Dich denn nicht, dass Deine Schwester hier ist?“
„Doch, natürlich.“ Erwiderte Meg. „Nur die Umstände sind nicht ganz die, die ich mir gewünscht hätte. Da gibt es sicher einigen Ärger in der Familie!“
Caitlin verdrehte die Augen.
„Wem sagst Du das! Damit kenne ich mich seit kurzem bestens aus!“
„Redet Dein Vater immer noch nicht mit Dir?“ fragte Meg voller Anteilnahme.
Caitlin schüttelte den Kopf.
„Seit er mich rausgeworfen hat, haben wir uns nicht mehr gesehen. Mit meiner Mutter habe ich mich zwar heimlich bei Elaine getroffen, aber sie kann auch nichts tun.“
„Vielleicht solltest Du zu ihm gehen und versuchen vernünftig mit ihm zu reden.“ schlug Meg vor, doch Caitlin schien ihr gar nicht mehr zuzuhören, denn. ihre Augen waren plötzlich starr auf den Eingang gerichtet. Neugierig folgte Meg ihrem Blick und sah Gregory Richards, der sich zielsicher einen Weg durch die Menge bahnte...
„Na also, wer sagt`s denn“ meinte Meg und zwinkerte Caitlin vergnügt zu. „Anscheinend möchte Dein Vater auch mit Dir reden und sich wieder versöhnen!“
Caitlin antwortete nicht, sondern blickte Gregory erwartungsvoll entgegen.
Der jedoch würdigte seine Tochter keines Blickes, sondern ging grußlos an der Theke vorbei, schnurstracks hinüber zu dem Tisch, an dem Ben, Casey und ihre Freunde saßen. Dort reichte er allen die Hand und gratulierte seinem Geschäftspartner mit feierlichen Worten zu dessen Verlobung. Anscheinend vermisste er Meg in der Runde, denn Ben wies auf die Theke und winkte sie zu sich heran.
Caitlins Gesicht wirkte wie versteinert.
„Tut mir leid, Cait...“ murmelte Meg betreten. „Ich habe ja schon mitbekommen, dass Dein Vater schwierig sein kann, aber das eben...“ Sie schüttelte sprachlos den Kopf.
„Was soll`s“ Caitlin versuchte verzweifelt, eine möglichst gleichgültige Miene aufzusetzen. „Er hat eben seine Prinzipien, und die wird er wegen mir nicht ändern.“
Meg nickte nur und legte ihre Hand auf Caitlins Arm.
„Du hast das Richtige getan, glaub mir. Alle bewundern Deinen Mut und Deine Entschlossenheit. Vor allem Cole. Er wird Dir das nie vergessen, und er wird Dich ganz sicher niemals im Stich lassen.“
Caitlin nickte und lächelte krampfhaft.
„Du solltest zu den anderen hinüber gehen, Meg. Ben guckt schon nach Dir. Bestimmt will mein Vater Dir zu Deiner Verlobung gratulieren.“
Als Meg an ihren Tisch zurückkam, sprang Gregory auf und ergriff ihre Hände.
„Meine liebe Meg“ begann er überschwänglich, „es freut mich außerordentlich, dass Sie und Ben sich gefunden haben. Ich glaube, es gibt kein schöneres Paar in Sunset Beach als Euch beide.“ Er räusperte sich und grinste. „Na ja, außer Olivia und mir vielleicht, und eventuell auch noch Casey und Dr. Chang...“
Alle lachten und Ben zwinkerte Meg vielsagend zu. Sie beantwortete seinen Blick mit einem Lächeln. Nein, er brauchte wirklich nicht zu befürchten, dass sie Gregory wegen Caitlin eine Szene machen würde, nicht an diesem Abend. Dazu war sie heute viel zu glücklich... Und sie würde auch ihre Schwester nicht spüren lassen, dass sie mit deren Verhalten nicht ganz einverstanden war. Das hatte alles später noch Zeit. Der heutige Abend gehörte ihr und Ben... so wie von nun an jeder neue Tag ihnen beiden gehören würde!
„Bitte nehmen Sie doch wieder Platz, Gregory“ meinte sie mit honigsüßer Stimme, „Und feiern Sie ein wenig mit uns!“
Er sah kurz auf die Uhr und nickte dann lächelnd.
„Nun ja, ich habe zwar nachher noch einen wichtigen Termin wahrzunehmen, aber ein halbes Stündchen werde ich sicher erübrigen können!“
Cole kam mit dem Tablett an den Tisch und servierte ihnen frische Getränke.
„Was darf ich Ihnen bringen, Mister Richards?“ fragte er höflich.
Gregory blickte ihn an und sein Lächeln gefror zu einer eisigen Grimasse.
„Gregory nimmt ebenfalls ein Glas Champagner!“ rief Ben schnell, bevor sein Geschäftspartner etwas erwidern konnte. Cole nickte und ging zurück zur Bar.
„Hat mein Vater Dich beleidigt, Cole?“ fragte Caitlin, die alles genau beobachtet hatte, unsicher.
„Nein“ schmunzelte er, „mach Dir keine Sorgen. Gregory Richards kann mich gar nicht beleidigen. Er hat es nicht einmal versucht. Er hat nur eben sein Gesicht zur Faust geballt, das war alles.“
„Er versteht es meisterhaft, jemandem mit Worten wehzutun. Bei mir wirkt das nicht, deswegen versucht er, mich zu ignorieren. Er weiß genau, womit er mich am meisten treffen kann, damit es richtig schmerzt!“
Weil ihr die Tränen in die Augen traten, wandte sie sich rasch ab und verschwand im Lagerraum hinter der Theke.
Momentan warteten keine Gäste auf ihre Bestellung, deshalb stellte Cole sein Tablett ab und folgte Caitlin. Sanft ergriff er ihre Schultern und drehte sie zu sich herum.
„Du bist so unglücklich, und ich bin schuld daran...“
„Nein“ Caitlin schluckte die aufsteigenden Tränen tapfer hinunter. „Irgendwann wäre es sowieso passiert, dass ich mich gegen ihn aufgelehnt hätte. Du brauchst Dir wirklich nichts vorzuwerfen.“
Cole legte seine Finger unter ihr Kinn und zwang sie mit sanftem Druck, ihn anzusehen.
„Ich finde Dich großartig, Caitlin.“
Sie war ihm noch nie so nah gewesen. Kleine Lichtpünktchen spiegelten sich in seinen Augen und signalisierten ihr mehr, als er in diesem Moment zu sagen vermochte.
Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt für tiefe Gefühle. Caitlin war viel zu aufgewühlt und verletzt durch Gregorys Verhalten, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
Verunsichert trat sie einen Schritt zurück.
„Entschuldige, Cole... ich werde in den Keller hinunter gehen und noch etwas von dem Rotwein holen. Der ist fast alle...“
Sie drehte sich um und hastete die Kellertreppe hinunter.
Cole lächelte. Er wusste, wie durcheinander Caitlin durch das Geschehen der letzten Tage war.
Er würde ihr Zeit lassen, sich zu finden und ihren Gefühlen zu vertrauen. Genug Zeit für sie beide...
Die drei Männer nutzten die hereinbrechende Dunkelheit und bewegten sich im Schutz der Felswände zielsicher vorwärts. Jeder von ihnen wusste genau, was er zu tun hatte, und als sie ihr Ziel erreicht hatten, arbeiteten sie schnell und präzise. Keiner von ihnen sprach ein Wort, trotzdem ging alles Hand in Hand.
Das, was sie vorhatten, war gefährlich, jeder von ihnen war sich dessen bewusst. Gefährlich und ... strafbar! Aber in ihren Taschen knisterten ein paar Scheinchen, ein nicht unbedeutender Vorschuss ihres Auftraggebers. Sie würden die Sache heute Nacht zu seiner Zufriedenheit erledigen, um sich auch den Rest des versprochenen Geldes zu sichern.
Und danach nichts wie weg von hier, an irgend einen schönen ruhigen Ort, wo man für eine Weile herrlich Urlaub machen konnte.
Im Lichtkegel der Taschenlampen mussten nur noch die richtigen Stellen gefunden werden, wo das mitgebrachte Material am effektivsten angebracht werden konnte, damit es auch die volle Wirkung zeigen würde. Noch rasch die vereinbarte Zeit einstellen, ein paar Drähte ziehen und sich schleunigst in Sicherheit bringen...
Oh ja... es war fast geschafft!
Gabi saß allein auf einer der Bänke am Pier. Unendlich traurig blickte sie aufs Meer hinaus. Seitdem sie und Antonio heute Nachmittag aus Santo Domingo in der Dominikanischen Republik zurückgekehrt waren, fühlte sie sich nur noch leer und ausgebrannt. Sie hatten diese paradiesische Insel besucht, wo unzählige verliebte Paare ihren Traumurlaub verbrachten.
Für Gabi war es ein Alptraum gewesen, und sie würde an das wunderschöne Santo Domingo ein Leben lang mit einem bitteren Beigeschmack zurückdenken, denn heute morgen war die Ehe von Mister und Misses Antonio Torres in einem Schnellverfahren, das nur dort an diesem Ort möglich war, geschieden worden. Antonio war frei... frei für seine wirkliche Leidenschaft, die hier in seinem Heimatort vor kurzem erneut entflammt war und gegen die ihre Liebe keine Chance gehabt hatte – die Kirche.
Antonio war mit ihr ins Hotel zurückgefahren und hatte sich dort von ihr verabschiedet. Er wollte, nachdem er seine Sachen von zu Hause abgeholt hatte, unverzüglich nach Mexiko weiterreisen. Wahrscheinlich saß er jetzt schon im Bus nach San Diego...
Gabi schloss die Augen und fühlte den warmen Wind auf ihrem Gesicht. Der würzige Duft des Meeres stieg ihr in die Nase.
„Jetzt bin ich allein...“ dachte sie und konnte diese schmerzliche Erkenntnis fast körperlich fühlen.
Die Sonne war längst untergegangen.
Gabi stand auf.
Es widerstrebte ihr, in das leere Hotelzimmer zurückzukehren, also beschloss sie trotz der hereinbrechenden Dunkelheit, noch ein Stück am Strand entlangzulaufen. Hier würde sie bestimmt niemanden mehr treffen, der ihr dumme Fragen stellte.
Nur ein paar Tage, dann war die Arbeit an den Strandhöhlen beendet. Sie würde mit Jude und den anderen nach L.A. zurückkehren, und sie würde versuchen, alles Geschehene hinter sich zu lassen.
Gabi lächelte traurig, während sie an den Felsen entlang ging und die Absperrung zu den Höhlen passierte.
„Ich werde Sunset Beach niemals vergessen“ dachte sie wehmütig, „Antonio nicht, und auch nicht die beiden Menschen, die eigentlich daran schuld sind, dass alles so gekommen ist: Madame Carmen und Ricardo...“
Sie stutzte, als sie an Ricardo dachte, denn für einen Moment sah sie sein Gesicht so überdeutlich vor sich, dass es sie fast erschreckte. Nein, sie empfand merkwürdigerweise keinerlei Hass auf ihn, nachdem er ihr alles erzählt hatte, was damals geschehen war. Immerhin hatte er es wirklich fertiggebracht, nach Mexiko zu fahren, in jenen kleinen Ort, wo Antonios Zukunft im Dienste der Kirche damals auf Grund der Familienintrige ein so jähes Ende gefunden hatte. Er hatte mit dem Dekan gesprochen und es geschafft, seinen Bruder vollständig zu rehabilitieren, so dass Antonio nun alle Wege zu seiner ersehnten Priesterlaufbahn offenstanden.
Gabi strich ihr langes dunkles Haar zurück und setzte sich für einen Moment auf die Steine neben dem Eingang der mittleren Felsenhöhle, die seit der Sprengung der Nachbarhöhle den Strand mit dem DEEP verband und noch immer vom Einsturz bedroht war. Morgen würden sie hier weiterarbeiten und den Gefahrenbereich abstützen, so gut es ging. Danach sollte entschieden werden, ob der Durchgang zur Bar bestehen bleiben sollte und vielleicht sogar als Attraktion für die Touristen ausgebaut werden konnte.
Trotz allen Kummers freute sich Gabi auf diese Arbeit. Außerdem würde es ihr helfen, auf andere Gedanken zu kommen.
Sie schreckte hoch, als irgend welche Geräusche an ihr Ohr drangen.
Was war das?
Ihr schien, als hätte sie von irgendwoher leise Stimmen gehört, aber sie war sich nicht sicher. Vielleicht war es wirklich nur das Säuseln des Windes gewesen, der sich in den Felsspalten fing. Dann sprang irgendwo ein Wagens an und fuhr weg.
Gabi atmete tief durch. Zeit zurück zu gehen, bevor es ganz dunkel wurde...
Sie sehnte sich mit einem Mal danach, unter Menschen zu sein. Vielleicht bekam sie ja irgendwo noch ein gutes Glas Wein, dass ihre wunden Nerven einigermaßen beruhigte.
Als sie am Eingang der Höhle vorbeiging, kam ihr plötzlich eine spontane Idee...
Das DEEP lag am anderen Ende dieses Höhlenganges. Sie kannte die Höhle, und gleich hinter dem Eingang hatten Jude und sie Taschenlampen für den Notfall deponiert. Was also sprach dagegen, den Weg abzukürzen, um schneller an das verlockende Glas Wein zu gelangen?
Sie musste lächeln, als sie sich die verdutzten Gesichter der Besitzer vorstellte, wenn sie mit einem Male aus dem Kellergang auftauchen würde! Nun, schließlich arbeitete sie hier und konnte diese Aktion damit erklären, noch einen Kontrollgang gemacht zu haben.
Also los!
Kurzentschlossen setzte Gabi ihren Plan in die Tat um...
Nach der Begegnung mit Madame Carmen war Derek in seinen Wagen gestiegen und eine Weile ziellos herumgefahren. Es geschah selten, dass ihn etwas aus der Fassung brachte, aber die Mitteilung, dass Maria ein Kind von Ben erwartete, hatte eingeschlagen wie eine Bombe.
Dieses kleine hinterhältige Miststück hatte es also wirklich geschafft, ihn wieder in ihr Bett zu locken!
Derek grinste. Wer hätte das gedacht! Anscheinend kannte er seinen Bruder doch nicht so gut, wie er immer glaubte!
Und was war mit Meg? Seine arme kleine Meg... meine Güte, hier taten sich Perspektiven auf, von denen er nicht zu träumen gewagt hätte...
Derek hielt den Wagen an und sah sich um.
Wo war er hier eigentlich? Irgendwo auf dem Freeway?
Egal, er brauchte etwas Zeit zum Nachdenken.
Er stieg aus, lief ein Stück am Straßenrand entlang, um dann in einen einsamen Seitenweg abzubiegen. Hier würde sich um diese Zeit kein Mensch her verirren.
Er war ungestört...
Jude lächelte. Annie war auf dem Beifahrersitz seines Sportwagens erschöpft eingeschlafen.
Sie hatte ihn heute Nachmittag nach L.A. begleitet, wo es in seiner Firma noch einiges zu klären gab. Während er dort beschäftigt war, hatte sie einen ausgiebigen Einkaufsbummel gemacht. Jude konnte nur staunen, als er anschließend all die Päckchen und Pakete ins Auto lud. Für eine Frau, die angeblich kaum noch einen Cent besaß, hatte sie ganz ordentlich zugeschlagen.
„Kleinigkeiten...“ meinte sie auf seine diesbezügliche Frage nur herablassend. „Nichts, was die Welt aus den Angeln hebt!“
In einem kleinen Vorort von L.A. hatten sie dann beide gemütlich zu Abend gegessen, aber Jude wurde das Gefühl nicht los, dass Annie absichtlich bummelte, um nicht so bald nach Sunset Beach zurückkehren zu müssen, wo ja heute Bens Verlobungsparty stattfand.
Sie sprachen nicht darüber, aber er spürte genau, dass es ihr nicht gleichgültig war, dass Ben nun in Zukunft für sie unerreichbar sein würde...
Er konnte nur hoffen, dass sie mit der Zeit einsehen würde, dass sie sowieso nie eine Chance bei Ben Evans gehabt hätte und sich endlich auf andere Dinge konzentrierte. Auf ihn zum Beispiel...
Derek war ein Stück gelaufen, um in Ruhe nachdenken zu können.
Sollte Ben wirklich wieder ein Verhältnis mit Maria angefangen haben?
Er erinnerte sich plötzlich an seine erste Begegnung mit Meg unten am Strand. Sie hielt ihn damals für Ben und fragte ihn nach Maria...
„Ben, wir müssen reden!“
„Müssen wir? Ich hätte da einen ganz anderen Vorschlag!“
„Ben!“
Er hob ergeben die Hände und trat einen Schritt zurück.
„Okay, schon gut. Also, worüber willst Du mit mir reden?“
„Über Dich und Maria!“
„Maria?“ Erstaunt hob er die Augenbrauen. Meg sah ihn prüfend an.
„Warst Du bei ihr? Habt Ihr die letzte Nacht zusammen verbracht?“
Derek starrte sie einen Moment lang erstaunt an. Dann lachte er.
„Nein, natürlich nicht! Wer zum Teufel hat Dir denn solchen Blödsinn erzählt?“
„Maria selbst... und Annie Douglas!“
Er schien einen Moment zu überlegen.
„So?“ meinte er dann und wich ihrem Blick für einen Moment aus. „Und was genau haben diese beiden Damen behauptet?“
„Interessant...“ meinte Derek nur und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Nun, das solltest Du wirklich nicht so ernst nehmen. Ich vermute, Maria will Dich damit nur eifersüchtig machen und sich wichtig tun, und was Annie Douglas betrifft, das Luder lügt doch sowieso wie gedruckt!“
„Schon möglich...“ überlegte Meg. „Aber aus welchem Grund sollte Maria mich eifersüchtig machen wollen? Sie weiß doch noch gar nichts von uns! Und warum sollte Annie behaupten, sie hätte heute morgen Dein Auto unten am Ocean Drive stehen sehen? Maria hat dort eine Wohnung, nicht ich!“
„Schön für sie. Davon wusste ich bisher noch gar nichts. Aber wie dem auch sei, für meinen Wagen gibt es eine einfache Erklärung: Er ist mir gestern Abend, als ich von einem Geschäftstermin nach Hause fuhr, am Ocean Drive kaputtgegangen. Der Motor streikte und ich konnte keinen Meter mehr fahren. Deshalb hab ich ihn stehengelassen und bin nach Hause gelaufen.“ Er sah ihr skeptisches Gesicht und nahm ihre Hände. „Was soll denn das, vertraust Du mir denn gar nicht?“
„Doch, natürlich... es ist nur...“ sie blickte nervös zu Boden. Derek trat dicht an sie heran, hob mit einem Finger sacht ihr Kinn und zwang sie auf diese Art, ihn anzusehen.
„Glaub mir, ich will weder Maria noch sonst irgendwen! Ich will nur Dich...“
Oh ja, er hatte sich damals sofort in die kleine Meg verliebt.
Und er erinnerte sich auch an Marias Reaktion, als er sie nach diesem Gespräch mit Meg aufgesucht und auf ihre vermeintliche Nacht mit Ben angesprochen hatte. Natürlich stritt sie sofort alles ab, aber ihr erschrockener Blick hatte ihn doch stutzig gemacht.
„Jetzt habe ich Dich, Bruderherz!“ frohlockte Derek in Gedanken. „Deine glücklichen Tage mit Meg sind gezählt!“
Es passte alles zusammen... und doch, irgend ein Gefühl sagte ihm, dass an der Sache etwas faul war. Immerhin... er selbst war ja auch mit Maria zusammengewesen, vor nicht allzu langer Zeit! Sollte sie vielleicht...
Aber nein! Nein, auf keinen Fall! Diesen Gedanken verwarf er sofort wieder.
Jetzt war nur eins wichtig, seine Rache an Ben auszukosten und Meg zurückzubekommen!
Er wollte sie haben, einerseits, weil sie seinem Bruder gehörte, aber da war inzwischen noch mehr... Egal, jetzt würde er dafür sorgen, dass sie Ben ein für alle Mal aus ihrem Leben strich.
Entschlossen ging er den Weg zurück.
Annie schlief noch immer auf dem Beifahrersitz neben Jude, erschöpft von den „unendlichen Strapazen“ ihres ausgedehnten Shopping- Nachmittags.
Jetzt, kurz vor Sunset Beach, schreckte sie plötzlich hoch, genau in dem Moment, wo der Lichtkegel der Scheinwerfer einen Wagen erfassten, der am Straßenrand geparkt war.
„Verdammt“ knurrte Jude wütend, „wieso steht der hier so unbeleuchtet herum!“
Annie blinzelte und rieb sich die Augen.
„Jude... hast Du den Mann gesehen, der neben dem Wagen stand?“
„Nur kurz“ erwiderte er, setzte den Blinker und bog auf die Strasse nach Sunset Beach ab.
„Der sah aus wie... Ben!“
„Annie!“ Jude verdrehte genervt die Augen. „Würdest Du bitte damit aufhören, überall Ben Evans zu sehen? Vorhin im Lokal hast Du mich schon gemeint, er säße dort an der Bar! Dein Jugendschwarm feiert in diesen Minuten seine Verlobung, und da wird er sicher nicht gleichzeitig auf dem Freeway herumfahren!“
„Er sah aber so aus!“ beharrte sie trotzig.
Jude stöhnte.
„Na gut, vielleicht wollte er mit Meg hier oben ein wenig allein sein, und die beiden sind ihren Gästen entflohen...“
„Halt die Klappe Jude“ knurrte Annie unfreundlich, „achte lieber auf die Strasse!“
Als Derek eben wieder in sein Auto steigen wollte, brauste ein kleiner dunkler Sportwagen an ihm vorbei, dessen Lichtkegel ihn für Sekunden erfasste.
Blitzschnell wandte er sich ab.
Beunruhigt blickte er dem Wagen hinterher, der kurz darauf hinter der nächsten Biegung verschwand.
Verdammt, wie leichtsinnig von ihm, ohne seine Verkleidung hier herumzuspazieren! Hoffentlich hatte ihn niemand erkannt...
Er fuhr los und hatte den kleinen Sportwagen im nächsten Augenblick schon wieder vergessen, denn in seinem Kopf entwickelte sich bereits ein teuflischer Plan, wie er das, was er heute durch einen Zufall erfahren hatte, am besten für seine Zwecke nutzen konnte.